Übersetzt von: Lena Muchin:

Erste Flucht. Haus
Die Alte schlief auf der achten von neun Etagen, in einer Einzimmerwohnung, gekauft in einer Zeit, speziell um die alte Wohnung ihrer Tochter mit Mann und Kindern zu überlassen. Die Alte ging um zehn Uhr schlafen und stand mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Deswegen mochte sie es nicht, wenn die Nachbarn zu spät der Fernseher laufen ließen oder Musik hörten. Sie klopfte verbissen und schlaftrunken mit ihrem Krückstock auf die Heizung, aber die Nachbarn hatten sich daran gewöhnt und achteten selten darauf. Die Alte verließ das Haus seit Jahren nicht, nicht mal ins Treppenhaus ging sie. Die Welt, wie sie ihr erschien, war zu groß und unvorhersehbar. In dieser Welt konnte man nicht vorausahnen, wann man starb. Morgens und abends aß die Alte mit ihren Händen Frischkäse in ihrem Schlafzimmer. Und wenn es vor dem Fenster dämmerte, ging sie in die Küche um Tee zu trinken. Kleine Fliegen krochen vom eingeschalteten Licht in der Küche. Mit ihrer trockenen, rauen Hand zerdrückte sie diese soweit sie konnte. Sie fand darin ein besonderes Vergnügen. Manchmal, wenn die Mücken sich verkrochen, machte sie wieder das Licht aus, wartete ab und horchte hin und dann, wenn sie nach ein paar Minuten das Rascheln der Tüten hörte, machte sie wieder das Licht an und schlug die Mücken vor Freude lachend. An Wochenenden bekam sie Besuch von ihrer Tochter Dusja. Diese brachte ihr Frischkäse, Brot und Tee und räumte die Wohnung auf. Normalerweise sprach die Alte nicht mit ihrer Tochter, sondern verkroch sich im Bad und wartete ab bis die Tochter die Arbeit erledigt hatte. Wenn Dusja ging, machte die Alte die Badezimmertür auf, beeilte sich aber nicht, sondern wartete bis der feuchte, rutschige Boden trocknete. Dann machte sie den Versuch, machte ein paar unsichere Schritte, sich auf den Krückstock stützend und ging zum Kühlschrank, um nach dem neuen Essen zu sehen. Manchmal, die Tochter hatte ihren eigenen Schlüssel, traf sie die Alte unerwartet, wenn sich diese weiter weg vom Bad befand. „Mama, ich bin’s“ sagte Dusja. Die Alte wusste nicht, worüber sie mit ihrer Tochter sprechen sollte. Sie nickte ihr zu und aß den Frischkäse mit den Händen, auf dem Bett sitzend, ohne die Augen auf die Tochter zu richten. „Mama, wie fühlst du dich?“ fragte die Tochter. Die Alte nickte wieder. Die Zeit verging langsam. Jede Woche war erfüllt mit kleinen, angenehmen Ereignissen. Die Alte klopfte auf die Heizung, zerdrückte die Mücken, aß den Frischkäse und versteckte sich vor ihrer Tochter im Bad. Plötzlich änderte sich alles. An einem Samstag oder Sonntag, hinhörend wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, griff die Alte nach ihrer Krücke um ins Bad zu huschen. Sie stand vom Bett auf und fiel hin. Die in die Wohnung eintretende Tochter erblickte die Alte, die in einer unnatürlichen Pose auf dem Boden lag. Ohne zu blinzeln, schaute die Alte auf die Tochter. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah Dusja die Augen ihrer Mutter und dieser Blick verblüffte sie. „Ich dachte, sie sei tot“ sprach sie weinend zu ihrem Mann, der kam um dem Sanitäter zu helfen, die Alte ins Auto zu laden. „Es ist nur ein Bruch“ antwortete ihr Mann, sie beruhigend, „das wird verheilen. Sie ist eine kräftige Alte. Das wird schon.“ Im Krankenhaus waren viele Menschen. Die Alte wollte nicht vor ihnen sterben. Sie wollte nach Hause aber auf dem Weg ins Krankenhaus hat man ihr irgend etwas gespritzt, sodass sie sich nicht bewegen konnte. Die Alte beobachtete mit Neugierde, wie um sie herum Menschen in grauen Mänteln hin und her liefen und ihr schien, dass jeden Moment ein Licht angeht und eine riesige, raue Hand beginnt diese grauen Unmenschen zu greifen und zu erdrücken. Dann schlief sie ein und kam in einem lilafarbenen Zimmer zu sich, in dem es sauer roch. Ihr linker Arm trug einen Gips. Sie versuchte die Finger zu krümmen, die aus dem Gips heraus guckten und das gelang ihr. Eine kräftige Frau, das Nachbarbett machend, lächelte ihr zu. Die Alte wartete ab, bis diese das Zimmer verließ und beschloss aufzustehen. Sich umschauend, fand sie ihre Krücke nicht, atmete auf, schaute unter die Bettdecke und stellte mit Schrecken fest, dass sie fast nackt war und so nicht rausgehen konnte. Der Regen klopfte auf die Fenster. Die Alte schaute auf die sich leicht bewegende Uhr an der Wand, stellte fest, dass es fast zehn Uhr war, machte die Augen zu und schlief wieder ein. Morgens wurde sie mit irgend einem Brei gefüttert, ihr Gips wurde betastet und man zwang sie, Medizin einzunehmen. Nach dem Frühstück betrat die Tochter mit Ehemann und Kindern das Zimmer. Die Alte erkannte ihre Enkel, doch konnte sie sich nicht an ihre Namen erinnern. „Vadik, Tolik, begrüßt eure Oma“ sagte die Tochter als ob sie ihre Gedanken erraten hätte. Die Jungs schauten finster drein und murmelten irgend etwas. Die Alte drehte sich um. Die Tochter setzte sich neben das Bett, der Mann blieb stehen. „Mama, du wirst morgen entlassen“ sagte Dusja. „Der Arzt meinte, es habe keinen Sinn, dich im Krankenhaus zu behalten. Lieber wieder zu Hause regenerieren, aber unter Beobachtung. Du weißt doch, ich habe viel Arbeit und kann nicht den ganzen Tag bei dir bleiben. Im Allgemeinen haben wir beschlossen,“ sie blickte auf ihren Mann, dieser nickte, „wir haben beschlossen für dich eine Betreuerin zu besorgen. Wir haben sie schon kennen gelernt, eine wunderbare Frau. Die Alte freute sich wieder zu Hause zu sein. Aber in all den Tagen, an denen sie nicht da war, hat sich das Haus unmerklich verändert. Es schien so als würde es nach einem anderen Menschen riechen – nach etwas Unbekanntem, ein fremder, menschlicher Geruch. Die Alte verstand, dass das Haus sie verließ. Wenn sie früher eine Einheit bildeten wie eine Mutter mit ihrem Säugling, so ließ das Haus sie nun im Stich, ließ sie allein. Es war immer noch ihr Haus aber zwischen ihnen lag eine Leere. Sich eines Tages von ihr befreiend, konnte das Haus sie nicht zurück in seinen Bauch aufnehmen. Die Betreuerin versprach am nächsten Morgen zu erscheinen. Die Alte wollte alleine bleiben, aber die Tochter blieb bei ihr. Sie gab ihr zu Essen, machte dann ihr Bett. Half ihr sich hinzulegen und saß bei ihr, die Haare der Alten streichelnd und aufatmend. Als die Alte endlich eingeschlafen war, stand sie auf, wusch sich in der Küche und verließ leise die Wohnung, hinter sich die Tür schließend. Die Nacht war klar. Die Alte wurde vom Licht des Mondes wach. Sie stand auf, ging sicheren Schrittes durch die Wohnung, schaute ob die Tochter weg gegangen war. Ohne das Licht einzuschalten, setzte sich die Alte auf das Bett und zog sich langsam an, ungeschickt, nur mit der rechten Hand hantierend. Dann ging sie noch einmal durch die Wohnung, blieb im Flur stehen, mit der Wange an die Wand gelehnt, zog sich Schuhe an und ging heraus.. Von dem Licht im Aufzug geblendet, fuhr sie ins Erdgeschoss, drückte die Tür des Treppenhauses und fand sich draußen wieder. Neben dem Treppenhaus standen unbekannte, im Licht des Mondes glänzende Autos. Die Blätter der Bäume raschelten leise von der Bewegung des Windes. Sich auf die Krücke stützend, ging die Alte die Straße entlang. In den Häusern schien fast kein Licht, aber die Straßenlaternen beleuchteten ihren Weg. Sie ging bis zum Ende der Straße. Sie bog auf gut Glück ab und befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs. Sie ging über den Platz und betrat das Gebäude. In seinem Inneren, trotz der frühen Stunde, standen und saßen Menschen mit Taschen, auf ihren Zug wartend. Die Alte setzte sich auf eine der Bänke. An ihr vorbei ging ein paar Mal eine Patrouille, die schlafende Obdachlose und Bettler von den Bänken verjagte. Es fing schon an hell zu werden, als der Zug endlich ankam. Die Menschen mit den Taschen eilten zu ihm und auch die Alte stand auf. Sie ging auf den Bahnsteig, schaute sich um und stieg, den anderen folgend, in den Zug. Der Zug fuhr los. Der Zugbegleiter ging durch den Waggon, bei den zugestiegenen Passagieren die Tickets kontrollierend, bemerkte sie jedoch nicht. Bei der nächsten Station stieg die Alte aus. Das war nicht einmal eine Stadt, sondern ein Dorf. Ein paar alte Häuser, neben welchen Hühner ihre Spaziergänge machten. Es roch nach Rauch. Von der Station schlängelte sich ein kleiner Weg nach links. Dort, hinter den Bäumen, plätscherte ein Fluss oder Bach. Die Alte folgte dem Klang. Das Ufer war flach, daneben aus dem Wasser schaute die fauleNase eines gestrandeten Bootes heraus. Auf der anderen Seite des Flusses tranken Pferde gierig das Wasser. Ein Wind kam auf. Die Alte hörte ein Quietschen hinter sich. Sie drehte sich um und sah zwischen den Bäumen ein schiefes Haus, das mit Hanf und Wermut zugewachsen war, sodass sie an diesem vorbei ging, ohne es zu bemerken. Ein Windstoß öffnete die quietschende Tür. Die Alte betrat das Haus, machte die Tür weiter auf, schaute rein und sah einen Tisch, einen halb auseinander genommenen Ofen und in der Ecke ein Bett. Sie ging hinein, stellte ihren Krückstock ab, legte sich auf das Bett, atmete vergnügt auf und schloss die Augen.
Zweite Flucht. Die Beute
Der Sommer war still und warm, typisch für diese kleine Stadt. Im Allgemeinen war diese ganze Gegend, von Buchara bis Almaty, von Turkestan bis Dušanbe gewöhnt an die sommerliche, brennende Sonne. Die Vögel sangen nur in den Morgenstunden, dann wenn die Sonne etwas schwächer brannte. Danach vertrieb sie die Hitze von den Zweigen und die Menschen versteckten sich in Häusern, nur wenige betrieben Handel auf der Straße, mit Schweiß überströmt und darauf hoffend etwas zu verdienen dank der seltenen Touristen. Ibrahim verkaufte Souvenirs, die er zusammen mit seinem Bruder, dem einbeinigen Said, fertig stellte. Hier gab es Hörner von Argali – Schafen in silberner Fassung, künstlich alt aussehende Statuetten aus Stein, lackierte Schädel verschiedener Tiere, mit Mustern bestickte Gürtel und Scheiden, bronzene Schalen und grobe, männliche Ringe. Vor vielen Jahren war der mächtige Said ein großer Jäger, ein echter Batyr. Mit einem einzigen Messer jagte er Wölfe und Luchse aber das Schicksal führte ihn zu einer kleinen, schwarzen Steppenschlange, deren Gift Said zwar nicht tötete aber das Blut in seinem Bein vergiftete. Der Arzt Zakir-Aka gab ihm Arrak zu trinken und hackte das Bein ab.
