Hervorgehoben

„Schnee im Spinnennetz“ (Sneg v pautine). Quelle zum russischen Text: https://magazines.gorky.media/novyi_mi/2015/12/sneg-v-pautine.html?fbclid=IwAR1qvt7IPslJOZ-Y04OacBynRAOJxc3aR7EhcHA0yeD7caLUG8NStskxna0

Ilya Odegov

                                                                       1.

Der Winter wurde kalt und der Schnee wehte immer Richtung Almaty. Die struppigen Zweige der Tanne neigten sich nach unten, unter der Last der kleinen, weißen Kissen, versuchten diese loszuwerden, aber der Schnee haftete mit aller Kraft an den Nadeln und wollte nicht runter fallen. Gelbe, abgepellte Dreietagen-Häuser schimmerten durch das Staket der Bäume, von ihren abgenutzten Dächern hingen durchsichtige, kalte Eiszapfen. Hätte Nazar den Fußweg eingeschlagen, wäre er sicher stehen geblieben um all das zu bewundern. Er war selten in Almaty, er liebte diese Stadt. Aber schon am Vorabend fuhr Nazar zum Autohändler nach Altyn-Orda und kaufte sich ein Auto, zwar einen alten, aber flinken Volkswagen Golf. Drei Jahre hatte er dafür Geld zurück gelegt und konnte ihn sich endlich leisten. Deswegen ging er nicht zu Fuß, sondern saß am Steuer, davon träumend, dass sich der endlose Stau, in dem er steckte, endlich auflöste. Nach dem kürzlich gefallenen Schnee wurden die Straßen nicht geräumt oder sie wurden geräumt, nur so, dass es noch schlimmer wurde. Auf beiden Seiten türmten sich riesige Haufen tauenden, schmutzigen Schnees, welcher das Herannahen an den Bürgersteig störte, parkende Autos standen fast mitten auf dem Weg und verwandelten sich in einen schmalen Weg.

Die Autos bildeten eine Kette, hupten und hinterließen dichte Wirbel grauen Rauchs, der zu einer einzigen Wolke zusammenfloss, welche langsam in die Fenster der Nachbarhäuser kroch und sich als Ruß auf ihren Wänden absetzte. Nazar hupte ebenso, nur um den Laut seines neuen Autos zu hören, dann drehte er den Schlüssel um und machte den Motor aus. „So spare ich Sprit und verschmutze die Luft weniger“, sagte er laut, als ob er sich vor sich selbst rechtfertigen müsste. Der Ofen heizte nicht mehr seit der Motor aus war, deswegen fing er bald an zu frieren. Doch plötzlich bewegten sich die Autos. Nazar startete den Motor, fuhr mit den Anderen gemeinsam zur nächsten Kreuzung, lenkte das Lenkrad und bog nach links ab. Der zufriedene Golf gewann schnell an Geschwindigkeit und spürte die Freiheit, als plötzlich ein Verkehrspolizist im gelben Anzug seinen Weg kreuzte. Er schwang mit dem Eisenstab und bat den Fahrer zur Seite zu fahren. „Mist“, flüsterte Nazar verärgert und schlug auf die Bremse. Der Polizist wartete und rechnete damit, dass der Autofahrer schuldbewusst auf ihn zukommt, doch Nazar rührte sich nicht von der Stelle, er zückte nur seine Papiere, öffnete das Fenster und betrachtet durch den Seitenspiegel den Polizisten. Dieser näherte sich unwillig dem Auto, bückte sich zum Fenster und stellte sich vor. „Kapitän Žumanov. Ausweispapiere bitte!“ Nazar zeigte ihm seinen Führerschein, den Fahrzeugschein und die Versicherung. Der Polizist drehte die Papiere hin und her und sagte mit einer halb fragenden Betonung: „Sind wir gesetzwidrig?“ „Nein“, antwortete Nazar. „Gehen Sie zum Bus, machen Sie sich vertraut mit der Videoaufnahme“, sagte der Polizist und nickte in Richtung des weißen Streifenwagen mit einem blauen Streifen auf der Seite. „Gut“, dachte Nazar und stieg aus dem Auto aus. Sie setzten sich in den Streifenwagen. Innen drin war es heiß, der Heizer tat seinen Dienst. Ein weiterer Polizist saß vor dem Computer, rotwangig und füllig von der Statur. Der Füllige blickte auf Nazar und drehte den Bildschirm in seine Richtung. „Hier ist Ihr Wagen. Die registrierte Geschwindigkeit liegt bei zweiundsiebzig pro Stunde, erlaubt sind allerdings nur sechzig.“ „Kommandeur,“ sagte Nazar, „welche zweiundsiebzig? Ich bin doch gerade von der Kreuzung gestartet und bin keine zwanzig Meter gefahren. Ich bin doch nicht mit dem Fahrrad unterwegs, woher also die zweiundsiebzig?“ „Hier ist es egal“, sagte der Füllige müde. „Dein Auto? Deines. Hier ist ein Foto und hier sind deine Angaben. Ich registriere es und du, wenn du möchtest, schreib, dass du damit nicht einverstanden bist. Ich nehme dir den Führerschein weg, das Auto wird auf einem Parkplatz für Falschfahrer geparkt, dann kannst du dich vor Gericht damit beschäftigen.“

„Gut Kommandeur“, sagte Nazar, „reichen zweitausend?“ „Welche zweitausend?“ ärgerte sich der Füllige. „Die Strafe sind zwanzigtausend, so das Gesetz, weißt du?“ Nazar öffnete das Portemonnaie und zeigte es dem Polizisten. Dieser blickte in an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Gut, dann fahr den Wagen und lass mir ein Tausend, den zweiten Teil kannst du behalten.“

Nazar kroch zurück in seinen Golf, atmete in die Handflächen und fuhr los. Er näherte sich dem Park achtundzwanzig und sah von Weitem irgendein schweres Gerät. Auf den ersten Blick waren es nicht Traktoren, sondern Panzer. Angst einflößend, gigantisch, dick aufgetragen mit grüner Farbe. Aus deren Öffnungen krochen junge Kerle in Militäruniform. Nazar verlangsamte die Geschwindigkeit, kurbelte das Fenster runter, guckte raus und fragte: „Jungs, mit wem ist Krieg?“ Einer der Kerle schaute faul auf Nazar, spuckte auf die Seite und sagte: „Mit dir.“

                                                           2.

„Danik, schau, es schneit immer noch!“ Alija öffnete das Fenster, in die Wohnung drang ein weißer, frostiger Wirbel. „Mach zu, mach schneller zu, du erkältest dich noch“ sagte Danijar und wedelte mit den Armen, schlaftrunken, immer noch unter der Decke verkrochen. „Hör auf zu meckern“, sagte leise Alija, „ich erkälte mich nicht.“  Draußen auf dem Hof rappelten die Müllmänner mir ihren Behältern. „Ich habe gestern zwei Obdachlose gesehen“, sagte Alija. „Haben sie dich nicht erschreckt?“, fragte Danijar. „Wenn du siehst, dass sie sich bei uns im Treppenhaus wärmen, erzähl es mir, ich werde sie vertreiben.“ „Ja, ne“, wackelte Alija mit dem Kopf, „ich meine was anderes. Sie wühlten im Müll und suchten vielleicht nach Nahrung, in ihren Augen konnte man den Hunger sehen. Wie leben sie jetzt im Winter nur auf der Straße? Man möchte unbedingt helfen. Ich dachte zuerst daran, ihnen Geld zu geben, dann entschied ich mich um, dachte, dass sie wahrscheinlich trinken. Werden alles versaufen. Das will ich nicht.“ „Koch ihnen doch was und bring es ihnen raus“, sagte Danijar. „Machst du Witze, ja?“ wandte sich Alija zu ihm. „Warum nicht?“ „Und wie? Soll ich es direkt in das Behältnis kippen?“

„Warum Behältnis? Stell es einfach daneben. Sie werden es finden, keine Sorge.“ „Genau“, Alija machte das Fenster zu und lief in die Küche, raschelte da mit etwas, knallte irgendwelche Schranktüren und schrie dann von da aus: „Ich hab’s! Ich koche ihnen Reis. Reis ist bestimmt gesund, nahrhaft und lecker…“ „Und günstig“, murmelte Danijar vom Bett aufstehend und sich streckend. Er duschte lange, putzte sich die Zähne und rasierte sich langsam und ohne Begeisterung die Wangen mit einem Einwegrasierer. Er wischte im beschlagenen Spiegel die Lücken, die der Wasserdampf verursacht hatte, weg und sah darin sein vom Schlaf geschwollenes Gesicht.

Er mochte es nicht, wenn Alija schon morgens früh so aktiv war. Er wusste aus Erfahrung, dass ihre Energie einen abbrühen konnte, was bedeutete, dass man besonders vorsichtig sein musste. „Ich bin soweit!“, rief Alija als sie bemerkte, dass Danijar raus ging. „Ich habe Reis gekocht, einen vollen Topf und habe sogar Butter hinzugefügt. Nun sollte ich ihn in eine Tüte füllen?“ „Die Tüte wird zerreißen. Lieber in einen Eimer“, sagte Danijar, „ich habe einen übrig, dieser Plastikeimer für Farbe.“ Der Reis war aromatisch und fluffig. Danijar schloss den warmen Topf mit einem Deckel: „Nur stell es nicht neben den Müll. Es ist schließlich Essen.“

                                                           3.

Genas Berufspraxis war imposant. Zu seiner Zeit machte er eine Ausbildung zum Eletkro – Ingenieur für Diesel- Elektrozüge, hatte aber keine Arbeit mit seiner Spezialisierung gefunden und wurde Verkäufer in einem Geschäft für Elektroartikel. In seinem Naturell sehr neugierig, lernte er bald alle Produktkataloge vom Buchrücken bis zum Buchrücken, eignete sich Wissen über elektronische Schemata an und fuhr manchmal zu Klienten, um Lampen für sie zu befestigen und Steckdosen in Stand zu bringen. Er war ein guter Mensch, tüchtig, aufgeschlossen, in der Lage einen Leuchter professionell zu befestigen und einen passenden Witz zu erzählen. Es gab immer mehr Klienten in seinem Geschäft, darum beschloss er zu kündigen und für sich selbst zu arbeiten. Zuerst hatte er Angst, gewöhnte sich aber schnell dran. Geld hatte er genug. Seine Zeit konnte er gut einteilen. In seiner Freizeit fuhr er angeln. Er fuhr sommers wie winters, bei Regen und bei starker Hitze. Nie kehrte er mit leeren Händen zurück. In seinem Behältnis befanden sich immer mindestens zehn Woblen. Aber meistens gab es noch einen größeren Fang: Karpfen und ein schrecklicher, bärtiger Wels. Noch Ende letzten Jahres begann Gena mit einem Projekt. Zu seinen dauerhaften Klienten gehörte eine wichtige Dame, Besitzerin eines Kosmetiksalons: Olga Jurjevna Šatunova. Alt aber gepflegt und imposant, kokettierte Olga Jurjevna ein wenig mit Gena, eher wie eine alte Angewohnheit. Am ersten Arbeitstag öffnete sie die Tür in einem Bademantel gekleidet, mit einem Handtuch auf dem Kopf. „Och, Gennadij, Sie? Ich habe es ganz vergessen, dass Sie …“, sagte sie zerstreut. „Nun kommen Sie rein, ich ziehe mich nur schnell um.“ Und sie verschwand irgendwo in den Tiefen ihrer Wohnung. „Natürlich“, murmelte Gennadij vor sich hin und zog Schuhe und Mantel aus. „Hetzen Sie nicht. Was ist das für ein Čmo?“Und tatsächlich, das Wesen, welches ihm entgegen sprang, erinnerte nur vage an eine Katze. Das war irgendein undeutlicher Energie – bzw. bunter Wollknäuel. Von allen Seiten guckten Pfoten, Ohren und ein Schwanz hervor. Čmo kroch neben Genas Beinen herum, miaute schrill und wehleidig und krallte sich schmerzhaft aber nicht fest mit seinen Krallen in Genas Fußknöchel. Gena verfiel in Lachen und schnappte das Wesen mit seinen großen, starken Händen: „Wer bist du,“ fragte er, in die vor Schreck weit geöffneten, runden Augen blickend. „Das ist Elsa“ ,sagte die ins Zimmer zurückgekehrte Olga Jurjevna. „Ich habe sie geschenkt bekommen. Ich kann mich einfach nicht an sie gewöhnen.“ „Was bist du nur für eine, Elsa“, murmelte Gena. „Du bist ein Čmo, einfach Čmo.“ Vorsichtig ließ er Čmo auf den Boden, dieser streifte mit seinen Krallen seine Handflächen und tauchte unter dem Sofa unter. Beim nächsten Mal brachte Gena etwas mit, ein kleines Gummiküken, welches gackerte wenn man seine beiden Seiten zusammendrückte. In seiner Jugend haben solche Gummiküken nur gepiepst, sie erzeugten solch einen langen, ekelhaften Pieps, das Küken dagegen hat wirklich gegackert. Gena mochte dieses Spielzeug als er im Geschäft war. Čmo spürte, dass das Geschenk für ihn gedacht war. Es steckte seine Nase sofort in die Tüte, miaute verlangend, dann trat es auf das Küken und sprang sofort zurück, versteckte sich, erschrocken von dem Geschrei unterm Sofa. Gena lachte genüsslich, zog das Spielzeug aus der Tüte und warf es auf den Teppich. Er war den ganzen Tag damit beschäftigt, Schalter zu knipsen, die Decke zu bohren, Drähte mit seinen festen, aber flinken Fingern zu sortieren und die ganze Zeit darauf zu achten, wie Čmo mal vom Kücken floh, mal es attackierte, es würgte um dann wieder erschrocken zu verschwinden, wenn das Küken anfing zu gackern. Arbeit hatte Olga Jurjevna genug, Gena fürchtete sich nicht vor der Arbeit, mochte es jedoch nicht mit Materialien von schlechter Qualität zu arbeiten. Olga Jurjevna kaufte alles Teure, Italienische. Und Gena wusste aus Erfahrung, dass italienische Lampen nur von außen schick aussahen und mit ihrem Kristall glänzten, von innen sind, man versteht es nicht, die Drähte zu dünn, die Kontakte schwach und deshalb hat man viele Plackereien damit, und man riskiert viel damit, weil der Preis zu hoch ist. Er erklärte sich jedoch bereit für die Reparatur. Olga Jurjevna zahlte gut, es war unangenehm, ihr abzusagen. Sie war immerhin seine treuste Kundin. Er schaffte es nicht an einem Tag, auch nicht an zweien und dann stellte sich heraus, dass die Hälfte der Leuchter einen Makel hatte. Daraufhin ächzte Olga Jurjevna und lief los um sie auszutauschen. Im Geschäft wurden die Lampen angenommen, man versprach allerdings neue erst in einem oder zwei Monaten zu liefern. So war es dann auch. Als die neue Lampe geliefert wurde, rief Olga Jurjevna Gena an und so kam er dann zu ihr. Gena hätte den Job schon längst geschmissen, jeden Tag ans andere Ende der Stadt zu fahren, war umständlich, aber er, überrascht von sich selbst, hing zu sehr an Čmo, wenn er ihn zu lange nicht gesehen hatte. Olga Jurjevna gab ihm den zweiten Schlüssel, sie vertraute ihm diesen an. Wenn Gena in der Wohnung erschien, rauchte er zuerst auf dem Balkon und spielte anschließend mit Čmo. Das Spiel war einfach. Čmo fiel auf den Rücken und streckte vor sich alle vier Tatzen mit scharfen, gebogenen Krallen. Gena versuchte diesen mit dem Zeigefinger in den Bauch zu stoßen oder nach seiner Nase zu schnappen, sich bemühend die Krallen nicht zu berühren. Čmo zappelte und versuchte mit aller Kraft nach dem Finger zu greifen, aber die Krallen glitten nur auf der harten Haut. Gena lachte und dann, ohne es auszuhalten, nahm er Čmo auf den Arm. Dieser stellte sich sofort tot und mit Erstaunen, auf beide Seiten schauend, lehnte er sich an Genas Brust. Erst zum Ende des Winters wurden alle Lampen fertig gestellt. Čmo war gewachsen, wurde graziöser und seine Instinkte kamen klarer durch. Er spielte nicht nur – er jagte sehnsüchtig und vergnügt. Er machte im Prozess der Jagd mit seinem ganzen Körper mit, mit all seiner Achtsamkeit. Zum Objekt der Jagd konnte alles werden. Ein Apfel, der vom Tisch gefallen ist, ein Schuh, der im Flur abgestellt worden war, das Gesicht des Nachrichtensprechers im Fernseher. Aber meistens Genas Beine.

                                                                4.

Stepanyč hatte sich verliebt. Das war irgendwie peinlich, gewissenlos in seinem Alter. Denn er verliebte sich nicht einfach so, nicht platonisch, sondern voller Sehnsucht, mit Begeisterung, bis zum Zittern. Sein ganzes vergangenes Leben verbrachte Stepanyč in Einsamkeit. Es gab viele Möglichkeiten aber er heiratete nicht. Es hat nicht geklappt. Er hatte nicht einmal Freunde, nur einen  Bekannten – einen Nachbarn, Mark Ivanovič, sie kannten sich nur sporadisch, wie alte Kumpel meckerten und stritten sie ständig. Mark Ivanovič war ein bedeutsamer Mensch, eine Autorität, er fuhr einen „Merce“ mit coolem Nummernschild. Zur Einwohnerversammlung schickte er seinen  Sekretär. Doch Stepanyč hielt diese Persönlichkeit für gekünstelt und verpasste nie die Möglichkeit, Mark Ivanyč runter zu ziehen. Und zur Antwort bekam er immer irgendeine Stichelei. So waren sie befreundet. Sein ganzes Sein widmete er einer Sache. Fast vierzig Jahre arbeitete er als Arzt, hat sich seiner Zeit an menschlichen Wehwehchen, bis zur Übelkeit, satt gesehen. In seiner Wohnung herrschte absolute Ordnung und Sauberkeit, wie im OP- Saal. Jeder Gegenstand hatte seinen streng vorgeschriebenen Platz. Das Draußen reizte ihn. Dort lagen überall Müll, Kippen, Bonbonpapiere und Flaschen. Dort draußen spuckten die Leute direkt auf den Boden und klebten unordentlich Anzeigen auf die Türen der Treppenhäuser. Im Sommer erschienen Arbeiter in gelben Anzügen, die laut fluchten den Asphalt bearbeiteten, neben ihnen schrie die Straßenwalze, als ob die Gaswolken explodierten, erzitterten und losgelassen wurden. Die Winter in Almaty waren feucht und schmutzig. Die Sonne schien durch die bleierne Luft. An solchen Tagen schien es Stepanyč, dass es nicht die Luft sei,  sondern irgendetwas voll mit zierlichem, schmutzigem Schnee, irgend ein Halbnebel, der sich als dicker Ruß auf die Fenster und Autos absetzte und einen schweren, stickigen Atem verursachte. Aber der jetzige Winter war anders. Obwohl, wie gewöhnlich, bewölkt, aber still, frostig und verschneit. Der Schnee verdeckte den Unfug, füllte die Straßengräben, versteckte den nicht weggeräumten Müll des Herbstes. Es schneite oft und für die Momente wenn es zu schneien aufhörte, kam der blaue Himmel zum Vorschein, so offen, schutzlos, dass einem unangenehm zu Mute wurde, sodass man die Augen verstecken wollte. In diesem Winter begann Stepanyč seine Spaziergänge zu machen. Er verließ das Haus früh am Morgen, als der Schnee noch unberührt war und schlenderte durch das alte Zentrum von Almaty. Mit der Zeit bildete sich eine Route heraus. Entlang der Bajsevitova, vom neuen Platz bis zur Ševčenko, dann vorbei an dem Mimovoj- Krankenhaus, in den Park in der Nähe des Oper – und Ballett – Theaters. Von da aus ging es entlang der Panvilova bis zur Grünanlage auf dem alten Platz und weiter abbiegend zum Kazybek Bi. Er ging weiter bis zum Park achtundzwanzig in der Panfilowcer, umging ihn um beim ewigen Feuer zu verweilen, legte den Kopf in den Nacken, um die Riesen zu begrüßen, dem Musikinstrumentenmuseum zuzunicken, den Park zu verlassen und weiter zu ziehen auf der Ualihanova bis zur Abajs. Manchmal ging er auch die Tulebajka entlang, vorbei an den schweren, dreieckigen Tannen und sich küssenden Pärchen. Bei einem dieser Spaziergänge sah er sie. Sie war kräftig, hochgewachsen, einen Kopf größer als Stepanyč, und war dünn angezogen trotz der Kälte. An den Beinen trug sie eine Leggins und gelbe Turnschuhe auf den Füßen. Obenrum einen Fellmantel und auf dem Kopf eine Mütze. Während Stepanyč weiterging, lief sie an ihm vorbei, sportlich, sich mit den Füßen von der Erde abhebend.  Stepanyč blickte auf ihren schaukelnden, kräftigen Hintern und beschloss ihrer Spur zu folgen, kam aber bald außer Puste, und der Hinter, immer noch schaukelnd, verschwand hinter der Abbiegung. Das war keine Liebe auf den ersten Blick, aber Stepanyč  hatte sich festgehakt. Bis zum Ende der Woche kannte er die Route der unbekannten Sportlerin, sie joggte immer morgens von Neun bis Zehn, machte drei bis vier Runden im Park der Panflowcer, lief dann weiter entlang der Ualihanova bis zur Akademie der Wissenschaften und verschwand in einem der benachbarten Häuser. Er war jedoch nicht bereit, sie anzusprechen, doch seine Angst entbrannte immer stärker. Die Chance ergab sich plötzlich wie es immer so ist. Draußen war Frost und Glatteis und Stepanyč achtete nicht auf seine Schritte. Er drehte ständig seinen Kopf um die Sportlerin zu beobachten. Er joggte am ewigen Feuer vorbei, vorbei am gelben Voznesensky Sobor und bog ab in die zentrale Gartenstraße. Plötzlich erblickte er etwas, nur für einen Augenblick. Ein dunkler Streifen blitzte vor seinen Augen auf. Entweder war es der Baum, der zur Begrüßung einen dünnen, biegsamen Zweig ohne Blätter herausstreckte oder es waren Raufbolde, die einen Draht zwischen die Büsche gespannt haben. Stepanyč reagierte ungewollt, versuchend sich im Lauf zu bücken, vorbei zu laufen an dem unerwarteten Hindernis, aber er hampelte stärker als nötig. Die Beine bewegten sich, rutschten aus und Stepanyč fiel mitten im Park um.  Er fiel so ungünstig auf die Seite und verrenkte den Handknöchel. Mit Mühe begann er sich aufzurichten und spürte, wie jemandes starke Hände ihm unter die Achseln griffen. Für einen Moment dachte er, dass er in die Kindheit zurückgekehrt war, er wurde wieder zum Jungen mit zerkratzten Knien, ein junger Kerl, der mit den warmen Händen der Mutter von der Erde aufgehoben wird. „Sind Sie in Ordnung?“ Die Stimme gehörte nicht seiner Mutter, sie war tief und rau. Stepanyč sammelte sich und sah sie mit ihrer Mütze. Sie hatte hellblaue, fast durchsichtige Augen und ein gebräuntes Gesicht mit dünnen fast unsichtbaren trockenen Fältchen. „Ich“, sagte  Stepanyč und betrachtete sein Handgelenk. „Ich glaube meine Hand ist gebrochen.“ Auf dem Weg zum Krankenhaus lernten sie sich kennen. Stepanyč saß ganz in ihrer Nähe auf der Rückbank vom Taxi. Sie hielt ihm als Erste die Hand hin. „Ich heiße Tonja, Antonina. Und Sie?“  Stepanyč hielt ungeschickt ihre Hand mit seiner Gesunden. „Ich bin Viktor Stepanyč, lass uns direkt duzen, Tonja.“ „Nein, das kann ich nicht. Sie sind schließlich…“ „Du Tonja, Du. Es ist wahr. Kurzweg, du hast mir praktisch das Leben gerettet.“ „Ach was, Leben“, lachte Tonja. „Viktor Stepanyč, richtig? Gut Stepanyč, wie du magst. Du, dann Du.“ Im Krankenhaus wurde er schnell geröntgt, man fand einen Bruch und  Stepanyč erhielt einen Gips. „Auf dem Gang – ist das Ihre Tochter oder Enkelin?“, fragte der junge Mann, die Hand verbindend. „Tochter“, sagte  Stepanyč und blickte finster drein.

                                                                       5.

Nazar öffnete die Tür mit seinem Schlüssel, zog die Schuhe aus und betrat die Küche. Abaj lag halb auf dem Küchensofa und nippte finster an seinem Tee aus der Schale mit Gurkenmotiv. Auf der Fensterbank lief der Fernseher, der Ton war ausgeschaltet. „Abaj, Bruder, ist es nicht genug?“, fragte Nazar und setzte sich ihm gegenüber. „Was bist du nur für ein Mensch? Wirst du bis zum Lebensende so sitzen?“ Abaj antwortete nicht. Im Fernsehbildschirm öffnete und schloss sich ein Mund. „Steh auf, lass uns spazieren gehen“,  schlug Nazar eindringlich vor. „Wenigstens etwas frische Luft schnappen. Du sitzt hier wie ich weiß nicht wer. Du sitzt schon seit drei Jahren so, bist ganz schimmelig  geworden.“ „Hör auf, Nazar“, sagte Abaj weich. „ Setz dich, lass uns Tee trinken, Ich habe eben welchen gekocht, frisch und kräftig. Wofür sollen wir uns beeilen? Die Luft ist nur da rein, wo man frei atmen kann. Deswegen macht es keinen Unterschied, hier oder draußen.“ „Es gibt einen Unterschied.“ „Ja, gibt es, ,stimmte Abaj zu. „Dort ist kalter Schnee, hier ist heißer Tee. Ich bevorzuge auf jeden Fall das Zweite. Also gieße ein. Dir selbst und mir. Welchen Sinn hat es, das Haus zu verlassen? Man sagt, mehr als du bekommst, wirst du nicht erfahren. Habe ich dir von dem Sack voller Körner erzählt?“ „Nein, welcher Sack?“ „Ich habe mal davon geträumt. Habe ich dir sicher nichts davon erzählt? Natürlich ist es Unsinn aber ich erinnere mich in letzter Zeit oft an den Traum. Als ob ich neben einem runden Tisch stünde und vor mir alle Weisen der Welt. Kannst du es dir vorstellen? Ich und die ganze Weisheit der Welt! Der Sack ist schwer, die Hand ist angespannt. Und ich mache ihn auf und sehe – darin sind Körner.“ „Und wie weiter?“, fragte Nazar. „Was, weiter? Das war alles, ich bin dann aufgewacht.“ Abaj nahm die Fernbedienung von der Fensterbank und der Mund im Fernseher begann zu sprechen. „…um eine Gesellschaft von nicht-ignoranten Menschen zu formen, die ein erfolgreiches Kasachstan erschaffen wollen. Aufklärung und Wohlergehen.“ Genau dieses Ziel erklang beim Treffen…Nazar stand auf und zog das Kabel des Fernsehers aus der Steckdose. „Ich fuhr eben am Park vorbei. Da stehen Panzer…“, sagte er. „Echte Panzer, ganz neue…Ist es immer so hier?“ „Ich weiß es nicht.“ Nazar berührte Abajs Schulter, in den dunklen Monitor des Fernsehers blickend. „Ich gehe ganz selten raus, wie du siehst. Solange es Essen und Wasser gibt, muss ich nirgendwo hingehen. Mach den Fernseher an, lass uns Nachrichten schauen. Vielleicht erzählt man irgendetwas über deine Panzer.“ „Schalte ihn selber an“, murmelte Nazar. „Du hast übrigens keine Lebensmittel bei dir zuhause. Ich habe morgens alle Schränke durchsucht und fand nichts. Nur Konserven. Wie kannst du nur so leben? Das verstehe ich nicht.“

                                                                       6.

„Schon wieder räumen sie unseren Hof nicht auf“, sagte Alija. „Der  Hausmeister war seit heute morgen nicht draußen gewesen. Hast du mit der Eigentumswohnungsverwaltung telefoniert?“ „N- Nein“, antwortete Danijar unsicher und erinnerte sich daran, dass er es hätte tun sollen. „Schon wieder vergessen? Ich habe dich doch darum gebeten…“, sagte Alija vorwurfsvoll. „Warum muss ich dich immer daran erinnern?“ „Ja und? Muss ich jedes deiner Worte aufschreiben, oder wie?“, fragte Danijar gereizt und fühlte, dass die ganze Sache nach einem Skandal roch. Alija war immer zurückhaltend mit Emotionen, doch manchmal blitzte sie unerwartet auf, begann solche Blitze auszusprühen, dass man sich verstecken und den Sturm abwarten sollte. Alija antwortete nichts, doch ihr Gesicht verdüsterte sich und sie ging still in die Küche. In solchen Situationen wusste Danijar nicht, wie er sich verhalten sollte. Er rief sofort die  Eigentumswohnungsverwaltung an aber dort nahm, wie gewohnt, keiner den Hörer ab und es war absurd darauf zu hoffen, dass an einem Samstag, bei einem solchen Schneesturm, jemand den Hausmeister dazu zwingen würde, seine Arbeit zu machen. Jedenfalls nicht in Almaty. Danijar konnte sich genau daran erinnern, wie er sich wunderte als er bei seinem Dienst in Moskau in ein winterliches Unwetter kam. Die ganze Nacht schneite es und die ganze Nacht kehrten die Straßenkehrer die Straße, junge Männer – Tadžiken. Sie fegten ohne Pause, von einem zum anderen Ort. Morgens, als Danijar das Treppenhaus verließ, türmten sich auf den Seiten Schneehaufen, die fast bis zur Hüfte gingen. Dafür waren die Wege sauber, schwarz gestreut mit einem feinen Sand. Die Straßenkehrer verschwanden. Danijar verstand ihre Logik. Wofür kehren wenn Neuschnee fällt? Besser warten, bis es aufhört zu schneien und später erst mit der Sache beginnen. In dieser Zeit hat sich, der auf die Erde gelegte Schnee, von den Maschinen wegdrücken lassen, Eisschichten, glatt und fest vom Frost. Zum Asphalt vorzudringen war nur möglich wenn man das passende Werkzeug dafür hatte. Im Internet tauchten bald Zusicherungen auf, dass die Stadt bald in Ordnung gebracht werden wird, vom Schnee befreit werden wird. Aber die Versprechen gingen nicht in Erfüllung, bis die Sonne aufging, eine weiche Frühlingssonne, die schnell die Aufgabe erfüllte, die den Beamten so schwer fiel.  Bei der Eigentumswohnungsverwaltung hoben sie den Hörer immer noch nicht ab, sodass Danijar nicht zu Alija gehen konnte, um ihr mitzuteilen, dass die Sache mit dem Hausmeister geklärt sei. Die Woche wurde mühselig und er hoffte so sehr, sich am Samstag ausruhen zu können, einfach nur ausruhen, leichtsinnig faulenzen. Länger im Bett bleiben, fernsehen, die Programme auflistend, ohne darüber nachzudenken was da läuft, auf den Bildschirm schauen wie in das Feuer eines Kamins. Jemanden von den alten Freunden anrufen, wenigstens Maksa Oblepihina oder Adilja. Jemanden, mit dem man Smalltalk halten konnte. Oder den Computer einschalten und eine Runde zocken, ein Ballerspiel oder Fußball. So eine Erholung wünschte sich Danijar. Jetzt fühlte er sich jedoch schuldig vor Alija und deswegen war an Ausruhen nicht mehr zu denken. Das Herz würde sich sowieso sorgenvoll zusammenziehen und im Kopf würden sich Gedanken sammeln über die Möglichkeit, sich mit Alija zu vertragen. Dafür müsste man zu ihr gehen und davor fürchtete sich Danijar. In Gedanken beschloss er noch abzuwarten und irgendetwas nützliches im Haushalt zu machen. Alija liebte es, wenn Danijar etwas im Haushalt machte. Er wechselte die durchgebrannten Glühbirnen, drehte die losen Klinken zurecht…dazu kam, dass Danijar im letzten Monat wenig zuhause war, er steckte immer länger auf der Arbeit fest, in dieser Zeit sammelten sich eine Menge Kleinigkeiten, die seine Aufmerksamkeit benötigten. Danijar streifte durch die Wohnung, reparierte die schiefen Türchen der Schränke im Wohnzimmer, schraubte an den Muttern des defekten Handtuchhalters im Badezimmer und beschloss dann den Müll zu entsorgen. Die zugeschnürten Müllsäcke standen schon seit gestern Abend an der Türschwelle und rochen etwas streng. Er zog sich eine Jeans und einen alten Pullover an und wollte gerade rausgehen als er hörte, wie in der Küche etwas umfiel. „Alija! Ist alles in Ordnung?“, rief Danijar und ohne die Antwort abzuwarten, ging er zu ihr. Vor Alija lag ein großer Topf, aus diesem floss der Rest der gestrigen Suppe auf die Fliesen. „Wie oft habe ich dich darum gebeten“, sagte Alija, Danijar erblickend „die schmutzigen Töpfe sofort zu waschen. Du bringst immer alles durcheinander.“ „Was bringe ich durcheinander?“, murmelte Danijar, als er den Topf aufhob und den Boden mit einem Lappen schrubbte. „Alles bringst du durcheinander“, rief Alija. „Alles, schau dir unser Haus an. Wohin man auch blickt, nichts ist an seinem Platz. Überall sind irgendwelche Papiere, Schraubenzieher, Unterhemden – alles durcheinander. Kannst du den Gegenstand nicht dahin zurück legen, woher du ihn hast? Ist es etwa zu schwer? Wir haben doch ausgemacht, dass du die Töpfe wäschst. Du weißt doch, dass es mir schwer fällt. Das war die einzige Bitte…züchtest hier Spinnen, wozu?“ „Welche Spinnen?“, fragte Danijar die Stirn runzelnd. „Wir haben hier keine Spinnen.“ „Die werden schon auftauchen“, rief Alija. „Wie oft habe ich es dir schon gesagt – leg die schmutzige Wäsche direkt in den Korb, bis jetzt sind überall in der Wohnung deine Socken verteilt, unter jedem Schrank. „Nicht unter jedem, nur unter einem“, protestierte Danijar. „Jeden Tag koche ich für dich, putze, wasche. Schon seit einem Jahr bitte ich dich, eine Spülmaschine zu kaufen, aber dir ist es egal. Wer bin ich denn? Eine Bedienung? Du denkst überhaupt nicht an mich“, Alija schaute streng auf Danijar und schrie wieder auf. „Warum setzt du dich in dieser Straßenjeans auf den sauberen Stuhl? Hast du etwa keinen Kopf?“ „Ich habe mich selbst hingesetzt und wische es selbst weg“, sagte Danijar gereizt, stand auf und wischte über den Stuhl. „Hast du sie noch alle?“, schrie Alija. „Zuerst wischst du den Boden und dann mit dem selben Lappen den Stuhl!?“ „Warum schreist du mich an?“, beklagte sich Danijar. „Kannst du nicht normal reden?“ „Du verstehst normal nicht“, sagte Alija mit einer abbrechenden Stimme. „Es ist unmöglich mit dir zusammen zu leben. Ich kann es nicht, ich gehe lieber irgendwo anders hin, ist egal wohin, nur ohne dich.“ „Ich lasse dich nicht“, sagte Danijar. „Wohin mit dir?“, fragte Alija, ohne ihn anzublicken. „Ich kann so nicht mehr.“ „Dann gehe lieber ich weg“, sagte Danijar. „Wenn ich dich so reize, gehe ich.“ „Dann geh“, sagte Alija. „Geh, mir ist es egal.“ „Ich gehe“, sagte Danijar, „ich gehe.“ Er ging in den Flur, zog sich den  Fellmantel an, dann die Mütze, schnürte sich die Schuhe zu, nahm den Autoschlüssel, zählte etwas Geld aus dem Portemonnaie ab und ging raus, hinter sich die Tür zuknallend. Er wusste genau wohin er ging. Über ein Gasthaus dachte er gar nicht nach. Es fing bereits an zu dämmern, deswegen ging er erst einmal zum Geschäft um die Ecke, kaufte Wasser, Brot, eine Stange Wurst, ein Stück Käse und ein paar Tafeln Schokolade. Er kehrte mit den Einkäufen zurück auf den Hof, öffnete sein Auto, das mit Schnee bedeckt war und kletterte auf den Beifahrersitz. Der Schnee begann zu fallen, mit großen klebrigen Flocken, dann wurde er weniger, wurde schärfer, wieder stärker, häufiger. Ein Wind kam auf, es klatschten und donnerten die blechernen Blätter auf den Dächern, die Drähte schaukelten. Alija fing  an sich Sorgen zu machen und schaute auf den Hof. Ihr alter Jeep stand direkt vor der Straßenlaterne. Aus dem Auspuff entwich ein dichter, weißer Dampf. Alija war im Allgemeinen nicht froh darüber, dass er gegangen war, aber sie war auch nicht traurig, nein sie fühlte zunächst, dass es so gerecht war, dass er, Danijar, es verdient hatte bestraft zu werden und sie hatte es verdient etwas Zeit alleine zu verbringen. Nach dem sie sich vergewissert hatte, dass ihr Ehemann im Auto übernachtete, beruhigte sich Alija wieder, machte Musik an und kümmerte sich um den Haushalt. Sie räumte auf, wischte die Fensterbänke, goss die Blumen. Dann erhitzte sie das Wasser im Wasserkocher und trank einige Tassen Tee, dazu aß sie Haferkekse. Sie schaltete den Fernseher an, blätterte durch die Sender und machte ihn ungeduldig wieder aus, nachdem sie nichts passendes für sich gefunden hatte. Vor dem Fenster schneite es leicht. Auf der Spitze des Nachbarbaumes saß eine Krähe. Alija drohte ihr mit dem Finger. Die Krähe saß noch einen Augenblick so da und dann, sich vom Zweig abstoßend,  flog sie los, mit aller Kraft die Flügel schlagend. Alija wollte sich irgendeinen Film ansehen aber alle neuen Filme wollte sie gemeinsam mit Danijar schauen und deswegen war es nicht gerecht, sie ohne ihn zu gucken. Sie blickte wieder heimlich runter zum Hof. Der Schnee hatte schon die Spuren des Tages versteckt. Draußen war alles weiß, unberührt. Sie zog die Vorhänge zusammen, zog sich aus und kroch unter die Bettdecke. Der Winter war sofort weit entfernt und durchsichtig, es war nur irgendwie ungewohnt und traurig einzuschlafen, und neben sich nicht den warmen Danijar zu spüren. Draußen hörte es nicht auf zu schneien. Autos, die im Hof standen, verloren mit der Zeit ihre Konturen, der Schnee ließ sie größer erscheinen und glättete ihre Umrisse,  verwandelte sie in gigantische, weiße, abschmelzende Kerzen. Danijar lag sich halb zurück gelehnt auf dem Vordersitz seines Jeeps und schaute wie die Welt vor seinen Augen verschwamm. Von innen schien der Schnee auf dem Frontfenster nicht weiß, sondern schwarz zu sein. Doch das gelbe Licht der Laterne schien auf den Schnee, als würde die Welt flimmern. Danijar startete den Wagen, machte den Ofen an, wärmte das Innere, entschied sodann, dass er in dem gestarteten Wagen nicht schlafen konnte und stoppte den Motor. In seinem Kofferraum lagen einige Picknickdecken. Er wickelte  sich in alle ein und zog eine Mütze über die Ohren. Auf das Frontfenster schauend, kam er sich vor wie ein Neugeborenes, in Winden gewickelt. Doch er bewegte sich nicht zum Licht, sondern in die entgegengesetzte Richtung.

                                                                       7.

Die Hand schmerzte. Stepanyč bekam einen professionellen Gips. Beim Frost spürte man die Schmerzen nicht, doch jetzt tauchten sie auf, stumpfe, ziehende, unangenehme Schmerzen.  Stepanyč ging langsam, aufmerksam, die Beine so bewegend, um nicht noch einmal zu stürzen. Als er das Treppenhaus erreichte, sah er vor der Tür einen zerrissenen Sack Müll. Aus der Tüte floss irgendeine trübe Flüssigkeit. „Schon wieder fünfundzwanzig“, sagte Stepanyč verärgert als er stehen blieb. Die Flüssigkeit verfestigte sich langsam, zerfloss zu einer Pfütze über dem Betonboden und fror ein im Frost. Stepanyč hockte sich hin, ochte, schnappte mit der gesunden Hand die Tüte und brachte sie zum Mülleimer. Auf dem Parkplatz, umgeben von Autos, lungerte Danijar herum. „Guten Tag Viktor Stepanyč“, sagte dieser fröhlich, „bringen Sie den Müll raus?“ „Hallo Danijar!“, sagte im Stehenbleiben Stepanyč. Aus der Tüte tropfte gelbe Flüssigkeit auf den Schnee. „Hast du eine Ahnung, wer hier den Müll vor meinem Treppenhaus stehen lässt?“ „Keine Ahnung“, Danijar fuchtelte mit den Armen: „ja und? Ist ja nicht zum ersten Mal.“ „So finde ich eine Tätigkeit. Gut, nicht jeden Tag aber sicher ein paar Mal die Woche. Und so geht das schon das halbe Jahr.“  „Bringen Sie eine Videokamera an“, riet ihm Danijar. „Legt mit den Nachbarn zusammen und installiert hier eine.“ „Welche Kamera? Was sagst du da, Danijar? Niemand will hier eine Verbesserung. Möge Gott das bewahren, was es schon gibt. Nur macht mir der Müll Blasen auf den Augen. Und dann denke ich mir, bin ich der einzige, der das braucht? Wenn ich es nicht mache, wie lange bleibt der Müll dann stehen? Und stell dir vor, er steht ein Tag, Zwei, Drei. Alle gehen dran vorbei und beschweren sich nicht. Gut, dass Winter ist, sonst wäre hier alles voller Mücken. Ich habe es natürlich nicht ausgehalten und fragte die Nachbarn. Aber niemand wollte es zugeben, dass der Müll ihnen gehört. Und dann sage ich – soll das hier so stehen bleiben? Und man sagt zu mir, hau ab Stepanyč. Wenn es dich so beschäftigt, dann geh und bring ihn selber raus. Und so begann ich dem Müll raus zu tragen.“ „Wie hinterhältig“, sagte Danijar, „Wissen Sie, ich bin zur Zeit im Auto…Das heißt, ich verbringe viel Zeit im Hof. Ich kann einen Blick auf ihr Treppenhaus werfen. Wenn ich jemanden sehe, erzähle ich es Ihnen. Oder ich nehme es selbst in die Hand. Das lohnt sich ja für gar nichts. Und wenn man das so lässt, fangen sie morgen an ins Treppenhaus zu kacken. Was ist mit der Hand Viktor Stepanyč?“ „Ach, unwichtig“, winkte  Stepanyč ab. „Und du, hab Acht, hab Acht Danijarchen. Man muss nicht kämpfen, sag einfach wer es war und wir regeln das selbst.“ „Gut“, stimmte Danijar zu, „Geben Sie mir den Müll, ich bringe ihn raus, und Sie – gehen Sie nach hause und kommen Sie zu Kräften.“ In der Wohnung angekommen, erhitzte Stepanyč den Wasserkocher, goss sich eine Tasse voll ein und machte den Fernseher an. Der Bildschirm blieb schwarz und wackelte leicht mit winzigen Pünktchen. „Was zum Teufel“m sagte verärgert Stepanyč und schaltete um. Es veränderte sich nichts, nur dass die Pünktchen heller wurden. Stepanyč klickte noch etwas mit der Fernbedienung und griff nach dem Telefon, um den Reparatur-Dienst anzurufen, als es an der Tür klopfte. Stepanyč schaute in das Guckloch. „Wer ist da?“ „Guten Tag“, im Guckloch wackelte und verschwamm das Gesicht eines Kerls mit Brille und Kappe. „Wir haben aus versehen Ihren Draht durchgeschnitten, wir wollten bei Ihrem Nachbarn den Fernseher installieren und haben zufällig Ihren Draht abgeschnitten.“ „Meine Fresse“, sagte Stepanyč, öffnete die Tür und trat auf den Flur. „Einfach nur meine Fresse, wie kann man nur zufällig einen Draht zerschneiden?“ „Ja, ich habe die Kabelführung durchgeschnitten, in der Ihr Kabel liegt und habe falsch kalkuliert“, versuchte sich der Kerl zu rechtfertigen. „Hör mal, weißt du wer ich bin?“, fragte  Stepanyč. „Ich bin Chirurg im vierzigjährigen Dienst. Und wenn ich falsch kalkulieren würde und dir anstatt des Blinddarms eine Niere herausnähme?“ In der Wand des Treppenhauses klafften zwei Löcher und von der akkuraten Kabelführung, die in die Wohnung  Stepanyčs führte, verlief schräghin ein neuer Zweig. „Entschuldigung“, sagte der Kerl. „Entschuldigung“, äffte Stepanyč ihn nach. „Warum hast du überhaupt deine Nase in meine Kabelführung gesteckt?“ „Um das Äußere des Treppenhauses nicht zu stören. Wir haben eine solche Ordnung“. „Als hättest du hier Schönheit erschaffen“, sagte Stepanyč. „Warum ist alles so schief? Eure Hände wachsen euch aus dem Hintern.“

Gleich rufe ich deinen Chef an, um solche wie dich mit dem Besen zu vertreiben.“ „Ne, Sie können nicht anrufen – das Telefonkabel habe ich auch zerschnitten.“ „Oha, was seid ihr für Spezialisten“, Stepanyč wackelte mit dem Kopf. „Wie willst du es nun flicken?“ „Ich löte es“, sagte der Kerl nachdenklich. Eine Etage tiefer fiel eine Tür ins Schloss. „Jungs, seid ihr fertig?“, hörte man eine weibliche Stimme.  Stepanyč beugte sich über das Geländer, „Olga Jurjevna, verlegt man etwa bei Ihnen das Kabel?“ „Guten Tag, Viktor  Stepanyč. Was ist denn los? Ist alles in Ordnung?“ „Ja, eure Jungs haben mich ohne Fernseher und Telefon gelassen.“ „Oh Gott“, ochte Olga Jurjevna. „Gleich Gena. Machen Sie sich keine Sorgen, Viktor  Stepanyč, ich habe einen Elektriker, der ist Gold wert. Er wird alles reparieren, Gena, Gennadij.“  „Gut“, murmelte  Stepanyč, „Flickt es schneller. Ich brauche das Telefon.“ Er kehrte wieder in die Wohnung zurück…Der Tee war schon kalt, musste wieder erhitzt werden. Vor dem Fenster fiel nach wie vor in dicken Flocken Schnee.  Stepanyč berührte seinen Gips und wackelte mit den Fingern. Ein Riss, so ein Unsinn. Dafür kennt er jetzt Tonja. Antonina. Tonečka. Ein guter Name. Und das Mädchen, so hübsch. So groß und stark.  Stepanyč mochte starke Frauen. Sie gab ihm ihre Nummer. So leichtsinnig.  Stepanyč schmunzelte. Die Alten haben Glück. Man sollte heute schon anrufen, ohne es zu verlegen. Er ging zum Telefon, nahm den Hörer ab, hörte hin. Ein Ton, das heißt, es wurde schon repariert. Er nahm ein zweimal gefaltetes Schnipsel Papier aus seiner Brusttasche hervor, welche am Jackett im Flur befestigt war. Zum Teufel, welch winzige Schrift. Wo ist die Brille? Gefunden. So. Drei Siebener. Mobiltelefon etwa? Gut, wählen wir. Sie hob sofort ab. „Guten Tag, Tonja!“, sagte  Stepanyč verlegen. „Ja, ja. Wirklich? O, bei mir ist alles in Ordnung. Tonja, ich würde dir gerne irgendwann…ähm, danken. Kann ich dich zum Essen einladen? Ja, so ist das, hier gibt es nichts, wo man hingehen kann. Wir gehen ja nicht ins Theater, also was? Ja, ja. Abgemacht, bis morgen.“  Stepanyč sagte zufrieden „Hm“, setzte seine Brille richtig auf und stellte den Hörer zurück in die Station.

                                                                       8.

