
Ilya Odegov
1.
Der Winter wurde kalt und der Schnee wehte immer Richtung Almaty. Die struppigen Zweige der Tanne neigten sich nach unten, unter der Last der kleinen, weißen Kissen, versuchten diese loszuwerden, aber der Schnee haftete mit aller Kraft an den Nadeln und wollte nicht runter fallen. Gelbe, abgepellte Dreietagen-Häuser schimmerten durch das Staket der Bäume, von ihren abgenutzten Dächern hingen durchsichtige, kalte Eiszapfen. Hätte Nazar den Fußweg eingeschlagen, wäre er sicher stehen geblieben um all das zu bewundern. Er war selten in Almaty, er liebte diese Stadt. Aber schon am Vorabend fuhr Nazar zum Autohändler nach Altyn-Orda und kaufte sich ein Auto, zwar einen alten, aber flinken Volkswagen Golf. Drei Jahre hatte er dafür Geld zurück gelegt und konnte ihn sich endlich leisten. Deswegen ging er nicht zu Fuß, sondern saß am Steuer, davon träumend, dass sich der endlose Stau, in dem er steckte, endlich auflöste. Nach dem kürzlich gefallenen Schnee wurden die Straßen nicht geräumt oder sie wurden geräumt, nur so, dass es noch schlimmer wurde. Auf beiden Seiten türmten sich riesige Haufen tauenden, schmutzigen Schnees, welcher das Herannahen an den Bürgersteig störte, parkende Autos standen fast mitten auf dem Weg und verwandelten sich in einen schmalen Weg.
Die Autos bildeten eine Kette, hupten und hinterließen dichte Wirbel grauen Rauchs, der zu einer einzigen Wolke zusammenfloss, welche langsam in die Fenster der Nachbarhäuser kroch und sich als Ruß auf ihren Wänden absetzte. Nazar hupte ebenso, nur um den Laut seines neuen Autos zu hören, dann drehte er den Schlüssel um und machte den Motor aus. „So spare ich Sprit und verschmutze die Luft weniger“, sagte er laut, als ob er sich vor sich selbst rechtfertigen müsste. Der Ofen heizte nicht mehr seit der Motor aus war, deswegen fing er bald an zu frieren. Doch plötzlich bewegten sich die Autos. Nazar startete den Motor, fuhr mit den Anderen gemeinsam zur nächsten Kreuzung, lenkte das Lenkrad und bog nach links ab. Der zufriedene Golf gewann schnell an Geschwindigkeit und spürte die Freiheit, als plötzlich ein Verkehrspolizist im gelben Anzug seinen Weg kreuzte. Er schwang mit dem Eisenstab und bat den Fahrer zur Seite zu fahren. „Mist“, flüsterte Nazar verärgert und schlug auf die Bremse. Der Polizist wartete und rechnete damit, dass der Autofahrer schuldbewusst auf ihn zukommt, doch Nazar rührte sich nicht von der Stelle, er zückte nur seine Papiere, öffnete das Fenster und betrachtet durch den Seitenspiegel den Polizisten. Dieser näherte sich unwillig dem Auto, bückte sich zum Fenster und stellte sich vor. „Kapitän Žumanov. Ausweispapiere bitte!“ Nazar zeigte ihm seinen Führerschein, den Fahrzeugschein und die Versicherung. Der Polizist drehte die Papiere hin und her und sagte mit einer halb fragenden Betonung: „Sind wir gesetzwidrig?“ „Nein“, antwortete Nazar. „Gehen Sie zum Bus, machen Sie sich vertraut mit der Videoaufnahme“, sagte der Polizist und nickte in Richtung des weißen Streifenwagen mit einem blauen Streifen auf der Seite. „Gut“, dachte Nazar und stieg aus dem Auto aus. Sie setzten sich in den Streifenwagen. Innen drin war es heiß, der Heizer tat seinen Dienst. Ein weiterer Polizist saß vor dem Computer, rotwangig und füllig von der Statur. Der Füllige blickte auf Nazar und drehte den Bildschirm in seine Richtung. „Hier ist Ihr Wagen. Die registrierte Geschwindigkeit liegt bei zweiundsiebzig pro Stunde, erlaubt sind allerdings nur sechzig.“ „Kommandeur,“ sagte Nazar, „welche zweiundsiebzig? Ich bin doch gerade von der Kreuzung gestartet und bin keine zwanzig Meter gefahren. Ich bin doch nicht mit dem Fahrrad unterwegs, woher also die zweiundsiebzig?“ „Hier ist es egal“, sagte der Füllige müde. „Dein Auto? Deines. Hier ist ein Foto und hier sind deine Angaben. Ich registriere es und du, wenn du möchtest, schreib, dass du damit nicht einverstanden bist. Ich nehme dir den Führerschein weg, das Auto wird auf einem Parkplatz für Falschfahrer geparkt, dann kannst du dich vor Gericht damit beschäftigen.“
„Gut Kommandeur“, sagte Nazar, „reichen zweitausend?“ „Welche zweitausend?“ ärgerte sich der Füllige. „Die Strafe sind zwanzigtausend, so das Gesetz, weißt du?“ Nazar öffnete das Portemonnaie und zeigte es dem Polizisten. Dieser blickte in an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Gut, dann fahr den Wagen und lass mir ein Tausend, den zweiten Teil kannst du behalten.“
Nazar kroch zurück in seinen Golf, atmete in die Handflächen und fuhr los. Er näherte sich dem Park achtundzwanzig und sah von Weitem irgendein schweres Gerät. Auf den ersten Blick waren es nicht Traktoren, sondern Panzer. Angst einflößend, gigantisch, dick aufgetragen mit grüner Farbe. Aus deren Öffnungen krochen junge Kerle in Militäruniform. Nazar verlangsamte die Geschwindigkeit, kurbelte das Fenster runter, guckte raus und fragte: „Jungs, mit wem ist Krieg?“ Einer der Kerle schaute faul auf Nazar, spuckte auf die Seite und sagte: „Mit dir.“
2.
„Danik, schau, es schneit immer noch!“ Alija öffnete das Fenster, in die Wohnung drang ein weißer, frostiger Wirbel. „Mach zu, mach schneller zu, du erkältest dich noch“ sagte Danijar und wedelte mit den Armen, schlaftrunken, immer noch unter der Decke verkrochen. „Hör auf zu meckern“, sagte leise Alija, „ich erkälte mich nicht.“ Draußen auf dem Hof rappelten die Müllmänner mir ihren Behältern. „Ich habe gestern zwei Obdachlose gesehen“, sagte Alija. „Haben sie dich nicht erschreckt?“, fragte Danijar. „Wenn du siehst, dass sie sich bei uns im Treppenhaus wärmen, erzähl es mir, ich werde sie vertreiben.“ „Ja, ne“, wackelte Alija mit dem Kopf, „ich meine was anderes. Sie wühlten im Müll und suchten vielleicht nach Nahrung, in ihren Augen konnte man den Hunger sehen. Wie leben sie jetzt im Winter nur auf der Straße? Man möchte unbedingt helfen. Ich dachte zuerst daran, ihnen Geld zu geben, dann entschied ich mich um, dachte, dass sie wahrscheinlich trinken. Werden alles versaufen. Das will ich nicht.“ „Koch ihnen doch was und bring es ihnen raus“, sagte Danijar. „Machst du Witze, ja?“ wandte sich Alija zu ihm. „Warum nicht?“ „Und wie? Soll ich es direkt in das Behältnis kippen?“
„Warum Behältnis? Stell es einfach daneben. Sie werden es finden, keine Sorge.“ „Genau“, Alija machte das Fenster zu und lief in die Küche, raschelte da mit etwas, knallte irgendwelche Schranktüren und schrie dann von da aus: „Ich hab’s! Ich koche ihnen Reis. Reis ist bestimmt gesund, nahrhaft und lecker…“ „Und günstig“, murmelte Danijar vom Bett aufstehend und sich streckend. Er duschte lange, putzte sich die Zähne und rasierte sich langsam und ohne Begeisterung die Wangen mit einem Einwegrasierer. Er wischte im beschlagenen Spiegel die Lücken, die der Wasserdampf verursacht hatte, weg und sah darin sein vom Schlaf geschwollenes Gesicht.
Er mochte es nicht, wenn Alija schon morgens früh so aktiv war. Er wusste aus Erfahrung, dass ihre Energie einen abbrühen konnte, was bedeutete, dass man besonders vorsichtig sein musste. „Ich bin soweit!“, rief Alija als sie bemerkte, dass Danijar raus ging. „Ich habe Reis gekocht, einen vollen Topf und habe sogar Butter hinzugefügt. Nun sollte ich ihn in eine Tüte füllen?“ „Die Tüte wird zerreißen. Lieber in einen Eimer“, sagte Danijar, „ich habe einen übrig, dieser Plastikeimer für Farbe.“ Der Reis war aromatisch und fluffig. Danijar schloss den warmen Topf mit einem Deckel: „Nur stell es nicht neben den Müll. Es ist schließlich Essen.“
3.
Genas Berufspraxis war imposant. Zu seiner Zeit machte er eine Ausbildung zum Eletkro – Ingenieur für Diesel- Elektrozüge, hatte aber keine Arbeit mit seiner Spezialisierung gefunden und wurde Verkäufer in einem Geschäft für Elektroartikel. In seinem Naturell sehr neugierig, lernte er bald alle Produktkataloge vom Buchrücken bis zum Buchrücken, eignete sich Wissen über elektronische Schemata an und fuhr manchmal zu Klienten, um Lampen für sie zu befestigen und Steckdosen in Stand zu bringen. Er war ein guter Mensch, tüchtig, aufgeschlossen, in der Lage einen Leuchter professionell zu befestigen und einen passenden Witz zu erzählen. Es gab immer mehr Klienten in seinem Geschäft, darum beschloss er zu kündigen und für sich selbst zu arbeiten. Zuerst hatte er Angst, gewöhnte sich aber schnell dran. Geld hatte er genug. Seine Zeit konnte er gut einteilen. In seiner Freizeit fuhr er angeln. Er fuhr sommers wie winters, bei Regen und bei starker Hitze. Nie kehrte er mit leeren Händen zurück. In seinem Behältnis befanden sich immer mindestens zehn Woblen. Aber meistens gab es noch einen größeren Fang: Karpfen und ein schrecklicher, bärtiger Wels. Noch Ende letzten Jahres begann Gena mit einem Projekt. Zu seinen dauerhaften Klienten gehörte eine wichtige Dame, Besitzerin eines Kosmetiksalons: Olga Jurjevna Šatunova. Alt aber gepflegt und imposant, kokettierte Olga Jurjevna ein wenig mit Gena, eher wie eine alte Angewohnheit. Am ersten Arbeitstag öffnete sie die Tür in einem Bademantel gekleidet, mit einem Handtuch auf dem Kopf. „Och, Gennadij, Sie? Ich habe es ganz vergessen, dass Sie …“, sagte sie zerstreut. „Nun kommen Sie rein, ich ziehe mich nur schnell um.“ Und sie verschwand irgendwo in den Tiefen ihrer Wohnung. „Natürlich“, murmelte Gennadij vor sich hin und zog Schuhe und Mantel aus. „Hetzen Sie nicht. Was ist das für ein Čmo?“Und tatsächlich, das Wesen, welches ihm entgegen sprang, erinnerte nur vage an eine Katze. Das war irgendein undeutlicher Energie – bzw. bunter Wollknäuel. Von allen Seiten guckten Pfoten, Ohren und ein Schwanz hervor. Čmo kroch neben Genas Beinen herum, miaute schrill und wehleidig und krallte sich schmerzhaft aber nicht fest mit seinen Krallen in Genas Fußknöchel. Gena verfiel in Lachen und schnappte das Wesen mit seinen großen, starken Händen: „Wer bist du,“ fragte er, in die vor Schreck weit geöffneten, runden Augen blickend. „Das ist Elsa“ ,sagte die ins Zimmer zurückgekehrte Olga Jurjevna. „Ich habe sie geschenkt bekommen. Ich kann mich einfach nicht an sie gewöhnen.“ „Was bist du nur für eine, Elsa“, murmelte Gena. „Du bist ein Čmo, einfach Čmo.“ Vorsichtig ließ er Čmo auf den Boden, dieser streifte mit seinen Krallen seine Handflächen und tauchte unter dem Sofa unter. Beim nächsten Mal brachte Gena etwas mit, ein kleines Gummiküken, welches gackerte wenn man seine beiden Seiten zusammendrückte. In seiner Jugend haben solche Gummiküken nur gepiepst, sie erzeugten solch einen langen, ekelhaften Pieps, das Küken dagegen hat wirklich gegackert. Gena mochte dieses Spielzeug als er im Geschäft war. Čmo spürte, dass das Geschenk für ihn gedacht war. Es steckte seine Nase sofort in die Tüte, miaute verlangend, dann trat es auf das Küken und sprang sofort zurück, versteckte sich, erschrocken von dem Geschrei unterm Sofa. Gena lachte genüsslich, zog das Spielzeug aus der Tüte und warf es auf den Teppich. Er war den ganzen Tag damit beschäftigt, Schalter zu knipsen, die Decke zu bohren, Drähte mit seinen festen, aber flinken Fingern zu sortieren und die ganze Zeit darauf zu achten, wie Čmo mal vom Kücken floh, mal es attackierte, es würgte um dann wieder erschrocken zu verschwinden, wenn das Küken anfing zu gackern. Arbeit hatte Olga Jurjevna genug, Gena fürchtete sich nicht vor der Arbeit, mochte es jedoch nicht mit Materialien von schlechter Qualität zu arbeiten. Olga Jurjevna kaufte alles Teure, Italienische. Und Gena wusste aus Erfahrung, dass italienische Lampen nur von außen schick aussahen und mit ihrem Kristall glänzten, von innen sind, man versteht es nicht, die Drähte zu dünn, die Kontakte schwach und deshalb hat man viele Plackereien damit, und man riskiert viel damit, weil der Preis zu hoch ist. Er erklärte sich jedoch bereit für die Reparatur. Olga Jurjevna zahlte gut, es war unangenehm, ihr abzusagen. Sie war immerhin seine treuste Kundin. Er schaffte es nicht an einem Tag, auch nicht an zweien und dann stellte sich heraus, dass die Hälfte der Leuchter einen Makel hatte. Daraufhin ächzte Olga Jurjevna und lief los um sie auszutauschen. Im Geschäft wurden die Lampen angenommen, man versprach allerdings neue erst in einem oder zwei Monaten zu liefern. So war es dann auch. Als die neue Lampe geliefert wurde, rief Olga Jurjevna Gena an und so kam er dann zu ihr. Gena hätte den Job schon längst geschmissen, jeden Tag ans andere Ende der Stadt zu fahren, war umständlich, aber er, überrascht von sich selbst, hing zu sehr an Čmo, wenn er ihn zu lange nicht gesehen hatte. Olga Jurjevna gab ihm den zweiten Schlüssel, sie vertraute ihm diesen an. Wenn Gena in der Wohnung erschien, rauchte er zuerst auf dem Balkon und spielte anschließend mit Čmo. Das Spiel war einfach. Čmo fiel auf den Rücken und streckte vor sich alle vier Tatzen mit scharfen, gebogenen Krallen. Gena versuchte diesen mit dem Zeigefinger in den Bauch zu stoßen oder nach seiner Nase zu schnappen, sich bemühend die Krallen nicht zu berühren. Čmo zappelte und versuchte mit aller Kraft nach dem Finger zu greifen, aber die Krallen glitten nur auf der harten Haut. Gena lachte und dann, ohne es auszuhalten, nahm er Čmo auf den Arm. Dieser stellte sich sofort tot und mit Erstaunen, auf beide Seiten schauend, lehnte er sich an Genas Brust. Erst zum Ende des Winters wurden alle Lampen fertig gestellt. Čmo war gewachsen, wurde graziöser und seine Instinkte kamen klarer durch. Er spielte nicht nur – er jagte sehnsüchtig und vergnügt. Er machte im Prozess der Jagd mit seinem ganzen Körper mit, mit all seiner Achtsamkeit. Zum Objekt der Jagd konnte alles werden. Ein Apfel, der vom Tisch gefallen ist, ein Schuh, der im Flur abgestellt worden war, das Gesicht des Nachrichtensprechers im Fernseher. Aber meistens Genas Beine.
4.
Stepanyč hatte sich verliebt. Das war irgendwie peinlich, gewissenlos in seinem Alter. Denn er verliebte sich nicht einfach so, nicht platonisch, sondern voller Sehnsucht, mit Begeisterung, bis zum Zittern. Sein ganzes vergangenes Leben verbrachte Stepanyč in Einsamkeit. Es gab viele Möglichkeiten aber er heiratete nicht. Es hat nicht geklappt. Er hatte nicht einmal Freunde, nur einen Bekannten – einen Nachbarn, Mark Ivanovič, sie kannten sich nur sporadisch, wie alte Kumpel meckerten und stritten sie ständig. Mark Ivanovič war ein bedeutsamer Mensch, eine Autorität, er fuhr einen „Merce“ mit coolem Nummernschild. Zur Einwohnerversammlung schickte er seinen Sekretär. Doch Stepanyč hielt diese Persönlichkeit für gekünstelt und verpasste nie die Möglichkeit, Mark Ivanyč runter zu ziehen. Und zur Antwort bekam er immer irgendeine Stichelei. So waren sie befreundet. Sein ganzes Sein widmete er einer Sache. Fast vierzig Jahre arbeitete er als Arzt, hat sich seiner Zeit an menschlichen Wehwehchen, bis zur Übelkeit, satt gesehen. In seiner Wohnung herrschte absolute Ordnung und Sauberkeit, wie im OP- Saal. Jeder Gegenstand hatte seinen streng vorgeschriebenen Platz. Das Draußen reizte ihn. Dort lagen überall Müll, Kippen, Bonbonpapiere und Flaschen. Dort draußen spuckten die Leute direkt auf den Boden und klebten unordentlich Anzeigen auf die Türen der Treppenhäuser. Im Sommer erschienen Arbeiter in gelben Anzügen, die laut fluchten den Asphalt bearbeiteten, neben ihnen schrie die Straßenwalze, als ob die Gaswolken explodierten, erzitterten und losgelassen wurden. Die Winter in Almaty waren feucht und schmutzig. Die Sonne schien durch die bleierne Luft. An solchen Tagen schien es Stepanyč, dass es nicht die Luft sei, sondern irgendetwas voll mit zierlichem, schmutzigem Schnee, irgend ein Halbnebel, der sich als dicker Ruß auf die Fenster und Autos absetzte und einen schweren, stickigen Atem verursachte. Aber der jetzige Winter war anders. Obwohl, wie gewöhnlich, bewölkt, aber still, frostig und verschneit. Der Schnee verdeckte den Unfug, füllte die Straßengräben, versteckte den nicht weggeräumten Müll des Herbstes. Es schneite oft und für die Momente wenn es zu schneien aufhörte, kam der blaue Himmel zum Vorschein, so offen, schutzlos, dass einem unangenehm zu Mute wurde, sodass man die Augen verstecken wollte. In diesem Winter begann Stepanyč seine Spaziergänge zu machen. Er verließ das Haus früh am Morgen, als der Schnee noch unberührt war und schlenderte durch das alte Zentrum von Almaty. Mit der Zeit bildete sich eine Route heraus. Entlang der Bajsevitova, vom neuen Platz bis zur Ševčenko, dann vorbei an dem Mimovoj- Krankenhaus, in den Park in der Nähe des Oper – und Ballett – Theaters. Von da aus ging es entlang der Panvilova bis zur Grünanlage auf dem alten Platz und weiter abbiegend zum Kazybek Bi. Er ging weiter bis zum Park achtundzwanzig in der Panfilowcer, umging ihn um beim ewigen Feuer zu verweilen, legte den Kopf in den Nacken, um die Riesen zu begrüßen, dem Musikinstrumentenmuseum zuzunicken, den Park zu verlassen und weiter zu ziehen auf der Ualihanova bis zur Abajs. Manchmal ging er auch die Tulebajka entlang, vorbei an den schweren, dreieckigen Tannen und sich küssenden Pärchen. Bei einem dieser Spaziergänge sah er sie. Sie war kräftig, hochgewachsen, einen Kopf größer als Stepanyč, und war dünn angezogen trotz der Kälte. An den Beinen trug sie eine Leggins und gelbe Turnschuhe auf den Füßen. Obenrum einen Fellmantel und auf dem Kopf eine Mütze. Während Stepanyč weiterging, lief sie an ihm vorbei, sportlich, sich mit den Füßen von der Erde abhebend. Stepanyč blickte auf ihren schaukelnden, kräftigen Hintern und beschloss ihrer Spur zu folgen, kam aber bald außer Puste, und der Hinter, immer noch schaukelnd, verschwand hinter der Abbiegung. Das war keine Liebe auf den ersten Blick, aber Stepanyč hatte sich festgehakt. Bis zum Ende der Woche kannte er die Route der unbekannten Sportlerin, sie joggte immer morgens von Neun bis Zehn, machte drei bis vier Runden im Park der Panflowcer, lief dann weiter entlang der Ualihanova bis zur Akademie der Wissenschaften und verschwand in einem der benachbarten Häuser. Er war jedoch nicht bereit, sie anzusprechen, doch seine Angst entbrannte immer stärker. Die Chance ergab sich plötzlich wie es immer so ist. Draußen war Frost und Glatteis und Stepanyč achtete nicht auf seine Schritte. Er drehte ständig seinen Kopf um die Sportlerin zu beobachten. Er joggte am ewigen Feuer vorbei, vorbei am gelben Voznesensky Sobor und bog ab in die zentrale Gartenstraße. Plötzlich erblickte er etwas, nur für einen Augenblick. Ein dunkler Streifen blitzte vor seinen Augen auf. Entweder war es der Baum, der zur Begrüßung einen dünnen, biegsamen Zweig ohne Blätter herausstreckte oder es waren Raufbolde, die einen Draht zwischen die Büsche gespannt haben. Stepanyč reagierte ungewollt, versuchend sich im Lauf zu bücken, vorbei zu laufen an dem unerwarteten Hindernis, aber er hampelte stärker als nötig. Die Beine bewegten sich, rutschten aus und Stepanyč fiel mitten im Park um. Er fiel so ungünstig auf die Seite und verrenkte den Handknöchel. Mit Mühe begann er sich aufzurichten und spürte, wie jemandes starke Hände ihm unter die Achseln griffen. Für einen Moment dachte er, dass er in die Kindheit zurückgekehrt war, er wurde wieder zum Jungen mit zerkratzten Knien, ein junger Kerl, der mit den warmen Händen der Mutter von der Erde aufgehoben wird. „Sind Sie in Ordnung?“ Die Stimme gehörte nicht seiner Mutter, sie war tief und rau. Stepanyč sammelte sich und sah sie mit ihrer Mütze. Sie hatte hellblaue, fast durchsichtige Augen und ein gebräuntes Gesicht mit dünnen fast unsichtbaren trockenen Fältchen. „Ich“, sagte Stepanyč und betrachtete sein Handgelenk. „Ich glaube meine Hand ist gebrochen.“ Auf dem Weg zum Krankenhaus lernten sie sich kennen. Stepanyč saß ganz in ihrer Nähe auf der Rückbank vom Taxi. Sie hielt ihm als Erste die Hand hin. „Ich heiße Tonja, Antonina. Und Sie?“ Stepanyč hielt ungeschickt ihre Hand mit seiner Gesunden. „Ich bin Viktor Stepanyč, lass uns direkt duzen, Tonja.“ „Nein, das kann ich nicht. Sie sind schließlich…“ „Du Tonja, Du. Es ist wahr. Kurzweg, du hast mir praktisch das Leben gerettet.“ „Ach was, Leben“, lachte Tonja. „Viktor Stepanyč, richtig? Gut Stepanyč, wie du magst. Du, dann Du.“ Im Krankenhaus wurde er schnell geröntgt, man fand einen Bruch und Stepanyč erhielt einen Gips. „Auf dem Gang – ist das Ihre Tochter oder Enkelin?“, fragte der junge Mann, die Hand verbindend. „Tochter“, sagte Stepanyč und blickte finster drein.