Nun wurde dieses ausgetrocknete Bein im Haus aufbewahrt, in dem die Söhne lebten. Danach ging Said nicht mehr auf die Jagd, lernte aber Tierhäute zu gerben, Metall zu schmelzen, Hörner und Stein zu bearbeiten. Die einheimischen Bewohner sagten, dass Said sein Bein als Opfer für Mangys gebracht hat, der sich in eine Schlange verwandelt hat, um von ihr Zauberkräfte zu bekommen. Ibrahim glaubte nicht daran. Er wusste, dass sein Bruder des öfteren auf der Vortreppe sitzt und irgendetwas summt, von einer zur anderen Seite schaukelnd. Said wollte, dass Ibrahim jagen geht, aber dieser war zu jung und zu zart dafür. Ibrahim mochte kein Blut, er kämpfte ungern, verließ immer den Kampf, wollte sich frei kaufen oder den Bruder um Hilfe bitten. Dafür schnitzte er Basteleien aus Horn und Stein, stach Muster auf dem Leder und färbte die Statuetten. Sie arbeiteten tüchtig und ihre Ware erlangte schnell Popularität. Sie machten einen Laden im Zentrum der Stadt auf, aber nur Ibrahim handelte und der einbeinige Said bevorzugte es zuhause zu bleiben, am Rand. Er war schon immer nicht gerade redselig und nachdem er sein Bein verloren hatte, hat er sich ganz verschlossen und sprach nur mit seinem Bruder. An diesem heißen Tag stand Ibrahim nicht vor dem Ladeneingang um Kunden anzulocken, sondern saß im Inneren des Ladens, umgeben von Schädeln und Schalen. Im Laden war es heiß, aber nicht so sehr wie draußen. Immer wieder ging Ibrahim raus, schaute sich um, aber der Marktplatz war leer. Im Schatten der Bäume lagen die Hunde mit raus gestreckten Zungen. Im Endeffekt beschloss Ibrahim, dass man bis zum Abend auf Kunden warten konnte, holte eine Strohmatte aus der Ecke heraus und legte sich hinter die Ladentheke um zu dösen. Er legte einen Reh-Schädel unter seinen Kopf, schlief schnell ein und begann zu träumen, einen Traum nach dem anderen. Er träumte von einem Löwen, der sich Said näherte. Said stand auf einem Bein, angelehnt an einen Baum und hielt eine Krücke in der Hand. Ibrahim betrachtete diese Szene von oben. Der Löwe näherte sich ruhig, ohne Interesse und Ibrahim verstand plötzlich diese Ruhe. Der Löwe brummt nur dann, wenn er einen Feind erblickt und Said war für diesen Jäger kein Feind. Er war ein neugieriger Fang. Der Löwe bereitete sich nicht auf den Kampf vor und auch nicht auf die Jagd – die Katze wollte bloß überprüfen, welches neue Spielzeug der Besitzer ihr gebracht hat. Unerwartet für sich selbst schrie Ibrahim: „Bru-u-uuder, Bruder hab keine Angst!“ Und er fand sich auf dem Boden wieder schreiend und mit den Händen wackelnd, fast blind von der sinnlosen Wut, und lief auf den Löwen zu. Je mehr er sich näherte, desto schwerer und langsamer wurden seine Bewegungen, als ob die Luft sich verdichtete wie Wasser. Und genau so langsam drehte der Löwe seinen schweren Kopf zu ihm, das Maul öffnend. Und als der Blick des Löwen Ibrahim mit seinen gelben Augen streifte, schrie Ibrahim auf. Der Speichel des Löwen und die stinkende Glut landeten in seinem Gesicht. Im Traum bemerkte er, dass irgendetwas seinen Kopf berührte. Ibrahim erwachte sofort, feucht und heiß, machte die Augen auf, streifte mit der Hand sein Gesicht, als ob er sich vom Traum befreien wollte, und sah Blut auf seiner Handfläche. Er zitterte und stand ungeschickt auf. Dann schaute er in die bronzene Spiegelschale und sah, dass Blut aus seiner Nase und seinen Ohren floss. Ibrahim zog sein Hemd aus, wischte sich ab und verließ den Laden. Die Sonne war fast untergegangen, die Hitze ist weniger geworden und auf der Straße sah man Spaziergänger. Sie schauten verwundert auf den halbnackten Ibrahim, riefen ihm zu, aber er hörte nichts. Irgend eine Frau näherte sich ihm und berührte seine Schulter. Ibrahim wollte ihr Gesicht sehen, doch er sah nur einen Umriss.
Unweit von zuhause kam er langsam zu sich. Er kam an, wusch sich mit dem am Tag aufgewärmten Wasser aus dem blechernen Waschbecken auf dem Hof und probierte das Blut vom Hemd zu waschen. Er hat es nicht geschafft und hängte dieses auf den Zweig eines Kirschbaums. „Said, ich bin’s,“ sagte Ibrahim und öffnete die Tür, „ich bin’s.“ Im Haus war es dunkel. Said mochte es nicht, das Licht einzuschalten. Ibrahim kam rein, holte ein anderes Hemd heraus, zog sich an und ging durch das Haus. Die Stille des Hauses verblüffte ihn nicht: Said war entweder eingeschlafen oder er arbeitete in der Werkstatt, ein extra dafür eingerichteter Stall im Hinterhof. Ibrahim ging in die Küche, schnitt sich ein Stück Brot ab und nahm sich ein Stück gedörrtes Hammelfleisch. Er sagte ein kurzes Gebet auf und aß zu Abend, dazu trank er Milch. Er fegte die Krümmel vom Tisch in seine Hand und warf sie sich in den Mund, stand auf und ging in den Hinterhof. Said war nicht in der Werkstatt. Waschtröge mit frischem Leder standen da und es roch nach Tabak. Ibrahim fing an, sich Sorgen zu machen. Er kehrte zurück ins Haus und stieg hoch in Saids Schlafzimmer. Ibrahim öffnete leise die Tür, um den Bruder nicht zu wecken und erblickte das leere Bett und die im ganzen Zimmer verstreuten Sachen. Über dem Bett schimmerte schwarz die Kontur eines alten,
doppel- äugigen Gewehrs des zwölften Kalibers, das Lieblingsgewehr Saids, welches schon lange als Dekoration diente. Ibrahim verstand plötzlich, dass sein Bruder auf Jagd gegangen war und er erinnerte sich an seinen Traum. Sicher aber resigniert ging Ibrahim raus auf den Hof. „Said“ schrie er. Von seinem Schrei tauchten im Himmel Sterne auf und fingen an zu glitzern. Ibrahim hatte das Gefühl von Weitem, aus den Bergen einen antwortenden Schrei zu hören und machte sich gedankenverloren auf den Weg dorthin. Er rannte durch die Büsche, nicht auf die Pfade achtend, bis er am Fluss ankam. Ibrahim bemerkte, dass er nicht durch den Fluss waten konnte und bewegte sich am Ufer entlang. Er versuchte wieder nach dem Bruder zu rufen, aber erhielt keine Antwort. Die Einbildungskraft zeichnete Ibrahim, das irgendwo im Dunkeln, Raschelnden und voller Augen des Waldes eine große Katze mit Pinseln auf den Ohren leise aus Saids Bauch zu Abend isst und ihre Katzenkinder, schmutzig vom Blut die Stelle erstaunt kontrollieren, wo normalerweise ein Bein sein sollte. In der Nacht, zitternd vor Angst und Kälte, kehrte Ibrahim endlich heim. Die Tränen zurück haltend, umging er noch einmal das ganze Haus, in der müden Hoffnung, dass Said zurück gekehrt war. Ibrahim glaubte immer mehr an die Realität seines Traums und machte sich Vorwürfe, dass er ins Geschäft gegangen war. Zu hoch flogen gestern die Krähen, den schwülen Tag ankündigend, das bedeutete die Abwesenheit der Kunden. In der besonderen, grellen Stille des leeren Hauses, verstand Ibrahim, dass er alleine geblieben ist. Es gab niemanden mehr, der das Leder gerben konnte und den Stein bearbeiten. Niemand würde ihm helfen und ihn beschützen. Aus seiner Nase lief wieder Blut. Ibrahim wischte sich die Nase ab und ging hoch in Saids Zimmer. Es roch hier immer noch nach seinem Bruder. Er setzte sich auf sein Bett und bemerkte ein lang gestrecktes Paket, das hinter dem Bett in der Ecke stand. Er deckte das Papier auf und sah das ausgetrocknete, dunkel angelaufene Bein des Bruders. Schluchzend drückte er es an sich und fing laut an zu weinen.
Dritte Flucht. Sorge
„Dus’ka, fang sie! Fang sie schon! Bleib stehen du Luder!“ Dusja drehte sich um und erblickte Baba Katja, welche den Rock hoch zog und schweren Schrittes, hinter der im Hof gut bekannten, roten Katze mit dem charakteristischen Namen Urka her ging. „Ich meinte nicht dich, ich meinte sie,“ schrie im Gehen die Alte Katja. „Hat alle Kappelane aufgefressen, das Luder. Womit soll ich nun Il’jušenka füttern?“ Dusja erinnerte sich an den rot-wangigen, wohlgenährten Il’juška – den siebenjährigen Enkel von Baba Katja und lachte ungewollt. Urka erblichte Dusja, hielt kurz an und bewertete die Situation und sich graziös streckend, sprang sie auf den Baum, von wo aus sie von den Dächern der Garagen verschwand. „Komm ja nicht wieder, ich töte dich!“ warnte sie mit einer Faust Baba Katja, die neben Dusja stehen blieb. „Uf, das ist wirklich Frühsport. Und du? Warum besuchst du mich nicht?“ „Ich habe keine Zeit Baba Katja, viel Arbeit.“ „Die Arbeit ist kein Wolf, sie fragt nicht nach dm Essen. „Und was für ein Wolf,“ lachte Dusja. „Wie geht es den Kindern?“ „Die sind bei Andrjuša.“ „Arbeit ist Arbeit, und die Kinder muss man lieben,“ wackelte mit dem Kopf Baba Katja. „Gut, ich gehe jetzt, wenn du Zeit hast, komm vorbei.“ „Auf Wiedersehen, Baba Katja.“ Dusja hatte wirklich keine Zeit. In der Porzellan-Fabrik, wo sie sechs Jahre lang als leitende Buchführerin gearbeitet hat, hat sie nicht einen Rubel gestohlen. Man hielt sie für ein albernes Arbeitspferd. Um es genau zu sagen, kannte sie ihre Arbeit gut und abgesehen von ein paar finanziellen Angelegenheiten der Fabrik, führte sie Buch bei einigen kleinen, nicht bekannten Firmen. Ihre steuerlichen Berichte waren bis zur Kopeke immer genau, die kalligrafische Schreibschrift diente als Schmuck für jedes beliebige Dokument und die großen biblischen Augen riefen keine Zweifel an der Ehrlichkeit hervor. Dusjas Ehemann, Andrjuša hat sein ganzes Leben als Geschichtslehrer in der Schule gearbeitet und brachte nur wenig Geld nach Hause. Dessen schämte er sich. Und die beiden Söhne, Tolik und Vadik, beide geboren in den ersten Jahren ihrer Verbindung, hatten noch viele Jahre Schule vor sich, dafür aßen sie jedes Jahr umso mehr. Im Allgemeinen spürte Dusja immer, dass das Geld fehlt, selbst dann wenn sie genug davon hatten. „Was soll man mit dir machen?“ fragte Andrjuša sie. „Du kannst nicht das ganze Geld verdienen, erhole dich. Ich habe Kartoffeln gekocht, Salat gemacht, Die Jungs und ich haben schon gegessen. Und ich mache so lange das Bett. Geh schon, geh.“ Andrjuša war Lehrer von Berufung. Die Schüler liebten ihn und er konnte die nächsten Treffen mit ihnen kaum erwarten. Manchmal kamen die Schüler zu ihnen nach Hause, brachten Flugzeugteile, verletzte Katzen und Taubeneier mit. Sie schauten Andrjuša in die Augen, fingen jedes Wort von ihm auf, warteten auf ihn nach dem Unterricht, Andrjuša war dankbar für ihre Aufmerksamkeit und beeilte sich selbst, um ihnen zu helfen, sie zu unterstützen und um sich mit ihnen zu beraten. Manchmal trafen sie sich im Park, ab und zu lockten sie die vorsichtigen Park-Eichhörnchen zu sich um sie aus der Hand zu füttern. Sie zählten die auseinander gehenden Kreise auf dem alten Baum, fuhren mit Katamaranen auf dem See, mit den Pedalen quietschend. Natürlich gab es in der Schule mehr solcher Schüler, die zuhause blieben, um Fern zu schauen, nur mit Faulheit zum Unterricht gingen, jene, die Nintendo und Gameboy im Unterricht spielten, mit den Feinden in der virtuellen Welt kämpften und die Daumen bewegten. Aber es fanden sich oft genug jene, die ihre Zungen vor Mühe ausstreckten, Segel aus Papier ausschnitten, für selbst gemachte Schiffe, bastelten und schnitzten.