Abaj saß immer noch in der Küche und starrte in den Fernseher. Nazar setzte sich neben ihn und holte aus der Tüte zwei Flaschen Wodka hervor. Abaj schaute ruhig auf die Flaschen und sagte: „Dort im Schrank, auf dem obersten Regal, steht ein Glas mit eingelegten Tomaten. Gute Tomaten. Meine Nachbarin, Alija, hat sie selbst eingelegt. Du kennst doch Alija. Hol raus, dann haben wir was zum beißen.“ Das Glas war mit grauem, klebrigem Staub bedeckt. „Du räumst zuhause gar nicht auf, oder?“, fragte Nazar, die Tomaten auf den Teller ablegend. „Bald werden Pilze auf deinen Wänden wachsen.“ Sie tranken den Wodka. Auf den Abfluss vor dem Fenster, mit den Flügeln raschelnd, setzte sich eine Taube, kaum noch am Rand haltend, mit den Krallen das fleckige Blech kratzend. Sie riss die Augen auf, schaute ohne Unterbrechung auf die Tomaten und rutschte dann aus, die Flügel aufschlagend, wurde sie vom Wind fortgetragen. „Hier war doch früher ein Balkon“, sagte Abaj und streckte sich, um nochmal die Gläser zu füllen. „Lange her, ungefähr vor sechs Jahren. Erinnerst du dich? Ich war damals noch im Dienst. Als man mit der Renovierung begann, stellte sich heraus, dass im alten Schrank auf eben diesem Balkon die Tauben ein Nest erbaut haben. Wir haben den Balkon mit der Küche verbunden, die Wand wurde entfernt, Krach, Staub…Die Tauben haben wohl Angst bekommen und sind weggeflogen, und die Eier blieben im Nest. Zuerst wollte ich das Nest ganz nach draußen tragen, irgendwo auf einen Baum hängen, doch dann verstand ich, dass die Katzen es essen würden. Und klar, wenn die Vogeleltern nicht zurückkehren, bleibt den Küken nur das Sterben und das Gewissen ist schlecht. Ich habe sie dann aufs Dach getragen, dachte am nächsten Tag mal nach ihnen zu schauen, doch dann hatte ich es vergessen und kletterte nicht mehr dorthin. Und als der Balkon verglast wurde, fingen die Tauben an, hierher zu fliegen. Wie jetzt – kommt die Taube her als ob sie etwas suche und fliegt wieder weg? Gut, lass uns trinken.“ „Lass uns trinken“, sagte zustimmend Nazar. Nazar trank aus und Abaj starrte lange auf das Glas und sagte endlich: „Du sagst, dass ich wie ein Eremit lebe, nie rausgehe, ja? Hattest du nie so etwas, dass du gehst und dann plötzlich vor dir ein Schatten auftaucht und dein Körper zur Seite zuckt, sich wegduckt von diesem Schatten? Und dann stehst du auf, blickst dich um, und es gibt nichts im Umkreis von diesem Schatten. Leere. Und warum hast du dich weggeduckt? Hast du nicht manchmal so ein Gefühl?“ Nazar bewegte ablehnend den Kopf. Abaj schaute den Bruder aufmerksam an und senkte wieder die Augen. „Bei mir war das immer so. Die ganze Welt bestand früher aus diesen Fäden – dunklen, gespensterhaften, auf alle Seiten gespannt, versuch dich nur zu ducken. Was denkst du, warum ich zuhause sitze? Weil dort“, Abaj zeigte mit dem Finger auf das Fenster, „nur Fallen…Ich war schon in der Armee, müde, immer bereit zu sein. Nur so – Abteilung aufstehen! Heute hier und morgen werden wir ins Unbekannte abkommandiert. Immer auf der Hut, dachte ich. Mache den Dienst zwanzig Jahre und dann in Rente, als Zivilbürger. Dachte man kann dann ruhig leben, nichts fürchten. Hier ist es noch schlimmer. Du biegst um die Ecke und da ist ein Graben, sie wechseln wieder die Rohre. Du gehst zur Seite und da ist eine offene Luke. Du sagst nur ein Wort und schon kippt man auf dich einen Eimer voller Abfälle. Überall Fallen. Der Krieg ist im Gange, doch den Feind sieht man nicht. Nur das Gefühl als ob die ganze Stadt mit einem Spinnennetz bedeckt ist. Mit einem klebrigen, schwarzen Spinnennetz. Und irgend jemand hat sich stark in diesem Spinnennetz verfangen. Manch einer zittert noch. Manche sind schon vergiftet  worden. Und ich duckte mich weg, duckte mich, bemühte mich. Dachte nur daran, die Spinne zu finden, sie zu  mustern. Denn wenn es ein Spinnennetz gibt, dann muss es auch eine Spinne geben, stimmt es ? Und dann verstand ich, dass ich es selbst nicht bemerke, wie ich mich verheddere. Sobald ich denke den Schatten der Spinne zu erblicken und dann genauer hinsehe – nein das ist nur eine Fliege, die im Spinnennetz flattert. Dann höre ich einen Lärm, bewege mich sofort dahin, und da ist eine andre Fliege, beide so dick und speckig. Als ob sie von der Spinne verlassen wurden, um abzulenken. So lief ich hin und her. Und obwohl ich nichts machte, kam ich immer erschöpft nach hause, konnte weder Beine noch Arme bewegen. Weil das Spinnennetz klebt. Klebt sich auf die Augen, verkriecht sich in den Ohren. Und alles drumherum ist so, du berührst das Glas vom Fenster und siehe da, auf den Fingern ist etwas schwarzes, öliges. Triffst du den Blick eines Menschen, doch seine Augen sind leer, vergiftet, aus dem Mund fließt Gift.“ Abaj atmete mit viel Kraft aus und trank. Nazar schwieg, unwissend, was er dem Bruder sagen sollte. „Ich rede unverständlich, stimmt’s?“, fragte Abaj. „Ich habe selbst anfangs nichts verstanden“, sagte Abaj, „deswegen habe ich mich hier eingesperrt. Ich wollte alles überdenken, wie es sich gehört. Ich saß nur da und habe den ganzen Tag ferngesehen. Ich hoffte, dass ich dieses Spinnennetz von der Seite betrachten könnte. Erinnerte mich an die Eltern. Erinnere mich daran, wie unser Kindheit war. Weißt du noch, wie wir auf die Garagen der Eltern kletterten. Kennst du noch Onkel Vitja? So einen Bärtigen? Er fuhr einen

weißen Moscvič. Und seine Frau, Tante Vera. Sie wohnten eine Etage über uns. Und ihnen gegenüber die Familie Tulegenovy. Ajdar war die Ältere und mit Bek und Asel‘ spielten wir draußen auf dem Hof. Sie hatten keinen Vater und die Mutter…wie heißt sie noch…?“ „Gauhar-apaj“, lächelte Nazar und füllte die Gläser mit Wodka. „Ja genau, Gauhar-apaj hat uns immer mit Äpfeln gefüttert. Weißt du noch? Ich habe die Bilder vor meinen Augen. An die Namen erinnere ich mich nicht an alle aber die Gesichter sind mir noch vertraut. Mitschüler, Freunde, ihre Eltern…und unsere Eltern, wie viele Freunde hatten sie. Sie kamen zu uns nach hause, fröhlich mit Gitarren, sangen Lieder, tanzten…Mama kochte beš-parmak, solch einen, dass der Duft das ganze Haus erfüllte. Erinnerst du dich? Irgendwie waren alle so glücklich. Ich erinnere mich an die Gesichter, offen, hell, die Augen klar…Es waren doch auch schwere Zeiten. Alle lebten ärmlich. In den Geschäften wurde kein Fleisch verkauft, Ich weiß noch, wie Vater extra aufs Land fuhr um Fleisch zu kaufen. Ich träumte von Würstchen, von diesen grau-rosaroten schrecklichen Würstchen.“ Abaj schmunzelte: „Und jetzt haben die Leute kein Glück. In den Augen nur Angst. Lass uns trinken.“ Die beiden stießen an und tranken. „Entschuldigung, jetzt habe ich zu viel gesprochen“, sagte Abaj, „heutzutage kann man selten reden.“ „Kennst du noch Nina, aus dem zweiten Treppenhaus?“, fragte Nazar und lachte. „Natürlich kennst du sie. Du hast ihr gefallen. Aber du warst schon seit der Kindheit kratzig. Wenn du sie getroffen hattest, wurdest du noch kratziger.“

„Sie ist vor einem Jahr gestorben“, sagte Abaj, sein Gesicht verfinsterte sich und verzog sich vor Schmerz. „Sie hat sich erhängt. Bek rief an und lud uns zum Begräbnis ein, doch ich ging nicht hin. Lass uns ihrer gedenken wenn wir uns schon erinnern.“ Sie tranken leise und saßen lange in der Stille. Jeder dachte über das Seine nach, vielleicht auch über etwas gemeinsames. Endlich fing Abaj wieder an zu sprechen. Unerwartet laut erklang seine Stimme in der dunklen Küche. „Weißt du, was ich denke? Bisher habe ich es noch niemandem erzählt, aber dir verrate ich es jetzt. Seit Nina tot ist, denke ich…weißt du, ich dachte früher, dass die Oberhäupter unseres Staates Diebe sind.“ Abaj drehte in seinen Fingern das leere Glas und hob den Blick auf Nazar. „Und weißt du, ich lebe damit, habe mich an diesen Gedanken gewöhnt. Bemühte mich, dass man mir nicht zu viel wegnahm, verdiente händeringend und bewahrte das Gute auf soweit ich konnte. Und jetzt blicke ich um mich und sehe, dass ich falsch lag, katastrophal falsch. Sie sind keine Diebe, sondern Mörder…“ Abaj hob den Kopf und Nazar staunte über seinen Blick. Kein Licht war in diesen Augen, nur Dunkelheit einer unendlich erweiterten Pupille. Und Abaj sprach schneller, als ob er einen Gedanken auffing und hatte nun Angst ihn loszulassen, beeilte sich, um die richtigen Worte zu finden: „Jaja, Mörder, was anderes lässt sich nicht sagen. Alle um dich herum töten sie. Unsere Erde, die fruchtbare Steppe, die grüne, töten sie. Unser Opa, weißt du noch, erzählte, dass früher Gras in der Steppe wuchs, so hoch wie ein Mensch, selbst den Reiter auf dem Pferd bedeckte es samt seinen Kopf. Der Aral ist ausgetrocknet, das Erdöl hat man der Erde ganz ausgesaugt, die Flüsse verschmutzt, auf dem Baikonur explodieren Raketen mit giftigen Treibstoffen. In den einen Städten Radioaktivität, in den anderen vergiftete Luft. Und selbst bei uns, hier in Almaty, ist es keine Luft, sondern ein bleierner, ewiger Nebel. Bäume werden mitten in der Stadt gefällt vor den Blicken der Menschen und die Machthaber verstecken sich hinter offiziellen Dokumenten. Und dann heizen sie mit diesen jahrhundertealten Eichen ihre Kamine. Unsere Berge ebnen sie mit Bulldozern um an deren Stelle Ski – Kurorte zu schaffen. Was bleibt am Ende übrig? Keine Kurorte, kein Geld, alles nur wie ein Sumpfloch irgendeines Nimmersatts. Uns es bleiben nur Berge und Menschen, gleich abgequält, verstümmelt…“ Nun senkte Nazar seinen Blick, nicht in der Lage, die aus Abaj sprudelnde Trauer auszuhalten. Abaj verstummte ebenso, qualvoll, finster blickend, als ob er in irgend ein Inneres schauen würde, in seinen Kopf und in sein Herz. „Und die Sprache“, rief er plötzlich aus und beeilte sich wieder, „früher war kasachisch eine wunderschöne Sprache. Wie gut haben die Leute sie beherrscht. Welche Lieder haben sie gesungen? Und in der Gegenwart? Du öffnest im Sommer das Fenster und hörst nur Flüche von der Straße kommen, machst den Fernseher an und da nur Neologismen. Da sagen sie, dass sie sogar das Alphabet wechseln wollen. Die Sprache ist doch jetzt schon krank, überlebt geradeso und dann bekommt sie ein Bein gestellt, wird in den Rücken gestoßen. Heutzutage gibt es wenig gebildete Menschen und wenn sie das Alphabet ersetzen, wird es davon keine mehr geben.“ Abaj berührte mit den Händen seine Schläfen und sprach leiser, fast flüsternd, noch mehr Wut kam raus, noch mehr Schmerz. „Die Erde getötet, die Sprache auch und lassen die Leute nicht leben“, flüsterte Abaj, Unsere Frauen dürfen nicht anständig gebären. Sie werden alle zum Kaiserschnitt gezwungen, Krankheiten heilen können sie nicht. Die Menschen halten den Schmerz aus, haben Angst zu Ärzten zu gehen, um sich keine Hepatitis oder andere Seuche einzufangen. Die Kinder bekommen überfällige Impfungen. Und jeden Tag solche Nachrichten, dass die Seele zu glauben aufhört. Die Uhr schlug Mitternacht, was Abaj zusammen zucken ließ und ihn beinahe wach machte, den Blick auf Nazar hebend. „Weißt du noch, der Sohn eines Beamten hatte Menschen mit deinem Auto angefahren? In allen Zeitungen wurde darüber berichtet, aber er ist auf freiem Fuß, so als ob nichts gewesen wäre. Heute haben die Eltern Angst, ihre Kinder allein auf die Straße zu lassen, weil die Söhnchen mit ihren Autos hetzen als wären sie blind. Und dann die Nachrichten: da wurde ein Mensch angefahren, da verstümmelt. Wahre Mörder. Und alle in Freiheit. Oder hier, auch aus den Nachrichten, wie eines dieser Söhnchen mit seinen eigenen Händen eine ältere Frau getötet hat. Erinnerst du dich? Weißt du noch? Ihren Sohn hat er verprügelt, weil dieser versehentlich einen Spiegel an seinem Auto gestreift hat. Und die Frau bemühte sich, ihren Sohn zu beschützen, doch auch sie hat er nicht verschont. Er schlug sie und tötete sie auf der Stelle. Denn sie sind alle wie einer, wenn sie die Macht haben. Oder die Kinder derer, die an der Macht sind. Und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm wie man sagt…“

„Abaj“, sagte Nazar ruhig aber hart, den Bruder anblickend, „du hast mit allem Recht, nur das Wichtigste hast du vergessen. Was ist wenn wir all das verdient haben? Ist es etwa möglich, die Hand auf dem Herzen, zu behaupten, dass wir selbst kein Verhältnis dazu haben, was um uns herum geschieht? Und wie wir das haben! Nur enthält sich jeder von uns der Verantwortung. Warum sind wir krank? Weil die Krankenschwestern zu faul sind, sich Handschuhe anzuziehen, die Zahnärzte vergessen die Instrumente zu desinfizieren und die Hebammen sich nicht mit normalen Geburten herum quälen wollen, so schneiden sie alles auf wie Tiere. Die Machthaber begehen Verbrechen, so auch das Volk auf seine Weise. Warum ist bei uns überall Dreck? Warum ist es in diesen Bergen so schmutzig? Alles voller Flaschen, Kippen, Mülltüten? Dafür ist nicht die Macht verantwortlich, sondern einfache Leute. Sie selbst errichten um sich herum eine Müllhalde. Du sagst, wir haben schlechte Luft? Dafür raucht jeder Zweite, vergiftet sich selbst und andere. Du sagt, dies seien die Söhnchen der Abgeordneten, aber schau dir die Busfahrer an. Sind sie etwa besser? Ich habe gestern erst gesehen, wie zwei Busse sich auf der glatten Straße beinahe überschlugen als sie sich gegenseitig zu überholen versuchten um zu gucken wer als erster die Haltestelle erreicht. Sie schonen sich nicht und riskieren dabei andere Menschenleben. Ist das denn keine Gesetzmäßigkeit? Ist es kein Vergehen? Und davon gibt es Tausende, Millionen. Die kümmern sich nicht, was du ihnen erzählst. Mich kümmert es, dich auch und sie nicht. Sie töten und verstümmeln sich gegenseitig. Verschmutzen das eigene Zuhause. Zur Vernunft kommen wollen sie nicht. Wenn andere Leute sich gegenseitig egal sind, warum sollte man darauf warten, dass die Machthaber besser werden? Wie das Volk, so sind auch die Machthaber.“ Abaj hörte Nazar zu, warf das Glas aufbrausend auf den Tisch und packte den Bruder an der Schulter: „Wie sollen die Menschen anders leben?“ Abaj atmete schwer und schaute Nazar in die Augen: „Wie du schon sagst, wir leben nicht, sondern versuchen zu überleben. Weißt du, wie viele Selbstmorde es in Kasachstan gibt. Bei uns verkünden sie lauthals, dass es keine Geldentwertung geben wird und am nächsten Morgen, bähm, und die eigenen Verbrechen werden vergessen. Und alle sind wieder Bettler, einer kriecht unter den Tisch, der andere in die Schlinge. Wenn nicht die Schlinge, dann schmerzt das Herz, die Gesundheit ist durch diese verschmutzte Umwelt beschädigt. Mörder, sag ich doch. Als ob sie uns von da aus beobachten und denken: was haben sie noch Geduld? Lass uns sie unter Druck setzen. Lass uns ihnen was ganz anderes wegnehmen. Lass uns noch mehr ihr Leben verderben. Und wie ist es jetzt? Sind sie zertreten? Erniedrigt? Krank? Am Sterben? Ausgezeichnet, lass uns in diesem Geist weiter machen. Und unser Volk ist schon so gequält von diesem langen Ersticken, dass es die Hand nicht gegen seine Peiniger heben kann. Keine Kraft mehr und Angst vor dem Tod. Stirbt, kocht lebendig, krampft sich zusammen, und Angst vor dem Tod hat er immer noch. Hofft immer, dass es am Leben bleibt. Ständig Angst, dass man ihm das letzte weg nimmt. Und es hat zu Recht Angst. Sie nehmen es weg. Und wie sie es weg nehmen. Sie nehmen es weg und töten. Ihr Gewissen reicht so weit aus, um das eigene Volk zu töten. Deswegen lieber nicht in die Schlinge, sondern unter den Tisch. Damit sie es nicht merken. Denn wenn man sich gut versteckt, wird man möglicherweise nicht bemerkt.“ Abaj ließ Nazars Schulter los und senkte leise aber mit Kraft seine Fäuste auf den Tisch. „Ich bin doch genauso. Sitze unter dem Tisch, knirsche vor Ärger mit den Zähnen, aber habe Angst herauszukriechen. Deswegen mache ich die Augen zu, stelle mir mein Land vor…“ Abaj machte wirklich die Augen zu und seine Stimme erklang von neuem mit einer fremden, belegten Zärtlichkeit: „Die Steppe ist grün. Tulpen, Mohn. Die Fasane schreien mit krächzender Stimme im Gebüsch. In der Ferne laufen Antilopen, laufen mit Leichtigkeit, dünnbeinig, flink. Und die Luft ist so rein, dass es die Brust auseinander drückt. Und es reitet der Schafhirte vorbei, führt seine Herde, sitzt selbst auf dem Pferd, zwei Hirtenhunde in seiner Nähe. Die Ziegen mähern, reiben sich aneinander. Und der Himmel hoch – hoch, blau – blau. Das alles stelle ich mir vor und verstehe, dass es für so etwas nicht zu schade ist, das Leben herzugeben.“ „Hör auf, Abaj,, sagte Nazar mit Tränen in den Augen. „Hör auf so zu reden. Du zerreißt mir das Herz.“ Abaj verstummte. Noch einige Augenblicke saß er still da, schaukelnd wie in Trance, und dann trällerte leise irgend ein unbekanntes Lied. „Und im Übrigen hast du nicht recht“, sagte endlich Nazar und Abaj verstummte sofort: „Recht oder Unrecht. Die Menschen hocken zuhause nicht weil sie Angst vor den Machthabern haben. Die Leute haben keine Angst vor den Herrschern, sondern vor sich gegenseitig. Sie haben Angst vor den Gaunern, und zwar weil diese ihre Straflosigkeit spüren und die Unvorhersehbarkeit. Sie haben  Angst vor den Armen, weil diese oft gekränkt sind und nichts zu verlieren haben. Vor den Zugereisten haben sie Angst, weil diese fremd sind. Vor den eigenen Leuten haben sie Angst, weil diese zu viel wissen. Wir haben uns einfach dran gewöhnt, in allem die Bedrohung zu sehen. Wir sehen in jedem einen Verräter und Dieb. Fürchten uns…und das zu Recht. Wie soll man auch keine Angst haben. Du sagst wir seien eine Herde. Unsere Hirten sind lappig, deswegen ist die Herde hungrig. Und ich denke, die Not besteht darin, dass wir keine Herde sind, sondern Wölfe – Einzelgänger. Jeder macht das seine und für sich selbst. Wir kämpfen um die Beute. Vor starken Wölfen krümmen wir uns, die Schwachen erdrücken wir selbst. Es gibt viele Worte über die Gemeinschaft, doch existiert die Gemeinschaft nicht. Dabei vertrauen wir den Anderen nicht und wollen selbst nichts machen. Wie arbeitet man bei uns? Vier beobachten, kontrollieren und einer gräbt die Grube. Und das ist der Gastarbeiter. Wo sieht man so etwas? Faul sind sie geworden, willenlos, ignorant. Haben sich daran gewöhnt, etwas nur durch Lüge zu erreichen, mit Geld, mit Kontakten, mit Schmeichelei. Die Menschheit haben sie vergessen. Fällt ein Mensch auf der Straße um, wird sich ihm keiner nähern, ihm keiner die Hand geben. Und du sprichst von Herde…“ „Ach, ich weiß nicht. Nazeke, ich weiß es nicht“, Abaj wackelte mit dem Kopf, „vielleicht ist es ein geschlossener Kreis. Aber davon wird es nicht leichter. Und wenn es so ist, was machen wir dann hier? Hier, in dieser schmutzigen Stadt, wo man nicht atmen kann, mitten unter Leuten, für die ein fremdes Leben, fremde Gesundheit, fremdes Eigentum nichts wert sind? Worauf warten wir? Bis jetzt wurde alles nur noch schlimmer. Denn ich denke jedes Mal daran, dass alles grenzenlos ist. Schlimmer kann es nicht werden. Wenn es keine Nachricht ist, dann ist es ein Angstkrampf. Vorgestern sprach man erst darüber, dass die Amerikaner hier bei uns ein Laboratorium für besonders gefährliche Viren erbauen. Gestern beriet man darüber, dass sich unser Land in eine all-weltliche Urne für radioaktiven Müll verwandelt. Heute reden sie darüber, dass vom Himmel Teile von Raketen runter fallen. Von der russischen Grenze aus rücken in unsere Richtung Kanonen. Früher hatten die Menschen in Almaty Angst vor Erdbeben und heute haben sie fast gar keine Angst. Jetzt geschehen schlimme Dinge.“ Abaj stand auf und machte das Fenster auf. Die frostige Luft drang plötzlich in das Zimmer, wirbelte in ihm. Das Spinnennetz zwischen Hauswand und Fenster gespannt, ist noch vom Herbst da geblieben, in ihm glänzten Schneefunken. „Schau mal, wie hübsch“, sagte Abaj: „schau her, Schnee im Spinnennetz. Und die Spinne ist schon längst weg. Vielleicht schläft sie, vielleicht ist sie schon tot. Aber das Spinnennetz funktioniert. Obwohl, sie kann im Winter sowieso nichts fangen. Nur so weiße Mücken fliegen da rein. Komisch ist es. Keiner fängt keinen. Ich weiß nicht, Nazeke…ich weiß es nicht. Ein anderes Mal denke ich, vielleicht schwups, und das war’s. Wie Nina. Und plötzlich, als ob es ihm eine Antwort geben wollte, heulte wölfisch die Alarmanlage los.

                                                                       9.

Schon einige Jahre lebte Gena für sich allein. Er lebte langweilig, weit weg vom Zentrum. Lud keine Frauen zu sich ein. Manchmal, am Abend, trank er eine Flasche Bier. Zum Vergnügen. Meistens lag er vor dem Fernseher, in eine alte Decke eingewickelt. In solchen Momenten schien es ihm so, als ob die Welt nicht so groß sei, wie man in Lehrbüchern darüber schreibt. Er selbst und sein Zimmer wurden winzig klein, möglich in die Fingerspitzen zu passen. Gena schien es so, als ob die menschliche Zivilisation genauso seltsam auf der Erde aussieht, als wäre sie zwischen den Nadeln eines Igels entstanden. Er stellte sich vor, wie er den Igel jagte, seine Nadeln auseinander schob wie Zweige. Dort zuhause gab es Straßen mit Wäscheleinen zwischen den Nadeln, hin und her eilende Autos, kleine hektische Menschen. Ein Musterschüler war Gena weder in der Schule, noch in der Uni gewesen. Aber ihm schien, das Leben sei wie ein Lauf. Zuerst läuft es sich einfach und fröhlich. Begnadet sind die, die lange Beine haben oder deren Atem stärker ist, diese laufen natürlich vorne. Aber auch die anderen bleiben nicht weit zurück, weil es so gesellig ist. Doch nach einer, zwei, drei Runden, kommen die Läufer außer Puste. Manch einer hört auf. Die Begnadeten haben Vorsprung, sie waren von Anfang an die ersten, aber einfach nur Talent ist noch zu wenig. Man benötigt Erfahrung. Man benötigt Können. Der Impuls ist weniger wichtig, sondern die Ausdauer. In der Jugend glänzt jeder und funkelt. Und weiter wird es schwerer. Weiter verliert der Mensch entweder an Kraft oder er gewinnt sie. Entweder er wird matt, oder er feilt neue Flächen. Anders klappt es nicht. Und das Leben, das  ist ein langer Staffellauf mit Hindernissen. Und Gena lief gemächlich aber schnurgerade. Er bemühte sie nicht zu stolpern und auszurutschen. Und das brachte ihm sein eigenes Obst. Er hatte einen stabilen Verdienst, sei es auch nicht viel, er hatte sein Haus und sogar einige Kontakte. Nur hat sich mit der ehemaligen Frau das Verhältnis nicht gebessert. Abends, vom aufgeflogenen Wind, winkten vor dem Fenster die Bäume, unordentlich mit ihren Pfoten und von dieser Bewegung bewegte sich irgend etwas im Inneren, sorgte sich, als ob die Pfoten unsichtbare Fäden griffen, welche aus seinem Körper heraus gingen, und zogen in alle Richtungen. Ihn sorgte auch der hinter den Bergen herauslugende, gelbe, gefleckte Mond, als ob dieser bereit war zu explodieren wie aus einem Vulkanschlot die Lava. Gena stand auf und ging im Haus umher, er konnte lange die Haut auf dem abgekühlten Tee beobachten, den in der Luft wirbelnden Staub, beobachten, wie sich auf dem Rand des Wasserhahns ein Tropfen bildet. An solchen Tagen gingen Genas Gedanken meistens zu dem rothaarigen und flauschigem Čmo.

                                                                       10.

Nazar ging morgens raus in den Hof. Alles um ihn herum war bedeckt mit weißem, sauberen Schnee, und irgendwo hier zwischen den Schneehaufen, verbarg sich sein Golf. Falten ziehend von der Fülle des Weißen und vor Kopfschmerzen nach den gestrigen Ereignissen, ging Nazar hin und her, sich ins Gedächtnis rufend, wo er geparkt hatte, erinnerte sich jedoch nicht daran. Danijar beobachtete Nazar mit Vergnügen durch die Frontscheibe, dann hielt er es nicht aus, öffnete die Tür seines Jeeps und rief: „Assalam Ualejkum! Was? Kannst du dein Auto nicht finden?“ „Ualejkum assalam“, antwortete Nazar, „Ich meine, er war gestern noch hier und jetzt verstehe ich es nicht.“

„Hier ist er, zweiter Schneehaufen“, sagte Danijar herauskletternd. „Ich habe einfach im Auto übernachtet, hatte Sehnsucht, schaute aus dem Fenster. Habe den ganzen Hof kennen gelernt. Wo welcher Baum wächst, wo wessen Auto steht, ich weiß jetzt alles.“ „Danke“, Nazar freute sich und begann mit den Händen den Schnee vom Auto zu räumen. Bald zeigte sich tatsächlich die blaue Seite des Golfs. „Äch, ich hätte zuerst die Bürste raus holen sollen“, sagte er enttäuscht. „Du bist doch Abajs Bruder, stimmt’s?“, fragte Danijar. „Ist es ok, wenn ich dich duze?“ „Ja, natürlich, Nazar“, stellte sich Nazar vor, die Hand ausstreckend. „Danijar“, sagte Danijar, die Hand Nazars drückend. „Ich gebe dir gleich meine Bürste.“ Er nahm die Bürste und begann Nazar zu helfen, das Auto frei zu räumen. „Abaj hat sich lang nicht mehr blicken lassen“, sagte Danijar. „Fehlt ihm nichts?“ „Ihm fehlt nichts.“ Nazar nickte, „will einfach nicht rausgehen.“ „Hat er ein Glück, wenn er will, geht er raus, wenn nicht, dann nicht“, schmunzelte Danijar, und schaufelte den Schnee unter den Reifen frei. „Und wovon lebt er, wenn es kein Geheimnis ist? Och, verzeih mir, Aljuša schimpft die ganze Zeit mit mir wenn ich solche Fragen stelle. Ich mag es direkt und nicht drumherum. Besser man fragt und wenn dein Gegenüber es nicht möchte, dann wird er nicht antworten, stimmt’s?“ „Weißt du es denn nicht?“, fragte Nazar. „Er bekommt Rente, Münzen natürlich. Aber Abaj braucht nicht viel zum Leben.“ „Und vieles funktioniert heutzutage nicht“, antwortete Danijar. „Wie du dich auch drehst, es ist trotzdem zu wenig. Solche Zeiten haben wir. Das Geld wird weniger, die Preise steigen.“ „Aber Glück liegt ja nicht nur im Geld“, sagte Danijar, den Schnee von der Haube wischend. „Worin dann?“ „Worin?“, Danijar taute auf. „Ich habe auch gedacht, ich denke schon den zweiten Tag nach. Ich bin hier, weil…also meine Frau mich aus der Wohnung vertrieben hat. Jetzt habe ich Zeit zum Nachdenken…Aber Geld, ja selbstverständlich braucht man Geld! Aber nicht nur, stimmt’s? Was denn noch? Na, nehmen wir mal an die Familie. Obwohl das für manche kein Glück ist, sondern Quälerei. Gestern dachte ich daran, dass man vielleicht viel Lebenserfahrung braucht, um glücklich zu werden. Nichts da. Nun, ich fuhr nach Indien vor zehn Jahren. Dort hat man von Kasachstan kaum was gehört. Ich war noch ganz jung, ein Kerlchen, hatte gerade das Studium absolviert, wusste nichts über das Leben. Und ich suchte Abenteuer, dort findet man leicht welche. Ich freundete mich also mit einem Afghanen an, einem Schmuggler und Drogendealer und wir sind durch ganz Indien gereist. Er betete  um Vergebung für seine Sünden und handelte mit Haschisch, und ich habe Leute kennen gelernt, verschiedene Heilige, also ich habe mich entspannt. Zurückgekehrt bin ich wie von einem anderen Planeten, habe eine Trommel mitgenommen, indische Kleidung. Ich kam mir echt vor wie ein Kosmonaut. Nachdem man meine Erzählungen gehört hat, fuhren nächstes Jahr weitere Menschen, meine Bekannten. Und heute ist es nur ein Faulpelz, der Indien noch nicht besucht hat. Doch während ich Orte besuchte, sakrale,

märchenhafte, Haridwar, Varanasi, Sarnath, fahren diese neuen Reisenden nach Goa, wo zur Zeit alles russisch ist. Von Indien sind nur die Bedienungen und Schmuckläden übrig. Aber von der Seite erkennt man keinen Unterschied. Wenn man bedenkt, ich war in Indien vor zehn Jahren, und der Sohn meines Nachbars, Kolja Getmančuk, fährt jedes Jahr hin. Von der Seite betrachtet ist Kolja der größere Kenner Indiens als ich, obwohl er nie weiter gereist ist als Pune. Tiefer blicken will niemand. Meine Erfahrung verliert an Wert, das heißt das Glück auch.“ Danijar hat ganz aufgehört Nazar zu helfen, das Auto frei zu räumen, lief ständig hinter ihm her und erzählte, mit den Händen gestikulierend. „Aber es ist doch dennoch deine persönliche Erfahrung“, sagte Nazar, und befreite die Fenster vom Eis. „Du weißt doch, dass du mehr gesehen hast als dieser, dein Kolja.“ „Nein, du verstehst einfach nicht“, Danijar wedelte mit dem Arm. „Schau mal, hier ist ein anderes Beispiel für dich. Ich habe einen Freund, er ist Fotograf. Ein Künstler. So natürlich kann der Mensch Schönheit erkennen und den Moment fest halten. Genau den Moment wenn der Vogel den Schnabel öffnet, jemand mit den Händen schwenkt, ein Blatt vom Baum, das vorbeifliegt. Nun hat er aber mit der Fotografie fast ganz aufgehört. Ich frage ihn, warum? Darum, antwortet er mir. Es gibt zu viele Fotografen, du kannst dich nicht durchdrängen. Jeder Zweite hat um den Hals eine coole Kamera hängen, alle mit so klugem Blick, knipsen da irgend etwas und laden es im Internet hoch – ihre mit Photoshop bearbeiteten Resultate. Und wenn man das so von der Seite betrachtet, unterscheidet sich mein Freund der Fotograf, in nichts von den anderen. Von der Seite betrachtet, sehen  viele Fotografen sogar besser aus, sie haben eine ausdrucksvollere Technik und mehr Likes auf Facebook. Und die Aufmerksamkeit auf das Gefühl für die Schönheit zu lenken, auf den eingefangenen Moment interessiert niemanden. Damit meine ich die Masse, mein Freund ist bloß einer aus einer Vielzahl von Fotografen und bewertet nach der äußeren Erscheinung und der Anzahl der Likes, ist er noch längst nicht der Erste. Und dann sieht es so aus, dass der Mensch talentiert ist, man ihm aber noch lange nicht erlaubt glücklich zu werden. Also wird nicht nur die Lebenserfahrung bewertet, sondern auch das Talent. Alles ist irgendwie flüchtig geworden, oberflächlich. So hatte ich früher Ziele, Durchsetzungsfähigkeit, und nun – wozu brauche ich sie jetzt? Willst du Fotograf werden, hänge dir eine Kamera um den Hals, zieh dir ’nen Schal an – fertig, ein Fotograf. Willst du eine neue Sprache lernen, hör dir einen Audiokurs an, ein paar Mal und du hast ein paar Phrasen auswendig gelernt – und fertig.“ „Nun, ich weiß nicht“, sagte Nazar. „So wollte ich früher ein Auto haben, eine ausländische Marke, spare drei Jahre lang. Hab einen zweiten Job gefunden. Dann bin ich zum Bruder gefahren, alle Anzeigen gelesen, fuhr ein paar mal zum Autohandel und kaufte es. Hier ist es.“ Hinter ihnen knallte eine Tür im Treppenhaus und schwer atmend, nur mit Mühe ihre kurzen, dicken Beine bewegend, betrat eine alte Dame den Hof. Aus den Überschuhen schauten nackte Knöchel heraus. An einer langen Leine führte sie einen gigantischen, grauen Kater. Dieser sträubte sich störrisch, drehte seinen Hals, versuchte auszubüchsen, sich von der Leine zu befreien. Wahrscheinlich machte er das aus Gewohnheit, ohne Zorn und Empörung. „Kuz’ma!“, rief ihn streng die Alte. Der Kater gab auf und näherte sich ihr, hob die Pfoten und befreite sie vom Schnee. Im Fenster der ersten Etage erschien ein zotteliger Schoßhund, als er den Kater bemerkte, fing er an zu bellen und berührte mit dem Näschen die Scheibe. Kuz’ma hörte die Stimme und begann sofort sich zu strecken und zu gähnen und zeigte seine langen gelben

Eckzähne. „Gut“, winkte Danijar mit der Hand zum Gespräch zurück. „Du verstehst nicht, oder ich erkläre es falsch. Ich bin es auch nicht gewohnt solche Sachen zu erklären. Ich rede über Materielles…über das Bild in etwas. Der Mensch muss doch eine Vorstellung besitzen, was draußen ist und was Innen. Gleichgewicht, ne? Das ist das Glück, so scheint mir. Ansonsten was für ein Glück wenn das Gleichgewicht fehlt. Und hier ist es so, dass die Balance gestört wird. Die Leute ziehen sich irgend ein Bild über, doch was Innen ist, kannst du nicht verstehen.“ Die Alte kam näher, belauschte mit Neugierde das Gespräch zwischen Nazar und Danijar und jammerte dann auf: „Es schneit die ganze Zeit, wann hört es endlich auf?“ Nazar und Danijar drehten sich um. „Guten Tag, Tamara Vasiljewna“, sagte Danijar. Tamara Vasiljevna, zufrieden die Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben, fuhr fort: „Das ist Gott, der unsere Stadt bestraft hat. Er kann von oben das leidvolle Leben sehen. Das ist Schande und kein Leben. Ich habe ja mein ganzes Leben in der Fabrik durchgearbeitet, bin Arbeitsveteran und habe eine Medaille, und nun? Ich lebe von Münzen, alles geht für die Medikamente drauf und für diesen Faulenzer.“ Sie schubste leicht den Kater und dieser zischte als Antwort auf und kratzte die Alte am Schuh. „Und gestern ging ich auf die Straße und sah neben dem Müll einen Eimer gekochten Reis. Ein voller Eimer Reis. Ich habe manchmal nichts zu essen und jemand lebt so, das er Essen in einem Eimer weg wirft. Manche haben zu viel des Guten. Ich bin doch alt, habe keine Kräfte mehr. Ich dachte, ich kann den Topf in die Wohnung tragen aber der ist zu schwer. Deswegen versteckte ich ihn unter dem Baum.“ Sie berührte mit zitternden Fingern die verschneite Birke. „Söhnchen, helft der Alten, da ist er irgendwo, sucht danach, Ich muss ihn irgendwie in die dritte Etage tragen. Helft doch, Söhnchen.“ „Ja, eine Schande“, atmete Danijar auf und schaute diebisch hoch zu seinem Fenster, „guckt Aljuša vielleicht raus?“ „Gut, Tamara Vasiljevna, ich habe sowieso nichts zu tun. Wo, sagen Sie, ist der Eimer?“

                                                           11.

Stepanyč kleidete sich in eine Paradeuniform ein, band sogar eine Krawatte um den Hals, Tonja erschien in Jeans und einem dicken, orangefarbenem Pulli. Sie saßen sich im Restaurant gegenüber. Tonja bestellte sich einen gigantischen Steak und schlang ihn nun mit viel Appetit herunter. Stepanyč bestaunte sie und wühlte in seinem Salat. „Och, hat es viel geschneit!“, sagte Tonja, das Fleisch zerkauend und aus dem Fenster blickend. „Woher haben wir nur so viel Schnee,  Stepanyč? Du bist doch Lehrer, du musst es wissen.“ „Ich? Lehrer?“, fragte  Stepanyč verdutzt. „Ja, klar, warum nicht? Ich dachte einfach, dass wenn du Viktor Stepanyč, dich so offiziell mit Vatersnamen vorgestellt hast, dann bist du entweder Beamter oder Lehrer. Ein Beamter kannst du nicht sein, also Lehrer.“ „Ich bin Arzt“, sagte Stepanyč zurückhaltend. Doktor.“ „Was, echt?“ Tonja legte sogar die Gabel weg. „Was für ein Arzt? Zahnarzt etwa?“ „Warum denn Zahnarzt? Nein, Chirurg.“ „Oh, arbeitest du im Krankenhaus?“ „N-nein. Ich arbeite nicht mehr.“ Stepanyč winkte der Bedienung zu und diese kam langsam auf ihn zu. „Sollen wir vielleicht was trinken? Wein, Kognak, Wodka?“ „Ne.“ „Dann Kognak. Hudert Gramm bitte.“ „Könntest du einen Arm vergipsen?“ „Möglicherweise ja“, sagte Stepanyč. „Aber das ist umständlich. Dafür muss man zuerst ein Röntgenbild anfertigen.“

Ein älteres Paar betrat das Restaurant. Von ihren Mänteln und Mützen rieselte Schnee. Von draußen kam Frost herein. „Weißt du überhaupt, warum ich die Medizin verlassen habe?“, fragte  Stepanyč. „Wahrscheinlich haben Sie dich in Rente geschickt. Du hast schließlich das Alter dafür.“ „Nicht wirklich“,  Stepanyč atmete auf, die breiten, runden Schultern von Tonja bewundernd. „Wir haben gute Ärzte. Einfach so schicken sie niemanden in Rente. Hier verhält es sich anders. Es gab da mal eine Geschichte…ich habe niemandem davon erzählt, aber dir will ich’s sagen, weil ich schon alt bin, und du…du gefällst mir.“ Tonja lachte. Stepanyč verstand, dass er schroff klang, fröstelte und nahm, das von der Bedienung gebrachte Glas Kognak. „Lass mich trinken und erzählen…Och, ist der stark. Man sagt ich kann keinen Kognak trinken. Wie Wodka trinke ich ihn, in einem Zug. So schmeckt er mir besser. Ich mag es nicht, es in die Länge zu ziehen und nur dran zu nippen…Gut, also worüber wollte ich erzählen? In unser Krankenhaus kam eines Tages ein neuer Chefarzt: Tursunbekov Kajnat. Den Vatersnamen habe ich vergessen, er war junger als ich. Und wie es bei uns oft so ist, wenn die Leitung ausgetauscht wird, dann ändert sich das Personal. Und so kam es auch. Irgend jemanden hat man gekündigt. Irgendwer wurde versetzt. Ich wurde da gelassen wo ich war, nur der Assistent wurde ausgewechselt. Nurlan hieß er. So ein winziger, noch ein junges Kerlchen. Kein Wissen, keine Erfahrung, dafür aber sehr hochmütig. Gut, dachte ich, irgendwie werden wir uns aufeinander einarbeiten. Aber das Einarbeiten klappte nicht. Während der OP muss ja alles genau sein. Aber Nurlan tat so, als ob er mich nicht hören würde. Ich bat ihn die Spreizer zu halten und er zwinkerte nur mit den Augen. Ich sagte ihm, er solle Überschuhe anziehen, aber er erscheint in Straßenschuhen im OP-Saal. Wie ein Depp. Verspätete sich, kam schlaftrunken, gähnend. Einmal schrie ich ihn an, versprach ihm, ihn zu kündigen zum Teufel komm raus, wenn es so weiter geht. Er schmunzelte nur und sagte, dann gehen Sie doch und beschweren Sie sich beim Chefarzt. Ich ging und beschwerte mich. Ich habe ruhig erklärt, das Nurlan seiner Stellung nicht entspricht. Kajrat hörte es sich an und sagte: „Stepanyč, mein Lieber, du bist uns eine wertvolle Fachkraft, aber Nurlan kündigen kann ich nicht. Entschuldige.“ Und das war’s. Ohne Erklärungen. Und Nurlan hat es verstanden, das es nicht geklappt hat und wurde noch frecher. Hat während der Op’s gequatscht, fing an mir von den Leuten Ratschläge zu geben, meine Fehler besprechend. Überhaupt versuchte er mich so weit zu bringen, das ich aus meiner eigenen Haut fuhr. Er konnte auch nicht zum Dienst erscheinen. Ich weiß nicht wessen Sohn er war, nur gelang ihm gar nichts. Und eines Tages brachten sie mir eine Kranke, deren Blinddarm heraus geschnitten werden musste. Das ist eine Routine-OP, mit einigen Nuancen aber banal. Wir machten eine Narkose, ich sezierte die Muskeln und man konnte sehen, das alles entzündet war. So etwas passiert. Ist es schlimm, das ich beim Essen davon erzähle? Vergeht da nicht der Appetit?“ „Nein,  Stepanyč. Mein Appetit hat vor nichts Angst“, Tonja lächelte Tonja. „Erzähl weiter.“ „ Also, wir bereiteten uns vor, erreichten das Innere und stellten fest, das alle Symptome für eine schlimme Blinddarmentzündung sprachen. Ich sah, das der Blinddarm nur dann raus geholt werden konnte, wenn der Schnitt vergrößert wurde. Und da begann Nurlan wieder sein Ding zu machen, fing an zu beurteilen, das angeblich manche Chirurgen an die eigene Bequemlichkeit denken. Sie können angeblich den ganzen Bauch aufschlitzen, Hauptsache die Finger werden nicht schmutzig. Und dann pfeifen sie drauf, das der Mensch später sein ganzes Leben lang mit einer Narbe leben muss. Hier habe ich unterbrochen, gab ihm das Skalpell und sagte: „Wenn Du so schlau bist, dann operiere Du, und habe selbst den Saal verlassen, habe den Mantel abgelegt und bin eine rauchen gegangen. Da stehe ich und rauche und mache mir den Kopf, verstehe ja, dass es so nicht geht. Die Kranke kann ja nichts dafür. Aber die Wut erwürgte mich beinahe, Wut und irgendein Gefühl. Kraftlosigkeit. Ich habe zu Ende geraucht, betrat das Krankenhaus und sah, wie Nastja mir entgegen lief, unsere Krankenschwester. Ein gutes Mädchen, nur zehn Jahre junger als ich. „Schneller“, sagt sie „Stepanyč“, und blickt mich vorwurfsvoll an. Ich verbarg die Augen und folgte ihr. Ich zog mich schnell um, flog in den Saal, sehe – Nurlan ist nicht da nur Alina, die Anästhesistin, ganz voller Tränen, versorgt die Wunde am Bauch. Sie hat erzählt, das Nurlan die OP begonnen hatte, selbst den Schnitt gemacht hat und dann sagte, das er nicht alles verstanden hat. Nurlan hat anscheinend bemerkt, dass der Blinddarm zu tief sitzt, begann zu schneiden und erschrak. Gut, das er wenigstens eine Klammer benutzt hat. Aber es gab schon Komplikationen. Es war dringend notwendig, die OP schnell zu beenden. Er hat es also knapp geschafft. Gott sei Dank. Der Blinddarm wurde entfernt, die Stelle zugenäht. Dann ging ich zur Patientin ins Zimmer, brachte ihr Blumen. Sie wunderte sich, was für ein guter Arzt ich bin. Wo denn gut? Ein Drecksack bin ich, ließ beinahe einen Menschen sterben. Habe einen Dummkopf ans Messer gelassen. Habe einen Schwur gebrochen. Und Nurlan erschien am nächsten Tag, als ob nichts gewesen wäre. Er sagte, er wollte mich suchen. Hat mich aber nicht gefunden. Erkundigte sich nicht einmal nach der Patientin. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und habe eine Anzeige geschrieben. Kajrat wollte mich nicht entlassen, dazu hatte ich ja noch zwei Jahre bis zur Rente. Nur zwei Jahre, stell dir vor. Und welchen Zweck hat diese Rente? Nur ist meine Geduld schon früher ausgegangen. Ich habe für das Alter was angespart, ich bin kein armer Mensch. Aber die Arbeit…dann riefen sie mich in die Uni um zu lehren aber ich habe abgelehnt. Ich stellte mir vor, ich komme dahin, und da sind alle so wie Nurlan. Gauner, frech, selbstverliebt…“ „Warum verallgemeinern?“, Tonja zuckte mit den Schultern, „es gibt auch normale Kerle.“ „Ich weiß nicht, Tonja. Früher, ja, sicher und jetzt sind sie alle so als hätte man sie vergiftet. Nun. Mark Ivanyč, mein Nachbar – sein Sohn ganz der Künstler. Im orangefarbenen Mäntelchen, mit einem Schal um den Hals, mit einem modernen, wie ihr es nennt, Outfit, eine Hornbrille, so nach dem Motto, ein Künstler. Fährt mit Papas Auto mit einem coolen Nummernschild und selbst verdient er nicht eine Münze. Den ganzen Tag in Restaurants, in Clubs mit Freunden unterwegs, raucht Wasserpfeife. Bei uns sind ja heutzutage, die cool, die sich eine Wasserpfeife in den Mund schieben. Ich verstehe nicht, sehen sie das denn nicht, das das Rauchen einer Wasserpfeife die Imitation von Oralsex ist. Entschuldige Tonja. Es ist einfach ekelhaft da zu zu schauen. Nun aber, ich frage Ivanyč eines Tages: Ist dein Sohn ein Künstler? Oder wie? Oder eine Schwuchtel?  Ivanyč war beleidigt und sagte – du selber bist ne Schwuchtel, aber Kolja hat das Malen gelernt, und überhaupt ist er ein Hipster. Und solche Hipster gibt es heutzutage Millionen. Und alle sind sie schöpferisch, der eine eine Gitarre hinterm Rücken, der andere eine Kamera um den Hals, der Dritte schreibt irgend etwas in sein Notizbuch mit klugem Blick. Wenn du jedoch tiefer gräbst, ist alles Fiktion. Haben sich nur Kapitänsbärtchen wachsen lassen, mehr können sie nicht wirklich. Die geben vor, etwas zu sein, haben aber keine Talente und lernen wollen sie auch nicht. Dieser Kolja, ich öffnete mal seine Facebook-Seite, was denkst du? Bin ich zu alt und kann es nicht? Und wie ich es kann. Ich hatte schon einen Account als Facebook noch nicht ins Russische übersetzt worden war, ich benötigte es für die Arbeit. Ich bin früher rund um die Welt gereist, auf Konferenzen. Viele Freunde. So öffnete ich die Seite und schaute, was Kolja da für Bilder hoch geladen hat. Und ich fand sie. Da sind ein paar Fotos, wo er irgend etwas auf die Leinwand pinselt, mit einem schlauen Blick. Und das war’s. Ein Hipster. Im besten Fall können sie nur ihre Eier schaukeln. Keine Künstler, sondern Schwänze, man …“ „Stepanyč, was bist du so aufgebraust?“, lachte Tonja. „Ist es der Kognak, der seine Wirkung zeigt? Besser Hipster als Proll. Hipster sind nett.“ „Ich weiß nicht. Ich habe gelesen, was das für welche sind. Im Wikipedia steht alles geschrieben. Und was? Ich bin kein Depp, obwohl alt. Und ich beobachte, dass alle Strömungen, Mode, Musikstile, das alles taucht da auf wo die Zivilisation weiter entwickelt ist als bei uns. In Europa, in Amerika. Und bei uns wird einfach alles kopiert, miserabel kopiert, ohne Talent. Es gibt keine Kultur, kein Gehalt. Denkst du Kolja ist ein wahrer Hipster? Iwo. Hat sich einfach ein modernes Bild übergestülpt und im Inneren ist er das verwöhnte, zickige Papasöhnchen. Und nun? Hat er genug, macht er was er will, Schönheit! Heute sind Hipster modern – er sieht aus wie ein Hipster. Morgen tauchen irgendwelche Šmipster auf, dann zieht er sich schnell um. Und von solchen wie Kolja haben wir heute genug, keine Menschen, sondern Hüllen. Es gibt nichts eigenes. So auch Nurlan, von Außen Arzt. Im Arztmantel, mit Stethoskop um den Hals – so wichtig ist er. Und im Inneren Null. Es gibt nur das Bild. Du pustest ihn einmal an und er fliegt weg. Entschuldige Tonečka. Ich habe dich selbst eingeladen und anstatt dich zu amüsieren, ermüde ich dich mit meinen Meckereien. Lass und einig werden, dieses Abendessen zählt nicht.“ „Nein Stepanyč, alles in Ordnung“, protestierte Tonja. „Tonja, ich bin ein Gentleman. Ich zahle gleich, bringe dich nach Hause und die Tage gehen wir nochmal zu Abend essen und dann ohne irgend welche Meckereien.“  Stepanyč begleitete Tonja wirklich. Bei dem Frost verflog seine Trunkenheit und seine Enttäuschungen wurden trübe. Tonja erlaubte es ihm, sie am Arm zu halten, sich Sorgen darüber machend, dass Stepanyč wieder umfiel. Sie erzählte irgend etwas von Wettbewerben, an denen sie die Absicht hatte teil zu nehmen, über den zickigen Trainer, über eine Diät, aber das alles hatte keine Bedeutung. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen und  Stepanyč war fast glücklich. Nach Hause kehrend, begann er sogar etwas zu singen, irgend ein einfaches, schlichtes Motiv. Beim Treppenhaus angekommen, suchte er lange die Schlüssel in seinen Taschen, dann legte er ihn auf die Gegensprechanlage, machte die Tür auf und sah zwei Tüten Müll, direkt hinter der Türschwelle. Im Treppenhaus roch es nach faulem Fisch.

                                                                       12.

Zuerst ging Danijar in das Nachbarscafé. Er ging endlich auf Toilette, setzte sich dann vor den Ecktisch und bestellte Suppe, Püree mit Fleisch und ein paar Piroggen mit Kartoffeln und dann bestellte er, nachdem er darüber nachgedacht hatte, ein weiteres Glas Wodka. Diesen trank er direkt aus, ohne etwas dazu zu essen. Der Mann am Nachbartisch schnatterte anerkennend: „Arbeitslos?“

 „Nein.“ Danijar wollte sich nicht unterhalten. Die Suppe und der Eintopf wurden gebracht. Danijar beugte sich über den Teller und rechnete damit, das begonnene Gespräch unter den Teppich zu kehren. „Du lügst“, sagte der Mann. „Hier sind alle arbeitslos. Wer Geld hat, geht ins Restaurant. Aber ich bin auch knapp bei Kasse, nur bin ich nie arbeitslos. Wenn der Mensch es nötig hat, findet er immer Arbeit, stimmt’s? Hör zu, ich setze mich zu dir. Hab keine Angst, ich will nichts geschenkt haben. Wenn du willst, lade ich dich ein. Ne, im Ernst, ich will nur quatschen. Ich habe ja schon was eingenommen. Aber ich habe noch was übrig, wir können teilen.“ Der Mann setzte sich Danijar gegenüber, goss ein und hob das Glas. „Auf uns.“ Danijar stieß an und trank aus. Nach der heißen Suppe war der Wodka ideal. „Ich bin nicht arbeitslos,“ sagte er, „Ich bin Unternehmer.“ „Ich genauso“, sagte der Mann gutmütig. „Ich habe fast überall gearbeitet. Als Wache in der Bank, als Barmann, als Busfahrer und bin nun nach ganz unten gefallen, habe einen Platz als Lehrer in einer Schule bekommen. Unterrichte Biologie. Ich bin ausgebildeter Biologe.“ „Aber Lehrer ist doch ein guter Job“, sagte Danijar. „Gut“, sagte der Mann. „Nur gibt es kaum Gehalt, obwohl, ich hatte noch nie viel verdient, das ganze Leben auf Mindestlohn. Wir haben doch überall das selbe Business. Du bist ja Lehrer, also weißt du es selbst.  Der Vorgesetzte heuert einen Arbeiter an und gibt ihm nur den Mindestlohn, weil er überhaupt nicht weiß, wie der Arbeiter arbeitet und was ist wenn er schlecht arbeitet? Und der Arbeiter denkt, wozu soll ich mich für Münzen Mühe geben? Wie das Gehalt, so die Mühe. Und da sitzt er und faulenzt. Das können sie bei uns wundervoll machen. Anstrengung mögen sie nicht. Meine Schüler sind zu faul, ihre Hausaufgaben zu machen, nehmen einfach ihre iPhones heraus und fotografieren die Tafel mit den Aufgaben. Also der Angestellte macht nichts und der Vorgesetzte denkt sich, habe ich ihm zurecht ein kleines Gehalt gestellt. Und was haben wir? Das Business des Vorgesetzten entwickelt sich nicht, weil die Angestellten schlecht arbeiten. Sie leben und beschweren sich über die niedrigen Löhne und den Mangel an Karrierewachstum.“ „Aber wenn du dich bemühst und etwas beweist, dann würdest du vielleicht mehr Geld bekommen.“ „Was hat es für einen Sinn sich anzustrengen. Bei uns braucht eh keiner was. Mein Nachbar – ein Schriftsteller. Ich habe seine Bücher gelesen. Ein saucooler Schriftsteller, ohne Witz. Sein Buch wurde in Russland herausgegeben, in Amerika ins Englische übersetzt und vor Kurzem sogar ins Chinesische, stell dir vor! Die drei größten Länder der Welt lesen den Roman meines Nachbarn und bei uns braucht ihn niemand. Er arbeitet als Dermatologe, verdient wenig. Von Zeit zu Zeit besuchen ihn Journalisten, befragen ihn zu den Sujets und machen jedes Mal große Augen, kennt man Sie im Ausland? fragen sie. Sie haben schon fünf Romane geschrieben. Das gibt’s doch nicht. Und das war’s? Dann zeigen sie ihn im Frühstücksfernsehen, so nach dem Motto, stellt euch vor, es scheint so als hätten wir einen solchen Narren – Schriftsteller. Und allen ist alles egal. Und wo bekommen wir Ehre und Achtung? Nur wer Kohle hat und Macht. Sie laufen alle zum Beamten, um sich vor ihm zu verneigen, zu schreien, zu stottern – schleim, schleim. Und du sprichst von Bemühungen. Ich arbeite mehr als viel, doch es ist allen egal. Deswegen mache ich besser langsam. Lass mich noch einen Wodka bestellen, magst du?“ Danijar zuckte mit den Schultern. Der Mann stand auf, ging zur Bar und kehrte zurück mit einer Karaffe. „Ich heiße übrigens Bachtyžan oder einfach Baha.“ Er reichte ihm die Hand. „Danijar.“ „Gut Danijar, auf das Kennenlernen. Was hast du für ein Business?“ „Nur so“, antwortete unwillig Danijar. „Handel, Baumaterialien.“ „Und ich dachte mal, mich mit Tourismus zu beschäftigen“, sagte Baha, „Wollte Führungen für ausländische Touristen anzubieten.“ „Und dann?“, fragte Danijar. „Hat es nicht geklappt?“ „Iwo“, Baha wedelte mit dem Arm. „Dann hat es sich gezeigt, dass es niemand braucht. Es gibt nichts womit wir vor den Augen der Ausländer prahlen können. Ist alles beendet. Wir hatten in Kasachstan so viel Reichtum. Und wir haben alles verspielt – alles so wie es ist. Beurteile selbst, wo die Heimat der Äpfel ist.“ „In Kasachstan“, sagte Danijar unsicher, „Hier bei uns, in Almaty.“

„Wo sind die Äpfel? Es gibt hier keine zum Teufel. Keiner glaubt mehr an die Sorte Aport, von der Größe eines Kopfes. Wo sind die Apfelgärten, die sich von den Bergen direkt in die Stadt ausgebreitet haben? Es gibt sie nicht. Sie wurden alle gefällt und an ihrer Stelle wurden Villen gebaut. Und der Apfel ist nun das Symbol New Yorks. Da wachsen jetzt unsere Äpfel. Und die Touristen fahren dahin, um in den Apfelgärten spazieren zu gehen. Und wo ist die Heimat der Tulpen?“ „In Holland?“ „Nichts. Bei uns in unseren kasachischen Steppen. Und in Holland werden unsere Tulpen kultiviert und zu ihrem Symbol gemacht. Ich habe zu dieser Frage recherchiert und deswegen sage ich…Nun schaut man auf die holländischen wie auf ihre eigenen. Also da gibt es einen Tulpengarten und es fahren dorthin Hunderte von Touristen. Schön und nützlich und er bringt Geld. Aber die Tulpen, das sind unsere. Nur hier bei uns ist es allen egal. Mit Tulpen hat man Arbeit und bei uns mag man Arbeit nicht. Und wo ist die Heimat der Pferde?“ „Auch bei uns?“, schmunzelte Danijar. „Was? Findest du das witzig? Ja, bei uns. In unseren Steppen. Und wo sind diese Pferde? Die sind verwildert. Erst vor kurzem reiste ich in die Berge und beobachtete die Pferdchen, die von den Hirten beritten wurden, klein, abgequält, ohne Fell, lumpig. In den Schwänzen Fellknäuel, auf dem Körper irgendwelche Wunden. Dafür aber die Pferde der Polizisten in London. Oh wau! Ich habe sie im Fernsehen gesehen und habe meinen Augen nicht getraut. Deren Widerrist ist höher als mein Scheitel. Gesund, gepflegt, kräftig. Und bei uns sind sie verwildert. Weil es allen egal ist. Ich bin schon ruhig, was unsere besonderen Tiere angeht. Wo leben unsere Schneeleoparden unser Stolz. Symbol von Almaty. Sie leben in europäischen Zoos. Vermehren sich da. Und dort leben auch die Prschewalskipferde, Saigaantilopen, Agalischafe. Und wir haben alles verpennt. So weit muss man kommen. So viel besitzen, um dann alles zu verlieren. Ich wette  mit dir, bald ist auch das Erdöl alle und dann ist es rum. Und die letzten Saiga-Antilopen, nur noch ein bisschen und dann sterben sie auch aus. Und was anderes sind wir nicht in der Lage zu unternehmen. Lass uns noch einen trinken…wie der Geschichtslehrer bei uns an der Schule Worte macht, zwischen der ersten und der zweiten, ist nur ein kleines Päuschen. Er ist gerade mal einundzwanzig.“ Danijar kehrte bei Dunkelheit nach hause. Alle drei Fenster ihrer Wohnung leuchteten. Er blieb im Hof stehen, schaute nach oben und hoffte dunkel, das Alija in dem Moment raus schaut, ihn sieht, und das irgendetwas zwischen ihnen vorbeihuscht, aber Alija schaute nicht raus, nicht einmal ihr Schatten berührte die leuchtenden Fenster. Danijar atmete wehmütig auf, machte das Fenster auf, den Motor an und den Ofen aus.

                                                                       13.