5.
Nazar öffnete die Tür mit seinem Schlüssel, zog die Schuhe aus und betrat die Küche. Abaj lag halb auf dem Küchensofa und nippte finster an seinem Tee aus der Schale mit Gurkenmotiv. Auf der Fensterbank lief der Fernseher, der Ton war ausgeschaltet. „Abaj, Bruder, ist es nicht genug?“, fragte Nazar und setzte sich ihm gegenüber. „Was bist du nur für ein Mensch? Wirst du bis zum Lebensende so sitzen?“ Abaj antwortete nicht. Im Fernsehbildschirm öffnete und schloss sich ein Mund. „Steh auf, lass uns spazieren gehen“, schlug Nazar eindringlich vor. „Wenigstens etwas frische Luft schnappen. Du sitzt hier wie ich weiß nicht wer. Du sitzt schon seit drei Jahren so, bist ganz schimmelig geworden.“ „Hör auf, Nazar“, sagte Abaj weich. „ Setz dich, lass uns Tee trinken, Ich habe eben welchen gekocht, frisch und kräftig. Wofür sollen wir uns beeilen? Die Luft ist nur da rein, wo man frei atmen kann. Deswegen macht es keinen Unterschied, hier oder draußen.“ „Es gibt einen Unterschied.“ „Ja, gibt es, ,stimmte Abaj zu. „Dort ist kalter Schnee, hier ist heißer Tee. Ich bevorzuge auf jeden Fall das Zweite. Also gieße ein. Dir selbst und mir. Welchen Sinn hat es, das Haus zu verlassen? Man sagt, mehr als du bekommst, wirst du nicht erfahren. Habe ich dir von dem Sack voller Körner erzählt?“ „Nein, welcher Sack?“ „Ich habe mal davon geträumt. Habe ich dir sicher nichts davon erzählt? Natürlich ist es Unsinn aber ich erinnere mich in letzter Zeit oft an den Traum. Als ob ich neben einem runden Tisch stünde und vor mir alle Weisen der Welt. Kannst du es dir vorstellen? Ich und die ganze Weisheit der Welt! Der Sack ist schwer, die Hand ist angespannt. Und ich mache ihn auf und sehe – darin sind Körner.“ „Und wie weiter?“, fragte Nazar. „Was, weiter? Das war alles, ich bin dann aufgewacht.“ Abaj nahm die Fernbedienung von der Fensterbank und der Mund im Fernseher begann zu sprechen. „…um eine Gesellschaft von nicht-ignoranten Menschen zu formen, die ein erfolgreiches Kasachstan erschaffen wollen. Aufklärung und Wohlergehen.“ Genau dieses Ziel erklang beim Treffen…Nazar stand auf und zog das Kabel des Fernsehers aus der Steckdose. „Ich fuhr eben am Park vorbei. Da stehen Panzer…“, sagte er. „Echte Panzer, ganz neue…Ist es immer so hier?“ „Ich weiß es nicht.“ Nazar berührte Abajs Schulter, in den dunklen Monitor des Fernsehers blickend. „Ich gehe ganz selten raus, wie du siehst. Solange es Essen und Wasser gibt, muss ich nirgendwo hingehen. Mach den Fernseher an, lass uns Nachrichten schauen. Vielleicht erzählt man irgendetwas über deine Panzer.“ „Schalte ihn selber an“, murmelte Nazar. „Du hast übrigens keine Lebensmittel bei dir zuhause. Ich habe morgens alle Schränke durchsucht und fand nichts. Nur Konserven. Wie kannst du nur so leben? Das verstehe ich nicht.“
6.
„Schon wieder räumen sie unseren Hof nicht auf“, sagte Alija. „Der Hausmeister war seit heute morgen nicht draußen gewesen. Hast du mit der Eigentumswohnungsverwaltung telefoniert?“ „N- Nein“, antwortete Danijar unsicher und erinnerte sich daran, dass er es hätte tun sollen. „Schon wieder vergessen? Ich habe dich doch darum gebeten…“, sagte Alija vorwurfsvoll. „Warum muss ich dich immer daran erinnern?“ „Ja und? Muss ich jedes deiner Worte aufschreiben, oder wie?“, fragte Danijar gereizt und fühlte, dass die ganze Sache nach einem Skandal roch. Alija war immer zurückhaltend mit Emotionen, doch manchmal blitzte sie unerwartet auf, begann solche Blitze auszusprühen, dass man sich verstecken und den Sturm abwarten sollte. Alija antwortete nichts, doch ihr Gesicht verdüsterte sich und sie ging still in die Küche. In solchen Situationen wusste Danijar nicht, wie er sich verhalten sollte. Er rief sofort die Eigentumswohnungsverwaltung an aber dort nahm, wie gewohnt, keiner den Hörer ab und es war absurd darauf zu hoffen, dass an einem Samstag, bei einem solchen Schneesturm, jemand den Hausmeister dazu zwingen würde, seine Arbeit zu machen. Jedenfalls nicht in Almaty. Danijar konnte sich genau daran erinnern, wie er sich wunderte als er bei seinem Dienst in Moskau in ein winterliches Unwetter kam. Die ganze Nacht schneite es und die ganze Nacht kehrten die Straßenkehrer die Straße, junge Männer – Tadžiken. Sie fegten ohne Pause, von einem zum anderen Ort. Morgens, als Danijar das Treppenhaus verließ, türmten sich auf den Seiten Schneehaufen, die fast bis zur Hüfte gingen. Dafür waren die Wege sauber, schwarz gestreut mit einem feinen Sand. Die Straßenkehrer verschwanden. Danijar verstand ihre Logik. Wofür kehren wenn Neuschnee fällt? Besser warten, bis es aufhört zu schneien und später erst mit der Sache beginnen. In dieser Zeit hat sich, der auf die Erde gelegte Schnee, von den Maschinen wegdrücken lassen, Eisschichten, glatt und fest vom Frost. Zum Asphalt vorzudringen war nur möglich wenn man das passende Werkzeug dafür hatte. Im Internet tauchten bald Zusicherungen auf, dass die Stadt bald in Ordnung gebracht werden wird, vom Schnee befreit werden wird. Aber die Versprechen gingen nicht in Erfüllung, bis die Sonne aufging, eine weiche Frühlingssonne, die schnell die Aufgabe erfüllte, die den Beamten so schwer fiel. Bei der Eigentumswohnungsverwaltung hoben sie den Hörer immer noch nicht ab, sodass Danijar nicht zu Alija gehen konnte, um ihr mitzuteilen, dass die Sache mit dem Hausmeister geklärt sei. Die Woche wurde mühselig und er hoffte so sehr, sich am Samstag ausruhen zu können, einfach nur ausruhen, leichtsinnig faulenzen. Länger im Bett bleiben, fernsehen, die Programme auflistend, ohne darüber nachzudenken was da läuft, auf den Bildschirm schauen wie in das Feuer eines Kamins. Jemanden von den alten Freunden anrufen, wenigstens Maksa Oblepihina oder Adilja. Jemanden, mit dem man Smalltalk halten konnte. Oder den Computer einschalten und eine Runde zocken, ein Ballerspiel oder Fußball. So eine Erholung wünschte sich Danijar. Jetzt fühlte er sich jedoch schuldig vor Alija und deswegen war an Ausruhen nicht mehr zu denken. Das Herz würde sich sowieso sorgenvoll zusammenziehen und im Kopf würden sich Gedanken sammeln über die Möglichkeit, sich mit Alija zu vertragen. Dafür müsste man zu ihr gehen und davor fürchtete sich Danijar. In Gedanken beschloss er noch abzuwarten und irgendetwas nützliches im Haushalt zu machen. Alija liebte es, wenn Danijar etwas im Haushalt machte. Er wechselte die durchgebrannten Glühbirnen, drehte die losen Klinken zurecht…dazu kam, dass Danijar im letzten Monat wenig zuhause war, er steckte immer länger auf der Arbeit fest, in dieser Zeit sammelten sich eine Menge Kleinigkeiten, die seine Aufmerksamkeit benötigten. Danijar streifte durch die Wohnung, reparierte die schiefen Türchen der Schränke im Wohnzimmer, schraubte an den Muttern des defekten Handtuchhalters im Badezimmer und beschloss dann den Müll zu entsorgen. Die zugeschnürten Müllsäcke standen schon seit gestern Abend an der Türschwelle und rochen etwas streng. Er zog sich eine Jeans und einen alten Pullover an und wollte gerade rausgehen als er hörte, wie in der Küche etwas umfiel. „Alija! Ist alles in Ordnung?“, rief Danijar und ohne die Antwort abzuwarten, ging er zu ihr. Vor Alija lag ein großer Topf, aus diesem floss der Rest der gestrigen Suppe auf die Fliesen. „Wie oft habe ich dich darum gebeten“, sagte Alija, Danijar erblickend „die schmutzigen Töpfe sofort zu waschen. Du bringst immer alles durcheinander.“ „Was bringe ich durcheinander?“, murmelte Danijar, als er den Topf aufhob und den Boden mit einem Lappen schrubbte. „Alles bringst du durcheinander“, rief Alija. „Alles, schau dir unser Haus an. Wohin man auch blickt, nichts ist an seinem Platz. Überall sind irgendwelche Papiere, Schraubenzieher, Unterhemden – alles durcheinander. Kannst du den Gegenstand nicht dahin zurück legen, woher du ihn hast? Ist es etwa zu schwer? Wir haben doch ausgemacht, dass du die Töpfe wäschst. Du weißt doch, dass es mir schwer fällt. Das war die einzige Bitte…züchtest hier Spinnen, wozu?“ „Welche Spinnen?“, fragte Danijar die Stirn runzelnd. „Wir haben hier keine Spinnen.“ „Die werden schon auftauchen“, rief Alija. „Wie oft habe ich es dir schon gesagt – leg die schmutzige Wäsche direkt in den Korb, bis jetzt sind überall in der Wohnung deine Socken verteilt, unter jedem Schrank. „Nicht unter jedem, nur unter einem“, protestierte Danijar. „Jeden Tag koche ich für dich, putze, wasche. Schon seit einem Jahr bitte ich dich, eine Spülmaschine zu kaufen, aber dir ist es egal. Wer bin ich denn? Eine Bedienung? Du denkst überhaupt nicht an mich“, Alija schaute streng auf Danijar und schrie wieder auf. „Warum setzt du dich in dieser Straßenjeans auf den sauberen Stuhl? Hast du etwa keinen Kopf?“ „Ich habe mich selbst hingesetzt und wische es selbst weg“, sagte Danijar gereizt, stand auf und wischte über den Stuhl. „Hast du sie noch alle?“, schrie Alija. „Zuerst wischst du den Boden und dann mit dem selben Lappen den Stuhl!?“ „Warum schreist du mich an?“, beklagte sich Danijar. „Kannst du nicht normal reden?“ „Du verstehst normal nicht“, sagte Alija mit einer abbrechenden Stimme. „Es ist unmöglich mit dir zusammen zu leben. Ich kann es nicht, ich gehe lieber irgendwo anders hin, ist egal wohin, nur ohne dich.“ „Ich lasse dich nicht“, sagte Danijar. „Wohin mit dir?“, fragte Alija, ohne ihn anzublicken. „Ich kann so nicht mehr.“ „Dann gehe lieber ich weg“, sagte Danijar. „Wenn ich dich so reize, gehe ich.“ „Dann geh“, sagte Alija. „Geh, mir ist es egal.“ „Ich gehe“, sagte Danijar, „ich gehe.“ Er ging in den Flur, zog sich den Fellmantel an, dann die Mütze, schnürte sich die Schuhe zu, nahm den Autoschlüssel, zählte etwas Geld aus dem Portemonnaie ab und ging raus, hinter sich die Tür zuknallend. Er wusste genau wohin er ging. Über ein Gasthaus dachte er gar nicht nach. Es fing bereits an zu dämmern, deswegen ging er erst einmal zum Geschäft um die Ecke, kaufte Wasser, Brot, eine Stange Wurst, ein Stück Käse und ein paar Tafeln Schokolade. Er kehrte mit den Einkäufen zurück auf den Hof, öffnete sein Auto, das mit Schnee bedeckt war und kletterte auf den Beifahrersitz. Der Schnee begann zu fallen, mit großen klebrigen Flocken, dann wurde er weniger, wurde schärfer, wieder stärker, häufiger. Ein Wind kam auf, es klatschten und donnerten die blechernen Blätter auf den Dächern, die Drähte schaukelten. Alija fing an sich Sorgen zu machen und schaute auf den Hof. Ihr alter Jeep stand direkt vor der Straßenlaterne. Aus dem Auspuff entwich ein dichter, weißer Dampf. Alija war im Allgemeinen nicht froh darüber, dass er gegangen war, aber sie war auch nicht traurig, nein sie fühlte zunächst, dass es so gerecht war, dass er, Danijar, es verdient hatte bestraft zu werden und sie hatte es verdient etwas Zeit alleine zu verbringen. Nach dem sie sich vergewissert hatte, dass ihr Ehemann im Auto übernachtete, beruhigte sich Alija wieder, machte Musik an und kümmerte sich um den Haushalt. Sie räumte auf, wischte die Fensterbänke, goss die Blumen. Dann erhitzte sie das Wasser im Wasserkocher und trank einige Tassen Tee, dazu aß sie Haferkekse. Sie schaltete den Fernseher an, blätterte durch die Sender und machte ihn ungeduldig wieder aus, nachdem sie nichts passendes für sich gefunden hatte. Vor dem Fenster schneite es leicht. Auf der Spitze des Nachbarbaumes saß eine Krähe. Alija drohte ihr mit dem Finger. Die Krähe saß noch einen Augenblick so da und dann, sich vom Zweig abstoßend, flog sie los, mit aller Kraft die Flügel schlagend. Alija wollte sich irgendeinen Film ansehen aber alle neuen Filme wollte sie gemeinsam mit Danijar schauen und deswegen war es nicht gerecht, sie ohne ihn zu gucken. Sie blickte wieder heimlich runter zum Hof. Der Schnee hatte schon die Spuren des Tages versteckt. Draußen war alles weiß, unberührt. Sie zog die Vorhänge zusammen, zog sich aus und kroch unter die Bettdecke. Der Winter war sofort weit entfernt und durchsichtig, es war nur irgendwie ungewohnt und traurig einzuschlafen, und neben sich nicht den warmen Danijar zu spüren. Draußen hörte es nicht auf zu schneien. Autos, die im Hof standen, verloren mit der Zeit ihre Konturen, der Schnee ließ sie größer erscheinen und glättete ihre Umrisse, verwandelte sie in gigantische, weiße, abschmelzende Kerzen. Danijar lag sich halb zurück gelehnt auf dem Vordersitz seines Jeeps und schaute wie die Welt vor seinen Augen verschwamm. Von innen schien der Schnee auf dem Frontfenster nicht weiß, sondern schwarz zu sein. Doch das gelbe Licht der Laterne schien auf den Schnee, als würde die Welt flimmern. Danijar startete den Wagen, machte den Ofen an, wärmte das Innere, entschied sodann, dass er in dem gestarteten Wagen nicht schlafen konnte und stoppte den Motor. In seinem Kofferraum lagen einige Picknickdecken. Er wickelte sich in alle ein und zog eine Mütze über die Ohren. Auf das Frontfenster schauend, kam er sich vor wie ein Neugeborenes, in Winden gewickelt. Doch er bewegte sich nicht zum Licht, sondern in die entgegengesetzte Richtung.
7.
Die Hand schmerzte. Stepanyč bekam einen professionellen Gips. Beim Frost spürte man die Schmerzen nicht, doch jetzt tauchten sie auf, stumpfe, ziehende, unangenehme Schmerzen. Stepanyč ging langsam, aufmerksam, die Beine so bewegend, um nicht noch einmal zu stürzen. Als er das Treppenhaus erreichte, sah er vor der Tür einen zerrissenen Sack Müll. Aus der Tüte floss irgendeine trübe Flüssigkeit. „Schon wieder fünfundzwanzig“, sagte Stepanyč verärgert als er stehen blieb. Die Flüssigkeit verfestigte sich langsam, zerfloss zu einer Pfütze über dem Betonboden und fror ein im Frost. Stepanyč hockte sich hin, ochte, schnappte mit der gesunden Hand die Tüte und brachte sie zum Mülleimer. Auf dem Parkplatz, umgeben von Autos, lungerte Danijar herum. „Guten Tag Viktor Stepanyč“, sagte dieser fröhlich, „bringen Sie den Müll raus?“ „Hallo Danijar!“, sagte im Stehenbleiben Stepanyč. Aus der Tüte tropfte gelbe Flüssigkeit auf den Schnee. „Hast du eine Ahnung, wer hier den Müll vor meinem Treppenhaus stehen lässt?“ „Keine Ahnung“, Danijar fuchtelte mit den Armen: „ja und? Ist ja nicht zum ersten Mal.“ „So finde ich eine Tätigkeit. Gut, nicht jeden Tag aber sicher ein paar Mal die Woche. Und so geht das schon das halbe Jahr.“ „Bringen Sie eine Videokamera an“, riet ihm Danijar. „Legt mit den Nachbarn zusammen und installiert hier eine.“ „Welche Kamera? Was sagst du da, Danijar? Niemand will hier eine Verbesserung. Möge Gott das bewahren, was es schon gibt. Nur macht mir der Müll Blasen auf den Augen. Und dann denke ich mir, bin ich der einzige, der das braucht? Wenn ich es nicht mache, wie lange bleibt der Müll dann stehen? Und stell dir vor, er steht ein Tag, Zwei, Drei. Alle gehen dran vorbei und beschweren sich nicht. Gut, dass Winter ist, sonst wäre hier alles voller Mücken. Ich habe es natürlich nicht ausgehalten und fragte die Nachbarn. Aber niemand wollte es zugeben, dass der Müll ihnen gehört. Und dann sage ich – soll das hier so stehen bleiben? Und man sagt zu mir, hau ab Stepanyč. Wenn es dich so beschäftigt, dann geh und bring ihn selber raus. Und so begann ich dem Müll raus zu tragen.“ „Wie hinterhältig“, sagte Danijar, „Wissen Sie, ich bin zur Zeit im Auto…Das heißt, ich verbringe viel Zeit im Hof. Ich kann einen Blick auf ihr Treppenhaus werfen. Wenn ich jemanden sehe, erzähle ich es Ihnen. Oder ich nehme es selbst in die Hand. Das lohnt sich ja für gar nichts. Und wenn man das so lässt, fangen sie morgen an ins Treppenhaus zu kacken. Was ist mit der Hand Viktor Stepanyč?“ „Ach, unwichtig“, winkte Stepanyč ab. „Und du, hab Acht, hab Acht Danijarchen. Man muss nicht kämpfen, sag einfach wer es war und wir regeln das selbst.“ „Gut“, stimmte Danijar zu, „Geben Sie mir den Müll, ich bringe ihn raus, und Sie – gehen Sie nach hause und kommen Sie zu Kräften.“ In der Wohnung angekommen, erhitzte Stepanyč den Wasserkocher, goss sich eine Tasse voll ein und machte den Fernseher an. Der Bildschirm blieb schwarz und wackelte leicht mit winzigen Pünktchen. „Was zum Teufel“m sagte verärgert Stepanyč und schaltete um. Es veränderte sich nichts, nur dass die Pünktchen heller wurden. Stepanyč klickte noch etwas mit der Fernbedienung und griff nach dem Telefon, um den Reparatur-Dienst anzurufen, als es an der Tür klopfte. Stepanyč schaute in das Guckloch. „Wer ist da?“ „Guten Tag“, im Guckloch wackelte und verschwamm das Gesicht eines Kerls mit Brille und Kappe. „Wir haben aus versehen Ihren Draht durchgeschnitten, wir wollten bei Ihrem Nachbarn den Fernseher installieren und haben zufällig Ihren Draht abgeschnitten.“ „Meine Fresse“, sagte Stepanyč, öffnete die Tür und trat auf den Flur. „Einfach nur meine Fresse, wie kann man nur zufällig einen Draht zerschneiden?“ „Ja, ich habe die Kabelführung durchgeschnitten, in der Ihr Kabel liegt und habe falsch kalkuliert“, versuchte sich der Kerl zu rechtfertigen. „Hör mal, weißt du wer ich bin?“, fragte Stepanyč. „Ich bin Chirurg im vierzigjährigen Dienst. Und wenn ich falsch kalkulieren würde und dir anstatt des Blinddarms eine Niere herausnähme?“ In der Wand des Treppenhauses klafften zwei Löcher und von der akkuraten Kabelführung, die in die Wohnung Stepanyčs führte, verlief schräghin ein neuer Zweig. „Entschuldigung“, sagte der Kerl. „Entschuldigung“, äffte Stepanyč ihn nach. „Warum hast du überhaupt deine Nase in meine Kabelführung gesteckt?“ „Um das Äußere des Treppenhauses nicht zu stören. Wir haben eine solche Ordnung“. „Als hättest du hier Schönheit erschaffen“, sagte Stepanyč. „Warum ist alles so schief? Eure Hände wachsen euch aus dem Hintern.“
Gleich rufe ich deinen Chef an, um solche wie dich mit dem Besen zu vertreiben.“ „Ne, Sie können nicht anrufen – das Telefonkabel habe ich auch zerschnitten.“ „Oha, was seid ihr für Spezialisten“, Stepanyč wackelte mit dem Kopf. „Wie willst du es nun flicken?“ „Ich löte es“, sagte der Kerl nachdenklich. Eine Etage tiefer fiel eine Tür ins Schloss. „Jungs, seid ihr fertig?“, hörte man eine weibliche Stimme. Stepanyč beugte sich über das Geländer, „Olga Jurjevna, verlegt man etwa bei Ihnen das Kabel?“ „Guten Tag, Viktor Stepanyč. Was ist denn los? Ist alles in Ordnung?“ „Ja, eure Jungs haben mich ohne Fernseher und Telefon gelassen.“ „Oh Gott“, ochte Olga Jurjevna. „Gleich Gena. Machen Sie sich keine Sorgen, Viktor Stepanyč, ich habe einen Elektriker, der ist Gold wert. Er wird alles reparieren, Gena, Gennadij.“ „Gut“, murmelte Stepanyč, „Flickt es schneller. Ich brauche das Telefon.“ Er kehrte wieder in die Wohnung zurück…Der Tee war schon kalt, musste wieder erhitzt werden. Vor dem Fenster fiel nach wie vor in dicken Flocken Schnee. Stepanyč berührte seinen Gips und wackelte mit den Fingern. Ein Riss, so ein Unsinn. Dafür kennt er jetzt Tonja. Antonina. Tonečka. Ein guter Name. Und das Mädchen, so hübsch. So groß und stark. Stepanyč mochte starke Frauen. Sie gab ihm ihre Nummer. So leichtsinnig. Stepanyč schmunzelte. Die Alten haben Glück. Man sollte heute schon anrufen, ohne es zu verlegen. Er ging zum Telefon, nahm den Hörer ab, hörte hin. Ein Ton, das heißt, es wurde schon repariert. Er nahm ein zweimal gefaltetes Schnipsel Papier aus seiner Brusttasche hervor, welche am Jackett im Flur befestigt war. Zum Teufel, welch winzige Schrift. Wo ist die Brille? Gefunden. So. Drei Siebener. Mobiltelefon etwa? Gut, wählen wir. Sie hob sofort ab. „Guten Tag, Tonja!“, sagte Stepanyč verlegen. „Ja, ja. Wirklich? O, bei mir ist alles in Ordnung. Tonja, ich würde dir gerne irgendwann…ähm, danken. Kann ich dich zum Essen einladen? Ja, so ist das, hier gibt es nichts, wo man hingehen kann. Wir gehen ja nicht ins Theater, also was? Ja, ja. Abgemacht, bis morgen.“ Stepanyč sagte zufrieden „Hm“, setzte seine Brille richtig auf und stellte den Hörer zurück in die Station.
