Talgat Dairov
Erzählung: „Machambat Burannyj“ – „Eine heilende Fortsezung„
Veröffentlicht in: Daktil.kz; Febr. 2020; Nr. 5
Übersetzung: Polina Stoppel-Beise
In dieser Gegend fuhren die Züge wie gehabt von West nach Ost und von Ost nach West.
Tschingis Aitmatov: „Und Länger als die Ewigkeit dauert ein Tag!“
Viele Jahre sind vergangen seit der alte Edike gestorben ist, der einst den Namen Burannyj erhalten hatte, aber auf seinem Bahnsteig (Zwischenhaltepunkt) hatte sich nichts verändert. Züge schwirrten vorbei, Menschen wechselten sich ab, im Winter bedeckte feiner Staub gleichmäßig mit einer matten Schicht die Gleise. Kamele standen (ebenfalls) hoheitsvoll über dieser trostlosen (oder über dieser ungemütlichen) Welt und Weltraumschiffe durchstachen (durchfuhren) weiterhin den klaren Nachthimmel. Genau hier geschahen all die ungewöhnlichen Ereignisse, über die ich euch erzählen möchte. Zu seiner Zeit klopfte es an einer kalten Dezembernacht, kurz vor Neujahr, an der Tür Machambet Abbassovs, eines alten Gleiswächters. Und während er sich zum Türaufmachen aufrappelt, werde ich euch den Hintergrund der Geschichte vorstellen. Der ehemaliger „Herrscher“ (Usurpator) des Gleishaltepunktes „Boranly – Burannyj“, der raue Edikge, verließ uns in den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts, nachdem er zuvor vor 5 Jahren seine Frau verloren hatte. Er wurde genau dort begraben, wo zuvor der Patriarch Kazangapa beerdigt wurde, auf dem vertrauten Friedhof „Ana.Beit“. Weder Freunde, noch Verwandte Burannyjs konnten aufgefunden werden, und der traurigen Tradition folgend beerdigte ihn sein Nachfolger, Machambet Abbasov. Auf seinen letzten Weg begleiteten Edige drei Menschen: ein Traktorist, ein Mulla und sein Nachfolger (der neue Bahnwächter/Gleichwächter).
Einst lebte Machambet in einer grünen und gemütlichen Stadt, Alma Ata, hatte ein warmes Haus am Fluss Wesnovskaja, eine gute Arbeitsstelle und eine Familie. Und Alles in Allem war gut, so wie es war. Aber all dies nahm plötzlich sein Ende. Zuerst verlor er seine geliebte Frau bei einem Autounfall. Dann, In Afghanistan, starb heldenhaft sein einziger Sohn und seine Verlobte verschwand gleich am nächsten Tag zusammen mit der neugeborenen Enkelin, ohne auch nur die Rückkehr des gezinkten Sargs abzuwarten. Und Machambet blieb völlig vereinsamt zurück. Dieses Leid, auch wenn es ihn nicht umgebracht hatte, hatte ihn dennoch sehr verändert. Er behielt zwar seine Form und seine Sinnesklarheit, aber verschloss sich hinter einer rauen (harten) Fassade, verbannte die Vergangenheit (aus seinem Bewusstsein) und verlor völlig den Glauben an die Gerechtigkeit Gottes. Und weil er nicht mehr im Stande war, all das zu ertragen, was ihn umgab und an die Vergangenheit erinnerte, verkaufte er seine Wohnung und verließ für immer diese winterliche, grau-matschige Stadt. Mehrere unendlich sehnsuchtsvolle Jahre dauerte seine Reise an. Am Fluss Aktuba hatte er durch wilden Fischfang sein Geld verdient. In Karaganda verlud er Schwarzkohle. Trank Wodka in Achinsk. In Ufa musste er sich wegen Disenterie im Krankenhaus behandeln lassen. Manchmal (nächtigte) übernachtete er in Moskau oder in Uralsk, um am nächsten Tag wieder in irgendeine Richtung zu verreisen. Während er fast ganz Eurasien durchkreuzte, wiederholte er fast schon die Route Tschechovs, und stand schließlich am Ufer der Buchte von Terpenj auf der Halbinsel Sachalin und schaute in die dichte, schneebeladene See hinaus. Sachalin roch nach feuchtem Nebel und (der poronaischen) Tundra. Aber diese riesige Sonne, die eillos im Ozean versank, und diese schwere, bleierne See, riefen nur einen weiteren Anfall von schwermütiger Sehnsucht in ihm hervor, und er floh wieder gen‘ Westen. Die Reise war lang und (umwegig) umständlich. Er kämpfte sich durch Wälder und setzte über eiskalte Flüsse über. In Ulan Bator kreuzte sich sein Weg mit einer alternden Burjatin und er beabsichtigte sogar zu bleiben und standesamtlich zu heiraten. Aber nach einem Monat setzte er sich an einem trüben Morgen per Anhalter auf einen Kamaz und fuhr Richtung Heimat. Auf diese umständliche Art, fernab jeder Logik und ohne genaues Ziel, erreichte er an einem klaren Maitag im Nirgendwo der Steppe den Gleishaltepunkt „Burannyj“.