Geld blieb nicht viel übrig. Wenn es keinen Schnee gäbe, wäre er schon längst weggefahren, aber der Schnee fiel jede Nacht. Morgens verließen die Menschen ihre Treppenhäuser, liefen in alle Richtungen, auf dem Neuschnee ein Spinnennetz von Spuren hinterlassend aber die Wolken verdichteten sich abends, fielen mit weißen Flocken die Spuren verwischend, damit morgens keiner glauben könnte, das in dieser Stadt überhaupt jemand am Leben blieb. Nazar beobachtete den ganzen Tag das Fenster. Und Abaj schaute Fern. „Gut, ich muss noch fahren“, sagte endlich Nazar. „Ich habe doch versichert, dass es nur für drei, vier Tage ist. Das Auto nehmen und heim fahren. Aselja wartet schon allzu lange.“ „Wohin gehst du?“, fragte Abaj finster. „Da draußen liegt Schnee bis zum Knie. Und das in der Stadt. Was in der Steppe los sein muss. Kannst du es dir vorstellen?“ „Ich schlage mich durch, ist ja nicht zum ersten Mal“, sagte Nazar  an die Richtigkeit der getroffenen Entscheidung glaubend. „Das Auto ist ja nicht neu.“ „Du weiß ja selber, wie man hier bei uns Handel treibt, durchtrieben. Von außen machen sie alles sauber und verstecken die wichtigsten Defekte, verkleben es mit einem Kaugummi, verbinden es mit Tesafilm. Hauptsache es funktioniert ein, zwei Tage oder eine Woche. Wenn du den Wagen nicht testest wie es sich gehört, wirst du es selbst nicht erfahren.“ „Ach was?“, rief Nazar. „Bei dir ist es anders. Als ob ich zum ersten Mal ein Auto kaufte? Ich weiß selber wohin ich schauen soll. Also wage es nicht, meine Hübsche zu beleidigen.“ „Man wird es dir nicht erlauben“, sprach Abaj, „man sagte im Fernsehen, dass die Strecken gesperrt sind. Es wurde Sturm vorhergesagt.“ „Und wie lange werde ich deiner Meinung nach?“ „Woher soll ich das wissen? Wir werden sehen. Es wird aufhören zu schneien, man wird die Straßen kehren. Vielleicht noch ein paar Tage.“ „Ja, dieser Schnee fällt unaufhörlich, immer dichter. So kann man das ganze Leben drauf warten, dass sich alles von alleine ergibt. Ne, so kann ich nicht. Was willst du machen?“ Abaj stand auf, füllte den Kessel mit Wasser und  stellte ihn auf die Flamme. „Lass uns lieber Tee trinken.“ „Ich werde sowieso wegfahren“, sagte Nazar. „Ja ich trinke den Tee und werde mich auf den Weg machen.“ „Keiner wird dich raus lassen“, wiederholte Nazar. „Und ich kann deiner Meinung nach nicht selbst entscheiden?“ „Nein Nazeke, du entscheidest nicht. Hier bei uns entscheidet niemand. Wir tun nur so als ob wir irgendwelche Entscheidungen treffen. Und in Wirklichkeit…“ „Zum Teufel, geh raus und schau dir das Volk an, sitzt hier und grübelst, du Hobbypsychologe. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber die Menschen hier tun so als würden sie sich unterwerfen. Vor allem wenn die Bullen in der Nähe sind. Und jeder macht das was er will. In unserem Dorf haben sie irgendwann ein Schild aufgestellt, welches besagte, das die Durchfahrt versperrt ist, die Straße wurde repariert aber keiner aus dem Dorf nahm die Umleitung. Stell dir vor. Nicht einer. Und ich auch nicht. Und dort beim Graben, die ganze Straße ist umgegraben, es ist unmöglich, sie zu umfahren. Und alle fuhren bis zur Umleitung, ärgerten sich, kehrten um und nahmen die Umleitung. Hier bei uns wird sich keiner ans Gesetz halten. Weder der einfache Mensch, noch der Machthaber. Jeder macht was er will.“ „Nazar, du weißt selber, das der Fisch am Kopf zuerst verfault?“ „Hör zu, Abaj, du nervst mich mit deiner Philosophie.“ „Warum heulst du? Wenn es dir nicht passt, dann ist es halt so. Bist du unzufrieden mit der Macht? Mit wem speziell? Wo fängt die Macht an? Hier blickst du nicht durch. Wo ist die Grenze zwischen denen, die Macht besitzen und denen die ohne sie sind? Zum Beispiel habe ich einen Bekannten – Kudajbergen, er arbeitet als Jagdaufseher. Wir haben hinter unserem Ort einen Nationalpark, erinnerst du dich? Er arbeitete so wie man gewöhnlich bei uns arbeitet. Er fuhr ganz stolz durch den Wald mit dem Gewehr um die Schulter. Sammelte Tribut von Touristen, weil sie Lagerfeuer an nicht angemessenen Orten machten. Er brachte reiche Jäger in den Park, soff mit ihnen nachts, morgens zeigte er ihnen die Wege, auf denen die Antilopen zu den Wasserstellen gehen. Alles fürs Geld natürlich. Als Ergebnis kam dann raus, dass es immer weniger Antilopen im Nationalpark wurden, dafür immer mehr Müll. Dafür ist Kudajbergen ein gleichberechtigter König. Es ist an der Zeit…denn eines Tages wurde er suspendiert. Sie setzten einen anderen Kerl als Jagdaufseher ein. Es stellte sich heraus, das irgendwer von oben, den Job einem Verwandten geben wollte. Der Kerl schien in Ordnung zu sein, hat aber trotzdem schwarz gearbeitet. Jedoch sorgte er für Sauberkeit im Nationalpark. Verstehst du? Das hat nichts mit Macht, mit Vetternwirtschaft, mit Verwandten, die eine hohe Stellung haben zu tun, sondern mit dem Menschen selbst. Mit jedem konkreten Menschen. Und es ist unwichtig, ob er reich oder arm ist, Russe oder Kasache. Bei uns reden sie nicht gern über Leute sondern über die Zeichen.“ Schlag die Reichen, stürze die Machthabenden. Schließe die Armen im Getto ein. Einer schreit, Russen seien verantwortlich für den Holodomor und Repressionen, sie haben die Krim besetzt und den Krieg mit Tschetschenien verursacht. Andere sagen, Amerikaner – die Drecksäcke. Sie haben den Krieg in Jugoslawien provoziert und in der Ukraine. Sie sind es, die Lybien, den Irak und Syrien zerbomben. Amerikaner, Russen, Deutsche, Ukrainer, Kasachen – welchen Unterschied macht es? Sie sind alle Menschen. In jedem Volk gibt es Arme und Reiche, gibt es Helden und Schurken, gutherzige und solche ohne Gewissen. Die Gesetzwidrigkeiten begehen die Hände konkreter Menschen und nicht das Volk.“ „Du sprichst schön Nazek. Aber schon wieder lässt du das wichtigste aus. Die Welt ist heutzutage so gemacht, dass die Menschen selbstständig denken können. Es ist alles fertig. Schnelles Essen, das Gedächtnis des Computers ist riesig, das Internet hat auf jede Frage eine Antwort parat. Manche Fragen wollen nicht gestellt werden. Sie warten darauf, sofort Antworten zu bekommen. Warum ist es  so? Weil solche Menschen es nicht schwer haben zu regieren. Sag ihnen, dass es einen Feind gibt, dann glauben sie dir nicht nur, sie werden andere davon überzeugen. Haben die Leute nicht nur deshalb recht, weil sie daran glauben, was sie  erzählen? Der Henker glaubt ja auch, dass sein Opfer die Strafe verdient. Es bleibt nichts anderes als zu glauben. Die Soldaten glauben, dass sie nur deshalb auf den Feind schießen, ansonsten würden sie nicht auf den Abzug drücken. Sie müssen glauben. Den Generalen, den Richtern. Und wir leben in Zeiten, in denen nicht Armee gegen Armee kämpft, nicht Volk gegen Volk, sondern der Mensch gegen den Menschen. Das ist der aller schlimmste Krieg. Um ein ganzes Land zu zerstören, in ihm Chaos anzurichten, ist es nicht notwendig Sanktionen durchzuführen oder Bomber vom Himmel fallen zu lassen. Es ist einfach nötig den Menschen etwas Gift ins Gehirn zu spritzen. Es ist leicht die Menschen mit Hass zu vergiften Die Menschen fressen sich gegenseitig auf. Sie schmieren dich mit Teer ein und hüllen dich in Federn. Der beste Freund wird zum Feind. Sie verstehen nicht, dass wenn sie andere beschmutzen, sie selber nicht davon sauber werden. Und hassen kann man für alles, für die Hautfarbe, für den Glauben, für die Automarke, für die Sprache, für das Talent. Nur ist dieser Hass nicht der eigene, sondern der verwirklichte. Man kann sogar den besten Menschen anstupsen als Gemeinheit. Man muss einfach den Knopf finden!“ „Gut, mach wie du denkst.“ Nazar stand auf, „ich werde nicht mehr mit dir streiten. Bin schon müde. Jeden Tag mit der Zunge kratzen. Das nervt. Ich habe eine Familie, ein Haus, habe genug andere Sorgen. Und du, bleib weiterhin in deinem Kokon sitzen, wenn es dir gefällt.“ „Nun, du hast alles selbst gesehen“, Abaj lächelte. „Ich sagte doch, hier ist überall das Spinnennetz. Ich komme hier nicht mehr raus. Du kannst es ja versuchen wenn du dich so entschieden hast. Vielleicht klappt es ja.“ Nazar näherte sich Abaj und umarmte ihn. „Mach’s gut“, sagte er. „Hallo“, antwortete Abaj.

                                                           14.

Die Milch war alle und das Brot verschimmelt. Alija liebte es morgens Milchbrei und belegte Brote zu essen. Sie hatte keine Lust, einkaufen zu gehen. Zuhause war es warm und gemütlich. Gestern saß Alija den ganzen Tag auf dem Bett, in die Decke gehüllt, trank Tee, schaute aus dem  Fenster auf den fallenden Schnee und blätterte in einem Buch. Alija liebte den Winter, aber nur vom Fenster aus. Sie mochte den sauberen Schnee, die Konturen der schwarzen Bäume im gelben Himmel, Schwärme der Krähen, die ihr Gefieder aufplusterten. Aber raus gehen und spüren, wie der Frost die Wangen beißt, in den kniehohen Schnee einstürzen, nein das war nichts für sie. Dazu kam, das vor ihrem Fenster, direkt vor dem Treppenhaus ihr Auto stand, und darin Danijar. Sie war immer noch sauer auf ihn. Vor allem deshalb, weil dieser immer noch nicht da war um sich zu vertragen. Nicht zuletzt weil er sie allein gelassen hatte und dann wollte er nicht einmal zurück kehren. Nein, Alija wollte Danijar nicht sehen. Sie hat alles vorbereitet – Geld, Kleidung und Schuhe und beschloss zu warten, bis Danijar verschwindet. Er muss doch zu Mittag essen. Und wo geht er auf Toilette? Hm. Alija schaute unauffällig aus dem Fenster. Lehnte sich heraus. Endlich sah sie, wie Danijar heraus ging, den Kopf hoch, seine Jacke zumachte und auf dem Hof links abbog, Alija fuhr zurück. Ausgezeichnet. Alija musste nach rechts. Dort auf der anderen Straßenseite befand sich ein Lebensmittelladen. Sie zog sich schnell Kleidung an, warf sich den Pelzmantel über, band sich ein Tuch um den Kopf, nahm das Geld und verließ das Haus. Sogar im Fellmantel fror sie. Es war nicht kalt, sondern nasskalt. Unangenehm. Sie zitterte. Alija umging das Haus und näherte sich dem Zebrastreifen. Zwischen Straße und Bürgersteig zog sich ein langer, schwarzer Schneehaufen. Alija kletterte darüber, sah wie auf der Straße ein silbernes Auto raste und blieb für alle Fälle stehen. Das Fahrerfenster fuhr nach unten und daraus schaute ein breitwangiger Kerl mit einer schwarzen Brille. „Ey, du Schlampe! Was stehst du da? Beweg mal deine Beine schneller!!“ Alija erschrak und überquerte die Straße. Irgendein Mann, der vorüber ging, schrie zu dem Kerl: „Pass auf deine Zunge auf. Das ist ein Bürgersteig!“ Der Kerl wackelte mit dem Kiefer und spuckte energisch seinen Kaugummi in Richtung des Mannes. Das Auto schrie auf und bewegte sich von der Stelle. Nachdem sie die Straße überquert hatte, ging Alija nun ruhiger und verstand jetzt erst, was passiert ist. Tränen der Enttäuschung traten in ihre Augen und froren augenblicklich zu. Die Nase rümpfend, betrat sie das Geschäft. Dies war ein winziger Laden von der Decke bis zum Boden voll gestellt mit Kram. „Für mich Milch“, sagte sie schluchzend, „Drei-prozentige. Und Brot. Welches haben Sie da?“ „Ein Laib Weißbrot,“ sagte der Verkäufer. „Es gibt frische Hörnchen.“ „Geben Sie mir ein Brot und drei Hörnchen“, nickte Alija. „Wie viel schulde ich Ihnen?“ Auf dem Rückweg ging sie nicht am Zebrastreifen vorbei. Dieser Weg war länger. Dafür gab es auf der Kreuzung eine Ampel. Alija hatte vergessen, sich Handschuhe anzuziehen, hatte sich zu sehr beeilt, deswegen fror die Hand, in der sie die Tüte hielt. Sie ging zur Kreuzung und fühlte sich das erste Mal seit langer Zeit einsam.

                                                                       15.

„Ljecha? Lješka! Hallo!“ „Dan’ka? Danijar, wow Freundchen! Wie lange ist das her Mensch! Bist es wirklich du? Wie geht es dir?“ „Ganz gut, geht langsam voran. Welches Schicksal hat dich hierher geführt?“ „Kann ich mich zu dir setzen?“ „Klar, setz dich.“ „Gleich, eine Sekunde…So, geben Sie mir Uha, Baursaki und eine Kanne Tee. Ja, schwarz. Mit Milch. Gut, nun gehöre ich ganz dir.“ „Komm, erzähl! Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Fünfzehn, zwanzig Jahre?“ „Seit der sechsten Klasse haben wir uns nicht gesehen. Seitdem wurdest du irgendwohin versetzt. Bist du in Almaty zur Zeit oder nur auf der Durchreise?“ „In Almaty. Ich lebe unweit von hier.“ „Ach, und mich hat das Schicksal durch die ganze Welt gejagt. Ich bin ja nach der Schule nach Deutschland gezogen, fürs Studium. Dann lebte ich in Russland, habe da geheiratet und bin mit der Ehefrau nach Kanada übergesiedelt.“ „Und hierhin?“ „Hierhin bin ich nur für kurze Zeit gekommen, um die Eltern zu besuchen.“ „Sind sie wohlauf?“ „Die Mama ist krank. Aber es ist alles in Ordnung. Ist ja schließlich das Alter.“ „Ach Lješka. Das gibt es doch nicht.“ „Dan’ka! Du bist ganz der Alte, hast dich gar nicht verändert.“ „Du auch.“ „Ehrlich?“ Wie geht es dir denn überhaupt?“ „Ich bin manchmal im Ausland, habe auch geheiratet und hier ein Business eröffnet. Im Allgemeinen will ich mich nicht beschweren. Und wo arbeitest du?“ „Ich habe die mathematische Fakultät absolviert und machte dann eine Umschulung zum Programmierer. Die braucht man heute häufiger als Mathematiker.“ „Stimmt, Computer, Androide…“ „Dazu kommt, das es gute Programmierer heutzutage wenig gibt. Die Marktführer sind die Chinesen und Inder. Sie machen es schlecht aber günstig. Übrigens, kannst du dich an Ljudmila Ivanovna, unsere Mathematiklehrerin erinnern?“

„Na klar. Sie war es doch, die uns aus dem Klassenraum vertrieben hat, wegen unseren Flugzeugen.“ „Ja, stimmt. Du wurdest dann versetzt und sie wurde unsere Klassenlehrerin und da hat sich gezeigt, das sie eine anständige Frau war, kannte sich gut mit Mathe aus. Wir haben sogar nach der Schule noch Kontakt gehabt. Und als wir nach Kanada zogen, habe ich ihre Adresse verloren. Dachte, vielleicht hast du sie noch.“ „Ne, ich bin ihr nie begegnet. Dafür habe ich vor kurzem Ajnur Tašbulatova getroffen. Sie ist jetzt Anwältin, arbeitet unweit von hier. Ajnurka ging doch mit dir zur Schule bis zum Schluss?“ „Ja, bis zur Elften. Möglicherweise weiß sie etwas über Ljudmila Ivanovna.“ „Gut, wir regeln das. Danke. Und wie ist es bei dir? Wie verbringst du die Zeit? Spielst du Fußball? Du warst doch so ein guter Fußballspieler.“ „Ach ne, welcher Fußball? Habe schon hundert Jahre nicht mehr gespielt. Arbeit. Haus. Manchmal gehe ich mit meiner Ehefrau ins Kino.“ „Hör zu, ich sah, dass bei euch gerade Evgenij Onegin aufgeführt wird? Warst du da? Wie ist es dort?“ „In der Oper oder wie?“ „Aha.“ „Ne, Oper ist nicht meins.“ „Ich grübele auch, soll ich gehen oder nicht? Ich verstehe einfach nicht, wie Kasachen Evgenij Onegin singen können.“ „Was ist daran nicht zu verstehen?“ „Das ist doch komisch, oder nicht?“ „Ja, ich sehe du hast dich verändert.“ „In wie fern?“ „Gut, der Zug ist abgefahren. Erzähl, wie lebt es sich in Kanada?“ „Im Grunde nicht schlecht. Ich habe Arbeit, die Menschen sind in Ordnung. Allerdings viele Schwuchteln. Aber man kann dort leben. Das Trinken habe ich übrigens aufgegeben. Ich habe in Russland so viel gesoffen und dann geheiratet. Glück gehabt. Meine Frau ist orthodox und ich wurde auch getauft. Seitdem ich getauft bin, habe ich das Trinken aufgegeben. Ich trinke und rauche nicht. Ganz wie eine Pusteblume. Bringe den Menschen Licht und Liebe. Fühle mich fast wie ein Heiliger, ohne Witz.“ „Bravo! Wie heißt denn deine Frau?“ „Olga, Ol’enka. Ich erzähle dir mal, wie wir uns kennen gelernt haben. Ich bin damals nach Moskau gekommen, um den zweiten Hochschulabschluss zu bekommen. Ich kam an, fand eine Mietwohnung, habe mich eingelebt und beschloss mich etwas zu erholen und ins Kino zu gehen. Ich kam an und der Kinosaal war fast leer. Ich dachte mir, wir sind ja in Moskau, hier gibt es Kinos wie Sand am Meer. Dann begann der Film, Nach der zehnten Minute verstand ich, warum der Saal so leer war. Ein doofer Film. Irgendein Weib geht hin und her und philosophiert über das Leben. Kann mich nicht an den Titel erinnern. Dann wollte ich gehen und da fiel mir Ol’ka auf. Sie saß hinter mir, da kannte ich sie noch nicht. Ich sah nur ein hübsches Mädchen. Im Dunkeln kann man ja kaum etwas sehen. Gut, denke ich. Dann gedulde ich mich noch etwas. Und ob du glaubst oder nicht, ich habe mich ganze zwei Stunden geduldet. Nicht umsonst. Als der Film zu ende war, standen alle zehn Zuschauer von ihren Plätzen auf und bewegten sich zum Ausgang und ich zu ihr. Wort für Wort, wir lernten uns kennen und besprachen den Film, saßen kurz in einem Café und ich erklärte mich bereit, sie nach hause zu begleiten. Und da stehen wir schon fast vor ihrem Treppenhaus und sie sagt zu mir, dass sie alleine wohnt. Dann stiegen wir langsam die Treppe hoch, auf jeder Etage gaben wir uns einen Kuss. Endlich gingen wir rein. Sie bietet mir Hausschuhe an, wir betreten die Küche und da steht ein gedeckter Tisch. Es gibt zwar keinen Wodka aber Saft und was zum Knabbern. Wir saßen da und tranken Saft. Ich wollte eine rauchen aber sie ließ mich nicht. Und dann starrte sie mich an. Ich habe ihr aus versehen die Hand aufs Knie gelegt, sie wurde ganz rot, befreite sich von meiner Hand, drückte sie, stand auf und zog mich ins Schlafzimmer. Sie setzte mich aufs Bett und begann sich zu entkleiden. Und ich, genauso wie sie, machte mein Hemd auf. Sie zog sich bis auf die Unterwäsche aus, schlüpfte unter die Bettdecke und zog sich dann den Rest aus. Dann griff sie mit der Hand unters Kissen und zog ein Präservativ raus. Und ich nehme es, stülpe es über und krieche zu ihr unter die Decke. Nun…“

„Äh hör zu, bitte keine Einzelheiten, gut? Habt ihr denn Kinder?“ „Ach was, weiter wird’s erst richtig spannend. Aber du musst es selber wissen. Ne, Kinder haben wir bis jetzt keine. Wir gewöhnen uns erst an den neuen Ort, leben uns ein und machen dann viele Kinder. Ich möchte Jungs. Wie verhält es sich hier bei dir in dieser Sache?“ „Genau so eine Geschichte. Wir planen erst jetzt. Es ist gerade mal drei Jahre her, dass wir geheiratet haben. Wir haben noch Zeit. Fährst du Auto?“ „Es ist notwendig. In Kanada sind die Entfernungen groß. Du kannst nicht genug Taxi fahren. Dazu sind alle Taxifahrer Farbige. So schwarz, schrecklich. Haben alle Banditen-Fressen, einfach schrecklich.“ „Hör zu, du hast mehr gesehen als ich.“ „Ja, ne. Ich versichere es dir, alle Farbige.“ „Übrigens ist die Uha hier sehr gut. Schon probiert? Ich kann es empfehlen.“ „Ich esse selten Fisch.“ „Ich bin Allesesser. Wie ein Bär. Bin es noch von der Armee gewohnt, alles durcheinander zu fressen. Wie ist die Stimmung hier in Kasachstan, was den Krieg angeht?“ „Welcher Krieg? Der dritte Weltkrieg? Ich habe keine Ahnung. Warum? Bereitet sich Kanada auf den Krieg vor?“ „Die ganze Welt bereitet sich vor. Schaust du etwa keinen Fernseher?“ „Manchmal schon aber ich glaube nicht alles.“ „Ja klar, ich glaube auch nicht an alles. Das ist normal. Jeder Sender hat seine eigene Perspektive. Der eine sagt, dieser hat Recht, der andere Jener. Aber der Krieg wird von allen vorhergesagt.“ „Hör zu, ich bin zwar kein Spezialist, aber ich denke, das der Krieg schon lange existiert. Mal an diesem Ort, mal an jenem. Der eine greift an, der Andere rächt sich, der Dritte verteidigt. Und wer Recht hat, da blickt man nicht durch, wie du dich auch bemühst. Jeder hat auf seine Art Recht.“ „Für wen bist du denn?“ „Für niemanden, beziehungsweise für den Frieden natürlich.“ „Und gegen wen?“ „Ich sage doch, hier hat jeder seine Wahrheit. Also ich bin definitiv gegen jenes Land, welches seine Hände aufwärmt auf Kosten fremden Leids. Das ist so, wie wenn in der Nachbarwohnung ein Streit ausbricht. Der Ehemann schreit seine Frau an, die Frau den Mann, Geschirr wird zerbrochen, die Kinder weinen. Jeder Nachbar dreht da den Fernseher lauter, damit man die Schreie nicht hört. Der nächste geht hin, um die Nachbarn zu versöhnen, zu überreden, zu beruhigen. Der Dritte will sich für Ehefrau und Kinder einsetzen und zu kämpfen anfangen. Der Vierte ruft die Polizei. Das alles ist normal, menschlich. Und der fünfte Nachbar hat die Idee, das er eine kleine Wohnung hat, es wäre nicht übel noch ein Zimmer zu haben. Und wie? Da die Nachbarkinder hinter der Wand schreien, eine Wand durchschlagen, die andere zumauern – da hast du neue Wohnfläche. Und man hat einen edlen Grund, so nach dem Motto, man nimmt die unglücklichen Kinder unter seine Fuchtel. Und wenn man sich anstrengt, dann kann man die richtigen Leute finden und die Dokumente so ausstellen, dass das Zimmer dem Nachbarn unrechtmäßig gehört. Und die Sache ist gebongt. Das ist dann aber nicht mehr menschlich. Man darf nicht auf fremden Leid Kapital schlagen. Wenn du nicht kannst oder nicht willst, einem Menschen, der umgefallen ist, die Hand zu reichen, dann geh lieber vorbei und hör auf das Geld, welches runter gefallen ist, in die eigene Tasche zu stecken.“ „Hör zu, ich habe verstanden, dass du für Frieden bist doch bevor man dem Gestürzten die Hand gibt, muss man denjenigen fangen, der ihn geschubst hat und ihm Haue geben, damit er es künftig nicht wiederholt. Sonst stellt er dir morgen das Bein. Das ist ja ein Feind und den sollte man bekämpfen.“ „Mit welchem Feind?“ „Wir haben einen und den selben Feind.“ „Ja, und wer?“ „Wie, wer? Amerikosy.“ „Sicher? Vielleicht Farbige? Oder Schwuchteln? Oder Hindus, Kasachen…wen noch hast du da genannt? Chinesen, ja?“ „Ja ne, sicher die Amerikosy, da muss man nicht lange nachdenken.“ „Ich denke, dass nur der Dummkopf alles verstehen kann.“ „Nicht verstanden?“ „Dann ist es noch nicht alles. Ich muss langsam los.“ „Bist du etwa beleidigt?“ „Nene, was sagst du da?“ „Mach’s gut. Wir telefonieren wenn was ist.“

                                                                       16.

Der Motor wollte nicht anspringen. Eigentlich mochte Gena Schnee aber jetzt fiel er bis zum Knie in die Schneehaufen, die nachts angeweht wurden, er spürte wie die Liebe schwächer wurde. „So kann ich bis zum Frühling hier stehen“, murmelte er als er die Motorhaube öffnete und im Motor wühlte, mit seinen steifen Fingern. Der Akku war wohl in Ordnung. Doch vielleicht…Gena schnappte sich die Bedienungsanleitung und fing an sie ungeschickt durchzublättern, halbblind, die Augen schließend vor dem ihm umgebenden, weißen Schnee. Plötzlich bewegte sich der Nachbarschneehaufen, stürzte wie eine Schneewand ein und aus dieser Schneewand tauchte ein verschlafener Mann auf, eingewickelt bis zu den Ohren in eine graue, karierte Decke. Gena verstummte wunderte sich und beobachtete den Unbekannten. Und dieser streckte sich, gähnte, erblickte Gena und grüßte er ihn unfreundlich. „Guten Tag Nachbar, springt er nicht an?“ „Ich bin kein Nachbar, bin einfach stecken geblieben.“ „Der Unbekannte kam näher und reichte ihm die Hand. „Danijar, ist es schlimm wenn ich dich duze?“, fragte Danijar. Gena stand hinter der offenen Motorhaube und winkte bloß mit der Hand. „Der Anlasser dreht sich nicht, Mist. Das Relais ist kaputt oder sonst was. Verstehe ich nicht.“ „Und wo soll man ein Neues besorgen? Ich bin ja bis hierhin Gott weiß wie gekommen. Die letzten Quartale fuhr es wie eine Schildkröte. Ich hätte um neun ankommen sollen, kam aber erst um zwölf an. Bin Elektriker. Kennst du Olga Šatunova? Ich habe bei ihr das Licht repariert. Ich hatte eine Stunde Arbeit und fuhr ganze drei Stunden. Wohin mit mir? Der Schnee auf den Straßen ist höher als die Knie. Mancherorts noch mehr und solche Schneehügel. Und Staus. Die Menschen verlassen ihre Autos auf den Straßen. Und hier nur der Anwerfer, mist. Wie soll ich denn jetzt heim fahren?“ „Die Ehefrau wartet?“, fragte Danijar. „Nicht wirlich, welche Ehefrau? Ich hatte mal eine. Ich bin Angler, weißt du, magst du das Angeln?“ „Ja“, sagte Danijar unsicher. „Ich kann gar nicht ohne. Sitze zu hause, grübele, spitze die Haken, bereite den Angelblei vor. Und sie so gar nicht. Sie dachte, dass ich saufe. Dumme Kuh. Klar trinke ich, jedoch nicht bis zur Besinnungslosigkeit. Nur so, zum Vergnügen. Einmal war sie so hysterisch, dass sie meine Angelrouten nahm und verschwand. So lebe ich jetzt. Und du? Wie ich sehe, wurdest du auch des Hauses vertrieben?“ „Ja“, Danijar lächelte verkrampft. „Der wievielte Tag ist es jetzt schon im Auto, naja, macht nichts, es gefällt mir sogar.“ Gennadij blickte von der Seite auf Danijar und begann wieder im Inneren des Autos zu wühlen. „Verstehe, hast also schon Sehnsucht?“ „Habe ich“, gab Danijar recht. „Schreckliche Sehnsucht. Habe mich dran gewöhnt, da die Frau in der Nähe ist. Denke die ganze Zeit an sie.“ „Warum bist du dann gegangen?“ „Tja“, Danijar wedelte mit dem Arm, „das weiß ich jetzt selbst nicht, sind aneinander geraten. Es sah so aus, als wäre alles kaputt. Ich habe dann die ganze Nach darüber gegrübelt, warum Frauen Männer piesacken. Gut, ich verstehe Galka, diese Galja…wie heißt sie nochmal? Kravkova aus dem zweiten Treppenhaus, kennst du sie?“ „Nein“, sagte Gena. „Du gehörst ja zu uns, ich habe es vergessen“, Danijar stieß sich auf die Stirn. „Nun, unwichtig. Galkas Ehemann säuft. Viktor. Vertrinkt die ganze Rente und dann noch den halben Verdienst von Galka. Er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank und dann bekommen Galka und die Kinder das ab. Galka schuftet bei drei Arbeitsstellen und er ist in Rente. Dafür piesackt ihn Galka morgens, kreidet ihm sein ganzes Leben an und sie hat eine scharfe Zunge. Zwei Wochen geht er hin und her, den Schwanz eingezogen und sie ist nur am Schreien. Und dann geht alles von vorne los. Das verstehe ich. Er verdirbt ihr Leben und sie ihn. Alles gerecht. Und wie ist es bei uns? Ich zum Beispiel, meine Alija…weißt du, wie sie ist. Die einzige auf den ganzen Welt. Ich mache alles für sie und sie. Äch. Was macht es schon für einen Unterschied? Ist doch eh egal.“ „Dann geh zu ihr und rede mit ihr“, schlug Genadij vor. „Ne, ich gehe nicht zu ihr“, Danijar wackelte mit dem Kopf. „Ich kann mich nicht entschuldigen, woran bin ich denn Schuld? Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich beleidige sie nicht. Ich schenke ihr an Feiertagen Blumen, verdiene genug, führe sie in Restaurants aus. Von der anderen Seite verstehe ich natürlich – ich stecke den ganzen Tag auf der Arbeit fest und sie sitzt alleine zuhause. Sie kocht, räumt auf, wartet auf mich. Es gibt viel im Haushalt zu tun. Und dann komme ich, müde, verärgert, auf der Arbeit auch ein Haufen Probleme. Anstatt zärtlich zu ihr zu sein, gehe ich mit finsterer Mine durch das Haus. Ein anderes Mal kann ich essen, ohne mich zu bedanken. Sie sorgt sich um mich und ich merke das manchmal gar nicht, habe ihr keine Spülmaschine gekauft. Und auch jetzt – mache mir ein schönes Wochenende und habe keine Lust, etwas im Haushalt zu machen. Wie oft hat sie mich schon drum gebeten, die Fenster zu reparieren, es weht herein und ich bin zu faul dafür. Deswegen ist sie beleidigt. Aber ich bin doch auch nur ein Mensch. Kann ab und zu faulenzen. Das ist doch alles Unsinn, stimmt’s? Was meinst du? Oder nicht? Ne, ich gehe nicht zu ihr. Wenn ich zu ihr gehe, wird es dann wieder so sein, dass ich Schuld bin. Ich bin immer Schuld. Egal was passiert, ich bin schuld. Ne, ich gehe nicht…“ „Geh, geh du nur“, sagte Gennadij lachend. „Man sieht doch, wie du dich schämst, das du sie schrecklich vermisst und nur einen Grund suchst.“ „Ach, Du“, winkte Genadij ab und ging zurück zu seinem Jeep. Gennadij schloss die Motorhaube, setzte sich ans Steuer, atmete hoffnungsvoll auf und drehte den Schlüssel. Der Motor rüttelte sich, ratterte nießend und hustend. Aus dem Auspuff flog eine dunkle Wolke, riss ab und floh, sich auflösend, in die frostige Luft. Gena ließ das Auto warm laufen, huschte selbst ins Treppenhaus und stieg wieder die Treppe hoch, in Olga Jurjevnas Wohnung. Er machte die Tür mit seinem Schlüssel auf, ging rein, zog sich die Schuhe aus und betrat das Zimmer, auf beide Seiten blickend. „Hey Čmo“, rief Gena und horchte hin. Stille. „Čmo, wo bist du?“ Er stellte sich auf die Zehenspitzen und klopfte mit der Hand auf die staubige Decke des Schrankes. Nichts. Dann ging er zur Schublade mit dem Fernseher, schaute rein – leer. „Wo bist du denn hin?“, murmelte Gena umherblickend und in diesem Moment krallten sich in seine Hand Zähne und Krallen ein. Die Pfoten aufspreizend, flog Elsa auf seine Ferse, kaute an seinen Zehen, sprang dann zur Seite und fegte unters Bett. Aber innerhalb eines Augenblickes steckte sie ihre rosa Nase heraus, mit Neugierde die Reaktion Genas beobachtend. Gena ging vor Elsa in die Hocke. Sie miaute und kletterte graziös unter dem Bett hervor, streckte sich mit dem Schwanz spielend. Sie ging hin und her, legte sich auf den Rücken und zog ihre Pfoten heraus, darauf wartend, dass Gena mit ihr spielt aber Gena war nicht nach Spielen zu Mute. „Hör zu Čmo“, sagte er leise. Lass mich dich von hier mitnehmen, hm? Du wirst bei mir leben. Ich habe natürlich nicht solche Gemächer wie hier. Dafür einen eigenen Garten, Freiheit, Weite. Du wirst an der frischen Luft spielen. Mäuse fangen. Dir steht auf der Stirn geschrieben, dass du eine Jägerin bist. Ich bin doch Angler, weißt du welch guten Fisch ich fange? Karpfen, Barsch und Rapfen. Das ist nicht wie dieses…dein Whiskas. Und mit Olga Jurjevna bespreche ich das noch. Wenn was ist, dann sage ich ihr, dass ich keine Bezahlung für meine Arbeit brauche. Sie schuldet mir ordentlich etwas.“ Elsa hörte Gena aufmerksam zu und zog sich zu ihm  von Zeit zu Zeit, bemühte sich mit der aus gespreizten Pfote darum, den schaukelnden Saum des Kissens zu greifen. „Nun ist mein Auto kaputt“, Gena atmete auf. „Mal springt es an, mal nicht. Nur mach dir keine Sorgen. Ich werde heute damit fertig, selbst oder ich bringe es zum Mechaniker aber ich werde es reparieren. Und dann gehe ich morgen wegen der Bezahlung zu Olga Jurjevna und nehme dich mit. Wenn sie es mir nicht gestattet, dann werde ich dich stehlen. Elsa verstand, dass die Sache ernst war, miaute leise und wackelte nervös mit dem Schwanz.

                                                                       17.

Stepanyč stellte alles aus wie es sich gehört. Den Ring hat er behalten. Vor langer Zeit wollte er Nijara heiraten, eine hübsche Krankenschwester aus dem H-N-O- Bereich. Die Romanze war leidenschaftlich. Sie gingen abends ins Kino, küssten sich geizig bis zum Blut. Sie hatte kleine Brüste, weich, nur die Nippel verhärteten sich vor Erregung. Stepanyč wühlte im Dunkel des Kinosaals dort unter ihrer Bluse aber weiter als das erlaubte Nijara ihn nicht zu gehen. Der schlaue Stepanyč verstand, dass bald geheiratet werden sollte und lief los, um einen Ehering zu kaufen. Am nächsten Tag erschien Nijara nicht zur Arbeit, dafür kamen ihre Brüder, zwei große, kräftige Aserbaidžaner. Sie fanden Stepanyč und deuteten an, dass Nijara und er kein Paar seien und dass die Folgen ihrer Romanze die aller traurigsten sein werden. Stepanyč entschied sich, den Ring als Erinnerung zu behalten. Und nun dachte er, dass dieser vielleicht Tonja passen würde. Im Restaurant, welches sie betraten, waren nur wenige Menschen. „Wein“, sagte Stepanyč, „eine Flasche Wein, roten und…was habt ihr da an Knabbereien?“ „Caesar-Salat“, sagte die Bedienung. „Das war’s?“ „Ja.“ „Bringt ihn uns“, schrie Stepanyč fast auf. Tonja schaute mit Bewunderung Stepanyč  an und sagte zur Bedienung: „Für mich einen Steak. Medium. Mit Reis.“ „Und zum Wein?“, fragte die Bedienung. „Nein, ich trinke nichts“, sagte Tonja. „Tooonnja“, rief Stepanyč flehend. „Stepanyč, ich bin doch Sportlerin“, lachte Tonja. „Und eine Schönheit“, sagte Stepanyč verlegen. Die Bedienung grinste aber blieb da: „Noch irgend etwas?“ „Bis jetzt nicht“, sagte Tonja. Auf eine kleine Bühne, in der Ecke des Saals, stiegen ein paar Musikanten. Ein Kerl mit einer Gitarre und eine junge Frau mit einer Flöte. Die Noten durchforstend, versuchten sie leise etwas mittelalterliches zu spielen. „Tonja, ich habe was für dich“, sagte Stepanyč und kramte in der Jackentasche. „Ach ja, Stepanyč, ich übrigens auch für dich“, erinnerte sich Tonja. „Nun los, du zuerst.“ „Nein, nein. Ladies first“, sagte Stepanyč besorgt. „Nun gut“, sagte Tonja und zog aus ihrer Tasche eine Tüte: „Das ist von meinem Trainer.“ „Was ist das?“ „Eine Salbe. Sehr hochwertig, importiert. Ist genau das Richtige bei Brüchen. Regeneriert schnell. Wenn der Gips abgenommen wird, beginn sie dir aufzutragen. „Danke.“ Stepanyč versteckte die Salbe und ungeschickt nach Tonjas Händen greifend, küsste er ihre Finger. „Was bist du altmodisch, Stepanyč“, lachte Tonja. „Gut, jetzt du, was hast du da? Zeig es mir.“ Stepanyč holte leise aus der  Jackentasche die Schachtel hervor, stellte sie auf den Tisch vor Tonja und öffnete sie, im schwarzen Samtstoff lag ein goldener, dünner Ring. Die Musikanten drumherum verstummten. „Stepanyč, was machst du nur?“, fragte Tonja verwundert, ohne das Schächtelchen zu berühren. „Bist du verrückt geworden? Du bist doch zu alt.“ „Ja und?“, erwiderte Stepanyč und spürte, dass er rot wurde. „Ich bin nur von außen her alt und im Inneren lodert es.“ „Ne, ne, ne“, lachte Tonja, den Ring von sich weg schiebend. „Denk gar nicht dran.“ „Tonja, ich liebe Sie“, sagte Stepanyč mit zitternder Stimme, verwundert über den eigenen Wechsel zum Siezen. „Gut Stepanyč“, sagte Tonja und bückte sich über den Tisch zu ihr. „Du bist ein guter Mensch und gebildet und ich mag dich, wirklich. Aber nicht als Mann, eher als Opa. Lass uns nichts überstürzen.“ „Tonja, Sie töten mich“, heulte Stepanyč. „Lass uns das bald vergessen“, sagte Tonja, „Und außerdem bringen sie uns jetzt das Essen.“ Die Bedienung schob unaufdringlich die Schachtel zur Seite, legte das Besteck und das Essen auf den Tisch und goss Stepanyč Wein ein. Stepanyč dankte zurückhaltend. „Martin hat mir heute geschrieben“, sagte Tonja. „Martin?“, fragte Stepanyč abwesend. „Habe ich es nicht erzählt?“, lachte Tonja. „Ja, dann hör zu, eine klasse Story. Wir fuhren mal im Sommer auf die Datscha. Volodja, Mama und ich. Volodja ist mein älterer Bruder, sei nicht eifersüchtig. Wir haben einen Jeep, ich fahre ihn aber kaum. Meistens fährt Volodja. Wir fahren also zurück und es dämmert schon, der Weg ist frei, drumherum Steppe. Dann sehen wir vor uns einen Fahrradfahrer, auf der Seite, fast am Wegesrand. Auf dem Rücken hat er einen Rucksack, riesig, voll-geklebt mit ausländischen Aufklebern. Und wir haben übrigens vor ein paar Tagen in den Nachrichten gesehen, dass ein Fahrradfahrer aus Deutschland oder Österreich nach Kasachstan gekommen ist. Er habe wohl die Hälfte der Erde umkreist und sei jetzt in Kasachstan. Bis zur nächsten Stadt war es noch weit. Und es war schon dunkel. Volodja und ich verstehen uns in solchen Situationen ohne Worte. Also Volodja gibt Gas und ich kurbele das Fenster runter und denke mir, das ist ja schließlich ein Ausländer, der spricht kein russisch, dann müssen wir uns wohl irgendwie auf englisch verständigen, ihm sagen, dass wir helfen wollen. Alles woran ich mich noch erinnerte, war Hilfe auf englisch, „Help“ Kurzum. Volodja holt den Fahrradfahrer ein, beginnt ihn leicht zu schneiden und ich schaue aus dem Fenster und rufe zum Fahrradfahrer: „Help!“ Stepanyč konnte sich nicht halten und lachte. Tonja lachte auch. „Das ist noch nicht das Ende, Stepanyč, warte mal ab.“ Ich schreie also „Help“ und der Fahrradfahrer wäre fast ins Gebüsch gefallen, hielt sich aber und legte einen Gang drauf. Volodja erhöhte auch den Druck, holte ihn wieder ein und drückt ihn gründlich zur Seite und ich lehne mich wieder aus dem Fenster und schreie: „Help, help!“, und versuche zu lächeln und Zähne zu zeigen, um zu verstehen zu geben, das wir freundlich gesinnt sind, dass wir in Wirklichkeit helfen wollen. Nichts anderes, passendes fällt mir auf Englisch ein, verstehst du? Der Fahrradfahrer sperrte die Augen auf, kehrte dann plötzlich um und fuhr irgendwohin in die Steppe, in die Unwegsamkeit. Gut, dass wir einen Jeep haben. Irgendwie holten wir ihn ein. Und es stellte sich heraus, dass es wirklich dieser Reisende aus den Zeitungen war. Martin. Ein guter Kerl.  Wir luden sein Fahrrad in den Kofferraum, nahmen ihn mit nach Hause, gaben ihm zu Essen, zu Trinken, im Allgemeinen zeigten wir Gastfreundschaft. Wir entschuldigten uns natürlich, dass wir ihm einen Schrecken eingejagt haben. Und er, so scheint es, erinnert sich immer noch daran. Gut, dass er uns traf, es geschieht ja sonst alles Mögliche, nicht wahr? Und heute hat er uns einen Brief geschickt, eine Email. Er kam nach Hause, zurückgekehrt in sein Österreich und lädt uns nun zu sich ein.“ „Und fährst du?“, fragte Stepanyč. „Ich habe keine Zeit. Ich habe immer Wettbewerbe“ Tonja atmete auf. „Aber Volodja wird vielleicht fahren. Ist doch cool. Ich fahre morgen übrigens wieder zum Trainingslager. Nicht lange, nur für ein paar Wochen.“ „Für dich ist es nicht lang“, Stepanyč atmete auf. „Ich bin ein alter Mensch, in zwei Wochen kann alles passieren.“ „Rede keine Dummheiten, Stepanyč“, Tonja runzelte die Stirn. „Pass ja auf, dass du wie ein Gürkchen bist bei meiner Rückkehr.“

                                                                       18.

Nazar fuhr am Tag los und erreichte die Trasse erst gegen fünf. Der Schnee wurde immer noch nicht geräumt. In der Stadt bewegte sich kaum etwas. Hier und da lagen Baumzweige, die den Schneesturm nicht überlebt haben und die Autos bewegten sich sehr langsam. Die Nerven gaben auf, die Fahrer stritten durch die geöffneten Fenster und das Geheul der Alarmanlagen wollte kaum aufhören. Auf der Straße gab es einen Stau. Der Fahrer, direkt neben Nazar, verlor die Geduld, stieg aus, knallte die Tür und näherte sich den Männern, die am Rand standen. Nazar sah, wie sie sich die Hände gaben und irgendetwas besprachen. Der Nachbarfahrer von Nazar gab den Männern Zigaretten und ging  zurück. Nazar öffnete das Fenster und rief ihm, als dieser vorbei ging, zu: „Entschuldige Bruder! Hast du eine Ahnung, warum wir nicht weiter fahren?“ „Das wollte ich selbst heraus finden“, sagte der Nachbar kurz stehen bleibend. „Man sagt, das drüben beim Wachposten alle zur Rückkehr gezwungen werden. Es gab einen Befehl, niemanden in die Stadt rein zu lassen.“ „Ja gut, raus lassen, aber warum denn nicht rein lassen?“, wunderte sich Nazar und kletterte aus dem Auto um zu reden. Es ging ja sowieso nicht weiter. Draußen entwich Dampf aus dem Mund. Der Schnurrbart des Gesprächspartners war mit kleinen Eiskristallen bedeckt. „Haben Angst vor Kundgebungen.“ „Welche Kundgebungen? Im Winter?“ „Wie sommers, so winters,“ nuschelte der Bärtige. „Willst du eine rauchen?“ „Ja, warum nicht?“, sagte Nazar, „wir haben Zeit.“

„Unser Volk geht nicht“, sagte der Bärtige und gab Nazar Feuer. „Jeder weiß es. Wie oft kam es schon vor? Keine Menschen, sondern Opfer. Man kann uns endlos verhöhnen, wir halten alles aus. Das liegt an der Mentalität. Kundgebungen. In Almaty leben mehr als zwei Millionen Menschen. Und wie viele von ihnen gehen raus? Zehn, zwanzig Leute. Vielleicht auch hundert. Ja und? Sie alle werden für ein paar Stunden zur Polizeiwache gebracht, führen ein gelehrsames Gespräch und werden laufen gelassen Das war’s mit unserem Meeting. Das ist bombensicher. Und dann, wenn sich doch einer traut zu gehen. Die haben dort ja trotzdem Angst. Die haben sogar Spezialeinheiten in die Stadt gejagt, hast du gehört?“ „Achso, da kommen die Panzer her…Verstehe, würdest du selbst gehen?“ „Ich? Nein, natürlich nicht. Welchen Zweck hat das Ganze? Ich glaube nicht an Kundgebungen. Soll doch alles scheiße sein, dafür aber keine Kämpfe, dafür sind meine Kinder gesund. Und diejenigen, die Macht haben – die werden immer stehlen und lügen. Bei uns können die Menschen momentan nicht anders. Egal wem die Macht überlassen wird, derjenige, wenn er erst die Macht spürt, wird als erster seine Taschen füllen. Und die neue Tasche ist immer leer. Deswegen soll alles so bleiben wie es ist. Ein reicher Dieb ist besser als ein Armer.“ „Ich würde gehen.“ „Warum fährst du dann weg? Warte doch ein paar Tage. Vielleicht ist es wirklich eine Kundgebung.“ „Ne, ich fahre zur Ehefrau. Bin eh schon spät dran.“ „Ich sage ja, wozu brauchen wir das alles zum Teufel? Bei der Ehefrau ist es immer besser. Gut, lass uns fahren. Da vorne lassen sie uns durch.“ Nazar drückte dem Bärtigen leicht die Hand und stieg in seinen Golf. Aber die Autos wurden immer noch nicht durchgelassen. Die Kolonne bewegte sich nur deshalb weil einige Autos umgekehrt waren. Nazar hielt es nicht aus und drehte das Lenkrad bis zum Ende. Die Autos krochen auf den nahegelegenen Wegen wie Ameisen, sich bemühend einen Ausgang, einen Durchschlupf zu finden. Ein paar Mal erreichte Nazar Sackgassen, drehte sich in einem unbekannten Hof, fuhr weiter über einen Bürgersteig, fuhr über eine kleine Bordsteinkante, bog um die Ecke und fand sich am Rand eines Feldes wieder – breit, schneebedeckt, grenzenlos. Noch vor einer Sekunde sah er graue, steinerne Mehretagenhäuser, und hier, plötzlich, begann die Steppe. Auf dem unberührten, jungfräulichen Schnee, zog sich eine Linie von runden, lockeren Spuren, die an Pferdehufen erinnerten. Nicht lange nachdenkend, fuhr Nazar nach vorne, auf der Spur. Schon bald blieb die Stadt hinter ihm. Alles drumherum war sauber und weiß. Nazar öffnete das Fenster und verstand endlich, dass er atmen konnte. Die Stadt hat ihn noch nicht gänzlich gehen lassen. Es machte den Anschein als klebe sie sich an Nazar mit klebrigen, schmierigen Fäden. Doch diese Fäden zogen sich in die Länge, wurden dünner, platzten einer nach dem anderen auf und je weniger Fäden es wurden, desto breiter öffneten sich Nazars Augen. Er hatte den Eindruck, als wäre er jetzt erst erwacht, er wollte kräftig gähnen, sich strecken. Endlich platzte der letzte Faden und als würde er es spüren, lachte Nazar unbewusst los. Und in diesem Moment, direkt vor ihm, zwischen grauen, bleiernen Wolken, schaute der erste blaue Fleck hervor.

                                                                  19.

Am Morgen sprang das Auto gut an, als ob nichts gewesen wäre. Und das Wetter wurde unerwartet etwas klarer, nur hingen neben den Bergen weite Wolken und der übrige Himmel erschien unendlich blau. Von der weißen, blendenden Sonne fing  das Eis an zu tauen, es tropfte vom Dach und an seinem Rand wuchsen dünne, durchsichtige Eiszapfen. Gena säuberte mit Vergnügen den Hof vom gefallenen Schnee, machte sich dann einen Kaffee und ging raus, auf die Vortreppe, eine rauchen. Geblendet vom Licht, trank er den Kaffee, welcher an der frischen Luft besonders heiß und köstlich erschien, und rauchte genüsslich seine Zigarette. Das Auto war aufgewärmt und brummte gleichmäßig, sicher. Man konnte losfahren. Er hat mit Olga Jurjevna ausgemacht, dass er für sein Gehalt gegen elf bei ihr sein wird aber er fuhr früher los, denn er hatte Angst vor Staus. Und der Tag war so klar, dass er nicht zuhause sitzen wollte. In seinem Kopf hatte Gena schon einige Male die Szene durchgespielt, wie er das Geld ablehnt mit der Bitte ihm Čmo zu überlassen. Die Phrase, die Formulierung wollte nicht gelingen, aber er konnte sich Olga Jurjevnas Reaktion gut vorstellen. Ihr Gesicht dehnte sich erstaunt auseinander und das Staunen wurde von der Erleichterung abgelöst, von der Freude und sogar von irgend einer Nachsichtigkeit, so nach dem Motto: „Das ist alles, was sie wollen? Nehmen Sie ihn mit, bitteschön!“

„So, los geht’s“, sagte Gena laut, beschließend, dass er seine Rede auf der Autofahrt vorbereiten wird. Er warf den Kippenstummel in den Glasaschenbecher und ging zur Tür um sie zu öffnen. Die Straße zwischen den Häusern war schmal, aber nach dem Schneefall verwandelte sie sich in einen einspurigen Weg. Die Schneeglätte begann in der Morgensonne an schmelzen und das Auto schlitterte, mit dem Hinterteil wackelnd. Der Weg ging nach links. Gena kannte diese Strecke ausgezeichnet und machte im Voraus den Blinker an, sich bemühend auf die Straße zu lenken, jedoch er wurde vor der Ausfahrt von einem schwarzen Jeep blockiert. Gena bremste und hupte. Der Jeep rührte sich nicht von der Stelle. „Eingeschlafen oder wie?“, fragte Gena verärgert, bewegte die Feststellbremse und stieg aus dem Auto.  Im anderen Auto saßen ein paar Männer. „Nimm einen anderen Weg“, sagte der Fahrer, ein kräftiger Bursche in einer Daunenjacke. „Hier lang darf man nicht fahren.“ Es gibt hier keinen anderen Weg“, sagte Gena. „Seit dem letzten Frühling ist es die einige Ausfahrt. Auf der anderen Seite ist ein Graben. Da wechseln sie schon das zweite Jahre die Rohre aus. „Dann bleib heute zuhause“, schrie ein brünetter Kerl, der neben dem Fahrer saß und lachte. „Kurzum, erhole dich.“ „Jungs“, sagte mit sich abreißender Stimme Gena. „Ich muss fahren. Ich muss jemanden abholen…eine Katze. Ich habe es versprochen…“ „Wem versprochen?“, der Brünette lachte. „Der Katze? Ha-ha!“ Gena sah, wie sich auf dem Rücksitz, viel händige Schatten bewegten. „Hör zu man“, sagte der Fahrer, „hör auf zu nerven, die Straße in die Stadt ist gesperrt, du kommst sowieso nirgends hin. Willst du unter die Panzer kriechen? Geh heim. Kannst morgen fahren, wohin du willst.“ Irgend jemand auf dem Rücksitz des Jeeps bewegte sich und sagte: „Was sprichst du mit ihm wie mit einem Mädchen? Hau ihm eine rein.“ „Mach doch selbst“, sagte der Fahrer unzufrieden. Die Hintertür des Jeeps öffnete sich und es stieg ein riesiger Kerl in Polizeiuniform aus. Gena trat einen Schritt zurück. „He, Onkel, ist irgend etwas unverständlich?“ Er schlug ohne Schwung Gena ins Gesicht. Gena versuchte auszuweichen und der Schlag streichelte ihn nur. Aber der Kerl schlug erneut zu. Auf das Ohr, auf das Kinn und in den Bauch. „He, Ajdos, das reicht“,  rief der Fahrer des Jeeps. Gena stand gebeugt da, das Gesicht mit den Händen bedeckend, und atmete schwer. Die Luft wurde dicht, klebte an den Lippen wie ein Spinnennetz und wollte gar nicht zur Brust vordringen, die Brust füllen. Gena richtete sich nicht auf und sah nichts, er ging auf gut Glück zu seinem Auto und entschied, was er machen wollte. Er setzte sich, drehte den Schlüssel und schaute sich im Spiegel an. Aus dem Mund rann Blut. Er fuhr ca. zwanzig Meter vor, nur diese notwendigen zwanzig Meter, die für den Anlauf wichtig waren. Er stellte den Handhebel um und drückte mit voller Kraft auf das Gaspedal.

                                                                       20.