8.
Abaj saß immer noch in der Küche und starrte in den Fernseher. Nazar setzte sich neben ihn und holte aus der Tüte zwei Flaschen Wodka hervor. Abaj schaute ruhig auf die Flaschen und sagte: „Dort im Schrank, auf dem obersten Regal, steht ein Glas mit eingelegten Tomaten. Gute Tomaten. Meine Nachbarin, Alija, hat sie selbst eingelegt. Du kennst doch Alija. Hol raus, dann haben wir was zum beißen.“ Das Glas war mit grauem, klebrigem Staub bedeckt. „Du räumst zuhause gar nicht auf, oder?“, fragte Nazar, die Tomaten auf den Teller ablegend. „Bald werden Pilze auf deinen Wänden wachsen.“ Sie tranken den Wodka. Auf den Abfluss vor dem Fenster, mit den Flügeln raschelnd, setzte sich eine Taube, kaum noch am Rand haltend, mit den Krallen das fleckige Blech kratzend. Sie riss die Augen auf, schaute ohne Unterbrechung auf die Tomaten und rutschte dann aus, die Flügel aufschlagend, wurde sie vom Wind fortgetragen. „Hier war doch früher ein Balkon“, sagte Abaj und streckte sich, um nochmal die Gläser zu füllen. „Lange her, ungefähr vor sechs Jahren. Erinnerst du dich? Ich war damals noch im Dienst. Als man mit der Renovierung begann, stellte sich heraus, dass im alten Schrank auf eben diesem Balkon die Tauben ein Nest erbaut haben. Wir haben den Balkon mit der Küche verbunden, die Wand wurde entfernt, Krach, Staub…Die Tauben haben wohl Angst bekommen und sind weggeflogen, und die Eier blieben im Nest. Zuerst wollte ich das Nest ganz nach draußen tragen, irgendwo auf einen Baum hängen, doch dann verstand ich, dass die Katzen es essen würden. Und klar, wenn die Vogeleltern nicht zurückkehren, bleibt den Küken nur das Sterben und das Gewissen ist schlecht. Ich habe sie dann aufs Dach getragen, dachte am nächsten Tag mal nach ihnen zu schauen, doch dann hatte ich es vergessen und kletterte nicht mehr dorthin. Und als der Balkon verglast wurde, fingen die Tauben an, hierher zu fliegen. Wie jetzt – kommt die Taube her als ob sie etwas suche und fliegt wieder weg? Gut, lass uns trinken.“ „Lass uns trinken“, sagte zustimmend Nazar. Nazar trank aus und Abaj starrte lange auf das Glas und sagte endlich: „Du sagst, dass ich wie ein Eremit lebe, nie rausgehe, ja? Hattest du nie so etwas, dass du gehst und dann plötzlich vor dir ein Schatten auftaucht und dein Körper zur Seite zuckt, sich wegduckt von diesem Schatten? Und dann stehst du auf, blickst dich um, und es gibt nichts im Umkreis von diesem Schatten. Leere. Und warum hast du dich weggeduckt? Hast du nicht manchmal so ein Gefühl?“ Nazar bewegte ablehnend den Kopf. Abaj schaute den Bruder aufmerksam an und senkte wieder die Augen. „Bei mir war das immer so. Die ganze Welt bestand früher aus diesen Fäden – dunklen, gespensterhaften, auf alle Seiten gespannt, versuch dich nur zu ducken. Was denkst du, warum ich zuhause sitze? Weil dort“, Abaj zeigte mit dem Finger auf das Fenster, „nur Fallen…Ich war schon in der Armee, müde, immer bereit zu sein. Nur so – Abteilung aufstehen! Heute hier und morgen werden wir ins Unbekannte abkommandiert. Immer auf der Hut, dachte ich. Mache den Dienst zwanzig Jahre und dann in Rente, als Zivilbürger. Dachte man kann dann ruhig leben, nichts fürchten. Hier ist es noch schlimmer. Du biegst um die Ecke und da ist ein Graben, sie wechseln wieder die Rohre. Du gehst zur Seite und da ist eine offene Luke. Du sagst nur ein Wort und schon kippt man auf dich einen Eimer voller Abfälle. Überall Fallen. Der Krieg ist im Gange, doch den Feind sieht man nicht. Nur das Gefühl als ob die ganze Stadt mit einem Spinnennetz bedeckt ist. Mit einem klebrigen, schwarzen Spinnennetz. Und irgend jemand hat sich stark in diesem Spinnennetz verfangen. Manch einer zittert noch. Manche sind schon vergiftet worden. Und ich duckte mich weg, duckte mich, bemühte mich. Dachte nur daran, die Spinne zu finden, sie zu mustern. Denn wenn es ein Spinnennetz gibt, dann muss es auch eine Spinne geben, stimmt es ? Und dann verstand ich, dass ich es selbst nicht bemerke, wie ich mich verheddere. Sobald ich denke den Schatten der Spinne zu erblicken und dann genauer hinsehe – nein das ist nur eine Fliege, die im Spinnennetz flattert. Dann höre ich einen Lärm, bewege mich sofort dahin, und da ist eine andre Fliege, beide so dick und speckig. Als ob sie von der Spinne verlassen wurden, um abzulenken. So lief ich hin und her. Und obwohl ich nichts machte, kam ich immer erschöpft nach hause, konnte weder Beine noch Arme bewegen. Weil das Spinnennetz klebt. Klebt sich auf die Augen, verkriecht sich in den Ohren. Und alles drumherum ist so, du berührst das Glas vom Fenster und siehe da, auf den Fingern ist etwas schwarzes, öliges. Triffst du den Blick eines Menschen, doch seine Augen sind leer, vergiftet, aus dem Mund fließt Gift.“ Abaj atmete mit viel Kraft aus und trank. Nazar schwieg, unwissend, was er dem Bruder sagen sollte. „Ich rede unverständlich, stimmt’s?“, fragte Abaj. „Ich habe selbst anfangs nichts verstanden“, sagte Abaj, „deswegen habe ich mich hier eingesperrt. Ich wollte alles überdenken, wie es sich gehört. Ich saß nur da und habe den ganzen Tag ferngesehen. Ich hoffte, dass ich dieses Spinnennetz von der Seite betrachten könnte. Erinnerte mich an die Eltern. Erinnere mich daran, wie unser Kindheit war. Weißt du noch, wie wir auf die Garagen der Eltern kletterten. Kennst du noch Onkel Vitja? So einen Bärtigen? Er fuhr einen
weißen Moscvič. Und seine Frau, Tante Vera. Sie wohnten eine Etage über uns. Und ihnen gegenüber die Familie Tulegenovy. Ajdar war die Ältere und mit Bek und Asel‘ spielten wir draußen auf dem Hof. Sie hatten keinen Vater und die Mutter…wie heißt sie noch…?“ „Gauhar-apaj“, lächelte Nazar und füllte die Gläser mit Wodka. „Ja genau, Gauhar-apaj hat uns immer mit Äpfeln gefüttert. Weißt du noch? Ich habe die Bilder vor meinen Augen. An die Namen erinnere ich mich nicht an alle aber die Gesichter sind mir noch vertraut. Mitschüler, Freunde, ihre Eltern…und unsere Eltern, wie viele Freunde hatten sie. Sie kamen zu uns nach hause, fröhlich mit Gitarren, sangen Lieder, tanzten…Mama kochte beš-parmak, solch einen, dass der Duft das ganze Haus erfüllte. Erinnerst du dich? Irgendwie waren alle so glücklich. Ich erinnere mich an die Gesichter, offen, hell, die Augen klar…Es waren doch auch schwere Zeiten. Alle lebten ärmlich. In den Geschäften wurde kein Fleisch verkauft, Ich weiß noch, wie Vater extra aufs Land fuhr um Fleisch zu kaufen. Ich träumte von Würstchen, von diesen grau-rosaroten schrecklichen Würstchen.“ Abaj schmunzelte: „Und jetzt haben die Leute kein Glück. In den Augen nur Angst. Lass uns trinken.“ Die beiden stießen an und tranken. „Entschuldigung, jetzt habe ich zu viel gesprochen“, sagte Abaj, „heutzutage kann man selten reden.“ „Kennst du noch Nina, aus dem zweiten Treppenhaus?“, fragte Nazar und lachte. „Natürlich kennst du sie. Du hast ihr gefallen. Aber du warst schon seit der Kindheit kratzig. Wenn du sie getroffen hattest, wurdest du noch kratziger.“
„Sie ist vor einem Jahr gestorben“, sagte Abaj, sein Gesicht verfinsterte sich und verzog sich vor Schmerz. „Sie hat sich erhängt. Bek rief an und lud uns zum Begräbnis ein, doch ich ging nicht hin. Lass uns ihrer gedenken wenn wir uns schon erinnern.“ Sie tranken leise und saßen lange in der Stille. Jeder dachte über das Seine nach, vielleicht auch über etwas gemeinsames. Endlich fing Abaj wieder an zu sprechen. Unerwartet laut erklang seine Stimme in der dunklen Küche. „Weißt du, was ich denke? Bisher habe ich es noch niemandem erzählt, aber dir verrate ich es jetzt. Seit Nina tot ist, denke ich…weißt du, ich dachte früher, dass die Oberhäupter unseres Staates Diebe sind.“ Abaj drehte in seinen Fingern das leere Glas und hob den Blick auf Nazar. „Und weißt du, ich lebe damit, habe mich an diesen Gedanken gewöhnt. Bemühte mich, dass man mir nicht zu viel wegnahm, verdiente händeringend und bewahrte das Gute auf soweit ich konnte. Und jetzt blicke ich um mich und sehe, dass ich falsch lag, katastrophal falsch. Sie sind keine Diebe, sondern Mörder…“ Abaj hob den Kopf und Nazar staunte über seinen Blick. Kein Licht war in diesen Augen, nur Dunkelheit einer unendlich erweiterten Pupille. Und Abaj sprach schneller, als ob er einen Gedanken auffing und hatte nun Angst ihn loszulassen, beeilte sich, um die richtigen Worte zu finden: „Jaja, Mörder, was anderes lässt sich nicht sagen. Alle um dich herum töten sie. Unsere Erde, die fruchtbare Steppe, die grüne, töten sie. Unser Opa, weißt du noch, erzählte, dass früher Gras in der Steppe wuchs, so hoch wie ein Mensch, selbst den Reiter auf dem Pferd bedeckte es samt seinen Kopf. Der Aral ist ausgetrocknet, das Erdöl hat man der Erde ganz ausgesaugt, die Flüsse verschmutzt, auf dem Baikonur explodieren Raketen mit giftigen Treibstoffen. In den einen Städten Radioaktivität, in den anderen vergiftete Luft. Und selbst bei uns, hier in Almaty, ist es keine Luft, sondern ein bleierner, ewiger Nebel. Bäume werden mitten in der Stadt gefällt vor den Blicken der Menschen und die Machthaber verstecken sich hinter offiziellen Dokumenten. Und dann heizen sie mit diesen jahrhundertealten Eichen ihre Kamine. Unsere Berge ebnen sie mit Bulldozern um an deren Stelle Ski – Kurorte zu schaffen. Was bleibt am Ende übrig? Keine Kurorte, kein Geld, alles nur wie ein Sumpfloch irgendeines Nimmersatts. Uns es bleiben nur Berge und Menschen, gleich abgequält, verstümmelt…“ Nun senkte Nazar seinen Blick, nicht in der Lage, die aus Abaj sprudelnde Trauer auszuhalten. Abaj verstummte ebenso, qualvoll, finster blickend, als ob er in irgend ein Inneres schauen würde, in seinen Kopf und in sein Herz. „Und die Sprache“, rief er plötzlich aus und beeilte sich wieder, „früher war kasachisch eine wunderschöne Sprache. Wie gut haben die Leute sie beherrscht. Welche Lieder haben sie gesungen? Und in der Gegenwart? Du öffnest im Sommer das Fenster und hörst nur Flüche von der Straße kommen, machst den Fernseher an und da nur Neologismen. Da sagen sie, dass sie sogar das Alphabet wechseln wollen. Die Sprache ist doch jetzt schon krank, überlebt geradeso und dann bekommt sie ein Bein gestellt, wird in den Rücken gestoßen. Heutzutage gibt es wenig gebildete Menschen und wenn sie das Alphabet ersetzen, wird es davon keine mehr geben.“ Abaj berührte mit den Händen seine Schläfen und sprach leiser, fast flüsternd, noch mehr Wut kam raus, noch mehr Schmerz. „Die Erde getötet, die Sprache auch und lassen die Leute nicht leben“, flüsterte Abaj, Unsere Frauen dürfen nicht anständig gebären. Sie werden alle zum Kaiserschnitt gezwungen, Krankheiten heilen können sie nicht. Die Menschen halten den Schmerz aus, haben Angst zu Ärzten zu gehen, um sich keine Hepatitis oder andere Seuche einzufangen. Die Kinder bekommen überfällige Impfungen. Und jeden Tag solche Nachrichten, dass die Seele zu glauben aufhört. Die Uhr schlug Mitternacht, was Abaj zusammen zucken ließ und ihn beinahe wach machte, den Blick auf Nazar hebend. „Weißt du noch, der Sohn eines Beamten hatte Menschen mit deinem Auto angefahren? In allen Zeitungen wurde darüber berichtet, aber er ist auf freiem Fuß, so als ob nichts gewesen wäre. Heute haben die Eltern Angst, ihre Kinder allein auf die Straße zu lassen, weil die Söhnchen mit ihren Autos hetzen als wären sie blind. Und dann die Nachrichten: da wurde ein Mensch angefahren, da verstümmelt. Wahre Mörder. Und alle in Freiheit. Oder hier, auch aus den Nachrichten, wie eines dieser Söhnchen mit seinen eigenen Händen eine ältere Frau getötet hat. Erinnerst du dich? Weißt du noch? Ihren Sohn hat er verprügelt, weil dieser versehentlich einen Spiegel an seinem Auto gestreift hat. Und die Frau bemühte sich, ihren Sohn zu beschützen, doch auch sie hat er nicht verschont. Er schlug sie und tötete sie auf der Stelle. Denn sie sind alle wie einer, wenn sie die Macht haben. Oder die Kinder derer, die an der Macht sind. Und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm wie man sagt…“
„Abaj“, sagte Nazar ruhig aber hart, den Bruder anblickend, „du hast mit allem Recht, nur das Wichtigste hast du vergessen. Was ist wenn wir all das verdient haben? Ist es etwa möglich, die Hand auf dem Herzen, zu behaupten, dass wir selbst kein Verhältnis dazu haben, was um uns herum geschieht? Und wie wir das haben! Nur enthält sich jeder von uns der Verantwortung. Warum sind wir krank? Weil die Krankenschwestern zu faul sind, sich Handschuhe anzuziehen, die Zahnärzte vergessen die Instrumente zu desinfizieren und die Hebammen sich nicht mit normalen Geburten herum quälen wollen, so schneiden sie alles auf wie Tiere. Die Machthaber begehen Verbrechen, so auch das Volk auf seine Weise. Warum ist bei uns überall Dreck? Warum ist es in diesen Bergen so schmutzig? Alles voller Flaschen, Kippen, Mülltüten? Dafür ist nicht die Macht verantwortlich, sondern einfache Leute. Sie selbst errichten um sich herum eine Müllhalde. Du sagst, wir haben schlechte Luft? Dafür raucht jeder Zweite, vergiftet sich selbst und andere. Du sagt, dies seien die Söhnchen der Abgeordneten, aber schau dir die Busfahrer an. Sind sie etwa besser? Ich habe gestern erst gesehen, wie zwei Busse sich auf der glatten Straße beinahe überschlugen als sie sich gegenseitig zu überholen versuchten um zu gucken wer als erster die Haltestelle erreicht. Sie schonen sich nicht und riskieren dabei andere Menschenleben. Ist das denn keine Gesetzmäßigkeit? Ist es kein Vergehen? Und davon gibt es Tausende, Millionen. Die kümmern sich nicht, was du ihnen erzählst. Mich kümmert es, dich auch und sie nicht. Sie töten und verstümmeln sich gegenseitig. Verschmutzen das eigene Zuhause. Zur Vernunft kommen wollen sie nicht. Wenn andere Leute sich gegenseitig egal sind, warum sollte man darauf warten, dass die Machthaber besser werden? Wie das Volk, so sind auch die Machthaber.“ Abaj hörte Nazar zu, warf das Glas aufbrausend auf den Tisch und packte den Bruder an der Schulter: „Wie sollen die Menschen anders leben?“ Abaj atmete schwer und schaute Nazar in die Augen: „Wie du schon sagst, wir leben nicht, sondern versuchen zu überleben. Weißt du, wie viele Selbstmorde es in Kasachstan gibt. Bei uns verkünden sie lauthals, dass es keine Geldentwertung geben wird und am nächsten Morgen, bähm, und die eigenen Verbrechen werden vergessen. Und alle sind wieder Bettler, einer kriecht unter den Tisch, der andere in die Schlinge. Wenn nicht die Schlinge, dann schmerzt das Herz, die Gesundheit ist durch diese verschmutzte Umwelt beschädigt. Mörder, sag ich doch. Als ob sie uns von da aus beobachten und denken: was haben sie noch Geduld? Lass uns sie unter Druck setzen. Lass uns ihnen was ganz anderes wegnehmen. Lass uns noch mehr ihr Leben verderben. Und wie ist es jetzt? Sind sie zertreten? Erniedrigt? Krank? Am Sterben? Ausgezeichnet, lass uns in diesem Geist weiter machen. Und unser Volk ist schon so gequält von diesem langen Ersticken, dass es die Hand nicht gegen seine Peiniger heben kann. Keine Kraft mehr und Angst vor dem Tod. Stirbt, kocht lebendig, krampft sich zusammen, und Angst vor dem Tod hat er immer noch. Hofft immer, dass es am Leben bleibt. Ständig Angst, dass man ihm das letzte weg nimmt. Und es hat zu Recht Angst. Sie nehmen es weg. Und wie sie es weg nehmen. Sie nehmen es weg und töten. Ihr Gewissen reicht so weit aus, um das eigene Volk zu töten. Deswegen lieber nicht in die Schlinge, sondern unter den Tisch. Damit sie es nicht merken. Denn wenn man sich gut versteckt, wird man möglicherweise nicht bemerkt.“ Abaj ließ Nazars Schulter los und senkte leise aber mit Kraft seine Fäuste auf den Tisch. „Ich bin doch genauso. Sitze unter dem Tisch, knirsche vor Ärger mit den Zähnen, aber habe Angst herauszukriechen. Deswegen mache ich die Augen zu, stelle mir mein Land vor…“ Abaj machte wirklich die Augen zu und seine Stimme erklang von neuem mit einer fremden, belegten Zärtlichkeit: „Die Steppe ist grün. Tulpen, Mohn. Die Fasane schreien mit krächzender Stimme im Gebüsch. In der Ferne laufen Antilopen, laufen mit Leichtigkeit, dünnbeinig, flink. Und die Luft ist so rein, dass es die Brust auseinander drückt. Und es reitet der Schafhirte vorbei, führt seine Herde, sitzt selbst auf dem Pferd, zwei Hirtenhunde in seiner Nähe. Die Ziegen mähern, reiben sich aneinander. Und der Himmel hoch – hoch, blau – blau. Das alles stelle ich mir vor und verstehe, dass es für so etwas nicht zu schade ist, das Leben herzugeben.“ „Hör auf, Abaj,, sagte Nazar mit Tränen in den Augen. „Hör auf so zu reden. Du zerreißt mir das Herz.“ Abaj verstummte. Noch einige Augenblicke saß er still da, schaukelnd wie in Trance, und dann trällerte leise irgend ein unbekanntes Lied. „Und im Übrigen hast du nicht recht“, sagte endlich Nazar und Abaj verstummte sofort: „Recht oder Unrecht. Die Menschen hocken zuhause nicht weil sie Angst vor den Machthabern haben. Die Leute haben keine Angst vor den Herrschern, sondern vor sich gegenseitig. Sie haben Angst vor den Gaunern, und zwar weil diese ihre Straflosigkeit spüren und die Unvorhersehbarkeit. Sie haben Angst vor den Armen, weil diese oft gekränkt sind und nichts zu verlieren haben. Vor den Zugereisten haben sie Angst, weil diese fremd sind. Vor den eigenen Leuten haben sie Angst, weil diese zu viel wissen. Wir haben uns einfach dran gewöhnt, in allem die Bedrohung zu sehen. Wir sehen in jedem einen Verräter und Dieb. Fürchten uns…und das zu Recht. Wie soll man auch keine Angst haben. Du sagst wir seien eine Herde. Unsere Hirten sind lappig, deswegen ist die Herde hungrig. Und ich denke, die Not besteht darin, dass wir keine Herde sind, sondern Wölfe – Einzelgänger. Jeder macht das seine und für sich selbst. Wir kämpfen um die Beute. Vor starken Wölfen krümmen wir uns, die Schwachen erdrücken wir selbst. Es gibt viele Worte über die Gemeinschaft, doch existiert die Gemeinschaft nicht. Dabei vertrauen wir den Anderen nicht und wollen selbst nichts machen. Wie arbeitet man bei uns? Vier beobachten, kontrollieren und einer gräbt die Grube. Und das ist der Gastarbeiter. Wo sieht man so etwas? Faul sind sie geworden, willenlos, ignorant. Haben sich daran gewöhnt, etwas nur durch Lüge zu erreichen, mit Geld, mit Kontakten, mit Schmeichelei. Die Menschheit haben sie vergessen. Fällt ein Mensch auf der Straße um, wird sich ihm keiner nähern, ihm keiner die Hand geben. Und du sprichst von Herde…“ „Ach, ich weiß nicht. Nazeke, ich weiß es nicht“, Abaj wackelte mit dem Kopf, „vielleicht ist es ein geschlossener Kreis. Aber davon wird es nicht leichter. Und wenn es so ist, was machen wir dann hier? Hier, in dieser schmutzigen Stadt, wo man nicht atmen kann, mitten unter Leuten, für die ein fremdes Leben, fremde Gesundheit, fremdes Eigentum nichts wert sind? Worauf warten wir? Bis jetzt wurde alles nur noch schlimmer. Denn ich denke jedes Mal daran, dass alles grenzenlos ist. Schlimmer kann es nicht werden. Wenn es keine Nachricht ist, dann ist es ein Angstkrampf. Vorgestern sprach man erst darüber, dass die Amerikaner hier bei uns ein Laboratorium für besonders gefährliche Viren erbauen. Gestern beriet man darüber, dass sich unser Land in eine all-weltliche Urne für radioaktiven Müll verwandelt. Heute reden sie darüber, dass vom Himmel Teile von Raketen runter fallen. Von der russischen Grenze aus rücken in unsere Richtung Kanonen. Früher hatten die Menschen in Almaty Angst vor Erdbeben und heute haben sie fast gar keine Angst. Jetzt geschehen schlimme Dinge.“ Abaj stand auf und machte das Fenster auf. Die frostige Luft drang plötzlich in das Zimmer, wirbelte in ihm. Das Spinnennetz zwischen Hauswand und Fenster gespannt, ist noch vom Herbst da geblieben, in ihm glänzten Schneefunken. „Schau mal, wie hübsch“, sagte Abaj: „schau her, Schnee im Spinnennetz. Und die Spinne ist schon längst weg. Vielleicht schläft sie, vielleicht ist sie schon tot. Aber das Spinnennetz funktioniert. Obwohl, sie kann im Winter sowieso nichts fangen. Nur so weiße Mücken fliegen da rein. Komisch ist es. Keiner fängt keinen. Ich weiß nicht, Nazeke…ich weiß es nicht. Ein anderes Mal denke ich, vielleicht schwups, und das war’s. Wie Nina. Und plötzlich, als ob es ihm eine Antwort geben wollte, heulte wölfisch die Alarmanlage los.