Für gewöhnlich hielt hier der Zug für ungefähr zehn Minuten und Muchambet beabsichtigte hier eigentlich nur eine oder zwei Zigaretten zu rauchen, aber er fand niemanden, der Feuer hatte. Er schaute sich um. Irgendwo am Anfang des Zuges waren die dunklen Gestalten der Schaffner erkenntlich, aber diese waren zu weit weg. Irgendetwas zwang ihn plötzlich sich umzudrehen. Es war kein Schrei und auch kein Geräusch. Es war intuitiv, als ob er einen fremden, lastenden Blick auf seinem Rücken verspürte. Ein Zeichen, oder ein Aufruf, kam aus der Steppe. Eine unsichtbare Macht zwang ihn still zu stehen und in die Ferne zu lauschen. Die Steppe erinnerte im Frühjahr mit ihrem Geruch der Unendlichkeit an das Meer. Eine leichte Brise streichelte zärtlich die ultramarinblauen Gräser.
Das hämmernde Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges durchfuhr (die Luft) wie eine herannahende Flut und wandelte sich in völlige Ruhe und in eine klingende Stille der Steppe. Und dann entschied sich Machambet zu bleiben, fernab vom Geräuschpegel tausender Vorräume, Lautsprecher, fernab vom fremden Lachen und Geheule, von der trunkenen Bahnsteighektik und den unaushaltbaren Erinnerungen. Er sprang in sein Kupe, schmiss sein Zeugs in den Rucksack und stieg vollends aus. Der erste Mensch, den er auf dem Bahnsteig erblickte, war Edige. Sie begrüßten sich, schauten einander an und klärten (wortlos) jeder für sich unverzüglich das Unabdingbare (das Notwendigste). Das Schweigen brachte sie gar näher. Eine bemerkenswerte Tatsache war, dass beide kaum merkbar an den amerikanischen Schauspielern Charles Bronx erinnerten: das gleiche Faltenmuster, das die Augen am Rand zusammenzog, ein grauer buschelartiger Schnurrbart, und eine sturre Undurchdringbarkeit (Gesichtszüge mit ausgeprägten Wangenknochen). Machambet bot seine Hilfe bei der Arbeit an. Edige nickte (stimmte) zu. Mit einer Handbewegung lud Edige ihn ins Haus ein und schenkte ihm einen starken Tee ein. Der humpelnde Hausherr geleitete ihn dann in seine Stube. Es war ein schmales und langgezogenes Zimmer mit einem (verschwommenen) (matten) Ausblick auf vorbeifahrende Züge, in der Ecke, leicht verbeult, stand das Bett, an der Wand hing ein abgenutzter Teppich. Es roch nach etwas Vertrautem und lang Vergessenem. Das Gedächtnis Machambets ließ einen biographischen Schnappschuss aus seinem Lebens auferstehen. Ein dunkles Zimmer, Sonnenstrahlen, die durch nicht ganz geschlossenen Fensterläden hereinfielen und der schmale Rücken seines Großvaters bei seinem Morgengebet. Machambet setzte sich vorsichtig an den Rand des Bettes und verspürte eine unglaubliche Müdigkeit. Die Stube gab ihm ein Gefühl von Geborgenheit, das ihn umarmte, wie einst seine Großmutter, als er auf ihrem Schoß saß. Er kniff aus ganzer Kraft die Augen zusammen, um nicht zu weinen. Als er wieder die Augen öffnete, war das Zimmer leer und die Tür fest verschlossen.