Abaj wachte früh morgens auf von den Sonnenstrahlen, die in das Zimmer fielen. Er stand vom Bett auf, zog die Vorhänge zu und kniff die Augen von dem unerträglichen Licht zu. Dann legte er sich wieder hin, konnte aber nicht einschlafen. Hinter dem Fenster tropfte und gluckste es. Der Kopf tat schrecklich weh. Vor allem schmerzte diese Stelle, wo der Hals in den Nacken übergeht. Abaj hatte das Gefühl, als würde da eine unsichtbare Spinne sitzen. Dass, sie da sitzt und ihn sticht. Und von diesem Punkt aus, in Richtung Ohren, breitete sich ein Gift aus. Langsam zerfallend. Die Wirbel knackten vor Aufregung. Das Gift drang sogar in die allerengsten Lücken, sprengte die Hindernisse, grub Höhlen im Kopf. Die Spinne hat sich fest geklammert. Abaj spürte es auf der Haut, wie die Spinne ihr Maul bewegte, aus Ungeduld wo anders hintrat und immer tiefer und tiefer eindrang. Abaj versuchte sie abzuschütteln, haute sich auf den Hals, rieb den Nacken ein, massierte mit den Fingern die Wirbel aber er konnte die Spinne nicht ertasten. Nur manchmal, während des Druckes auf eine besonders empfindsame Stelle, durchfuhren ihn Krämpfe und davon wurde ihm, warum auch immer, leichter. Abaj begann diese Punkte zu fangen, prägte sie sich ein, drückte fester. Dann wurde er in die Höhe geworfen und gekrümmt, als ob auf der Wirbelsäule, wie aus einem langen Schlauch, Wasser lief und ins Gehirn strömte. Noch einmal. Und noch. Der Kopf fiel impulsiv nach Hinten, als ob er die Spinne einklemmen wollte zwischen Nacken und Hals, einklemmen und zerdrücken. Er drückte auf den Punkt. Impuls, Entladung. Er krampfte sich zusammen. Der Kopf klirrte immer lauter. Man hatte schon Angst sie zu berühren, so war die Hülse aufgespannt, es platzte beinahe. Abaj kroch aus dem Bett und fiel auf die Knie, zusammen gekauert, das Gesicht zum Boden gereichtet. „Darnieder“, kam es ihm in den Kopf. „Welch ein seltsames Wort – darnieder, ist es das?“ Abaj wunderte sich, wie genau die Fläche des Bodens mit der Linie seiner Stirn übereinstimmte. Die Linie, die in seine Nase übergeht, von der Nasenwurzel bis zur Nasenspitze. Entweder er sitzt oder er liegt, zusammengeklappt. Hat sich ganz zusammen gekrümmt. Willenlos, kraftlos, unbeweglich. Und es schmerzt und zieht nur hinten im Nacken. Es schmerzt so, als ob dort eine Spinne sitze, beziehungsweise eine Krebsschere, die Wäscheklammer eines Puppenspielers. Dieser hält ihn an einem Faden, der nach oben führt. Er zieht an ihm, zieht – versucht ihn hoch zu heben. Aber irgend etwas störte Abaj beim Aufstehen und er spürte, dass die Klammer jeden Moment ausrutschen kann, reißen. Sie springt raus, zusammen mit dem Büschel der Materie und Watte, zusammen mit dem Klumpen seines Körpers. Vor seinen Augen. Fast vor Schrecken öffnete sich immer weiter die Pore des Linoleums. Und dann knackste leise irgend etwas. Dieses Geräusch war kaum hörbar. Crack. Der Kopf begann sich mit Sand zu füllen, mit schwerem, feuchtem Sand. Jetzt konnte man ihn gar nicht vom Boden befreien. „Soll er liegen bleiben“, dachte Abaj und stand auf.

                                                                       21.

Stepanyč machte nicht seinen gewöhnlichen Morgenspaziergang. Er beschloss sich frei zu nehmen. Dazu kam, dass Tonja weg gefahren war. Und jetzt tat auch die Hand im Gips weh. In die Fenster schien eine für Kasachstan seltene Sonne. Stepanyč führte die Schmerzen in der Hand auf den Wetterwechsel zurück. Er ging den halben Tag durch die Wohnung, ohne einen Platz für sich zu finden, versuchte Fern zu sehen, aber konnte die Worte, die aus dem Fernseher kamen, nicht verinnerlichen. Das Telefon klingelte. Stepanyč wurde selten angerufen. Er lief zum Telefon, nahm mit Argwohn, mit zwei Fingern, den Hörer ab, führte ihn zum Ohr, hörte aber nichts. Hinter den Fenstern tropfte es von den Dächern. „Hört auf mit dem Unfug“, schrie Stepanyč und legte den Hörer auf seinen Platz. Die Stimmung war miserabel. Stepanyč spürte, dass er etwas unternehmen sollte, etwas Wichtiges, das man nicht verlegen kann. Aber was? Endlich hielt er es nicht aus und begann sich anzukleiden. „Ich gehe mal hin“, murmelte Stepanyč. „Schaue mir an, wie es da ist. Drehe ne Runde, gucke mal…“ Er schloss die Tür zu, drehte den Schlüssel zwei Mal um und begann langsam die Treppe hinunter zu gehen. Er kam bis zur ersten Etage und bog in den Flur ab, wo die Briefkästen standen. Im Briefkasten lag irgend ein Unsinn: Flyer, Werbung, alte Rechnungen. Über seinem Kopf krachte eine Tür und von der Treppe hallten eilende Schritte. Stepanyč drehte sich um, um zu schauen und sah wie eine Silhouette mit fetten Tüten an ihm vorbeihuschte und das Treppenhaus verließ. Vermutungen befielen Stepanyč und er begann die Verfolgung, lief nach Draußen, kniff die Augen zusammen vom Licht und sah vor seinen Füßen die Säcke, voller Müll. „Hey, stopp! Bleib stehen! Wo bist du?“, schrie Stepanyč, sich umher blickend und sah einen Menschen, der am Auto fummelte. „Ey, komm her“, Stepanyč näherte sich ihm und versuchte sein Gesicht zu mustern. „Bist es Du? Kol’ka, du? Bist du ganz verrückt geworden? Kotzbrocken. Hipster, Mist. Bleib stehen!“ Kol’ka sprang in den langen weißen „Mers“, schaffte es aber nicht, ihn zuzumachen, da hatte Stepanyč ihn schon eingeholt. Er zog die Autotür zu sich, schliff Kol’ja heraus und schleppte ihn zum Treppenhaus. „Hey, räume deinen Müll weg, hast hier einen Schweinestall angerichtet!“ Kol’ka versuchte sich loszumachen. Stepanyč schubste ihn nach vorne und Kolja fiel ungeschickt. Er lag auf dem kalten Boden und sein Knie fiel genau auf die Mülltüte. Die Tüte platzte. Er verlor seinen Schal und aus dem Mantel schaute sein dünner, weißer Hals heraus. Im großen und ganzen war Kolja irgendwie dürr, unförmlich, unglücklich. Stepanyč beruhigte sich und beugte sich über ihn. „Gut Kol’ka, was machst du nur? Gut, tut mir leid. Es nervt bloß. Wir leben wie im Saustall, wie Schweine. Hast du dich gestoßen? Komm, lass dir helfen.“ Kol’ka stieß die Hand des Alten weg und sprang auf die Füße, hinkend zu seinem Auto laufend. Stepanyč war verdutzt und nicht wissend, was er antworten sollte, schaute er zu, wie Kol’ka ins Auto stieg, es startete und langsam losfuhr. Auf die Vortreppe, mit den Flügeln raschelnd, setzte sich eine dicke Taube, die anfing, die aus der Tüte fallenden Brotkrumen zu picken aber Stepanyč stampfte mit dem Fuß und vertrieb sie, dann bückte er sich und fing an den Müll einzusammeln. Kol’ka fuhr am Treppenhaus vorbei und bleib stehen, er nahm aus dem Handschubfach eine schwarze Pistole. Stepanyč, atmete schwer und sammelte den verstreuten Müll ein. Kol’ka kurbelte das Fenster runter, zielte und gab einen Schuss ab. Von dem Laut des Schusses wachte in seinem Auto Danijar auf. Er konnte nachts nicht einschlafen, wälzte sich herum bis zum Morgen und beruhigte sich erst als die Sonne aufkam. Er wärmte sich auf und fiel in einen tiefen Schlaf. Danijar beobachtete, wie der weiße „Mers“ vorbei fuhr, verstand aber nicht was passiert war. Er kletterte aus dem Auto, machte ein paar Schritte auf dem Hof und wollte gerade was essen gehen als er Stepanyč entdeckte. Dieser saß beim Treppenhaus an die Wand gelehnt und schwer atmend. „Viktor

 Stepanyč, was ist mit Ihnen?“ Er kam näher. „Ist Ihnen schlecht? Soll ich den Krankenwagen rufen?“ „Ja, ruf ihn Danijarchen“, sagte Stepanyč heiser. „Ich wurde angeschossen.“ „Wie, angeschossen? Wer?“ „Unwichtig, Danijar, alles in Ordnung, habe nur eine starke Prellung. Kann sein, das die Rippen gebrochen sind, keine Ahnung. Los mein Lieber, rufe den Krankenwagen.“

„Mist, meine Batterie ist leer“, rief Danijar, der versuchte die Nummer mit seinem Mobiltelefon zu wählen. „Haben Sie ein Telefon dabei?“ Stepanyč wackelte mit dem Kopf. „Gut, bleiben Sie sitzen, ich komme gleich!“, entschied Danijar. „Ich bin blitzschnell.“ Er rannte auf seine, die dritte Etage und klopfte an. Seine Schlüssel hat er im Auto gelassen. Das Schloss klapperte und die Tür öffnete sich. Danijar sperrte sie auf und umarmte Alija. „Meine Liebe, Gute“, flüsterte er, ihre Haare küssend. „Verzeih mir, verzeih mir Dummkopf. Ich bin ein Idiot. Einfach nur eine selbstverliebte, faule Arschgeige. Ich fahre morgen los und kaufe diese blöde Spülmaschine. Und einen Staubsauger. Ich kaufe alles, was wir brauchen, nur sei nicht beleidigt. Entschuldige, dass ich dich allein gelassen habe. Entschuldige, das ich vergaß dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe. Ich brauche niemanden außer dir. Ich habe dich schrecklich vermisst. Egal was ich auch machte, worüber ich sprach, ich dachte die ganze Zeit an dich. Verzeih mir, gut?“ Alija hörte schweigsam zu, den Kopf gesenkt, atmete dann auf und drückte sich fester an Danijars Brust. Er verstand, dass Friede war und verstummte. So standen sie eine Minute da und dann schrie Danijar auf: „Ich muss anrufen. Wo ist das Telefon? Stepanyč liegt im Sterben.“

                                                           22.

„Viktor Stepanyč, ich habe den Krankenwagen gerufen, die kommen gleich“, schrie Danijar als er das Treppenhaus verließ. „Wie fühlen Sie sich? Ich würde Sie ja selbst fahren, aber so viel Schnee und Staus. Mich wird keiner durchlassen.“ „Och. Ich bin in Ordnung, macht nichts“, ächzte Stepanyč. „Es ist bloß kalt.“ „Setzen Sie sich hierhin.“ Danijar zog die Jacke aus und begann sie unter Stepanyč zu schieben. „Danke, Sohn.“ Stepanyč lehnte sich gegen die Jacke, stand kurz auf, um sie unter sich zu schieben und hustete stark. „Ach, habe ich ein Pech“, schmunzelte er. „Gerade hat die Hand zu verheilen begonnen. Und nun…“ „Wo bleiben sie nur so lange?“ „Keine Eile, ich bin stark“, schmunzelte Stepanyč wieder. „Lass uns warten, keine Angst, ich sterbe nicht. Ich bin doch Arzt, ich kann die Situation einschätzen. Wir wollen noch ein bisschen leben. Der Kerl ist wirklich flink. Wo hat er nur die Waffe her? Er ist wahrscheinlich noch keine zwanzig. Ein Kind. Du hast doch keine Kinder, stimmt’s? Ich auch nicht. Aber du wirst welche haben, ich nicht mehr. Alt bin ich, ein alter Mann. Äch…“ Vom Dach riss mit lautem Aufprall eine ganze Lage gefrorenen Schnees auf die Erde. Verschreckte Spatzen flatterten aus dem Gebüsch und trällerten empört. „Schön ist es im Frühling in Almaty“, krächzte Stepanyč. „Hauptsache der Schnee schmilzt und dann geht es in aller Schnelle weiter. Da schaffst du es nicht einmal den Pelz durch den Mantel auszuwechseln und da blühen schon die Bäume. Der Frühling hier dauert nur eine Woche und direkt danach fängt der Sommer an. Danijar, bist du aus Almaty? Einheimisch?“ „Ne“, sagte Danijar. „Aus Karaganda bin ich, wurde dort geboren, habe dort bis zur fünften Klasse die Schule besucht. Und dann zogen die Eltern hierhin, nach Almaty.“ „Und wie ist Almaty so?“, fragte Stepanyč. „Damals mochte ich es“, lächelte Danijar. „Damals war es überall schön für mich.“ „Und ich wurde in Almaty geboren, bin hier aufgewachsen und werde hier sterben“, sagte Stepanyč. „Hilf mir mal, mich bequemer hinzusetzen. Ja, so ist es gut. Siehst du den Baum da hinten? Ja, der mit der zerstörten Krone. Das ist ein Apfelbaum. Der letzte in unserem Hof. Früher gab es viele. Almaty ist ein Garten. Hier gab es einen Garten. Keine Häuser, keine Menschen, nur Bäume. Hier gab es Äpfel, Blüten. Weißt du, wie es in einem Garten riecht? Nicht nach Äpfeln, nicht nach Blüten, nein…im Garten riecht es nach Erde. Nur nicht nach Sand und Staub, sondern nach saftiger, fetter Erde. Es riecht nach Leben, weil in dieser Erde Regenwürmer kriechen, die Bäume ihre Wurzeln verflechten, das Gras sich zur Sonne neigt und im Gras hüpfen Grashüpfer, äch…und Schmetterlinge fliegen von Blume zu Blume, verstehst du? Manchmal ist es der Kuckuck, der in den Zweigen singt, schillernd, manchmal der Star und manchmal, wenn man hinblickt, sieht man Fasane durch die Büsche flitzen. Glaubst du mir nicht? Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen. Und unsere Stadt ist in diesem Garten gewachsen, wie ein Apfel, sauber, sonnig, rotwangig. Die ganze Stadt ist voller Bäche und Wassergräben. Das Wasser fließt aus den Bergen, eiskalt. Und so durchsichtig, das man es trinken kann. Nur geht es auf die Zähne. Die Jungs und ich haben es getrunken. Äch, zum Teufel, es tut weh… Und die ganze Stadt war so ein Haus, umrundet von Apfelbäumen, Wasserhahnenfuß, Birnen und immer der Wassergraben in der Nähe. Du gehst raus, pflückst einen Apfel vom Baum, trinkst Wasser aus dem Wassergraben und du brauchst nichts mehr. Das Wichtigste ist, das die Menschen das alles gespürt haben, verstehst du? Die spürten dieses Licht der Stadt, sein Leuchten. Der Mensch konnte nicht raus gehen, ohne zu lächeln. Wie soll man hier auch nicht lächeln, wenn die Bäche fließen, die Bäume blühen, die Sonne scheint. Und am Horizont blaue – blaue Berge. Und wenn ein Mensch lächelt, möchte er etwas Gutes vollbringen. Entweder ein Lied dichten, ein Buch schreiben, einen Film drehen. Und sie schrieben, drehten, dichteten. Was sagst du?“ „Ich sage, das alles im Wandel ist“, sagte Danijar. „Natürlich ist alles im Wandel“, Stepanyč nikcte. „Und Almaty hat sich auch verändert. So lange Jahre! Wir hatten hier Erdbeben, Revolutionen. Was es nicht alles gegeben hat. Egal was passiert ist, wir wussten immer, dass wenn du raus gehst, du empfangen wirst von der Sonne, vom Himmel, von den Bergen, Bäumen und den Wassergräben. Und das war genug, um mit allem zurecht zu kommen. Und jetzt? Ich gehe jeden Morgen spazieren und die Sonne habe ich heute erst erblickt, zum ersten Mal seit Monaten. Im Sommer geht’s ja noch aber im Winter ist sie nicht zu sehen. Irgend ein Nebel, es leuchtet irgend etwas in diesem Dunst. Und was – das versteht man nicht. Und die Wassergräben? Warum führen sie kein Wasser mehr? Da liegt nur Müll und alles ist voller Ratten. Ich gehe auf meinen Hof, und hier anstatt Bäumen nur Baumstümpfe. Und ich lächele nicht mehr, schaue nur finster drein. Und alle drumherum sind genauso, böse, besorgt, traurig. Das kann man nicht mehr ertragen. Der Mensch wird mit allem fertig, mit jeder Schwierigkeit, – Hauptsache er hat gute Laune. Man kann dem Menschen das Geld weg nehmen, Zeit, Kraft, aber Freude kann man ihm nicht nehmen. Und ohne Sonne, ohne Himmel, ohne Bäume – welche Freude? Was bist du von Beruf?“ „Ich? Unternehmer“, sagte Danijar. „Unternehmer“, krächzte Stepanyč. „Und was macht ihr Unternehmer? Unternehmt ihr was? Sonst kommt für uns alle das dicke Aus. Oh schau, da sind sie endlich. Geh, sag ihnen, das ich hier bin.“ Doch die Sanitäter erblickten sie und holten die Bahren aus dem Wagen.

                                                                       23.

Der Schnee taute in aller Schnelle. Alle Dächer erinnerten an gigantische, grinsende Mäuler und von Zeit zu Zeit fielen von oben blaue Klumpen Eis und stürzten mit lautem Knall auf den Asphalt, in kleine Funken umherfliegend. Gena betrat hinkend sein bekanntes Treppenhaus, stieg in den zweiten Stock und klingelte. „Gennadij, guten Tag. Kommen Sie rein, kommen Sie schon rein.“,

Olga Jurjevna machte die Tür auf und verschwand dann in die Küche, wo irgend etwas bruzelte und zischte. Gennadij zog die Schuhe aus, dann die Jacke und knipste aus Gewohnheit den Lichtschalter. Das Licht war intakt. „Warum tragen Sie eine Brille?“, fragte Olja Jurjevna aus der Küche kommend und sich mit einem Handtuch die Hände abtrocknend. „Oh Gott, was ist mit Ihnen? Darf ich?“ Sie streckte die Hand aus und nahm Gena die Sonnenbrille ab. Um die Augen herum war alles geschwollen, blau-gelb. „Oh Gott“, sagte Olga Jurjevna und fing an zu weinen. „Oh Gott…“ „Ach was…“, sagte Gennadij verwirrt, ohne zu wissen wohin mit seinen Händen. „Das verheilt, das ist normal. Von einer gebrochenen Nase hat man schnell Flecken, das ist nicht schlimm.“ „Und hier?“, fragte Olga Jurjevna weinend und zeigte auf das verletzte, mit Fäden genähte Ohr Genas. „Entschuldigen Sie, dass ich in solch einer Erscheinung zu Ihnen komme“, bat Gennadij. „So hat es sich ergeben…lange Geschichte…Und wo ist Elsa?“ „Och Elsa, ja. Wissen Sie…“ Olga Jurjevna atmete auf, sich die Tränen weg wischend. „Vorgestern erst, als Sie alles beendet haben, Gennadij, hat sie begonnen solch eine Show abzuziehen…einfach nur schrecklich. Sie hat die ganze Nacht geschrien, laut, mit der ganzen Stimme, als ob sie Schmerzen hätte. Im Endeffekt hielt ich es nicht aus und rief den Tierarzt.“ Gena verstand, dass etwas Schreckliches bevorstand und seine Augen wurden leer. „Gestern früh kam der Tierarzt, sagte, das so etwas bei Wohnungskatzen manchmal auftritt, das sind die Hormone, man müsse sterilisieren. Je früher, desto besser. Ich war in Sorge, natürlich, aber was soll man machen? Sie quälte sich so sehr…und ich habe schließlich kein Herz aus Stein. Dazu ist die OP unkompliziert. Sie blieb eine Nacht in der Klinik und vor ca. zwei Stunden brachten sie sie zurück. Sie ist noch nicht ganz fit nach der Narkose, steht gar nicht auf. Liegt das hinten in der Ecke hinter dem Sofa, die Arme. Sie tut mir so leid.“ Olga Jurjevna fing an zu weinen. Gena ging zum Sofa und erblickte Elsa, diese lag zu einem Knäuel zusammen geringelt und atmete schwer, mit dem ganzen Körper. Ihre Augen waren offen und der Kopf wollte sich nicht einmal drehen. Schaute die ganze Zeit irgendwo vor sich hin. „Olga Jurjevna“, sagte Gena mit leiser Stimme. „Ich bin hier wegen einer Sache. Ich brauche dringend Geld zur Zeit.“ „Ja, ja. Natürlich“, hetzte Olga Jurjevna. „Ich habe es Ihnen versprochen. Direkt mit Ihnen abzurechnen. Moment, eine Sekunde.“ „Olga Jurjevna , können Sie mir noch dreißig Tausend borgen?“, sagte Gena noch leiser. „Nicht für lange, ich gebe es Ihnen Ende des Monats wieder, Ehrenwort.“ „Ja“, sagte Olga Jurjevna, die Scheine abzählend. „Ich verstehe, hier nehmen Sie.“ Gena steckte das Geld in die Jackentasche und stand einige Sekunden schweigend da, den Kopf gesenkt. „Entschuldigen Sie“, sagte er endlich. „Ich, ich gehe nun, gut?“ Am Fenster huschte ein blauer Schatten vorbei und innerhalb des Bruchteils einer Sekunde, berührte er die Erde  und explodierte ohrenbetäubend.

                                                           24.

Es wurde immer wärmer. Der Schnee taute langsam, die Schneehaufen lösten sich auf, verwandelten sich in Bäche und flossen entlang der langen Straßen, zwischen den Füßen der Fußgänger und der Autoreifen. An einem solcher Tage versteckte sich die Sonne hinter von den Bergen angeschwommenen, schwarzen Wolken und die Menschen versteckten sich in ihren Häusern, die kurzfristige Rückkehr des Winters erwartend, doch der Himmel leuchtete auf und platzte, explodierte in Teile, und diese Teile verwandelten sich in Wasser und ließen sich nieder auf die Stadt als Platzregen, alles hinter sich weg spülend. Die Wände der Häuser wurden mit schwarzer, schmutziger Farbe bedeckt, die grau-gelben Haufen wurden schwammig, fast wie gigantische Ameisenhaufen. Die Wassergräben füllten sich und hoben den Müll des Winters auf die Oberfläche. Von den Autos löste sich die Dreckschicht, Fetzen für Fetzen. Das Wasser drang in jede Ritze, klopfte an die Fenster und Türen, rief die Menschen, nach draußen zu gehen, Aber die Türen waren fest verschlossen, die Fenster dicht isoliert. Und die wenigen Menschen, die draußen vom Regen überrascht wurden, liefen schon zu ihren Häusern, Büros, Autos, hinterließen bunte Pfützen, weil der Regen sie von ihrer Hülle befreite. Der Regen raschelte noch, versuchte den in die Stadt strömenden Ruß zu vertreiben, wurde jedoch müde, gab auf, rieselte und hörte ganz auf. Die Wolken hingen wie immer über Almaty, aber das Wasser floss nicht mehr vom Himmel. Ein plötzlicher Windstoß lief über die Leitungen, schüttelte von ihnen die letzten Tropfen ab. Und dann hörte alles auf. Der Frühling kam.

Il’ja Odegov ist Autor, Literaturübersetzer und Lehrer für Kreatives Schreiben. Er ist der Autor von vier Romanen. Außerdem ist er Preisträger der Literaturpreise „Russischer Literaturpreis“ (2013) und „Zeitgenössischer kasachstanischer Roman“ (2003) und Diplomand des IX Internationalen Vološinsker Wettbewerbes (2011). Er ist ständiger Autor der Zeitschriften „Novyj mir“ und „Družba narodov“. Seine Geschichten und Erzählungen wurden in Literaturzeitschriften und Sammelbändern Kasachstans, Russlands, der USA und Europas publiziert und ins Englische, Deutsche, Polnische und in andere Sprachen übersetzt. Er ist der Gründer der Online-Schule für Kreatives Schreiben „Litpraktikum“. Odegov lebt in Almaty.

Reflexion zu Nina Trox‘ Kurzgeschichte „Die Zeichen der Stille“

Die Bar: eine bunte Insel der Freiheit im Irgendwo einer halb provinziellen Stadt. Dort findet der Dialog von Maya und Anja statt, und zwar zur lauten Technomusik, in einem Land, in dem kasachisch und am Rande russisch gesprochen wird.  Maya ist Gebärdensprachendolmetscherin. Diese Fähigkeit liegt wie ein Film über dem Sujet; Stille wird zum Narrativ – Anjas Gedankengänge sind gekennzeichnet durch Psychologisieren, Erahnen, Hoffen.

Die Liebe erblüht hier auf ihre Weise, mit Himbeeren, einer Eiche und dem Sternenhimmel. (M)eine Begegnung. Ein Moment des Glücks, der für immer bleibt.

Verschachtelung des Sujets ist eine Spielart der Autorin. Die lineare Handlung macht Platz für Rückblicke in die Zukunft bevor eine Vergangenheit überhaupt beginnen kann. Vertrautheit weicht Fremde, Gefühl der Vernunft. Ein Streit entsteht, weil Anja die Gebärdensprache und die Welt jener Menschen nicht nachvollziehen kann. Trost findet Anja im heimatlichen Herd, bei der Mutter, wo sie gemeinsam Sylvester feiern und Lecho aus Tomaten und Paprika essen, selbstgemacht natürlich. Und die Wiederkehr zum Beginn der Geschichte findet fast am Ende statt – das zufällige Treffen der beiden Frauen in der Ausstellung, bereits nach dem vollzogenen Bruch. Der Grund dafür – die Abwesenheit von Stille. Maya kann ohne diese nicht und die Beziehung zerbricht daran. „Vielleicht ist es gerade der Schmerz, der in uns das Verständnis von Liebe konzeptualisiert.

Der Text entlässt den Leser mit einem zufriedenen Gefühl; die Liebe ist wie ein Kaugummi, an dem man lange ziehen kann – in einer halb provinziellen Stadt im Irgendwo einer Welt, die hoffentlich nie verlernt Verschiedenartigkeit anzunehmen.

Maria Omars Roman „Honig und etwas Wermuth“. Ein paar Notizen dazu

Ein paar Notizen zu Maria Omars Roman „Honig und etwas Wermut“

Vielschichtigkeit, Transparenz und Fragmente einer Geschichte, die vergessen geglaubt war – das sind die wichtigsten Merkmale des Romans „Honig und etwas Wermuth“ von Maria Omar. Es ist die Geschichte starker weiblicher Stimmen, ein feministischer Generationenroman par excellence, in dem Generationen dreier Frauen uns ihre Perspektive auf die kasachische Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts und ihre Art in dieser zu leben, zeigen.

Der 2023 im Zerde Publishing Verlag erschienene Roman zeigt auf authentische Art und Weise, dass Geschichte etwas lebendiges ist und die Manier wie wir uns an sie erinnern, das Weltempfinden eines Autors widerspiegelt. Die Geschichte von Akbalžan (kas. Eine Seele, die so weiß ist wie Honig) und ihrer weiblichen Nachkommen ist ein Plädoyer für Menschlichkeit, Historizität ist hier keineswegs einer Doktrin unterworfen oder imperial imaginiert. Der Leser staunt immer wieder über die Stärke und emotionale Tiefe der Protagonistinnen, der Erzählton ist weder wehleidig noch stumpf, vielmehr scheint der Leser an den Ereignissen selbst teilzunehmen, von ihnen zu lernen und sich durch die Einfachheit der Erzählung aus komplizierten kulturellen Verstrickungen zu befreien.

Einen eigenen Ton finden, das gelingt der Autorin auf eine beeindruckende Art und Weise, denn unsere Erwartungshaltung eine fremde Kultur durch den Roman zu ergründen, dreht sich um die eigene Achse und stößt eigentlich nur auf das Eigene, Heimatliche, ja vielleicht das heimlich geglaubte. Eben das was Freud als das Unterbewusste erklärt, wird hier durch eine ehrliche, unverfälschte Sprache von mythologischen Weltempfinden hin zu einem auf die Oberfläche gebrachtem Kulturgut zur Daseinsberechtigung des Eigenen vollführt.

Eingeleitet wird das Sujet durch eine individuelle Leiderfahrung, die in kollektives Leid eingebettet ist: die große Hungersnot, die Kasachstan in den dreißiger Jahren erlitt. Akbalžan und ihre Mutter erleben diese. Letztere verstirbt und die Tochter wird mit ihren jungen sechzehn Jahren an einen Mann aus der Gegend verheiratet, mit dem sie später zwei Kinder bekommt. Der Ehemann erweist sich als Alkoholiker, der ihr ganzes Hab und Gut, dazu auch die Kuh, die mit der kleinen Familie in einem Haus lebt im Kartenspiel, im Haus nebenan verspielt. Der Entschluss Akbalžans in den Norden, über die kasachische Grenze zu fliehen und die gemeinsamen Kinder, Rajsa und Kuantaj, mitzunehmen entspringt einer klaren Vernunft und steht für Charakterstärke und Willensmut.

In der Fremde ist sie jedoch nicht die Fremde bzw. die Andere, ihre Sprache, kulturelle Prägung und Identität dürfen bestehen. Und das spiegelt auch der Sprachkorpus wider – immer wieder werden in Fußnoten Anmerkungen und Übersetzungen zu den kasachischen Worten eingefügt. Dadurch bekommt der Text nicht nur Tiefe, sondern eine transkulturelle, ja transnationale Dimension.

Was Julia Kristeva in ihrem Essay „Fremde sind wir uns selbst“ als Kaleidoskop von Identitäten bezeichnet, ist wohl der Colorit dieses Romans. Maria Omar gelingt hier etwas zu vollbringen, was den Wahnsinn toleriert und ihn liebevoll in Poesie umwandelt. „Können wir uns gleichsam ein ganzer Roman sein, ohne als verrückt oder verlogen zu gelten?“ fragt sich Kristeva im Essay. Bei der Lektüre von „Honig und etwas Wermuth“ würde der Leser die Frage wohl mit „Ja“ beantworten.

Der kasachische Hunger schreibt sich durch realistische und genaue Beschreibung in den Text ein, die Flucht in den Norden, in das Dorf Karata[1]l, ist durch folgende Ereignisse gekennzeichnet: Bewegung auf einem Reittier mit Pferdewagen, Mangel an Nahrung und direkte Naturerfahrung: „Zum Abend hin begann Kuantaj kläglich an zu weinen. Akbalžan hatte keine Milch mehr. Sie hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Den leicht gesalzenen Kurt gab sie Rajsa. Sie presste ihre leere, weich gewordene Brust an das Mäulchen des Kindes. Doch dieses beruhigte sich nicht, sondern lief rot an.   Der Alte blieb neben dem Wasserlauf stehen. Er nahm aus der Brusttasche ein Messer und Seile. Dann befahl er, Brennholz zu sammeln und ein Feuer zu entfachen. Akbalžan gab den Kindern aus ihrer Hand zu trinken. Sie sammelte einen Haufen Zweige und zündete diese an. Rajsa beobachtete Ospangaki aus der Ferne. Dieser neigte sich mal zur Erde, mal lief er und mal hüpfte er. Bald brachte der Alte zwei Ziesel, die er erlegt hatte. Er häutete die Tiere aus. Dann nahm er einen verrußten, kleinen Stahlkessel heraus und warf die winzigen Körper hinein. Sie kochten eine wohlriechende Brühe. Nach dem Essen spürte Akbalžan, dass wieder Milch in ihre Brüste schoss. Kuantaj legte sich an ihre Brust und seufzte endlich zufrieden. Sie übernachteten in der Steppe. Morgens begaben sie sich wieder auf den Weg.  Die Sonne ging auf und schmückte den Himmel mit blassen rosa Blitzen.“ (Omar, S. 19)[2]

Wanderschaft wird hier zur Grenzerfahrung und steht pars pro toto für die unzähligen Wanderungen der Kasachen während der Hungersnot. Ganze Aule wanderten zusammen auf der Suche nach Nahrung aber auch Einzelgänger, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die oft bis zu tausend Kilometer währenden Umzüge der Nomaden wurden von den Sowjets unterbunden und von einer rapiden Sedentarisierungspolitik abgelöst. So lernt auch Akbalžan den Bau von Häusern aus Naturmaterialien in ihrer neuen Heimat: „Wahrlich, es gab viel Arbeit. Nach dem Melken der Kühe säuberten die Arbeiterinnen die Ställe vom Mist aus und trugen das Tierfutter hin und her. Sie fuhren mit ihren Pferden los um Lehm zu holen. Dann schütteten sie diesen von ihrer Kutsche auf die Erde aus, formten einen Haufen mit einer Kuhle darin, so wie beim Teig machen, gossen Wasser hinein und traten diesen mit ihren bloßen Füßen. Sie fügten etwas Stroh zum Gemisch und bestrichen damit die Wände der Tierställe.“ (Ebd. S. 21)[3]

Akbalžan lässt sich mit ihren beiden Kindern im Haus einer Einheimischen, Baba Dusja, nieder, die man im Dorf Syčiha nennt. Die Teilhabe an fremder/eigener Geschichte setzt ein offenes Ohr voraus und dieses leiht Akbalžan ihrer Vertrauten; „Ja, Kindchen, in solchen Zeiten leben wir […] Ich hatte auch mal eine Familie. Unsere Vorfahren waren Leibeigene. Als man ihnen Freiheit gewährte, machten sie sich auf nach Sibirien und wurden dort sesshaft. […] Als sich die Sowjetmacht im Land etablierte, ging ein Sohn davon und schloss sich dem Heer des Kolčaks an, der zweite wurde Teil der Rote Armee. Beide verstarben. Und mein Mann wurde umgebracht, weil er es nicht gestattete unser Haus zu verbrennen.“ (Omar, S. 22f.)[4] Jenes mitfühlende Verstehen Akbalžans, was der Leser zwischen den Zeilen erkennt, ein respektvoller Umgang der Figuren ist ein Bestandteil des Romans, stößt auf eine Warnung Syčihas: „Deswegen stellt hier keiner überflüssige Fragen. Doch sei ja vorsichtig, hüte deine Zunge. Du kannst dich mir anvertrauen und die Seele erleichtern, und sonst niemandem. In jedem Volk gibt es gute und schlechte Menschen.“ (Omar, S 23[5]) Der Begriff der Seele, der hier von Baba Dusja angesprochen wird, wird auch von Michael Bachtin in seiner Abhandlung „Autor und Held in der ästhetischen Tätigkeit“ aufgegriffen: „Das innere Leben – die Seele – wird entweder im Selbstbewusstsein oder im Bewusstsein des Anderen geformt.“ (Bachtin, S. 166) Das impliziert ein aktives Zuhören, Verstehen, ja Sich-Verstehen und Verstehen des Anderen, sei es durch Moral oder Gott selbst weil wir, wie Bachtin schreibt, zeitliche Grenzen in uns haben: „ Vor allem sind es zeitliche Grenzen: Anfang und Ende des Lebens, die einem konkreten Selbstbewusstsein nicht gegeben sind und zu denen es in wertmäßiger Hinsicht keinen aktiven Umgang besitzt (einer wertmäßig sinngebenden emotional -volitiven Haltung) – Geburt und Tod in ihrer wertmäßig anschließenden Bedeutung (in ihrer sujethaften, lyrischen oder charakterologischen u.a. Bedeutung.“ (Ebd. S. 167)

Der Undeutlichkeit des Ichs gibt Omar ein Gesicht und zeigt, dass Undeutlichkeit auch nur eine Façon, eine Perspektive ist, die jederzeit geändert werden kann. Dies gelingt ihr vor allem durch retrospektivisches Schauen, kurze Sätze und die Zerlegung von Sprache auf eine dekonstruktivistische Eigenart. Auch auf der Ebene der Worte werden Bedeutungen aufgebrochen um wieder zusammengebaut zu werden. Sie arbeitet sanft mit Synonymen und Mnemotechniken, weder imperial blasiert, noch durch Aneignung fremdländischer Theoriebezogenheiten. Und doch wird Raum durch Sprache dekolonisiert. Sprache hier ist jedoch einfach gewebt, es werden keine Wortneuschöpfungen oder komplizierte Sprachspiele in den Text eingefügt. Vielmehr sind es semantisch kulturell aufgeladene Bedeutungseinheiten. Aus dem Russischen übersetzt werden wie bereits erwähnt die kasachischen Vokabeln in Fußnoten, oder sie werden auf behutsame Art und Weise erklärt wie das Wort Korpeška, das eine bunte Patchworkdecke kennzeichnet, die auf traditionelle Manier mit Symbolen oder Bildern bestickt ist und als Schlafzubehör oder auch zum Picknicken benutzt werden kann.  (vgl. Omar, S. 23)

In ihrer neuen Heimat sind es vor allem die alt bewährten und tatsächlich neu erlebten Rituale, eine neue Liebe und die daraus folgende Heirat, die Akbalžan neue Hoffnung gibt und ein gänzlich reines, klares Licht auf die Dinge wirft. Das neue Jahr 1941 wird gefeiert: „Es nährte sich das Neue Jahr. Akbalžan feierte dieses Fest zum ersten Mal. Der Ehemann fuhr am Tag zuvor in das Einkaufszentrum, brachte ein paar Geschenke. Für die Ehefrau – einen blasshellblauen Stoff für ein Kleid und einen Silberring mit der Form eines großen Tropfens auf einem dünnen Reif. Für die Kinder – Filzstiefel und süße Eisbonbons auf Stielen. Akbalžan, die an dunkle, grobe Kleidung gewöhnt war, legte sich den wallenden, weichen Atlasstoff an die Brust und betrachtete sich im Spiegel. Kožabaj konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Die Kinder wirbelten alle um sie herum und verhedderten sich darin. Man dachte auch an Großmutter Dusja. Sie riefen sie zu sich und schenkten ihr ein Kattuntuch. Syčiha verlor eine Träne. Auf den Tisch stellte man heiße, noch dampfende Pellkartoffeln, glänzende, salzige Pilze und eingelegten Kohl, den Baba Dusja mitgebracht hatte. Man goss Tee in blecherne Tassen. So begrüßte man das Jahr 1941.“ (Omar, S. 32-33)[6]

Das Miteinander und gemeinsame Teilen, was allzu menschlich ist, zeigt, dass Schenken und beschenkt werden mit Selbstlosigkeit und einem neugierigen Staunen einhergehen. Eine besondere Rolle spielt hier das Neue Jahr, das im russischen und kasachischen kollektiven Gedächtnis magisch und voller Zauber anmutet. Hier geht es wohl um den komplexen Begriff der oikeiosis, „den man im Deutschen mit Zuneigung übersetzen müsste. Oikeiosis bedeutet die permanente Wahrnehmung seiner selbst, eine Art inneres Fühlen, eine Lebensdynamik, die das Subjekt in Übereinstimmung mit sich selbst bringt.“ (Kristeva, S. 66) Wie Cicero schreibt, sehen wir in uns mehr Widerwertigkeit als im anderen. Daher kommt auch das christliche Gebot, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. (Vgl. Kristeva, S.67). Ein besonderer Tag ist das Neue Jahr, an dem dieses Gebot sehr gelebt wird, wohl auch Theophrasts proklamierter Ausruf: „Man soll nicht den schätzen, den man liebt, sondern den lieben den man schätzt!“ (Kristeva, S. 69).

Dass der Roman von Omar aus einer feministischen Perspektive das Schicksal der Frauen schildert, und der Leser erkennt, dass es auch wirklich so gewesen sein muss, offenbart das Kapitel „Haarkamm“. Es ist Kriegszeit, Winter, eine Hungersnot und Akbalžan muss die Kinder allein durchbringen. Die Frauen des Dorfes werden vom Dorfältesten mit dem Pferdewagen in den Wald geschickt, für das Aufsammeln und den Transport des Holzes, doch das Pferd erweist sich auf dem Rückweg als zu schwach. Nicht verwunderlich ist es, dass die Frauen aus Sorge in Panik geraten. Doch Akbalžan erweist sich als klug und tauscht das Holz in einem Dorf, das sie passieren, gegen andere nützliche Dinge aus. Der Leser fragt sich, wer hinter der Persönlichkeit dieser Frauen steckt. Welche Geschichten haben sie zu erzählen, welche Perspektive auf die Welt haben sie und warum haben sie eine so unheimliche Angst gerügt zu werden, wenn doch in ihrem Dorf alle zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützten? Eine offene Geschichtsschreibung – und Aufarbeitung könnte diese Frage beantworten.

Dass nicht alle Dorfbewohner friedlich gesinnt sinnt, enthüllt uns Omar ebenfalls, ohne die damalige Realität zu verschweigen – es scheint das Ende der Welt eingetroffen zu sein – Aқыр заман. Der Ehemann fiel an der Front, im Dorf herrscht Hunger und selbst für den Diebstahl von zehn Weizenähren droht einem das Gefängnis. Hieran kann der Leser feststellen, dass die Politik nichts unternahm, um das Recht der Menschen auf Nahrung zu schützen. Menschen werden in ihren Häusern umgebracht, wie die Witwe Nazira: „Der kleine Sohn konnte sich noch verstecken und beobachten, was man der Mutter angetan hat. Es waren Dorfbewohner, die sie töteten. Weil diese mit der Nomenklatura in Verbindung standen, schwiegen alle im Dorf.“[7]  (Omar, S. 43) Schweigen aus Angst vor Verfolgung oder Strafe ist nur eines der Charakteristika eines verbrecherischen Regimes, dass unschuldige Bürger kriminalisiert und zu Verbrechern macht, wie die Dorfbewohner, die die Witwe Nazira umgebracht haben. Omars Schilderung der damaligen Realität zeigt auch dass Angst zwar das Bewusstsein der Menschen prägt, doch von denselben oft nicht als solche erkannt wird. Hätten sich die Dorfbewohner wohl auflehnen können, indem sie gänzlich auf einen Staat verzichteten, ihre eigenen kleinen Betriebe aufmachten nach anarchistischen Prinzipien im Sinne Bakunins? Jahre vor den Ereignissen im Dorf gab es bereits ernsthafte Ideen, das Land zu reformieren und in Gemeinden mit eigenen Selbstverwaltungen einzuteilen, in denen die Würde des Menschen geachtet würde und jeder das Recht auf eine Stimme gehabt hätte.

Das Kapitel „Der Geschmack des Sieges“ arrangiert Leiderfahrung, Trauerbewältigung und den Nichtverzicht von Genuss auf poetologische Art. Ein Zeitbruch, das Ende des zweiten Weltkrieges, offenbart, das Trauer keineswegs eintönig und immer gleich ist. Hier wird Tränen ein Geschmack gegeben um kurz darauf das real erlebte Trauma durch einen Traum zu verinnerlichen und einen echten Geschmack, den Geschmack von Zucker, der den KolchosemitarbeiterInnen geschenkt wird, zu erleben: „Im Mai 1945 wurden in Karatal mehr Tränen vergossen als in den letzten drei Kriegsjahren. Die Tränen waren verschiedenartig. Süße, herbe, wie der Honig einer Schattenmorelle bei jenen, die die Liebsten wiedersahen, bittere Wermuthtränen, bei jenen, die vom Tod ihrer Angehörigen erfuhren, mit dem Geschmack von salziger Hoffnung bei jenen, die weiter warteten. Akbalžan wartete nicht. Nach dem Päckchen mit dem Mantel hatte sie einen Traum. Kožabaj im hellen, langen Čapan, setzte sich auf ein weißes Ross. Er lächelte und ritt davon, einen Streifen hellen Lichts hinterlassend. Damals verstand sie, dass sie sich in diesem Leben nicht wieder sehen würden. Zu Ehren der langerwarteten Freude brachte man Zucker in die Kolchose. Man gab diese den KolchosemitarbeiterInnen – ein Würfel pro Person. Akbalžan bekam drei Stück. Zuhause nahm sie die Tüte aus der Zeitung heraus. Die Kinder betrachteten die schneeweißen Würfel. Raisa roch an einem, leckte ihn schüchtern und freute sich: „Sü-ü-ü-ß!“ Kuantaj nahm den zweiten Würfel. „Wartet!“, hielt Akbalžan sie an. „Nicht alles auf einmal!“ Sie nahm den Zucker an sich, brach kleine Stückchen mit dem Federmesser ab. Die anderen versteckte sie: wann sonst kommen wir in den Genuss von etwas derartigem?“ Rajsa und Kuantaj lutschten schmatzend an ihren Stückchen. Die abgemagerten, glücklichen Kindergesichter betrachtend, musste Akbalžan lachen. Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges.“[8] (Omar, S. 45f.) Das Erleben des Süßen auf der kindlichen Zunge und Mutters Traum vom Licht zeigen, dass in der Zeit der überstandenen Wirren, trotz des Verlustes von Nahestehenden, Hoffnung und Glaube weiterleben und selbst in der dunkelsten Nacht einen Ort im Herzen der Menschen haben.

Dass Maria Omar im zweiten Teil des Romans (benannt nach der zweiten Tochter Akbalžans, Oltugan) ihre Figuren als individuelle Persönlichkeiten agieren lässt und nicht als charakterlose Hüllen, zeigt der Text indem er die gleichschaltende Manier des sowjetischen Staates enthüllt, den Menschen die Würde einschreibt, und hier nicht nur zwischen den Zeilen, sondern sehr direkt, liebevolle Details seiner Figuren offenbart. Gefeiert wird ein Schulfest und die Kinder marschieren mit ihrer Lehrerin als Kolonne durch das Dorf Karatal: „Am Kopf der Kolonne gingen die Klassenbesten und wedelten mit ihren Basteleien aus Karton – Oltugan im festlichen Kleid und ihr Klassenkamerad Galí. Der dürre Löška heftete an seine Mütze eine rote Blume aus Papier an und ähnelte dabei seinem Großvater, dem Akkordeonspieler. Die sommersprossige Anjutka ging hinkend, sie suchte vor kurzem ihre Kuh und fiel dabei in eine Grube. Am Ende der Kolonne ging der einäugige Köter mit dem Namen Pirat. Als man das Lied zum ersten Mai anstimmte, biss er sich auf die Zunge, als habe man ihm die Pfote plattgedrückt.“[9] (Omar, S. 76)

Werfen wir einen Blick auf die kosmopolitische Dimension des Romans, wie sie von Montesquieu gedacht ist und von Kristeva aufgegriffen wird. Hier, wie auch die eben beschriebenen Figuren zeigen, geht es um eine Allianz von Einzigartigkeiten, die in der Schwäche und Furchtsamkeit der Subjekte liegt, die zwar nicht vom sowjetischen System anerkannt wird, jedoch durchaus von Künstlern, die in die Dissidenz oder den Untergrund gehen und darin die scheinbar unvereinbaren Besonderheiten des Individuums anerkennen und damit auch seine gemeinschaftlichen Rechte fordern. Omar knüpft hier an einen wichtigen Punkt an, und zwar auf Gerechtigkeit und Teilhabe an der ökologischen, wirtschaftlichen, politischen und damit auch soziokulturellen Wirklichkeit. Was Kristeva als Metapher der Distanz charakterisiert, indem es darum geht, die Dynamik der ideologischen und sozialen Veränderung anzukurbeln (vgl. Kristevam 146), vollführt Omar in ihrem Roman, indem sie eine Distanz im Verhältnis zu sich selbst einnimmt und achtsames Handeln in Form einer Teezeremonie zwischen Mutter und Tochter beschreibt. Das heiße Wasser aus einem Wasserkocher wird von Akbalžan nicht anerkannt (einen solchen Tee bezeichnet sie als MelkerInnentee), sondern nur das Wasser aus dem Samowar, der durch Kohlen erhitzt wird. Kann Omars Text also in den Kreis der literarischen Texte eingeordnet werden, die als sogenannte „Kleine Literatur“ bezeichnet werden? Eine Antwort darauf geben uns Ina Hess und Lucia Sunder-Plassmann in ihrem gemeinsamen Essay zur Anthropologie Zentralasiens, die ihre marginalisierte Stellung innerhalb der westlich zentrierten und hierarchisch höher gestellten anthropologischen Disziplin zu umgehen versucht und eine auf die Region bezogene Fragestellung evoziert. Zur Aufgabe der zentralasiatischen Anthropologie wird hier die Reflektion politischer und ideologischer Wirklichkeiten, die auch global von Bedeutung sind.

Dazu gehören Gerechtigkeit und Teilhabe an einem kulturellen Leben, was für alle Weltbürger gelten sollte. Jonglierend, ja improvisierend spielt hier Omar mit dem Text, der Geschichte enthüllt, indem er zurückgeht und dekonstruiert. Stimmhafte Erinnerung, die an Verbrechen beider Systeme erinnert, des sowjetischen, aber auch dem Nazi-Deutschlands, wird durch Retrospektive realisiert. Hier geht es zwei Generationen zurück, Oltugan heiratet Mischa und der vorsichtige Exkurs findet in seine Familiengeschichte statt. Mischas Vater, Alexej, heiratet Ljudmila, und das Paar besucht Mischas Eltern in Europa, eine von Zerfall, Krieg und Trauma gezeichnete textuelle Landschaft breitet sich vor dem Auge der Lesenden aus. Mit Gogolscher Manier werden Familiennamen erfunden und sprechen durch sich selbst, so könnte der Name der Schwiegermutter, die im Text als Uljana Eumenovna bezeichnet wird, sowohl auf Emanuel als auch auf das Wort „können“ (rus. umet‘), referieren. (vgl. Omar, S. 97)

Transnational mutet der Text insbesondere im Kapitel „Eine Familie“ an, wo ein kasachischer Toj (Fest) beschrieben wird. Der Leser lernt die kasachischen Bräuche kennen und erfährt, dass sie durchaus Ähnlichkeit mit der europäischen Welt aufweisen.  Zunächst breitet sich eine Kolchose-Klanglandschaft aus, die auch in einem anderen Dorf, am anderen Ende der Welt oder zu einer anderen Zeit genauso registriert und wahrgenommen werden könnte (Irgendwo rumort der Traktor, muhen die Kühe, die sich in Richtung Weide bewegen, bellen die Hunde)  Doch hier ist es immer noch das Dorf Karatal, wo gerade das Hochzeitsfest von Oltugan und Mischa gefeiert wird: auf dem Hof dampft der Kasan (ein gusseisernes Behältnis, in dem oft Reis oder Fleisch zubereitet wird, typisch für die zentralasiatische Küche), ein Schaf wurde geschlachtet, Teigstücke ausgerollt und auf den Zeitungen zum Trocknen ausgelegt, später in die heiße Brühe geworfen. In den Zimmern werden bunte kasachische Decken auf dem Boden ausgelegt, die Gäste waschen sich mit erhitztem Wasser, das aus einem Kelch runterläuft, die Hände und der anwesende Mullah vollzieht die Eheschließung der jungen Leute. (vgl. Omar, S. 102) Es herrscht also eine Ordnung vor, die durch ihre Koordinaten die Würde des Menschen postuliert (in ihrer nach außen gerichteter, kultureller Dimension). Denn diese gestattet es als Prinzip und Ziel „seine Debakel zu begreifen, zu behandeln, vielleicht zu verändern.“ (Kristeva, S. 167) Weiter schreibt Kristeva, dass die Identifikation mit der Gruppe oder die Zurückweisung der Gruppe der Menschenwürde inhärent sind, gesteht sich diese Würde ebenso die Fremdheit ein. (vgl. Kristeva, S.168) So wird auch Mischa, Oltugans Ehemann oft für den Fremden gehalten. Die Nachbarn beispielsweise sehen in ihm einen Kaukasier aufgrund seiner schwarzen Haare, der dichten Augenbrauen und der breiten Nase. Entwirft hier Omar etwa, das was auch Kristeva in ihrem Essay postuliert – also eine polyutopische und flexible Gesellschaft, die ohne Nationen auskommen kann und trotzdem dem Eigenen (hier sind auch Freiheitsformen und Formen des Eigentums gemeint) nicht die Berechtigung nimmt?

Nach Oltugan wird die Geschichte von Marija, der Tochter Oltugans weitererzählt und zwar im dritten Kapitel. Und hier wird dem Leser klar: Erinnerungen verrinnen nicht, sie werden behutsam aufgefangen und in Form gebracht – die Decke, die so sehr nach Schaf riecht und in die sich die erkältete Marija als Kind hüllt, die bittere Medizin und das Glas heiße Milch mit Honig danach, die süßen, gelben Vitaminglobulis, die im Abgang so sauer schmecken. (vgl. Omar, S. 112f.) Wer sind diese Romanfiguren fragt sich der Leser und welches Gedächtnis ist in ihnen angelegt. Marijas Geschichte spielt ja bereits in der Moderne, doch bedenkt man die letzten vierzig Jahre, so war kasachische Hungersnot und Sesshaftmachung der Nomaden noch gar nicht so lange her. In all diesen Personen bzw. ihren Genen, spielt noch die nomadische Erinnerung. Und Kontinuität besteht hier durchaus, die Heilmethoden ihrer Ahnen haben auch zwar subtil doch bis heute überlebt und dürfen sich noch mehr entfalten, noch mehr Raum haben und die Genesung von Körper und Geist vorantreiben.

Und all die Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte, die in diesem Roman auf so liebevoll detaillierte Art erzählt werden bieten durchaus ein alternatives moralisches Universum zum Sowjetischen System. Realität wird hier nicht einfach nur als sowjetisch wahrgenommen, nein sie ist durchtränkt von Momenten jenseits der sowjetischen Paradigen, sie ist voller Rituale, Glaubensmuster und lieblicher Erinnerungsmomente wie die nächsten Zeilen zeigen: „Aus einem seidenen Täschchen holt Aže[10] den Koran heraus. Sie lässt ihre Finger über die Zeilen mit den ausgefallenen Zeichen gleiten und liest singend die Gebete. Es ist nicht bekannt, woher sie das Buch hat. Die Seiten sind bereits vergilbt und etwas zerfetzt. Wenn die Erwachsenen nicht in der Nähe sind, zeige ich das Buch heimlich meinen Freundinnen und male mir in meiner Phantasie aus, dass es ein magisches Buch ist. Dann beobachte ich Aže, um sie mir für später einzuprägen: bis zum hellen blau verblasste Augen, Mama sagt, sie waren früher wie bei mir, braun, wellige Fältchen, eine runde Nase, große Hände mit klar sichtbaren Venen. Ein helles Kleid mit einem breiten Saum, eine türkise samtene Weste – bešpet – mit metallischen Verschlüssen, auf denen Muster in Form von Schafshörnern eingraviert sind. Ein weißes Tuch. Zwei dünne Zöpfe, die bis unter die Taille herunterhängen und kaum von Gräue befallen wurden, obwohl Akbalžan-Aže bereits siebzig ist. Seltsam, Aže kennt nicht die Buchstaben, doch liest den Koran. Bei mir ist es genau umgekehrt, ich verstehe nicht, was in diesem Buch geschrieben steht, obwohl ich das Lesen bereits mit vier Jahren gelernt habe.“[11] (Omar, S. 114f.)