9.
Schon einige Jahre lebte Gena für sich allein. Er lebte langweilig, weit weg vom Zentrum. Lud keine Frauen zu sich ein. Manchmal, am Abend, trank er eine Flasche Bier. Zum Vergnügen. Meistens lag er vor dem Fernseher, in eine alte Decke eingewickelt. In solchen Momenten schien es ihm so, als ob die Welt nicht so groß sei, wie man in Lehrbüchern darüber schreibt. Er selbst und sein Zimmer wurden winzig klein, möglich in die Fingerspitzen zu passen. Gena schien es so, als ob die menschliche Zivilisation genauso seltsam auf der Erde aussieht, als wäre sie zwischen den Nadeln eines Igels entstanden. Er stellte sich vor, wie er den Igel jagte, seine Nadeln auseinander schob wie Zweige. Dort zuhause gab es Straßen mit Wäscheleinen zwischen den Nadeln, hin und her eilende Autos, kleine hektische Menschen. Ein Musterschüler war Gena weder in der Schule, noch in der Uni gewesen. Aber ihm schien, das Leben sei wie ein Lauf. Zuerst läuft es sich einfach und fröhlich. Begnadet sind die, die lange Beine haben oder deren Atem stärker ist, diese laufen natürlich vorne. Aber auch die anderen bleiben nicht weit zurück, weil es so gesellig ist. Doch nach einer, zwei, drei Runden, kommen die Läufer außer Puste. Manch einer hört auf. Die Begnadeten haben Vorsprung, sie waren von Anfang an die ersten, aber einfach nur Talent ist noch zu wenig. Man benötigt Erfahrung. Man benötigt Können. Der Impuls ist weniger wichtig, sondern die Ausdauer. In der Jugend glänzt jeder und funkelt. Und weiter wird es schwerer. Weiter verliert der Mensch entweder an Kraft oder er gewinnt sie. Entweder er wird matt, oder er feilt neue Flächen. Anders klappt es nicht. Und das Leben, das ist ein langer Staffellauf mit Hindernissen. Und Gena lief gemächlich aber schnurgerade. Er bemühte sie nicht zu stolpern und auszurutschen. Und das brachte ihm sein eigenes Obst. Er hatte einen stabilen Verdienst, sei es auch nicht viel, er hatte sein Haus und sogar einige Kontakte. Nur hat sich mit der ehemaligen Frau das Verhältnis nicht gebessert. Abends, vom aufgeflogenen Wind, winkten vor dem Fenster die Bäume, unordentlich mit ihren Pfoten und von dieser Bewegung bewegte sich irgend etwas im Inneren, sorgte sich, als ob die Pfoten unsichtbare Fäden griffen, welche aus seinem Körper heraus gingen, und zogen in alle Richtungen. Ihn sorgte auch der hinter den Bergen herauslugende, gelbe, gefleckte Mond, als ob dieser bereit war zu explodieren wie aus einem Vulkanschlot die Lava. Gena stand auf und ging im Haus umher, er konnte lange die Haut auf dem abgekühlten Tee beobachten, den in der Luft wirbelnden Staub, beobachten, wie sich auf dem Rand des Wasserhahns ein Tropfen bildet. An solchen Tagen gingen Genas Gedanken meistens zu dem rothaarigen und flauschigem Čmo.
10.
Nazar ging morgens raus in den Hof. Alles um ihn herum war bedeckt mit weißem, sauberen Schnee, und irgendwo hier zwischen den Schneehaufen, verbarg sich sein Golf. Falten ziehend von der Fülle des Weißen und vor Kopfschmerzen nach den gestrigen Ereignissen, ging Nazar hin und her, sich ins Gedächtnis rufend, wo er geparkt hatte, erinnerte sich jedoch nicht daran. Danijar beobachtete Nazar mit Vergnügen durch die Frontscheibe, dann hielt er es nicht aus, öffnete die Tür seines Jeeps und rief: „Assalam Ualejkum! Was? Kannst du dein Auto nicht finden?“ „Ualejkum assalam“, antwortete Nazar, „Ich meine, er war gestern noch hier und jetzt verstehe ich es nicht.“
„Hier ist er, zweiter Schneehaufen“, sagte Danijar herauskletternd. „Ich habe einfach im Auto übernachtet, hatte Sehnsucht, schaute aus dem Fenster. Habe den ganzen Hof kennen gelernt. Wo welcher Baum wächst, wo wessen Auto steht, ich weiß jetzt alles.“ „Danke“, Nazar freute sich und begann mit den Händen den Schnee vom Auto zu räumen. Bald zeigte sich tatsächlich die blaue Seite des Golfs. „Äch, ich hätte zuerst die Bürste raus holen sollen“, sagte er enttäuscht. „Du bist doch Abajs Bruder, stimmt’s?“, fragte Danijar. „Ist es ok, wenn ich dich duze?“ „Ja, natürlich, Nazar“, stellte sich Nazar vor, die Hand ausstreckend. „Danijar“, sagte Danijar, die Hand Nazars drückend. „Ich gebe dir gleich meine Bürste.“ Er nahm die Bürste und begann Nazar zu helfen, das Auto frei zu räumen. „Abaj hat sich lang nicht mehr blicken lassen“, sagte Danijar. „Fehlt ihm nichts?“ „Ihm fehlt nichts.“ Nazar nickte, „will einfach nicht rausgehen.“ „Hat er ein Glück, wenn er will, geht er raus, wenn nicht, dann nicht“, schmunzelte Danijar, und schaufelte den Schnee unter den Reifen frei. „Und wovon lebt er, wenn es kein Geheimnis ist? Och, verzeih mir, Aljuša schimpft die ganze Zeit mit mir wenn ich solche Fragen stelle. Ich mag es direkt und nicht drumherum. Besser man fragt und wenn dein Gegenüber es nicht möchte, dann wird er nicht antworten, stimmt’s?“ „Weißt du es denn nicht?“, fragte Nazar. „Er bekommt Rente, Münzen natürlich. Aber Abaj braucht nicht viel zum Leben.“ „Und vieles funktioniert heutzutage nicht“, antwortete Danijar. „Wie du dich auch drehst, es ist trotzdem zu wenig. Solche Zeiten haben wir. Das Geld wird weniger, die Preise steigen.“ „Aber Glück liegt ja nicht nur im Geld“, sagte Danijar, den Schnee von der Haube wischend. „Worin dann?“ „Worin?“, Danijar taute auf. „Ich habe auch gedacht, ich denke schon den zweiten Tag nach. Ich bin hier, weil…also meine Frau mich aus der Wohnung vertrieben hat. Jetzt habe ich Zeit zum Nachdenken…Aber Geld, ja selbstverständlich braucht man Geld! Aber nicht nur, stimmt’s? Was denn noch? Na, nehmen wir mal an die Familie. Obwohl das für manche kein Glück ist, sondern Quälerei. Gestern dachte ich daran, dass man vielleicht viel Lebenserfahrung braucht, um glücklich zu werden. Nichts da. Nun, ich fuhr nach Indien vor zehn Jahren. Dort hat man von Kasachstan kaum was gehört. Ich war noch ganz jung, ein Kerlchen, hatte gerade das Studium absolviert, wusste nichts über das Leben. Und ich suchte Abenteuer, dort findet man leicht welche. Ich freundete mich also mit einem Afghanen an, einem Schmuggler und Drogendealer und wir sind durch ganz Indien gereist. Er betete um Vergebung für seine Sünden und handelte mit Haschisch, und ich habe Leute kennen gelernt, verschiedene Heilige, also ich habe mich entspannt. Zurückgekehrt bin ich wie von einem anderen Planeten, habe eine Trommel mitgenommen, indische Kleidung. Ich kam mir echt vor wie ein Kosmonaut. Nachdem man meine Erzählungen gehört hat, fuhren nächstes Jahr weitere Menschen, meine Bekannten. Und heute ist es nur ein Faulpelz, der Indien noch nicht besucht hat. Doch während ich Orte besuchte, sakrale,
märchenhafte, Haridwar, Varanasi, Sarnath, fahren diese neuen Reisenden nach Goa, wo zur Zeit alles russisch ist. Von Indien sind nur die Bedienungen und Schmuckläden übrig. Aber von der Seite erkennt man keinen Unterschied. Wenn man bedenkt, ich war in Indien vor zehn Jahren, und der Sohn meines Nachbars, Kolja Getmančuk, fährt jedes Jahr hin. Von der Seite betrachtet ist Kolja der größere Kenner Indiens als ich, obwohl er nie weiter gereist ist als Pune. Tiefer blicken will niemand. Meine Erfahrung verliert an Wert, das heißt das Glück auch.“ Danijar hat ganz aufgehört Nazar zu helfen, das Auto frei zu räumen, lief ständig hinter ihm her und erzählte, mit den Händen gestikulierend. „Aber es ist doch dennoch deine persönliche Erfahrung“, sagte Nazar, und befreite die Fenster vom Eis. „Du weißt doch, dass du mehr gesehen hast als dieser, dein Kolja.“ „Nein, du verstehst einfach nicht“, Danijar wedelte mit dem Arm. „Schau mal, hier ist ein anderes Beispiel für dich. Ich habe einen Freund, er ist Fotograf. Ein Künstler. So natürlich kann der Mensch Schönheit erkennen und den Moment fest halten. Genau den Moment wenn der Vogel den Schnabel öffnet, jemand mit den Händen schwenkt, ein Blatt vom Baum, das vorbeifliegt. Nun hat er aber mit der Fotografie fast ganz aufgehört. Ich frage ihn, warum? Darum, antwortet er mir. Es gibt zu viele Fotografen, du kannst dich nicht durchdrängen. Jeder Zweite hat um den Hals eine coole Kamera hängen, alle mit so klugem Blick, knipsen da irgend etwas und laden es im Internet hoch – ihre mit Photoshop bearbeiteten Resultate. Und wenn man das so von der Seite betrachtet, unterscheidet sich mein Freund der Fotograf, in nichts von den anderen. Von der Seite betrachtet, sehen viele Fotografen sogar besser aus, sie haben eine ausdrucksvollere Technik und mehr Likes auf Facebook. Und die Aufmerksamkeit auf das Gefühl für die Schönheit zu lenken, auf den eingefangenen Moment interessiert niemanden. Damit meine ich die Masse, mein Freund ist bloß einer aus einer Vielzahl von Fotografen und bewertet nach der äußeren Erscheinung und der Anzahl der Likes, ist er noch längst nicht der Erste. Und dann sieht es so aus, dass der Mensch talentiert ist, man ihm aber noch lange nicht erlaubt glücklich zu werden. Also wird nicht nur die Lebenserfahrung bewertet, sondern auch das Talent. Alles ist irgendwie flüchtig geworden, oberflächlich. So hatte ich früher Ziele, Durchsetzungsfähigkeit, und nun – wozu brauche ich sie jetzt? Willst du Fotograf werden, hänge dir eine Kamera um den Hals, zieh dir ’nen Schal an – fertig, ein Fotograf. Willst du eine neue Sprache lernen, hör dir einen Audiokurs an, ein paar Mal und du hast ein paar Phrasen auswendig gelernt – und fertig.“ „Nun, ich weiß nicht“, sagte Nazar. „So wollte ich früher ein Auto haben, eine ausländische Marke, spare drei Jahre lang. Hab einen zweiten Job gefunden. Dann bin ich zum Bruder gefahren, alle Anzeigen gelesen, fuhr ein paar mal zum Autohandel und kaufte es. Hier ist es.“ Hinter ihnen knallte eine Tür im Treppenhaus und schwer atmend, nur mit Mühe ihre kurzen, dicken Beine bewegend, betrat eine alte Dame den Hof. Aus den Überschuhen schauten nackte Knöchel heraus. An einer langen Leine führte sie einen gigantischen, grauen Kater. Dieser sträubte sich störrisch, drehte seinen Hals, versuchte auszubüchsen, sich von der Leine zu befreien. Wahrscheinlich machte er das aus Gewohnheit, ohne Zorn und Empörung. „Kuz’ma!“, rief ihn streng die Alte. Der Kater gab auf und näherte sich ihr, hob die Pfoten und befreite sie vom Schnee. Im Fenster der ersten Etage erschien ein zotteliger Schoßhund, als er den Kater bemerkte, fing er an zu bellen und berührte mit dem Näschen die Scheibe. Kuz’ma hörte die Stimme und begann sofort sich zu strecken und zu gähnen und zeigte seine langen gelben
Eckzähne. „Gut“, winkte Danijar mit der Hand zum Gespräch zurück. „Du verstehst nicht, oder ich erkläre es falsch. Ich bin es auch nicht gewohnt solche Sachen zu erklären. Ich rede über Materielles…über das Bild in etwas. Der Mensch muss doch eine Vorstellung besitzen, was draußen ist und was Innen. Gleichgewicht, ne? Das ist das Glück, so scheint mir. Ansonsten was für ein Glück wenn das Gleichgewicht fehlt. Und hier ist es so, dass die Balance gestört wird. Die Leute ziehen sich irgend ein Bild über, doch was Innen ist, kannst du nicht verstehen.“ Die Alte kam näher, belauschte mit Neugierde das Gespräch zwischen Nazar und Danijar und jammerte dann auf: „Es schneit die ganze Zeit, wann hört es endlich auf?“ Nazar und Danijar drehten sich um. „Guten Tag, Tamara Vasiljewna“, sagte Danijar. Tamara Vasiljevna, zufrieden die Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben, fuhr fort: „Das ist Gott, der unsere Stadt bestraft hat. Er kann von oben das leidvolle Leben sehen. Das ist Schande und kein Leben. Ich habe ja mein ganzes Leben in der Fabrik durchgearbeitet, bin Arbeitsveteran und habe eine Medaille, und nun? Ich lebe von Münzen, alles geht für die Medikamente drauf und für diesen Faulenzer.“ Sie schubste leicht den Kater und dieser zischte als Antwort auf und kratzte die Alte am Schuh. „Und gestern ging ich auf die Straße und sah neben dem Müll einen Eimer gekochten Reis. Ein voller Eimer Reis. Ich habe manchmal nichts zu essen und jemand lebt so, das er Essen in einem Eimer weg wirft. Manche haben zu viel des Guten. Ich bin doch alt, habe keine Kräfte mehr. Ich dachte, ich kann den Topf in die Wohnung tragen aber der ist zu schwer. Deswegen versteckte ich ihn unter dem Baum.“ Sie berührte mit zitternden Fingern die verschneite Birke. „Söhnchen, helft der Alten, da ist er irgendwo, sucht danach, Ich muss ihn irgendwie in die dritte Etage tragen. Helft doch, Söhnchen.“ „Ja, eine Schande“, atmete Danijar auf und schaute diebisch hoch zu seinem Fenster, „guckt Aljuša vielleicht raus?“ „Gut, Tamara Vasiljevna, ich habe sowieso nichts zu tun. Wo, sagen Sie, ist der Eimer?“
11.
Stepanyč kleidete sich in eine Paradeuniform ein, band sogar eine Krawatte um den Hals, Tonja erschien in Jeans und einem dicken, orangefarbenem Pulli. Sie saßen sich im Restaurant gegenüber. Tonja bestellte sich einen gigantischen Steak und schlang ihn nun mit viel Appetit herunter. Stepanyč bestaunte sie und wühlte in seinem Salat. „Och, hat es viel geschneit!“, sagte Tonja, das Fleisch zerkauend und aus dem Fenster blickend. „Woher haben wir nur so viel Schnee, Stepanyč? Du bist doch Lehrer, du musst es wissen.“ „Ich? Lehrer?“, fragte Stepanyč verdutzt. „Ja, klar, warum nicht? Ich dachte einfach, dass wenn du Viktor Stepanyč, dich so offiziell mit Vatersnamen vorgestellt hast, dann bist du entweder Beamter oder Lehrer. Ein Beamter kannst du nicht sein, also Lehrer.“ „Ich bin Arzt“, sagte Stepanyč zurückhaltend. Doktor.“ „Was, echt?“ Tonja legte sogar die Gabel weg. „Was für ein Arzt? Zahnarzt etwa?“ „Warum denn Zahnarzt? Nein, Chirurg.“ „Oh, arbeitest du im Krankenhaus?“ „N-nein. Ich arbeite nicht mehr.“ Stepanyč winkte der Bedienung zu und diese kam langsam auf ihn zu. „Sollen wir vielleicht was trinken? Wein, Kognak, Wodka?“ „Ne.“ „Dann Kognak. Hudert Gramm bitte.“ „Könntest du einen Arm vergipsen?“ „Möglicherweise ja“, sagte Stepanyč. „Aber das ist umständlich. Dafür muss man zuerst ein Röntgenbild anfertigen.“
Ein älteres Paar betrat das Restaurant. Von ihren Mänteln und Mützen rieselte Schnee. Von draußen kam Frost herein. „Weißt du überhaupt, warum ich die Medizin verlassen habe?“, fragte Stepanyč. „Wahrscheinlich haben Sie dich in Rente geschickt. Du hast schließlich das Alter dafür.“ „Nicht wirklich“, Stepanyč atmete auf, die breiten, runden Schultern von Tonja bewundernd. „Wir haben gute Ärzte. Einfach so schicken sie niemanden in Rente. Hier verhält es sich anders. Es gab da mal eine Geschichte…ich habe niemandem davon erzählt, aber dir will ich’s sagen, weil ich schon alt bin, und du…du gefällst mir.“ Tonja lachte. Stepanyč verstand, dass er schroff klang, fröstelte und nahm, das von der Bedienung gebrachte Glas Kognak. „Lass mich trinken und erzählen…Och, ist der stark. Man sagt ich kann keinen Kognak trinken. Wie Wodka trinke ich ihn, in einem Zug. So schmeckt er mir besser. Ich mag es nicht, es in die Länge zu ziehen und nur dran zu nippen…Gut, also worüber wollte ich erzählen? In unser Krankenhaus kam eines Tages ein neuer Chefarzt: Tursunbekov Kajnat. Den Vatersnamen habe ich vergessen, er war junger als ich. Und wie es bei uns oft so ist, wenn die Leitung ausgetauscht wird, dann ändert sich das Personal. Und so kam es auch. Irgend jemanden hat man gekündigt. Irgendwer wurde versetzt. Ich wurde da gelassen wo ich war, nur der Assistent wurde ausgewechselt. Nurlan hieß er. So ein winziger, noch ein junges Kerlchen. Kein Wissen, keine Erfahrung, dafür aber sehr hochmütig. Gut, dachte ich, irgendwie werden wir uns aufeinander einarbeiten. Aber das Einarbeiten klappte nicht. Während der OP muss ja alles genau sein. Aber Nurlan tat so, als ob er mich nicht hören würde. Ich bat ihn die Spreizer zu halten und er zwinkerte nur mit den Augen. Ich sagte ihm, er solle Überschuhe anziehen, aber er erscheint in Straßenschuhen im OP-Saal. Wie ein Depp. Verspätete sich, kam schlaftrunken, gähnend. Einmal schrie ich ihn an, versprach ihm, ihn zu kündigen zum Teufel komm raus, wenn es so weiter geht. Er schmunzelte nur und sagte, dann gehen Sie doch und beschweren Sie sich beim Chefarzt. Ich ging und beschwerte mich. Ich habe ruhig erklärt, das Nurlan seiner Stellung nicht entspricht. Kajrat hörte es sich an und sagte: „Stepanyč, mein Lieber, du bist uns eine wertvolle Fachkraft, aber Nurlan kündigen kann ich nicht. Entschuldige.“ Und das war’s. Ohne Erklärungen. Und Nurlan hat es verstanden, das es nicht geklappt hat und wurde noch frecher. Hat während der Op’s gequatscht, fing an mir von den Leuten Ratschläge zu geben, meine Fehler besprechend. Überhaupt versuchte er mich so weit zu bringen, das ich aus meiner eigenen Haut fuhr. Er konnte auch nicht zum Dienst erscheinen. Ich weiß nicht wessen Sohn er war, nur gelang ihm gar nichts. Und eines Tages brachten sie mir eine Kranke, deren Blinddarm heraus geschnitten werden musste. Das ist eine Routine-OP, mit einigen Nuancen aber banal. Wir machten eine Narkose, ich sezierte die Muskeln und man konnte sehen, das alles entzündet war. So etwas passiert. Ist es schlimm, das ich beim Essen davon erzähle? Vergeht da nicht der Appetit?“ „Nein, Stepanyč. Mein Appetit hat vor nichts Angst“, Tonja lächelte Tonja. „Erzähl weiter.“ „ Also, wir bereiteten uns vor, erreichten das Innere und stellten fest, das alle Symptome für eine schlimme Blinddarmentzündung sprachen. Ich sah, das der Blinddarm nur dann raus geholt werden konnte, wenn der Schnitt vergrößert wurde. Und da begann Nurlan wieder sein Ding zu machen, fing an zu beurteilen, das angeblich manche Chirurgen an die eigene Bequemlichkeit denken. Sie können angeblich den ganzen Bauch aufschlitzen, Hauptsache die Finger werden nicht schmutzig. Und dann pfeifen sie drauf, das der Mensch später sein ganzes Leben lang mit einer Narbe leben muss. Hier habe ich unterbrochen, gab ihm das Skalpell und sagte: „Wenn Du so schlau bist, dann operiere Du, und habe selbst den Saal verlassen, habe den Mantel abgelegt und bin eine rauchen gegangen. Da stehe ich und rauche und mache mir den Kopf, verstehe ja, dass es so nicht geht. Die Kranke kann ja nichts dafür. Aber die Wut erwürgte mich beinahe, Wut und irgendein Gefühl. Kraftlosigkeit. Ich habe zu Ende geraucht, betrat das Krankenhaus und sah, wie Nastja mir entgegen lief, unsere Krankenschwester. Ein gutes Mädchen, nur zehn Jahre junger als ich. „Schneller“, sagt sie „Stepanyč“, und blickt mich vorwurfsvoll an. Ich verbarg die Augen und folgte ihr. Ich zog mich schnell um, flog in den Saal, sehe – Nurlan ist nicht da nur Alina, die Anästhesistin, ganz voller Tränen, versorgt die Wunde am Bauch. Sie hat erzählt, das Nurlan die OP begonnen hatte, selbst den Schnitt gemacht hat und dann sagte, das er nicht alles verstanden hat. Nurlan hat anscheinend bemerkt, dass der Blinddarm zu tief sitzt, begann zu schneiden und erschrak. Gut, das er wenigstens eine Klammer benutzt hat. Aber es gab schon Komplikationen. Es war dringend notwendig, die OP schnell zu beenden. Er hat es also knapp geschafft. Gott sei Dank. Der Blinddarm wurde entfernt, die Stelle zugenäht. Dann ging ich zur Patientin ins Zimmer, brachte ihr Blumen. Sie wunderte sich, was für ein guter Arzt ich bin. Wo denn gut? Ein Drecksack bin ich, ließ beinahe einen Menschen sterben. Habe einen Dummkopf ans Messer gelassen. Habe einen Schwur gebrochen. Und Nurlan erschien am nächsten Tag, als ob nichts gewesen wäre. Er sagte, er wollte mich suchen. Hat mich aber nicht gefunden. Erkundigte sich nicht einmal nach der Patientin. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und habe eine Anzeige geschrieben. Kajrat wollte mich nicht entlassen, dazu hatte ich ja noch zwei Jahre bis zur Rente. Nur zwei Jahre, stell dir vor. Und welchen Zweck hat diese Rente? Nur ist meine Geduld schon früher ausgegangen. Ich habe für das Alter was angespart, ich bin kein armer Mensch. Aber die Arbeit…dann riefen sie mich in die Uni um zu lehren aber ich habe abgelehnt. Ich stellte mir vor, ich komme dahin, und da sind alle so wie Nurlan. Gauner, frech, selbstverliebt…“ „Warum verallgemeinern?“, Tonja zuckte mit den Schultern, „es gibt auch normale Kerle.“ „Ich weiß nicht, Tonja. Früher, ja, sicher und jetzt sind sie alle so als hätte man sie vergiftet. Nun. Mark Ivanyč, mein Nachbar – sein Sohn ganz der Künstler. Im orangefarbenen Mäntelchen, mit einem Schal um den Hals, mit einem modernen, wie ihr es nennt, Outfit, eine Hornbrille, so nach dem Motto, ein Künstler. Fährt mit Papas Auto mit einem coolen Nummernschild und selbst verdient er nicht eine Münze. Den ganzen Tag in Restaurants, in Clubs mit Freunden unterwegs, raucht Wasserpfeife. Bei uns sind ja heutzutage, die cool, die sich eine Wasserpfeife in den Mund schieben. Ich verstehe nicht, sehen sie das denn nicht, das das Rauchen einer Wasserpfeife die Imitation von Oralsex ist. Entschuldige Tonja. Es ist einfach ekelhaft da zu zu schauen. Nun aber, ich frage Ivanyč eines Tages: Ist dein Sohn ein Künstler? Oder wie? Oder eine Schwuchtel? Ivanyč war beleidigt und sagte – du selber bist ne Schwuchtel, aber Kolja hat das Malen gelernt, und überhaupt ist er ein Hipster. Und solche Hipster gibt es heutzutage Millionen. Und alle sind sie schöpferisch, der eine eine Gitarre hinterm Rücken, der andere eine Kamera um den Hals, der Dritte schreibt irgend etwas in sein Notizbuch mit klugem Blick. Wenn du jedoch tiefer gräbst, ist alles Fiktion. Haben sich nur Kapitänsbärtchen wachsen lassen, mehr können sie nicht wirklich. Die geben vor, etwas zu sein, haben aber keine Talente und lernen wollen sie auch nicht. Dieser Kolja, ich öffnete mal seine Facebook-Seite, was denkst du? Bin ich zu alt und kann es nicht? Und wie ich es kann. Ich hatte schon einen Account als Facebook noch nicht ins Russische übersetzt worden war, ich benötigte es für die Arbeit. Ich bin früher rund um die Welt gereist, auf Konferenzen. Viele Freunde. So öffnete ich die Seite und schaute, was Kolja da für Bilder hoch geladen hat. Und ich fand sie. Da sind ein paar Fotos, wo er irgend etwas auf die Leinwand pinselt, mit einem schlauen Blick. Und das war’s. Ein Hipster. Im besten Fall können sie nur ihre Eier schaukeln. Keine Künstler, sondern Schwänze, man …“ „Stepanyč, was bist du so aufgebraust?“, lachte Tonja. „Ist es der Kognak, der seine Wirkung zeigt? Besser Hipster als Proll. Hipster sind nett.“ „Ich weiß nicht. Ich habe gelesen, was das für welche sind. Im Wikipedia steht alles geschrieben. Und was? Ich bin kein Depp, obwohl alt. Und ich beobachte, dass alle Strömungen, Mode, Musikstile, das alles taucht da auf wo die Zivilisation weiter entwickelt ist als bei uns. In Europa, in Amerika. Und bei uns wird einfach alles kopiert, miserabel kopiert, ohne Talent. Es gibt keine Kultur, kein Gehalt. Denkst du Kolja ist ein wahrer Hipster? Iwo. Hat sich einfach ein modernes Bild übergestülpt und im Inneren ist er das verwöhnte, zickige Papasöhnchen. Und nun? Hat er genug, macht er was er will, Schönheit! Heute sind Hipster modern – er sieht aus wie ein Hipster. Morgen tauchen irgendwelche Šmipster auf, dann zieht er sich schnell um. Und von solchen wie Kolja haben wir heute genug, keine Menschen, sondern Hüllen. Es gibt nichts eigenes. So auch Nurlan, von Außen Arzt. Im Arztmantel, mit Stethoskop um den Hals – so wichtig ist er. Und im Inneren Null. Es gibt nur das Bild. Du pustest ihn einmal an und er fliegt weg. Entschuldige Tonečka. Ich habe dich selbst eingeladen und anstatt dich zu amüsieren, ermüde ich dich mit meinen Meckereien. Lass und einig werden, dieses Abendessen zählt nicht.“ „Nein Stepanyč, alles in Ordnung“, protestierte Tonja. „Tonja, ich bin ein Gentleman. Ich zahle gleich, bringe dich nach Hause und die Tage gehen wir nochmal zu Abend essen und dann ohne irgend welche Meckereien.“ Stepanyč begleitete Tonja wirklich. Bei dem Frost verflog seine Trunkenheit und seine Enttäuschungen wurden trübe. Tonja erlaubte es ihm, sie am Arm zu halten, sich Sorgen darüber machend, dass Stepanyč wieder umfiel. Sie erzählte irgend etwas von Wettbewerben, an denen sie die Absicht hatte teil zu nehmen, über den zickigen Trainer, über eine Diät, aber das alles hatte keine Bedeutung. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen und Stepanyč war fast glücklich. Nach Hause kehrend, begann er sogar etwas zu singen, irgend ein einfaches, schlichtes Motiv. Beim Treppenhaus angekommen, suchte er lange die Schlüssel in seinen Taschen, dann legte er ihn auf die Gegensprechanlage, machte die Tür auf und sah zwei Tüten Müll, direkt hinter der Türschwelle. Im Treppenhaus roch es nach faulem Fisch.