Ungefähr vor ein paar Wochen vor diesem traurigen Ereignis ergab sich zwischen den Beiden ein ernsthaftes Gespräch. Erstaunlich, aber weder Edige noch Machambet sprachen sich je zuvor irgendetwas von der Seele. Über das Wetter, über die Gleise, über Reparaturen, über die Vorbereitung von Brennholz oder Kies, über anstehendes Alltägliches oder Weggleitendes, aber noch nie über die wichtigen Dinge im Leben. Dabei wussten beide, dass diese Art von Gespräch irgendwann kommen würde. Die Zeit verging und die Notwendigkeit (Unausweichlichkeit einer solchen Unterhaltung) reifte heran. Wie ein ausgereifter Saft aus Aport-Äpfeln, der bereits über den Kelchrand floss. Und irgendwann war es soweit. Diese Notwendigkeit stürzte auf deren Köpfe herab. An diesem Abend, nach der Besprechung aller Pläne für Morgen, mussten beide erst mal eine längere Zeit schweigen (hüllten sich beider zuerst ins Schweigen). Machambet rauchte und genoss die Ruhe und die Wärme (, die ihn umgaben). Hinter dem Fenster wirbelte ein Sturm. Es war März. Und im Feuer des rot erglühenden, gusseisernen Ofens (Kanonenofens) knirschte rhythmisch der Saksaul*.
Edige strich sich über seinen Schnurrbart und starrte schweigend auf die emporsteigenden, kreiselnden Funken. (Ein unerwartetes Bedürfnis stieg in Machambet auf), und er fing an zu erzählen. Er erzählte dem alten Bahnwärter alles: über sich selbst, über seine Familie, über sein Leben davor und danach, zeichnete dieses gleichsam ohne den gewohnten Schmerz, ruhig und aus der Ferne. Seine Erzählung dauerte bis spät in die Nacht. Der alte Wächter hörte ihm mit irgendeiner besonderen, ungewöhnlichen Aufmerksamkeit zu. Er musste es während seines langen Lebens an diesem (fern abgelegenen) Bahnhaltepunkt erlernt haben. Worte eines Menschen, der neben ihm saß, die Schreie eines Vogels hoch über ihm im Himmel, das Heulen des Windes im Schornstein – Alles, absolut alles konnte auf etwas Wichtiges und Unvermeidliches deuten. Die Steppe und die Einsamkeit lehrten ihn sowohl zu hören, und, was noch wichtiger war, zu zuhören. Die gesamte Zeit über fühlte Machambet, wie der Alte seine Worte verinnerlichte; aufmerksam und geduldig; Edige versuchte jede Einzelheit zu verinnerlichen und Machambet durch keinen (sonderartigen) Blick zu unterbrechen, weder tadelnd noch zustimmend. Dies machte es dem Erzählenden einfacher. Machambet fühlte einen kaum fassbaren Durchbruch von etwas Leuchtendem, Warmen und lang Vergessenem. Ist denn eine Beichtrede vor solch einem Zuhörenden, das Öffnen seiner Seele, das Ausschütten seiner ihn überwältigenden und trüben Unentschiedenheit, die nachts seine hintersten (dunkelsten) Gedankenwinkel überschwemmte und ihm den Schlaf raubte, ihm Sorgen bereitete und von Innen verzehrte (und zermürbte), ist das denn nicht die beste Therapie.
Als sich seine Erzählung dem Ende neigte, verspürte Machambet zum ersten Mal in seinem Leben, bestehend aus endlosen Zugreisen, wie etwas immer mehr in seiner Brust nachlässt, wie von seinen Schultern riesige, vermooste Steinbrocken herab fallen. Seine Erzählung beendete er mit seinem unerklärlichen Wunsch, hier in der Bahnwärterhütte bleiben zu wollen.
„Es ist die Steppe, die mit dir sprach – und du hast sie gehört“, sagte Edige leise.
Dann fuhr er nachdenklich fort: „Und das ist sehr, sehr gut …“
Danach schwieg er für eine längere Zeit und schaute dabei durchs Fenster. Das Licht der schaukelnden Lampe spiegelte sich im Fensterglas und versank dann in seinen alten Augen. Machambet kam es sogar vor, dass es in der Küche dunkler geworden ist.
Sich besinnend, fuhr der Wärter fort: “ Ja-a, man kann sie nur hier hören. Lausch…“ – der Alte beugte sich abrupt vor – „ich habe noch nie jemandem davon erzählt und werde wohl niemandem mehr, außer dir.“
Im faden Licht zeichneten sich seine Wangenknochen skulpturartig ab, in seinen Augen tanzten funkelnde Lichter.