Tolik und Vadik folgten ihrem Vater wie angeklebt. Er liebte sie ohne Wenn und Aber, war manchmal streng und versuchte sie nicht mit überflüssiger Beachtung zu verhätscheln. In der Gegenwart von Gleichaltrigen war Andrjuša ihnen gegenüber nie nachsichtig und wenn diese schmollten oder dreist wurden, dann gönnten sie sich wie jeder andere Junge einen kalten, schnippischen Blick. Und je mehr sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollten, desto weniger gelang es ihnen. Bis jetzt beschäftigte sich Andrjuša mit der Erziehung. Dusja verdiente das Geld. Jedes Mal kehrte sie von der Arbeit mit Taschen nach Hause. Sie brachte Kartoffeln und Wurst nach Hause, Männersocken und Unterhosen für die Kinder, Waschpulver und Toilettenpapier. Im Winter, wenn Andrjuša mit den Kindern im Schnee spielte und auf Ski-Wanderungen ging, saß Dusja auf der Arbeit und stellte Listen zusammen, was man kaufen sollte, wohin man gehen und was man machen sollte und wie man das alles in kurzer Zeit erledigen könnte. Am meisten wünschte sie sich, das Leben zu meistern. Nachdem ihre Mutter verschwunden war, wurde Dusja leichter ums Herz, die Sorgen wurden weniger. Insgeheim war sie froh darüber, dass ihre Mutter verschwunden war, vieles wurde einfacher, weniger Sorgen, obwohl sie es vor sich selbst nicht zugab. Aber innerhalb eines Jahres wuchsen die Preise fast um das Doppelte, Andrjušas Verdienst dagegen nicht und nur dank ihres Gehaltes konnte man auf irgendetwas hoffen. Sie fühlte sich für das Leben ihres Mannes und ihrer Kinder verantwortlich, für ihre Gesundheit, für ihre Zukunft. In ihrer Freizeit machte Dusja Schemata, die Auslegungen beinhalteten über besonders gute Universitäten, Arbeitsorte und Bräute. Sie fantasierte nicht, im Gegenteil, sie skizzierte sehr realistisch wahrscheinliche Szenarien und suchte nach Wegen, wie man die Söhne in die richtige Richtung lenken konnte, zu ihrem Glück, zu einem komfortablen Leben. Eines Tages, als sie spät nach Hause zurück kehrte, ging die müde Dusja zu ihren Kindern, schaute sie an und wunderte sich über ihren Schlaf. Sie rochen nach Ruhe und Vertrauen und ihr Schlaf war tief und sorgenlos. Dusja spürte plötzlich die Unabhängigkeit ihrer Söhne. Das war sie, die vom Geld abhängig war, von Arbeit, von der Familie. Sie war es, die danach strebte, Andrjuša und die Kinder glücklich zu machen, doch auch ohne das sahen ihre Gesichter frei und glücklich aus. Dusja fand es sehr gut. „Undenkbar“ flüsterte sie morgens besorgt, die Papiere auf ihrem Tisch ordnend. „Das ist einfach unmöglich. Ich bin alles für sie. Ich ernähre sie, ich kleide sie ein und die? Schlafen! Die Undankbaren! Und er ? Hat Kartoffeln gekocht, das Bett gemacht und es sieht so aus also ob es nicht ich bin, die sich Sorgen macht, sondern er sich um mich sorgt, nichts der gleichen!“
An diesem Tag kehrte sie früher nach Hause, mit dem Wunsch, alles zu regeln. Es war niemand zuhause. Es wurde nicht einmal ein Zettel mit der entsprechenden Nachricht hinterlassen. Andrjuša und die Jungs kehrten erst anderthalb Stunden später zurück. Glücklich, lachend, ganz rosa vom Frost. Sie drangen in das Haus mit Ärmeln voller Schnee, Taschen und rannten einer nach dem anderen ins Bad, sich gegenseitig schubsend und schmutzige Pfützen hinter sich hinterlassend. „Oh, Mama!“ sah Tolik sie endlich. Vadik nutzte die Pause, schlüpfte ins Bad und raschelte hinter der Tür. Andrjuša verstand, dass er Schuld war und begann ihre Spuren zu verwischen. Sie aßen gemeinsam Abendbrot. Dusja wünschte sich ein warmes, familiäres Abendessen. Sie haben sich schon lange nicht mehr gemeinsam versammelt aber Andrjuša verließ sie und ging fernsehen, irgend eine historische Sendung, auf die, so schien es, er schon seit zwei Wochen gewartet hat. Die Jungs wurden schnell satt und begannen, lachend, sich mit Essen zu beschmeißen. Auf sie blickend, begriff Dusja, das sie nachgegeben hatte. Es gab wahrscheinlich irgendeinen Tag oder eine Stunde, als die drei sie umgangen haben und alles was ihr blieb, war sie mit dem Notwendigen zu versorgen, so dass sie es sich schnappen konnte, an ihr vorbei laufend. Dusja bemerkte, dass nicht sie anders waren, sondern sie selbst und während sie zu dritt waren, blieb sie allein. Alles drehte sich um die drei: Essen, Kleidung, Wohnung, alles was sie wert schätzten, gehörte ihr, nur die drei gehörten ihr nicht. Die Jungs fingen an zu kämpfen, sich an der Kleidung ziehend und auf dem vom Essen glatten Boden rutschend. „Was zum Teufel?“ dachte Dusja, wünschte allen eine gute Nacht und verschwand im Schlafzimmer. Sie verfügte nicht über besondere Einbildungskraft, konnte sich jedoch strategisch an die Lösung von Aufgaben herantasten. Die Strategie war einfach. Die Operation selbst sollte innerhalb von ein, zwei Stunden gemacht werden. Am schwierigsten war es mit der Sprache. Dusja sprach nur russisch, englisch lag ihr nicht und das bedeutete, dass der Kreis sich nicht um die ehemalige sowjetische Republik drehte. Am Morgen des nächsten Tages fuhr sie ins Reisebüro zur Fluggesellschaft, informierte sich über die Flüge und buchte einen Flug für den Abend. Sie kam wie gewohnt zur Arbeit, pünktlich. Sie aß zu Mittag, und verließ ihren Platz nicht, sondern fragte ihren Kollegen, ob er ihr etwas aus der Kantine mitbringen kann. Um fünf Uhr abends ging sie runter zur Kasse und bat Ženečka, die Kassiererin den Erlös selbst zur Bank zu bringen. In der Bank angekommen, anstatt die Rechnung zu vervollständigen, stellte sie die Dokumente einer der Firmen vor als Finanzdirektorin (dies war ihre Stellung) und bat, ihr in großen Scheinen sechzig Prozent der Gesamtsumme auszuhändigen. Danach führte Dusja die gleiche Operation in anderen Banken durch. Nach der vorläufigen Rechnung zu urteilen, sollte die Summe für ca. zwanzig Jahre ausreichen. Dass man sie suchen würde, beunruhigte Dusja nicht. Selbst wenn sie jemand in der Liste der Passagiere fand, wird wohl keiner damit rechnen, dass sie sich mit solch einer Summe in Zentralasien abgesetzt hat. Und außerdem ist sie eine professionelle Buchführerin, sie weiß schon, wie man jemanden auf die Pfote haut, damit sie für immer in Ruhe gelassen wird oder im Zweifelsfall gefälschte Dokumente bekommt. Deswegen, ohne sich zu verstecken, hielt Dusja ein Taxi an, betrat den Flughafen, füllte ruhig die Anmeldung aus und gab sie dem Grenzbeamten, ihn mit ihren großen, biblischen Augen anblickend, ohne einen Zweifel an ihrer Ehrlichkeit zu hinterlassen. Und als nach ein paar Minuten das Boarding angekündigt wurde, war sie eine der ersten, die sich in die Reihe stellten. Als das Flugzeug abhob, erinnerte sie sich an Baba Katja, welche ihren Liebling, einen gemästeten Enkel namens Il’jušenka, betüdelte. Sie erinnerte sich daran, wie Baba Katja schwer atmete, wie sie die freche Urka nicht einholen konnte und die atmete und sprach: „Arbeit ist Arbeit aber Kinder muss man lieben.“ „Kann sein,“ dachte Dusja. Als man den Passagieren erlaubte die Gurte ab zu schnallen, schloss sie das Fenster ohne den Wunsch sich umzublicken und bat die Stewardess um einen doppelten Scotch, eine Decke und Hausschuhe.