12.
Zuerst ging Danijar in das Nachbarscafé. Er ging endlich auf Toilette, setzte sich dann vor den Ecktisch und bestellte Suppe, Püree mit Fleisch und ein paar Piroggen mit Kartoffeln und dann bestellte er, nachdem er darüber nachgedacht hatte, ein weiteres Glas Wodka. Diesen trank er direkt aus, ohne etwas dazu zu essen. Der Mann am Nachbartisch schnatterte anerkennend: „Arbeitslos?“
„Nein.“ Danijar wollte sich nicht unterhalten. Die Suppe und der Eintopf wurden gebracht. Danijar beugte sich über den Teller und rechnete damit, das begonnene Gespräch unter den Teppich zu kehren. „Du lügst“, sagte der Mann. „Hier sind alle arbeitslos. Wer Geld hat, geht ins Restaurant. Aber ich bin auch knapp bei Kasse, nur bin ich nie arbeitslos. Wenn der Mensch es nötig hat, findet er immer Arbeit, stimmt’s? Hör zu, ich setze mich zu dir. Hab keine Angst, ich will nichts geschenkt haben. Wenn du willst, lade ich dich ein. Ne, im Ernst, ich will nur quatschen. Ich habe ja schon was eingenommen. Aber ich habe noch was übrig, wir können teilen.“ Der Mann setzte sich Danijar gegenüber, goss ein und hob das Glas. „Auf uns.“ Danijar stieß an und trank aus. Nach der heißen Suppe war der Wodka ideal. „Ich bin nicht arbeitslos,“ sagte er, „Ich bin Unternehmer.“ „Ich genauso“, sagte der Mann gutmütig. „Ich habe fast überall gearbeitet. Als Wache in der Bank, als Barmann, als Busfahrer und bin nun nach ganz unten gefallen, habe einen Platz als Lehrer in einer Schule bekommen. Unterrichte Biologie. Ich bin ausgebildeter Biologe.“ „Aber Lehrer ist doch ein guter Job“, sagte Danijar. „Gut“, sagte der Mann. „Nur gibt es kaum Gehalt, obwohl, ich hatte noch nie viel verdient, das ganze Leben auf Mindestlohn. Wir haben doch überall das selbe Business. Du bist ja Lehrer, also weißt du es selbst. Der Vorgesetzte heuert einen Arbeiter an und gibt ihm nur den Mindestlohn, weil er überhaupt nicht weiß, wie der Arbeiter arbeitet und was ist wenn er schlecht arbeitet? Und der Arbeiter denkt, wozu soll ich mich für Münzen Mühe geben? Wie das Gehalt, so die Mühe. Und da sitzt er und faulenzt. Das können sie bei uns wundervoll machen. Anstrengung mögen sie nicht. Meine Schüler sind zu faul, ihre Hausaufgaben zu machen, nehmen einfach ihre iPhones heraus und fotografieren die Tafel mit den Aufgaben. Also der Angestellte macht nichts und der Vorgesetzte denkt sich, habe ich ihm zurecht ein kleines Gehalt gestellt. Und was haben wir? Das Business des Vorgesetzten entwickelt sich nicht, weil die Angestellten schlecht arbeiten. Sie leben und beschweren sich über die niedrigen Löhne und den Mangel an Karrierewachstum.“ „Aber wenn du dich bemühst und etwas beweist, dann würdest du vielleicht mehr Geld bekommen.“ „Was hat es für einen Sinn sich anzustrengen. Bei uns braucht eh keiner was. Mein Nachbar – ein Schriftsteller. Ich habe seine Bücher gelesen. Ein saucooler Schriftsteller, ohne Witz. Sein Buch wurde in Russland herausgegeben, in Amerika ins Englische übersetzt und vor Kurzem sogar ins Chinesische, stell dir vor! Die drei größten Länder der Welt lesen den Roman meines Nachbarn und bei uns braucht ihn niemand. Er arbeitet als Dermatologe, verdient wenig. Von Zeit zu Zeit besuchen ihn Journalisten, befragen ihn zu den Sujets und machen jedes Mal große Augen, kennt man Sie im Ausland? fragen sie. Sie haben schon fünf Romane geschrieben. Das gibt’s doch nicht. Und das war’s? Dann zeigen sie ihn im Frühstücksfernsehen, so nach dem Motto, stellt euch vor, es scheint so als hätten wir einen solchen Narren – Schriftsteller. Und allen ist alles egal. Und wo bekommen wir Ehre und Achtung? Nur wer Kohle hat und Macht. Sie laufen alle zum Beamten, um sich vor ihm zu verneigen, zu schreien, zu stottern – schleim, schleim. Und du sprichst von Bemühungen. Ich arbeite mehr als viel, doch es ist allen egal. Deswegen mache ich besser langsam. Lass mich noch einen Wodka bestellen, magst du?“ Danijar zuckte mit den Schultern. Der Mann stand auf, ging zur Bar und kehrte zurück mit einer Karaffe. „Ich heiße übrigens Bachtyžan oder einfach Baha.“ Er reichte ihm die Hand. „Danijar.“ „Gut Danijar, auf das Kennenlernen. Was hast du für ein Business?“ „Nur so“, antwortete unwillig Danijar. „Handel, Baumaterialien.“ „Und ich dachte mal, mich mit Tourismus zu beschäftigen“, sagte Baha, „Wollte Führungen für ausländische Touristen anzubieten.“ „Und dann?“, fragte Danijar. „Hat es nicht geklappt?“ „Iwo“, Baha wedelte mit dem Arm. „Dann hat es sich gezeigt, dass es niemand braucht. Es gibt nichts womit wir vor den Augen der Ausländer prahlen können. Ist alles beendet. Wir hatten in Kasachstan so viel Reichtum. Und wir haben alles verspielt – alles so wie es ist. Beurteile selbst, wo die Heimat der Äpfel ist.“ „In Kasachstan“, sagte Danijar unsicher, „Hier bei uns, in Almaty.“
„Wo sind die Äpfel? Es gibt hier keine zum Teufel. Keiner glaubt mehr an die Sorte Aport, von der Größe eines Kopfes. Wo sind die Apfelgärten, die sich von den Bergen direkt in die Stadt ausgebreitet haben? Es gibt sie nicht. Sie wurden alle gefällt und an ihrer Stelle wurden Villen gebaut. Und der Apfel ist nun das Symbol New Yorks. Da wachsen jetzt unsere Äpfel. Und die Touristen fahren dahin, um in den Apfelgärten spazieren zu gehen. Und wo ist die Heimat der Tulpen?“ „In Holland?“ „Nichts. Bei uns in unseren kasachischen Steppen. Und in Holland werden unsere Tulpen kultiviert und zu ihrem Symbol gemacht. Ich habe zu dieser Frage recherchiert und deswegen sage ich…Nun schaut man auf die holländischen wie auf ihre eigenen. Also da gibt es einen Tulpengarten und es fahren dorthin Hunderte von Touristen. Schön und nützlich und er bringt Geld. Aber die Tulpen, das sind unsere. Nur hier bei uns ist es allen egal. Mit Tulpen hat man Arbeit und bei uns mag man Arbeit nicht. Und wo ist die Heimat der Pferde?“ „Auch bei uns?“, schmunzelte Danijar. „Was? Findest du das witzig? Ja, bei uns. In unseren Steppen. Und wo sind diese Pferde? Die sind verwildert. Erst vor kurzem reiste ich in die Berge und beobachtete die Pferdchen, die von den Hirten beritten wurden, klein, abgequält, ohne Fell, lumpig. In den Schwänzen Fellknäuel, auf dem Körper irgendwelche Wunden. Dafür aber die Pferde der Polizisten in London. Oh wau! Ich habe sie im Fernsehen gesehen und habe meinen Augen nicht getraut. Deren Widerrist ist höher als mein Scheitel. Gesund, gepflegt, kräftig. Und bei uns sind sie verwildert. Weil es allen egal ist. Ich bin schon ruhig, was unsere besonderen Tiere angeht. Wo leben unsere Schneeleoparden unser Stolz. Symbol von Almaty. Sie leben in europäischen Zoos. Vermehren sich da. Und dort leben auch die Prschewalskipferde, Saigaantilopen, Agalischafe. Und wir haben alles verpennt. So weit muss man kommen. So viel besitzen, um dann alles zu verlieren. Ich wette mit dir, bald ist auch das Erdöl alle und dann ist es rum. Und die letzten Saiga-Antilopen, nur noch ein bisschen und dann sterben sie auch aus. Und was anderes sind wir nicht in der Lage zu unternehmen. Lass uns noch einen trinken…wie der Geschichtslehrer bei uns an der Schule Worte macht, zwischen der ersten und der zweiten, ist nur ein kleines Päuschen. Er ist gerade mal einundzwanzig.“ Danijar kehrte bei Dunkelheit nach hause. Alle drei Fenster ihrer Wohnung leuchteten. Er blieb im Hof stehen, schaute nach oben und hoffte dunkel, das Alija in dem Moment raus schaut, ihn sieht, und das irgendetwas zwischen ihnen vorbeihuscht, aber Alija schaute nicht raus, nicht einmal ihr Schatten berührte die leuchtenden Fenster. Danijar atmete wehmütig auf, machte das Fenster auf, den Motor an und den Ofen aus.
13.
Geld blieb nicht viel übrig. Wenn es keinen Schnee gäbe, wäre er schon längst weggefahren, aber der Schnee fiel jede Nacht. Morgens verließen die Menschen ihre Treppenhäuser, liefen in alle Richtungen, auf dem Neuschnee ein Spinnennetz von Spuren hinterlassend aber die Wolken verdichteten sich abends, fielen mit weißen Flocken die Spuren verwischend, damit morgens keiner glauben könnte, das in dieser Stadt überhaupt jemand am Leben blieb. Nazar beobachtete den ganzen Tag das Fenster. Und Abaj schaute Fern. „Gut, ich muss noch fahren“, sagte endlich Nazar. „Ich habe doch versichert, dass es nur für drei, vier Tage ist. Das Auto nehmen und heim fahren. Aselja wartet schon allzu lange.“ „Wohin gehst du?“, fragte Abaj finster. „Da draußen liegt Schnee bis zum Knie. Und das in der Stadt. Was in der Steppe los sein muss. Kannst du es dir vorstellen?“ „Ich schlage mich durch, ist ja nicht zum ersten Mal“, sagte Nazar an die Richtigkeit der getroffenen Entscheidung glaubend. „Das Auto ist ja nicht neu.“ „Du weiß ja selber, wie man hier bei uns Handel treibt, durchtrieben. Von außen machen sie alles sauber und verstecken die wichtigsten Defekte, verkleben es mit einem Kaugummi, verbinden es mit Tesafilm. Hauptsache es funktioniert ein, zwei Tage oder eine Woche. Wenn du den Wagen nicht testest wie es sich gehört, wirst du es selbst nicht erfahren.“ „Ach was?“, rief Nazar. „Bei dir ist es anders. Als ob ich zum ersten Mal ein Auto kaufte? Ich weiß selber wohin ich schauen soll. Also wage es nicht, meine Hübsche zu beleidigen.“ „Man wird es dir nicht erlauben“, sprach Abaj, „man sagte im Fernsehen, dass die Strecken gesperrt sind. Es wurde Sturm vorhergesagt.“ „Und wie lange werde ich deiner Meinung nach?“ „Woher soll ich das wissen? Wir werden sehen. Es wird aufhören zu schneien, man wird die Straßen kehren. Vielleicht noch ein paar Tage.“ „Ja, dieser Schnee fällt unaufhörlich, immer dichter. So kann man das ganze Leben drauf warten, dass sich alles von alleine ergibt. Ne, so kann ich nicht. Was willst du machen?“ Abaj stand auf, füllte den Kessel mit Wasser und stellte ihn auf die Flamme. „Lass uns lieber Tee trinken.“ „Ich werde sowieso wegfahren“, sagte Nazar. „Ja ich trinke den Tee und werde mich auf den Weg machen.“ „Keiner wird dich raus lassen“, wiederholte Nazar. „Und ich kann deiner Meinung nach nicht selbst entscheiden?“ „Nein Nazeke, du entscheidest nicht. Hier bei uns entscheidet niemand. Wir tun nur so als ob wir irgendwelche Entscheidungen treffen. Und in Wirklichkeit…“ „Zum Teufel, geh raus und schau dir das Volk an, sitzt hier und grübelst, du Hobbypsychologe. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber die Menschen hier tun so als würden sie sich unterwerfen. Vor allem wenn die Bullen in der Nähe sind. Und jeder macht das was er will. In unserem Dorf haben sie irgendwann ein Schild aufgestellt, welches besagte, das die Durchfahrt versperrt ist, die Straße wurde repariert aber keiner aus dem Dorf nahm die Umleitung. Stell dir vor. Nicht einer. Und ich auch nicht. Und dort beim Graben, die ganze Straße ist umgegraben, es ist unmöglich, sie zu umfahren. Und alle fuhren bis zur Umleitung, ärgerten sich, kehrten um und nahmen die Umleitung. Hier bei uns wird sich keiner ans Gesetz halten. Weder der einfache Mensch, noch der Machthaber. Jeder macht was er will.“ „Nazar, du weißt selber, das der Fisch am Kopf zuerst verfault?“ „Hör zu, Abaj, du nervst mich mit deiner Philosophie.“ „Warum heulst du? Wenn es dir nicht passt, dann ist es halt so. Bist du unzufrieden mit der Macht? Mit wem speziell? Wo fängt die Macht an? Hier blickst du nicht durch. Wo ist die Grenze zwischen denen, die Macht besitzen und denen die ohne sie sind? Zum Beispiel habe ich einen Bekannten – Kudajbergen, er arbeitet als Jagdaufseher. Wir haben hinter unserem Ort einen Nationalpark, erinnerst du dich? Er arbeitete so wie man gewöhnlich bei uns arbeitet. Er fuhr ganz stolz durch den Wald mit dem Gewehr um die Schulter. Sammelte Tribut von Touristen, weil sie Lagerfeuer an nicht angemessenen Orten machten. Er brachte reiche Jäger in den Park, soff mit ihnen nachts, morgens zeigte er ihnen die Wege, auf denen die Antilopen zu den Wasserstellen gehen. Alles fürs Geld natürlich. Als Ergebnis kam dann raus, dass es immer weniger Antilopen im Nationalpark wurden, dafür immer mehr Müll. Dafür ist Kudajbergen ein gleichberechtigter König. Es ist an der Zeit…denn eines Tages wurde er suspendiert. Sie setzten einen anderen Kerl als Jagdaufseher ein. Es stellte sich heraus, das irgendwer von oben, den Job einem Verwandten geben wollte. Der Kerl schien in Ordnung zu sein, hat aber trotzdem schwarz gearbeitet. Jedoch sorgte er für Sauberkeit im Nationalpark. Verstehst du? Das hat nichts mit Macht, mit Vetternwirtschaft, mit Verwandten, die eine hohe Stellung haben zu tun, sondern mit dem Menschen selbst. Mit jedem konkreten Menschen. Und es ist unwichtig, ob er reich oder arm ist, Russe oder Kasache. Bei uns reden sie nicht gern über Leute sondern über die Zeichen.“ Schlag die Reichen, stürze die Machthabenden. Schließe die Armen im Getto ein. Einer schreit, Russen seien verantwortlich für den Holodomor und Repressionen, sie haben die Krim besetzt und den Krieg mit Tschetschenien verursacht. Andere sagen, Amerikaner – die Drecksäcke. Sie haben den Krieg in Jugoslawien provoziert und in der Ukraine. Sie sind es, die Lybien, den Irak und Syrien zerbomben. Amerikaner, Russen, Deutsche, Ukrainer, Kasachen – welchen Unterschied macht es? Sie sind alle Menschen. In jedem Volk gibt es Arme und Reiche, gibt es Helden und Schurken, gutherzige und solche ohne Gewissen. Die Gesetzwidrigkeiten begehen die Hände konkreter Menschen und nicht das Volk.“ „Du sprichst schön Nazek. Aber schon wieder lässt du das wichtigste aus. Die Welt ist heutzutage so gemacht, dass die Menschen selbstständig denken können. Es ist alles fertig. Schnelles Essen, das Gedächtnis des Computers ist riesig, das Internet hat auf jede Frage eine Antwort parat. Manche Fragen wollen nicht gestellt werden. Sie warten darauf, sofort Antworten zu bekommen. Warum ist es so? Weil solche Menschen es nicht schwer haben zu regieren. Sag ihnen, dass es einen Feind gibt, dann glauben sie dir nicht nur, sie werden andere davon überzeugen. Haben die Leute nicht nur deshalb recht, weil sie daran glauben, was sie erzählen? Der Henker glaubt ja auch, dass sein Opfer die Strafe verdient. Es bleibt nichts anderes als zu glauben. Die Soldaten glauben, dass sie nur deshalb auf den Feind schießen, ansonsten würden sie nicht auf den Abzug drücken. Sie müssen glauben. Den Generalen, den Richtern. Und wir leben in Zeiten, in denen nicht Armee gegen Armee kämpft, nicht Volk gegen Volk, sondern der Mensch gegen den Menschen. Das ist der aller schlimmste Krieg. Um ein ganzes Land zu zerstören, in ihm Chaos anzurichten, ist es nicht notwendig Sanktionen durchzuführen oder Bomber vom Himmel fallen zu lassen. Es ist einfach nötig den Menschen etwas Gift ins Gehirn zu spritzen. Es ist leicht die Menschen mit Hass zu vergiften Die Menschen fressen sich gegenseitig auf. Sie schmieren dich mit Teer ein und hüllen dich in Federn. Der beste Freund wird zum Feind. Sie verstehen nicht, dass wenn sie andere beschmutzen, sie selber nicht davon sauber werden. Und hassen kann man für alles, für die Hautfarbe, für den Glauben, für die Automarke, für die Sprache, für das Talent. Nur ist dieser Hass nicht der eigene, sondern der verwirklichte. Man kann sogar den besten Menschen anstupsen als Gemeinheit. Man muss einfach den Knopf finden!“ „Gut, mach wie du denkst.“ Nazar stand auf, „ich werde nicht mehr mit dir streiten. Bin schon müde. Jeden Tag mit der Zunge kratzen. Das nervt. Ich habe eine Familie, ein Haus, habe genug andere Sorgen. Und du, bleib weiterhin in deinem Kokon sitzen, wenn es dir gefällt.“ „Nun, du hast alles selbst gesehen“, Abaj lächelte. „Ich sagte doch, hier ist überall das Spinnennetz. Ich komme hier nicht mehr raus. Du kannst es ja versuchen wenn du dich so entschieden hast. Vielleicht klappt es ja.“ Nazar näherte sich Abaj und umarmte ihn. „Mach’s gut“, sagte er. „Hallo“, antwortete Abaj.