Diese Worte aus dem Mund Marijas, der Enkelin Akbalžans werden in einem Raum ausgesprochen, der seine indigenen Wurzeln aufgrund einer sogenannten zivilisatorischen, also der sowjetisch-russischen Kultur einbüßen musste. Die Menschen hier sind sesshaft und nicht mehr auf das Umherziehen als Folge des Weidewechsels für ihre Tiere angewiesen. Wird erst durch diese sesshaften, ja städtischen Rahmenbedingungen die Möglichkeit für eine Romanhandlung erschaffen oder waren diese bereits zur Zeit der nomadischen Kultur, die ja keine Städte kannte, gegeben? Folgt man Dževad Karahasans Ausführungen über die Raumzeit und die Stadt als Ort des Erzählens in seinen Essays „Die Schatten der Städte“, so kommt man nicht umhin festzustellen, dass die epische Form, also das Erzählen in Versen typisch für eine Hirtenkultur ist wie die der kasachischen Nomaden. Natürlich gab es in Kasachstan bereits altertümliche Städte und Orte der sesshaften Kultur, doch primär kennzeichnet die Kasachen das Nomadentum. Den Roman, der ja die Form des gebundenen Buches erfordert, sieht man normalerweise als Gebrauchsgegenstand in den Regalen der sesshaften Menschen, so auch der Koran, in den Marija, Akbalžans Enkelin einen Blick wirft. Doch was spräche dagegen anzunehmen, dass auch die Kasachen mehrere Bände Literatur mit sich führten und ihr kulturelles Gedächtnis nicht nur auf die orale Kunst stützten. Karahasan ist ja ebenfalls der Ansicht, dass die Erzählprosa auf Mittel angewiesen ist, die das Gedächtnis stützen müssen, sie braucht die schriftliche Rezeption und das Buch als normalen, profanen Gegenstand des normalen Lebens.  (Vgl. Karahasan, S. 122) Eis ist vorstellbar, dass diese Bücher, seien sie von Mystikern, Sufis oder Philosophen auch in der Jurte einen Ort hatten und immer wieder gebraucht wurden. Dafür spräche zum Beispiel, dass bereits im 19. Jahrhundert Übersetzungen von Shakespeares und Dostoewskijs Werken ins Kasachische übertragen worden waren und zwar von keinem geringeren als dem Dichter Abaj, der sowohl in der arabischen als auch in der europäischen Welt der Philosophie und Literatur beheimatet war. Und war die alte Seidenstraße nicht auch eine Art Ort, an dem man nicht nur Seide, Tee und Geschirr verkaufte, sondern auch Literatur, sei sie von Hafiz, Herodot oder vielleicht Autoren aus Tausendundeinernacht gewesen?

Denkt man über die poetologischen Folgen vom Omars Text nach, so spiegelt dieser unabhängig von der individuellen Position des Lesenden die Erkenntnis des kollektiven Traumas wider, die im Text nur subtil anklingt, durch die Symbolik des gemeinsamen Einschlummerns auf dem Boden. Großmutter Akbalžan und ihre Enkel teilen sich den Boden zum nächtlichen Schlaf, eingemummelt in Decken betrachten sie gegenseitig ihre Gesichter, verlieren hier und da noch ein paar Worte, um dann gemeinsam oder doch jeder für sich einzuschlafen. Dem Leser wird vor Augen geführt, dass es sich hier nicht um transgenerationelle Traumata bzw. die Weitergabe von Traumata in der Familie handelt. Vielmehr geht es hier um die eigene Positionierung der Figur (in diesem Fall die Figur Marias als die sich Erinnernde) und die eigene Entscheidung, Stellung zu beziehen zur Geschichte der gemeinsamen Vorfahren. Verantwortung übernehmen bedeutet aber auch, dass man das familiäre Gedächtnis als in der Kultur und Tradition verortet betrachtet, eine andere Sicht und zwar die Annahme von charakterbedingten Angewohnheiten im Sinne eines individuellen Prinzips ist durchaus auch vorstellbar.

Wenn Dževad Karahasan in seinen Essays über den Chronotopos über die Raumzeit im Theater und im Roman spricht und den Leser auf eine ausführliche philosophische Reise mitnimmt, kann der Leser, der mit beiden Lektüren (Karahasans und Omars) vertraut ist, erkennen, dass das Gedankenspiel Welt, in diesem Fall ist die Weltkonzeption als Handlung im Roman oder Theaterstück gemeint, durch rituelle Formen erfahrbar gemacht werden kann durch den Menschen. Mit einem Ritual, so Karahasan, erneuern wir den Augenblick der Entstehung der Schöpfung (vgl. Karahasan S. 89) und hier knüpfen wir an Omars Entwurf ritueller Praktiken in ihrem Roman „Honig und etwas Wermuth“ an. Auch hier ist der Begriff des Traumas präsent, durch das Bild eines AlpTraums, welches in einem Theaterstück, dem Akbalžan und ihre Enkelin beiwohnen, durch einen Dialog imaginiert wird. Langsam führt uns Omar in diesem Kapitel an die Stimmhaftigkeit und die Verbalisierung des Traumas durch die erlebten Personen heran. Alle Zuschauer des Theaterstücks geben durch Laute zu erkennen, dass das Theaterstück von Menschen handelt wie sie es sind. Und Karahsan würde sicher einstimmen, dass es sich hierbei um eine Tragödie handelt, denn als sich die Enkelin Maria bei ihrer Großmutter nach ihrer Vergangenheit erkundigt, fallen die Worte „Erniedrigung, Beraubung und Armut, allerdings auf Kasachisch. Akbalžans rituelles Fasten, das Teilen des Wassers in der Teeschale mit der sie umgebenden Familienmitgliedern, das Körnchen Salz das sie sich auf die Zunge legt, sind bildhafte Momente, denen hier etwas besonderes folgt und zwar die Erwähnung des orthodoxen Osterfestes. Ein Kind, der Urenkel erfährt davon von Freunden und lackiert die Gänseeier mit Nagellack: „Eines Tages, als er von Freunden von dem Osterfest erfuhr, holte er die Gänseeier unter Großmutters Bett hervor und bemalte sie mit Nagellack. Gut, dass es uns sofort aufgefallen ist und wir den größten Teil retten konnten.“[12] (Omar, S. 163) Diese bedeutende Stelle spielt mit der Zeit als organisierendes Element des Romans, das kindliche Ich grenzt sich in diesem Augenblick ab und bekennt sich gleichzeitig durch spielerisches Ausprobieren zur gemeinsamen Kultur und zwar zu einer Kultur des Staunens und des sich Erkennens im Anderen. Erkennt der Leser oder die Leserin hier möglicherweise einen Kosmopolitismus, ja ein Weltbürgertum, das Kant in seinem Werk „Zum Ewigen Frieden“ propagiert? Sind es nicht die Kinder von denen wir lernen sollten, uns als Besucher dieser Welt wahrzunehmen und die Erdoberfläche als gemeinschaftlichen Besitz anzuerkennen und zu erkennen, dass wie Kant postuliert, „niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat, als der andere.“ (Vgl. Kant, zum Ewigen Frieden, Werke Bd.9, 1970, S. 211, zitiert von Kristeva in „Fremde sind wir uns selbst“ S. 187)

Maria Omars Roman präsentiert uns ein Menschenbild, dass den Fremden zwar nicht kennt aber das Recht auf Verschiedenartigkeit respektiert. Kaleidoskopische Identitäten überlagern sich mit stimmhafter, weiblicher Authentizität. Alle Frauen des Romans sind zwar Kämpferinnen, doch ist ihr Wesen nicht abgestumpft, sondern gibt die Möglichkeit zur Selbstidentifikation und der Identifikation mit dem Anderen, sodass der Leser das „Ein-same“ im Kollektiven erkennt. Jede Figur steht für sich alleine, freut sich und leidet alleine, doch ist sie in einen breiten Kontext von Beziehungsgeflechten – und Strukturen eingeflochten und gibt den Leser:innen die Möglichkeit aufzuatmen, weil jedes Gegenüber Schattierungen, Farben und Wesenszüge des Eigenen in sich erkennen lässt und reflektiert. Demnach ist „Wermuth und etwas Honig“ ein Plädoyer für Menschlichkeit über staatliche nationale und sogar sprachliche Grenzen hinaus. Sprache wird sogar zu einer Weltsprache nicht im imperialistischen Sinne oder im Sinne einer lingua franca, sondern im Verhältnis des reinen Wortes zu seinem Klang, wenn ein Individuum dem anderen begegnet. Der Mensch ist sich gegenseitig nicht ein Wolf, sondern ein ebenbürtiger Teilnehmer des Weltgeschehens. Somit macht die Lektüre von Omar Mut für eine neue Reflektion des Umgangs mit Geschichte und ein sich Einlassens auf eine friedliche „Projektion“ in die Zukunft.


[1] Eine Ortschaft im Bezirk Kuvamdyk, in der Region Orenburg. Übersetzt bedeutet das Wort „Schwarze Weide“ (kas. Kara – „schwarz“, tal/tala – „Weide“

[2] К вечеру маленький Куантай стал надрывно плакать. У Акбалжан кончилось молоко. Она не ела с утра. Подсоленный курт дала Райсе. Совала младенцу пустую обмякшую грудь, а он не унимался, покраснел от натуги. Старик остановился у ручья. Достал из-за пазухи нож, верёвки. Велел собирать сухие ветки и разжигать костёр. Акбалжан напоила детей из ладони. Набрала кучку ветвей, подожгла. Райса издали наблюдала за Оспангали. Он то припадал к земле, то бежал, то прыгал. Вскоре старик притащил двух подбитых сусликов. Освеживал. Вытащил закопчённый котелок, бросил туда крошечные тельца. Сварили пахучую сорпу. После еды Акбалжан почувствовала прилив молока. Куантай припал к груди и наконец засопел. Переночевали в степи. Утром снова отправились в путь. Солнце вставало, окрашивая небо бледно-розовыми всплохами. S 19

[3] Работать и вправду приходилось много. После дойки работницы чистили навоз, таскали корм. Ездили на лошадях за глиной. Высыпали её из телеги на землю, делали горку с углублением, как для теста, наливали воду и месили босыми ногами. Добавив к жиже солому, мазали стены скотных баз.

[4] Да, деточка, время такое […] У меня тоже была семья. Наши предки крепостные. Как дали вольную, отправились в Сибирь, осели там. […] Как пришла советская власть, один сынок ушёл с войском Колчака, второй  – в Красную армию попал. Оба сгинули. А мужа моего убили, не давал дом поджечь

[5] Поэтому лишних вопросов бикто не задаёт. Но, смотри, держи язык за зубами. Мне сказала, душу облегчила, больше никому. Хоть в каком народе есть люди чистые, а есть сволочи.

[6] Близился Новый год. Акбалжан впервые отмечала этот праздник. Муж накануне съездил в райцентр, привёз подарки. Жене – нежную голубую ткань на платье и серебристое колечки в форме крупной капли на тонком ободке. Детям – валенки и сладкие леденцы на палочках. Акбалжан, привыкшая к тёмной грубой одежде, приложила к груди струящийся мягкий атлас и загляделась на себя в зеркало. Кожабай не отрываясь смотрел на неё. Дети радостно бегали вокруг, путаясь в ткани. Про бабу Дусю тоже не забыли. Позвали к себе и вручили ситцевый платок. Сычиха смахнула слезу. На стол поставили горячую, еще дымящуюся варёную картошку, блестящие солёные грибы и квашеную капусту, что принесла баба Дуся. Разлили чай по жестяным кржкам, Так и встретили 1941 год.

[7] Маленький сын успел спрятаться и видел, что сделали с матерью. Убили односельчане. Они были связаны с властью, поэтому все молчали.

[8] В мае 1945-го в Каратале пролили больше слёз, чем за четыре года войны. Разные то были слёзы. Сладкие, терпкие, как черёмуховый мёд, – у тех, кто встретился с родными, горькие полынные – у получивших запоздалые похоронки, со вкусом солёной надежды – у тех, кто продолжал ждать. Акбалжан не ждала. После той посылки с шинелью ей приснился сон. Кожабай в светлом длинном чапане сел на высокого белого коня. Улыбнулся и оскакал, оставив за собой полоску света. Тогда она поняла, что в этпй жизни они точно не встретятся. В честь долгожданной радости из райцентра привезли пилёный сахар. Выдали колхозникам – по одному кубику на человека.. Акбалжан достала три. Дома она развернула кулёк из газеты. Дети уставились на белоснежные кубики. Райса понюхала один, несмело лизнула и присияла: „Сла – а -а – адкий!“ Куантай шватил второй кубик. „Подождите!“, останавила их Акбалжан. „Всё разом нельзя!“ Забрала сахар, отколола маленькие кусочки перочинным ножом. Остальное пропрятала; когда ещё доведётся есть сладкое? Райса и Куантай, причмоковая, рассасывали свои кусочки. Глядя на исхудавшые, но счастливые лица детей, Акбалжан рассмеялась. В первые с начала войны.“

[9] Во главе колонны размахивали картонными отметками отличники – Олтуган в нарядном платье и её одноклассник Гали. Долговязый Лёшка прицепил к кепке красный цветок из бумаги и стал похож на своего дядю-гармониста. Конопатая Анютка шла прохмарывая – ну кануне искала корову и упала в овраг. Замыкал шествие одноглазый пёс по кличке Пират. Когда запели песню про Первомай, он закусилм  будто ему продавили лапу.

[10]Aže (Kasachisch: Großmutter)

[11] Из шёлковой сумочки аже достаёт Коран. Водит пальцем по строчкам с диковинными значками, нараспев читает молитвы. Неизвестно, откуда у неё эта книга. Страницы пожелтели, растрепались. Когда рядом нет взрослых, я тайком показываю книгу подружкам и фаHтазирую, что она волшебная. Рассматривую аже, чтобы позже зарисовать: выцветшие до светло-голубого глаза, мама говорит, раньше они были, как у меня, карими, волнистые морщинки, округлый нос, крупные, со вздувшимися венами руки. Светлое платье с широким подолом, бирюзовая бархатная безрукавка – бешпет – с металлическими застёжками, на которых выбиты узоры в виде бараньих рогов. Белый платок. Две тонкие косички, свисающие ниже пояса, почти не тронула седина, хотя Акбалжан-аже семьдесят. Странно, аже не знает буквы, но читает Коран. А я, наоборот, не понимаю, что написано в этой книге, хотя читать научилась в четыре года.

[12] Однажды, узнав от друзей о Паcxе, вытащил гусиные яйца из-под кровати и выкрасил лаком для ногтей. Хорошо, вовремя увидели и большую часть яиц удалось спасти.

Ein Essay zu Esenberlins Roman „Nomaden“

Ilias Esenberlin (1915-1983): „Nomaden“

Ilias Esenberlin, als Repräsentant einer kasachischen, sowjetischen Intelligenzija, war nicht nur Autor, sondern auch Übersetzer. Sein Genre war die Prosa, in der er seine Helden auf Feldern, in Fabriken und in Auditorien agieren ließ. Nichtsdestotrotz führen seine Romane den Leser in eine vorsowjetische Zeit, wie sich in meiner hier folgenden Analyse der Romantrilogie „Nomaden“ (russ. Kočevniki, kas.  Košpendiler) herausstellen wird.

Referiert wird im Vorwort der Trilogie auf Mukhtar Auezov: „Касахская литература напоминает ленту, разорванную в многих местах“. Hier ist die Rede in Bezug auf die kasachische Literatur von einem „Band, das an vielen Orten Risse hat“. Damit ist gemeint, dass aufgrund der sowjetischen Diktatur viele Themen in der kasachischen Literatur verboten waren: Zum Beispiel die Aufarbeitung der Zwangsarbeit und der kasachischen Hungersnot. Andererseits aber war ein detailliertes, kontemplatives Archivieren und Aufarbeiten von Vergangenem für Ilias Esenberlin von enormer Bedeutung. Da auch Esenberlins Werke der Zensur unterlagen, musste er bei diesem Archivieren die sowjetische Zensur umgehen. Wie sich später herausstellen wird, gelingt ihm dieser Spagat auf eine sehr innovative, behutsame und sogar poetische Art und Weise.

Esenberlin hat es geschafft, ein dem Leser zuvor verschlossenes „Material“ zugänglich zu machen und eine fünf Jahrhunderte andauernde Geschichte der Steppe (seit dem XV. Jahrhundert) zu erzählen, „лежащий на стыке Азии и Европы“ (An der Grenze zwischen Asien und Europa). Er eröffnete auch einen Blick auf eine vorsowjetische Geschichte über die nomadischen Stämme, das kasachische Khanat.

Im Folgenden wird eine tiefgreifende Analyse des dreibändigen Romans angestrebt, um aufzuzeigen, wie Erinnerung durch das Rewriting (eine altertümliche Geschichte auf moderne Art und Weise erzählen) einer kasachischen, spätsowjetischen Prosa neu konstruiert wird.

Text als Träger von Symbolen

Eine der Hauptfiguren des ersten Bandes von Nomaden ist Khan Abulhair, ein Nachkomme Džingis Khans, der bereits seit dreißig Jahren über die Steppe herrscht. Er wurde im Jahr 1482 zum Khan der westlichen Steppe Dešt-i-Kipčak“ ernannt. Weitere Helden des Romans sind Džanybek und Kerej, zwei Sultans, die Abulhair am meisten fürchtet und ihre Söhne Kasym (der Sohn Džanybeks) und Bunduk (Sohn des Kerejs). Nach seiner Ernennung zum Khan, setzte sich der Vogel des Glücks auf Abulhairs Kopf und ein weißes Kamel wurde als Opfer erbracht (vgl. Esenberllin 1986, S.12). Der Vogel des Glücks ist Symbol für den Himmel, der bei den kasachischen und mongolischen Völkern als Vater Tengri verehrt wird. Das weiße Kamel symbolisiert Unschuld und das nomadische Wandern, das vom sowjetischen Regime eliminiert wurde.

Abulhair verbrachte seine Zeit überwiegend in den Städten und hielt sich immer mehr von den Kipčak-Nomaden fern. Die Stadt wird hier zu einem Ort der Lenta (Band) im Sinne Auezovs. Verstaubt und fragmentarisch scheint die Stadt zu sein, die Erinnerung an die Steppe in ihr jedoch omnipräsent.

Ein imposantes Erinnerungsmoment manifestiert sich bei der Jagd, zu welcher Abulhair Džanybek und Kerej einlud. Zur Jagd in der Steppe erscheinen Sultans, Beki und Emire. Ihre Kostüme sind edel und aufwendig geschmückt. Džanybek verfügt außerdem über Steppenadler, die er zur Dressur erzieht: „Птица окончательно приругалась и становилась охотничей.“[1] (Esenberlin 1986, S.18)

Der Brauch, Steppenadler handsam zu machen, geht in die Vergangenheit der kasachischen Geschichte zurück. Die Vögel werden unterwürfig und dienen ihrem Herrn. Sie jagen Wildtiere und werden dafür belohnt. „Сколько не приручай орла, но при виде бегущей по земле огнено-рыжей лисы он камнем падает на свою жертву, вонзает в нее когти и взлетает.“[2] (Ebd., S 18)

Staatlichkeit zeigt sich hier durch die Symbolik des Adlers. Der Fuchs als Wildtier ist unschuldig und gibt sich dem Schicksal hin. Die Interaktion der beiden Tiere spiegelt das Machtverhältnis zwischen Staat (государство) und Volk (народ) wider. Der Adler markiert dennoch das Gesetz und den Staat. In diesem Fall könnte er auch die Sehnsucht nach einem freiheitlichen Staat mit einer Befähigung seiner Bürger zu einer selbstständigen Stimme verkörpern.

Hier spielt auch kulturelle Aneignung eine bedeutende Rolle. Geschichte wird nicht nur imaginiert und der Phantasie überlassen, nein, es ist eine tatsächlich statt gefundene Geschichte, wie am folgenden Zitat deutlich wird: „Эти земли были когда-то очагом древней культуры казахов. До сих пор сохранились там руины дворцов, вокруг которых валяются обломки керамики и глазури.“[3] (Ebd., S.20)

Genderdiskurs: Die Rolle der Frau in „Nomaden“

Am Rande soll auch auf die Rolle der Frau in „Nomaden“ eingegangen werden. Diese ist nicht nur unterrepräsentiert, sondern erfährt durch das männliche Subjekt Abwertung und Unterwerfung.  In einem Dialog zwischen zwei Batyrs (kasachisch: Helden) kristallisiert sich heraus, dass die Frau durch eine genderungleiche Sprache komplett als authentisches, selbstständiges Subjekt negiert wird: „Только баба может ссориться из-за какой-то ничтожной пленницы.“[4]  (Ebd., S. 24) Nur eine Frau (hier pejorativ: баба), das russische Wort referiert auf eine Frau ohne Identität, kann sich wegen einer nichtigen Gefangenen streiten. Wir erkennen, dass die sprachliche Abwertung hier in der russischen Sprache geschieht.

Erinnert sei an den feministischen Diskurs, der auch in weiteren Textpassagen von „Nomaden“ zum Vorschein kommt. Das selbstbewusste Auftreten einer Frau wird in der Trilogie Esenberlins in der Mitte des ersten Bandes veranschaulicht. Batyr Koblandy möchte die junge Frau von fünfzehn Jahren zu seiner Ehegattin machen, doch das widerstrebt der Fünfzehnjährigen. Im Falle einer Zustimmung ihres Vaters zur Hochzeit mit Batyr Koblandy würde sie sich für einen Freitod entscheiden: „В таком случае мне придется умереть … – Она вынула из-под одежды маленкий хорасанский кинжал и задумчиво посмотрела на него. – Этот нож раньше тебя прикоснется к моему телу!“[5] (Ebd., S.88) Eine Aussage, die nicht nur freiheitliches Denken verkörpert, sondern auch die Frau im Ganzen vertritt, als aus sich selbst heraus freies, mündiges Individuum.

Bedeutung bekommt das weibliche Subjekt durch eine poetologische Aufwertung. Hier wird die Frau als „луноподобная“ bezeichnet, als eine „dem Mond ähnelnde.“ Diese Mondfrau vergiftete sich im Roman selbst, durch die Einnahme eines bestimmten Steppengrases: „Так и умерла в тоске прекрасная Аганак-бике, ни разу не выказав ему своего расположения. А потом узнал он, что смерть ее наступила от особой степной травы.“[6]  (Ebd., S. 25)

Memoiren von starken Frauen waren in der sowjetischen kasachischen Prosa kaum vorhanden, weil die Adaption männlicher Geschichte das „Nichtvorhandensein“ der Frau implizierte. Nicht Kriegerinnen werden erwähnt, sondern Krieger. Die Frau ist stimmlos und im literarischen Diskurs fast nicht vorhanden. Doch es gab solche Kriegerinnen, die Amazonen, auf dem Territorium Zentralasiens. Sie stammen vom Volk der Skythen ab. Die legendären Amazonen Zentralasiens wurden auch in der griechischen Mythologie erwähnt. Doch in der sowjetischen Literatur, von Männern geschrieben, ging es auch um die Befreiung der Frau, so wie in Dulatovs „Miserable Žamal“ (1910). In diesem Roman geht es um eine gebildete Individualistin, die sich in der Stadt versteckt. Dulatov schreibt über das Schicksal einer einfachen jungen Frau und schildert dabei die Gebräuche und Sitten der kasachischen Gesellschaft, ohne epischen Pathos oder besondere Ausschmückungen (vgl. Oral Arukenova, Daktilmag.kz, No. 41, Februar 2023)

Kehren wir zum feministischen Diskurs der Frau innerhalb und außerhalb patriarchaler Gesellschaften zurück und analysieren hier die Rolle der Frau in Esenberlins Roman in Bezug auf marxistische Theorie. Wie im „Kapital“ von Marx und Engels die Ware, das Produkt, ein im Produktionsprozess von Menschenhand gemachtes Material ist, wird auch die Frau hier zur Ware, zum Objekt deklariert und als штука (Gegenstand) abgestempelt. Nur durch Kunst oder detaillierte Dekonstruktion auf Textebene kann diese Zuschreibung der Frau als Ware umgangen werden. Sehen wir uns an, wie die Abwertung der Frau in „Nomaden“ beschrieben wird: „Когда, например, поодному из царских указов уже ХIХ столетия соответствующим ведомством было предложено покупать в степи в жены переселенцы по пятнадцати рублей за штуку „девушек сирот“ из „инордодцев“ – то это стало у таких людей настоящим промыслом […] Разве много дороже стоила тогда русская крепостная девушка, которую также отрывали от родителей и продавали другому помещику?“[7] (Esenberlin 1986, S.119)

Die Переселенцы (jene aus dem Zarenreich auf das kasachische Territorium geflüchteten Russen) nahmen sich das Recht bei den Инородцы (den Kasachen) für fünfzehn Rubel eine Frau zu kaufen. Woher nahmen sich dieser Russen das Recht? War ihr Bewusstsein geprägt von Stolz und Erhabenheit, sodass es ihnen erlaubte, eine solch schlimme Tat zu begehen? Das weibliche Subjekt als Verkörperung des kasachischen, kolonisierten Reiches, wird nicht nach seiner Meinung gefragt. Es wird tatsächlich, weder von Воля noch von Свобода gesprochen, sondern von einem Gefängnis im Gefängnis.  Durch den russischen und später sowjetischen Staat unterdrückt, wird die Frau nicht nur zum Opfer des Kolonialismus, sondern auch des Patriarchats.

Polygamie und zwar die des kasachischen Patriarchats ist ein immer wiederkehrendes Thema der Trilogie. Meistens verläuft das Geschehen folgendermaßen: Ein Batyr trifft zufällig auf eine orientalische Schönheit, meistens ist diese scheu und zurückhaltend, verliebt sich in sie und macht sie zu seiner Beute, seinem Besitz, im Kreis weiterer Ehefrauen. Auch hier am folgenden Beispiel, möchte ich diese soziale Erscheinung thematisieren:

„-Как твое имя, серна?

-Меня так и зовут – Куралай! – ответила она, удивившись откуда красивый казахский батыр знает ее имя.“[8] (Esenberlin 1986, S.165)

Das Gesicht der jungen Frau war matt, rein und die auffallende Blässe unterstrich nur ihre wundersame Schönheit. Ihr pechschwarzes Haar berührte beinahe die Erde. Die folgende Aussage des Batyrs spricht für sich: „–Эта девушка – моя добыча!“[9] (Ebd., S.156) Des Weiteren wird die Frau als „Пленница“ (Gefangene) bezeichnet. Kuralaj sollte die dritte Braut des Batyrs werden. Auch heute noch werden in Teilen Kasachstans Frauen unterdrückt, arrangierte Ehen und Polygamie ruinieren ihr Leben. „Nomaden“ als Roman des Sozialistischen Realismus ist ein Roman des „Fortschritts“ könnte der Leser meinen, doch was die Emanzipation der Frau angeht, ist diese rückständig. Dies kann man dem Autor allerdings nicht vorwerfen, da er sich an historische Gegebenheiten hält und dadurch jegliche Geschichtsfälschung vermeidet. Frauen hatten damals nun mal keine Stimme und sind deshalb auch nur durch ihr schönes Äußeres in der jeweiligen Geschichtsschreibung präsent. Brautklau war ebenfalls ein Element kasachischer literarischer Narrative. Werke wie „Qalym“ (kasachisch: Brautpreis) sind jedoch Zeugnisse für die Befreiung der Frau und der Emanzipation der Frau zu einem Individuum.

Archiv, Staatlichkeit und nomadische Kartografie

„В 1259 году умер хан Мунке, по приказу его братьев Арык-Буги, Хубилая и Хулагу были истреблены невсзирая на радовисть и заслуги, десять тысяч человек, участвовахших в похоронах.“ (Ebd., S. 27) Auch hier ist wieder das Individuum im Fokus. Zehntausend Menschen nehmen am Begräbnis von Han Munke teil. Doch diese zehntausend Menschen werden anschließend getötet. Hier agiert der Autor als Archivar; er sammelt historische Dokumente um einer historischen Amnesie entgegenzustreben und übernimmt die Verantwortung für das Volk der Kasachen. Im weiteren Verlauf meiner Arbeit wird auf Olžas Sulejmenovs Tätigkeit als Archivar eingegangen, der sich in der Antiatomkraft – Nevada – Semipalatinsk – Bewegung engagierte. Ein Handeln, das jedem menschlichen Individuum als Beispiel dienen sollte.

Dass Staaten fragil sein und Territorien in Gefahr sein können, hängt oft mit der Dynastie des Herrschenden zusammen. In diesem Fall ist es der Khan Abulhair. Andere Stämme waren kurz davor, seine Horde anzugreifen. Dazu gehörten unter anderem auch die Nogajer Bijs (ногайскии бии), die Astrachaner Sultans (астраханскии султаны) und die Tatarischen und Baškirišen Alamanen (татарские и башкирские аламаны). (vgl. Eseenberlin 1986, S.29) Esenberlin reist hier auch zurück in die Zeit Timurs, der im Jahr 1392 die основа (Grundlage) der Goldenen Horde zerstört haben soll, so sagt es jedenfalls nach Esenberlin die Geschichtsschreibung: Timur kam vom Kaukasus und belagerte Sarai, die märchenhafte Metropole, die von Khan Batyj und den Edilen gegründet wurde. (vgl. Esenberlin 1986, S.34)

Es wird ein weiteres Territorium erwähnt, das von Abulhair erschlossen werden wollte: Mogolistan. Dieses weite Land erstreckte sich sechs Monde in die Länge und Breite. Von den Džugaren im Osten bis Taškent und Turkestan im Westen, vom blauen Meer Balhaš im Norden bis zu den grünen Weiten Kašgariins im Süden…Kašgarien, Siebenstromland, das märchenhafte Turfan – gibt es ein Land, das reicher ist? All diese Weiten werden von kasachischen Stämmen regiert. (vgl. Esenberlin 1986, S.33)

Diese Kartografie, die Esenberlin in den Textkörper einschreibt, weist darauf hin, dass eine nomadisch-chronotopische Landschaft existiert hat. Diese ist positiv konnotiert. Sie erinnert an ein verlorenes Paradies, das vom Autor kartografisch imaginiert wird. Auf eine poetische Weise wird hier eine Steppenlandschaft erschaffen, wo die Seele des Steppenbewohners zur Ruhe kommt. Alle Beken und Sultans der weiten Steppe Dešt-i-Kipčak, ohne Ausnahme und des sesshaften Maverannachars wurden dazu geladen an diesen Erinnerungsereignissen teilzunehmen: „Изумрудно-серебряными волнами до самого горизонта качаются здесь под ветром травы, по грудь окунается в это пряное, живое море всадник.“[10] (Esenberlin 1986, S.37)

Und tatsächlich wird dieses wiedergewonnene Paradies erstaunlich schön vom Autor vorgestellt: „На каждом шагу вспыхивают под ногами огненно-красные гроздья степной земляники и костянки, прячутся в листьях ожерелья созревшей черной смородины. Одуряюще пахнут под солнцем гигантские пионы, лалы, колокольчики, озерные лилии, розы и тюльпаны всех цветов и оттенков. А в самой середине волшебной озерной глади величаво плывет дружная стая лебедей с едва оперившемися птенцами, и время от времени раздается нежный, напоминающий флейту звук их переклички между собой…“[11] (Ebd., S.37)

Auf diese vorurzeitliche Beschreibung folgen symbolische Noten des Autor-Erzählers. Hier geht es um die von Menschenhand geschaffene, materielle Welt: Neben dem Berg, am westlichen Rand des Sees, steht ein надгробный камень, ein Grabstein, erstarrt zu der Form eines bestimmten Idols.  Dieser erinnert an ein Menschenwesen mit einer Schale in der rechten Hand, aus der man in der kasachischen Steppe auch heutzutage noch das berühmte, aus vergorener Stutenmilch gewonnene, kasachische Getränk Kumys trinkt.

Chronotopische Landschaft und Handlung als Spiel

Kehren wir zurück zum Nomaden als einem Chronotopos. Natürlich kann nicht der Nomade als Mensch einem Chronotopos entsprechen. Vielmehr sind es seine Orientierungspunkte in der Landschaft, erschaffen durch Menschenhand, wie der Autor schreibt. Hier, in diesem Kapitel, sind es die Behausungen der Steppenbewohner: „Как-то поутру на северном берегу озера, словна в сказке, вросли триста огромных белоснежных юрт.“ (Ebd., S.38)

Diese reichgeschmückten Behausungen luden Gäste aus Samarkand und Buhara zum Verweilen ein. Die nomadische Raumzeit ist hier in ihrer Gänze fluid und einem Steppenmehr ähnelnd; die Jurten tauchen auf am Rande eines im Norden gelegenen Sees.

Folgen wir weiter dem Erzählfluss: Džanybek und Kerej fügen sich mit ihren Jurten in diese paradiesische Landschaft ein. Einem Festival ähnlich ist das Spiel: hier gibt es auch Köche und Bedienstete, die für das Wohl der Gäste sorgen. Die Tiere sind ebenfalls für dieses Wohl erschaffen worden, wie der Erzähler schreibt. Dreitausend Pferdestuten wurden hierhergebracht, damit die „Festivalteilnehmer“ sich am Getränk Kumys erfreuen können. (vgl Esenberlin 1986, S. 38)

Akyns als Medien der Weitergabe von Erinnerung

Des Weiteren wird der Singsang der sogenannten Akyns vorgestellt. Akyns haben in der kasachischen Tradition die Rolle von Erzählern. Erzählungen, die mündlich überliefert wurden, tragen sie den Hörenden vor. Hier, bei Esenberlin, tragen manchmal die Rolle von Poet-Propheten, von Visionären, doch berichten sie auch von vergangenen Ereignissen: „Здесь, на их пути встали русские города, началась непрерывная многолетняя война с внезапными набегами, примерениями, родством и новыми набегами.“[12] (Esenberlin 1986, S.41)

Der sogenannte Ajtys (ein Singsang-Wettbewerb von mehreren Akyns) fand natürlicherweise auf dem „Steppenfestival“ statt: „Прекрасные, чистые, успокаивающие сердца звуки полились над степью. Казалось, сама она заговорила всеми своими травами, озерами, реками, и тихий мирный ветерок ощутили вдруг люди на своих разгоряченный лицах. Словно освободились от чего-то тяжелого их сердца, и радость жизни почувствовали они…И когда запел старый певец, вдруг все поняли, что вовсе не надтреснут его голос, а лишь полон мудрой сдержанности.“[13] (Ebd., S. 45)

Der Singsang des Akyns mit dem Namen Kotan-Žyrau wurde weiter fortgeführt. Ein wichtiges Moment ist hier die Verschriftlichung. Zwar spricht man den Nomaden nur oral history zu, wird dieser Tatsache hier jedoch widersprochen. Schrift hat bereits in der vorkolonialen Zeit existiert: „В наших юртах есть старые книги, рассказывающие историю всего нашего народа. А разве все это – не главное при обьeдинении народа в одно целое?!“[14] (Ebd., S.46)

Erinnert wird auch an die Fehler der Machthaber (wenn jemand mächtig ist, muss er nicht weise sein). Denn in Wahrheit sind es oft die Machthaber, die ihr Volk im Nebel leben lassen, historische Ereignisse verstellen und die Erinnerung an die Vergangenheit verzerren. Es gibt solche Machthaber, so Esenberlin, die eine Geschichte propagieren, in der es kein Archiv gibt, aus dem man schöpfen kann, um sich zu erinnern. (vgl. Esenberlin 1986, S.48)

Der moralische Reflex und die Beichte auf Textebene

Das Leben wird sinnentleert, kollektive Erinnerung unterbrochen, und zwar häufig durch den sogenannten moralischen Reflex (vgl. Bachtin 2008, S.178) oder Fehler, die in der Vergangenheit begangen wurden. Um an Bachtins Begriff des ästhetischen Bewusstseins anzuknüpfen und uns an den poetologischen Charakter der paradiesischen Landschaft zu erinnern, müssen wir in Bezug auf den transgredierenden Moment einen Sinn finden, d.h. „das Wertbewusstsein des Anderen verhält sich zur Beichte negativ, sie kämpft mit ihm um die Reinheit des Selbstbewusstseins, um die Reinheit der einsamen Beziehung zu sich selbst, (vgl. Bachtin 2008, S. 230).

Ein weiterer Begriff bei Bachtin ist die Reue, doch die Beichte überwiegt. Beichte wird zum Selbstzeugnis, sie kann individuell oder kollektiv sein: „Wir sind Einzelmomente des Geschehens in dem umgebenden Raum.“ (Bachtin 2008, S. 209)

Durch die Beichte wird man auch von kollektiver Schuld freigesprochen, denn historische Momente, Ereignisse und Linien sind nie eintönig. Grenzen schützen und bewahren bedeutet auch sich selbst „außerhalb“ zu befinden und das Andere wieder als eigenes wahrzunehmen.

Die Wanderschaft und der Tod im nomadischen Chronotopos

Fahren wir weiter fort mit der Erzählung: Dort, im Herzen Dešt-i-Kipčaks stand die Stadt Orda Bazar, eine Siedlung (ханская ставка) des Khans Abulhairs. „Если не считать не очень высоких гор Улытау и Кичитау, то и на юг, и на север, и на запад, и на восток расстилалась безбрежная степь, в которой обитали одни лиш куланы да дикие олени.“[15] (Esenberlin 1986, S.55) Die Stadt war unbedeutend und von leerer Steppe umgeben. Hier gab es keine Straßen und Plätze, wie es sie in einer gewöhnlichen Stadt gibt. Der offene Raum der Steppe ist zwar nicht der Gegensatz zum urbanen Raum, er hat jedoch andere, nicht mehr und nicht weniger bedeutende, sinnstiftende Momente: „Ханская орда, состоявшая из пяти больших аулов, не нарушая вековые традиции, все лето кочевала в степи Дешт-и-Кипчак и лишь к осени переезжала в Орду-Базар. А лето она доходила до рек Жем и Уил на западе и до Тобола, Ишима и Нуры на востоке. Не разбивал свои белые юрты хан Абулхаир на песочном берегу Сейхун, а на следующее лето их видели уже у Голубого моря – Балхаша.“[16] (Ebd., S. 56)

Im folgenden Verlauf des Romans geht es um die Thronfolge Abulhairs. Obwohl er zehn Söhne hat, diskutiert man darüber, ob Sultan Sujunčuk der Thronfolger sein soll: „Он видел себя возносящимся на белой кошме над всеми народами, населяющими необьятное ханство, видел себя во главе воиск, штурмующих города и покоряющих разные страны.“[17] (Ebd., S.77)

In der Welt der Steppe herrscht zwar Frieden, doch werden von Zeit zu Zeit wichtige Männer getötet. So auch Ažol-Bij von den beiden Sultans. Abulhair reitet in der Umgebung Orda-Bazars. Der Tod des agrynischen Batyrs manifestiert sich in Form einer düsteren Landschaft: „Вскоре покозались юрты, поставленные специально для похорон глваного аргынского батыра. Здесь, на берегу Черного озера, окаймленного темной полоской пожухлого камыша, они теснились, словно толпа скорбных родственииков.“[18] (Ebd., S.79)

Der Tod im nomadischen Chronotopos in Esenberlins „Nomaden“ geht auf das miterlebte Leiden des anderen zurück und kann nur durch den Nomaden (als ich) selbst realisiert werden, an einem einmaligen Ort, der sich außerhalb des anderen befindet. (vgl. Bachtin 2008, S. 165)

Im Roman wird dieser selbstverständlich als traditioneller Diskurs der nomadischen Gesellschaft in literarischer Form konstruiert: „На самом почетном месте, посреди белых юрт, словно ворвавшийся в стаю лебедей черный орел, высилась иссиня-черная, скатанная из шерсти особой породы овец, шестнадцатикрылая траураня юрта.“[19] (Esenberlin 1986. S.80)

Erinnerungen an den Verstorbenen sind im ästhetischen Objekt angelegt, der gegenständlicher Natur sein kann, hier in der Form der Trauerjurte oder auch natürlich hier in der Versinnbildlichung durch den Schwarm der Schwäne. Dabei wird das Theater ausgeblendet, das ja einen Zuschauer benötigt und die Zeremonie der Beerdigung vom Autor gelenkt: „Создается впечатление, что они приготовились к решительному бою. Неужто не посмотрят на похороны?… Абулхаир невольно подумал о том, как сам поступил бы на их месте, и рука его потянулась к сабле. Но он тут же отдернул ее и сделал вид, что поправляет пояс…  Нет, никто не заметил его непроизвольного движения. Люди смотрели на черную юрту и даже не повернулись в его сторону.“[20] (Ebd., S. 80)

Wie wird das Trauerritual zelebriert?  Der Protagonist betritt zunächst die Jurte, in welcher der Tote aufbewahrt wird. „Абулхаир открыл дверь черной юрты […] на голове сверкала литая золотая корона с изображением турьих рогов.“[21] (Ebd., S.81)

Im Inneren der Behausung saßen die Sultans Džanybek und Kerej: „В черные плюшевые кафтаны с воротниками из черной выдры были одеты агрынские султаны. Золотные ремни опоясывали их. Вместе с ними сидело человек пятнадцать, касахских биев, батыров и певцов-жырау. Покойник лежал на левой стороне юрты […] С огромного купола свисали гирлянды черной траурной бахоромы, сотканной уз верблюжной шерсти. Даже воздух в юрте казался черным, и невольный холод проникал под одежду, разливался на спине…“[22] (Ebd., S.81)

Der Leser muss bemerken, dass diese Trauerzeremonie in einen dunklen Ton getränkt ist. Geschichte literarisch schreiben, rekonstruieren, bedeutet auch Geschichte und Kultur vor dem Zerfall zu bewahren. Traumata werden durch Erinnerungskultur überwunden und dies gelingt Esenberlin auf eine unheimlich detaillierte und spielerische Art. Hier entsteht auch die literarische Geografie. Als literarischer Raum breitet sich Kasachstan durch die Steppe Dešt-i-Kipčak aus: „Слушай, кипчак! – сказал он. – Мы представляем огромную страну. На Едиле и Жаике ее западная граница, на Орхоне и Иртыше – восточная, Великой стеной обозначили китайские императоры ее южную границу, и в холодных лесах Тобола и Ишима теряюстся ее северные рубежи […] Благодоря вашей вековой защите, касахские племена и роды, мы – аргыны, плоть от плоти и кровь от крови вашей, сумели сохранить здесь, в центре степи Дешт-и-Кипчак , все что есть у всех нас великого: мудрость, обычаи, язык, музыку, писменность. Все это наше с вами, мои братья, дети мои – казахи! …“[23] (Ebd., S.84)

Geschichte wird in „Nomaden“ zur Wiederholung, nicht im Sinne einer Kollektivgeschichte, sondern im Sinne von den bereits erwähnten Einzelmomenten: „Um den Anderen drehen sich alle Sujets, von ihm handeln alle Werke, um ihn werden Tränen vergossen.“ (Bachtin 2008, S. 173 Bachtin)

Das Verhältnis von Volk und Machthaber

Der Andere ist bei Esenberlin keineswegs der Feind, vielmehr ist der Feind der Machtapprat, verkörpert durch den Khan Abulhair. Nicht zu unterschätzen ist die bei Esenberlin vorhandene Tonart der Idee der Machtinszenierung. Macht wird im Roman durch einen glorreichen Krieger demonstriert. In diesem Fall ist es Dschingis Khan: „Чингисхан учил, что война необходима для захвата чужих земель, а кто лучше сможет управлять ими, чем свои же беки и султаны. […] Пусть его дети остаются правителями степи, где все зависит порой от настроения того или иного батыра и его рода, а в древних сырданских городах за толстыми стенами.“[24]  (Esenberlin 1986, S.101)

Warum ist die Demonstration von Macht durch die tatar-mongolische Iga in „Nomaden“ so präsent? Es könnte als Warnung des Autors verstanden werden, um vorherrschende Machtgefüge zu zerbrechen, was in diesem Roman auf wundersame Art gelingt. Und zwar durch die Abkehr von marxistisch-leninistischer Rezeption von Lektüre. Das Individuum bei Esenberlin ist nicht entmündigt; es spricht weder polyphon noch monologisch, sondern „ausgedehnt“ im Sinne von Bachtin. Diese Ausdehnung (in einen Raum der Steppe mit einem offenen Horizont) vollzieht sich im Lichte der Aufgegebenheit.  (vgl. Bachtin 2008, S. 188) Nichtorte lösen sich im Roman auf (Das Eingesperrt – Sein im Aul wird durch Wanderung und Pferderitt ersetzt) und schaffen Platz für einmalige Orte, aus denen man den Sinn des sich vollziehenden Ereignisses erfassen kann, und je fester man sich darin verwurzelt, umso deutlicher wird dieser Sinn.

Das Trauma im nomadischen Chronotopos vs. Erinnerungskultur

Der Nomade ist hier auch Erinnerungsträger. Seine Gegenstände transportieren das kollektive Gedächtnis. So ist zum Beispiel der kasachische Filzteppich Košma morphologisch nah an Košmar (russisch: der Schrecken). Das Leid des Vergessens wurde erschaffen durch Verbannung, Flucht und einem Schweigen als Reaktion auf das Terrorregime. Geschichtsschichten überlagern sich im Chronotopos. In der nomadischen Raumzeit ist also auch das Trauma angelegt, das allein durch Machtstrukturen verursacht wurde. Deshalb ist es wichtig, diese durch beispielsweise Archivierung von Vergangenem, aufzudecken. Bachtin warnt vor dem gnoseologischen Bewusstsein, als ein das Objekt des Bewusstseins formendes oder bestimmendes und zieht diesem das ästhetische Bewusstsein vor (das Bewusstsein des Autors) als wertsetzendes Bewusstsein.

Der Machtdiskurs vollzieht sich hier weiter in der Figur Abulhairs, der weiterhin um Landeinnahme kämpft und sich dazu entscheidet Urgenč zur Metropole zu ernennen: „После долгих раздумий Абулхаир решил сделать своей столицей Ургенч, расположенный на Джейхуне, или Амударье, как все чаще начали называть эту бешеную, своенравную реку – одну из крупнейших рек мира. Рядом, в пределах видимости, находилась Хива. Вокруг ляжали заброшенные поля древнего Хорасана, который постепенно приходил в себя после страшного разгрома, учиненного Чингисханом. И от Ургенча был открыт путь к Каспийскому морю, в Мвераннахр, в Хорaсан и Балх. Под боком жили родственнные каракалпаки, которые не представляли опасности для могущественного ханства, а беспокойная степь Дешт-и-Кипчак находилась за пустынным Аральским морем…“ (Esenberlin 1986, 107)[25]

Der reißende Fluss wird zum Medium, der Geschichte transportiert, sei es durch Wanderung, Pferderitt oder phantastische Reisen, wie sie nur in uns selbst, außerhalb der realen Welt existieren können. Die reale Welt hat jedoch existiert, wurde mitgenommen in die Steppe. Hier bedarf es einer besonderen Form der Erinnerung, der sogenannten Kaskadenerinnerung (ein von der Autorin des Textes geprägter Begriff). Diese kann durch Interviews und Dokumenteneinsicht wiedererlangt werden.  Kaskadenerinnerung basiert auf einer dialogischen Textstruktur, sie ist organisch, durch Linien und Lücken sich überlappend, das verloren geglaubte zurückbringend. Sie ist offen und geschlossen in einem, sie erinnert an ein Transportmittel, sei es eine Droschke, ein Pferd oder eine Lokomotive. Der Raum des Transportmittels ist abgegrenzt von der Außenwelt, doch seine Fenster geben Einsicht auf die vorüberfliegende Landschaft, erschaffen einen neuen Raum, einen Raum voller Namen. Das ganze Buch ist erfüllt von Personen mit ihrem Vor – und Nachnamen, doch über all diesen Namen erhebt sich der mongolische Herrscher Dschingis Khan.  Mit ihm möchte sich Abulhair messen, mit ihm, dem griechischen Zaren Iskander und dem schrecklichen Timur: „Из поколения в поколения будет передоваться его имя, а потомство его будет править всеми народами и пользоваться предпочтением перед другими людми.“[26] (Ebd., S. 107) Hier wird der Erzähler zum Visionär, einem Propheten ähnlich prophezeit er zukünftige Ereignisse.

In „Nomaden“ fehlt jenes sowjetische Narrativ, das die Oktoberrevolution preist und Stalins Name im Džabaevšen Sinne erhöht. Hier findet eine authentische Begegnung des Lesers mit den Figuren statt. Authentisch in dem Sinne eines „erinnernden Flanierens.“ In Benedict Andersons Sinne wird eine Nation nicht durch Blut definiert, sondern durch Sprache. „Nomaden“ ist ein spätsowjetisches Werk, das sich klar von der stalinistischen Monologizität abgrenzt. Das gnoseologische Bewusstsein prägende Narrativ wird bei Esenberlin detailliert umgangen, Raum zum Verweilen wird geöffnet in einer fremden Welt, deren Erforschung ein Explorer-Geist innewohnt.

Naturidylle und christliche Motive in „Nomaden“

Zu Beginn des zweiten Teils des ersten Bandes der Romantrilogie betritt eine neuer Khan die Bühne. Dieser, in Prunk gehüllt und von Naturidylle umgeben, ist unzufrieden mit der Welt: „Правитель Моголистана хан Иcа Буга тосковал о своем тихом прохладном дворце. Ничто не могло развеселить его пресыщеную душу: ни сказочные сады древнего города Алмалыка, ни величественный вид гор Алатау, ни веселые и звонкие, как девичий смех, фонтаны и искуственные водопады на улице его столицы.“[27] (Ebd., S.120)

Innerhalb und außerhalb dieser beschriebenen Idylle wächst wilder Wermut, eine Pflanze, die in Asien und Europa verbreitet ist. Von Gärtnern wird dieses Wildkraut gemieden, Und hier erfahren wir, dass es auch zu Zeiten Džingis Khans Gartenanlagen gegeben hat: „День и ночь шумела за стенами бешенная река, то тут, то там прирывая берега и заливая с огромным трудом выращенные людми поля и сады. Их и так было немного на вытоптанной полчащами Чнигисхана земле.“ (Ebd., 120)

Die Flut riss jedoch alles mit sich. Die Fruchtbarkeit der Erde wird vom Autor in der Stadt Almalyk beschrieben: „В тенистых садах и вдоль улиц росли в Алмалыке яблоки, груши, абрикосы, вилась по дувалам виногрданая лоза. Полны студеной водой были арки, и жара не была слишком удуряющей……“[28] (Ebd., S.121)

Innerhalb dieser Idylle breitet sich die Stadt des Nomaden aus: Ein Bazar voller Straßenlärm, Menschen, die Wasser und Zucker verkaufen, Schmiede, die ihr Eisen bearbeiten, Stöhnen von Derwischen und Narren in Christo. Hier ist alles stimmig: „Тут же, в Алмалыке, узнал Иса Буга, что кроме ислама, существуют на земле и другие религии.“[29] (Ebd.,121)

Und es gab auch schon tatsächlich zu Zeiten Dschingis Khans Christen auf kasachischer Erde und zwar die sogenannten Nestorianer. Mit eigenen Händen bauten sie ein Kirchengebäude in der Steppe.

Hier im Herzen Zentralasiens, Jahrhunderte später – in der Sowjetunion, die Grenzen von Stalin willkürlich gezogen, entwickelte sich eine multiethnische Gesellschaft, die trotz KARLAG, Ašaršylyk und kulturellem Zerfall das Individuum agieren ließ mit einer dem anderen gegenüber gleichberechtigten Stimme. Eine Gesellschaft, die teilte und nicht verurteilte.

Wundersam, surreal, fast magisch erzählt Esenberlin von der Begegnung des Khans Isa Buga mit der jungen Tochter des erhängten Christen: Каждую неделю приходила она на могилу отца с цветами и встретила здесь Иса Бугу. Он был высокий, красивый Джигит. А самое главное не было в его глазах злобной суровости Ваис-хана. Доброта и участие светилось в них.“[30] (Ebd., S124)

Isa Buga trifft sie unter einem Baum sitzend: „Дети хана часто сидели в большом саду, окружавшем разрушенную церковь. Забежав как-то в глубину сада, Иса Буга остановился как вкопанный. Под большим развесистым деревом, где был недавно зарыт повешенный гяур, стояла на коленях девочка в черном платье с букетом цветов и плакала. Лет двенадцать-тринадцать было ей. […)]У девочки были золотистые волосы и большые глаза, голубые и тихие, как вода в горном озере. Особенно порозили ее волосы, заплетенные в две длинных косы, они спускались литыми солнечными змеями до самой земли. Еще чище и белее казалось в их обрамлении лицо…[31]“ (Ebd., S.122f)

Für Isa Buga war sie kein Mensch, sondern eine Erscheinung: „Не подходи! …Не подходи и ответь, кто ты: человек или джин? Или может быть ты русалка?[32]“ (Ebd., S. 123) Dschinns sind im muslimischen Glauben gefährliche Geisterwesen, vor denen sich jeder Moslem fürchten muss. Der Islam übernahm aus dem alten Glauben der Araber Vorstellungen über Geister (dschinny): ebenso wie die Menschen teilen sich die Dschinny in >>Ungläubige>> und Muslime. Die Verbindung des Menschen mit den Dschinny zieht der Islam nicht in Zweifel.[…] Der Glaube an die Beziehung der Menschen mit Geistern erleichterte die Verschmelzung der relikthaften Formen des Schamanentums mit dem Islam: Für die Geistlickeit war es schwierig, das muslimisierte Schamanentum aus dogmatischen Positionen heraus zu mißbilligen“ (Basilow 1995, S.248) Die junge Frau war jedoch Christin und weder ein Dschinn noch eine Nixe. Des Weiteren schließt Isa Buga nicht aus, das Kind sei eine Schöpfung Gottes („Божее творение“).

Das Problem der Seele wird hier zum Problem der Ästhetik. Natürlich, so Bachtin, ist irgendwo in der absoluten Vergangenheit ein ursprünglicher Schöpfungsakt anzunehmen, der ohne literarischen Wertkontext stattgefunden hat. (vgl. Bachtin 1986, S.256)

Warum verwirrte die Bläue der Augen des Kindes Isa Buga: „Вот тут-то Иса Буга сразу вспомнил казнь Гяура на площади перед церквью. У него были такие же голубые глаза, как у этой феи. Значит, она и в правду человек, а не злой дух…“[33] (Esenberlin 1986, S.123)

Esenberlin schöpft aus dem europäischen Archiv: Feen, Märchenwesen, waren typische Erscheinungen der romantischen Literatur, in der die Liebe und Erhebung der Natur die gängigsten Emotionen waren. Ein Feenwesen in der Steppe anzutreffen (als Fata Morgana) wäre wohl nur dann möglich, wenn eine einsame Wanderschaft ohne Brot und Wasser des Pilgers Schicksals wäre.