Die vierte Flucht. Das Amulett
Aus den biegsamen Zweigen von Süßholz und Karagač webte Said ein großes Netz um das Wildschwein nach Hause zu schleppen. Er kam nur langsam voran, das Wildschwein wog mehr als Said. So ein Tier traf man selten in dieser Gegend. Aus dem rosa Schleim am Maul schauten lange, weiße Stoßzähne heraus und aus dem Bauch, der mit einem Messer durch geschnitten wurde, rannte Blut. Said machte sich Sorgen, dass das Blut andere Jäger anlockt, konnte jedoch nicht schneller gehen. Mit einer Hand stützte er sich auf die Krücke und mit der anderen hielt er das über die Schulter geworfene Ende des Netzes. Als die Sonne untergegangen war, verstand Said, dass er sich ausruhen musste. Um zu Kräften zu kommen, trank er Blut aus dem Bauch des Wildschweins bevor es nicht ganz gerann und band das Netz bequemer um, die beiden Enden der Schlaufen verbindend – nun konnte er nicht sie über die Brust werfen und die Hand befreien. Von Weitem hörte er den Schrei eines Nachtvogels: „Saiiid.“ Said dachte an Ibrahim, stand auf und machte sich wieder auf den Weg. Am Fluss angekommen, fand er nicht direkt den Übergang, bestehend aus ein paar über die Strömung geworfenen breiten Bretter. Der Fluss war schmal und die Bretter nicht sehr stabil, deswegen ging er erst einmal selbst ans andere Ufer und zog die Beute erst dann hinter sich. Als er das Haus erreichte, begann es schon hell zu werden. Said ließ das Wildschwein in der Mitte des Hofes liegen und setzte sich selbst auf die Vortreppe des Hauses. „Ich bin wieder Jäger, Bruder!“ schrie er. Die erwachten Vögel zwitscherten in den Bäumen. Said stand auf, betrat das Haus und ging in das Zimmer. Ibrahim lag auf seinem Bett, blass und zerzaust, das dunkel gewordene, trockene Bein Saids umarmend. Said setzte sich neben ihn und streichelte seine Haare. Ibrahim zitterte und machte die Augen auf. „Du hast wieder geblutet“ wackelte Said mit dem Kopf und berührte sein Gesicht, „das ist nicht gut, Bruder.“ Morgens ging Ibrahim nicht in den Laden. Gemeinsam mit Said schlachteten sie das Tier aus, zerteilten es, salzten das Fleisch und hängten es im Schatten auf. Hufen und Kopf brachten sie in die Werkstatt. Während die Hitze anhielt, ging Ibrahim nicht in die Stadt, aber innerhalb weniger Tage änderte sich das Wetter, Wolken zogen auf, es wurde kühler. Said saß lange in der Werkstatt und bereitete aus dem Wildschweinkopf eine Vogelscheuche vor. Bevor er in den Laden ging, betrat Ibrahim das Zimmer des Bruders und sammelte alte Patronen ein. Er legte sie ordentlich in die Kiste und versteckte sie in der Küche in mitten der anderen Kisten, in denen Möhren und Zwiebeln lagerten. Auf dem Marktplatz waren viele Ausländer. Ibrahim konnte sie schon anhand ihrer Figur, Kleidung, anhand ihres Verhaltens und ihrer Sprechweise erkennen. Die Amerikaner hatten Shorts an, sprachen so als ob sie Wörter zerkauten und gingen mit den Einheimischen gönnerhaft um. Die Deutschen und Engländer lächelten schreckhaft. Fast ohne zu handeln, kauften sie alles Mögliche und sahen dabei aus wie Welpen, begeistert und verlassen. Russen dagegen handelten händeringend, stritten untereinander, doch manchmal in der Flut der Großzügigkeit, konnten sie jede Ware kaufen, für jeden Preis. Nur Japaner und Koreaner kauften fast nie etwas, verhielten sich aber immer ruhig und unaufdringlich, sich verneigend und mit ihren Kameras klickend. Ibrahim hat seit seiner Kindheit seine Sprache gesprochen sowie das Russische, und nun konnte er ebenso andere Sprachen verstehen, konnte von sich auf englisch und deutsch erzählen. Der Handel lief gut und Ibrahim war zufrieden. Abends schloss er das Geschäft und betrat den Nachbarladen, um Salz und Farbe zu kaufen. Mit den Einkäufen den Laden verlassend, erblickte Ibrahim eine Frau, die mit Neugierde die Vitrine seines Ladens betrachtete. Die Frau spürte seinen Blick, lächelte ihn an und fragte: „Ist das Ihre?“ Ibrahim nickte. Er kam näher, machte die Tür des Ladens auf und das Licht an. Die Frau betrat mit Neugierde den Laden. „Seitdem ich hier bin, kann ich mich nicht dran gewöhnen,“ sagte sie, „hier macht alles so früh zu.“ „Nachts soll man nicht arbeiten,“ antwortete Ibrahim. „Das Geld liebt den Tag.“ „Wie interessant das ist, was Sie sagen,“ lächelte die Frau. „Geld…Gel…d, wie habe ich es früher nicht bemerkt.“ „Soll ich Ihnen helfen?“ fragte Ibrahim. „Was suchen Sie?“ „Ja, vielleicht können Sie mir helfen“ nickte sie nachdenklich. „Wie heißen Sie?“ „Ibrahim.“
„Ibrahim, haben Sie…ähm,“ sie dachte nach, „Amulette? Talismane? Für das Glück.“ Ibrahim zog unter seinem Hemd seinen Tumar hervor und zeigte ihn ihr: „So etwas?“ „Ja, ja“ freute sich die Frau. „Nur ein gutes, starkes.“ „Habe ich da“ sagte Ibrahim, „nur nicht hier, zuhause. Und er ist teuer.“ „Das macht nichts,“ wedelte die Frau mit der Hand und lachte. „Nun gehen wir also zu Ihnen? Wo wohnen Sie?“ Ibrahim wurde etwas verlegen. „Brauchen Sie es jetzt direkt?“ fragte er noch einmal. „Ja, machen Sie sich keine Sorgen, ich bettele nicht um Gastfreundschaft, kann an der Tür warten.“ „Folgen Sie mir,“ sagte Ibrahim nachdenklich. Das Haus befand sich fast am Stadtrand und die Frau konnte nicht so schnell gehen wie Ibrahim. „Said, ich bin’s!“ schrie Ibrahim, den Hof betretend. „Wer ist Said?“ fragte die Frau erschrocken. „Mein Bruder,“ antwortete Ibrahim. „Warten Sie hier, ich komme gleich.“ Der Hof war mit Steinen ausgelegt, zwischen ihnen wuchs Gras, auf dem großen Baum links hing eine Laterne und ein Käfig mit irgend einem großen Vogel. Unter dem Baum stand ein Waschbecken und daneben ein Tisch und ein paar Hocker. Die Frau wartete ein paar Minuten ab, setzte sich auf einen von diesen und begann die um die Laterne fliegenden Insekten zu beobachten. Endlich kam Ibrahim aus dem Haus. Hinter ihm, auf die Krücke stützend, ging der einbeinige, finstere Rauschebart mit einer weißen Tjubetejka auf dem Kopf. Die Frau stand schnell auf und berührte mit den Händen ihr Kleid. Die Brüder näherten sich ihr. „Ich bin Said,“ sagte der Einbeinige, „und ich Evdokeja…“ lächelte die Frau, „man kann mich auch Dusja nennen.“
„Nehmen Sie Platz,“ sagte Said, „möchten Sie Tee trinken? Ibrahim bringt gleich welchen.“ Said schwieg aufmerksam in der Zeit als Ibrahim weg war und Dusja wusste nicht, wie man diese Stille unterbrechen sollte. Sie wusste nicht, worüber man mit diesem Said reden sollte, behielt ihn aber im Blick, sich bemühend, ihn besser zu erkennen. „Eigentlich wollte ich ein Amulett kaufen,“ hielt sie es endlich nicht aus. „Ibrahim sagte, dass…“ „Ja ja, er bringt es gleich,“ sprach leise Said und schaute sie an. Ibrahim kam mit einer Teekanne zurück, mit Schälchen und einem Fladenbrot. Said begann mit Ibrahim ein Gespräch in einer für Dusja unbekannten Sprache zu führen. Sie biss ein Stück vom Fladenbrot und trank dazu einen Schluck Tee. Das Brot roch nach Thymian, der Tee nach Ingwer. Sie fühlte sich nun gut und beruhigt. Die Blätter raschelten vom Wind, im Gras sangen verschieden sprachige Grillen. Nachtschmetterlinge vom Licht der Laterne geblendet, fielen manchmal auf den Tisch und Dusja fegte sie auf den Boden. Endlich, als ob er es mit dem Bruder besprochen hätte, drehte sich Ibrahim zu ihr und nahm aus der Hosentasche ein Päckchen heraus. „Hier,“ sagte er, „gut, stark.“ Sie nahm das Päckchen in die Hände und öffnete es. Innen lag ein seltsames, gefaltetes Stück Leder mit grauem Fell. „Was ist das ?“ fragte sie. „Die Möse eines Wolfes,“ sagte Ibrahim. Dusja zuckte auf und warf das Lederstück auf den Tisch. Said und Ibrahim schauten sich um und lachten. Dusja wollte aufstehen aber Said bat sie mit einer Geste sitzen zu bleiben. „Gehen Sie nicht und seien Sie nicht beleidigt,“ sagte er weich. „Der Bruder sagt die Wahrheit. Das ist ein gutes und seltenes Amulett. Um es zu bekommen, muss man der Wölfin ins Auge oder ins Herz schießen. Wenn die Wölfin nicht direkt stirbt, beginnt sie an ihrer Möse zu knabbern. Ein sehr starkes Amulett und ein sehr gefährliches. Liebe, Erfolg, Geld – Sie werden alles bekommen. Aber zu lange darf man es nicht benutzen, alles kann auf einmal verschwinden. Die Wölfin füttert die Jungen bis sie ausgewachsene Wölfe werden. Danach wird sie getötet.“ Die Grillen sangen, auf den Tisch fiel noch ein toter Schmetterling. „Ich muss darüber nachdenken,“ sagte endlich Dusja. „Es ist schon spät,“ Said stand auf, sich auf die Krücke stützend. Die Nacht verbrachte Dusja in Unruhe. Sie war es nicht gewöhnt auf dem Boden zu schlafen. Abgesehen davon hatte Ibrahim ihr mehrere Decken übereinander gelegt, dazu war das Haus voller unbekannter Geräusche und der Kopf voller Gedanken. Sie träumte, wie ihre daheim gebliebenen Söhne, Tolik und Vadik zuhause spielten, sie träumte von Flugzeugen, von Geld, viel Geld, von vielen Ziffern, sie träumte davon mit einer grauen Wolke bedeckt zu werden und als Wolf auf einem Platz zu kreisen, und versuchen fest zu halten, sich an jenem Platz fest zu beißen. Morgens wurde sie vom Licht geweckt. In dem für sie bestimmten Zimmer gab es keine Vorhänge. Sie drehte sich in dem Schatten, aber die Sonne erreichte sie auch da wieder. Dusja stand gähnend auf und machte das Fenster auf. Vor dem Fenster standen Bäume und es roch nach warmen, feuchten Gras. Dusja hielt sich am von der Sonne gewärmten Rahmen fest, beugte sich über die Fensterbank und erblickte Ibrahim, der durch das Tor trat. Sie wollte ihm etwas zuschreien, doch sie überlegte es sich anderes und ging zurück ins Zimmer. Der Boden unter den Füßen quietschte und ächzte, jede Bewegung in ein Laut verwandelnd. Dusja ordnete das Schlafzeug und zog sich an. Sie wusste, dass Said zu Hause geblieben war und versuchte dann auch ihr Haar in Ordnung zu bringen. Sie wollte, dass er sie beachtete. Dusja verließ das Zimmer, ging durch das Haus, sah aber keinen Said. Sie wusch sich das Gesicht mit Vergnügen auf dem Hof, stellte sich auf einen Hocker und blickte in den Käfig zu dem Vogel. Unzufrieden und erschrocken über die Bewegung eines Menschen, fing der Vogel an mit seinen gelben, heraus guckenden Augen zu blinzeln und drehte sich demonstrativ weg. Dusja betrat die Küche, fand ein bereits angebissenes Fladenbrot und goss sich aus einer Karaffe etwas Milch ein. Dann kehrte sie mit dem Essen auf den Hof zurück, setzte sich in den Schatten eines Baumes und frühstückte genüsslich. Zwischen den Bäumen sah man die in der Sonne glänzenden, weißen und steinigen Hügel der Berge. Betrachtete man diese, hatte man das Gefühl, dass auch der Wind stärker wurde. Nach dem Frühstück wollte Dusja das Haus umkreisen und in den Hinterhof schauen. Ein platt getretener Weg, der sich am Haus vorbei schlängelte, führte sie zu einem niedrigen aber breiten Holzschuppen. Dusja ging zur Tür, klopfte leise an, horchte hin und betrat den Schuppen. Von Innen wirkte dieser größer als von Außen. Said saß in einer Ecke. In seinen Händen hielt er ein Messer und ein langes, gebogenes Horn, das grob aus einem Schädel herausgearbeitet war, mit einem Knochen dran. Er hob die Augen, nickte Dusja ruhig zu und bearbeitete weiter das Horn, befreite es vom Knochen. Es roch nach Leder, nach gedörrtem Fleisch und nach verrostetem Eisen. Dusja schaute sich um. Von der unebenen Decke hingen lederne Gürtel und aus Holz geschnittene Tierfiguren an dünnen Schnüren. Zwischen ihnen zitterte, in der Sonne glänzend von den Strahlen, die in die Lücken drangen, ein Spinnennetz. Dusja hob die Hand und berührte den Rand des Spinnennetzes; sie fühlte, wie dieses ihre Finger umfasste und umwebte, dann zog sie diese zurück und zerstörte mit dieser unvorsichtigen Handlung ihre Ganzheit. Die verärgerte Spinne sprang aus ihrem Versteck und lief weg. Im Zentrum des Raumes stand eine Arbeitsbank, bedeckt mit Holz – und Metallspänen. Darüber hing von der Decke eine Lampe an einer Schnur. Einen großen Teil des Raumes nahmen, zwischen Boden und Decke gezogenen, einem Spinnennetz und einem Segel ähnelnden, rote und gestreifte Tierfälle. An den Wänden hingen ihre grinsenden Köpfe. Entlang der Wände drückten sich aneinander, große, von der Größe eines siebenjährigen Kindes, Steingötzen. Die einen lachten, schauten finster drein, drohten, lachten selbstzufrieden, die anderen schauten unbefangen auf die Welt. Daneben standen offene Säcke, gefüllt mit genau solchen, aber viel kleineren Figuren. Dusja nahm eine, die oben lag. Der Stein fühlte such kühl und rau an. Dusja näherte diesen zu ihren Augen, fegte den Staub weg, streichelte diese über den Kopf und legte sie zu ihren Kameraden zurück. In der hinteren Ecke lagen irgend welche metallenen Ringe, und auf der Seite, auf den Regalen standen Bronze-Vasen, Teller und Tassen, verziert mit grünen und blauen Steinen. Von den Sonnenstrahlen, die durch die Ritze rein fielen, hatte man hier das Gefühl, dass hier alles lebendig, fertig sei. Zum Aufwachen und Sich-bewegen. Dusja schaute sich um, ging zu Said und setzte sich neben ihn. Er hatte das Horn bereits von dem Knochen befreit und bearbeitete es nun. „Wo ist Ihr Bein?“ fragte Dusja verlegen. Said schwieg. „Nein, nun antworteten Sie nicht,“ beeilte sich Dusja damit, erschrocken, ihn beleidigt zu haben. „Ich weiß manchmal selbst nicht, was ich rede. Entschuldigen Sie, ehrlich.“ „Weise Leute sagen, dass die Angst in den Beinen der Menschen lebt,“ sagte langsam Said. „Die Wut in den Händen, die Sünde im Kopf. Die Kraft im Bauch. Das Gewissen im Herzen und die Liebe ist hier,“ klopfte sich Said in die Leistengegend . „Was hat Ihr Bein damit zu tun?“ fragte Dusja. Said blickte sie an und schmunzelte: „Kein Bein, keine Angst.“ Die Steingötzen schauten Dusja an und erst jetzt bemerkte sie, dass sie verstümmelt waren. Man hatte den Eindruck, dass ihre Augen, Beine, Hände, Nasen und Köpfe sich irgendwo, unweit von hier befinden, akkurat zusammen gelegt, ihre Rückkehr erwartend und die verletzten Götzen, als ob sie Soldaten in einem Krankenhaus seien, warten darauf, verbunden zu werden, und mit schwachen Stimmen die Krankenschwester zu rufen.