14.
Die Milch war alle und das Brot verschimmelt. Alija liebte es morgens Milchbrei und belegte Brote zu essen. Sie hatte keine Lust, einkaufen zu gehen. Zuhause war es warm und gemütlich. Gestern saß Alija den ganzen Tag auf dem Bett, in die Decke gehüllt, trank Tee, schaute aus dem Fenster auf den fallenden Schnee und blätterte in einem Buch. Alija liebte den Winter, aber nur vom Fenster aus. Sie mochte den sauberen Schnee, die Konturen der schwarzen Bäume im gelben Himmel, Schwärme der Krähen, die ihr Gefieder aufplusterten. Aber raus gehen und spüren, wie der Frost die Wangen beißt, in den kniehohen Schnee einstürzen, nein das war nichts für sie. Dazu kam, das vor ihrem Fenster, direkt vor dem Treppenhaus ihr Auto stand, und darin Danijar. Sie war immer noch sauer auf ihn. Vor allem deshalb, weil dieser immer noch nicht da war um sich zu vertragen. Nicht zuletzt weil er sie allein gelassen hatte und dann wollte er nicht einmal zurück kehren. Nein, Alija wollte Danijar nicht sehen. Sie hat alles vorbereitet – Geld, Kleidung und Schuhe und beschloss zu warten, bis Danijar verschwindet. Er muss doch zu Mittag essen. Und wo geht er auf Toilette? Hm. Alija schaute unauffällig aus dem Fenster. Lehnte sich heraus. Endlich sah sie, wie Danijar heraus ging, den Kopf hoch, seine Jacke zumachte und auf dem Hof links abbog, Alija fuhr zurück. Ausgezeichnet. Alija musste nach rechts. Dort auf der anderen Straßenseite befand sich ein Lebensmittelladen. Sie zog sich schnell Kleidung an, warf sich den Pelzmantel über, band sich ein Tuch um den Kopf, nahm das Geld und verließ das Haus. Sogar im Fellmantel fror sie. Es war nicht kalt, sondern nasskalt. Unangenehm. Sie zitterte. Alija umging das Haus und näherte sich dem Zebrastreifen. Zwischen Straße und Bürgersteig zog sich ein langer, schwarzer Schneehaufen. Alija kletterte darüber, sah wie auf der Straße ein silbernes Auto raste und blieb für alle Fälle stehen. Das Fahrerfenster fuhr nach unten und daraus schaute ein breitwangiger Kerl mit einer schwarzen Brille. „Ey, du Schlampe! Was stehst du da? Beweg mal deine Beine schneller!!“ Alija erschrak und überquerte die Straße. Irgendein Mann, der vorüber ging, schrie zu dem Kerl: „Pass auf deine Zunge auf. Das ist ein Bürgersteig!“ Der Kerl wackelte mit dem Kiefer und spuckte energisch seinen Kaugummi in Richtung des Mannes. Das Auto schrie auf und bewegte sich von der Stelle. Nachdem sie die Straße überquert hatte, ging Alija nun ruhiger und verstand jetzt erst, was passiert ist. Tränen der Enttäuschung traten in ihre Augen und froren augenblicklich zu. Die Nase rümpfend, betrat sie das Geschäft. Dies war ein winziger Laden von der Decke bis zum Boden voll gestellt mit Kram. „Für mich Milch“, sagte sie schluchzend, „Drei-prozentige. Und Brot. Welches haben Sie da?“ „Ein Laib Weißbrot,“ sagte der Verkäufer. „Es gibt frische Hörnchen.“ „Geben Sie mir ein Brot und drei Hörnchen“, nickte Alija. „Wie viel schulde ich Ihnen?“ Auf dem Rückweg ging sie nicht am Zebrastreifen vorbei. Dieser Weg war länger. Dafür gab es auf der Kreuzung eine Ampel. Alija hatte vergessen, sich Handschuhe anzuziehen, hatte sich zu sehr beeilt, deswegen fror die Hand, in der sie die Tüte hielt. Sie ging zur Kreuzung und fühlte sich das erste Mal seit langer Zeit einsam.
15.
„Ljecha? Lješka! Hallo!“ „Dan’ka? Danijar, wow Freundchen! Wie lange ist das her Mensch! Bist es wirklich du? Wie geht es dir?“ „Ganz gut, geht langsam voran. Welches Schicksal hat dich hierher geführt?“ „Kann ich mich zu dir setzen?“ „Klar, setz dich.“ „Gleich, eine Sekunde…So, geben Sie mir Uha, Baursaki und eine Kanne Tee. Ja, schwarz. Mit Milch. Gut, nun gehöre ich ganz dir.“ „Komm, erzähl! Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Fünfzehn, zwanzig Jahre?“ „Seit der sechsten Klasse haben wir uns nicht gesehen. Seitdem wurdest du irgendwohin versetzt. Bist du in Almaty zur Zeit oder nur auf der Durchreise?“ „In Almaty. Ich lebe unweit von hier.“ „Ach, und mich hat das Schicksal durch die ganze Welt gejagt. Ich bin ja nach der Schule nach Deutschland gezogen, fürs Studium. Dann lebte ich in Russland, habe da geheiratet und bin mit der Ehefrau nach Kanada übergesiedelt.“ „Und hierhin?“ „Hierhin bin ich nur für kurze Zeit gekommen, um die Eltern zu besuchen.“ „Sind sie wohlauf?“ „Die Mama ist krank. Aber es ist alles in Ordnung. Ist ja schließlich das Alter.“ „Ach Lješka. Das gibt es doch nicht.“ „Dan’ka! Du bist ganz der Alte, hast dich gar nicht verändert.“ „Du auch.“ „Ehrlich?“ Wie geht es dir denn überhaupt?“ „Ich bin manchmal im Ausland, habe auch geheiratet und hier ein Business eröffnet. Im Allgemeinen will ich mich nicht beschweren. Und wo arbeitest du?“ „Ich habe die mathematische Fakultät absolviert und machte dann eine Umschulung zum Programmierer. Die braucht man heute häufiger als Mathematiker.“ „Stimmt, Computer, Androide…“ „Dazu kommt, das es gute Programmierer heutzutage wenig gibt. Die Marktführer sind die Chinesen und Inder. Sie machen es schlecht aber günstig. Übrigens, kannst du dich an Ljudmila Ivanovna, unsere Mathematiklehrerin erinnern?“
„Na klar. Sie war es doch, die uns aus dem Klassenraum vertrieben hat, wegen unseren Flugzeugen.“ „Ja, stimmt. Du wurdest dann versetzt und sie wurde unsere Klassenlehrerin und da hat sich gezeigt, das sie eine anständige Frau war, kannte sich gut mit Mathe aus. Wir haben sogar nach der Schule noch Kontakt gehabt. Und als wir nach Kanada zogen, habe ich ihre Adresse verloren. Dachte, vielleicht hast du sie noch.“ „Ne, ich bin ihr nie begegnet. Dafür habe ich vor kurzem Ajnur Tašbulatova getroffen. Sie ist jetzt Anwältin, arbeitet unweit von hier. Ajnurka ging doch mit dir zur Schule bis zum Schluss?“ „Ja, bis zur Elften. Möglicherweise weiß sie etwas über Ljudmila Ivanovna.“ „Gut, wir regeln das. Danke. Und wie ist es bei dir? Wie verbringst du die Zeit? Spielst du Fußball? Du warst doch so ein guter Fußballspieler.“ „Ach ne, welcher Fußball? Habe schon hundert Jahre nicht mehr gespielt. Arbeit. Haus. Manchmal gehe ich mit meiner Ehefrau ins Kino.“ „Hör zu, ich sah, dass bei euch gerade Evgenij Onegin aufgeführt wird? Warst du da? Wie ist es dort?“ „In der Oper oder wie?“ „Aha.“ „Ne, Oper ist nicht meins.“ „Ich grübele auch, soll ich gehen oder nicht? Ich verstehe einfach nicht, wie Kasachen Evgenij Onegin singen können.“ „Was ist daran nicht zu verstehen?“ „Das ist doch komisch, oder nicht?“ „Ja, ich sehe du hast dich verändert.“ „In wie fern?“ „Gut, der Zug ist abgefahren. Erzähl, wie lebt es sich in Kanada?“ „Im Grunde nicht schlecht. Ich habe Arbeit, die Menschen sind in Ordnung. Allerdings viele Schwuchteln. Aber man kann dort leben. Das Trinken habe ich übrigens aufgegeben. Ich habe in Russland so viel gesoffen und dann geheiratet. Glück gehabt. Meine Frau ist orthodox und ich wurde auch getauft. Seitdem ich getauft bin, habe ich das Trinken aufgegeben. Ich trinke und rauche nicht. Ganz wie eine Pusteblume. Bringe den Menschen Licht und Liebe. Fühle mich fast wie ein Heiliger, ohne Witz.“ „Bravo! Wie heißt denn deine Frau?“ „Olga, Ol’enka. Ich erzähle dir mal, wie wir uns kennen gelernt haben. Ich bin damals nach Moskau gekommen, um den zweiten Hochschulabschluss zu bekommen. Ich kam an, fand eine Mietwohnung, habe mich eingelebt und beschloss mich etwas zu erholen und ins Kino zu gehen. Ich kam an und der Kinosaal war fast leer. Ich dachte mir, wir sind ja in Moskau, hier gibt es Kinos wie Sand am Meer. Dann begann der Film, Nach der zehnten Minute verstand ich, warum der Saal so leer war. Ein doofer Film. Irgendein Weib geht hin und her und philosophiert über das Leben. Kann mich nicht an den Titel erinnern. Dann wollte ich gehen und da fiel mir Ol’ka auf. Sie saß hinter mir, da kannte ich sie noch nicht. Ich sah nur ein hübsches Mädchen. Im Dunkeln kann man ja kaum etwas sehen. Gut, denke ich. Dann gedulde ich mich noch etwas. Und ob du glaubst oder nicht, ich habe mich ganze zwei Stunden geduldet. Nicht umsonst. Als der Film zu ende war, standen alle zehn Zuschauer von ihren Plätzen auf und bewegten sich zum Ausgang und ich zu ihr. Wort für Wort, wir lernten uns kennen und besprachen den Film, saßen kurz in einem Café und ich erklärte mich bereit, sie nach hause zu begleiten. Und da stehen wir schon fast vor ihrem Treppenhaus und sie sagt zu mir, dass sie alleine wohnt. Dann stiegen wir langsam die Treppe hoch, auf jeder Etage gaben wir uns einen Kuss. Endlich gingen wir rein. Sie bietet mir Hausschuhe an, wir betreten die Küche und da steht ein gedeckter Tisch. Es gibt zwar keinen Wodka aber Saft und was zum Knabbern. Wir saßen da und tranken Saft. Ich wollte eine rauchen aber sie ließ mich nicht. Und dann starrte sie mich an. Ich habe ihr aus versehen die Hand aufs Knie gelegt, sie wurde ganz rot, befreite sich von meiner Hand, drückte sie, stand auf und zog mich ins Schlafzimmer. Sie setzte mich aufs Bett und begann sich zu entkleiden. Und ich, genauso wie sie, machte mein Hemd auf. Sie zog sich bis auf die Unterwäsche aus, schlüpfte unter die Bettdecke und zog sich dann den Rest aus. Dann griff sie mit der Hand unters Kissen und zog ein Präservativ raus. Und ich nehme es, stülpe es über und krieche zu ihr unter die Decke. Nun…“
„Äh hör zu, bitte keine Einzelheiten, gut? Habt ihr denn Kinder?“ „Ach was, weiter wird’s erst richtig spannend. Aber du musst es selber wissen. Ne, Kinder haben wir bis jetzt keine. Wir gewöhnen uns erst an den neuen Ort, leben uns ein und machen dann viele Kinder. Ich möchte Jungs. Wie verhält es sich hier bei dir in dieser Sache?“ „Genau so eine Geschichte. Wir planen erst jetzt. Es ist gerade mal drei Jahre her, dass wir geheiratet haben. Wir haben noch Zeit. Fährst du Auto?“ „Es ist notwendig. In Kanada sind die Entfernungen groß. Du kannst nicht genug Taxi fahren. Dazu sind alle Taxifahrer Farbige. So schwarz, schrecklich. Haben alle Banditen-Fressen, einfach schrecklich.“ „Hör zu, du hast mehr gesehen als ich.“ „Ja, ne. Ich versichere es dir, alle Farbige.“ „Übrigens ist die Uha hier sehr gut. Schon probiert? Ich kann es empfehlen.“ „Ich esse selten Fisch.“ „Ich bin Allesesser. Wie ein Bär. Bin es noch von der Armee gewohnt, alles durcheinander zu fressen. Wie ist die Stimmung hier in Kasachstan, was den Krieg angeht?“ „Welcher Krieg? Der dritte Weltkrieg? Ich habe keine Ahnung. Warum? Bereitet sich Kanada auf den Krieg vor?“ „Die ganze Welt bereitet sich vor. Schaust du etwa keinen Fernseher?“ „Manchmal schon aber ich glaube nicht alles.“ „Ja klar, ich glaube auch nicht an alles. Das ist normal. Jeder Sender hat seine eigene Perspektive. Der eine sagt, dieser hat Recht, der andere Jener. Aber der Krieg wird von allen vorhergesagt.“ „Hör zu, ich bin zwar kein Spezialist, aber ich denke, das der Krieg schon lange existiert. Mal an diesem Ort, mal an jenem. Der eine greift an, der Andere rächt sich, der Dritte verteidigt. Und wer Recht hat, da blickt man nicht durch, wie du dich auch bemühst. Jeder hat auf seine Art Recht.“ „Für wen bist du denn?“ „Für niemanden, beziehungsweise für den Frieden natürlich.“ „Und gegen wen?“ „Ich sage doch, hier hat jeder seine Wahrheit. Also ich bin definitiv gegen jenes Land, welches seine Hände aufwärmt auf Kosten fremden Leids. Das ist so, wie wenn in der Nachbarwohnung ein Streit ausbricht. Der Ehemann schreit seine Frau an, die Frau den Mann, Geschirr wird zerbrochen, die Kinder weinen. Jeder Nachbar dreht da den Fernseher lauter, damit man die Schreie nicht hört. Der nächste geht hin, um die Nachbarn zu versöhnen, zu überreden, zu beruhigen. Der Dritte will sich für Ehefrau und Kinder einsetzen und zu kämpfen anfangen. Der Vierte ruft die Polizei. Das alles ist normal, menschlich. Und der fünfte Nachbar hat die Idee, das er eine kleine Wohnung hat, es wäre nicht übel noch ein Zimmer zu haben. Und wie? Da die Nachbarkinder hinter der Wand schreien, eine Wand durchschlagen, die andere zumauern – da hast du neue Wohnfläche. Und man hat einen edlen Grund, so nach dem Motto, man nimmt die unglücklichen Kinder unter seine Fuchtel. Und wenn man sich anstrengt, dann kann man die richtigen Leute finden und die Dokumente so ausstellen, dass das Zimmer dem Nachbarn unrechtmäßig gehört. Und die Sache ist gebongt. Das ist dann aber nicht mehr menschlich. Man darf nicht auf fremden Leid Kapital schlagen. Wenn du nicht kannst oder nicht willst, einem Menschen, der umgefallen ist, die Hand zu reichen, dann geh lieber vorbei und hör auf das Geld, welches runter gefallen ist, in die eigene Tasche zu stecken.“ „Hör zu, ich habe verstanden, dass du für Frieden bist doch bevor man dem Gestürzten die Hand gibt, muss man denjenigen fangen, der ihn geschubst hat und ihm Haue geben, damit er es künftig nicht wiederholt. Sonst stellt er dir morgen das Bein. Das ist ja ein Feind und den sollte man bekämpfen.“ „Mit welchem Feind?“ „Wir haben einen und den selben Feind.“ „Ja, und wer?“ „Wie, wer? Amerikosy.“ „Sicher? Vielleicht Farbige? Oder Schwuchteln? Oder Hindus, Kasachen…wen noch hast du da genannt? Chinesen, ja?“ „Ja ne, sicher die Amerikosy, da muss man nicht lange nachdenken.“ „Ich denke, dass nur der Dummkopf alles verstehen kann.“ „Nicht verstanden?“ „Dann ist es noch nicht alles. Ich muss langsam los.“ „Bist du etwa beleidigt?“ „Nene, was sagst du da?“ „Mach’s gut. Wir telefonieren wenn was ist.“
16.
Der Motor wollte nicht anspringen. Eigentlich mochte Gena Schnee aber jetzt fiel er bis zum Knie in die Schneehaufen, die nachts angeweht wurden, er spürte wie die Liebe schwächer wurde. „So kann ich bis zum Frühling hier stehen“, murmelte er als er die Motorhaube öffnete und im Motor wühlte, mit seinen steifen Fingern. Der Akku war wohl in Ordnung. Doch vielleicht…Gena schnappte sich die Bedienungsanleitung und fing an sie ungeschickt durchzublättern, halbblind, die Augen schließend vor dem ihm umgebenden, weißen Schnee. Plötzlich bewegte sich der Nachbarschneehaufen, stürzte wie eine Schneewand ein und aus dieser Schneewand tauchte ein verschlafener Mann auf, eingewickelt bis zu den Ohren in eine graue, karierte Decke. Gena verstummte wunderte sich und beobachtete den Unbekannten. Und dieser streckte sich, gähnte, erblickte Gena und grüßte er ihn unfreundlich. „Guten Tag Nachbar, springt er nicht an?“ „Ich bin kein Nachbar, bin einfach stecken geblieben.“ „Der Unbekannte kam näher und reichte ihm die Hand. „Danijar, ist es schlimm wenn ich dich duze?“, fragte Danijar. Gena stand hinter der offenen Motorhaube und winkte bloß mit der Hand. „Der Anlasser dreht sich nicht, Mist. Das Relais ist kaputt oder sonst was. Verstehe ich nicht.“ „Und wo soll man ein Neues besorgen? Ich bin ja bis hierhin Gott weiß wie gekommen. Die letzten Quartale fuhr es wie eine Schildkröte. Ich hätte um neun ankommen sollen, kam aber erst um zwölf an. Bin Elektriker. Kennst du Olga Šatunova? Ich habe bei ihr das Licht repariert. Ich hatte eine Stunde Arbeit und fuhr ganze drei Stunden. Wohin mit mir? Der Schnee auf den Straßen ist höher als die Knie. Mancherorts noch mehr und solche Schneehügel. Und Staus. Die Menschen verlassen ihre Autos auf den Straßen. Und hier nur der Anwerfer, mist. Wie soll ich denn jetzt heim fahren?“ „Die Ehefrau wartet?“, fragte Danijar. „Nicht wirlich, welche Ehefrau? Ich hatte mal eine. Ich bin Angler, weißt du, magst du das Angeln?“ „Ja“, sagte Danijar unsicher. „Ich kann gar nicht ohne. Sitze zu hause, grübele, spitze die Haken, bereite den Angelblei vor. Und sie so gar nicht. Sie dachte, dass ich saufe. Dumme Kuh. Klar trinke ich, jedoch nicht bis zur Besinnungslosigkeit. Nur so, zum Vergnügen. Einmal war sie so hysterisch, dass sie meine Angelrouten nahm und verschwand. So lebe ich jetzt. Und du? Wie ich sehe, wurdest du auch des Hauses vertrieben?“ „Ja“, Danijar lächelte verkrampft. „Der wievielte Tag ist es jetzt schon im Auto, naja, macht nichts, es gefällt mir sogar.“ Gennadij blickte von der Seite auf Danijar und begann wieder im Inneren des Autos zu wühlen. „Verstehe, hast also schon Sehnsucht?“ „Habe ich“, gab Danijar recht. „Schreckliche Sehnsucht. Habe mich dran gewöhnt, da die Frau in der Nähe ist. Denke die ganze Zeit an sie.“ „Warum bist du dann gegangen?“ „Tja“, Danijar wedelte mit dem Arm, „das weiß ich jetzt selbst nicht, sind aneinander geraten. Es sah so aus, als wäre alles kaputt. Ich habe dann die ganze Nach darüber gegrübelt, warum Frauen Männer piesacken. Gut, ich verstehe Galka, diese Galja…wie heißt sie nochmal? Kravkova aus dem zweiten Treppenhaus, kennst du sie?“ „Nein“, sagte Gena. „Du gehörst ja zu uns, ich habe es vergessen“, Danijar stieß sich auf die Stirn. „Nun, unwichtig. Galkas Ehemann säuft. Viktor. Vertrinkt die ganze Rente und dann noch den halben Verdienst von Galka. Er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank und dann bekommen Galka und die Kinder das ab. Galka schuftet bei drei Arbeitsstellen und er ist in Rente. Dafür piesackt ihn Galka morgens, kreidet ihm sein ganzes Leben an und sie hat eine scharfe Zunge. Zwei Wochen geht er hin und her, den Schwanz eingezogen und sie ist nur am Schreien. Und dann geht alles von vorne los. Das verstehe ich. Er verdirbt ihr Leben und sie ihn. Alles gerecht. Und wie ist es bei uns? Ich zum Beispiel, meine Alija…weißt du, wie sie ist. Die einzige auf den ganzen Welt. Ich mache alles für sie und sie. Äch. Was macht es schon für einen Unterschied? Ist doch eh egal.“ „Dann geh zu ihr und rede mit ihr“, schlug Genadij vor. „Ne, ich gehe nicht zu ihr“, Danijar wackelte mit dem Kopf. „Ich kann mich nicht entschuldigen, woran bin ich denn Schuld? Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich beleidige sie nicht. Ich schenke ihr an Feiertagen Blumen, verdiene genug, führe sie in Restaurants aus. Von der anderen Seite verstehe ich natürlich – ich stecke den ganzen Tag auf der Arbeit fest und sie sitzt alleine zuhause. Sie kocht, räumt auf, wartet auf mich. Es gibt viel im Haushalt zu tun. Und dann komme ich, müde, verärgert, auf der Arbeit auch ein Haufen Probleme. Anstatt zärtlich zu ihr zu sein, gehe ich mit finsterer Mine durch das Haus. Ein anderes Mal kann ich essen, ohne mich zu bedanken. Sie sorgt sich um mich und ich merke das manchmal gar nicht, habe ihr keine Spülmaschine gekauft. Und auch jetzt – mache mir ein schönes Wochenende und habe keine Lust, etwas im Haushalt zu machen. Wie oft hat sie mich schon drum gebeten, die Fenster zu reparieren, es weht herein und ich bin zu faul dafür. Deswegen ist sie beleidigt. Aber ich bin doch auch nur ein Mensch. Kann ab und zu faulenzen. Das ist doch alles Unsinn, stimmt’s? Was meinst du? Oder nicht? Ne, ich gehe nicht zu ihr. Wenn ich zu ihr gehe, wird es dann wieder so sein, dass ich Schuld bin. Ich bin immer Schuld. Egal was passiert, ich bin schuld. Ne, ich gehe nicht…“ „Geh, geh du nur“, sagte Gennadij lachend. „Man sieht doch, wie du dich schämst, das du sie schrecklich vermisst und nur einen Grund suchst.“ „Ach, Du“, winkte Genadij ab und ging zurück zu seinem Jeep. Gennadij schloss die Motorhaube, setzte sich ans Steuer, atmete hoffnungsvoll auf und drehte den Schlüssel. Der Motor rüttelte sich, ratterte nießend und hustend. Aus dem Auspuff flog eine dunkle Wolke, riss ab und floh, sich auflösend, in die frostige Luft. Gena ließ das Auto warm laufen, huschte selbst ins Treppenhaus und stieg wieder die Treppe hoch, in Olga Jurjevnas Wohnung. Er machte die Tür mit seinem Schlüssel auf, ging rein, zog sich die Schuhe aus und betrat das Zimmer, auf beide Seiten blickend. „Hey Čmo“, rief Gena und horchte hin. Stille. „Čmo, wo bist du?“ Er stellte sich auf die Zehenspitzen und klopfte mit der Hand auf die staubige Decke des Schrankes. Nichts. Dann ging er zur Schublade mit dem Fernseher, schaute rein – leer. „Wo bist du denn hin?“, murmelte Gena umherblickend und in diesem Moment krallten sich in seine Hand Zähne und Krallen ein. Die Pfoten aufspreizend, flog Elsa auf seine Ferse, kaute an seinen Zehen, sprang dann zur Seite und fegte unters Bett. Aber innerhalb eines Augenblickes steckte sie ihre rosa Nase heraus, mit Neugierde die Reaktion Genas beobachtend. Gena ging vor Elsa in die Hocke. Sie miaute und kletterte graziös unter dem Bett hervor, streckte sich mit dem Schwanz spielend. Sie ging hin und her, legte sich auf den Rücken und zog ihre Pfoten heraus, darauf wartend, dass Gena mit ihr spielt aber Gena war nicht nach Spielen zu Mute. „Hör zu Čmo“, sagte er leise. Lass mich dich von hier mitnehmen, hm? Du wirst bei mir leben. Ich habe natürlich nicht solche Gemächer wie hier. Dafür einen eigenen Garten, Freiheit, Weite. Du wirst an der frischen Luft spielen. Mäuse fangen. Dir steht auf der Stirn geschrieben, dass du eine Jägerin bist. Ich bin doch Angler, weißt du welch guten Fisch ich fange? Karpfen, Barsch und Rapfen. Das ist nicht wie dieses…dein Whiskas. Und mit Olga Jurjevna bespreche ich das noch. Wenn was ist, dann sage ich ihr, dass ich keine Bezahlung für meine Arbeit brauche. Sie schuldet mir ordentlich etwas.“ Elsa hörte Gena aufmerksam zu und zog sich zu ihm von Zeit zu Zeit, bemühte sich mit der aus gespreizten Pfote darum, den schaukelnden Saum des Kissens zu greifen. „Nun ist mein Auto kaputt“, Gena atmete auf. „Mal springt es an, mal nicht. Nur mach dir keine Sorgen. Ich werde heute damit fertig, selbst oder ich bringe es zum Mechaniker aber ich werde es reparieren. Und dann gehe ich morgen wegen der Bezahlung zu Olga Jurjevna und nehme dich mit. Wenn sie es mir nicht gestattet, dann werde ich dich stehlen. Elsa verstand, dass die Sache ernst war, miaute leise und wackelte nervös mit dem Schwanz.