„Verstehst du, dieser Ort teilt die Welt in zwei Hälften. Auf der einen Seite ist die Welt, so wie sie ist, auf der anderen, so, wie sich der Mensch dieses Leben denkt. In der Steppe ist alles so, wie es ist. Wir trinken, wenn wir Durst haben, essen, wenn wir hungrig sind, schlafen, wenn wir müde sind und sterben, weil wir leben, und nicht wegen unseren Gedanken (Vorstellungen). Wir leben „hier und jetzt“ und nicht „Irgendwann und später einmal“. Aber dort von woher du geflohen bist, ist alles umgekehrt. Irgendwann einmal, vor langer, langer Zeit, konnte ich mich nicht entscheiden (festlegen). Ich blieb in diesem Türdurchgang stecken. Aber jetzt weiß ich endlich, dass…“
Seine letzte Phrase sagte er sehr leise und anscheinend nur zu sich selbst. Aber anstatt fortzufahren lächelte der Wärter einfach. Und an dieser Stelle endete deren ernsthaftes Gespräch. Zwei Wochen darauf, sitzend auf einer uralten Bank und in die schwache März-Sonne schauend, verstarb der Alte. Er sah dem steinernen Bal-Bala* verblüffend ähnlich. Die gleiche geologische Ruhe, der gleiche reliefartige, nach unten zeigende Schnurrbart. Verwunderlich, aber Machambet, der den Alten an seiner Hand hielt, verspürte nicht die Anwesenheit des Todes. Es gab kein Stöhnen (Schnorcheln), keine Konvulsionen oder anderweitige düsteren Attributive. Es schien, als wäre der Wächter einfach irgendwohin davon gegangen und hinterließ dabei seinen Körper aufgrund dessen Unbrauchbarkeit. Man konnte sogar hören, wie die Gartentür knarrend zufiel. In der Steppe wirbelte der Staub hoch und bewegte sich ins Nirgendwohin Richtung Westen. Nach der Beerdigung stellte sich Machambet auf die kleine Welt eines Bahnwächters ein, die aus schwerer Arbeit, dem Hämmern der Zugwaggons, und aus dem Geruch von Wermut und durchtränkter Gleise bestand.
Zehn Jahre in der Steppe schmelzten unbemerkt dahin. In der Hektik verflog das Leben, blinkte mit gelben Fenstern, hinterließ leere Flaschen, Kippen und ande16rweitige Zeugnisse des Bahnlebens. Die ferne Welt verlor für Machambet jeglichen Inhalt und er lebte im Hier und Jetzt. Ein tiefer Hass auf seine Vergangenheit und die Angst vor dem „Nichtsein“ der Zukunft zeichneten in seinem Kopf eine Grenze, hinter die er sich bereits seit Jahren nicht mehr hinaus wagte. Aus eigenem Antrieb (konzentrierte er sich auf den heutigen Tag, und ein Morgen genau so wie ein Gestern existierten nicht für ihn. Die Routine und das Lesen von Büchern einer Dorfbibliothek war alles, womit er das letzte Jahrzehnt verbracht hatte. Jeden Winter vollbrachte der Wärter Abbasov größere und kleinere schwerfällige Arbeiten, von denen niemand etwas wusste (niemand auch nur ahnte). Und die Öffentlichkeit mied er. Im Winter ist die Steppe objektiv, wenn nicht sogar auf ihre Art vulgär, sodass man selbst ein Meter von der Haustür entfernt, erfrieren kann. Machambet jedoch riskierte sein Leben und seine Gesundheit völlig selbstlos; abgestumpft erstickte er jeden abstrakten Sinn seines Daseins. Eines Tages erblickte ein durchreisender Journalist aus seinem Schlaf-Coupe heraus, gleich einer Fata-Morgna, in der frostigen Weite der schneebedeckten Wüste eine zwischen den Hügeln irrende Silhouette. Ob es Machambet gewesen ist, sei dahin gestellt, obwohl es sonst niemand hätte sein können. Dieses Bild hatte den jungen Mann so verblüfft, sodass er nachts nicht einschlafen konnte, und er versuchte nachzuvollziehen, was dieser Mensch dort zu suchen hatte und ob es überhaupt ein Mensch gewesen ist? Er schlug sich so lange mit diesen Gedanken herum, bis der jahrelang schweigende Lautsprecher begann mit einer krächzenden, jedoch durchaus dramaturgischen Stimme zu verkünden. Transliert wurde ein Ausschnitt aus einer Erzählung:
„…mit einer Decke umhüllen endlose Stürme immer noch die Steppe mit ihren menschenleeren Fluss- und Seeufern. Und nach der Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr erscheint (endlich ) das zerrissene Sonnenlicht, welches allein die Steppengräser auferstehen lässt. Und bis es soweit ist, begießt der eingetrübte Diskus der matten Sonne über dem Horizont den verzinkten, tiefhängenden Himmel und verspielt dabei dem lebendigen Glänzen des Schnees, welcher die unumfassbare Weite dieser trübseligen Pampa bedeckt. Im Winter sind diese „kosmischen“ Freiräume hoheitsvoll einsam (menschenleer). Die schneidende Kälte verjagt alles Lebende. Sie sprengt den Granit des Felsens „Balbalan“ und verlangsamt den elektrischen Strom, der von Mast zu Mast überfließt. Es wäre unvorstellbar, dass es sich jemand erlauben könnte, diesen hoheitsvollen Rückzugsort des Schnees, der Stürme, der Kälte und des Todes zu betreten (zu stören). Und plötzlich, all dem trotzend, erschien zwischen den Hügeln, eine aus dem Nirgendwo kommende, flimmernde Zeichenfolge von Spuren, die sich vom Horizont weg zielstrebig bis zum Kiesbelag zwischen den Gl eisen erstreckte. Es waren Menschenspuren. Erst am Morgen legte sich der wilde Schneesturm, der zwei Tage hintereinander wütete. Aber jemand hat sich ihm trotzend entgegengestellt und unterschätzte diesen zugleich. Derjenige, der diese Spuren hinterlassen hatte, weichte keinen einzigen Schritt aus und steuerte hartnäckig aus der Tiefe der Steppe zu den Bahngleisen. Was war das für ein Wesen, das sich dem Jähzorn der „Windgeister“ entgegenstellte? Warum war es hier? Was war der Grund: Zufall, ein Wunschtraum oder das Schicksal?“
Plötzlich war das Rauschen der Radiowellen so stark, dass die Stimme anfing in diesen unterzugehen. Dann folgte Stille. Nach einer Minute, jegliches Radhämmern und das Wellenrauschen übertönend, fuhr das Radio fort, aber diesmal in einem umso mehr durchdringlichen Tember:
„Viele tausende von Jahren, von Haus zu Haus, von Jurte zu Jurte, von Schloss zu Schloss, und vom Bazar zum Bazar streifte dieser Mensch umher. Er ist wohlwollend und gut, sowohl Soldaten, als auch Hausfrauen respektieren ihn, Kinder, Hunde und Kamele liebten ihn. Er hat viele Freunde, die er besuchen möchte. Er hinkt. Sein rechtes Auge ist von einer weislichen Filmschicht (vom grauen Starr) bedeckt, sein (finsteres) dunkles Gesicht ist übersäht von Narben und Falten. Niemand fragt ihn, woher er kommt, alle sehen in ihm einen alten Bekannten. Er erscheint unbemerkt am Lagerfeuer und ist dankbar auch nur für eine Phiale mit „Kumys“. Und dann streichelt er das Kleinkind, bastelt geschickt eine Pfeife aus einem Strohhalm und gibt diese dem glücklichen Buben. Er spricht kaum, aber hört aufmerksam zu. Er hört so zu, wie dies sonst niemand auf Erden vermag. Die Menschen erwarten keinen Rat von ihm. Ihnen reicht allein schon sein Blick, welcher, wie der Kosmos (das Weltall) unwiederbringlich ihre Ängste und Sorgen in sich hineinzieht. In seinem sehenden Auge ist nur Anteilsnahme, keine Verurteilung. Dieses Auge kann man nicht anlügen. Die Menschen fühlen dies. Ganz besonders Kinder. (Sogar) die Tiere fühlen es (auch). Die Kasachen sagen, sein Name sei „Kdyr-ata“; Er erscheint kurz vor dem Fest „Nauryz“ und verschwindet dann bis zum nächsten Frühjahr.“
Es sei dahingestellt, ob das Radion wirklich zu dem Journalisten sprach, aber bei seiner Ankunft skizzierte er seine Eindrücke nach dem Motiven des Gehörten und zog sogar die Aufmerksamkeit des leitenden Redakteurs auf sich.