Said streckte plötzlich die Hand heraus und berührte mit ihr die rechte Brust. Dusja erzitterte von der Plötzlichkeit, bewegte sich aber nicht. Eine plötzliche Unbeweglichkeit durchfuhr sie. Said nahm seine Hand nicht zurück und Dusja wollte aus allen Kräften, dass er die ihre nimmt, bis die Starre verschwindet. „Mach die Augen zu,“ sagte Said. Dusja kniff die Augen zu und sah, wie sich auf ihrer Haut Regenbogenkreise formten. Saids Hand strahlte eine unerträgliche Hitze aus, die sie kaum aushielt. „Das Vergangene kann man nicht ändern“ hörte sie Saids Stimme, als ob sie in ihr klingen würde. „Aber es loswerden ist auch schwer. Es zieht sich immer wie ein Faden hinter dir her, umwickelt die Beine und verschließt das Tor für die Zukunft. Wenn Du in der Vergangenheit einen Fehler begangen hast, bring ein Opfer im Namen dieses Fehlers und die Vergangenheit lässt dich in Ruhe.“ Dusja hatte das Gefühl, dass die die Wörter sich wie Tropfen auf ihr nieder lassen, sich auflösend und auf der Oberfläche sich öffnende Kreise hinterlassend. Langsam füllten diese Kreise fast ihr ganzes Bewusstsein aus, sie konnte sich nicht mehr bewegen, obwohl sie spürte, dass die fremde Hand Saids ihre Jeans aufmachte und vorsichtig, als ob sie etwas studiere, das zwischen ihren Beinen berührte. Die Hitze stieg höher, wurde unerträglich. Im Inneren zitterte und hupte es, sie verstand, dass es jede Sekunde explodieren könnte, platzen und in diesem Moment durchbohrte sie ein scharfer, unerträglicher Schmerz, als ob der wütende Džejran in ihren Bauch sein Horn hinein stieß. Schläfrig von dem Schmerz, schrie sie auf wie eine verwundete Wölfin und mit einer starken Wut rollte sie sich zusammen, mit den Zähnen klappernd, sich darum bemühend, sich in ihre Scham einzuklammern, in ihren Schmerz, den sie so akkurat vor sich selbst versteckte. Der Schmerz überrollte sie, mit jeder Welle stärker werdend. Dusja beugte sich vor, im Versuch ihre Eckzähne hinein zu stoßen aber mit jedem Mal griff sie mit ihrem Maul in die Leere. Endlich erreichten ihre Zähne den Rand vom Fleisch. Sie brüllte rasend, verschluckte sich an der eigenen Spucke und begann die feuchten, kalten Klumpen abzureißen, spuckte sie mit Hass aus, einen nach dem anderen, bis der Schmerz nachließ und schließlich ganz verschwand. Das Licht wurde weicher, durch den Schleier auf ihren Augen erblickte Dusja den auf dem Hocker sitzenden Said. Schwer atmend, roch sie an sich selbst und ging sicher, dass es keine Kälte mehr gab, es blieb nur die Wärme. „So ist es gut,“ sagte Said, der das geschliffene Horn abrieb und Dusja nicht anblickte. „Solche Wunden verheilen schnell, nun lebe weiter.“ Dusja stand auf, die Beine noch schwach, sah sie unter sich eine Pfütze frischen Blutes. Das Blut roch nach Tod und zog in den hölzernen Boden ein. Dusja leckte sich die Lippen ab und fühlte, dass sie Hunger bekam. Sie schaukelte hin und her und ging durch die halboffene Tür des Stalls hinaus. In der sich verdichtenden Dämmerung flogen Fledermäuse. Dusja wollte eine fangen, doch diese wich leicht aus. Im Haus hörte man Schritte, eine Tür quietschte. Dusja verschwand im Schatten und plötzlich von dieser Bewegung, spürte sie die Kraft ihres Körpers und sprang heraus, sie versteckte sich nicht und begab sich mit breiten,freien Sprüngen in Richtung des Waldes. Und erst nach ein paar Augenblicken ertönte neben ihr ein aufgeregter, menschlicher Schrei: „Bruder, der Wolf ist hier!“
Die fünfte Flucht. Abrakadabra
Das aller bemerkenswerteste war, dass laut dem Testament der alten Ajgul‘-apa, die riesige Wohnung in die Hände ihrer Haushälterin übergeben wurde. Ajgul‘-apa verließ in den letzten Tagen ihre Wohnung nicht. Ihre Kinder gingen hinter der Grenze zur Schule, fanden dann eine Stelle bei ausländischen Firmen und kamen nachhause sehr selten. Aber die Nachbarn beobachteten, dass Ajgul‘-apa jeden Morgen Besuch von einer jungen Frau bekam, die ein mit Pockennarben übersätes Gesicht hatte. Bei den Treffen mit den Nachbarn lächelte sie und nickte, sich bemühend, sie zu umgehen. Man sprach, dass Ajgul‘-apa sie aus einer unangenehmen Geschichte herausgezogen hat, die entweder mit Sklaverei oder mit Drogen zu tun hatte. Was genau passiert war, wusste niemand aber alle sahen, welch aufrichtige Hingabe und Sorge Bajaša der alten Herrin entgegenbrachte. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte Ajgul‘-apa in einem Rollstuhl. Bajaša ging lange mit ihr spazieren, sie langsam auf den Hof schiebend und ihren ruhigen Geschichten über die Vergangenheit lauschend. Später, wenn sie nach hause zurück gekehrt waren, rieb sie ihre Beine und ihren Rücken mit schwarzem Thymian ein. Ajgul‘-apa mochte keine modernen Ärzte, sie hörte nur auf die Tipps, welche ihr von Zeit zu Zeit ein lokaler Medizinmann namens Zakir-aka gab und dieser hatte auf alle Fragen eine Antwort. „In den Hadisen heißt es,“ sagte er mit den Zeigefingern zeigend, „dass der Prophet Mohammed, sala – allachu – a lejchi – ua -salam, nur ein Mittel für die Heilung kannte: Das Öl des schwarzen Thymians ist die wahre Medizin gegen alle Krankheiten , abgesehen vom Tod. Tut es im Inneren weh, so trinkt, tut es außen weh, dann reibt es ein.“ Nach dem Einreiben mit dem Öl, bereitete Bajaša das Essen vor oder ging in das Geschäft um einzukaufen, nachdem sie Ajgul‘-apa mit einer Kaschmir – Decke zugedeckt hatte, einer dünnen Decke, hergestellt nur aus Ziegenbärten. Nun war die Zeit des Schlafes gekommen. Wenn Ajgul‘-apa erwachte, rief sie Bajaša mit schwacher Stimme und diese brachte ihr Essen und Getränke. Die Wohnung hatte sechs Zimmer aber Ajgul‘-apa bevorzugte es nur in ihrem Schlafzimmer zu sein oder in dem großen Gästezimmer, wo die Wände bis jetzt mit Tierhäuten und glänzenden Messern unterschiedlicher Länge geschmückt waren wie zu Lebzeiten ihres verstorbenen Mannes namens Kasym. Bajaša sah ihn auf einem Foto, abgesehen von der kleinen Statur und seiner Hagerkeit, schien Kasym ein gefährlicher Mensch zu sein. Die Kieferknochen fest aneinander gedrückt, schaute er auf Bajaša mit einem durchdringenden, bösen, nicht zwinkerndem Blick an und wenn das Foto bunt gewesen wäre, würden seine Augen gelb leuchten, so wie die Augen eines Steinadlers leuchten. Ajgul‘-apa liebte es vom Tod ihres Mannes zu erzählen, nur klangen diese Geschichten jedes Mal unterschiedlich. Mal erreichte der Tod ihn nachts, in der Steppe, wenn Kasym auf dem Weg zum Bürgermeister irgend einer bedeutenden russischen Stadt war, er löschte das Feuer, schüttete es mit einer Hand voll Sand zu und zitterte als er das sorgenvolle Schnarchen seines Pferdes hörte. Manchmal kam der Tod wenn er seinen Jahressold bekam, für eine Nacht er übernachtete in dem Gasthaus, das auf dem Weg lag, warf das Geldstück in die geizigen Hände des dienst-fertigen, frechen Hausherren, öffnete das Fenster in seinem Zimmer, drehte sich plötzlich wegen des Knirschens eines fremden Schlüssels im Schloss um. Manchmal, in den Erzählungen Ajgul‘-apas, schaffte es Kasym nach hause zurück zu kehren, erschöpft von der langen Reise, sich nach dem Essen einer Frau und warmen Essen sehnend, wartete er nicht darauf, sondern fiel in einen tiefen Schlaf nachdem er es gerade so geschafft hat, sich auszuziehen. Des nachts erwachte er jedoch vom Quietschen der Fußbodenbretter im Nachbarzimmer. Die Geschichten waren mit solchen Details und Nuancen gefüllt, als ob Ajgul‘-apa die ganze Zeit in der Nähe ihres Mannes gewesen wäre und aufmerksam, sich nach seinem Tod, an alles erinnerte ja sogar jedes Detail darüber aufschrieb, wie er angezogen war, wie er den Dolch hielt, wie sich für einen Augenblick sein Gesicht veränderte. Und nur eines blieb in diesen Geschichten unverändert: Es gab immer Zwei. Sie streckten ihre zitternden, gierigen Hände zum stolzen Kasym, steckten in seinen Rücken ein schiefes Messer, würgten ihn mit der Wäscheleine und Kasym verschwand, löste sich in der Erinnerung auf und nur seine Augen auf dem Foto blinzelten mit einem gelben, trüben Licht. Manchmal, wenn Ajgul‘-apa sich früher als sonst schlafen legte, ging Bajaša spazieren. Sie liebte es, die Hauptstraße der alten Stadt entlang zu gehen, wo schnippische Verkäufer ihre exotischen Souvenirs im nationalen Stil verkauften, wo Straßenmusiker Flöte spielten und mit dünnen Stimmen Heimat-Lieder sangen, wo Kinder im Springbrunnen badeten und misstrauische Touristen die Vorbeigehenden mit ihren Kameras knipsten. Eines Tages, als sie von ihrem Spaziergang zurück kehrte, fand sie Ajgul‘-apa tot in ihrer Wohnung. Bajaša saß in der Nähe ihres Bettes, bedeckte das Gesicht der Toten, und nachdem sie gebetet hatte, ging sie schlafen. Sie träumte von Äpfeln. Am Morgen rief Bajaša die Telefonnummern an, die sie in einem Notizblock in der Schublade vorfand. Als erstes erschienen die Ärzte und der Notar. Dann kamen entfernte Verwandte und die Söhne und Töchter riefen nur an und fragten, wie man sich verhalten und was man unternehmen sollte. Es begann ein Gehetze, im Haus gab es viele Menschen, es kamen Nachbarn, ehemalige Kollegen und Bekannte. Im Endeffekt kamen auch in ihren glänzenden, schwarzen Autos die Kinder. Der Notar las das Testament, nach welchem die Kinder irgendwelche teuren und wertvollen