17.
Stepanyč stellte alles aus wie es sich gehört. Den Ring hat er behalten. Vor langer Zeit wollte er Nijara heiraten, eine hübsche Krankenschwester aus dem H-N-O- Bereich. Die Romanze war leidenschaftlich. Sie gingen abends ins Kino, küssten sich geizig bis zum Blut. Sie hatte kleine Brüste, weich, nur die Nippel verhärteten sich vor Erregung. Stepanyč wühlte im Dunkel des Kinosaals dort unter ihrer Bluse aber weiter als das erlaubte Nijara ihn nicht zu gehen. Der schlaue Stepanyč verstand, dass bald geheiratet werden sollte und lief los, um einen Ehering zu kaufen. Am nächsten Tag erschien Nijara nicht zur Arbeit, dafür kamen ihre Brüder, zwei große, kräftige Aserbaidžaner. Sie fanden Stepanyč und deuteten an, dass Nijara und er kein Paar seien und dass die Folgen ihrer Romanze die aller traurigsten sein werden. Stepanyč entschied sich, den Ring als Erinnerung zu behalten. Und nun dachte er, dass dieser vielleicht Tonja passen würde. Im Restaurant, welches sie betraten, waren nur wenige Menschen. „Wein“, sagte Stepanyč, „eine Flasche Wein, roten und…was habt ihr da an Knabbereien?“ „Caesar-Salat“, sagte die Bedienung. „Das war’s?“ „Ja.“ „Bringt ihn uns“, schrie Stepanyč fast auf. Tonja schaute mit Bewunderung Stepanyč an und sagte zur Bedienung: „Für mich einen Steak. Medium. Mit Reis.“ „Und zum Wein?“, fragte die Bedienung. „Nein, ich trinke nichts“, sagte Tonja. „Tooonnja“, rief Stepanyč flehend. „Stepanyč, ich bin doch Sportlerin“, lachte Tonja. „Und eine Schönheit“, sagte Stepanyč verlegen. Die Bedienung grinste aber blieb da: „Noch irgend etwas?“ „Bis jetzt nicht“, sagte Tonja. Auf eine kleine Bühne, in der Ecke des Saals, stiegen ein paar Musikanten. Ein Kerl mit einer Gitarre und eine junge Frau mit einer Flöte. Die Noten durchforstend, versuchten sie leise etwas mittelalterliches zu spielen. „Tonja, ich habe was für dich“, sagte Stepanyč und kramte in der Jackentasche. „Ach ja, Stepanyč, ich übrigens auch für dich“, erinnerte sich Tonja. „Nun los, du zuerst.“ „Nein, nein. Ladies first“, sagte Stepanyč besorgt. „Nun gut“, sagte Tonja und zog aus ihrer Tasche eine Tüte: „Das ist von meinem Trainer.“ „Was ist das?“ „Eine Salbe. Sehr hochwertig, importiert. Ist genau das Richtige bei Brüchen. Regeneriert schnell. Wenn der Gips abgenommen wird, beginn sie dir aufzutragen. „Danke.“ Stepanyč versteckte die Salbe und ungeschickt nach Tonjas Händen greifend, küsste er ihre Finger. „Was bist du altmodisch, Stepanyč“, lachte Tonja. „Gut, jetzt du, was hast du da? Zeig es mir.“ Stepanyč holte leise aus der Jackentasche die Schachtel hervor, stellte sie auf den Tisch vor Tonja und öffnete sie, im schwarzen Samtstoff lag ein goldener, dünner Ring. Die Musikanten drumherum verstummten. „Stepanyč, was machst du nur?“, fragte Tonja verwundert, ohne das Schächtelchen zu berühren. „Bist du verrückt geworden? Du bist doch zu alt.“ „Ja und?“, erwiderte Stepanyč und spürte, dass er rot wurde. „Ich bin nur von außen her alt und im Inneren lodert es.“ „Ne, ne, ne“, lachte Tonja, den Ring von sich weg schiebend. „Denk gar nicht dran.“ „Tonja, ich liebe Sie“, sagte Stepanyč mit zitternder Stimme, verwundert über den eigenen Wechsel zum Siezen. „Gut Stepanyč“, sagte Tonja und bückte sich über den Tisch zu ihr. „Du bist ein guter Mensch und gebildet und ich mag dich, wirklich. Aber nicht als Mann, eher als Opa. Lass uns nichts überstürzen.“ „Tonja, Sie töten mich“, heulte Stepanyč. „Lass uns das bald vergessen“, sagte Tonja, „Und außerdem bringen sie uns jetzt das Essen.“ Die Bedienung schob unaufdringlich die Schachtel zur Seite, legte das Besteck und das Essen auf den Tisch und goss Stepanyč Wein ein. Stepanyč dankte zurückhaltend. „Martin hat mir heute geschrieben“, sagte Tonja. „Martin?“, fragte Stepanyč abwesend. „Habe ich es nicht erzählt?“, lachte Tonja. „Ja, dann hör zu, eine klasse Story. Wir fuhren mal im Sommer auf die Datscha. Volodja, Mama und ich. Volodja ist mein älterer Bruder, sei nicht eifersüchtig. Wir haben einen Jeep, ich fahre ihn aber kaum. Meistens fährt Volodja. Wir fahren also zurück und es dämmert schon, der Weg ist frei, drumherum Steppe. Dann sehen wir vor uns einen Fahrradfahrer, auf der Seite, fast am Wegesrand. Auf dem Rücken hat er einen Rucksack, riesig, voll-geklebt mit ausländischen Aufklebern. Und wir haben übrigens vor ein paar Tagen in den Nachrichten gesehen, dass ein Fahrradfahrer aus Deutschland oder Österreich nach Kasachstan gekommen ist. Er habe wohl die Hälfte der Erde umkreist und sei jetzt in Kasachstan. Bis zur nächsten Stadt war es noch weit. Und es war schon dunkel. Volodja und ich verstehen uns in solchen Situationen ohne Worte. Also Volodja gibt Gas und ich kurbele das Fenster runter und denke mir, das ist ja schließlich ein Ausländer, der spricht kein russisch, dann müssen wir uns wohl irgendwie auf englisch verständigen, ihm sagen, dass wir helfen wollen. Alles woran ich mich noch erinnerte, war Hilfe auf englisch, „Help“ Kurzum. Volodja holt den Fahrradfahrer ein, beginnt ihn leicht zu schneiden und ich schaue aus dem Fenster und rufe zum Fahrradfahrer: „Help!“ Stepanyč konnte sich nicht halten und lachte. Tonja lachte auch. „Das ist noch nicht das Ende, Stepanyč, warte mal ab.“ Ich schreie also „Help“ und der Fahrradfahrer wäre fast ins Gebüsch gefallen, hielt sich aber und legte einen Gang drauf. Volodja erhöhte auch den Druck, holte ihn wieder ein und drückt ihn gründlich zur Seite und ich lehne mich wieder aus dem Fenster und schreie: „Help, help!“, und versuche zu lächeln und Zähne zu zeigen, um zu verstehen zu geben, das wir freundlich gesinnt sind, dass wir in Wirklichkeit helfen wollen. Nichts anderes, passendes fällt mir auf Englisch ein, verstehst du? Der Fahrradfahrer sperrte die Augen auf, kehrte dann plötzlich um und fuhr irgendwohin in die Steppe, in die Unwegsamkeit. Gut, dass wir einen Jeep haben. Irgendwie holten wir ihn ein. Und es stellte sich heraus, dass es wirklich dieser Reisende aus den Zeitungen war. Martin. Ein guter Kerl. Wir luden sein Fahrrad in den Kofferraum, nahmen ihn mit nach Hause, gaben ihm zu Essen, zu Trinken, im Allgemeinen zeigten wir Gastfreundschaft. Wir entschuldigten uns natürlich, dass wir ihm einen Schrecken eingejagt haben. Und er, so scheint es, erinnert sich immer noch daran. Gut, dass er uns traf, es geschieht ja sonst alles Mögliche, nicht wahr? Und heute hat er uns einen Brief geschickt, eine Email. Er kam nach Hause, zurückgekehrt in sein Österreich und lädt uns nun zu sich ein.“ „Und fährst du?“, fragte Stepanyč. „Ich habe keine Zeit. Ich habe immer Wettbewerbe“ Tonja atmete auf. „Aber Volodja wird vielleicht fahren. Ist doch cool. Ich fahre morgen übrigens wieder zum Trainingslager. Nicht lange, nur für ein paar Wochen.“ „Für dich ist es nicht lang“, Stepanyč atmete auf. „Ich bin ein alter Mensch, in zwei Wochen kann alles passieren.“ „Rede keine Dummheiten, Stepanyč“, Tonja runzelte die Stirn. „Pass ja auf, dass du wie ein Gürkchen bist bei meiner Rückkehr.“
18.
Nazar fuhr am Tag los und erreichte die Trasse erst gegen fünf. Der Schnee wurde immer noch nicht geräumt. In der Stadt bewegte sich kaum etwas. Hier und da lagen Baumzweige, die den Schneesturm nicht überlebt haben und die Autos bewegten sich sehr langsam. Die Nerven gaben auf, die Fahrer stritten durch die geöffneten Fenster und das Geheul der Alarmanlagen wollte kaum aufhören. Auf der Straße gab es einen Stau. Der Fahrer, direkt neben Nazar, verlor die Geduld, stieg aus, knallte die Tür und näherte sich den Männern, die am Rand standen. Nazar sah, wie sie sich die Hände gaben und irgendetwas besprachen. Der Nachbarfahrer von Nazar gab den Männern Zigaretten und ging zurück. Nazar öffnete das Fenster und rief ihm, als dieser vorbei ging, zu: „Entschuldige Bruder! Hast du eine Ahnung, warum wir nicht weiter fahren?“ „Das wollte ich selbst heraus finden“, sagte der Nachbar kurz stehen bleibend. „Man sagt, das drüben beim Wachposten alle zur Rückkehr gezwungen werden. Es gab einen Befehl, niemanden in die Stadt rein zu lassen.“ „Ja gut, raus lassen, aber warum denn nicht rein lassen?“, wunderte sich Nazar und kletterte aus dem Auto um zu reden. Es ging ja sowieso nicht weiter. Draußen entwich Dampf aus dem Mund. Der Schnurrbart des Gesprächspartners war mit kleinen Eiskristallen bedeckt. „Haben Angst vor Kundgebungen.“ „Welche Kundgebungen? Im Winter?“ „Wie sommers, so winters,“ nuschelte der Bärtige. „Willst du eine rauchen?“ „Ja, warum nicht?“, sagte Nazar, „wir haben Zeit.“
„Unser Volk geht nicht“, sagte der Bärtige und gab Nazar Feuer. „Jeder weiß es. Wie oft kam es schon vor? Keine Menschen, sondern Opfer. Man kann uns endlos verhöhnen, wir halten alles aus. Das liegt an der Mentalität. Kundgebungen. In Almaty leben mehr als zwei Millionen Menschen. Und wie viele von ihnen gehen raus? Zehn, zwanzig Leute. Vielleicht auch hundert. Ja und? Sie alle werden für ein paar Stunden zur Polizeiwache gebracht, führen ein gelehrsames Gespräch und werden laufen gelassen Das war’s mit unserem Meeting. Das ist bombensicher. Und dann, wenn sich doch einer traut zu gehen. Die haben dort ja trotzdem Angst. Die haben sogar Spezialeinheiten in die Stadt gejagt, hast du gehört?“ „Achso, da kommen die Panzer her…Verstehe, würdest du selbst gehen?“ „Ich? Nein, natürlich nicht. Welchen Zweck hat das Ganze? Ich glaube nicht an Kundgebungen. Soll doch alles scheiße sein, dafür aber keine Kämpfe, dafür sind meine Kinder gesund. Und diejenigen, die Macht haben – die werden immer stehlen und lügen. Bei uns können die Menschen momentan nicht anders. Egal wem die Macht überlassen wird, derjenige, wenn er erst die Macht spürt, wird als erster seine Taschen füllen. Und die neue Tasche ist immer leer. Deswegen soll alles so bleiben wie es ist. Ein reicher Dieb ist besser als ein Armer.“ „Ich würde gehen.“ „Warum fährst du dann weg? Warte doch ein paar Tage. Vielleicht ist es wirklich eine Kundgebung.“ „Ne, ich fahre zur Ehefrau. Bin eh schon spät dran.“ „Ich sage ja, wozu brauchen wir das alles zum Teufel? Bei der Ehefrau ist es immer besser. Gut, lass uns fahren. Da vorne lassen sie uns durch.“ Nazar drückte dem Bärtigen leicht die Hand und stieg in seinen Golf. Aber die Autos wurden immer noch nicht durchgelassen. Die Kolonne bewegte sich nur deshalb weil einige Autos umgekehrt waren. Nazar hielt es nicht aus und drehte das Lenkrad bis zum Ende. Die Autos krochen auf den nahegelegenen Wegen wie Ameisen, sich bemühend einen Ausgang, einen Durchschlupf zu finden. Ein paar Mal erreichte Nazar Sackgassen, drehte sich in einem unbekannten Hof, fuhr weiter über einen Bürgersteig, fuhr über eine kleine Bordsteinkante, bog um die Ecke und fand sich am Rand eines Feldes wieder – breit, schneebedeckt, grenzenlos. Noch vor einer Sekunde sah er graue, steinerne Mehretagenhäuser, und hier, plötzlich, begann die Steppe. Auf dem unberührten, jungfräulichen Schnee, zog sich eine Linie von runden, lockeren Spuren, die an Pferdehufen erinnerten. Nicht lange nachdenkend, fuhr Nazar nach vorne, auf der Spur. Schon bald blieb die Stadt hinter ihm. Alles drumherum war sauber und weiß. Nazar öffnete das Fenster und verstand endlich, dass er atmen konnte. Die Stadt hat ihn noch nicht gänzlich gehen lassen. Es machte den Anschein als klebe sie sich an Nazar mit klebrigen, schmierigen Fäden. Doch diese Fäden zogen sich in die Länge, wurden dünner, platzten einer nach dem anderen auf und je weniger Fäden es wurden, desto breiter öffneten sich Nazars Augen. Er hatte den Eindruck, als wäre er jetzt erst erwacht, er wollte kräftig gähnen, sich strecken. Endlich platzte der letzte Faden und als würde er es spüren, lachte Nazar unbewusst los. Und in diesem Moment, direkt vor ihm, zwischen grauen, bleiernen Wolken, schaute der erste blaue Fleck hervor.
19.
Am Morgen sprang das Auto gut an, als ob nichts gewesen wäre. Und das Wetter wurde unerwartet etwas klarer, nur hingen neben den Bergen weite Wolken und der übrige Himmel erschien unendlich blau. Von der weißen, blendenden Sonne fing das Eis an zu tauen, es tropfte vom Dach und an seinem Rand wuchsen dünne, durchsichtige Eiszapfen. Gena säuberte mit Vergnügen den Hof vom gefallenen Schnee, machte sich dann einen Kaffee und ging raus, auf die Vortreppe, eine rauchen. Geblendet vom Licht, trank er den Kaffee, welcher an der frischen Luft besonders heiß und köstlich erschien, und rauchte genüsslich seine Zigarette. Das Auto war aufgewärmt und brummte gleichmäßig, sicher. Man konnte losfahren. Er hat mit Olga Jurjevna ausgemacht, dass er für sein Gehalt gegen elf bei ihr sein wird aber er fuhr früher los, denn er hatte Angst vor Staus. Und der Tag war so klar, dass er nicht zuhause sitzen wollte. In seinem Kopf hatte Gena schon einige Male die Szene durchgespielt, wie er das Geld ablehnt mit der Bitte ihm Čmo zu überlassen. Die Phrase, die Formulierung wollte nicht gelingen, aber er konnte sich Olga Jurjevnas Reaktion gut vorstellen. Ihr Gesicht dehnte sich erstaunt auseinander und das Staunen wurde von der Erleichterung abgelöst, von der Freude und sogar von irgend einer Nachsichtigkeit, so nach dem Motto: „Das ist alles, was sie wollen? Nehmen Sie ihn mit, bitteschön!“
„So, los geht’s“, sagte Gena laut, beschließend, dass er seine Rede auf der Autofahrt vorbereiten wird. Er warf den Kippenstummel in den Glasaschenbecher und ging zur Tür um sie zu öffnen. Die Straße zwischen den Häusern war schmal, aber nach dem Schneefall verwandelte sie sich in einen einspurigen Weg. Die Schneeglätte begann in der Morgensonne an schmelzen und das Auto schlitterte, mit dem Hinterteil wackelnd. Der Weg ging nach links. Gena kannte diese Strecke ausgezeichnet und machte im Voraus den Blinker an, sich bemühend auf die Straße zu lenken, jedoch er wurde vor der Ausfahrt von einem schwarzen Jeep blockiert. Gena bremste und hupte. Der Jeep rührte sich nicht von der Stelle. „Eingeschlafen oder wie?“, fragte Gena verärgert, bewegte die Feststellbremse und stieg aus dem Auto. Im anderen Auto saßen ein paar Männer. „Nimm einen anderen Weg“, sagte der Fahrer, ein kräftiger Bursche in einer Daunenjacke. „Hier lang darf man nicht fahren.“ Es gibt hier keinen anderen Weg“, sagte Gena. „Seit dem letzten Frühling ist es die einige Ausfahrt. Auf der anderen Seite ist ein Graben. Da wechseln sie schon das zweite Jahre die Rohre aus. „Dann bleib heute zuhause“, schrie ein brünetter Kerl, der neben dem Fahrer saß und lachte. „Kurzum, erhole dich.“ „Jungs“, sagte mit sich abreißender Stimme Gena. „Ich muss fahren. Ich muss jemanden abholen…eine Katze. Ich habe es versprochen…“ „Wem versprochen?“, der Brünette lachte. „Der Katze? Ha-ha!“ Gena sah, wie sich auf dem Rücksitz, viel händige Schatten bewegten. „Hör zu man“, sagte der Fahrer, „hör auf zu nerven, die Straße in die Stadt ist gesperrt, du kommst sowieso nirgends hin. Willst du unter die Panzer kriechen? Geh heim. Kannst morgen fahren, wohin du willst.“ Irgend jemand auf dem Rücksitz des Jeeps bewegte sich und sagte: „Was sprichst du mit ihm wie mit einem Mädchen? Hau ihm eine rein.“ „Mach doch selbst“, sagte der Fahrer unzufrieden. Die Hintertür des Jeeps öffnete sich und es stieg ein riesiger Kerl in Polizeiuniform aus. Gena trat einen Schritt zurück. „He, Onkel, ist irgend etwas unverständlich?“ Er schlug ohne Schwung Gena ins Gesicht. Gena versuchte auszuweichen und der Schlag streichelte ihn nur. Aber der Kerl schlug erneut zu. Auf das Ohr, auf das Kinn und in den Bauch. „He, Ajdos, das reicht“, rief der Fahrer des Jeeps. Gena stand gebeugt da, das Gesicht mit den Händen bedeckend, und atmete schwer. Die Luft wurde dicht, klebte an den Lippen wie ein Spinnennetz und wollte gar nicht zur Brust vordringen, die Brust füllen. Gena richtete sich nicht auf und sah nichts, er ging auf gut Glück zu seinem Auto und entschied, was er machen wollte. Er setzte sich, drehte den Schlüssel und schaute sich im Spiegel an. Aus dem Mund rann Blut. Er fuhr ca. zwanzig Meter vor, nur diese notwendigen zwanzig Meter, die für den Anlauf wichtig waren. Er stellte den Handhebel um und drückte mit voller Kraft auf das Gaspedal.
20.