Kostümierung als Repräsentation von Macht

Ein Treffen der Krieger im Palast Isa Bugas wird initiiert – eine Farbenpracht an Kostümen und Schmuck wird hier vom Autor geschildert: „Только после этого разогнулись и сели на отведнные места приглашенные на совет. Вмести с ними опустился на серебрянный, инкрустированный золотом и драгоценными камнями трон хан Моголистана. Он сидел неподвижно, а весь зал тоже застыл. Три цвета преобладали здесь: белый, голубой и золотой. Все знатые эмиры, султаны и прочие приближенные чингисхановской крови были в голубых кафтанах и белых чалмах на голове. У менее знатых, но являющихся владыками городов и селений, были белые одежды, зато чалмы голубые. А у вождей касахских родов сверкали окованныее золотом пояса и ремни. На головах у них были надеты отороченные соболем, куницей или лисицей шапки.“[34] (Ebd., S. 128)

Isa Buga trug eine „шапка-корона“, einen Kronenhut, der bestickt war mit goldenen Verzierungen und ummantelt war von Brillanten. Am Abend erschien ein Reiter aus dem Norden, bärtig, vom mittleren Alter und vom Wind und der Sonne bronzefarbenen Gesicht. Er trug einen Kaftan aus Kamelhaaren, einen silbernen Gürtel und teure Stiefel. In der einen Hand trug er eine schwere, gebundene Peitsche, die andere Hand legte er an die Brust als Zeichen des Respekts.

Warum schmücken sich die Männer dermaßen um Kriegshandlungen zu besprechen? Die farbenprächtigen Kostüme zeigen, dass Macht auf eine ästhetische Art zelebriert wird. Alles was gut und vollkommen ist, sollte vom Herrscher kommen, Abulhairs Härte und sein Missbrauch von Macht treiben die Kasachen jedoch zur Flucht. Sie schlagen ein Lager auf am Fluss Talas: „Они не смогли ужится с ханом Абулхаиром и просят у тебя милости, земли для поселения и пастбищ для скота. Пока они остановились на берегу Таласа… [… причиной переселения казахов на наши земли являются жестокость и притеснения со стороны хана Абулхаира…“[35] (Ebd., S.130)

Staatlichkeit und behutsame Adaption von kulturellen Praktiken

Der Entwurf einer nomadisch-fluiden Topographie gelingt Esenberlin durch die Beschreibung der Steppe Dešt-i-Kipčak. Diese ist verbunden mit Wüsten und einer einzigen Flusskette, an deren Ufern entlang die Herden mit ihren Besitzern wandern. Früher war diese Landschaft ganz von Wasser umgeben. Aufgrund dieser Tatsache konnten sich hier die Städte Sygnak, Taraz und Otrar entwickeln.

Flüchtlinge, so bezeichnet der Autor nun die Nomaden, lassen sich mit ihren Jurten entlang der Ufer im Schutze der Gebirge nieder. Einige Aule pilgerten weiter in die Berge, wo sogar im Winter Gras wuchs.: „В год переезда еще до наступления осених холодов свыше двухсот тысяч беженцев расставили юрты вдоль берегов и в удобных защищеных от ветра предгорьях. Некоторые аулы ушли еще дальше в горы, где и зимой зеленеет трава. Сам зултан Джаныбек со своим аулом и туленгутами перешел по льду на другую сторону Голубого моря к дельте реки Каратал, где распологались летние пастбища некоторых казахских родов. Там были построены зимовья для людей и скота…“[36] (Ebd., S. 146) Eis wird zum Medium der Erinnerung und ersetzt hier die Steppenmetaphorik.  Dieses wird überquert um sich auf der anderen Seite des Flusses niederzulassen. Der Leser versteht, dass die im Chronotopos angelegten Grenzen wie der eingefrorene Fluss durchaus den Nomaden als Erinnerungsträger verschiedener geopoetischer Erscheinungen agieren lassen. Es ist nicht nur der offene Raum der Steppe, der dem Raum Sinn verleiht, nein Kasachstan als ein immens großer geografischer Raum verfügt über unzähligen Topoi, die sich Esenberlin in seinem Roman „Nomaden“ aneignet.

Weiterhin geht es um die Formierung von Staatlichkeit. Diese ist grundlegend für ein Gesetz. Das Volk braucht Gesetze, für einen Staat bedarf es jedoch eines Territoriums: „Это было хорошее начало, и складывающеяся казахское государство занимало по существу, огромную территорию – от озера Теликоль до Тарбагтая.“[37] (Ebd.S.146) Im Rahmen dieses Territoriums darf das nomadische Subjekt autonom und frei agieren. Gefahren werden vom Staat abgewendet: „Правда, в диких, необжитых местах вдоль рек, а особенно в плавнях по берегам озер водилось в те времена множество хищников, в том числе барсов и тигров. За скотом приходилось глядеть в оба, но прирожденные охотники и воины, казахи скоро отогнали хищников от своих кочевей.“[38] (Ebd. S. 146)

Per se müssen wir das Territorium Kasachstans als ehemalige Kolonie anerkennen. Es wurde gegraben, gepflanzt. Steine wurden getragen, Straßen gebaut. Fabriken für Zucker und Ziegelsteine errichtet. Eine Landschaft voller Geräusche. Bei den Nomaden – das Muhen der Kühe, das Weinen der Kamele, der Klang des Tees, der in die Schale gegossen wird. Hier ist Gemeinschaft omnipräsent. Bei den kasachischen Nomaden ist der Jurte eine Ordnung immanent. Um den Ofen herum liegen die Teppiche und stehen Kisten. Frauen und Männer teilen sich den Raum. Die Tür der Behausung richtet sich gen Mekka. Das Fleisch, das gegessen wird, wird geteilt. Der Gast bekommt das beste Stück. In den reich verzierten Kisten lagern Gegenstände: Kleider, Geschirr und das Buch, in diesem Fall der Koran. Um die Jurte herum – Weideland.

Das Narrativ in „Nomaden“ dreht sich, um es kurz zusammenzufassen, stets um die Vereinigung des kasachischen Volkes und die Staatsbildung. Wie bereits erwähnt, gibt es ohne Staat auch kein Gesetz. Schamanische Praktiken waren den altertümlichen Kasachen nicht unbekannt. In seinem Buch „Das Schamanentum bei den Völkern Mittelasiens und Kasachstans“ schreibt Basilow, dass Schamanentum bei den alten Türken auch als staatlicher Kult existierte. Die althergebrachte Funktion des Schamanen, ihren Stammesverwandten seit der Entstehung der Staatsmacht zu dienen, verstärkte sich erheblich. Laut Potapow, den Basilow in seinem Buch zitiert, „beteiligten sich die Schamanen im frühen und späten Mittelalter an der staatlichen Verwaltung der Nomaden“. (Basilow 1995, S. 18) Hierbei, so Basilow, handelte es sich nicht um eine historische Episode, sondern um Traditionen, sogar die Herrscher hatten „persönliche“ Schamanen. (vgl. Basilow 1995, S.18)

Schamanismus bedeutet Ahnenkult. Hier wird ein Ort des Schreckens beschrieben: Ein von Stacheln umzäunter Weg, ein schwarzer Pfad, Schädel: „Единственная дорога, поросшая жестокой колючкой и сухим тростником, ведет в урочище. По обе стороны от нее – твердая, как камень, солочаковая равнина. Все здесь казалось каким-то мрачным и таинственным. Черный столб, увешанный белыми лоскутками, человеческие черепа, прокаленные многовековым солнцем, напоминали о том, что в древние времена эти места счтались священыми, здесь производились жетвоприношения суровым степным богам…“[39] (Esenberlin 1986, S.155)

Heidentum, Polytheismus, Schamanismus – Praktiken des Altertums, wie es sie in Vorzeiten in jeder Kultur gegeben hat. Diese Erinnerungsmomente, die in unserer aller Kultur verankert sind, gilt es zu überwinden. Und zwar nicht radikal, sondern mit größter Vorsicht. Die Kunst kann hier als Hilfsmittel dienen: Die Göttlichkeit des Künstlers besteht in seiner Teilhabe an höchster Außerhalbbefindlichkeit. Es geht um die Teilhabe am Ereignis des Seins. (vgl.  Bachtin 2008, S 251)  „Back to the Shaman Past“ ist nur im Storytelling vorstellbar, jedoch nicht als rituelle Praxis. Blickt man auf die Esoterik -und New Age-Bewegung, so boomt der Markt von Tarotkarten, Räucherwerk und Mineralien, die die Seele heilen sollen. Relikte aus vergangener Zeit, in allen Kulturen verankert. Dieser Trend kann, wie bereits erwähnt, nur durch Kunst überwunden werden, denn das fragile Individuum läuft Gefahr, diesen zu adaptieren.

Der Tod der Herrscher und der Beginn einer neuen Herrscherdynastie

Die Nachricht vom Tod Abulhairs verbreitet sich in der Steppe in Windeseile. Džanybek wünscht sich nun, Herrscher aller Kasachen zu werden, Mogolistan inbegriffen. Turkestan gilt hier jedoch als Topos der kasachischen, gespaltenen Gesellschaft: „Могольские ханы желали владеть Северным Туркестаном, чтобы контролировать, а при случае и изгнать казахов с Семиречия, а также от своих северно-западных границ. Со смертью Абулхаира […[ они уже не очень нуждались в касахском щите на своей границе, тем более что Джаныбек претендовал на руководство всеми казахами, включая и моголистанских.“[40] (Esenberlin 1986, S. 193)

Im Kampf um das turkestanische Land erliegt Džanybek-Sultan seinen Gegnern: „Завернув тело своего хана в белую кошму, они погрузили его на белого верблюда и двинулись в город Созак, которым правил второй сын Джаныбека – Махмуд. Рядом с мавзолеем Абулхаира с голубым куполом был воздвигнут точно такой же мавзолей, в который лег Джаныбек.“[41](Ebd., S.195)

Nach mehreren Machtwechseln verwandelte sich die kasachische Steppe in ein blutiges Inferno. Die Krönung Kasyms zum Khan beendete den Krieg fürs erste. Er wurde in der Milch von vierzig schneeweißen Stuten gebadet und okkupierte weitere Städte. Seine Politik war gekonnt umgesetzt und friedlicher Natur. Damit endet der erste Band der Trilogie. Während es im ersten Band um die Erschaffung eines kasachischen Khanats im 15. Jahrhunderts geht, handelt der zweite Band vom Kampf mit den Džungaren im 17. und 18. Jahrhundert.

Die Strukturierung der Steppe und die Klage um das verlorene Land

Der zweite Band von „Nomaden“ beginnt mit der Beschreibung eines Bergpanoramas. Das damals kasachische Territorium war eingebettet zwischen dem Altai und dem Tien‘-Šan‘-Gebirge, in denen seit Urzeiten Kämpfe geführt wurden. Die Kämpfe fanden zwischen chinesischen und džungarischen Soldaten statt, und zwar dort, wo das alte Volk der Kasachen seine Herden gehütet, Städte gebaut hat und dann weiterzog. Die verschiedenen Völker zogen gen Westen, weg von China, durch die kasachische Steppe, an die Wolga und nach Astrachan‘, in ihr eigenes, kalmückisches Ajmak. Das Territorium der Kasachen ähnelte zu dieser Zeit einem riesigen, sommerlichen Weideland.

Zu jener Zeit waren sogenannte Bijs (Бии) und Batyrs (Батыры) die Herrscher der Steppe. Sie bestimmten die Richtung der Wanderschaft des Nomaden und die Wahl der Winter – und Sommerweiden. Die Rede ist hier weiterhin von den Žuzen (Жузы) der großen Horde, deren Herrscher Bulat war. Khan des mittleren Žuz war Sameke, sein jüngerer Bruder. Abulhair (ein Namensvetter des Herrschers aus dem ersten Band der Trilogie) war Khan des kleinen Žuz, über den großen Žus herrschte Žolbars-Sultan, der ältere Bruder Abulhairs.

Hier findet ein bedeutendes Ereignis der kasachischen Geschichte statt:  Tauke-Khan erkennt die Gefahr der Bedrohung durch die Džungaren und die mančžuro-chinesische Politik und nähert sich dem russischen Imperium an, als zu dieser Zeit dort Peter der Große herrschte.

Zar Peter bestärkte die Kasachen, einen friedlichen Weg mit den Džungaren und Chinesen zu wählen. Das Interesse Zar Peters, die Beziehungen zu Kasachstan aufzubauen, äußerte sich auf Handelsebene.  Durch Kasachstan verlief nämlich die Seidenstraße: „Здесь проходили пути в сказочные страны Азии, и прежде всего в Индию, которая манила впечатлительную душу Петра Великого. Широкий выход на традиционные азиатские рынки сразу выдвигал Россию в первые ряды европейских держав.“[42] (Ebd., S. 10-11) Die Öffnung der Tür zu den asiatischen Märkten brachte Russland einen großen Vorteil als Großmacht innerhalb Europas.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es bereits die Stadt Turkestan auf kasachischer Erde, die auch heute noch unter dem Namen Türkistan existiert. Diese war bedroht und sollte gerettet werden. Für die Planung der Rettung versammelte sich die ansässige Bevölkerung auf dem Maidan. Die Chinesen machten eine Volkszählung in Kasachstan und es wurde festgestellt, dass auf kasachischer Erde ca. 2 Millionen Menschen lebten. Eine Million Kasachen wurde von den Džungaren umgebracht. Man nahm ihnen die Herden weg, sie aßen Gras, tranken den frühlingshaften Birkensaft, sammelten Pilze in der Steppe, versammelten sich dann und starben gemeinsam: „До сих пор находят в степи скопища человечиских скелетов на путях бегства!“[43]  (Ebd., S.21) Diese Tragödie bekam die kasachische Bezeichnung: „Актабан шубырынды, Айкаколь сулама“, übersetzt „Die Zeit, in der das ganze Volk, mit von der Flucht abgeschliffenen Schuhsohlen, kraftlos um den See des Leides liegt.“  Genau in diesen Jahren entstand das Klagelied „Elim-aj“:

„Караваны горя спускаются с гот Каратау,

И возле каждого каравана уныло плетется

Сиротинушка-верблюжонок.

О, как тяжко лишиться родины,

Крупные слезы мешают смотреть на мир…

О, что за время пришло – время страданий!

Пти ца счастья покинула нашу горькую степь.

Люди бегут из родных мест, как развеянные бурей птицы.

Холоднее лютых буранов зимних оставляемый ими белый след.

О, что за время пришло – время скорби великой!

И нет просвета в безбрежности времен…

Как одинокое дерево, оставшееся от родного леса,

Купаю свои ветви в озере горьких слез.

О как тверда черная земля, когда спишь на ней голым телом!

Откуда этот безбрежный поток горя о страданий?

Тяжко ступать ногам по этой земле…

Где ж наши быстрые кони, о господи?!

О, что за время пришло – время разлуки,

Дети на земле остались без родителей…

Ничего нет тяжелее прощания,

Когда не знаешь, встретишься ли вновь! …“[44] (Ebd., S.21)

Dieses Klagelied bezieht sich auf die Belagerung Turkestans. Im Chronotopos verschmelzen See und Erde zu einer bitteren Klage. Der Verlust der eigenen Erde. Flucht. Heimweh. Trennung als gottverlassener Zustand. Die Tränen bitter wie die bittere Steppe. Der Mensch und das Tier (Kamel-Klein) teilen das Leid. Das Individuum, verkörpert durch den Baum, hat seinen Stamm verloren.

Die Stadt wurde komplett „ausgemergelt“ wie ein ausgehungerter Mensch. Die Brunnen der Stadt wurden mit Sand gefüllt durch den furchtbaren Sandsturm. Am nächsten Tag schien die Sonne greller als zuvor.  Syban Raptan befahl die Stadt vom „Gesicht der Erde“ auszulöschen.

Die Erzählung Žyraus und der Chronotopos des Städtchen Sarajčik

Khan Abulhair lädt einen Sänger (Žyrau) in seine Jurte und lässt ihn berichten. Dieser erzählt von dem Fall der Stadt Sarai am Fluss Edile, durch die Handelswege führten. Durch diese reisten aus allen Erdteilen Karawanen mit verborgenen Reichtümern. An seiner Stelle hat sich ein kleines Städtchen gebildet: Sarajčik, am Ufer des Fluss Žaik. Dessen Karawansereien aus weißem Stein sind nun verlassen, zersplittert die blauen Kuppeln der Moscheen und Schlösser: „На руинах Золотой Орды поднялись три ханства: Казанское, Крымское и Астраханское. А великий Сарай на Едиле, куда сходились торговые дороги, куда со всех сторон земли шли караваны с неслыханными богатствами и откуда полмира ждало ханского приказа, погиб. Вместо него теперь Сарайчик – небольшой городок на берегу Жаика. Запушенными выглядят белокаменные караван-сараи, поблекли и потрескались голубые купола мечетей и дворцов, где обитают сейчяс астраханские и ногайлинские бии и мурзы.“[45] (Ebd., S.25)

In den Burgen, die die Stadt umgeben, sind die Mauern abgerissen, die Türme ebenfalls. Doch das Leben ist hier nicht stehen geblieben. Noch immer wird das Städtchen von Karawanen durchschritten, sind die Moscheen voller Gläubigen und im Mondschein und im Sonnenglanz glitzern die goldenen Halbmonde.

Interessanterweise verlagert Esenberlin den Fall der Stadt Turkestan auf die Zerstörung der Stadt Sarai. Turkestans Atmosphäre und Architektur, seine Straßen und das Treiben der Stadt werden nicht beschrieben. Der Mensch dagegen schon. Als die Menschen der Stadt von dem Kommen des Feindes hörten, kamen sie alle her. Sie alle waren hier versammelt, sogar die alten Frauen und Männer, auch Kinder mit ihren Müttern. Eine Vielzahl an Dervischen und Gelehrten war anwesend. An die Dreitausend Menschen versammelten sich hier. 

In Sarajčik dagegen erstreckt sich ein bunter Chronotopos. Zerfall und Morbidität – das alles mutet dennoch irgendwie faszinierend und wild an.

Nach der Erzählung des Žyraus wurde es still in der Jurte. Zusammenfassend sagte er noch zum Schluss, dass es auf kasachischer Erde keinen einzigen Herrscher gab, der das zersplitterte kasachische Volk vereinen konnte. Jeder in der Jurte schwieg. Das Feuer im Ofen war längst erloschen. Man hörte das Schnarchen der Schlafenden und leises Stöhnen der der schlummernden Kamele draußen. Der Žyrau konnte nicht einschlafen. Die großen Sterne der Steppe blickten auf ihn durch den zerrissenen Filz und er lag so da und dachte über die Zukunft seines Volkes nach.

Zwei Drittel des zweiten Bandes von „Nomaden“ basieren auf den Erzählungen des Žyraus, die er mit seiner Dombra begleitet. Auch in diesen Zeilen: „Я приехал к вам, люди славного города Саурана, чтобы рассказать вам о славном прошлом. Так всегда делолось у нас в степи“[46] (Ebd., S. 58), wird kasachische Geschichte nacherzählt. Das Nacherzählen von Geschichte durch einen Žyrau ist ja kein rezitierendes Erzählen, nicht das Ablesen eines Textes. Vielmehr hat das Erzählen mit Imitation zu tun. Er wiederholt die Worte seiner Vorfahren-Sänger in Geste und Wort. Er benötigt kein Buch, kein Archiv für sein Gedächtnis. Das Gedächtnis selbst ist das Archiv. Mimikry wird von Generation zu Generation weitergegeben. Die Vergangenheit zurückholen ist seine Aufgabe, für eine friedliche Zukunft seiner Nachkommen.

Text als Klangkörper und die Erinnerung an den Krieg

Inszeniert wird hier die Welt des Nomaden auf diverse Art: der Nomade als Krieger, als Flüchtling und als Erinnerungsträger. Es findet eine Überwindung des kriegerischen Elementes des nomadischen Chronotopos statt hin zu einem „zwischen den Zeilen lesen“, einem „lückenhaftem, intralinearem Verstehen“. Bei Esenberlin sind es die rituellen Praktiken (hier das Teilen im geschlossenen Raum der Jurte, der Gesang des Žyraus usw.), die die im Vordergrund stehen. Interessanterweise ist der aus dem Kasachischen übersetzte Text als ein Medium zu verstehen, das auch durch die Lingua Franca Bedeutung transportiert. Hier gilt es herauszufinden, wer der eigentliche Held des Romans ist – es ist der Nomade, der die Diversität der Stimmen in sich vereint.

Hier wird auch die Stadt zum Klang: „Ни звука не доносится сюда из огромного, уснувшего от зноя города. Только мягко журчит вода в придворцовых арыках да слышится время от времени шуршанье листьев от перелетающих с ветки на ветку птиц в дворцовом саду. И все же это второй по величине город ханства. Первый – вечный Самарканд, который вместе со свещеной Бухарой отобрал когда-то у Тимуридов прадед эмира Абдулхаира – грозный Мухаммед-Шейбани.“[47] (Ebd. S.60)

Erstaunlich in „Nomaden“ ist, wie Esenberlin den Krieg immer wieder zum Schauplatz der Handlung macht. Batyrs, Sultans, Khans wechseln sich ab in dieser Kriegsmaschinerie. Eine der Kriegsereignisse ist die bekannte Schlacht am See „Alakul‘“ im Südwesten des Balhaš. An diesem Kampf nimmt auch Gauhar teil: „Cтремя в стремя с ними всегда скакала Гаухар „Девушка Жемчужина“, которую знала вся степь .“[48] (Ebd. S. 74) Sie war diejenige, die das kasachische Volk vor den Džungaren warnte.

Gauhar ist die Heldin zwischen zwei Ereignissen, dem Džut (eine Naturkatastrophe) und dem Mord an mehreren Kasachen durch die Kontjuči. Warum wird hier eine weibliche Figur als Heldin vorgestellt – zwischen dem Knochenwinter und der Stille der Erde? Damit ist der Winter gemeint, der in diesen Kriegsjahren besonders kalt war. Schon im Oktober wurden alle Steppenflüsse und Seen von Eis beherrscht. Weil viele so wenig Wasser führten, froren sie bis zum Grund ein. Der Sturm wütete den ganzen Winter über. Das Vieh starb in allen kasachischen und kirgisischen Aulen. Als der Džut die Steppe erreichte, fielen ihm die Menschen des Kasnijs und Altajs zum Opfer.

Der Krieg dagegen tötete viele Menschen. Leer und kalt war es in der Steppe. „У самой кромки такыра, где начинались пески, обнажилась целая гора черепов. Кости были старые и, по всему видно, не один век пролежали в земле. Кто совершил здесь когда-то убийство: нукеры Чингисхана, абулхаировские сарбазы или же произошло это еще раньше, и клинки шуршутских карателей лишили жизни стойбище? А сразу за холмом лежали совсем белые кости. Отрывки одежды трепетали на ветру, и все было присыпано еще не успевшим развеяться пепелом. Здесь уже ясно было, что убили людей солдаты контайчи. В прошлом или позапрошлом году случилось это. В этой древней земле, как и в душах людей, прошлое перемешалось с настоящим, и не знаеш порой где заканчивается одно и начинается другое.“[49] (Ebd. S. 74)

Der Schädelwinter: eine von den Menschen verursachte Katastrophe. Und mittendrin: „die Perlenfrau.“ Die weibliche Heldin Gauhar bewahrt die Kontinuität der Ereignisse. Denn zwischen den drei Ereignissen, dem des Leides, des Hungers, des Todes, ist sie kein Medium, sondern die Hüterin der Geschichten.  

Das vierte Kapitel leitet ein gänzlich neues Panorama von historischen Ereignissen ein: die kasachisch-russischen Beziehungen und das Treffen der beiden Nationen auf dem Territorium der Steppenvölker. In dieser Begegnung liegt ein immenses Potential. Sprachliche und kulturelle Grenzen werden überwunden für eine gelungene, dialogische Kommunikation.

 „Но больше всего бежали из Росии поодиночке люди, преследуемые свирепыми царскими законами, бесзаконной опричиной. Они были разных национальностей, но быстро находили общий язык, обьединялись в дружины и принимали имя казаков. Этим воспринятым у казахов древним именем они подчеркивали свою вольность и желание жить по законам военно-кочевой демократии.“ (Ebd. S.76)[50]

Sogenannte беженцы (Flüchtlinge) und бродяги (Umherirrende) beschlossen ihre russische Heimat zu verlassen und sich unter die kriegsnomadische Demokratie zu stellen. Diese nomadischen „Migranten“ wurden vom russischen Staat dazu genutzt, seine Grenzen zu schützen und die Expansionspolitik des Zarenreiches zu sichern. Bald entstanden die ersten kleinen Städte entlang der Grenzlinien. Und obwohl man den Nomaden die Waren für nur wenig Geld abkaufte, eröffnete sich in der Steppe die Tür zu einem internationalen Markt: „Уже не одна Бухара контролировала все пути и цены на шерсть, кожи, полезные ископаемые. В свою очередь, на приграничных базарах кочевники могли приобрести все необходимые им товары.“ (Ebd. S. 76)[51]

Der nomadische Raum ist ein fluider Raum; ein Erdenreich, bedingt allein durch die Ordnung des Tengri (Himmels) und der Steppe, mit seinen Leuchten Sonne, Sterne, Mond. Kosmologisch gesehen ist dieser Raum eine Einheit, die sich in das Individuum selbst einschreibt. 

Der Gesang des Žyraus und der Umweltgedanke

Hier wir nun ein Dialog im Dialog erschaffen, ein Text im Text.

Der Gesang des Žyraus berichtet vom Gesang eines anderen Žyraus: Žienbet-Žyrau hat einen großen grauen Bart, der einen Schatten wirft auf sein fahles, beinahe lebloses Gesicht. Der Hut auf seinem Kopf glänzt nicht mehr feurig-rot wie in seiner Jugend, sondern besteht aus dem Fell eines karatauischen Steppenfuchses, sein Kaftan sieht abgetragen aus, abgerieben auf dem Ärmel. Nur die Dombra, geschmückt mit den Federn eines Uhus, glänzt wie neu. Er brachte sie mit in die Hauptstadt des Khans Turkestan. Sein Leben, so der Erzähler, sei wild verlaufen. Er verschwand nachdem man Tauekel gekrönt hatte und ihn erhoben hatte auf einem weißen Filzteppich. „Жиенбет исчез, будто ростварился в необозримой степи, которая была постоянным домом.“ (Ebd. S.83)[52]

Dieses sich Auflösen im Irdischen steht im Zusammenhang mit der Liebe des Žyraus zu Esenbike, der Tochter des reichen Bajs vom Stamm Baj-Uly. Der arme Žyrau, dessen Hab und Gut nur ein Pferd und seine Dombra sind, stiehlt die schöne Esibneke mit ihrem Einverständnis und flieht mit ihr in die Berge, wird jedoch von Tauekel aufgefunden und zum Singsang aufgefordert:

„В осенние хмурые дни, налитые летним соком,

Пьянеют бараны и косматые верблюды,

В весенние бурные дни, разгоряченные первым солнцем,

Пьянеют могучие быки и крепкогрудые кони.

Певца пьянит любовь круглый год –

В неистовый зной и в лютую стужу…

Вечно пьяный от любви, оказался я перед тобой,

Вот моя голова: убей Любовь, мой хан!…“[53] (Ebd. S.84)

Dieser Singsang des Žyraus ist eine Art Geständnis vor dem Khan. Die Reaktion des Khans ist nüchtern. Der Žyrau zieht mit seiner Liebe aufs Land, wo sie ein zurückgezogenes Leben führen. Trotz oder gerade wegen dieser Zurückgezogenheit bleibt der Žyrau ein Künstler, der im Altruismus seinen Sinn findet. Schon bald begegnet der Žyrau wieder Khan Tauekel. Hier spielt er die Rolle des Erzähler-Propheten:

„Джут и бескормица снова придут в нашу степь. Хану и султанам нужна эта война. Их влекут богатые дворцы и гаремы Бухары. Что лудям от этой войны?!“[54] (Ebd. S.85)

Kunstvoll organisiert Esenberlin kriegerische Ereignisse (mannigfaltig an der Zahl) und verknüpft diese mit Momenten der Erweckung, des liebevollen Beobachtens einer Landschaft, die chronotopisch ist. Die fluide Steppenwelt verwandelt den flachen Raum in die Dreidimensionalität. Schneeflocken ähnlich positionieren sich die Jurten in der Landschaft. Von Pfad zu Pfad vagabundieren die Wanderer. Eine literarische Dendrochronologie im Sinne des ästhetischen Bewusstseins wird ermöglicht, ein Zeitraum der Berge.

Während der Gesang des Žyraus ein Ende findet, schildert Esenberlin den weiteren historischen Verlauf und Kasachstans Stellung in der Welt. Nach St. Petersburg begaben sich die neuen Botschafter des Khans Abulhairs (ein Namensvetter des Khans aus dem ersten Band), an ihrer Spitze Kojbazar Kobek-Uly, mit dem Ziel die Vereinigung mit dem zaristischen Russland zu beschließen. Außerdem ging es den Kasachen um die Erlaubnis zwischen Wolga und Žaik zu nomadisieren und Handel auf dem russischen Territorium zu betreiben.

 „В океане, откуда выходит солнце, плавают уже русские корабли. Вот почему мудрые китайские советники контайчи с каждым годом настойчивей поворачивают морду джунгарского тигра в сторону Сибири, чтобы он перегрыз вену на длинной руке бабы-царицы, протянушейся к океану.“[55] (Ebd. S. 101)

Die Džungaren bezeichnen das Zarenreich als Imperium unter dem Himmel und als Weltmitte. Sie träumen davon, früher oder später ihre Festungen in den unbewohnten, sibirischen Weiten aufzubauen. Die Kasachen, von der džungarischen Okkupation bedroht, träumen davon vom russischen Zarenreich beschützt zu werden. Genau in diesem Zeitraum begann man mit dem Bau der Festung Orsk, bei dem General Kirillov und Terkelev die Oberhand hatten. Sowohl Abulhair als auch die kasachischen Nomaden warteten mit Ungeduld auf die Fertigstellung des Baus der Festung. Dort erhofften sie sich Schutz zu finden vor den endlosen Angriffen der Džungaren.

Egal, wie willkürlich die Grenzziehungen auf dem kasachischen Territorium gezogen werden, die Grenzen des Erdreiches bleiben erhalten. Nichtsdestotrotz verändert der Mensch die Landschaft und ihre Oberflächenstruktur. Nicht zufällig trugen die Nomaden ihre traditionellen Schuhe mit der Spitze vorne gen Himmel – ein Statement: „Wir wehren uns gegen die Zerstörung der Erde.“

Im Vergleich zum Verlust der eigenen Heimat (Bei den kasachischen Nomaden der Verlust ihrer Kultur, bei den vielen verschiedenen Ethnien der ehemaligen Sowjetunion, die Verbannung in die Steppe) ist der Verlust der sinngebenden Elemente ein Verlust des kindlich-naiven Rezipieren der Welt, eine innere Abkehr vom Buchstabenland, ein Entlesen, eine Verirrung in den Zeilen zwischen den Zeilen. Buchstabenland muss sich hier wieder in einen Text verwandeln, d.h. Sortieren, Abstrahieren, Ordnen – eine nomadische Ordnung und damit eine Ordnung, die mit der natürlichen Umwelt im Einklang steht.

Politik des Zarismus und der Anschluss Kasachstans an Russland

Im Gespräch zwischen Khan Abulhair und Barak-Sultan stellt sich heraus, dass der Anschluss der kasachischen Lande an Russland der einzige Weg in die Zukunft sei, so der Khan. Der Erzähler bestätigt dies: „Но при всем этом присоединение к России было единственным путем  в будущееё. Все остальные пути, в том числе и союз с джунгарскими нойонами, означали национальную гибель.“[56] (Ebd. S. 103)

Die Russen werden hier auf Kasachisch  „Orosy“ genannt. Diese Orosy ziehen mit ihren Karawanen als Händler durch die kasachische Steppe und sind ständigen Gefahren ausgesetzt. Karawanen nach Buchara und Taškent wurden ausgeraubt. Die Rede ist von riesigen Karawanen, die von Kriegskommandeuren unter der Leitung von Oberst Garber‘ und Major Miller geführt wurden. Überall fanden die Räuber ihre Beute, bei Astrahan‘, auf dem Weg von Orenburg nach Taškent, am Irtyš und Išym.

Der Anschluss der „Strana Kazachov“, der kasachischen Landen an das russische Imperium lässt sich nur schwer mit einem einzigen Dokument datieren. Hier handelte es sich um einen langwierigen, auf mehrere Jahrzehnte verteilten, schwierigen und widersprüchlichen Prozess. Dafür gab es verschiedene Gründe ökonomischer, politischer und kriegerischer Natur. Es gab sowohl Befürworter als auch Feinde der jeweiligen Angliederungen, die ihre Position in Abhängigkeit von verschiedenen politischen oder geografischen Lagen ihrer oder des anderen Volkes (hier Stämme) und traditioneller Orientierung befürworteten.

Zum ersten Mal ist in „Nomaden“ von einem Dokument die Rede: „Хану Абулхаиру, согласно документам, была от царицы Анны Иоанновны выдана грамота, в которой подтверждалось, что -тебя, хан киргиз-кайсаков Абулхаир, и подвластные тебе войска принимаем в свое подчинение…“[57] (Ebd. S.117)

Das Jahr 1740 markierte das endgültige Datum des Anschlusses des kasachischen Territoriums an das russische Imperium. Zu diesem Zeitpunkt kooperierte das kasachische Land (das Land der Kasachen) mit Russland und vereinte seine politischen, ökonomischen und kriegerischen Interessen mit den Interessen des russischen Imperiums. Ein gänzlich neues, die Gesellschaft veränderndes Narrativ entwickelt sich nun in „Nomaden“. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Dokument der Zarin diese Entwicklung vorantreibt: Das Rad der Geschichte dreht sich. Entlang der Festung von Orsk und der Flüsse Žaik und Ilek baute man auch russische Festanlagen. Immer mehr zaristische Truppen siedelten sich entlang der Grenzlinien an. Mit den Truppen kamen auch die Aussiedler (Переселенцы) aus den Tiefen der russischen Gouvernements. Der Anschluss an Russland rettete das Land der Kasachen vor dem Zerfall, vor der Vernichtung und lud ihr Volk ein in einen modernen, historischen Kreisel ein, so schildert es der Erzähler. Es fand eine gesellschaftliche und politische Entwicklung statt. Menschen wurden sesshaft und bearbeiteten die Erde, es entwickelten sich neue Formen des Handels und des Fortschrittes (промышленость).

Die Projektion des sozialistischen Staates in das nomadische Narrativ und der Beginn des Kolonialismus

Was nun die Entwicklung des Narrativs vorantreibt, ist einzigartig für diesen Roman. Es sind ihre Akteure, in diesem Fall ein polyphones Meer, das sich in einem einzigen Ereignis manifestiert: dem sozialistischen Staat. Der Erzähler projiziert die in der Welt, in der Esenberlin selbst lebt, statt gefundenen Ereignisse in die Welt des Nomaden. Die „подчиненные“ (unterworfenen) Stimmen der Benachteiligten und Unterdrückten (beider Nationen) werden nun aktiv: zuerst die „переселенская беднота“ (Die Aussiedlerärmsten) mit all ihren Sklaven und „Батарки-табушники“ (Batarki-Tabušniks). Dann die Stimmen der Arbeitermenschen, der „Работные люди“, die in den zaristischen und später sozialistischen Bergfabriken arbeiten.

Es ist also  auch vom sozialistischen Staat ist hier die Rede. „На конец“ (endlich) wurde ein lokales Proletariat erschaffen – dank des schnellen Fortschritts und des Eisenbahnnetzes. Ist dieser Chronotopos „Eisenbahn“ zufällig vom Autor in den Text integriert? Denn dieses Eisenbahnmoment sprengt das Sujet. Nicht mehr die Pfade des Nomaden bestimmen den Chronotopos, nicht die Jurtensiedlungen, das langsame Treiben der Kamele, der Ausritt der Nomadenkinder. Gesprengt wird hier der Raum selbst. Schnelligkeit, Fortschritt, Industrialisierung, Zukunftsglaube ersetzen den bukolischen Chronotopos.[58] „Раб“ (Sklave) wird hier zur Fremdzuschreibung, die nichts gemein hat mit einer individuellen Schuld des Helden, denn die Grenzen umfassen ihn ja zufällig in einer Atmosphäre der Leere und Nichtanerkennung.  Schuld ist jedoch nicht der Nomade selbst, sondern derjenige, der das Nomadisieren verbot und den Nomaden zu einem Verbannten innerhalb des eigenen Landes machte.

Eindeutig ist die Einführung dieses Ereignisses (der Chronotopos der Eisenbahn, Fortschrittsglaube) in den „Plot“ eine massive Kolonialismuskritik und nicht das Folgen einer Staatsdoktrin, die den Charakter der Literatur vorgibt. Wie sonst kann ein Autor, der in einem Kolonialstaat lebt, Kritik am Kolonialismus äußern als wenn nicht zwischen den Zeilen? Sicher war diese Kritik auch im Sinne der Verlage, die ja dem Staat untergeordnet waren. Interessanterweise ist die Ausgabe des hier zitierten Buches, in der Mitte des zweiten Bandes der Trilogie, so unprofessionell gestaltet, dass man beide Seiten des Buches so festhalten muss, um die Zeilen auf der linken Seite der aufgeschlagenen zweiten Seite zu erfassen, denn die Buchstaben scheinen im Nichts zu verschwinden, in der Grenze zwischen den Seiten.

Mit dieser rapiden Entwicklung des Fortschrittes und des Eisenbahnnetzes[59] entwickelte sich auch ein lokales Proletariat als Teil des kasachischen Volkes (auf einer gemeinsamen Basis mit dem russischen Volk). Diese Annäherung begann jedoch schon zwei Jahrhunderte früher, entwickelte sich nach Außen und in die Tiefe, die verschiedensten Formen annehmend: „Здесь были и многочисленные встречи передовой русской ссыльной интеллигениции с передовыми людьми и просветителями Касахской степи, и совместная служба офицероф из казахской родовой знати с революционно настроенными русскими гвардейскими офицерами-декабристами и последователями декабристов, и, наконец, царская каторга, ссылки и тюрьмы, куда тысячами попадала непрерывно бунтующая казахская беднота и где под руководством русских профессиональных революционеров формировалось её классовое самосознание.“[60](Ebd. S.118)

Durch all diese Stimmen formierte sich das Klassenbewusstsein. Ein Zitat, dass die Verschmelzung von Nationen hervorhebt, übt zwar keine Kritik an dieser Vorgehensweise, zeigt jedoch, dass der sozialistische Machtapparat nicht den individuellen Wert einer Nationalität oder Völkergruppe betrachtete, sondern allein die Gleichheit aller Nationen vor dem Staat.  „Рука к руке пришли казахский и русский народы к своей велкой цели, и произошло наконец подлинное воссоединение наций в едином социалистическом государстве…“[61] (Ebd. S.118)

Esenberlin benennt hier Tatsachen. Er spricht von einer Kolonialpolitik des Zarismus und des späteren sozialistischen Staates Kasachstan. Er ist sich also dessen bewusst, Teil einer Kolonie zu sein. Während er im Chronotopos der Eisenbahn diese Tatsache nicht äußert (Kasachen und Russen als Kolonisierte des sowjetischen Staates), verlegt er mit akribischer Vorsicht, die Kritik auf das „zwischen den Zeilen lesen.“ Die Sowjetunion hatte ihre Kolonien und deren Bewohner waren mit Sicherheit nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Hier steht der kategorische Imperativ im Widerspruch zur marxistischen Theorie. Ein Mensch, der frei entscheiden kann und dabei Nächstenliebe übt, kann nicht Teil eines gnoseologischen Bewusstseins, eines Massenbewusstseins sein.  Hier erfolgt die Aufwertung des russischen „Промышленник“ (Industriellen) und zwar durch Esenberlin selbst. Kategorisiert sich der Autor als der Andere? Weshalb wird hier der „Oros“ (der russische Mensch) aufgewertet, verteidigt doch gerade die marxistische Ideologie die Gleichheit aller Menschen. „Находились чиновники и даже генералы умные, широкообразованные и мыслящие люди, которые и присущей русскому широтой характера и совестливостью,  учреждали школы и больницы в подведомственных им краях, требовали от судей, врачей, почтовых, работников и других рядовых чиновников каждодневно общающихся с „инородцами“, обязательного знания языка и обычаев местного насиления…“[62] (Ebd. S.118 f.)

 Hier wird der „Инородцы“- Begriff eingeführt. Erstaunlicherweise bedient sich Esenberlin dieses Begriffes selbst, um auf sein eigenes Volk, die Kasachen, als das Andere hinzuweisen. In den Zeilen davor preist er den von den Russen beschleunigten Fortschritt. Sie seien es gewesen, die Schulen, Krankenhäuser, Postämter usw. gebaut haben auf der kasachischen Erde. „Казахский народ из поколения в поколения передает имена этих людей и чтит их память.“ (Ebd. S.119)[63] Aus diesen Zeilen sprudelt Dank, Erinnerung an den Namen des Anderen wird bewahrt von Generation zu Generation. Und wer könnte es besser als ein Volk, dessen mündliches Gedächtnis fast, beinahe mächtiger ist als jede auf Papier archivierte Erinnerung? Zu kritisieren wäre jedoch das „Othering“, ein „Self-Othering“, in dem der Kasache sich vom aufklärerischen Russland abgrenzt und sich ihm unterordnet. Sind doch beide Kulturen gleichwertig und verfügen über ein reiches historisches und kulturelles Erbe.

Weil Philosophie Politik prägt und nicht umgekehrt, kann man die Verschuldung am gnoseologischen Bewusstsein nicht den russischen Avantgardisten, den Zukunftsgläubigen zuschreiben, sondern den durchdachten Schriften von Marx, die keinesfalls gnoseologisch waren, sondern von Lenin so ausgelegt wurden.  Marxismus sei hier von Marxismus-Leninismus abzugrenzen. Marxistische Theorie wie sie bei den französischen Existenzialisten rezeptiert wurde, ist nicht die Theorie wie sie in Zeitungen wie der „Pravda“ für den Proletarier und Bauer konzipiert wurde.

Kasachstan als Land zwischen zwei Imperien, dem Russischen und dem Džungarischen

Um auf die Ereignishaftigkeit in Esenberlins „Nomaden“ einzugehen, so ist diese mannigfaltiger Natur. Die Sujetkette wird von einem weiteren Ereignis angetrieben: vom Treffen der Repräsentanten vieler verschiedener Völker, repräsentiert durch Genral Nepljuev, Khan Abulhair, dem džungarischen Botschafter sowie die karakalpaischen Batyrs.  General Neplujev eröffnete die Zeremonie: „Оренбургский губернатор генерал Неплюев приказал начинать празднетства, и на следующие утро специально привезенные длинные столы были расставлены в тени деревьев неподалеку от реки. Здесь было все, что любят казахи и джунгары: мясо в различных видах, самый лучшей кумыс, баурсаки. А рядом стояли русские и европейские блюда, приготовленные крепостным поваром губернатора. При этом было просложено, чтобы не попали на столы блюда из свинины. Зато вина, водки, настойки и наливки стояли на столах изобилии.“ (Ebd. S.127)[64]

In dieser Passage wird zunächst das festliche Essen beschrieben. Speisen aus der kasachischen, russischen und europäischen Kultur werden aufgetischt. Auch alkoholische Getränke, darunter Wein. Der Leser fragt sich, warum bei einem Treffen von Staatsmännern dermaßen viel Alkohol zur Verfügung steht. Ist es ein Hinweis auf den russischen Menschen und seiner Neigung zur Trunkenheit, zum Alkoholismus? Der Alkohol brennt in den Kehlen der Oberhäupter doch die Aufnahme von Nahrung ist noch ungestümer „Ну и мясо…Объедение! Все двенадцать частей огромной бараньей туши в считанные минуты превращались в груды обглоданных добела костей.“[65] (Ebd.S. 129) Während das Festmahl gefeiert wird, diskutiert man über das Imperium. Das Essen, die Zeremonie, die Aufnahme der Speisen, geht einher mit der Aufnahme der gesprochenen Inhalte. Der Staat, das Imperium wird verinnerlicht, weniger die Historie. (vgl. S.129-130)

In Kasachstan begann das erste Stadium der Verwirklichung der zaristischen Kolonialpolitik, an der vor allem die Schichten der nomadischen Bevölkerung litten. Die Wahrheit jedoch war, dass General Nepljuev friedliche Verhandlungen und gute Handelsbeziehungen als Bedingung dafür sah, die Kolonisierung des Landes voranzutreiben. Er sprach jedoch von einer Unterwerfung (Подчинение) des Volkes, der sogenannten Инородцы, unter das russische Regime. In Wirklichkeit waren die Kasachen jedoch auch von einem weiteren Feind bedroht, und zwar von den Džungaren. Um diesen zu widerstehen, musste man sich an das zaristische Russland halten. Auch der Handel zwischen den Völkern begann zu florieren: „Казахам теперь частично разрешалось ездить на все российские ярмарки, сбывать шерсть, кошмы и закупать хлеб, мануфактуру, домашнюю утварь, лопаты, топоры, ножи, посуду – все это лучшего качества и по куда более низким ценам чем на базарах Хивы и Бухары.“ (Ebd.S.140)[66] Die Wege zu den Handelsorten wurden ebenfalls ungefährlich. Es gab die ersten kasachischen Kaufmänner, die Menschen fanden Arbeit.

Bukolischer Chronotopos in „Nomaden“

Zum letzten Mal tritt in der Trilogie Esenberlins ein Žyrau auf, vom Khan Esim als „Раб“ (Sklave) bezeichnet. Der Singsang handelt von Kasachstans Bedrohung durch China: „Горячее дыхание китайского дракона уже чувствовалось и в Семеречье.“[67] (Ebd. S. 146) Und weil der Roman so voller Überraschungen steckt, wird eine neue Figur eingeführt: „Olžabaj Batyr. Dieser lebte, bis er vierzig Jahre alt wurde, ohne sich darauf festzulegen, was er werden wollte – ein Batyr oder ein Žyrau. Seine Rede war geschmückt von Beispielen aus altertümlichen Sagen. Jedes eigene Wort, ob kasachisch, arabisch, persisch oder russisch, prüfte er mit seinem Gehör und fand dabei einen alten, für alle Völker verständlichen Klang. (vgl. S.152) Er vertrat auch die in der Steppe gängige Meinung, dass Akyns von Wissenschaft und Kunst angezogen werden. Olžabaj erzählte allen und jedem, dass er sein Schwert „teč-algaspan“ bald niederlegt und durch die Steppe als einfacher Žyrau reisen wird. Und bis dahin wird er seine Liebe zur Kunst an andere weitergeben. Bei ihm lebte irgendein Halbwüchsiger, der selbst unbedingt ein berühmter Žyrau werden wollte. Möglicherweise für seinen wundersamen Singsang oder seine Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit rief dieser Held, hoch und schmal im Körperbau, mit einem langen, bis zu den Schultern reichenden Ajdar, in jedem kasachischen Aul, Respekt und Anerkennung aus.

Um auf den Begriff des Chronotopos zurückzukehren, so möchte ich für die Figur des Žyraus und seine Umgebung den von Bachtin geprägten Begriff des bukolischen Chronotopos verwenden, den Dževad Karahasan in seinem Buch „Die Schatten der Städte“ aufgreift. Das bukolische Erleben der Welt wird hier durch die Kunst des Singsangs des Žyraus realisiert. Bei Theokrit, dem Autor des idyllischen Mimus findet der Held den Sinn in der Kunst und der Rückkehr zur Natur. „Die Hirten sitzen irgendwo in den sizilianischen Bergen, im Schatten von Pinien und überbieten sich in der Verskunst und im Gesang; ihre Rede und ihre Verfahren sind von uralten Bräuchen bestimmt, die schon seit Menschengedenken bestehen…“ (Karahasan, S 57-58) Während es bei Theokrit die sizilianischen Berge sind, so sind es bei Esenberlin das Siebenstromland, der Altai und der Tien Shan‘. Die Welten sind zwar verschieden, doch gleichzeitig auch miteinander verwandt.

Die Steppe als Raumzeit des Sesshaften und der Kolonialismus des Zarenreiches

Doch nach und nach wird die kasachische Steppe besiedelt und urbar gemacht. Zunächst entsteht eine russische Festung am Irtyš.  Im Jahr 1718 entsteht die Altsemipalatinische Befestigung, 1720 die ustkamenogorsker Feste. Darauf folgten die in den 20ern und 30ern errichteten die Akkmolinsker, Bagajanul’sker und Karkaralinser Anlagen. 1737 begann man mit dem Bau des Weges von Kokčetau nach Akmolinsk. Zehn Tausende Bauern wurden mit ihren Familien aus den Tiefen der russischen Gouvernements zum Bau dieser Straße hergebracht. Den Kasachen wurden ihre Weiden weggenommen. Sie wurden von den eigenen Herren als auch von den russischen Machthabern unterdrückt. Diese wurden dann sesshaft, gezwungenermaßen, und siedelten sich neben ihren russischen Nachbarn an. Dieses Moment der Sesshaftmachung deutet daraufhin, dass Veränderung der Landschaft, des Landes vonstattengeht. Die Steppe wird zum Zeitraum des „Оседлый человек“ (des sesshaften Menschen), doch noch ist sie in ihrer Form rein, „geschützt“, zeitlich weit entfernt vom Steppensozialismus.

Der dritte Band der Trilogie handelt vom antikolonialen Kampf gegen das zaristische Russland im 19. Jahrhundert.

Eingeleitet wird der Plot durch eine Landschaftsbeschreibung: „Степь, сковaнная лунным cветом, ждал утра. Стояла та предадсстветная тишина, которой нет названия. И только очень чуткое, привыкшое к этой тишине ухо услышало бы непрерывный шорох, всю ночь доносившийця из степи. Один раз что-то звякнуло…Первый белесый луч зари прорвался из-за далекого облачка, луна сразу поблекала, а земля потемнела. И вот неожиданно появился караван.“[68] (Ebd. S.5) Der erste Eindruck des Lesers vermag diese Szenerie ganz deutlich vor dem inneren Auge verstreichen zu lassen. Durchbrochen wird sie durch eine in der Raumzeit gleitende Bewegung: „По грудь в сочной луговой, смешанной с молодым камышом траве один за другим шли верблюды. Справа и слева тяжелой, принимающей луг массой двигались табуны лошадей, ныряли в траву и снова показывались из нее всадники. Время от времени цепь верблюдов прерывалась, и соединение друг с другом длинным шерстянным канатом, катились в траве высокие двухколесные повозки. Потом снова шли верблюды…Растаяло далекое облачко, и солнце вдруг все сразу хлынуло в степь. Словно россыпями драгоценных камней заискрилась она во все стороны до самого горизонта. Была втроая половина лета, и уже прошло время, когда степь похожа на невесту в свадебном наряде. Oстались только изумрудная зелень тростника, желто-красные островки перезрелых колючих цветов, да среди поросли запоздалых щавелей горели алые глазки костянки. Крутими боками сытых, отьевшихся за лето лошадей лоснилась степь.“[69] (Ebd. S.5, Band 3)

„So wie der Mensch die Raumzeit empfindet und erlebt, empfindet und erlebt er die Welt, die Gesellschaft, die Existenz und sich selbst. Das Bild der Raumzeit ist nicht nur ein präziser Ausdruck des Weltempfindens in einer Kultur, also ein Ausdruck des gesellschaftlichen kollektiven Erlebens der Existenz, die sich im literarischen Genre immer als Selbstreflexion einer Epoche oder einer Kultur äußert; das Bild der Raumzeit vermittelt gleichzeitig äußerst präzise das individuelle Welt – und Existenzempfinden des Menschen, der dieses Bild formuliert hat.“ (Karahasan S. 29)

Chronotopoi spiegeln also jeweilige Weltsichten einer Epoche wider. Wie beurteilen, bewerten wir das von Esenberlin entworfene Panorama der Landschaft?  Sie ist keineswegs kriegerisch oder industriell. Sie ist friedlich, ja sogar beinahe impressionistisch, in sich ruhend, still und die Tiere sind ein Teil davon, der Landschaft immanent. Sie ist außerdem von Klängen gespeist: „И как только вспыхнуло солнце, сразу явственно стали слышны глухой и мощный топот, храп, ржание, тослкивый рев верблюдиц, вскоких деревянных колёс, человечиские голоса.“ (Esenberlin. Band 3 S.5)[70] Diese Klanglandschaft erstreckt sich als Buchstabenland auf dem Papier: Wachtelgesang erklingt aus den Sträuchern und blinde Eulen erscheinen hier einer Lawine ähnlich.

Und dann geschieht etwas Besonderes. Das Licht löst die Stille auf und bringt folgendes Panorama zur Welt: „С первого взгляда было понятно, что это не просто сезонная откочевка одного из бесчисленных аулов, разбросанных в бескрайней Казахской степи. Не носились, как обычно, молодые джигиты по обе стороны каравана, не пересмеивались с девушками. Молча ехали они, держась поближе к верблюдам. И женщины на верблюдах, закутанные в белые платки – кимешки, тоже молчали. Даже маленькие дети не плакали и только таращили круглые черные глаза из переметных сум – коpжунов по обе стороны верблюжьих горбов. Большое озеро светлело впереди. Густой коричневой бахромой камыша было окружено оно, и только из севера, откуда подходил караван, степь оголилась красноватым глинистым такыром.“ (Ebd. S. 5-6)[71]

Dieses Steppenpanorama zeigt die Sprachlosigkeit des kasachischen Menschen den historischen Ereignissen, die sie nicht bestimmen können, gegenüber. Es ist ein Verstummen, dass sogar Weinen nicht möglich ist. ein sich Treiben lassen von der Karawane durch den stillen Raum der Steppe, ein einfaches Hinnehmen des Gegebenen. Das Gefühl der Freude scheint der Vergangenheit anzugehören, die jungen Leute flirten nicht mehr miteinander, die Kinder betrachten ohne Begeisterung die Landschaft. Hier bahnt sich Trauer um den Verlust von Geschichte an, den Esenberlin im nächsten Abschnitt des Buches gekonnt umwandelt in Sinnhaftigkeit. Eine wichtige Information, die dem Leser nicht vorenthalten werden darf, ist die Struktur des mittleren Džus. Dieser teilte sich in sieben Bezirke (Округи) auf. Ein Bezirk bestand aus fünfzehn bis zwanzig volosti, von denen jede einen Stamm repräsentierte. Ein Stamm beinhaltete gewöhnlich zehn bis zwölf Aule, diese bestanden aus jeweils ca. hundert Jurten. Ein Aul wurde von einem „staršina“ geführt, eine volost‘ von einem Sultan. Den Bezirk beherrschte ein Sultan, der von weiteren Sultans, nach der Empfehlung der zaristischen Regierung, gewählt wurde.