Dinge aus dem Haus behalten sollten, genauso die Ersparnisse auf der Bank. Und Bajaša erhielt die Wohnung. Bajaša wollte nichts verändern. Sie schlief in ihrem Bett, im kleinen Zimmer für Bedienstete. Sie machte selten die Vorhänge auf, räumte einmal in der Woche auf, stellte akkurat die Gegenstände um, den Staub abwischend, lächelte den Nachbarn zu und ging nur selten nach Draußen. Die Verkäufer lachten und lockten die Kunden an, ihre Waren zeigend und mit den Münzen rasselnd. Bajaša mochte diese fröhlichen, sonnen-gebräunten Kerle. Sie geriet in Verlegenheit und freute sich, wenn diese mit ihr sprachen und kokettierten. Doch besonders sympathisch war für Bajaša der den anderen Verkäufern nicht ähnelnde, ruhige und lächelnde Ibrahim. Einmal sah sie ihn krank und betrunken, halbnackt, mit Blut im Gesicht, wie er über dem Marktplatz direkt auf Bajaša zuging. Sie hat ihn nicht direkt erkannt, erschrak und erstarrte vor Schreck. Ibrahim näherte sich ihr ganz dicht an und sie sah für einen Augenblick seinen irrsinnigen Blick. Bajaša streckte ihre Hand aus und streichelte seine Schulter. Ibrahim erzitterte und blickte für einen Moment mit klarstellenden Augen auf Bajaša. Das Blut rann ihm aus der Nase. Er schluchzte, drehte sich um und ging weg. Bajaša kehrte mit einem merkwürdigen Gefühl nach Hause zurück, welches sie sich selbst nicht erklären konnte. Ihr schien es als habe sich alles verändert, als ob alles anders geworden sei. Als ob nun er, Ibrahim, in ihr Leben gestoßen sei wie eine plötzliche Krankheit. Das Haus war viel zu groß für die kleine Bajaša. Und obwohl ihre Ansprüche überhaupt nicht groß waren, musste man trotzdem manchmal Lebensmittel kaufen, Kleidung auch, und für die Wohnung bezahlen. Bajaša hatte keine Angst vor der Arbeit, aber der Geist Ajgul‘-apas hatte sich bisher nicht ganz in ihrem Gedächtnis aufgelöst und es schien ihr wie ein Verrat wenn man wieder anfangen würde zu
arbeiten . Um an das Geld zu kommen, begann sie Sachen aus der Wohnung zu verkaufen. Sie brachte Vasen zum Markt, Statuetten, Schmuck; nur die Garderobe ließ sie in Ruhe und Kasyms Dolche. Jedes Mal wenn sie an Ibrahims Geschäft vorbei ging, lächelte sie ihm verlegen zu, bis Ibrahim selbst sie einmal bat, hereinzukommen. Seitdem kam sie manchmal einfach so vorbei, um ein bisschen in seinem Laden zu sitzen, sie mochte den Geruch von Leder und Metall, sie mochte das Halbdunkel, indem die gebogenen Henkel der Bronze-Schalen glänzten, aber besonders mochte sie die melodische Stimme Ibrahims, der die Kunden in den Laden lockte. Manchmal, wenn Ibrahim aus der Nase blutete, legte sie ihm ein in ein Gazetuch gewickelten schwarzen Thymian auf die Nase und las ein Gebet. Wenn das nicht half, dann machte sie ein Schlaf-Lager in der Ladenecke und überredete Ibrahim, sich dort hin zu legen. Sie selbst ging dann nach draußen und lockte an seiner Stelle die Touristen an. Ibrahim spürte, dass wenn Bajaša in der Nähe war, er sich viel ruhiger fühlte. Noch in der frühen Kindheit hörte er von seinem Vater, dass es im Leben eines Mannes nur drei bedeutende Treffen gibt, das Treffen mit dem Mann in sich selbst, das Treffen mit einer Frau für sich selbst und das Treffen mit dem Tod. Das erste Treffen, so die Worte des Vaters, macht dem Mann den Weg frei. Das zweite gibt ihm Kraft für das Leben. Und das dritte…davon berichtete der Vater erst vor Kurzem. Um Said und Ibrahim den Weg zu öffnen, testete er diese: er provozierte sie zu Kämpfen mit den Nachbars-Söhnen, zwang sie aus einem schweren Gewehr zu schießen, setzte sie auf kaum reitbare Pferde. Eines Tages nahm der Vater sie noch als Jungs mit auf die Jagd: den ganzen Tag trugen sie vom Vater angeschossene Rebhühner und Fasane und wenn es dunkel wurde, ließ er sie da, um auf die Beute aufzupassen. Sie warteten auf den Vater mehrere Stunden und erst als der Mond die Kronen der Bäume berührte, verstanden sie, dass er nicht zurück kehren würde. Beladen mit Taschen voller toter Vögel, gingen die Brüder auf den Tierpfaden entlang, alleine zwischen Waldgeräuschen – und Augen. Endlich erreichten sie die Anhöhe, von der aus man den Fluss sehen konnte und dahinter die Feuer der Randgebiete. Der Abhang war relativ steil und Said ging vor. Ibrahim versuchte nicht zurück zu bleiben, aber die Tasche war unerträglich schwer, und ihm wurde schon ganz übel von dem Geruch nach Vogelblut. Vorsichtig, damit Said es nicht bemerkt, machte Ibrahim die Tasche auf und begann daraus die schweren Vogelkörper heraus zu ziehen und sie ins Gras zu werfen. Die Tasche war schon halb-leer als etwas weiches Ibrahims Ohr streichelte. Er schrie vor Überraschung auf, der vorne gehende Said drehte sich um und in diesem Moment warf ein schwerer Schlag Ibrahim um. Er rollte nach unten, auf den Steinen und vom Himmel stürzte ein Schlag nach dem anderen nieder mit den Flügeln sein Gesicht peitschend, die Kleidung und Haut mit den Krallen zerreißend, als ob man in sein Inneres hüpfen wollte, in seinen Bauch. Die Augen mit den Händen bedeckend, konnte Ibrahim erblicken, wie Said mit seiner Tasche wedelnd, gegen den gigantischen Schatten kämpfte und er verlor das Bewusstsein. Als er wider zu sich kam, hörte er Stimmen. „Schau nur, was du angestellt hast!“ zischte laut die Mutter. „Sein ganzer Kopf ist verletzt. Was bist du für ein Vater? Hast die eigenen Söhne im Wald gelassen!“ „Der Mann soll sich selbst begegnen,“ antwortete ruhig der Vater. „Je früher, desto besser. Schau, sie leben ja noch. Es hätte schlimmer kommen können.“ „Ein Mangys bist du und kein Mensch!“ schrie die Mutter und als sie sah, dass Ibrahim die Augen öffnete, stürzte sie zu ihm. Ibrahim verbrachte einen ganzen Monat im Bett. Erst später erzählte ihm Said, dass sie von ein paar gigantischen Eulen attackiert wurden, die von dem Blutgeruch angelockt wurden. Said konnte diese vertreiben und Ibrahim nach hause tragen. „Der Vater sagt, dass es nicht einfach Eulen waren, sondern der Tod selbst für uns beide,“ erzählte Ibrahim Said. „Er sagt, dass der Tod manchmal dem Mann begegnet, nicht der Mann dm Tod. Der Tod holt ihn ein und stößt seine Krallen in den Rücken, ihm nicht die Möglichkeit gebend sich umzudrehen, er trinkt sein ganzes Leben aus. Und dann verschwindet die Seele dieses Menschen und löst sich auf. Wenn der Mann dem Tod von Angesicht zu Angesicht begegnet, dann befreit sich seine Seele und kehrt zu den Seelen der Vorfahren zurück. Ibrahim verstand, dass er den ersten zwei, vom Vater organisierten Treffen nur knapp nicht entgehen konnte. Der Tod indessen hinterließ seinen Fußabdruck. Ibrahim wurde nun von seltenen, aber starken Kopfschmerzen geplagt, die vom Nasenbluten begleitet wurden. Nach dem Tod der Eltern wollte Ibrahim nicht an die Vergangenheit denken. Aber jetzt, wo in sein Leben, weich wie Wasser, Bajaša einfloss, verstand er, dass ein zweites Treffen statt gefunden hat. In ihrer Gegenwart fühlte er sich ruhig und stark, aber die Anfälle häuften sich und desto öfter war auch Bajaša bei ihm und umsorgte ihn. „Das ist normal,“ sagte Ibrahim. „Du weißt doch, bei mir kommt so etwas vor. Das geht von alleine weg, sorge dich nicht.“ Es gab jedoch einen Grund sich zu sorgen. Während der Anfälle redete er irre und von Zeit zu Zeit fiel er in eine komplette Gedächtnislosigkeit. Einmal hörte der Anfall so lange nicht auf, dass die sorgenvolle Bajaša loslief um einen Heiler zu rufen. Zakir-aka betastete die Brust, das Gesicht und die Arme Ibrahims und sagte: „Er braucht ein Bett und etwas zu essen. Bringen Sie ihn nach hause und erlauben Sie ihm nicht auf zu stehen, ich komme morgen wieder.“ Die Verkäufer der Nachbargeschäfte halfen Bajaša, Ibrahim in Decken einzuwickeln und brachten ihn zu ihr in die Wohnung. Bajaša brachte ihn in ihr eigenes Bett und legte sich selbst daneben auf den Boden, um seinen Atem zu hören. Am Morgen kam Ibrahim zu sich. Er stand auf, ging mit Verwunderung durch die Wohnung, die Reste der Ausstattung und die Fotografie betrachtend, berührte ein paar Vasen und betastete sogar den von der Decke hängenden Dolch. Bajaša fütterte ihn mit Reis und Gemüse und befahl ihm wieder ins Bett zu gehen. „Ich fühle mich fabelhaft“ beschwerte sich Ibrahim. „Und mein Bruder, Saia! Er weiß doch nicht wo ich bin, was mag er denken?“ „Sorge dich nicht“ beruhigte ihn Bajaša, „Ich bat Zakir-aka ihm auszurichten, das du bei mir bist. Bajaša hat nicht umsonst darauf bestanden. Tagsüber traten wilde Anfälle auf. Ibrahim fieberte vor Aufregung, schrie auf, flüsterte, manchmal die Augen schließend, manchmal im Gegenteil, sie weit aufreißend, als ob er etwas neugierig betrachten würde. Bajaša wischte ihm das Blut weg, welches aus der Nase lief und machte das Kissen zurecht. Der Arzt kam als die Sonne fast untergegangen war. „Alles ist Allahs Wille,“ sagte Zakir -aka. „Zu lange haben böse Geister Ibrahim gequält. Er ist schwach und sie sind noch zu mächtig aber ihre Kräfte vergehen. Jetzt stehen sie am Rand. Bald wird Ibrahim entweder sterben oder er wird seine Krankheit für immer los. Das alles wird sich in den nächsten Tagen klären. Und ich habe da keine Macht. Man kann nur beten.