Machambet fuhr jedoch fort nichtsahnend in seiner Bahnwärterhütte zu existieren. Mit der Zeit verschleierten seine Erinnerungen, verloren ihre Schärfe, verwandelten sich düstere Geister (Dämonen). Nur der Gedanke an seine Enkeltochter, die er nur ein einziges Mal halten durfte, meldeten sich mit einer zuckenden Sehne an der Schläfe. Lebt sie? Ist sie glücklich? Sie kam ihm vor, wie ein junges Kälbchen, und das sanfte Atmen und der Geruch der Neugeborenen kratzten an seiner bis zum Spiegelglanz abgeschliffenen Seele. Selbstverständlich kehrte er immer wieder mal zu dem Gedanken an Gott zurück, wie über eine sonderbare Instanz, die das Klagen ihrer Klientel begutachtete, jedoch war dieser hinter die Grenzpfosten seines eingezäunten Bewusstseins hinaus gezwängt worden. Dennoch aber wandte er sich manchmal, in Augenblicken der Ruhe, zum endlosen, ruhigen Himmel, oder vielleicht an eine vorbeifliegende Wolke, und flehte lautstark um Beistand für das Mädchen.
Eines Tages im September, nach einer plötzlichen und schweren Erkältung, hatte Machambet zum ersten Mal seit vielen Jahren einen Traum. – Die Schule seiner Kindheit mit zwei runden Steinen (Pfosten) vor dem Eingang, ein abgescharbter Eingang mit zwei Türläden, und sein lächelnder Sohn in Schuluniform. Der Sohn sagte etwas, was man nicht verstehen konnte, und nur an seinen Lippen konnte man – „Papa, Alles wird gut!“ – ablesen.
Ja, das war im September. Und jetzt ist Ende Dezember…
An dem eingerosteten Türriegel herumzerrend, hörte Machambet das Wegfahren eines Autos. Vor der Tür stand ein Mädchen im Alter von zehn Jahren, eingewickelt in ein „Orenburgisches Tuch. Der Ausdruck der schwarzen Augen erschien ihm wage vertraut. Nach einigen Sekunden der Verwirrung fragte er (endlich):
„Was möchtest du, Tochterherz?“
„Lebt hier der Bahnwärter Abbasov?“
„So ist es… und was ist passiert?“
Machambet war plötzlich beunruhigt und versuchte sich den wegfahrenden Jeep zu merken.
„Und ich heiße Asja!“ , sie verbesserte sich – “ Asia Abbasova!“.
Etwas seltsames geschah in diesem Moment mit Machambet. Die Sehne über dem Auge zuckte immer schneller und schneller; es war das Gefühl eines verlangsamten Fallens (eines Falls in der Zeitlupe). Er starrte in ihre dunklen Augen und ließ das Mädchen gleichsam (in sich ) hinein. Sie ging hinein. Die schimmernde Lampe fing das skeptisch dreinschauende Gesicht ein. Die vertrauten Züge, beerdigt unter den Trümmern seiner Erinnerungen bekamen, gleichsam Photographien in einer Projektionswanne, eine fast unaushaltbare, schmerzliche Schärfe – sein Sohn schaute auf ihn, so, wie er ihn im Traum gesehen hatte. Genauso sah er auch auf dem einzigen Familienfoto vor dem zentralen Blumenbeet im Gorkij-Park aus, und welches unser buranischer Wächter nicht vermochte zu verlieren. Der „kopfüber geworfene“ Fussboden ließ sein Bewusstsein erlöschen, eine „ägyptische“ Dunkelheit floss in seine Augen. Machambet wachte von schwerelosen Berührungen an seinem Gesicht auf, irgendjemandes verschwommene Gestalt verdeckte das Licht. Das Bewusstsein kehrte zusammen mit einer geschärften Wahrnehmung zurück. Fast schon außer Atem schlug das Mädchen ihn auf seine Wangen und schaute erschrocken in seine Augen. Er setzte sich hin, schüttelte mit dem Kopf, und versuchte gleichsam eine Sinnestäuschung loszuwerden. Doch sogleich umklammerte eine festklebende Angst sein Herz. Ein Traum oder Alles real? Aber nein; Alles war an seiner Stelle: die Enkelin, die schaukelnde Lampe und der Kopfschmerz. Da saßen sie nun, hielten sich an den Händen, er und die Enkelin mit dem wundervollen Namen, Asja!