Abaj wachte früh morgens auf von den Sonnenstrahlen, die in das Zimmer fielen. Er stand vom Bett auf, zog die Vorhänge zu und kniff die Augen von dem unerträglichen Licht zu. Dann legte er sich wieder hin, konnte aber nicht einschlafen. Hinter dem Fenster tropfte und gluckste es. Der Kopf tat schrecklich weh. Vor allem schmerzte diese Stelle, wo der Hals in den Nacken übergeht. Abaj hatte das Gefühl, als würde da eine unsichtbare Spinne sitzen. Dass, sie da sitzt und ihn sticht. Und von diesem Punkt aus, in Richtung Ohren, breitete sich ein Gift aus. Langsam zerfallend. Die Wirbel knackten vor Aufregung. Das Gift drang sogar in die allerengsten Lücken, sprengte die Hindernisse, grub Höhlen im Kopf. Die Spinne hat sich fest geklammert. Abaj spürte es auf der Haut, wie die Spinne ihr Maul bewegte, aus Ungeduld wo anders hintrat und immer tiefer und tiefer eindrang. Abaj versuchte sie abzuschütteln, haute sich auf den Hals, rieb den Nacken ein, massierte mit den Fingern die Wirbel aber er konnte die Spinne nicht ertasten. Nur manchmal, während des Druckes auf eine besonders empfindsame Stelle, durchfuhren ihn Krämpfe und davon wurde ihm, warum auch immer, leichter. Abaj begann diese Punkte zu fangen, prägte sie sich ein, drückte fester. Dann wurde er in die Höhe geworfen und gekrümmt, als ob auf der Wirbelsäule, wie aus einem langen Schlauch, Wasser lief und ins Gehirn strömte. Noch einmal. Und noch. Der Kopf fiel impulsiv nach Hinten, als ob er die Spinne einklemmen wollte zwischen Nacken und Hals, einklemmen und zerdrücken. Er drückte auf den Punkt. Impuls, Entladung. Er krampfte sich zusammen. Der Kopf klirrte immer lauter. Man hatte schon Angst sie zu berühren, so war die Hülse aufgespannt, es platzte beinahe. Abaj kroch aus dem Bett und fiel auf die Knie, zusammen gekauert, das Gesicht zum Boden gereichtet. „Darnieder“, kam es ihm in den Kopf. „Welch ein seltsames Wort – darnieder, ist es das?“ Abaj wunderte sich, wie genau die Fläche des Bodens mit der Linie seiner Stirn übereinstimmte. Die Linie, die in seine Nase übergeht, von der Nasenwurzel bis zur Nasenspitze. Entweder er sitzt oder er liegt, zusammengeklappt. Hat sich ganz zusammen gekrümmt. Willenlos, kraftlos, unbeweglich. Und es schmerzt und zieht nur hinten im Nacken. Es schmerzt so, als ob dort eine Spinne sitze, beziehungsweise eine Krebsschere, die Wäscheklammer eines Puppenspielers. Dieser hält ihn an einem Faden, der nach oben führt. Er zieht an ihm, zieht – versucht ihn hoch zu heben. Aber irgend etwas störte Abaj beim Aufstehen und er spürte, dass die Klammer jeden Moment ausrutschen kann, reißen. Sie springt raus, zusammen mit dem Büschel der Materie und Watte, zusammen mit dem Klumpen seines Körpers. Vor seinen Augen. Fast vor Schrecken öffnete sich immer weiter die Pore des Linoleums. Und dann knackste leise irgend etwas. Dieses Geräusch war kaum hörbar. Crack. Der Kopf begann sich mit Sand zu füllen, mit schwerem, feuchtem Sand. Jetzt konnte man ihn gar nicht vom Boden befreien. „Soll er liegen bleiben“, dachte Abaj und stand auf.
21.
Stepanyč machte nicht seinen gewöhnlichen Morgenspaziergang. Er beschloss sich frei zu nehmen. Dazu kam, dass Tonja weg gefahren war. Und jetzt tat auch die Hand im Gips weh. In die Fenster schien eine für Kasachstan seltene Sonne. Stepanyč führte die Schmerzen in der Hand auf den Wetterwechsel zurück. Er ging den halben Tag durch die Wohnung, ohne einen Platz für sich zu finden, versuchte Fern zu sehen, aber konnte die Worte, die aus dem Fernseher kamen, nicht verinnerlichen. Das Telefon klingelte. Stepanyč wurde selten angerufen. Er lief zum Telefon, nahm mit Argwohn, mit zwei Fingern, den Hörer ab, führte ihn zum Ohr, hörte aber nichts. Hinter den Fenstern tropfte es von den Dächern. „Hört auf mit dem Unfug“, schrie Stepanyč und legte den Hörer auf seinen Platz. Die Stimmung war miserabel. Stepanyč spürte, dass er etwas unternehmen sollte, etwas Wichtiges, das man nicht verlegen kann. Aber was? Endlich hielt er es nicht aus und begann sich anzukleiden. „Ich gehe mal hin“, murmelte Stepanyč. „Schaue mir an, wie es da ist. Drehe ne Runde, gucke mal…“ Er schloss die Tür zu, drehte den Schlüssel zwei Mal um und begann langsam die Treppe hinunter zu gehen. Er kam bis zur ersten Etage und bog in den Flur ab, wo die Briefkästen standen. Im Briefkasten lag irgend ein Unsinn: Flyer, Werbung, alte Rechnungen. Über seinem Kopf krachte eine Tür und von der Treppe hallten eilende Schritte. Stepanyč drehte sich um, um zu schauen und sah wie eine Silhouette mit fetten Tüten an ihm vorbeihuschte und das Treppenhaus verließ. Vermutungen befielen Stepanyč und er begann die Verfolgung, lief nach Draußen, kniff die Augen zusammen vom Licht und sah vor seinen Füßen die Säcke, voller Müll. „Hey, stopp! Bleib stehen! Wo bist du?“, schrie Stepanyč, sich umher blickend und sah einen Menschen, der am Auto fummelte. „Ey, komm her“, Stepanyč näherte sich ihm und versuchte sein Gesicht zu mustern. „Bist es Du? Kol’ka, du? Bist du ganz verrückt geworden? Kotzbrocken. Hipster, Mist. Bleib stehen!“ Kol’ka sprang in den langen weißen „Mers“, schaffte es aber nicht, ihn zuzumachen, da hatte Stepanyč ihn schon eingeholt. Er zog die Autotür zu sich, schliff Kol’ja heraus und schleppte ihn zum Treppenhaus. „Hey, räume deinen Müll weg, hast hier einen Schweinestall angerichtet!“ Kol’ka versuchte sich loszumachen. Stepanyč schubste ihn nach vorne und Kolja fiel ungeschickt. Er lag auf dem kalten Boden und sein Knie fiel genau auf die Mülltüte. Die Tüte platzte. Er verlor seinen Schal und aus dem Mantel schaute sein dünner, weißer Hals heraus. Im großen und ganzen war Kolja irgendwie dürr, unförmlich, unglücklich. Stepanyč beruhigte sich und beugte sich über ihn. „Gut Kol’ka, was machst du nur? Gut, tut mir leid. Es nervt bloß. Wir leben wie im Saustall, wie Schweine. Hast du dich gestoßen? Komm, lass dir helfen.“ Kol’ka stieß die Hand des Alten weg und sprang auf die Füße, hinkend zu seinem Auto laufend. Stepanyč war verdutzt und nicht wissend, was er antworten sollte, schaute er zu, wie Kol’ka ins Auto stieg, es startete und langsam losfuhr. Auf die Vortreppe, mit den Flügeln raschelnd, setzte sich eine dicke Taube, die anfing, die aus der Tüte fallenden Brotkrumen zu picken aber Stepanyč stampfte mit dem Fuß und vertrieb sie, dann bückte er sich und fing an den Müll einzusammeln. Kol’ka fuhr am Treppenhaus vorbei und bleib stehen, er nahm aus dem Handschubfach eine schwarze Pistole. Stepanyč, atmete schwer und sammelte den verstreuten Müll ein. Kol’ka kurbelte das Fenster runter, zielte und gab einen Schuss ab. Von dem Laut des Schusses wachte in seinem Auto Danijar auf. Er konnte nachts nicht einschlafen, wälzte sich herum bis zum Morgen und beruhigte sich erst als die Sonne aufkam. Er wärmte sich auf und fiel in einen tiefen Schlaf. Danijar beobachtete, wie der weiße „Mers“ vorbei fuhr, verstand aber nicht was passiert war. Er kletterte aus dem Auto, machte ein paar Schritte auf dem Hof und wollte gerade was essen gehen als er Stepanyč entdeckte. Dieser saß beim Treppenhaus an die Wand gelehnt und schwer atmend. „Viktor
Stepanyč, was ist mit Ihnen?“ Er kam näher. „Ist Ihnen schlecht? Soll ich den Krankenwagen rufen?“ „Ja, ruf ihn Danijarchen“, sagte Stepanyč heiser. „Ich wurde angeschossen.“ „Wie, angeschossen? Wer?“ „Unwichtig, Danijar, alles in Ordnung, habe nur eine starke Prellung. Kann sein, das die Rippen gebrochen sind, keine Ahnung. Los mein Lieber, rufe den Krankenwagen.“
„Mist, meine Batterie ist leer“, rief Danijar, der versuchte die Nummer mit seinem Mobiltelefon zu wählen. „Haben Sie ein Telefon dabei?“ Stepanyč wackelte mit dem Kopf. „Gut, bleiben Sie sitzen, ich komme gleich!“, entschied Danijar. „Ich bin blitzschnell.“ Er rannte auf seine, die dritte Etage und klopfte an. Seine Schlüssel hat er im Auto gelassen. Das Schloss klapperte und die Tür öffnete sich. Danijar sperrte sie auf und umarmte Alija. „Meine Liebe, Gute“, flüsterte er, ihre Haare küssend. „Verzeih mir, verzeih mir Dummkopf. Ich bin ein Idiot. Einfach nur eine selbstverliebte, faule Arschgeige. Ich fahre morgen los und kaufe diese blöde Spülmaschine. Und einen Staubsauger. Ich kaufe alles, was wir brauchen, nur sei nicht beleidigt. Entschuldige, dass ich dich allein gelassen habe. Entschuldige, das ich vergaß dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe. Ich brauche niemanden außer dir. Ich habe dich schrecklich vermisst. Egal was ich auch machte, worüber ich sprach, ich dachte die ganze Zeit an dich. Verzeih mir, gut?“ Alija hörte schweigsam zu, den Kopf gesenkt, atmete dann auf und drückte sich fester an Danijars Brust. Er verstand, dass Friede war und verstummte. So standen sie eine Minute da und dann schrie Danijar auf: „Ich muss anrufen. Wo ist das Telefon? Stepanyč liegt im Sterben.“
22.
„Viktor Stepanyč, ich habe den Krankenwagen gerufen, die kommen gleich“, schrie Danijar als er das Treppenhaus verließ. „Wie fühlen Sie sich? Ich würde Sie ja selbst fahren, aber so viel Schnee und Staus. Mich wird keiner durchlassen.“ „Och. Ich bin in Ordnung, macht nichts“, ächzte Stepanyč. „Es ist bloß kalt.“ „Setzen Sie sich hierhin.“ Danijar zog die Jacke aus und begann sie unter Stepanyč zu schieben. „Danke, Sohn.“ Stepanyč lehnte sich gegen die Jacke, stand kurz auf, um sie unter sich zu schieben und hustete stark. „Ach, habe ich ein Pech“, schmunzelte er. „Gerade hat die Hand zu verheilen begonnen. Und nun…“ „Wo bleiben sie nur so lange?“ „Keine Eile, ich bin stark“, schmunzelte Stepanyč wieder. „Lass uns warten, keine Angst, ich sterbe nicht. Ich bin doch Arzt, ich kann die Situation einschätzen. Wir wollen noch ein bisschen leben. Der Kerl ist wirklich flink. Wo hat er nur die Waffe her? Er ist wahrscheinlich noch keine zwanzig. Ein Kind. Du hast doch keine Kinder, stimmt’s? Ich auch nicht. Aber du wirst welche haben, ich nicht mehr. Alt bin ich, ein alter Mann. Äch…“ Vom Dach riss mit lautem Aufprall eine ganze Lage gefrorenen Schnees auf die Erde. Verschreckte Spatzen flatterten aus dem Gebüsch und trällerten empört. „Schön ist es im Frühling in Almaty“, krächzte Stepanyč. „Hauptsache der Schnee schmilzt und dann geht es in aller Schnelle weiter. Da schaffst du es nicht einmal den Pelz durch den Mantel auszuwechseln und da blühen schon die Bäume. Der Frühling hier dauert nur eine Woche und direkt danach fängt der Sommer an. Danijar, bist du aus Almaty? Einheimisch?“ „Ne“, sagte Danijar. „Aus Karaganda bin ich, wurde dort geboren, habe dort bis zur fünften Klasse die Schule besucht. Und dann zogen die Eltern hierhin, nach Almaty.“ „Und wie ist Almaty so?“, fragte Stepanyč. „Damals mochte ich es“, lächelte Danijar. „Damals war es überall schön für mich.“ „Und ich wurde in Almaty geboren, bin hier aufgewachsen und werde hier sterben“, sagte Stepanyč. „Hilf mir mal, mich bequemer hinzusetzen. Ja, so ist es gut. Siehst du den Baum da hinten? Ja, der mit der zerstörten Krone. Das ist ein Apfelbaum. Der letzte in unserem Hof. Früher gab es viele. Almaty ist ein Garten. Hier gab es einen Garten. Keine Häuser, keine Menschen, nur Bäume. Hier gab es Äpfel, Blüten. Weißt du, wie es in einem Garten riecht? Nicht nach Äpfeln, nicht nach Blüten, nein…im Garten riecht es nach Erde. Nur nicht nach Sand und Staub, sondern nach saftiger, fetter Erde. Es riecht nach Leben, weil in dieser Erde Regenwürmer kriechen, die Bäume ihre Wurzeln verflechten, das Gras sich zur Sonne neigt und im Gras hüpfen Grashüpfer, äch…und Schmetterlinge fliegen von Blume zu Blume, verstehst du? Manchmal ist es der Kuckuck, der in den Zweigen singt, schillernd, manchmal der Star und manchmal, wenn man hinblickt, sieht man Fasane durch die Büsche flitzen. Glaubst du mir nicht? Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen. Und unsere Stadt ist in diesem Garten gewachsen, wie ein Apfel, sauber, sonnig, rotwangig. Die ganze Stadt ist voller Bäche und Wassergräben. Das Wasser fließt aus den Bergen, eiskalt. Und so durchsichtig, das man es trinken kann. Nur geht es auf die Zähne. Die Jungs und ich haben es getrunken. Äch, zum Teufel, es tut weh… Und die ganze Stadt war so ein Haus, umrundet von Apfelbäumen, Wasserhahnenfuß, Birnen und immer der Wassergraben in der Nähe. Du gehst raus, pflückst einen Apfel vom Baum, trinkst Wasser aus dem Wassergraben und du brauchst nichts mehr. Das Wichtigste ist, das die Menschen das alles gespürt haben, verstehst du? Die spürten dieses Licht der Stadt, sein Leuchten. Der Mensch konnte nicht raus gehen, ohne zu lächeln. Wie soll man hier auch nicht lächeln, wenn die Bäche fließen, die Bäume blühen, die Sonne scheint. Und am Horizont blaue – blaue Berge. Und wenn ein Mensch lächelt, möchte er etwas Gutes vollbringen. Entweder ein Lied dichten, ein Buch schreiben, einen Film drehen. Und sie schrieben, drehten, dichteten. Was sagst du?“ „Ich sage, das alles im Wandel ist“, sagte Danijar. „Natürlich ist alles im Wandel“, Stepanyč nikcte. „Und Almaty hat sich auch verändert. So lange Jahre! Wir hatten hier Erdbeben, Revolutionen. Was es nicht alles gegeben hat. Egal was passiert ist, wir wussten immer, dass wenn du raus gehst, du empfangen wirst von der Sonne, vom Himmel, von den Bergen, Bäumen und den Wassergräben. Und das war genug, um mit allem zurecht zu kommen. Und jetzt? Ich gehe jeden Morgen spazieren und die Sonne habe ich heute erst erblickt, zum ersten Mal seit Monaten. Im Sommer geht’s ja noch aber im Winter ist sie nicht zu sehen. Irgend ein Nebel, es leuchtet irgend etwas in diesem Dunst. Und was – das versteht man nicht. Und die Wassergräben? Warum führen sie kein Wasser mehr? Da liegt nur Müll und alles ist voller Ratten. Ich gehe auf meinen Hof, und hier anstatt Bäumen nur Baumstümpfe. Und ich lächele nicht mehr, schaue nur finster drein. Und alle drumherum sind genauso, böse, besorgt, traurig. Das kann man nicht mehr ertragen. Der Mensch wird mit allem fertig, mit jeder Schwierigkeit, – Hauptsache er hat gute Laune. Man kann dem Menschen das Geld weg nehmen, Zeit, Kraft, aber Freude kann man ihm nicht nehmen. Und ohne Sonne, ohne Himmel, ohne Bäume – welche Freude? Was bist du von Beruf?“ „Ich? Unternehmer“, sagte Danijar. „Unternehmer“, krächzte Stepanyč. „Und was macht ihr Unternehmer? Unternehmt ihr was? Sonst kommt für uns alle das dicke Aus. Oh schau, da sind sie endlich. Geh, sag ihnen, das ich hier bin.“ Doch die Sanitäter erblickten sie und holten die Bahren aus dem Wagen.
23.
Der Schnee taute in aller Schnelle. Alle Dächer erinnerten an gigantische, grinsende Mäuler und von Zeit zu Zeit fielen von oben blaue Klumpen Eis und stürzten mit lautem Knall auf den Asphalt, in kleine Funken umherfliegend. Gena betrat hinkend sein bekanntes Treppenhaus, stieg in den zweiten Stock und klingelte. „Gennadij, guten Tag. Kommen Sie rein, kommen Sie schon rein.“,
Olga Jurjevna machte die Tür auf und verschwand dann in die Küche, wo irgend etwas bruzelte und zischte. Gennadij zog die Schuhe aus, dann die Jacke und knipste aus Gewohnheit den Lichtschalter. Das Licht war intakt. „Warum tragen Sie eine Brille?“, fragte Olja Jurjevna aus der Küche kommend und sich mit einem Handtuch die Hände abtrocknend. „Oh Gott, was ist mit Ihnen? Darf ich?“ Sie streckte die Hand aus und nahm Gena die Sonnenbrille ab. Um die Augen herum war alles geschwollen, blau-gelb. „Oh Gott“, sagte Olga Jurjevna und fing an zu weinen. „Oh Gott…“ „Ach was…“, sagte Gennadij verwirrt, ohne zu wissen wohin mit seinen Händen. „Das verheilt, das ist normal. Von einer gebrochenen Nase hat man schnell Flecken, das ist nicht schlimm.“ „Und hier?“, fragte Olga Jurjevna weinend und zeigte auf das verletzte, mit Fäden genähte Ohr Genas. „Entschuldigen Sie, dass ich in solch einer Erscheinung zu Ihnen komme“, bat Gennadij. „So hat es sich ergeben…lange Geschichte…Und wo ist Elsa?“ „Och Elsa, ja. Wissen Sie…“ Olga Jurjevna atmete auf, sich die Tränen weg wischend. „Vorgestern erst, als Sie alles beendet haben, Gennadij, hat sie begonnen solch eine Show abzuziehen…einfach nur schrecklich. Sie hat die ganze Nacht geschrien, laut, mit der ganzen Stimme, als ob sie Schmerzen hätte. Im Endeffekt hielt ich es nicht aus und rief den Tierarzt.“ Gena verstand, dass etwas Schreckliches bevorstand und seine Augen wurden leer. „Gestern früh kam der Tierarzt, sagte, das so etwas bei Wohnungskatzen manchmal auftritt, das sind die Hormone, man müsse sterilisieren. Je früher, desto besser. Ich war in Sorge, natürlich, aber was soll man machen? Sie quälte sich so sehr…und ich habe schließlich kein Herz aus Stein. Dazu ist die OP unkompliziert. Sie blieb eine Nacht in der Klinik und vor ca. zwei Stunden brachten sie sie zurück. Sie ist noch nicht ganz fit nach der Narkose, steht gar nicht auf. Liegt das hinten in der Ecke hinter dem Sofa, die Arme. Sie tut mir so leid.“ Olga Jurjevna fing an zu weinen. Gena ging zum Sofa und erblickte Elsa, diese lag zu einem Knäuel zusammen geringelt und atmete schwer, mit dem ganzen Körper. Ihre Augen waren offen und der Kopf wollte sich nicht einmal drehen. Schaute die ganze Zeit irgendwo vor sich hin. „Olga Jurjevna“, sagte Gena mit leiser Stimme. „Ich bin hier wegen einer Sache. Ich brauche dringend Geld zur Zeit.“ „Ja, ja. Natürlich“, hetzte Olga Jurjevna. „Ich habe es Ihnen versprochen. Direkt mit Ihnen abzurechnen. Moment, eine Sekunde.“ „Olga Jurjevna , können Sie mir noch dreißig Tausend borgen?“, sagte Gena noch leiser. „Nicht für lange, ich gebe es Ihnen Ende des Monats wieder, Ehrenwort.“ „Ja“, sagte Olga Jurjevna, die Scheine abzählend. „Ich verstehe, hier nehmen Sie.“ Gena steckte das Geld in die Jackentasche und stand einige Sekunden schweigend da, den Kopf gesenkt. „Entschuldigen Sie“, sagte er endlich. „Ich, ich gehe nun, gut?“ Am Fenster huschte ein blauer Schatten vorbei und innerhalb des Bruchteils einer Sekunde, berührte er die Erde und explodierte ohrenbetäubend.
24.
Es wurde immer wärmer. Der Schnee taute langsam, die Schneehaufen lösten sich auf, verwandelten sich in Bäche und flossen entlang der langen Straßen, zwischen den Füßen der Fußgänger und der Autoreifen. An einem solcher Tage versteckte sich die Sonne hinter von den Bergen angeschwommenen, schwarzen Wolken und die Menschen versteckten sich in ihren Häusern, die kurzfristige Rückkehr des Winters erwartend, doch der Himmel leuchtete auf und platzte, explodierte in Teile, und diese Teile verwandelten sich in Wasser und ließen sich nieder auf die Stadt als Platzregen, alles hinter sich weg spülend. Die Wände der Häuser wurden mit schwarzer, schmutziger Farbe bedeckt, die grau-gelben Haufen wurden schwammig, fast wie gigantische Ameisenhaufen. Die Wassergräben füllten sich und hoben den Müll des Winters auf die Oberfläche. Von den Autos löste sich die Dreckschicht, Fetzen für Fetzen. Das Wasser drang in jede Ritze, klopfte an die Fenster und Türen, rief die Menschen, nach draußen zu gehen, Aber die Türen waren fest verschlossen, die Fenster dicht isoliert. Und die wenigen Menschen, die draußen vom Regen überrascht wurden, liefen schon zu ihren Häusern, Büros, Autos, hinterließen bunte Pfützen, weil der Regen sie von ihrer Hülle befreite. Der Regen raschelte noch, versuchte den in die Stadt strömenden Ruß zu vertreiben, wurde jedoch müde, gab auf, rieselte und hörte ganz auf. Die Wolken hingen wie immer über Almaty, aber das Wasser floss nicht mehr vom Himmel. Ein plötzlicher Windstoß lief über die Leitungen, schüttelte von ihnen die letzten Tropfen ab. Und dann hörte alles auf. Der Frühling kam.
Il’ja Odegov ist Autor, Literaturübersetzer und Lehrer für Kreatives Schreiben. Er ist der Autor von vier Romanen. Außerdem ist er Preisträger der Literaturpreise „Russischer Literaturpreis“ (2013) und „Zeitgenössischer kasachstanischer Roman“ (2003) und Diplomand des IX Internationalen Vološinsker Wettbewerbes (2011). Er ist ständiger Autor der Zeitschriften „Novyj mir“ und „Družba narodov“. Seine Geschichten und Erzählungen wurden in Literaturzeitschriften und Sammelbändern Kasachstans, Russlands, der USA und Europas publiziert und ins Englische, Deutsche, Polnische und in andere Sprachen übersetzt. Er ist der Gründer der Online-Schule für Kreatives Schreiben „Litpraktikum“. Odegov lebt in Almaty.