“ „Ich werde beten,“ flüsterte Bajaša, den Schweiß von Ibrahims Stirn wischend. Nachts wachte Ibrahim von einem seltsamen Geräusch auf , als ob jemand hinter der Wand gesprungen oder hingefallen war. Ibrahim horchte hin. Vor dem Fenster wehte der Wind. Bajaša schlief auf dem Boden neben seinem Bett. Er hatte schon beschlossen, dass er es sich eingebildet hatte, als im Nachbarzimmer der Boden quietschte und eine leise, unzufriedene Stimme ertönte. Vorsichtig, um Bajaša nicht zu stören, stand Ibrahim auf und ging auf Zehenspitzen in den Flur. Durch die halb geöffnete Tür konnte man im Zimmer sich bewegende Schatten erblicken. Ibrahim hatte immer Angst vor Kämpfen. Er hatte nicht nur Angst vor seinem, sondern auch vor fremden Blut. Er hatte Angst, jemanden ins Gesicht zu schlagen, jemanden weh zu tun. Aber jetzt war er derjenige, der Bajaša und ihr Haus beschützen konnte. Er drückte die Tür auf. Im Fenster schien das weiße Loch des Mondes, in seinem Licht schien alles vom Mehl bedeckt zu sein. Die an den Wänden hängenden Dolche leuchteten. Inmitten des Zimmers standen zwei Männer in Sportanzügen. Ihre Gesichter lagen im Schatten. Es leuchteten die Lichtstofflampen. Einer von ihnen ging einen Schritt auf Ibrahim zu und streckte seine Hand aus, als ob er ihm den Mund zuhalten wollte, aber Ibrahim wankte zurück und schrie auf. „Still, still“ sagte der, welcher weiter weg stand. „Sie brauchen sich nicht zu fürchten.“ Sich entlang der Wand bewegend, begann Ibrahim zurück zu treten. Die Männer tauschten Gesten aus und näherten sich ihm von beiden Seiten. Ibrahim hörte ihren Atem mit dem linken und rechten Ohr, als ob ein Wind in seine Ohren flog, vorsichtig aber unabwendbar seine Gedanken aus dem Kopf pustend und je weniger solcher Gedanken er hatte, desto ruhiger und gleichgültiger wurde Ibrahim, als ob es ihn nichts anginge, was mit seinem Körper passierte. Nur der Mond lockte seine Aufmerksamkeit, sein ganzes Wesen zog sich zu ihm wie Blätter sich zum Licht neigen, als plötzlich in diesem Licht Gesichter auftauchten. Mit Schrecken stellte Ibrahim fest, dass sie beide gleich waren: blass mit brennenden Augen, mit einem Bart, ihre Gesichter waren genaue Spiegelungen. Ibrahim dachte, dass vor ihm ein Mensch steht und die Verdoppelung in ihm selbst. Davon haben seine Augen und Ohren aufgehört die Welt doppelt und zur gleichen Zeit wahr zu nehmen. Ibrhaim lachte über seinen Gedanken und ihm zur Antwort lachten zwei gleiche Gesichter. Man konnte sich nicht mehr weiter bewegen. Ibrahim streifte mit der Hand die Wand und ertastete den Griff eines Dolches. Mit zitternder Hand griff er nach dem Dolch. Die Feinde blieben augenblicklich stehen, irgend etwas klapperte und Ibrahim sah in ihren Händen kurze Dolche. Ibrahim umfasste seinen Dolch fester als auf der Türschwelle Bajaša erschien, schwankend und unreal im Mondlicht. Ibrahim verstand plötzlich, dass er seit seiner Kindheit von einem genau solchen Tod geträumt hatte, seit dieser Zeit als er sich mit Scham und Kopfschmerzen gequält hat und dem Tod erlaubt hat, ihn von hinten anzugreifen. So wollte er damals sterben, mit dem Dolch in der Hand, in einem ehrlichen Duell, diejenigen beschützend, denen er etwas bedeutete. Aber nun, auf Bajaša blickend, wollte er leben und nicht sterben. „Abrakadabra,“ sagte Bajaša und Ibrahim warf das Messer hin. Derjenige, der links stand, war komplett zusammen gebeugt, sich am Bauch haltend und dann hob er voller Schmerzen und Verzweiflung den Blick auf Ibrahim und begann sich aufzulösen, zu verdampfen in der Luft. Der zweite schrie auf, warf das Messer weg und stürzte auf Ibrahim. Ibrahim spürte, wie dünne, starke Finger, wie Schlangen, sich um Ibrahims Hals schlängelten. Er fing an zu röcheln, blinzelte und begann sich los zu reißen, aber der Feind drückte umso mehr die starken Finger zusammen. Ibrahim spürte, dass er keine Kraft mehr hatte um sich zu wehren. Er machte die Augen auf und blickte direkt in die mit Blut gefüllten, vor Hass aufgerissenen Augen des Feindes. Und plötzlich platzten diese Augen, explodierten und mit ihnen platzte der Mond vor dem Fenster, sprühte im Himmel mit winzigen weißen Sternen, die wie Gitarrenseiten gezogenen Finger, die seinen Hals umwickelten, platzten einer nach dem anderen auf. Ibrahim atmete laut auf, zog die Luft ein und sah, wie sich aus diesen Steinen dunkel ein Männergesicht formiert hat, das auf ihn schaute mit durchdringenden, gelben Augen. Der Mann lachte zufrieden und schmolz langsam, hat sich wieder in Steine verwandelt, verstreut und dann verschwanden auch diese. Innerhalb von drei Tagen, kam Ibrahim wieder zu Kräften, obwohl er immer noch schwach war. Bajaša fütterte ihn mit warmer Suppe und kräftigem, grünem Tee, von dem der Hals kratzte. Wenn Ibrahim von den Ereignissen jener Nacht sprach, schaute sie ihn umsorgt an und streichelte seinen Kopf, wie man Kinder streichelt wenn man ihnen gruselige Geschichten erzählt, ohne die Worte zu kennen, die die Nichtrealität des Traums erklären. Indessen war die Tür zum Gästeraum geschlossen. Einmal gelang Ibrahim heimlich herein aber er fand weder einen Dolch noch ein Portrait von Kasym. Die Kopfschmerzen hörten auf ihn zu quälen aber eine Sorge darüber, dass die Ausflucht noch viel zu frisch zu sein schien, das Loch zwischen dieser und jener Welt. Zakir-aka kam manchmal am Abend vorbei um nach Ibrahim zu schauen. Er hörte seinen Atem ab, schaute ihm in die Augen, berührte Hände und Kopf und schnatterte zufrieden daherredend: „Och Allah, gut so gut, dass deine Frau gebetet hat,“ wovon Bajaša rot wurde und ihr Gesicht versteckte, sich umdrehte. Und dann mit dem Blick auf ihr, wurde es Ibrahim leicht und ruhig.
Sechste Flucht. Glück
Er wurde von allen Glatzkopf genannt. In Wirklichkeit hatte er keine Glatze, sondern rasierte sich immer komplett. An seinen Namen konnte sich niemand mehr erinnern. Entweder Saša oder Lješa oder Andrjuša. Alles in allem hatte er einen weit verbreiteten Namen und um ihn nicht mit anderen zu verwechseln, nannte man ihn seit der Kindheit einfach „Glatzkopf.“ Vor vielen Jahren erlernte der Glatzkopf den Beruf eines Regisseurs. Er liebte es bereits als Kind ins Kino zu gehen und war überzeugt davon, dass er irgendwann einen Film drehen wird, der in allen Kinosälen der Welt gezeigt werden würde. In der Uni nahm er auf Videoband ein paar Kurzfilme auf, die unter den Studierenden sehr erfolgreich waren. Einer der Filme bekam sogar einen Preis auf einem Studentenfestival. Nach dem Abschluss der Uni träumte er davon nach Europa zu fliegen und verteilte seine Filme unter den europäischen Filmstudios, bekam aber keine Antwort. Im Endeffekt hörte der Glatzkopf auf zu warten und wurde bei einem kleinen Fernsehsender eingestellt. Er filmte und schnitt Sendungen über Kinder und Sport und manchmal jobbte er als Operator bei fremden Hochzeiten und Jubiläen. Seine zukünftige Frau lernte der Glatzkopf beim Fernsehsender kennen. Anja teilte die Sendezeit ein. Bereits beim ersten Treffen der Mitarbeiter setzte sich der Glatzkopf neben sie. Während er auf die Entschlossenheit wartete, ihr ein Kompliment zuzuflüstern, lächelte sie ihm selbst zu und streifte ihn beim Aufstehen mit der Handfläche auf den Kopf. In drei Monaten heirateten sie. Der Glatzkopf liebte seine Frau. Er malte ihr Postkarten, drehte kurze, lustige Glückwunschfilme an Feiertagen, lief in den Pausen zwischen den Aufnahmen immer zu ihr, roch an ihren Haaren, kaufte ihr Apfelsinen und schnitzte auf ihren Schalen lustige Fratzen, um sie zum Lachen zu bringen. Nachts kuschelte er sich so stark an sie, als ob er in ihre Haut eintauchen wollte, sich in ihrem Körper auflösen. Anna nannte ihn Glatzchen, schickte ihm zärtliche SMS mit Smilies, lachte über seine Witze, war eifersüchtig auf seine Freunde, machte ihm Äuglein, tanzte erotisch mir den Hüften wippend und suchte sogar Kleidung in den Läden für ihn aus. Immer mehr Zeit verbrachten sie miteinander und sahen ihre Freunde und Verwandte immer seltener. Nachdem etwas Zeit verstrichen war, fiel dem Glatzkopf auf, dass er nach dem Stundenplan der Ehefrau handelt. Sie teilte nicht nur die Sendezeit des Senders ein, sondern ihr privates Leben. Wenn der Glatzkopf sich früher erlauben durfte samstags morgens aufzustehen und zu beschließen, dass heute ein guter Tag für Natur-Aufnahmen war und dann, umdachte zu hause zu bleiben, um für das Abendbrot frittierten Fisch und Kartoffeln zuzubereiten, so wurde er nun bereits abends über das morgige Programm in Kenntnis gesetzt. Es gab viel zu tun: zuhause aufräumen, das alte Bügelbrett bei Anjas Tante abholen, über den Müll und die zerbrochenen Scherben im Treppenhaus zu schimpfen, irgendetwas in der Apotheke kaufen, ins Reisebüro fahren um sich früh genug über die Varianten für den Sommer zu erkundigen, und dann auf dem Weg den Müll weg zu schmeißen, das Auto waschen und Kartoffeln kaufen. Das alles trat unmerklich in das Leben des Glatzkopfes ein und wurde ihm zur Gewohnheit. Manchmal machte er sich klar, dass er den alten Lebensstil vermisste, verstand aber nicht um welche Lebensweise es sich handelt. Schritt für Schritt wurde Anja für ihn zum Lebensmittelpunkt. Er hörte auf ihre Bemerkungen über seine Arbeit und richtete sich oft danach, änderte ab und zu die Szenen in den Programmen sowie die akustischen Wege.