Was genau bedeutet die Herrschaft über eine bestimmte Anzahl von Menschen? Und warum müssen diese beherrscht werden, hat es sich doch in der Vergangenheit gezeigt, dass die Kasachen, frei von staatlichen Grenzen nomadisieren konnten. Das kasachische Land stand kurz vor der Okkupation Russlands. Dem zaristischen Russland ging es hierbei jedoch nicht um Gleichwertigkeit von Individuen und um die Freiheit jedes einzelnen Menschen, sondern erst einmal um Expansion und Landgewinnung. Wer beherrscht wurde, stand an zweiter Stelle. Dazu wurde außerdem noch der Diskurs des „otherness“ eingeführt. Der Fremde musste gezähmt werden im Sinne einer mission civilisatrice.

Der Besitz von Land und den darauf lebenden Menschen, bedeutete auch gleichzeitig den Besitz von Ressourcen. Ganz deutlich zeigt es sich am sowjetischen Beispiel. Eingriffe in die Natur wie die Austrocknung des Aralsees für die Förderung von Baumwollplantagen, die Tötung der Tiere und die Sesshaftmachung der Nomaden galt der Produktion für das Zentrum. Im Mittelpunkt stand nicht der Mensch, sondern dessen Ausbeutung. Was bedeutet nomadisches Wandern und seine Beseitigung für die Erinnerung? Das Moment des Spiels, eines kreativen Spiels, gewinnt hier Bedeutung, damit wird die voicelessness übergangen. Der Held ist ein eine vom Autor gegebene Landschaft eingeschrieben, in der er das Material (in diesem Fall die Erde) als Akt des Künstlers betrachten darf. Hier geht es um die Konzeption neuer, authentischer Modelle als Zugang zum Weltverständnis, in dem Autor und Held zusammen interagieren. Esenberlin holt ganz klar die nomadische Vergangenheit zurück und adaptiert alte Modelle von Geschichte in sein Narrativ.

Die Karawane zog weiter und erreichte das fremde Land. Gegen Mittag kamen sie am Baiskol‘ an, einem der vielen Seen des Vorbal’haš. Die Menschen fielen in einen Totenschlaf als sie die Erde berührten. Über der Steppe herrschte Stille, eine endlose Stille, während derer man alles hören konnte. Von Zeit zu Zeit wehte ein leichter, seidiger Wind und dann beruhigte sich das Schilfrohr wieder. Die unglücklichen Flüchtlinge befanden sich in der Steppe zwischen Siebenstromland und Syrdar’ja. Welche Rolle spielt das Göttliche in dieser Raumzeit der Flucht? Ein vierzehnjähriges Mädchen beantwortet hier die Frage, „schluchzend“ in dem Lied „Elim-aj“

Родимые края скрываются из глаз…

О, родина моя! Рыданья душат нaс.

За что, господь за что народ наш безутешный

Кому не лень гнетет и гонит всякий раз?

Мы с тайною мечтой из милых мест ушли,

С понурой головой невесть куда ушли…

Что в стороне чужой найдешь народ мой бедный,

Дороже и родней покинутой земли?

Невзгода и тоска нас душат с детских лет,

Не распустив цветка, теряет стебель цвет.

Ждет каждого судьба печальника. Коркута

О мой народ! Тебе под солнцем места нет…[72] (Ebd. S. 11-12)

Vielleicht sind hier Dževad Karahasans Worte auch eine Antwort auf die Frage:

„Innerhalb jeder Gemeinschaft stehen sich also die Verfechter einer monolithischen Einheit und die Verfechter einer mosaikartigen Einheit, Verschiedenheit, Vielheit gegenüber; auf der einen Seite diejenigen, die sagen, man müsse auf eine Art zu Gott beten, weil Gott ein uns einzig ist, und auf der anderen Seite, diejenigen, die meinen, Gott sei allmächtig und allwissend, und er wisse am besten, warum er zugelassen hat, dass die Menschen auf so verschiedene Art zu ihm Beten.“ (Karahasan, S. 135)

Wahrscheinlich wird hier die Frage nur teilweise beantwortet, wirft doch das Klagelied mehr Fragen als Antworten auf. Die „Gottverlassenheit“ ist ja jeder literarischen Form immanent, betrifft sie ja die Seele des Menschen, als Suche nach dem Göttlichen seit Urzeiten.

Der Held in Esenberlins Roman ist der Nomade selbst. Das Ereignis um ihn herum schließt das Tier mit ein. Ihm gegenüber ist der Held naiv, meint damit gütig und rein, so wie auch das Tier im Roman beschrieben wird: „А главная гордость кочевки – верблюды. Двугорбые самцы бура – с косматой, свисающей до земли шерстью; высокие и голенастые, способные легко нести восьмикрылые юрты, аравийские нары – дромедары; белые одногорбые верблюдицы аруаны из породы леков. Да и овцы и козы неплохи. Ведут стадо бородатые козлы с мягким пухом и большими саблевидными рогами и бараны с шелковистой шерстью, козы трутся выменем о траву, то и дело выскакивают из стада пушистые козлята.“[73] (Ebd. S. 22)

Mensch und Tier bilden eine Einheit, nicht minder deutlich, weil hier das Kostüm des Kasachen unmittelbar nach der Beschreibung des „Kostüms“ der Tiere erfolgt: И люди здесь отличаются одеждой от жителей Сарыарки. На головах у мужчин большие, расшитые узорами колпаки из светлой верблюжьей шерсти с выгнутами кверху краями. Малахаи тожеособого покроя, бархатные, отороченные мехом, подбитые изнутри войлоком. Верх у них очень высокий, словно торчком стоящий рукав, и шесть позолоченных полосок нашиты  на нем от основания до макушки. Окрашенные в можжевеловый цвет мягкие полушубки по краям подола и у воротников тоже расшиты узорами у украшены позументами. Под ними черстяные чекмены, шаровары из жеребячьей шкуры, на ногах сапоги с высокими каблуками. (Ebd. S. S.22)[74]

Während die Traditionen der Kasachen im zweiten Band von den Džugaren bedroht waren, werden sie im dritten Band vom zaristischen Russland gefährdet. 1810 verstärkten sich die kolonialen Bestrebungen des Zarismus. Die Salzverarbeitung am Fluss Ilek wurde vorangetrieben. Man baute Straßen zwischen Novo-Ileck und Orenburg. Auf diesen Straßen baute man neunundzwanzig Festungsanlagen. Es entstanden Festungen, Stützpunkte und Kosackenstädte um die Anlagen herum sowie am Ufer des „Sketlyj Žaik.  Der junge Žoloman versuchte sich gegen den imperialen Zarismus zu wehren und überfiel innerhalb von drei Jahren die Städtchen und Anlagen an den Ufern Ileks. Es handelte sich um einen historischen und uferlosen Krieg. Am östlichen Ufer des Žaiks baute man neue Straßen, Kaufmänner bauten Lagerhallen für die Lagerung von Waren, die Ufer wurden sesshaft gemacht. Am wenigsten dachte die Regierung des Zaren an die Interessen der Nomaden, die ihre besten Weiden verloren. Am allermeisten litten unter den kolonialen Beatzungen die nomadisierenden Stämme zwischen dem Svetlyj Žaik und dem Kara-Otkelmen; die Aryn, Kipčak, Alšyn, Žagalbajly, Kerej und Najman. Abgesehen davon, dass man ihnen ihr bestes Land wegnahm, wurden sie dazu gezwungen große Geldsummen an die zaristischen Beamten zu zahlen, um ihre Herden auf den übrig gebliebenen Weiden hüten zu dürfen. Die Batyrs verstanden, dass sie sich gegen die zaristischen Übergriffe nicht wehren konnten. Und doch setzten sie ihre Waffen weiter ein, die sich von den Waffen der Fremden so sehr unterschieden. Während letztere richtige Schusswaffen zur Verfügung hatten, Sprengstoff und Kanonen, besaßen die kasachischen Batyrs Pfeile, Bögen und Schwerter. (vgl. Ebd. S. 26-30)

Zum ersten Mal in Esenberlins Roman wird eine zentralasiatische Stadt erzählt. Es handelt sich um Taškent. Der Autor nimmt uns mit in eine Zeit, als die Stadt noch nicht industrialisiert war, es herrschten gänzlich andere Gesetze als in der Sowjetära: „Город Ташкент, сплетенный из тысячи дувалов, выбросивший в белое горячие небо редкие минареты мечетей из красного кирпича, весь затерялся в синих от пыли садах. Так же как обычна нестерпимая влажная жара, для него обычным был и истошный вопль тысяч ишаков, скрип огромных двухолесных арб, настойчивое журчание грязных арыков, сопровождающих его пыльные улицы… [75]

И знаменитый Наун-базар не изменил свой древний облик. Глаза разбегаются от волшебных переливов парчи, бархата, бухарского шелка, которыми полны бесчисленые маленькие лавочки и палатки. За ними прямо на кошмах горы урюка, изюма, хивинских груш, ферганского инжира и яблок, китайских и индийских орехов. А там, где начинаются дыни, уже негде поставить ногу. Они навалены горами: тёмно-желтые сырдарьинские гуляби, самаркандские доньеры, каракумские вахрманы. Гром, шум, крик и обязательно снующие во всех рядах продавцы ювелирных изделий. Но через чур уж ярко сверкают серебрянные кольца и золотые браслеты, которые предлагают они не особенно хорошо разберающимся людям. Под стать им и многочисленные ходжи, дервишы, бродячие монахи – каландыры и просто гадатели.

 Одетые в лохмотья они согнулись в три погибели, и вид у них жалкий, неприкаянный. А остальных людей на базаре поначалу и не разберешь: кто ишан, а кто дехканин. Bсе одеты в одинаковые полосатые халаты, головы затянуты белыми чалмами. Не орпедилишь: кто торгует, а кто покупает. Здесь все продается и покупается: начиная от копеечного имущества бедняка и кончая копеечной совестью богача…“[76] (Ebd. S. 45)

Was sagt uns Esenberlins Entwurf Taškents über diese Stadt? In seinen Essays „Die Schatten der Städte“ schreibt Dževad Karahasan über Sarajevo: „Man könnte auf die Idee kommen, Sarajevo sei eine Stadt, die entstanden sei, damit sie erzählt würde, damit die Narration irgendwo ein Heim fände.“ (Karahasan. Essays. Die Schatten der Städte. S. 143) Und dies trifft auch gänzlich auf Esenberlins Taškent zu. Ihre Bewohner – ein bunter Haufen Individualisten; wundersame Gestalten, eingebettet in das bunte Treiben eines muslimischen Universums. Findet hier vielleicht eine Selbstidentifikation des Autors mit den Bewohnern Taškents statt?

Weiter führt uns der Autor an den Rand Taškents. Nur im vorstädtischen Palast des neuen Taškents „Kušbegi“, der anstelle Mamed-Alims eingesetzt wurde, spürt man eine gewisse Pause. Die Nachtigallen singen immer noch in seinen Gärten, die Fußböden sind wie gewohnt bedeckt von den teuersten Teppichen, die Wände behängt mit hellgelben Seiden aus Buhara, die geschmückt sind mit Blumen. Weiße Schwäne schwimmen als stille Paare in den Teichen, und der reine Spiegel des Wassers reflektiert sie zusammen mit den hängenden Kronen der am Ufer stehenden wilden Bäume aus Indien. Alles wie es gestern war, wie vorgestern, wie ein Jahrhundert zuvor…Und nur ein geübtes Auge bemerkt etwas nicht Normales im Gang der vorhöfischen Mjuriden, Naiben, Sufis. Und in ihren Gesprächen spürt man das Ungewöhnliche. Sie sprechen nicht miteinander, sondern flüstern, sie gehen nicht, sondern kriechen, lautlos, schleichend.  (Vgl. Esenberlin. Band 3, S. 45)

Poetologisch konstruiert Esenberlin die im Roman erschaffenen Landschaften. Sie erstrecken sich zwischen Kriegsszenerien und Szenerien der erzwungenen Landeinnahmen. Hier ist es vor allem die Verschmelzung von natürlicher Landschaft und den darin, man könnte meinen, schwebenden Behausungen: die Gegend um Karatau wird hier beschrieben, die dort stehenden Jurten sind nicht verortet, geerdet, vielmehr entspricht ihre Umgebung einem Nicht-Ort, bzw. einem Ort der Stimmlosigkeit. Hier wird der Nomade entindividualisiert und zu einem „Noman“. Wird hier eventuell die Historie des Gulags angedeutet? Kasachstan war zur Sowjetzeit nicht nur das Land der Arbeiter in einem Kollektiv, sondern auch des Gulags. Damit entwickelt Esenberlin einen kritischen Blick auf die Geschichte seines Landes und lässt den Leser das Unaussprechliche zwischen den Zeilen erkennen.

Die Überwindung des gnoseologischen Bewusstseins als ein nicht abschließendes Bewusstsein, gelingt Esenberlin. „Nomaden“ ist ein ganz besonderes Werk, das uns lehrt – auch im Sozialistischen Realismus gibt es Mosaike poetologischer Natur und eine Rückbesinnung auf die vorrevolutionäre Vergangenheit.


[1] Der Vogel wurde ganz handzahm und jagdbereit

[2] Wie auch immer man den Vogel zähmte, doch bei dem Anblick einer auf der Erde laufenden feurig-roten Füchsin, wirft er sich wie ein Stein auf das Opfer, umfasst es mit seinen Krallen und fliegt hinauf in die Luft

[3] Dieses Land war einst die Wiege der altertümlichen Kultur der Kasachen. Bis heute sind dort die Ruinen der Schlösser erhalten, umgeben von Keramik – und Glasurscherben.

[4] Nur ein Weib (hier pejorativ) kann sich wegen einer nichtigen Gefangenen streiten

[5] In einem solchen Fall muss ich wohl sterben… – Sie nahm aus ihrer Kleidung einen kleinen horsanischen Dolch hervor und blickte diesen nachdenklich an – dieses Messer wird meinen Körper eher berühren als Du.

[6] So starb auch in ihrer Trauer die wunderschöne Agan-bike, ohne ihm jemals ihre Sympathie zu bekunden. Später erfuhr er, dass ihr Tod aufgrund der Einnahme eines bestimmten Steppengrases eintraf.

[7] Wenn zum Beispiel, nach einer der zaristischen Verordnungen des XIX-Jahrhunderts gemäß einer Behörde der Vorschlag gemacht wurde, in der Steppe eine junge Frau, die keine Eltern mehr hatte, zu kaufen, und zwar durch einen der „Pereselency“ von einem der „Inorodcy“, so wurde es zu einem richtigen Gewerbe (…) War etwa eine russische junge Leibeigene, die von ihren Eltern entrissen und an einen Gutsherrn verkauft wurde, teurer?

[8] „Wie ist dein Name Serna?“

   „Genauso heiße ich – Kuralaj“, antwortete sie, sich wundernd, woher der schöne kasachische Batyr ihren        

   Namen kannte.                                                                                               

[9] „Diese junge Frau ist meine Beute.“

[10] Mit smaragdgrün-silbernen Wellen schaukeln hier bis zum Horizont unter dem Wind die Gräser, bis zur Brust taucht der Reiter in dieses aromatische, lebendige Meer ein

[11] Bei jedem Schritt explodieren unter den Füßen die feurig-roten Trauben der wilden Steppenerdbeere und Steinfrucht, verstecken sich im Laub die Juwelen der reifen Johannisbeere. Betörend duften die unter der Sonne wachsenden gigantischen Pfingstrosen, Malven, Glockenblumen, Wasserlilien, Rosen und Tulpen aller Farben und Schattierungen. Und in der mittigsten Mitte der magischen Seeglätte schwimmt majestätisch eine befreundete Schar von Schwänen mit ihren erstmalig gefiederten Küken und von Zeit zu Zeit erhalt ein sanftes, an eine Flöte erinnerndes Geräusch ihrer Gespräche untereinander.

[12] Hier, auf ihrem Weg, entstanden russische Städte, begann ein fortlaufender, mehrjähriger Krieg mit plötzlichen Überfällen, Versöhnungen, Freundschaften und wieder neuen Überfällen.

[13] Wunderschöne, reine, das Herz beruhigende Klänge flossen über die Steppe. Es schien als ob die Steppe selbst sprach mit all ihren Gräsern, Seen, Flüssen und die Menschen vernahmen plötzlich ein leises, friedliches Lüftchen auf ihren erhitzten Gesichtern. So als ob sich ihr Herz von Schwermut befreit hätte und sie die Freude des Lebens spürten. Und als der alte Sänger zu singen begann, verstanden alle, dass seine Stimme nicht gebrochen war, sondern voll weiser Zurückhaltung.

[14] In unseren Jurten gibt es alte Bücher, die über die Geschichte unseres Volkes erzählen. Ist es etwa nicht das Wichtigste für die Vereinigung des Volkes zu einem Ganzen?

[15] Wenn man die sehr hohen Berge Ulytau und Kičitau nicht miteinbezieht, dann erstreckte sich gen Süden, gen Westen, gen Norden und gen Osten eine grenzenlose Steppe, in der nur asiatische Esel und wilde Elche lebten.

[16] Die Horde des Khans, bestehend aus fünf großen Aulen, nomadisierte den ganzen Sommer über durch die Steppe Dešt-i-Kipčak, ohne mit den Traditionen von Jahrhunderten zu brechen und zog erst zum Herbst hin nach Orda-Bazar. Und im Sommer erreichte sie die Flüsse Žem und Uil im Westen und Tobol, Išim und Nur im Osten. Khan Abulhair schlug seine weißen Jurten nicht auf dem sandigen Ufer Sejhuns auf, doch schon im nächsten Sommer sah man diese am blauen Meer Balhaš.

[17] Er sah sich erhoben auf einem weißen Filzteppich über allen Völkern, die das immens große Khanat besiedelten, er sah sich als Haupt aller Heere, die die Städte stürmten und verschiedene Länder eroberten.

[18] Bald zeigten sich Jurten, die man für die Beerdigung des mächtigsten argynischen Batyrs aufgebaut hatte. Hier, am Ufer des schwarzen Sees, umgeben von einem dunklen Streifen verwelkten Schilfrohrs, rückten sie zusammen wie die Menge trauriger Verwandten.

[19] Am ehrenvollsten Platz, inmitten von weißen Jurten, einem schwarzen Adler ähnlich, der sich auf eine Schar Schwäne stürzte, erhob sich eine blauschwarze sechzehnflügelige Trauerjurte, geformt aus der Wolle einer ganz besonderen Schafsart.

[20] Es entstand der Eindruck, dass sie sich für den entscheidenden Kampf vorbereiteten. Schauten sie etwa der Beerdigung nicht zu? … Abulhair dachte ungewollt daran, wie er an ihrer Stelle gehandelt hätte und seine Hand bewegte sich in Richtung Säbel. Doch er richtete sie wieder zurück und tat so, als ob er seinen Gürtel richten würde… Nein, niemand sah seine unbewusste Bewegung. Die Menschen schauten auf die schwarze Jurte und blickten nicht in seine Richtung.

[21] Abulhair öffnete die Tür der schwarzen Jurte […] auf dem Kopf glänzte eine goldene Krone mit der Darstellung von turjer Hörnern.

[22] Die argyner Sultans trugen Plüschkaftane mit Kragen aus schwarzer Otterhaut. Goldene Gürtel umgürteten ihre Hüften. Mit ihnen saßen ca. fünfzehn kasachische Bijs, Batyrs und Žyraus. Der Tote lag auf der linken Seite der Jurte […)]Von einer schwarzen Kuppel hingen Girlanden aus schwarzem Trauergehänge, gewebt aus Kamelhaar. Sogar die Luft in der Jurte schien schwarz zu sein und die unwillkürliche Kälte drang bis unter die Kleidung durch und strömte über den Rücken…

[23] – Hör zu, Kipčak! – sagte er. – Wir sind ein riesiges Land. Am Jedil und Žaik ist seine westliche Grenze, am Orhon und Irtyš – die östliche, die Große Mauer machten die chinesischen Imperatoren zu seiner südlichen Grenze und in den kalten Wäldern des Tobols und Išims verlieren sich seine nördlichen Grenzen. ][… Dank eures jahrhundertelangen Schutzes, konnten die kasachischen Stämme, wir Argyner, euer Fleisch und Blut, hier im Zentrum der Steppe Dešt-i-Kipčak alles bewahren, was bedeutend ist: Weisheit, Traditionen, Sprache, Musik, Schriftlichkeit. All jenes Unsrige ist mit euch, meine Brüder, ihr meine Kinder – Kasachen!…

[24] Dschingis Khan lehrte, dass der Krieg unabdingbar sei für die Einnahme fremder Gebiete, und wer kann diese besser beherrschen als die eigenen Beks und Sultans. […] Sollen seine Kinder nicht die Herrscher über die nachgiebige, wandelbare Steppe sein, wo alles von einer Laune des einen oder anderen Batyrs oder seines Stammes abhängt, sondern über die alten syrdar’inschen Städte hinter den großen Mauern.  

[25] Nach langen Überlegungen beschloss Abulhair die Stadt Urgenč zu seiner Hauptstadt zu machen. Urgenč liegt am Džejhun bzw. Amurdar‘, wie alle diesen reißenden, eigensinnigen Fluss nannten, einer der größten Flüsse der Welt. In der Nähe, so weit konnte es das Auge sehen, befand sich Hiva. Drumherum lagen die verlassenen Felder des antiken Horasans, das langsam wieder zu sich kam nach einer schrecklichen Niederlage, die von Dschingis Khan zugefügt wurde. Und vom Urgenč war der Weg offen zum Kaspischen Meer, nach Mverannahr, nach Horasan und Balh. Nebenan lebten die verwandten Karakalpaken, die keine Gefahr für das mächtige Khanat darstellten, und die unruhige Steppe Dešt-i-Kipčak befand sich hinter dem wüsten Aralsee.

[26] Von Generation zu Generation wird sein Name weitergegeben werden und seine Nachkommenschaft wird über alle Völker herrschen und vor allen anderen Menschen privilegiert sein.

[27] Der Herrscher Mogolistans, Khan Isa Buga vermisste sein leises, kühles Schloss. Nichts konnte seine übersättigte Seele erfreuen: Weder die märchenhaften Schlösser der Stadt Almalyk, noch der majestätische Blick auf die Berge Alataus, noch die fröhlichen, wie ein Mädchenlachen hellklingenden Fontänen und künstlich angelegten Wasserfälle auf den Straßen seiner Hauptstadt.

[28] In schattigen Gärten und entlang der Wege wuchsen in Almalyk Äpfel, Birnen, Abrikosen, wanden sich unter den Duvalen Weinreben. Voll kühlen Wassers waren die Aquädukte und die Hitze war nicht sonderlich drückend  

[29] Hier, in Almalyk, erfuhr Isa Buga, dass außer dem Islam auf der Erde noch andere Religionen existierten.

[30] Jede Woche kam sie mit Blumen zum Grab und traf hier Isa Buga. Er war ein großer und hübscher Džigit. Und das Wichtigste war – in seinen Augen gab es kein böse Rauheit. Freundlichkeit und Anteilnahme schienen in ihnen.

[31] Die Kinder des Khans spielten oft im großen Garten, der die zerstörte Kirche umgab. Eines Tages, als Isa Buga sich in der Tiefe des Gartens verirrte, blieb er wie erstarrt stehen. Unter einem großen weit verzweigten Baum, unter dem man den vor kurzem erhängten Gjaur beerdigte, saß auf Knien ein in ein schwarzes Kleid gekleidetes Mädchen mit einem Blumenstrauß in der Hand und weinte. Sie war gerade mal zwölf oder dreizehn Jahre alt.  Das Mädchen hatte goldschimmerndes Haar und große Augen, blau und groß, wie das Wasser in einem großen See. Besonders erstaunten den Khan ihre Haare, zu langen Zöpfen geflochten, fielen sie, Sonnenschlangen ähnlich, auf die Erde. Noch reiner und weißer schien ihr umrahmtes Gesicht zu sein.

[32] Komm mir nicht näher!… Komm mir nicht näher und antworte: Wer bist du? Ein Mensch oder ein Džin? Oder bist du vielleicht eine Nixe?

[33] Hier erinnerte sich Isa Buga sofort an die Hinrichtung des Gujars auf dem Platz vor der Kirche. Er hatte die gleichen blauen Augen wie diese Fee. Das bedeutete, sie war in Wirklichkeit ein Mensch und kein böser Geist…

[34] Erst danach richteten sich auf und setzten sich auf die angewiesenen Plätze die zum Rat geladenen Gäste. Neben diese setzte sich auf den silbernen, mit Gold und teuren Edelsteinen geschmückten Steinen verzierten Thron, der Khan Mogolistans. Er saß da, ohne sich zu bewegen und der ganze Saal erstarrte ebenfalls. Drei Farben herrschten hier vor: weiß, blau und golden. Alle berühmten Emirs, Sultans und weitere Teilnehmer, die von Dschingis Khan abstammten, trugen blaue Kaftane und weiße Turbane auf dem Kopf. Die weniger berühmten Gäste, die jedoch auch Herrscher über Städte und Ortschaften waren, trugen weiße Kleider und blaue Turbane. Und die Führer der kasachischen Stämme trugen glänzende, in Gold gebundene Gürtel. Auf dem Kopf trugen sie von Zobel-, Marder- oder Fuchsfell eingefasste Hüte.

[35] Sie konnten sich mit dem Khan Abulhair nicht arrangieren und bitten dich um Gnade, um Erde für die Ansiedlung ihrer Herden. ]Noch haben sie sich auf den Ufern des Talas niedergelassen [… der Grund für die Ansiedlung der Kasachen auf unserer Erde sind die Härte und die Unterdrückung von der Seite des Khans Abulhair.

[36] Im Jahr des Umzugs, noch vor dem Beginn der herbstlichen Fröste, bauten mehr als zweihunderttausend Geflüchtete ihre Jurten an den Ufern und den vom Wind geschützten Vorgebirgen auf. Manche Aule pilgerten noch weiter in die Berge, wo sogar des winters Gras wächst. Der Sultan Džanybek selbst überquerte mit seinem Aul und den Tulenguten das Eis in Richtung des blauen Meeres, zum Delta des Flusses Karatal, wo die Sommerweiden einiger kasachischen Stämme lagen. Dort baute man Winterplätze für die Menschen und ihre Herden auf…

[37] Dies war ein guter Anfang und der sich formierende kasachische Staat nahm ein im Grunde genommen ein riesiges Territorium ein – vom See Telikol‘ bis zum Tarbagtaj.

[38] In Wirklichkeit, gab es zu dieser Zeit in an den unbewohnten Orten entlang der Flüsse, und besonders an den Ufern der Seen eine Vielzahl von Raubtieren, dazu gehörten Panther und Tiger.  Man musste auf das Vieh Acht geben und die nicht angeborenen Jäger und Krieger der Kasachen verscheuchten bald die Raubtiere von ihren Herden

[39] Ein einsamer Weg, zugewachsen mit harten Stacheln und trockenem Schilfrohr, führte in eine verlassene Siedlung. Zu beiden Seiten von ihr – eine steinharte, unfruchtbare Ebene. Alles hier schien düster und geheimnisvoll zu sein. Ein schwarzer Pfahl, behängt mir weißen Fetzen, menschliche Schädel, abgebrannt durch die jahrhundertealte Sonne, erinnerten daran, dass diese Ortschaften in altertümlichen Zeiten, heilig waren, dass hier Opfergaben für die rauen Steppengottheiten gebracht wurden…

[40] Die mogolischen Khans wünschten sich, über das nördliche Turkestan zu herrschen, um die Kasachen zu kontrollieren und für den Notfall diese sowohl aus dem Siebenstromland, als auch auch von den nördlichen und westlichen Grenzen zu vertreiben. Mit dem Tod Abulhairs (…) benötigten sie nicht mehr so sehr den Schild der Kasachen an ihrer Grenze, umso mehr, da Džanybek Anspruch auf die Herrschaft über alle Kasachen erhob, die mogolischen Kasachen inbegriffen. 

[41] Sie wickelten den Körper ihres Khans in eine weiße Filzdecke, luden diesen auf ein Kamel und begaben sich in die Stadt Sozak, über die der zweite Sohn Džanybeks herrschte – Mahmud. Neben dem Mausoleum Abulhairs, das eine blaue Kuppel hatte, errichtete man ein gleiches Mausoleum, in das man Džanybek legte.

[42] Hier verliefen die Wege in die märchenhaften Länder Asiens, vor allem nach Indien, das die empfindliche Seele Peter des Großen lockte. Ein Tor zu den traditionellen asiatischen Märkten rückte Russland in die ersten Reihen der europäischen Mächte

[43] Noch heute findet man auf den Wegen der Flucht in der Steppe Teile von menschlichen Skeletten!

[44] Karawanen des Leides steigen hinab von den Bergen Kasachstans

Und neben jeder Karawane tingelt wehmütig

Das Waisenkind Kamel-klein.

Es ist unheimlich schlimm, die Heimat zu verlieren

Große Tränen lassen uns nicht die Welt sehen…

O, welche Zeit ist gekommen – die Zeit des Leids!

Der Vogel des Glücks verließ unsere bittere Steppe.

Die Menschen flüchten von den vertrauten Orten, wie Vögel, die durch einen Sturm verweht wurden.

Kälter als die frostigen Schneestürme im Winter wird eine weiße Spur von ihnen hinterlassen.

Welche Zeit ist gekommen – die Zeit des großen Leids!

Und es gibt keine Lichtung in der Uferlosigkeit der Zeit.

Wie ein einsamer Baum, zurückgelassen von seinem Wald,

Tauche ich meine Äste im See bitterer Tränen.

Wie hart ist die schwarze Erde, wenn man nackt auf ihr schläft!

Es ist schwierig mit eigenen Füßen auf ihr zu wandern…

Wo sind unsere schnellen Pferde, o Gott?!

O, welche Zeit ist nun gekommen – Die Zeit der Trennung,

Die Kinder wurden zu Waisen…

Es gibt nichts Schlimmeres als den Abschied

Wenn man nicht weiß, sieht man sich wieder!

[45] Auf den Ruinen der Goldenen Horde entstanden drei Khanats: Das kazanische Khanat, das krymsche Khanat und das astrahansche Khanat. Das große Sarai, wohin die Handelswege führten, wohin aus allen Teilen der Erde Karawanen pilgerten mit ungeheuren Reichtümern und von wo aus die halbe Welt den Befehl des Khans erwartete, verschwand. An seiner Stelle nun Sarajčik – ein kleines Städtchen am Ufer des Žaiks. Verwahrlost sehen die Karawansereien aus weißem Stein aus, verblasst und aufgerissen sind die Kuppeln der Moscheen und Schlösser, wo jetzt die astrahanschen und nogaischen Bijs und Murzas leben.

[46] Ich bin hergekommen, ihr Menschen der glorreichen Stadt Saurans, um euch über die glorreiche Vergangenheit zu berichten. So tat man es immer bei uns in der Steppe.

[47] Kein Klang erreicht das Hier und Jetzt aus der riesigen, durch die Hitze eingeschlafene Stadt. Nur das Wasser plätschert weich in den vorhöfischen Gräben und man hört von Zeit zu Zeit das Rascheln des Laubs von den Vögeln, die von Ast zu Ast im Schlossgarten hin und herfliegen. Doch ist es immerhin die zweitgrößte Stadt des Khanats. Die erste – das ewige Samarkand, welches der mächtige Muhammed-Šejbani, der Urgroßvater des Emirs Abdulhairs, zusammen mit dem heiligen Buchara den Timuriden entrissen hat.

[48] Mit ihnen gemeinsam, Steigbügel an Steigbügel, ritt Gauhar, die wundersame Jungfrau Perle, die in der ganzen Steppe bekannt war.

[49] Am äußersten Rand des Takyrs, dort, wo der Sand anfing, streckte sich ein ganzer Berg Menschenschädel aus. Die Knochen sahen alt aus und lagen wahrscheinlich mehr als ein Jahrhundert in der Erde. Wer hat hier einmal diesen Mord begangen? Die Waffen des Tschingiskhans, die Arbazen des Abulhairs oder fand das Ereignis noch früher statt und es waren die Klingen der Angehörigen des Strafkommandos der Šuršuten, die dem Nomadenlager das Leben nahmen?

Und direkt hinter dem Hügel lagen ganz weiße Knochen. Die Fetzen von Kleidung wehten im Wind, und alles war von Asche, die noch nicht vom Wind zerstreut wurde, bedeckt. Hier war bereits klar, dass die Menschen von den Soldaten Kontjuči getötet wurden. Dies geschah letztes oder vorletztes Jahr. In dieser altertümlichen Erde sowie in den Seelen der Menschen, vermischte sich die Vergangenheit mit der Gegenwart und man kann kaum noch sagen wo das eine aufhört und das andere anfängt.

[50] Doch vor allem waren es Menschen, die als Einzelgänger aus Russland in die kasachischen Lande flohen, diese wurden von grausamen, zaristischen Gesetzen verfolgt, der gesetzlosen Opričina. Sie waren von unterschiedlicher Nationalität, doch fanden sie stets eine gemeinsame Sprache, sie vereinigten sich zu Gefolgschaften und nahmen die Namen der Kasachen [im Original: „Kosaken“, hier sind jedoch die Kasachen gemeint) an. Mit diesem alten Namen unterstrichen sie ihre Freiheit und ihren Willen unter dem Gesetz der kriegsnomadischen Demokratie zu leben. 

[51] Nun war es nicht Buchara allein, das alle Wege und Preise für Wolle, Leder und wichtige Rohstoffe kontrollierte. Auf angrenzenden Bazaren konnten die Nomaden nun alle notwendigen Handelsgüter erwerben.

[52] Žienbet verschwand, so als ob er sich in der unüberschaubaren Steppe aufgelöst hätte, die ein ewiges Haus für ihn gewesen war.

[53] An herbstlichen, nebligen Tagen, die

gefüllt sind mit sommerlichen Säften

betrinken sich Schafe und zottelige Kamele.

An frühlingshaften, stürmischen Tagen

die durch die ersten Sonnenstrahlen erhitzt sind,

betrinken sich mächtige Stiere und

Pferde mit festen Brustkörben.

Der Sänger ist trunken durch die Liebe

das ganze Jahr.

In der glühenden Hitze und der grimmigen Kälte

Ich bin immer trunken in Liebe vor dir

Hier ist mein Kopf: Töte die Liebe, mein Khan.

[54]„Džut und eine Hungersnot werden unsere Steppe aufsuchen. Die Khans und Sultans benötigen diesen Krieg. Sie werden angelockt von reichen Schlössern Bucharas. Was haben die Menschen von diesem Krieg?!“

[55] Im Ozean, von wo die Sonne aufgeht, schwimmen bereits russische Schiffe. Deswegen drehen die weisen, chinesischen Ratgeber, die sogenannten Kontajči, mit jedem Jahr immer stärker die Fratze der džungarischen Tigers in Richtung Sibirien, damit dieser die Vene des langen Arms des Zarenweibes, der sich zum Ozean streckt, durchbeißt.

[56] Doch bei alldem war der Anschluss an Russland der einzige Weg in die Zukunft. Alle anderen Wege, wie eine Union mit den džungarischen Nojons, bedeuteten den nationalen Untergang.

[57] Khan Abulhair, so besagen es die Dokumente, wurde von Anna Ioannovna, eine Urkunde überreicht, in der bestätigt wurde, dass – du, Khan der Kirgiz-Kajzaken, Abulhair, sowie die dir unterworfenen Truppen, nun uns unterlegt sein werden.

[58] Der bukolische Chronotopos, wie Dževad Karahasan ihn beschreibt, ist Teil eines Zeitalters, in dem die Zeit langsam fließt, in dem der Mensch mit der Natur in Einklang lebt, uralte Gebräuche zelebriert und sich noch nicht vom der arché entfernt hat. Es sei jedoch hinzuzufügen, dass der bukolische Chronotopos weniger eine Lebensweise ist, sondern wohl eher ein Ideal darstellt. Die Zeit des Sozialismus ist wohl eher dem mechanischen Chronotopos zuzuschreiben. (vgl. Dževad Karahasan: Die Schatten der Städte Essays. Insel Berlin 201.  S. 56-60)

[59] Als Gründungsjahr des Eisenbahnverkehrs in Kasachstan gilt das Jahr 1904, als mit dem Bau der Eisenbahnlinie Orenburg – Taškent begonnen wurde, die Russland mit Zentralasien verband und durch das Gebiet der Usbekischen, Kasachischen, Kirgisischen und Tadschikischen SSR führte.

[60] Hier war sowohl die fortschrittliche russische Intelligenz vertreten sowie die Aufklärer in der kasachischen Steppe, außerdem, die Offiziere der kasachischen Adelsgeschlechter und die Anhänger der Dekabristen, dann auch die zaristische Katorga, die die kasachische Unterschicht in Verbannung und Gefängnis [nach Kasachstan] schickte, dort formierte sich auch unter der Leitung der russischen professionellen Revolutionäre ein Bewusstsein als Klasse.

[61] Hand in Hand erreichten das kasachische und russische Volk sein großes Ziel und es vollzog sich endlich die Vereinigung der Nationen in einem einzigen sozialistischen Staat…

[62] Es gab hier Beamte aber auch kluge Generäle, gut gebildete und denkende Menschen, die wie für den russischen Menschen charakteristisch ist, großzügig und gewissenhaft waren, sie gründeten Schulen und Krankenhäuser in den ihnen unterstellten Gebieten und sie verlangten von den Richtern, Ärzten, Postbeamten, Arbeitern und anderen Beamten, die mit der indigenen Bevölkerung (hier von Esenberlin als „Fremdstämmige“ bezeichnet“) die Beherrschung der Sprache der lokalen Bevölkerung sowie ein Verständnis ihrer Kultur.

[63] Das kasachische Volk gibt von Generation zu Generation die Namen dieser Menschen weiter und ehrt ihr Gedächtnis.

[64] Der orenburgische Bürgermeister, Gneral Nepljuev, befahl die Festlichkeiten zu beginnen und die am nächsten Morgen extra dafür herbeigeschafften Tische wurden im Schatten der Bäume, unweit des Flusses, aufgestellt. Hier gab es alles, was die Kasachen und Džungaren lieben: Fleisch in den verschiedensten Variationen, der beste Kumys, Baursaki. Daneben standen russische und europäische Gerichte, die von dem leibeigenen Koch des Bürgermeisters zubereitet wurden. Man achtete darauf, dass keine Gerichte aus Schweinefleisch angeboten wurden. Dafür gab es Wein, Wodka, Branntwein und Likör im Überfluss auf den Tischen.

[65] Was für ein Fleisch…köstlich! Alle zwölf Teile des Hammelfleisches, das auf dem Tisch lag, verwandelten sich in Berge abgenagter, weißer Knochen.

[66] Den Kasachen wurde nun teilweise gestattet, alle russischen Messen zu besuchen, Felle, Filze und Brot zu kaufen, ebenfalls Gerätschaften, Haushaltsgegenstände, Spaten, Äxte, Messer, Geschirr – alles von bester Qualität und um einiges besser als auf den Bazaren von Hiva und Buhara.“

[67] Der heiße Atem des chinesischen Drachens spürte man schon im Siebenstromland.

[68] Die Steppe, die beschienen war vom Mondlicht, wartete auf den Morgen. Es stand diese verräterische Stille, für die es keinen Namen gab. Und nur ein sehr scharfes, an diese Stille gewöhntes Ohr, hätte dieses ununterbrochene Geräusch hören können, welches die ganze Nacht in Richtung Steppe weht. Einmal erklang etwas…Der erste weißliche Strahl der Morgendämmerung durchbrach das weiße Wölkchen

[69] Bis zur Brust reichte den Kamelen das Gras, die durch das saftige Steppengras, das sich mit jungem Schilfrohr mischte, gingen. Links und rechts bewegten sich die Pferdeherden in einer Masse auf dem Grasland, die Reiter tauchten im Gras unter und tauchten wieder auf. Von Zeit zu Zeit wurde die Kette der Kamele unterbrochen und die durch einen langen Tau aus Wolle verbundenen zweirädrigen hohen Fuhrwerke rollten im Gras.  Darauf folgten wieder die Kamele…ein Wölkchen hing am Himmel und auf einmal fiel die Sonne in die Steppe. Wie teure Edelsteine verteilten sich die Strahlen und leuchteten bis zum Horizont. Es war gerade die zweite Hälfte des Sommers und die Zeit, in der die Steppe einer Braut im Hochzeitskleid ähnelte, war vorüber. Es blieben bloß das smaragdene Grün des Schilfrohrs, die gelb-roten Inselchen der überreifen, stacheligen Blumen. Die Steppe breitete sich aus und in ihr die steilen Seiten der Pferde, die gesättigt waren durch das Gras des Sommers.

[70] Und als die Sonne aufflammte, hörte man sofort ganz klar das stumme, jedoch kräftige Traben, das Schnarchen, Wiehern und das sehnsüchtige Heulen der Kamele, das Aufspringen der hölzernen Räder und menschliche Stimmen.  

[71] Auf den ersten Blick konnte man erkennen, dass es sich hierbei nicht um eine saisonale Wanderung der Nomaden handelte und eines ihrer unzähligen Aule, die verstreut lagen in der grenzenlosen, kasachischen Steppe. Die jungen Džigiten kreisten nicht wie gewohnt zu beiden Seiten der Karawane, flirteten nicht mit den jungen Frauen. Sie bewegten sich langsam und hielten sich in der Nähe der Kamele auf. Auch die älteren Frauen, die auf den Kamelen ritten und eingehüllt waren in weiße Tücher – Kimeški, schwiegen auch. Selbst die kleinen Kinder weinten nicht und lugten nur mit ihren braunen, runden Augen hervor aus den Packtaschen, die zu beiden Seiten der Kamelhöcker befestigt waren. Ein großer See glänzte vor ihnen. Er war umkreist von dichten braunen Fransen des Schilfrohrs und die Steppe, die im Norden lag und von der aus sich die Karawane weiterbewegte, zeigte ihre Nacktheit in einem roten, lehmigen Ton.

[72] Heimaterde, die sich vor unseren Augen verbirgt…

Oh, meine Heimat! Schluchzen würgen uns.

Warum, Gott, warum wird unser unruhiges Volk

Immer und immer weitergetrieben?

Wir sind mit einem geheimen Wunsch aus den geliebten Orten gegangen,

Mit vernebelten Köpfen ins Nirgendwo gegangen

Was findest du im fremden Land mein armes Volk

Was teurer und heimlicher ist als die verlassene Erde?

Unheil und Sorge würgen uns seit Kindheitsjahren,

Der Stiel verliert die Farbe, ohne dass eine Blüte sprießt

Das Schicksal des Korkuten erwartet einen jeden

Oh mein Volk! Du hast keinen Ort unter der Sonne.

[73] Die größte Freude des nomadischen Umherzeihens – Kamele. Zweihöckrige Männchen mit einem zottelgien, bis zur Erde hängenden Fell; hohe und stelzige, solche, die in der Lage sind mit Leichtigkeit achtflügelige Jurten zu tragen; arabische Dromedare; weiße einhöckrige Kamelweibchen. Dann auch noch Schafe und Ziegen. Die Karawane wird von bärtigen Ziegenmännchen angeführt, diese haben ein weiches Fell und riesige schwertartige Hörner, außerdem führen auch Schafe mit seidenem Fell die Karawane an, die Ziegenweibchen reiben ihr Euter am Gras, die kleinen, felligen Zicklein machen Sprünge zur Seite.

[74] Und auch die Menschen hier unterscheiden sich in ihrer Kleidung von den Bewohnern Saryarkas, der Steppe in Zentralkasachstan. Die Männer tragen auf ihren Köpfen große, mit Mustern verzierte Hüte aus hellem Kamelhaar mit Rändern die in die Höhe gebogen sind. Die Kleider haben einen ähnlichen Zuschnitt, samten und pelzbedeckt, sechs vergoldete Steifen sind darauf genäht, die sich von unten nach oben ziehen. Halbpelze, die wacholderfarben sind schmücken die Ränder des Saums und auch die Kragen, die ebenfalls mit Mustern bestickt und von Besatz geschmückt sind. Darunter Kaftane aus Wolle, Hosen aus der Haut von Fohlen, auf den Füßen tragen sie Stiefel mit hohen Absätzen.

[75] Genauso wie die unerträgliche, feuchte Hitze für die Stadt üblich ist, ist für sie auch das heulende Gestöhne der tausend Esel gewöhnlich, das Quietschen der riesigen zweiräderigen Karren (sogenannten Arbas – zentralasiatische Karren mit zwei Rädern für den Transport von Waren, geführt von beispielsweise Pferden oder Kamelen), das aufdringliche Rauschen der schmutzigen Aryks (Bewässerungsgraben in Mittelasien), die die staubigen Straßen der Stadt begleiten…

[76] Die Stadt Taškent, verflochten aus Tausend Mauern (sogenannten Duvals – Umzäunungen oder Mauern, die man in zentralasiatischen Städten antrifft, sie werden zum Zwecke der Abgrenzung eines Hauses oder Hofes gebaut) wirft in den heißen, weißen Himmel die Minaretten der Moscheen aus rotem Backstein und verliert sich gänzlich in dem blauen Staub der Gärten. Genauso wie die unerträgliche, feuchte Hitze für die Stadt üblich ist, ist für sie auch das heulende Gestöhne der tausend Esel gewöhnlich, das Quietschen der riesigen zweiräderigen Karren (sogenannten Arbas – zentralasiatische Karren mit zwei Rädern für den Transport von Waren, geführt von beispielsweise Pferden oder Kamelen), das aufdringliche Rauschen der schmutzigen Aryks (Bewässerungsgraben in Mittelasien), die die staubigen Straßen der Stadt begleiten.

Und auch der berühmte Nauan – Bazar hat seinen altertümlichen Glanz nicht verloren. Die Augen wissen nicht, wohin sie schauen sollen von dem zauberhaften Schimmer des Brokats, des Samtes, der Seide aus Buhara, mit denen die vielzähligen Bänke und Zelte belegt sind. Dahinter, direkt auf den Filzdecken, stapeln sich Berge von Trockenaprikosen, Rosinen, Birnen aus Hiva, Feigen und Äpfel aus Ferghana und chinesische und indische Nüsse. 

Und dort, wo die Honigmelonen beginnen, gibt es keine einzige Stelle, auf die man treten kann. Zu Bergen liegen sie gehäuft: dunkelgelbe Guljabi aus der Steppe Zentralkasachstans, Donjaras aus Samarkand und Vahramy aus Karakum. Dröhnen, Lärm und Geschrei der Verkäuferinnen der Juwelierwaren, die aus allen Richtungen strömen. Wie grell glänzen doch die silbernen Ringe und goldenen Armreife, die sie Menschen ohne jedwede Kenntnis anbieten. Neben ihnen begegnet man einer Vielzahl von Hodschas, Derwischen und Wandermönchen – Qualandars und WeissagerInnen. Sie sitzen mal alleine, mal in Gruppen, meistens im Schneidersitz. Hodschas und Mullahs spielen mit ihren Gebetsketten und sagen Zukünfte mit Aprikosenknochen voraus, sie schreien Weissagungen und erinnern dabei jedes Mal an den Namen des Propheten. Die Derwische und Qualandaras dagegen nehmen die Düfte des Fleisches auf, das auf den sogenannten Mangals gegrillt wird. Sie tragen nur Fetzen, sitzen gebückt und machen einen mitleidigen, ruhelosen Anblick. Ihre Kleidung besteht aus gestreiften Mänteln und die Köpfe sind mit Turbanen bedeckt. Es ist schwer zuzuordnen wer hier handelt und wer hier kauft. Alles kann man hier erwerben von dem armseligen Eigentum des Bettlers bis zum armseligen Gewissen des Reichen…

Pavel Bannikov

Erstes Gedicht aus dem Gedichtzyklus „Der Wind der unterirdischen Nomadenumzüge“ (veröffentlicht in der kasachstanischen Zeitschrift Prostor, im Januar 2024; übersetzt aus dem Russischen von Lena Muchin)

der Riss dringt in die Wand ein, wie das Leben

in die Kunst –

das nackte Leben dringt in die kunstvoll

errichtete Wand ein

der schwarze Riss dringt in

den Raum der weißen Wand ein

der auseinanderklaffende schwarze Bruch breitet sich aus,

teilt das Weiße

wenn man den Fokus verschiebt von der schwarzen Linie

der Katastrophe –

kannst du mir sagen welches Weiß

das Weißeste ist?

erinnerst du dich daran, dass dieses Weiß einst

ein anderes Weiß war?

und außerdem – war das Weiß einmal ganz? wenn man

sich vorstellt

was auf dem Grund des Risses lag – ein Nagel

oder eine Verschiebung

von tektonischen Platten – ändert es

die Tatsachen? ist es immer noch

das Leben, das in die Wand eindringt, ohne zu sehen was

eine Zeichnung, ein Balken, ein Glühen, eine Lösung

ein Handwerk ist?

hast du das Leben für das Leben gehalten, auf

denn Riss blickend

in der Wand ganz am Anfang dieser Jagd

nach dem Bild?

Mit dem ersten Gedicht aus dem Zyklus „der Wind der unterirdischen Nomadenumzüge“, der in der kasachstanischen Zeitschrift Prostor  (Januar 2024 / zhurnal-prostor.kz) veröffentlicht wurde, wirft der Avantgarde-Dichter Pavel Bannikov bei den Lesenden einige Fragen auf, beispielsweise ob sich diese an eine weiße Fläche erinnern, die anders aussah als die, wie sie vom Dichter beschrieben wird: ein Weiß vor dem Weiß – als Gegensatz zum Zeichen, ein befreites Weiß, eventuell die Rückseite des Schwarzen, die Implosion des Zeichens. Die Sprache ist weder lautmalerisch noch in ein Spiel versunken, sie ist klar und sinnhaft. Bereits die ersten Verse der ersten Strophe des Gedichts (der Riss dringt in die Wand ein, wie das Leben / in die Kunst -) eröffnen die Ausweitung des Räumlichen. Die Farbe des Risses wird in der ersten Strophe benannt (der schwarze Riss dringt ein in / den Raum der weißen Wand). Es handelt sich also weder um Rost, Schimmel oder irgendeine Verätzung. Die Farbe schwarz ist die Farbe von Teer, Dunkelheit; Erdöl kann schwarz sein und natürlich Tinte.

Weiterhin ist die Rede von einer Katastrophe (wenn man den Fokus verschiebt von der schwarzen Linie / der Katastrophe -), möglicherweise eine Katastrophe des Denkens, eine Verwirrung etwa durch zu viel Entropie, zu viel Zeichenhaftes, zu viel Schwarz. Und wenn der Fokus doch verlegt werden kann – von dem schwarzen Riss auf das Weiße (wenn man den Fokus verlegt von der schwarzen Linie / der Katastrophe -), fragt sich der Dichter, und ein Moment der Hoffnung tritt ein – kann der schwarze Riss in der Landschaft unseres Unterbewusstseins ausradiert werden?

Der Leser fragt sich natürlich auch nach dem Kontext des Titels des Gedichtzyklus und wie dessen Bedeutung mit dem Inhalt des ersten Gedichtes in Verbindung steht. Stellt der schwarze Riss vielleicht die Erinnerung dar? Wenn ja, dann ist der Bezug zur kasachischen Geschichte offensichtlich. Unterirdische Nomadenumzüge finden statt und verursachen einen Wind. Hier gibt  es Erinnerungsmomente der Kollektivgeschichte zu trennen. Mit der Errichtung der sozialistischen kasachischen Sowjetrepublik entstanden in der neuen sozialistischen kasachischen Literatur folkloristische Mythen, die Notwendigkeit der Form wurde negiert. Diese wurde nun national imaginiert.

Subtil spricht das Gedicht durch den Titel auch den Klang von Sprache an. Er ist unterirdisch und gleicht einem Wind, ein Antagonismus, da unterirdische Winde nicht existieren. In der ersten Strophe des Gedichtes ist die Rede von einer „kunstvoll errichteten Wand“, die weiß ist. Möchte der Dichter damit sagen, dass jede Kultur ihr eigenes „Weiß“ hat, ihre eigene Vorstellung von Leere, von dem was hinter der Sprache liegt und nicht zu äußern ist, außer durch einen Eingriff in der Form eines schwarzen Risses? Die Jagd nach dem Bild, wie Bannikov den Blick auf den Riss bezeichnet – ist sie gleich zu setzen mit der de Saussur’schen Arbitrarität des Zeichens? Können wir uns also erst durch den Signifikanten vorstellen, was dahinter liegt oder existiert eine bildhafte Vorstellung außerhalb der Sprache? Wäre es animistisch anzunehmen, dass die Sprache des Windes (eine organische, natürlich entstandene, und nicht künstliche erschaffene Literatursprache), Bedeutungen transportieren kann, wenn sie auf das menschliche Bewusstsein stößt?

All diese Fragen bleiben offen und der Leser froh darüber, auf einen Kunstbegriff anzutreffen, der Kultur als Erinnerungsort versteht, welcher durch kunstvoll angelegte Wege begangen werden kann. Schwarze Risse als Spuren im Schnee, als Linien, verursacht durch das nomadische Umherziehen, Begrifflichkeiten, die durch Retrospektive erneuert werden können und befreit vom Ballast eines beispielsweise flachen Raumes des Sozialistischen Realismus.

Ein paar Zeilen zu der Erzählung „Kara Zholdos“ („Der Schwarze Stern“) von Bahytzhan Momyshuly und Jurij Serebrjanskij

„Der Schwarze Stern“ (russ.: „Chernaja Zvezda“, kas.: „Kara Zholdos“) lautet der Titel der phantastischen Erzählung, benannt nach seinem Protagonisten Kara Zholdos und geschrieben von zwei kasachstanischen Autoren, nämlich Bahytzhan Momyshuly und Jurij Serebrjanskij. Der erste Autor legte die Grundlage für die Erzählung, entwickelte das Sujet um den Pilger Kara Zholdos und führte den Text bis zu jener Stelle, wo Serebrjanskij anknüpfte und das Sujet weiterspann. Traditionelle Bildnisse und Allegorien, wie sie Momyshuly entwirft, werden abgelöst von einer metaphorischen Erfassung der modernen Welt durch Serebrjanskij.

Die Erzählung beginnt mit der Geburt des Königssohnes Kara Zholdos. Kaum ist das Kind auf der Welt, betritt ein riesiger, weißer Wolf das Filzhaus: „Er näherte sich dem Jungen, leckte seinen kleinen Körper und blickte fragend auf die Herrin [die Königsmutter Adzhe]“. Der Wolf wird den Prinzen im weiteren Verlauf der Geschichte zur Seite stehen, denn vor ihm liegt eine Pilgerschaft, die mit seiner Auserwähltheit in Zusammenhang steht. Ein Zeichen dafür ist das Muttermal in Form eines schwarzen Sterns im Nacken des Prinzen.