Die Geschichte von Asia Abbasova unterschied sich nur wenig von tausenden Geschichten zurückgelassener Kinder. Die Mutter der Neugebohrenen, die sich damals nicht mehr besinnen konnte, tauchte zusammen mit der Kleinen in Moskau unter. Ihre „Freunde“, die sie beherbergten, waren in Wirklichkeit Drogendieler, und die junge Frau, die ihr Kind mit dubiosen „Pflegemüttern“ in der Nähe der Metro-Station „Strogino“ zurückließ, verlor zusehends ihre menschliche Würde, als sie mit dem „neuzeitlichen“ Strohhalm der Epherde „flöten“ ging (sie war heroinabhängig und saß „auf der Nadel). Dann verloren sich ihre Spuren. Das Jugendamt brachte das gerade mal ein halbes Jahr alte Mädchen unter in einer Pflegestätte für Säuglinge, und als sie das entsprechende Alter erreichte, wurde sie in das Kinderheim Nr. 251 gebracht, das sich nicht weit von der Metro-Station „Wasserstadion“ befand. Hier begann sie zu sprechen zu lesen, und was noch wichtiger war, zu träumen, dass eines Tages die Tür aufgehen würde, und liebende Eltern, wenn auch nicht die leiblichen, sie abholen würden. Dank einer glücklichen Konstellation der Umstände war die Kartei des Mädchens vollständig erhalten und wartete hoffnungsversprechend zusammen mit hunderten weiteren solcher Dokumente in einer Kiste.
Die 90-er Jahre standen an und „unser lodernder“ Zug kam an seiner Endstation an. Genau in diesem für das ganze Land historischen Moment kam auch für Asja die Stunde „X“. Die neue Direktorin des Kinderheims, namens Poleuneva Ekaterina Evanovna, ordnete an die persönlichen Karteien der Kinder aus zu sortieren, die eine ungewisse (Herkunft) Staatsbürgerschaft hatten; oder wie sie es gern zu sagen pflegte, die der Nicht-Russen oder „Vagabunden“. Der bürokratische Durchzug verwehte die Lasten der „schwarzäugigen“ Waisenkinder durch allerhand Botschaften und konsularische Vertrettungen der ehemaligen Sowjetrepubliken. Es war einem märchenhaften Zufall zu verdanken, dass während der Vertreter des Generalkonsuls in den zerknitterten Listen herumwühlte, auf eine ihm bekannte Familie stieß, und feststellen musste, dass er, nachdem er mit der Schwester der Mutter telefoniert hatte, tatsächlich ein entfernter Verwandter Asjas ist. Von traurigen Blicken ihrer Waise-Freunde begleitet, verlässt unsere Heldin das Kinderheim, und kehrt als fünftes Kind zurück nach Alma-Ata in die Familie ihrer Tante. An dieser Stelle hätte auch Alles sein Ende finden können. Aber das Schicksal hat sich entschieden, das Mädchen nochmals auf die Probe zu stellen. Der Pflegevater von Asja, ein angesehener Geschäftsmann in Alma-Ata, umgeben von Gold und einflussreicher Gesellschaft, verstrickte sich in eine dubiose Affäre und wurde eines frühen, sonnigen Morgens zusammen mit seiner Frau und seinem Vertretter in einer Autoexplosion getötet. Die Winde des Schicksals, die sich für einige Zeit gelegt hatten, hoben Asja wieder hoch und kreisten diese, vorbei an fremden Korridoren und Vorzimmern, durch die wilden Fänge vetternwirtschaftlicher Kriege. Die Aussicht auf ein Kinderheimleben stand wieder in der Luft. Aber zum Glück entschied sich eine weitere Tante, die sowohl ihr Gesicht wahren, als auch sich von einer unangenehmen Last entledigen konnte, die Koordinaten des Großvaters, Machambet, ausfindig zu machen. Das Gespräch mit Asja fiel ihr leicht, und dann: einhundert Dollar und die Kartei (mit der Geburtsurkunde) auf die Hand – und ein angemieteter schwarzer Jeep, der uns schon zu Beginn unserer Erzählung begegnet ist.
Eine ganze Woche lang erzählte Asja Machambet die Geschichte ihres kurzen Lebens, und er hörte aufmerksam zu; sein Gesicht verkrampfte sich in Folge seines Mitgefühls und seiner Machtlosigkeit jetzt noch irgendetwas daran rändern zu können. Dennoch aber lächelte er, lächelte durch Tränen hindurch, vom ganzen Herzen und aus seiner ganzen Seele heraus. „Mein Blutströpfchen, mein Enkeltöchterchen, sitzt hier und rattert vor sich hin, unaufhaltsam, genauso, wie der Sohn in ihrem Alter. Hier und Jetzt!“
Der 31. Januar stand an. Machambet kehrte früher von der Arbeit zurück und half Asja den in einen Tannenbaum umwandelten Kehrbesen zu schmücken. Der Saksaul knisterte feierlich im Ofen, wohlrichendes Aroma abgekochten Fleischs lag in der Luft. Das letzte, was an diesem Tag noch erledigt werden musste, war der Geleit eines um einundzwanzig uhr dreißig am Bahnposten vorbeifahrenden Zuges. Der Großvater zug sich an, schaute auf seine eingenickte, voller Zufriedenheit lächelnde Enkelin, sich gleichsam seines Glücks sichergehend, und nahm eine Laterne mit. Der Handelszug kam nach Zeitplan, aber Machambet schaute noch lange dem schimmernden Leuchten des Zuges nach. Zum ersten Mal in seinem Leben warf der Anblick des sich entfernenden Zuges die Frage auf: „Wohin fährt er wohl?“ Zusammen mit dem Auftauchen der Enkelin in Machambets Leben, erlangte auch das Morgen seine Realität, und das Leben bekam einen Sinn und ein Ziel. Der früher so vertraute Bahnwärteposten wurde klein und ungemütlich, und die ferne Welt verführte plötzlich mit neuen Perspektiven, neuen Fragen und angenehmen Alltagsorgen. Die Zukunft lächlte leise und versteckte sich hinter den Abbiegungen des Weges. Machambet fühlte, dass er an einer Schwelle stand, die er bereit war zu übertreten.
In Anlehnung an einen Epilog
Als Machambet den Handelszug begleitet hatte und noch einige Zigaretten zuende geraucht hatte, ging er, so, wie ihn dies eins Edige gelehrt hatte, an den Gleisen entlang und begutachtete deren Zusatand (die Risse in den Gleisen). Nicht weit vom Bahnposten entfernt erkannte er eine merkwürdige, schleifende Spur, die Richtung Schlagbaum führte. Als der Wärter seine Laterne darauf richtete, wurden rote Flecken sichtbar, die an Blut erinnerten. „Könnte es sein, dass irgend wer unter die Gleise gekommen ist?“, dachte Machambet und folgte der Spur, mit der Hoffnung den Kadaver eines Schakals zu finden, die ab und zu an Bahnwegen entlang streiften. Im Bezirkszentrum gab es immer noch Auszahlungen für abgegebene Felle. Die Spur führte zu einem Absturz, der sich hinter einer Aufwallung versteckte. Ein Lichtstrahl durchdrang die absolute Dunkelheit und zeigte auf ein Objekt, das von Weitem an einen Sack erinnerte. Sich herannähernd, schrie Machambet auf. Der Sack war ein Mensch. Ein kaum vermerkbares Stöhnen deutete darauf hin, dass dieser noch am Leben war. Der Versuch ihn auf den Rücken zu drehen blieb erfolglos. Ein riesiger, alpiner Wanderrucksack war im Weg. Machambet leuchtete noch ein Mal hin und warf sich zurück; im kurzhaarigen, massiven Kopf war ein großes Loch, aus dem das Gelee des Gehirns heraus. „Ein toter Mann“, dachte Machambet, entschied sich aber dennoch Erste Hilfe zu leisten. Auf der Suche nach einem Verband machte Machambet den großen Rucksack auf und fror auf der Stelle ein. Anstatt Kleidung, Huhn und Frikadellen in einer Plastikbox, belichteten die Strahlen der alten Laterne, enggezogene, grünliche Päckchen amerikanischer Dollar, die man aus dem Kino kannte.
Ein Gedanke ist schneller als das Licht. Genau mit dieser Geschwindigkeit zeichnete sich in Machambets Kopf der nächste Handlungsalgorithmus ab. Schon bald wird dieser Leidende für immer schweign. Seine Kleidung, Dokumente und weitere identifizierende Gegenstände konnte man einfach verbrennen und die Leiche konnte man etwas weiter in den Absturz hineinziehen und unter dem Geröll verschütten. Erst recht, da es in dieser Gegend von Wölfen und Korsaken nur so wimmelte, und bis zum Frühling würde die Göttin Umaj alles verschlingen. Machambet kehrte noch vor Neujahr zurück und zählte die Päckchen durch – es waren fast einhundet Stück. Asja schlief leise atmend und zusammengepfercht, gemütlich auf einer alten Truhe. Sie lächelte im Schlaf.
Nach einigen Monaten, genauer gesagt, am 1. September, küsste ein älterer, schnurrbärtiger Mann mit einem asiatischen Erscheinungsbild ein zehn jähriges Mädchen und half ihr in einen gelben Bus zu steigen, auf dem stand: „School Bus. Green County“. Er holte eine Zigarette raus und drehte sich die Kleidertaschen abklopfend um, in der Hoffnung, einen Raucher zu erwischen. Aber dabei stieß er nur auf die abwertenden Blicke der Frauen in deren bunten, langen Blusen.