Der Vater des Prinzen, König Dasch-Demur, beruft eine Versammlung von Fürsten und Weisen, sogenannten Bashhelers, die am Ende feststellen, dass der Prinz ein Auserwählter des Himmels ist und der Stern im Nacken ein Zeichen dafür. Auch Adzhe ist sich dieser Auserwähltheit bewusst und ist der Meinung, dass ihr Enkel das Rätsel um den schwarzen Stern wird selbst entschlüsseln müssen. Eine Stimme sagt ihr: „Dein Enkel, Herrin, wird nicht den Weg des Kriegers gehen, er wird nicht nach Macht streben oder nach Reichtum, sondern nach Weisheit, und deren Weg ist unendlich.“ 

Interessant für den Leser der Lektüre der beiden kasachstanischen Dichter ist hier der Heimatbegriff. Heimat wird hier als Raum zwischen den Sternen imaginiert. Die Sterne sind auch das, wo die Verstorbenen hingehen. Eine Heimat ist also nicht zwangsläufig an ein Land gebunden.

Tiere sind im Roman „Der Schwarze Stern“ beseelt und verfügen über menschliche Eigenschaften und Gefühlsregungen: die Wölfe heulen aus Sorge und Leid, die Adler hüllen sich in Trauer nachdem die Mutter des Kindes stirbt. Der Tod der Königin wird von ihrer Schwiegermutter beweint, in Klageliedern und phantastischen Bildern; hier weinen die Drachen, zerbrechen sich die Flügel die Adler und der Begriff der Seele wird eingeführt, die von den Angehörigen des Toten nicht zu lange beweint werden darf, damit sie in den Himmel ziehen kann. Sie, so imaginiert es der Autor, wird sich über die Milchstraße erheben, zu ihrem eigenen Stern, der ihr zur Heimat in der Ewigkeit wird. Erlösung erfolgt hier kanonisch als Erlösung von, und zwar von der Schwäche und Schwere der Seele auf Erden.

Als Kara Zholdos ins Erwachsenenalter kommt, wird er von seinem Vater für die bevorstehende Pilgerschaft gesegnet und mit einem Reittier sowie zwei Wölfen-Begleitern ausgestattet. Die Dame-Wölfin verrät ihrem zu Beschützenden eine Weisheit, und zwar dass alles Materielle, und so auch die Steppe, endlich ist und irgendwann vergeht. Gott trägt den Namen Dangru in dem Roman. Er ist Gott – Schöpfer und die Menschen sind seine Schöpfung. Die Überwindung der Seelenarmut wird zur Aufgabe, vor die der junge Pilger gestellt wird.

Selbstentsagung wird beschrieben als Mittel zum Zweck der wahren Selbstwerdung. Steppe wird hier zum Raum des Durchgangs, zum Durch-Wolf-Gang-Raum, des Durchtretens der Materie und ihrer Öffnung zur sakralen Sphäre. Wir, so der Autor, seien jedoch irdische Wesen, Gäste auf dem Planeten Erde und es sollte nicht unsere Aufgabe auf der Erde sein, die himmlische Sphäre zu verstehen. Doch die Dunkelheit zu deuten ist uns erlaubt, dafür hat Gott uns die Gestirne gesandt.

Eine Begegnung mit der bösen Hexe Dzhesternag führt zu einem Kampf zwischen ihr und dem Prinzen. Letzter gewinnt und spricht nach ihrem Tod ein Gebet über ihrem Grabmal. Die Hexe wird Geschichte, ein Grabmal deutet daraufhin, dass auch sie Teil unserer Welt ist, dass auch sie würdevoll ist und an ihre Person erinnert werden soll. Interessanteweise bemerkt es die Wölfin, dass ihre Großmutter, die graue Wölfin, ihr bereits von Dzhesternag erzählt hatte. Wie soll man sich diese Hexe vorstellen? Eine Illustration der Hexe (Das Buch wurde sehr filigran von Assol‘ Sas illustriert) hilft dem Leser auf die Sprünge. Dzhesternag trägt ein buntes Kostüm und einen schwarzen Rock. Eine Schamanentrommel und ein Buch sind ihre Accessoires, über dem Gesicht befindet sich ein Tierschädel. Das Bildnis lässt den Betrachter erschaudern. Der Text beschreibt die Hexe im Flug, ihre langen, scharfen Krallen von roter Farbe leuchten in der Sonne.

Weiter führt der Weg Kara Zholdos und die Wölfe in eine Stadt, die an eine Stadt irgendwo in Zentralasien erinnert. Sie treffen auf freundliche Menschen und erreichen einen riesigen Platz, der von grünen Bäumen umsäumt ist. Und es steht auf dem Platz der Stadt, der von den Pilgern betreten wird, tatsächlich jemand – ein Mensch aus Fleisch und Blut, dessen Gesicht wie aus Erde gemacht ist. Die Figur sieht seltsam und fremd aus, inmitten der an ihm vorbeigehenden, festlich gekleideten Menschen der Stadt. Werden hier die Verhältnisse umgekehrt? Ist die Menschenstatue nichtig und arm und die Menschen um sie herum frei und unabhängig? Ist die Statue in Wahrheit nur ein Abbild einer starken Führerfigur, dessen charakterliche Schwächen hier versinnbildlich werden? In eine Schale, die vor der Figur steht, werfen die Vorbeigehenden Almosen.  Von einem Städter erfährt Kara Zholdos, um wen es sich bei der ärmlichen Figur handelt. Diese Gestalt kommt aus einer anderen Welt und ist voller Sorge und Scham und sie ist nur deshalb auf dieser Welt, um Erbarmen und Herzlichkeit ihrer Bewohner zu erfahren. In einer anderen Welt verfügt die Figur jedoch über einen immensen Reichtum. Dieser Reichtum gehört nur dem Körper, nicht der Seele.  Die Moneten, die der „verkehrte Held“ von den Städtern erhält, tragen alle Wörter wie „Mitgefühl“, „Freundlichkeit“ und „Gewissenhaftigkeit“ auf ihrer Oberfläche.  Der Leser errät leicht, dass die Figur eine Art Spiegel eines demagogischen Herrschers darstellt, der für sein Volk nichts übrighat und erst am Ende die Erkenntnis macht, dass er Buße tun soll und das Volk um Verzeihung bitten. In dieser glücklichen Stadt wollen die Wanderer rasten. Glücklich ist die Stadt wahrscheinlich deshalb, weil innerlich und äußerlich Friede herrscht: „Niemand beachtete die Pilger, jeder hier, so schien es, war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, auf den Gesichtern der Vorbeigehenden lag ein Lächeln und es fiel auf, dass es nicht an das gegenüber gerichtet war.

Die Eindrücke der Umgebung wirken auf die Wanderer wie Postkarten und ändern sich innerhalb einer kurzen Zeit, mal ist die Fontäne fröhlich, dann wirken sie und die Bäume plötzlich bedrohlich. Der schnelle Wechsel der Wahrnehmung lenkt von der Monotonie der Steppe ab. Die Stadt ist sicherer Zufluchtsort und das Unbekannte zugleich. Die Wanderer werden von dem Herrscher Ol in seine Gemächer eingeladen, um dort zu nächtigen. Doch der nächste Morgen bringt nichts Gutes. Die Wölfin, Kara Zholdos‘ treue Begleiterin und Ziehmutter, wurde getötet und zwar von zwei menschenähnlichen Wesen mit gehörnten Köpfen. Auch der männliche Wolfbegleiter muss sich von einem Giftanschlag erholen. Ist es der Todestrieb, der sich gegen die instinktive, wölfische, wilde Natur richtet und für diese schlimmen Taten steht? Die Ausrottung des Wolfes als Angsttat, als Angriff auf die eigene, individuelle Vergänglichkeit?

Der weitere Weg des Pilgers und seines wölfischen Begleiters soll die beiden zu den westlichen Grenzen führen. Ein reißender Fluss ohne Brücke wird sie erwarten und der Bau eines Floßes. Dafür stellt Ol den Pilgern professionelle Bootsbauer zur Verfügung. Bei der Ankunft am Fluss bemerkt der Prinz, dass hier des nachts am Himmel gänzlich andere Sterne leuchten als in seiner Heimat. In der Erzählung von Momyshuly und Serebrjankij verkörpert der große Dangru (hier erinnert das Wort an die mongolische Bezeichnung für Himmel -> „Tengri“) das Göttliche. Der Wolfsbegleiter erkennt dies und ordnet alles seinem Willen unter. Dangru ist der Schöpfer: „Wir sind geboren, um unter diesem Himmel zu leben, jenen, den er [Dangru] erschaffen hat als Zeichen der Erinnerung und der Unendlichkeit der Schöpfung. Christliche Motive tauchen hier auf – der Widersacher wird in Form von gehörnten Wesen dargestellt, die auch für den Tod der Wölfin verantwortlich sind.

Die Herren und Herinnen der Erde des anderen Ufers, blinde Menschen, erlauben es den Pilgern in ihrem Land zu nächtigen. In einem Holzhaus werden sie zu einem Mahl eingeladen, bei dem die Gastgeber die Knochen des verspeisten Fleisches auf die Erde werfen. Ein Trauma, über das sie nicht sprechen, scheint über den Bewohnern des anderen Ufers zu liegen. Sie sind nicht nur blind, ihre Gesichter und Hände sind von Narben übersäht. Die Bewohner tragen außerdem keine Namen und verfügen auch nicht über ein Namensgedächtnis. Im Dialog mit den Bewohnern des anderen Ufers stellt Kara Zholdos fest, dass das Namensgedächtnis an schmerzhafte Ereignisse gebunden ist, an Traumata, die durch Kriege ausgelöst wurden. Im Augenblick dieser Erkenntnis heult der graue Wolf auf, so als seien Worte nicht mehr aussprechbar.

Interessanterweise stellt der Leser fest, dass die Begriffe „Westen“ und „Osten“ hier gänzlich befreit sind von Konnotationen. Zwar betont der Erzähler stets, dass sich die Pilger gen Westen bewegen, doch lässt er dem Leser die Wahl, sich die Bewegung auch in Richtung der östlichen Welt vorzustellen. Die Ankunft bei einem Abgrund, der durch eine natürliche, von Felsen gesäumte Grenze und eine Nebelwand gekennzeichnet ist, erinnert an das Ende der Welt. Ein neuer Horizont sticht hervor und eine Stadt erscheint hinter dem Abgrund. Khara Zholdos steigt den Abgrund hinab, alles ist von Gestein umgeben und weder Pflanzen noch Tiere erscheinen im Umkreis. Das Hinabsteigen ähnelt jedoch einem horizontalen Gehen bzw. Sehen – einem Lesevorgang möglicherweise. Als er beim Abstieg auf einen grauhaarigen Einsiedler trifft, der ihn dazu einlädt in seiner Höhle zu übernachten, nimmt der Schwarze Stern die Einladung an. Welche Rolle spielt der Einsiedler in dem Textkorpus, der ja einen Landschaftskorpus abbildet? Eremiten existieren in jeder Kultur und Religion. So gibt es beispielsweise auf dem Territorium Zentralasiens Eremitenhöhlen, wie die Sufihöhlen am Kaspischen Meer, die zum meditieren genutzt wurden. Meistens benötigen diese Menschen nicht viel zum Leben, wie man auch aus dem Mund dieses Einsiedlers erfährt: „Fladenbrote und Gedanken – mehr brauche ich nicht für meine Existenz.“

Khara Zholdos erreicht die Stadt und betritt diese durch ein Tor aus Lehm, das gänzlich verstaubt ist. Auf einem Platz inmitten der Stadt nimmt der Prinz die Umgebung wahr: Menschen und gehörnte Wesen leben dort. Letztere bestrafen die Menschen, genauer die Schamanen und Schamaninnen unter ihnen, weil diese den Regen beschworen haben. Anschließend findet eine Versammlung auf dem großen Platz statt. Bewohner und SchamanInnen vertreiben die Gehörnten mit Feuerfackeln, doch dann beginnt die ganze Stadt zu brennen. Als jedoch Khara Zholdos einen Schluck aus seiner Trinkflasche macht, bildet sich eine große Fontäne, löscht das Feuer und ein Regenbogen entsteht. Die Fontäne ist möglicherweise ein Kunstwerk für die Heilung von Traumata, der Regenbogen ein Handzeichen des Göttlichen, dass dieser Weg der richtige ist: durch künstlerische Interaktion zwischen den Kulturen können Kriege und Machtmissbrauch beendet werden.

Ulja Nova: Erzählungen. Originaltext befindet sich auf daktil.kz in der Dezember (2023) – Ausgabe, übersetzt wurde der erste Teil des Originals

Die lila Allee. Die letzten Nachrichten von heute

Zu dieser nächtlichen Stunde bin ich es – die Hauptallee,

Ich – der Spiegel der Seegewässer!“

Jerard de Nerval

1. 

Die letzten Nachrichten von heute:

Die Opposition plant keine maßstäblichen Aktionen bis zum Herbst 

Was versteht sie, wenn sie dort unten steht? Unter den Linden – in der Befremdung und Verwirrtheit?

Meistens versteht sie nichts. Vor Wut ist sie wie abgestumpft, vor Ärger wie blind. Die Wörter fallen auseinander, zerfallen in einer Schwäche, überhaupt irgendetwas auszusprechen.

Dazu kommt noch, dass um sie herum die Stadt rauscht. Wie eine riesige Fabrik. Ein nicht enden wollender Schwal von Geräuschen. Und es scheint, als würden die Gebäude schweigen. Dafür knistern, rauschen, säuseln die Seitenstraßen, die gelassen ihr gewöhnliches Leben leben.

Und das was mit ihrem Schicksal geschieht, geht niemanden etwas an, hier ist es irgendetwas, was ankommt, weggeht, eine Straßenszene. Ein Sandkorn-Schicksal. Eines von tausend solcher Vergänglichen.

Es starben 9 von 14 Fallschirmspringer, die ein Waldfeuer löschten

Und sie steht unter den Linden und kann sich nicht bewegen. Es ist Mitte Juni, alles ist in leuchtendes Licht getaucht, in heißes honigartiges Leuchten. Die Sonne fällt endlos auf die Allee, zerfällt in Lichtstrahlen, rote und regenbogenfarbene Formen spielen in den zotteligen Linden.

In der Luft fliegt Pappelstaub, es scheint als sei dieser von den Hinterhöfen auf den Bürgersteig geweht worden, seine bauschigen Flocken bewegen sich unter den Leitungen. Auf dem Schotter scharren jemandes Schritte. Auf der Bank sitzt ein Pärchen, das wie ein Denkmal aussieht. Zwischen den Tischen, auf dem Rasen spielt ein Setter. Zwei Freundinnen fließen die Straße entlang und unterhalten sich, die eine trägt auf dem Kopf ein Mützchen mit Rüschen, die einem Lampenschirm ähnelt, die andere hält in der Hand ein Strauß Maiglöckchen, solche, die man stiehlt und dann neben der Metro verkauft. Doch sie sieht nicht. Nicht das Schimmern der Strahlen. Nicht die Gesichter der Vorbeigehenden. Die Stadt wurde ausgeschaltet, die Lindenallee hat sich aufgelöst und keine Spur hinterlassen. Sie ist ganz alleine auf dem Pfad, sie berührt die Schlaufe ihrer Tasche, und um sie herum der Abgrund, der Zerfall, man könnte in Heulen ausbrechen, doch sie kann sich nicht bewegen. Sie steht da ohne zu blinzeln. Und warum auch immer, aber sie merkt sich diese Augenblicke und schaut ihnen hinterher. Nur der Klang von Schuhsohlen, die den Schotter des Weges berühren, erklingt und erfüllt die ganze Welt. Nicht auszuhaltende, schnelle, verschwindende Schritte. Die Schuhspitzen lassen die Steinchen aufspringen. Heiße, sommerliche Luft. Seltene, in der Gedankenverlorenheit schwebende Flöckchen.

In Nigeria ist ein Passagierflugzeug auf eine Stadt gefallen

Und jedes Mal, dort in Mitten der Allee, formt sie ihre Hände zu Fäusten und presst die Nägel gegen die Handfläche. Abgeschnitten. Viel zu früh ausradiert und für immer ausgegrenzt. Verbannt. Vertrieben. Sie versucht aus aller Kraft nicht zu weinen, flammt dabei auf, auf einer langsamen Flamme des Bösen, des Leides, der Verwirrung. Sie spürt wie eine bevorstehende Explosion schmerzt und brennt.

Und er geht einfach weg. Drückt seinen Aktenkoffer unter der Achsel fest an seinen Körper und geht eilenden Schrittes immer weiter und weiter. Noch schneller, er drückt sich fast zusammen, drückt seinen Kopf gegen die Schultern, nur nicht zurückschauen, nicht sie anblicken, wie sie hinter ihm zu einer Eisfigur erstarrt ist. Für ihn ist jetzt das Wichtigste – an diesem letzten Tag, keine Schwäche zu zeigen, nicht zurück zu blicken, ihren Blick nicht aufzufangen für die Verabschiedung. Noch exakter – ihre blauen, bodenlosen Augen, die zitternden Untiefen, die zurückgehaltenen Tränen und eine stumme Frage, bitter wie das ganze Meer. Das Wichtigste ist nicht das Kornblumenfeld ihres Blickes zu sehen, das unruhig ist wie durch einen Wind vor dem Gewitter. Er verschnellert seinen Schritt, in der Panik der Flucht hat er Angst zurückzutreten und ausversehen seinen Fuß umzuknicken. Er rennt fort, so als ob Läufer hinter ihm her seien.

 Das Grand-Prix-Festival bekam einen Film über Adoptiveltern

Das Denkmal für den Dramaturgen wartet gelassen am Ende des Boulevards. Ein Mann mittleren Alters mit einem spitzen Bart drängt niemanden, rät niemanden etwas. Ausgegrenzt und allwissend, innerhalb seines kurzen Lebens hat er es geschafft mehrere Familiengeheimnisse zu enträtseln, Streitereien, Trennungen, feste, zwischenmenschliche Verknotungen. Nun schaut der Dramaturg in die Weite über die Straße der Einfamilienhäuser, Büros, Theater und Geschäfte, unter deren Aushängen sich weiß Gott was verbirgt. Er ist niemandes Überbringer von Nachrichten mehr, kein Zeuge, keiner, der Mitgefühl empfindet. Er ist erstarrt in dem Lichtschimmer, in dem zwei Reihen Lindenbäume stehen. Und er wartet teilnahmslos auf den Flüchtling.

Auch sie steht wie erstarrt da – inmitten des Boulevards, wegen des unterdrückten Schluchzens und dem nicht Zusammenkommen des Gesprächs. Weder Erklärungen, noch Vorwürfe, weder Streit noch Abschiede. Nur eine unerwartete Kluft, ein Abgeschnittensein, eine abrupte Klinge des Abschieds. Sie versucht sich zu erinnern, in ihrem Geiste die heutigen Worte zu drehen. Was habe ich heute besonderes gesagt, stacheliges, endgültiges? Welches Wort ist diesmal abgetreten? Welche Umdrehung der Rede wurde zu einem zufälligen Sandkorn auf der Schale der Waage, der sie weggestoßen hatte, und ihn auch – um zu laufen?

Sie schluchzt, neben ihr heult die Sirene eines Krankenwagens. Am Himmel über dem Boulevard schwebt ein Hubschrauber. Eine Studentenschar nähert sich mit den Sträußen von Flieder. Karohemden, die bis zum Ellenbogen gefaltet sind, Milchwaden, die sich aus Schuhen mit Absätzen in die Höhe heben. Doch der Riss der Trennung blutet und wartet ohne Geduld. Am besten man presst den Mund zusammen. Und heult und beißt sich in die Handfläche.

„Atme aus, und vergesse bitte nicht zu atmen“, flüstert sie sich zu.

-2-

Die olympische Fackel hat einen berühmten Bobslayfahrer beim Staffellauf angezündet

Ebenda, auf dem Boulevard: nach einem Jahr / nach zehn Jahren. Ihr Leben entgleitet ihr die Lindenallee entlang. Einer nach dem anderen verschwinden, ohne sich umzudrehen die Freunde, Liebhaber, Verlobten. Und man meint, man kenne sich noch nicht so lange, man sei nur ein paar Mal nach der Arbeit bis zur Metro spaziert, hat sich locker für einen Kinobesuch verabredet. Irgendwann vielleicht, eventuell nächsten Samstag? Und plötzlich springt man von ihr entlang des Boulevards in die Richtung des Denkmals.

„Sei ja vorsichtig, trete lieber zurück, mein Liebling!“, flüstert sie ihm nach gnadenlos und hilflos.

In Indien hat man 11 Menschenhändler festgenommen, die mit Säuglingen handelten.

Der zwölfte, zwanzigste, einundzwanzigste, neunundzwanzigste Juni – Jahr für Jahr. Zum dritten Mal bemerkt sie darin irgendeine Gesetzmäßigkeit, eine sich bewahrheitete Verschwörung, und sie beschließt zu kämpfen und das ganze irgendwie zu überspielen.

 Sie versucht dieses Teufelsmärchen irgendwie zu überlisten oder anzulügen. Obwohl sie nicht versteht, womit sie es eigentlich zu tun hat. Deswegen bricht sie für alle Fälle ab. Sie läuft den Pfad des Boulevards entlang, läuft die Lindenallee entlang – weg von sich selbst. Zur Metro. Zur Tramstation. Blind, erratend, heimlich, beschließt sie irgendeine andere mögliche Rolle zu ergattern, ja wenigstens zu erhaschen. Vor Empörung wirft sie sich an die Ränder. Nach einem nächsten Riss sammelt sie ein anders Ich ihres Selbst eilig vor dem Spiegel. Sucht danach, spielt es sich selbst vor und bestätigt vor sich selbst eine neue Sammlung von Lachen, Gesten, Bewegungen. Fuchsgang. Adlerblick. Schafshaut. Wasser wie von einer Gans. Nun ist sie eine Geflüchtete, Geflohene vor dem bösen Verhängnis, sie ist dazu verpflichtet ihr wahres, erschrockenes Gesicht zu verstecken, das bereit ist jeden Moment in Tränen auszubrechen.

Der Mörder des britischen Abgeordneten wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

Nach der Dauerwelle – ein Karoschnitt im Stil der Zwanziger. Danach Fuchslocken. Ein blonder Igelschnitt. Dann zurückgekämmt ein Haarteil in der Form eines Pilzes. Ein tadelloser Pony, der die Stirn verbirgt. Hellblonde Wellen, schon wieder Locken, der rasierte Schädel eines Waisenkindes mit einem Ohrring im rechten Ohr. Rote Zöpfe des Mädchens in einem Schottenrock. Ein schwarzer, fliegender Flügel bedeckte während des Gehens das Haar.

Der Preis für ein Fass Erdöl Brent ist tiefer als 59 Doller gefallen.

Natürlich, sie ahnt es schon: es ist gar nicht mal so einfach diese kühle Durchsichtigkeit zu verstecken, es ist nicht einfach die marmorne Weiße / die eisige Zerbrechlichkeit zu überspielen. Und vor allem diese ewige Bläue der venösen Äste, die durch die Haut durchdringt. Sie schlängelt sich auch auf den Schläfen, Handgelenken, auf den Knöcheln. Doch sie gibt nicht auf- sie sucht wieder aus, probiert wieder an vor dem Spiegel, kramt: wie soll man hier nur schlau vorgehen. Als wer soll man sich vorstellen, wie sich präsentieren, in wen soll man sich dieses Mal verwandeln. Und laufen, laufen ohne sich umzuschauen vor sich selbst / vor dem bösen Verhängnis / vor der sich bewahrheiteten Verschwörung.

Mal ist sie Ljollja. Mal ist sie Vera. Mal Nadezhda. Und dann noch Ljubov‘. Doch jede Requisite. Jede Schminke, jede Rolle endet in der Lindenallee. All ihre Verwandlungen drehen sich um Eines und führen zu dem Einen, das immer Dasselbe ist: das Leben läuft vor ihr weg, auf dem Schotter scharrend. Das Leben in einem Karohemd mit kurzen Ärmeln reißt ruckartig den Rucksack von den Schultern, drückt dich an seine Brust, läuft weg ohne sich umzuschauen. Sogar der Rücken unter dem Hemd wurde nass. Auf der Bläue verschwimmt ein Fleck-See. Ein akkurat geschnittener Nacken und der Hals in einer anstrengenden Haltung – die Hauptsache ist man dreht sich nicht um. Die Hauptsache man sieht bei der Verabschiedung noch Mal den Vorgewitterblick, der das Schluchzen verbirgt, – die Hauptsache man taucht nicht in ihn ein, und ertrinkt nicht für immer in ihm.

Und sie steht unter den Linden – die verdammte Nymphe, die von dem Himmel runtergeworfene Göttin. Und manchmal   – ein verlassenes Mädchen, das verzauberte Fräulein aus dem blauen Wagen, an den zwei blaue Schwäne eingespannt sind. Doch warum nur, warum nur hat die Zauberkutsche mit dem blauen Blätterdach schon wieder kein Glück gebracht, den Wunsch nicht erfüllt, sich nicht zu Staub aufgelöst?

Eine kurze Notiz zum Roman Sibir von Sabrina Janesch

In ihrem Roman Sibir konzipiert Sabrina Janesch einen kaleidoskopischen Raum von Identitäten, die um Kasachstan, Deutschland und den Raum SIbir kreisen, der ebenfalls mit Zentralasien in Verbindung steht.

Lejla, die Tochter des für zehn Jahre in die kasachische Steppe verbannten Josef Ambacher, erinnert sich in Fragmenten an die Kindheit ihres Vaters. Kasachstan, so Lejla, sei für sie ein Wort, das sich selbst jetzt noch, Jahre nachdem sie das Land bereist hat, ein wenig fremd in ihrem Mund anfühlt. (S.203)

Die Heimkehr der Zehntausend – das sind diejenigen, die nach ihrer zehn Jahre währenden Kriegsgefangenschaft (es waren Kriegs – und Zivilverschelppte) einen Neuanfang in Deutschland wagten. Nachdem was sie erlebt hatten in der Steppe, schwiegen sie in ihrer alten neuen Heimat: „Die meiste Zeit wurde so lautstark geschwiegen, dass ihnen allen die Ohren dröhnten.“ (S.205)

Die Geschichte um Josef Ambacher und dessen Familie wird hier erzählt, Leilas Vorfahren, die sich im Ort Mühlheide, in Norddeutschland niederließen. Es fühlte sich jedoch nicht nach Heimat an.

Während seiner Kindheit in Zentralasien spielte Josef am Fluss Sartschaly, beobachtete Libellen und Wasserwanzen und wusste genau „in welcher Pappel die Turteltauben ihre Nester haben, wo Johannisbeeren, Hagebutten und Berberitzen heranreiften…“ (S 218)

Josefs Nachbarn lebten in Erdhütten, während sein Vater Abraham auch Harla genannt, der Familie eine richtige feste Behausung errichtete und eine Mauer, die die Familie vor der Steppe schützte, ja abschottete (S. 219)

Josefs Kindheit in Kasachstan war von Hunger geprägt. So angelte er am Fluss und machte Jagd auf Enten und Ziesel. Als er es jedoch vor Hunger nicht mehr aushielt, fiel er über die Hagebuttenmarmelade seiner Tante her und wurde von ihr und seinem Onkel in der Steppe ausgesetzt. Wer ihm half, war Tachawi, ein kasachischer Nomadenjunge, mit dem Josef die Schule besuchte.

Worte aus der russischen und kasachischen Sprache tauchen im Roman auf bei der Stelle, wo die beiden Kinder den Aul erreichen, der an den Wald grenzt: Wald (deutsch), les (russisch), orman (kasachisch). Die Trennung des Wortes in drei Sprachen zeigt, dass hier drei Kulturen einander begegnen, miteinander teilen und beistimmte kulturelle Anteile adaptieren.

Doch Josef und Tachawi verlaufen sich in der Steppe und finden sich auf aufgegebenen Weidegründen wieder. Hier klingt die alte, vorsowjetische Geschichte an, die der kasachischen Nomaden nämlich. Diese migrierten, bis die Sowjets die Macht über ihr Land übernahmen, von Weide zu Weide.

Die Kinder werden vom Hirten Bosdak gefunden. Dieser hat seine Schafherde, einen Hirtenhund und das Kamel Ak-Bota dabei. Ihr Verschwinden jagt den Verwandten jedoch Angst ein und man führt dies auf einen bösen Dschinn zurück, der von der Greisin Bis-Bikesch durch das Ausräuchern des Hauses mit Kräutern verjagt wird.

Bis-BIkesch, so Josefs Vater, repräsentiert alles Kasachische: das Ungebundene und das Verwurzelte, das von alters her Angestammte und das frei Strebende.“ (S. 248)

Doch im Roman ist nicht nur von den verschiedenen Kulturen die Rede, sondern auch vom großen Schweigen, eine Anspielung auf Stalins Befehle die eigene vorrevolutionäre Geschichte nicht anzurühren? Josef, so Janesch, stellt ständig Fragen an seine Großmutter, doch sie schweigt.

Diesem großen Schweigen will Lejla, die Tochter Josefs, Jahrzehnte später ein Ende setzen. Hier geht es auch um den Alltag in Deutschland, um das Verzehren von Sonnenblumenkernen und dem Plan ein Haus am See zu errichten. Die Aussiedler tauschen sich aus mit den Altsibirern, teilen ähnliche Vergangenheiten und Zukünfte.

Eine dieser Vergangenheiten ist die Gemischtwarenhandlung von Tjotja Katja, ein Ort des Austauschs, an dem die Dame Brotsaft, Birkensaft, Sanddornsaft, Selbstgebrannten und diverse Beerenliköre verkauft. Hier fand sich ein „wer es sich leisten konnte. Die Kasachen hatten, wenn es um Gerüchte, Nachrichten, Klatsch und Tratsch ging, das lange Ohr der Steppe, die Russen hatten Tjotja Katja.“ (S. 277)

Das Ende des Romans setzt ein riesiges Lagerfeuer ins Zentrum, bei dem Lejlas Vater Josef Ambacher sein Hab und Gut verbrennt, eine selbstgewählte Trennung vom Gegenständlichen und sein Kommentar dazu: „Es sind nur Gegenstände, Lejla. Sie gehören nicht zu uns. Nur wir gehören zu uns.“ (S. 340)

Sabrina Janesch: Sibir, Rowohlt Berlin, 2023

Some questions to the artist Saule Suleimenova

Interview with Saule Suleimenova about her art

Saule Suleimenova is a visual artist who works with different materials like collophane. N her art she combines photography and painting and deals with topics like Kazakhstans colonial past and the modern kazakh world with it‘ s ecological and political themes. The interview was taken in June 2024 by Lena Muchin.

L: In Europe, the Friday for Future movement has awakened many minds to the drastic consequences and dangers of climate change. Is your art also a form of environmental activism that addresses our violation of our mother earth and would you describe it as political or purely artistic?

S: My artistic practice is a way of expressing some important ideas and connecting with people through art. I’m not interested in purely art and I’m sure that art is always avout politics even artist prefer to escape from. As soon as I work with plastic trash I firstly speak about this problem. Medium is the message. Also plastic is about memory, often residual memory because plastic hardly dissolves in the ground like human memory stays in our subconscious. Also my practice with plastic is quite dangerous for my health so each art work of mine is a kind of challenge.

L: With your art you give your people a voice and tell stories that also effect other peoples of Kazakhstan. Why do you think storytelling is important and what role does the artist play here?

S: As artist I’m not interested in imagination but i like go to the documents of times. So in this way it’s possible to emphasise to what I choose as pure beauty which is equal to truth for me. Qandas (returnees) people for example are mostly invisible so to show their beauty is a way to make them visible. Also plastic in my cellophane painting attracts people from different ages and circles so it‘s good opportunity to talk about what worries me. So I think the most important in art ist to make accent.

L: The Kazakh historical and cultural landscape is shaped by sad events that you also take up in your artwork, for example the Asharshylyk. To what extent is visualization of such topicsnecessary in art, what means can art use to create new space for refelction?

S: Basically in art, when talking about soemthing such as asharshylyk, an instructive, mourful or edifying tone is chosen, I’d like to avoide this. I prefer to just give a voice to those people and thus show the viewer that they were the same people. This ist he only way, I think, to reach every person.

It is necessary to talk about asharshylyk in ordert o, through memory, return to people their dignity, acceptance of themselves with everything that was and is.

forced sedentarization is also part of our common identity.

L: If language is a carrier of memories, then visual art can transport memories through images, which gives it an enormous potential for dialogicity. What audience are your pictures aimed at and do you believe (like J. Beuys) that everyone can be an artist? S: everybody is an artist. Yes, I don’t singel out any special circle of people who can understand what I’m doing. My materclasses involve a variety of people of different ages and backgrounds, and it‘s very interesting how they see. For exapmle, several times I offered to talk about water using plastic bags, and it’s always amazing how differnt and beautiful

Notizen zu Kior Janevs Roman „Das südliche Mangaseja“

In seinem Roman „Das südliche Mangaseja“ imaginiert Kior Janev eine Festung, eine Stadt, jenseits des Polarkreises, die des abends inbrünstig als aufschäumende Apfelsilhouette der Wolkenfestung emporragt (S.7)

Protagonist des Romans ist der Student Jan, der sich auf den Weg ins Südliche Mangaseja, die elterliche Festung macht. Durchgangsraum des Sujets ist hier die Eisenbahn: „Auf dem Kamm des Sonnenuntergangs, der über die Schienen schwappte, holte Jan endlich die Vergangenheit ein, die von einem einst spurlos verschwundenen Tag in Ringen auseinanderlief“ (S.8)

Die Sprache ist von purer Poesie durchtränkt: Begriffe wie „Evas Aspesteier“, „Korallenlichtsrahl“ und „Tiefseeeinsamkeit“ sind nur wenige Beispiele um den Sprachreichtum des Romans zu beschreiben.  Und genau diese Sprachgewandtheit ist es, die sogar Engel schwach werden lässt: „Der Engel wurde zum Lumpenbengel, denn er kam hinter den schnellen Streichen seines Schutzbefohlenen nicht hinterher und sein einstürzendes Hirn erstarb jetzt unter der Himmelskuppel – Schädeldecke über der Sümaseja-Steppe.“ (S.17)

Wie soll sich der Normalmensch in dieser Welt orientieren, fragt sich der Leser –  inmitten einer Architekturlandschaft, die aus erkalteten Lavaflügeln von Vögeln besteht, die regenbogenfarbene Muster und mineralische Versteinerungen entfalteten? (S.17)

Eine weitere Protagonistin des Romans ist die Studentin Klara Ajgul, deren Zuhause in einer Schlafstadt liegt und zwar „in der Bergoptik des Vorgebirges der Pamirgipfel, die Südmangeseja umgaben“. (S.18)

Ihr Vater, so heißt es im Roman, sei ein unterirdischer Recke, der das Berggestein auseinanderschiebt, die Mutter wischt die morschen Böden des Aul-Sowjets und geht zu den Russen in die Eingangsräume der Züge. (S.18-19)

Der Vater nimmt die Position des Retters ein, der seine Tochter in das blendend schöne Land mitnimmt, das „nicht mit Saksaul, sondern mit Flieder bewachsen ist, der nicht von der Sonne erblüht, sondern vom Glanz des Bergkristalls.“ (S.20)

Was bedeutet es, wenn Janev schreibt, dass beim Vorbeifahren eines Schnellzugs mit Russen, Klara Ajgul ihren Rock heben wird, die Strumpfhosen bis zu ihren Knien herunterlassen und sich in die einfache Ajgul verwandeln, die von den Russenaugen gespiegelten Sonnenstrahlen ihre Haut, wie Oma Solmeke es bereits gesagt hat, ihre Haut mit schwarzem Sonnenbrand bedecken werden, der nie wieder vergeht?

Ist Klara Ajgul mit ihrer vom Sonnenbrand bedeckten Haut eine Figur der imperialen Fremdbestimmung? Ist hier der russische Blick Zerstörer einer fragilen Kultur und Fresser eigener Geschichten wie der von Klara Ajgul, die ihren ersten Namen durch den Blick der Russen verliert? Ist der Akt der imperialen Fremdzuschreibung bereits durch einen einfachen Blick gegeben und der Zug hier ein Symbol für ein Transportmittel, das Schnelligkeit und die damit verbundene Gefahr der leichtsinnigen Beurteilung einer fremden Kultur ausdrückt?

Während einer Waschung singt die Großmutter Solmeke in einem Schlaflied ihrer Enkelin Klara Ajgul ein kleines Trostlied, und zwar darüber, dass die „Fäden der Blicke längst Vergessener, in der Welt Verlorener“ sie halten werden. (S.22) Ist dies eine Idee davon, dass die Schatten unserer vergessenen Vorfahren über uns wachen?

Bemerkenswert an Janevs Roman ist, dass siech hier Orte verweben, ja ineinander zu verschmelzen scheinen; Historizität wird dekonstruiert, Entfremdetes wird wieder zum Eigenen, das Eigene mit dem Fremden geteilt und wieder geliebt, gelebt, angenommen.

Das Wasser ist hier das verbindende Element, in dem die junge Solmeke das Essen sogar stehend einnimmt, während sie als schwimmende Agentin ausgebildet wird. Irgendwann ist Solmeke so weit, dass sie beim Tauchen lange die Luft anhalten kann und damit zur Ausführung eines hochwichtigen Regierungsauftrags befähigt ist, den sie zunächst in Regensburg ausführt.

Regensburg wird zur Stadt der verzauberten Geschichte; es ist eine Märchenstadt, durch die Solmeke mit dem Fahrrad unterwegs ist, durch die jedoch keine Kuh durchkommt, was auf den Leser den Eindruck erwecken kann, dass anderswo Geschichte vielleicht sogar vergessen wird, so verdichtet ist der Raum.

Bei tiefrotem Sonnenuntergang und Regen wird beim heiligen Nepomuk Halt gemacht – ein Symbol der Macht und Erhabenheit, und selbst der Sockel der Figur trägt Randgeschichte in sich, er war aus dem benachbarten Donausumpf gezogen worden und mit feinstem Ornament bedeckt. (S. 61)

Der Leser wundert sich bei der weiteren Lektüre, dass in Wirklichkeit weit voneinander entfernte Orte, wie die des Zentrums und der Peripherie hier nachbarschaftlich nebeneinanderliegen. So wird ein Diskurs um Topoi eingeführt, die real durch Machtverhältnisse gekennzeichnet sind, im Roman jedoch aufgebrochen werden: Moskau und die Steppenareale sind gleichwertig. (S. 66)

Nun ein paar Worte zu den Eigenschaften des Südlichen Mangeseja: dieses war von drei Seiten vom Tau – Vorgebirge umgeben. Die Drahtseilbahn- Station und der Werigina – Berg waren in eine alte Ruine hineingebaut: „Vor hundert Jahren ließ man nach dem Beispiel des Heiligen Berges keine Frauen in das Muschelkloster auf dem alten Kreidefelsen, der über und über mit so sensiblen Hörhöhlen übersät war, das in der Nähe der widerhallenden Spalten am Wiesenfuß die Kalkschmetterlinge mönchischen Ausatmens herumschwirrten und auf die Gesichter der Schlafenden in dem sich an den Berg schmiegenden Dorf wie eine Versuchung des Antonius herabfielen.“ (S. 70)

Wer sind diese Menschen, die in diesem Dorf leben und was macht ihre Identität aus? Klara Ajgul ist der Ansicht, dass das Leben der Menschen, das von ihnen skizzierte Land sei. (S. 83) Und noch dachte sie, dass wenn man in der Vergangenheit lebt, man im Gelebten lebt, „in etwas Festem, dem der Raum fehlt…“ (S. 83)

Die Poesie, die Janevs Text inhärent ist, gibt Grund zur Hoffnung auf eine bessere Welt, zerlegt doch der Autor auf teils obskure, teils ambivalente Art und Weise das Gesicht der Vergangenheit, löst den Knäuel der Zeit und befreit den gekerbten Raum von seinen Kerben.

Kommt man wieder auf die Vergangenheit zu sprechen, so zogen auf dem Territorium des Südlichen Mangasejas früher die Tschingisiden umher, die Kosaken – Kolonisten bauten ihre Hütten, doch durch ein Erdbeben wurde diese Erde wie durch ein Sieb in die Tiefwasserquellen gestreut. (S.86) Später wurde die Stadt dann wieder erbaut und provinzielle Sowjetarchitektur konnte nun hier betrachtet werden.

Über solchen Hochhäusern (und zwar über Moskau) lebte ein Stamm luftiger Seiltänzer, die nie auf die Erde hinunterkamen. Hierbei handelte es sich wohl um Nachfahren einiger von der Stalin’schen Repressionen Geflüchteter, die manchmal Rettungsfädchen zu Fenstern hinunterließen, hinter denen sie Verzweifelte bemerkten. (S. 109)

Wie kann man diese Schar engelhafter Wesen in Janevs Roman verortet sehen? Warum führt er die himmlischen Seiltänzer in das Sujet ein und lässt hier den historischen Kontext mitschwingen? Vielleicht um darauf hinzuweisen, wie grotesk und gefährlich der stalinistische Machtapparat war und den vollen Kontrast dazu nur etwas Himmlisches, Helles, bilden kann, wie diese Seiltänzer eben.

Ein apokalyptisches Szenario folgt, eingeleitet durch ein Unwetter; wie die Landschaft sich hier manifestiert, beschreibt Janev folgendermaßen: „Zwischen ausgebrannten Häusern lagen Puppen mit Engelgesichtern herum die schwarze Erde war von verschiedenfarbigen Scherben durchsetzt, die in einem plötzlichen Blitz aufglänzten, als ob mit dem Donner ein unterirdischer, von nassen Kletten gerahmter Himmel hervordrang.“ (S. 112)

Lichtblitze „knistern“ im Roman ein weiteres mal auf, über die der Student Jan nicht Herr sein kann. Er kann sich nämlich nicht gegen etwas lehnen und sich ausreißen aus dem Zusammenleben mit der Einsamkeit und „die Äderchen aus der Symbiose mit dem Bernsteinpanzer herausreißen“.

Äußerst aufrichtig ist auch das Kapitel, dessen Titel „Mädchentagebuch“ ist und das in verschiedene Abschnitte eingeteilt ist, die die Perspektive einer jungen Frau offenbaren. In ihrem sogenannten Manifest erzählt sie vom Kapitalismus – Überbleibsel – Patriarchat, das niemals zu besiegen ist. Ist es so, fragt sich der Leser. Unterwirft sich die Frau in Wirklichkeit als Geißel diesem Phallus? Die Antwort könnte ja lauten, ohne damit jemandem nahe treten zu wollen. Hier geht es wohl um Selbstakzeptanz als solide Basis eines verlorenen Nicht-Ichs.

Eine gänzlich neue Leseart könnte als Vorbild dienen. Doch wie soll man diese erreichen, wenn die Welt doch so voller Zauberei ist. So scheint auch der duftende Nebel (das sind graue Ausdünstungen), der über mittelrussischen Wäldern fließt und sich nicht in diesen niederlegt, sondern über die Städte ergießt, einer verzerrten, körperlosen, diffusen Erinnerung zu entsprechen, die der Landmensch so nicht kennt, weil ihm die urbanen Koordinaten fehlen und der Blick auf eine alte schwarz – weiß – Fotografie entspricht hier einer familiären Schmetterlingspuppenerinnerung.

Doch selbst in der Stadt scheint das Erinnerungsmoment eingestellt. Ein mächtiger Betäubungsnebel – so zittert nur auf den Hauswänden blass eine Kalligrafie, gemalt mit zitternden, in Kalk verquollenen Händen. (S. 175) Sollte, so fragt man sich da, der Stadtmensch dem Landmenschen nicht seine zitternde Hand reichen und vielleicht sogar einen Foxtrott mit ihm tanzen?

Pipa, eine kurzlebige Figur des Romans, wusste, dass man „unversehens eine ganze südliche, in die Kindheit zurückgefallene Stadt wegschleppen konnte. Felsen und Gebäude knitterte sich zusammen, wurden zart, verklebten als Fruchtknoten, die Zeit begann als Kruste zu altern“ (S. 177) Hier ist die Rede von einer Individualgeschichte, auf die jeder Mensch ein Recht hat, ist sie doch Teil einer Kollektivgeschichte.

Deren Topos ist beispielsweise auch die Rückseite eines Spiegels, die eigentlich ein Teich ist, „wo ein Eisläufer entlang einer Ufer – Himmels – Öffnung schwebt und beobachtet wie im nächstliegenden holzigen Raureif – Strauch die in vielen Etagen löchrig gewordene Dämmerung die Tannenkugeln herausstrahlt…“ (S, 194)

Diese metaphorische Beschreibung lässt den Leser nur erahnen, wie mächtig Sprache ist, wie erhaben und befähigt dazu, das Innere nach Außen zu kehren. Man stellt sich beim Lesen die Frage, ob die Wahrnehmung von natürlichen Landschaften durch die Augen eines Städters anders ist als die eines Dorfbewohners. Ja, wird wohl die Antwort lauten, aber nur deswegen, weil jeder Einzelne eine eigene, individuelle Wahrnehmung von der Welt hat und Klassifikationen hier fehlt am Platz sind.

Deswegen kann sich auch jeder, und wirklich jeder von den Lebenden zu den Überlebten scheren: „Poetische Naturen mit ihren Sternen haben ihren Platz unter den Demonstrationen. Sie gehen an den Außenseiten“. (S. 202)

Und deswegen ist auch jedes Leid, dem jeden eine eigene Geschichte eigen ist, individuell. So hat sich die Figur Chytsch es sich zur Aufgabe gemacht, Tränen des Lebens einzusammeln und zu destillieren, und sie außerdem in verschiedene Nuancen und Geschmacksrichtungen zu filtern. Man kann diese verkosten und zu vergangenen Zeitmomenten zurückreisen, wie in einer Zeitmaschine. (S. 209)

Weiter wird Moskau mit seinen Kreml-Nekropolen beschrieben, wo Rjurikowitschs Tränen dorthin fallen, wo man zärtlich auf Engeltränen wartet – als Glocken – Tau.“ (S. 243) Die trüben Erinnerungen des Himmelbewohners schweben dann leicht konfus „mit dem Himbeerklang von den hohen Glockentürmen empor und zurück in den zerstreuten Moskauer Himmel.“

Der Leser stellt sich hier die Frage, wer auf diese Engeltränen wartet und warum die Erinnerungen im Himmel verschwinden? Ist hier die Erinnerung derart stark an das Gegenständliche, also an die Glockentürme gebunden? Sind diese so imposant, dass für das Transparente, Feinstoffliche kein Platz mehr ist? Und was soll der hier genannte Glockentau darstellen. Gegenständlichkeit und Natürlichkeit verschmelzen hier miteinander. Das vom Menschen Erschaffene wird hier mit dem von der Natur (oder ist es gar Gott?) gleichgestellt.

Eines Tages kommt Jan mit dem Zug in einem Städtchen an, das Sümaseja ähnelt. (S. 245) Hier stehen Lehm – und Flechten – Häuser und der Südmangaseja – Schneeleopard ist hier auch beheimatet und „springt im Flug zu Steinschutt zerfallend.“ (S. 247) Was bedeutet diese Szenerie? Ist hier vielleicht von der bedrohten Schöpfung die Rede und von dem Aussterben der Fauna unserer Erde?

Doch die Glockenspiele der Vorgebirge sind geblieben, mit ihren an die Felsen geklebten vieletagigen Tannen mit „dornigen, seismisch gerunzelten alten Frauen auf Balkonpforten.“ (S. 247) So bleibt nur zu erahnen, dass unsere Erde mit ihren natürlichen Habitaten immer noch unser zuhause ist und ja, es sind nicht bloß die Steinhäuser, in denen wir leben, sondern es ist die Erde selbst, auf der wir zuhause sind.

Ein wichtiges Motiv ist hier das Fernglas, mit dem Jans Vater die hinter dem Eisernen Vorhang gelegenen Gegenden erblickt. Dieser Vorhang ist eine von den grauenvollsten Kreationen der Schöpfung Mensch und lässt sich nur dann überwinden, wenn die Grenzen nicht zwischen den Ländern verlaufen, sondern zwischen den Menschen.

Am Ende des Romans fragt sich Jan, wo er seine Fürstin suchen soll, „die bis in molekulare Tiefen Geliebte.“ (S. 267) Ist in dieser Tiefe vielleicht die Sehnsucht nach einem Raum angelegt, wo die Frau sich zum Matriarchat bekennt und ihre Teilschuld mitträgt, ohne sich aufzugeben oder vor der Leere wegzulaufen? Die Fürstin ist ein Pendant zum Fürsten, die ja noch im Zarenreich als Adlige über Russland regierten. Nun, ihre Nachkommen, die das Sowjetimperium überlebt haben, teilen sich hybride Identitäten, was einerseits für einen Raum spricht, der Multidimensionalität zulässt, andererseits auch für einen Irrgarten von Identitäten verantwortlich ist. Deshalb ist die Rolle der sogenannten heutigen „mentalen“ Fürstinnen nicht zu unterschätzen. Von ihnen geht die Autorität aus, sei diese materieller oder intellektueller Natur.

Das südliche Mangaseja ist ein vielschichtiger Roman, dessen psychologisches Relief die Antennen des menschlichen Unterbewusstseins anspricht. Jeder einzelne Satz lädt zum Meditieren ein, die Sprachgewalt durch liebliche Umschreibungen wie auf einem Syntax-Seil balancierend, um den Leser einzuladen auf ein Fest der Worte und Erkenntnisse, die nicht verurteilend sind, sondern offen für ein kindliches Schauen und Flanieren durch die Zeilen.

Vlada Baronec

Die Stimmen der gefangenen Petunien (die Gedichte im russischen Original befinden sich in der Februarausgabe aus dem Jahr 2024 von daktil.kz)

***

Mihail Nemcev dreht einen Film über den krieg

echte Menschen buddeln ein Rohr aus

auf dem Lavendelacker

krabbeln kleine Katzenkinder

alles wird ins Heft notiert

Milch in der Milch

ein Kriegesklang auf der Lippe

Literaturabende

in alphabetischer Anordnung

Michail und die Deutschen

wie glaubwürdig

an diesem Ort spielt das Fortepiano

sich vor dem Wild wegbeugend

o liebes Heft der geheimnisvollen Milch

wenigstens ein Kätzchen

einen Michail male doch 

dies wird ein Krieg über den letzten Film sein

über den Lavendel der auf der Lippe klingt

über das Rohr das ich für dich buddele

um zu finden nicht den poetischen Buchstaben

sondern den Rand des berührten Ackers

 ***

Brot Brot Brot

hört man in der Zeit des Krieges

also an beliebigen Tagen

die Ergebnisse meiner Examina

unter den Trümmern

blicken sich an

nach fünf Jahren

Brot auf dem Grund

setzen Sie sich vor das Instrument

erschaffen Sie etwas nicht rückgängig zu Machendes das Ihnen gehört

überall auf der Welt gibt es Klaviertasten

drücke ich hier auf eine von diesen

hört man mich dort und antwortet

vor fünf Jahren

das ist immer        

es war mal besser und es lebten

diese Pflanzen die erschufen

jenen Klang von dem

glücklich wurden die Schatten auf den Kleidern

***

diese Kibitka bewegt sich

auf vier Rädern

in den Wald der vier Krähen

weiter als Meere und Felder

mit dem Kopf wackelnd

dies ist nicht der Wald der Worte der sich bewegt

sondern die Räder der Grundlagen

Brot und einige Pflaumen

spricht man in den Traum um vier Uhr

das langsame Geplätscher der Hitze

in den Berg vom Berg aus

das ist Theorie

und dann 

als du dich bewegtest und nicht in der Lage warst

es zu beschreiben als die Mutter schwieg

es gibt hier nichts worauf man blicken kann

es gibt hier nichts was man sagen kann wohin

die Kibitka von ihr schweigen

mit dem ganzen Feld das Schweigen der Krähen

es gibt die Sinnlosigkeit des Rades

den Wald des Gesichtes

***

Ein Hase der durch die Geschwindigkeit rast

gänzlich in die Möglichkeiten von Allem vertieft

trittst du ein und der Jegor sitzt

ist ganz zu Ende erzählt vom Alter

ein Kater und ein Hund ganz voll

sagt man erinnere sich

ist es wahr und dauert es lange kurz

das was Jegor uns erzählt hat

oder ging es um etwas anderes

dem Schmied der schlimm gehemmt wurde

das ist die Wahrheit sagt Jegor

dessen Stimme ihm ähnelt

ein geflohener Hase der im Falken geschliffen wird

erzählt die Wahrheit im Spiegel

mit einer Sklaven-Entfernung-Möglichkeit

ihr werdet uns selbst erkennen uns erzählen

und sie gehen hinaus aus den sandigen Tränen

der Welle ähneln der Kater und der Hund

***

hier auch der Stuhl

die Lehne seiner Eiche

eine kindliche Landschaft

mit einer fünf am Ende

ein kleiner Punkt auf einer Karte

hier alles

geschieht

auch der fallende Lärm

hallt bis hierher

wenn ich in der Organisation bin

eine Glocke das ist

eine Pause

der Fotos

der verinnerlichten Momente

ein russisches Erwachen

in der Mitte der Versammlung

man lebte und arbeitete

was denn sonst noch

was denn sonst noch

zwischen man lebte und arbeitete

was fehlt noch

was wollen die denn von mir

***

die kleine Zunge des Schlangenschuhs

eine einsame kleine Mitte

eine Fotografie von Surek

auf dem Konzert klatschte er

doch am Ende wurde mit übel

nur von weitem  

bildhaft übel

und Surek blickte

bebildert nicht schlecht

und Surek blickte streng drein

im Rahmen des Schwanenkonzerts

wo soll man die Schmerzende Stelle finden

die kleine Zunge höckerig nach rechts

weil sie nach links nicht das Recht hat

zwischen dem Wegzug und dem Konzert

des ersten und des letzten Kilometers

stotternd stolpernd

sy-Sardine sch-Schwester

er tut auf der Fotografie weh

hat An-Angst das Märchen zu erzählen 

***

Petunien

sie wurden

weiß rosa 

riechend nach der Schattierung des Lilanen

süß oder mehr dünn

damit man sie noch schlechter erkennt

doch das half nichts

Petja lief

lief und b

lieb stehen: Käfer 

laufen schnell weg von hier

schwimmen zum lebendigen Wasser

nur die Kinder wachsen in den Steinen auf

nur die Nägel

bewahren etwas

mit solch nicht richtigen Händen

wurde jeder Hase

zu einem anderen

über mir die Geometrie

der Tannen der Blumen der Grabstätten

die Stimmen der gefangenen Petunien

Petja liegt im Urlaub

und sie wenigstens

sterben aus aller Kraft

die Form störend die Staatsbürgerschaft verlierend

damit man sie schlechter erkennt

Vlada Baronec ist Poetin und Kritikerin. Sie wurde 1981 in der Oblast‘ Rostov geboren. Sie absolvierte die philologische Fakultät der Rostover Staatsuniversität. Sie arbeitet als technische Übersetzerin. Ihre Gedichte und kritischen Artikel wurden in den Zeitschriften „Novyj Zhurnal“, „Kvartal“, „Novyj mir“, „Formaslov“, „Prosodia“, „Novaja Junost‘“, im Almanach „Artikulacija“ und anderen Zeitschriften und Almanachen publiziert. Sie lebt in Sankt Petersburg und Samara.

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