Am schwersten fiel ihm diejenigen Anweisungen Anjas auszuführen, die mit Menschen zu tun hatten. Die Schauspieler in seinen Sendungen waren manchmal launisch, erfüllten die Aufgaben nur mit Faulheit und verspäteten sich für die Aufnahmen. Anja war empört und sagte zum Glatzkopf: „Glätzchen, so geht das nicht. Du bist doch Regisseur. Du musst Regeln einführen und darauf achten, dass sie befolgt werden von den anderen. Sag ihnen, dass du so ein Verhalten nicht dulden kannst. Schrei sie an. Man muss es unterbinden. Entweder sollen sie arbeiten oder kündigen.“
Der Glatzkopf wusste, dass seine Schauspieler nicht ideal waren. Aber sie waren Menschen und der Glatzkopf liebte sie und verhielt sich ihren Zickereien gegenüber mit Nachsicht. Außerdem kam er nach einem Gespräch mit der Ehefrau ins Studio, rief irgend einen Schauspieler zu sich und sagte weich zu ihm: „Schätzchen, versuch heute das Bestmögliche, ich bitte dich sehr darum.“ Noch anstrengender fand es Glatzkopf, wenn Anja ihn auf Rücksprachen vorbereitete. Der Glatzkopf maß Details keine Bedeutung zu. Als sie, nach langer Vorbereitung begannen, in der Wohnung zu renovieren, erklärte Anja dem Glatzkopf ausführlich wie alles gemacht werden sollte und schickte ihn zur Rücksprache mit den Handwerkern. Der Glatzkopf erklärte ihnen alles, wie es sich für einen Mann gehört, gab vor ihnen an und fluchte sogar. Aber als die Handwerker die Kacheln nicht vertikal, sondern diagonal auslegten, kam die verärgerte Anja und sprach: „Wir baten sie doch, sie vertikal zu legen. So eine Arbeit will ich nicht. Geh und sag ihnen das.“ Der Glatzkopf geriet in Verlegenheit. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass die Kacheln vertikal gelegt werden sollten und ihm war das nicht bewusst, ob er es mit den Handwerkern besprochen hatte. „Ich glaube, ich habe vergessen, es ihnen zu sagen,“ atmete er schuldbewusst ein. „Gl-Ä-TZCHEN“ sagte Anja vorwurfsvoll. „Wir haben doch alles besprochen! Wie konntest du es nur vergessen? Du bist mir einer. Und was sollen wir jetzt tun? So gefällt es mir nicht. Sie sollen es anders machen. Wie oft habe ich es wiederholt …woran denkst du die ganze Zeit?“ Der Glatzkopf ließ seinen Kopf in die Schultern sinken, sich von den Worten der Frau weg drehend, atmete er erneut auf und ging zu den Handwerkern. „Es gefällt uns nicht,“ sagte er. Manchmal änderte sich Anjas Laune sehr plötzlich. Sie begann dann mit einer kalten, gleichgültigen Stimme zu sprechen, schaute Glatzkopf überhaupt nicht an, manchmal schmiss sie die ärgerlichen Entgegnungen über die sie umgebenden Menschen, die Aushängeschilder, das Wetter, die Ereignisse. Meistens ging sie leise durch die Wohnung oder lag mit geöffneten Augen auf dem Bett und das erschreckte den Glatzkopf am meisten und machte ihn traurig. In solchen Momenten fühlte er sich wie ein Hund, der sein Herrchen zu Hause empfängt, mit dem Schwanz wedelnd und vor Glück jault aber das Herrchen ist nicht in Stimmung. Er zieht sich finster um, macht den Fernseher und Wasserkocher an und der Hund geht immer hinter ihm her, schuldig den Schwanz einziehend und ihm in die Augen blickend. „Vielleicht bin ich an etwas Schuld?“ denkt zerstreut der Hund. Dann verzeih mir Herrchen, gut? Aber der Herr schaut ihn nicht einmal an, und der Hund, aufatmend, geht zurück zu seinem Platz. Der Glatzkopf fühlte sich in solchen Momenten sehr schuldig. Sein Herz drückte sich zusammen, er versuchte Anja fröhlich zu stimmen, ihre Wünsche zu erfüllen. Er fing sie auf dem Weg aus der Küche ins Schlafzimmer ab, umarmte sie, flüsterte ihr zärtliche Worte zu und bat sie um Verzeihung, für alle Fälle, selbst nicht wissend, warum. Aber meistens half es nicht. Normalerweise ging es innerhalb einer kurzen Zeit von selbst weg, die gute Laune kehrte zurück, ihre Augen leuchteten wieder und Glatzkopf atmete vor Erleichterung auf und lachte glücklich mit ihr zusammen. Mit den Nachbarn hatten Anja und Glatzkopf keinen Kontakt, aber sie kannten ihre Gesichter und grüßten sie. Eines Tages, als sie nach hause zurück kehrten, sahen sie neben ihrem Haus einen Lastwagen. Männer trugen Möbel in das Haus. „Scheint so als hätten wir Neue,“ sagte Anja. Am Abend dieses Tages klopfte es. Glatzkopf machte auf und sah einen älteren Herren, gekleidet in einem eleganten, schwarzen Kostüm und Hausschuhen. „Guten Abend,“ sagte der Mann mit einer gesetzten Stimme. „Ich bin Michail Jakovlevič, Ihr neuer Nachbar von oben. Ich bin erst heute eingezogen.“ „Tag,“ sagte der Glatzkopf, „Einen Moment, ich rufe meine Frau. „A-anja,“ aus dem Bad hörte man das Wasser plätschern und der Glatzkopf entschied, dass sie badet und deswegen nichts hört. „Kommen Sie rein,“ schlug er vor. „N-nein,“ wackelte Michail Jakovlevič mit dem Kopf und lächelte breit. „Ich danke, ich wollte mich nur kurz vorstellen. Heute kann ich gar nicht aber ich würde mich freuen Sie morgen bei mir anzutreffen, wenn Sie wollen.“ Der Glatzkopf schloss die Tür. Anna kam im Bademantel und einem Handtuch auf dem Kopf aus dem Bad. „War jemand hier?“ fragte sie. „Der Nachbar,“ sagte Glatzkopf. Gehen wir hin?“ Am nächsten Tag vergaß der Glatzkopf die Einladung. Es gab viel Arbeit, die Schauspieler zickten wieder herum und Anja rief ihn jede halbe Stunde an sie erinnernd und daran was man unbedingt einkaufen musste. Nach der Arbeit fuhren sie in einen weit gelegenen Supermarkt, wo die Preise etwas niedriger waren und die Auswahl größer. Sie gingen lange durch den Laden, blieben in jedem Bereich stehen und Anja, die Waren beäugend, fragte den Glatzkopf: „Ich kann mich nicht entscheiden, welche besser ist. Dieser oder Jener?“ Der Glatzkopf sah keinen Unterschied. Er selbst kaufte meistens irgend etwas aus der Mitte, nicht das teuerste und nicht das günstigste, so dass es nett aussah. In die Nuancen zu gehen, gefiel ihm nicht. Dazu kam, wenn er Anja bat weiter zu gehen, sie nach dem Grund dieser Entscheidung fragte und diese Gründe hatte Glatzkopf nicht. Meistens stellte sie seine Auswahl in Frage, stritt mit ihm und kaufte endlich etwas anderes, aber beim nächsten Regal blieb sie wieder stehen und wandte sich unentschlossen an ihren Mann: „Ich weiß es selbst nicht, dieser oder jener? Was denkst du?“ Irgendwann nervte es Glatzkopf und er sagte: „Such du selbst aus, gut? Du willst es kaufen, nicht ich. Du sollst entscheiden.“ Das hörend, schaute Anja finster drein und ging von ihm weg. Glatzkopf kannte dieses Verhalten schon. Anja ging immer weiter weg und Glatzkopf blieb mit einem Einkaufswagen voller Waren stehen und blickte ihr traurig hinterher. Beide wussten bereits, dass Glatzkopf sie gleich abholen würde und sich bei ihr entschuldigen, sich bemühend, sie wieder in gute Laune zu versetzen und Anja würde sich wieder weg drehen, so tun als ob sie ihn nicht beachtet und wird dann doch mit ihm gemeinsam gehen, den ganzen Weg schweigen und davon wird sich Glatzkopf schuldig und unglücklich fühlen. Und erst zuhause, nach ein paar Versuchen sich zu erklären, sie um was auch immer, um Entscheidungen zu bitten, taute sie endlich langsam auf und immer noch finster drein schauend, sagt sie zu ihm: „Als ob ich all das bräuchte. Ich kann das auch lassen, ich habe genug andere Dinge, weißt du aber ich bemühe mich ein gemütliches Zuhause einzurichten. Und du kannst nicht einmal helfen…“ „Entschuldige, verzeih mir, ich bin einfach müde geworden,“ wird Glatzkopf ihr sagen, mit Erleichterung aufatmen und sie an sich drücken. Den Nachbarn Michail Jakovlevič besuchte er erst nach einer Woche. Er besuchte ihn allein. Anja war nicht danach, Michail Jakovlevič führte den Gast still in die Küche, gab ihm einen Stuhl und nahm aus dem Kühlschrank eine angebrochene Flasche mit dünnem Hals. Die leichten Versuche des Glatzkopfes abwinkend, goss er die durchsichtige Flüssigkeit in kleine Christallgläser: „Lehnen Sie nicht ab, Sie brauchen das, glauben Sie mir.“ „Wir können uns duzen“ winkte der Glatzkopf mit der Hand und sich nach unten beugend, roch er an dem Wodka. Er roch frisch. Sie tranken: Michail Jakovlevič mit kleinen Schlucken, der Glatzkopf in einem Zug. Was zu essen bot der Nachbar nicht an aber der Wodka war angenehm. Irgendwie wurde das Gespräch unbefangen. Der Glatzkopf entspannte sich, lehnte sich an die weiche, gebogene Lehne des Stuhls. Es stellt sich heraus, dass Michail Jakovlevič ein Diplomat war, Mitarbeiter in der Botschaft, war durch viele Länder gereist, hat in Afrika gearbeitet und in Asien, war mehrere Male glücklich verheiratet und kehrte erst in Verbindung mit dem Tod seiner Tante zurück, von welcher er eine Wohnung, eine Datscha und eine große Summe auf der Bank geerbt hatte. Der Glatzkopf mehr vergnügt über die Offenheit des Nachbarn als über den Wodka, wurde ebenso redseliger, laut das sagend, was er schon lange fühlte und worüber er nachdachte. „Ich liebe sie und habe gleichzeitig Angst vor ihr,“ gab er zu, schon etwas angetrunken, „habe Angst, falsch zu handeln ihr gegenüber, habe Angst ihre Wünsche nicht zu erfüllen, habe sogar Angst mit ihr zu streiten. Sie sagt „lass uns abmachen, dass du den Müll jeden Morgen heraus tragen wirst.“ Was ist das für eine Abmachung? An einer Abmachung sind immer zwei beteiligt. Das ist keine Abmachung, sondern ein Befehl. Aber ich habe Angst es ihr zu sagen, weil ich weiß, dass sie wieder beleidigt sein wird und ich bin der Schuldige. Ich weiß nicht, wie es immer dazu kommt, aber ich trage die Schuld.“ Michail Jakovlevič hörte aufmerksam zu und der Glatzkopf redete und redete, bis er endlich selbst in Verlegenheit geriet: „Och, entschuldigen Sie mich um Gottes Willen, ich habe zu viel gesprochen, In Wirklichkeit trinke ich selten.“ „Ach was, das passt schon.“ sagte Michail Jakovlevič. „Ich erzähle dir nun eine Geschichte, und du hör zu. Vor langer Zeit arbeitete ich in Zentralasien und freundete mich mit einem einheimischen Heiler an, namens Zakir-aka, von ihm habe ich diese Geschichte gehört. Es lebte dort eine ältere Apajka, so nennt man in ihrer Sprache die Großmutter. Sie hatte eine große Wohnung im Zentrum der Stadt, ihre Kinder studierten im Ausland und ihr wurde von einem Dienstmädchen geholfen, ein gutes Mädchen, ein Waisenkind. Aber das ist unwichtig. Apajkas Ehemann verstarb vor vielen Jahren. Und Apajka erzählte allen von seinem mutigen Tod. Darüber, wie in der Zeit der Ausführung einer verantwortungsvollen Aufgabe, er von Unbekannten in Masken überfallen wurde. Die Geschichten wurden natürlich erfunden. Zakir-aka sagte, dass ihr Mann, Kasym ein Pantoffelheld war, der gern einen über den Durst trank, und Asiaten vertragen Alkohol sehr schlecht. Sie sind eher an Opium oder Marihuana gewöhnt. Und je mehr Apajka muckte und ihn herum kommandierte, desto mehr trank er. Aus diesem Grund lehnte er sich zurück, besoff sich, begann zu erbrechen, entschuldigen Sie, jedenfalls erstickte er an seinem Erbrochenem. Natürlich konnte Apajka an ein solches Ende ihres Mannes nicht denken und fühlte sich schuldig und um die Wahrheit aus dem Gedächtnis zu verdrängen, begann sie Geschichten auszudenken und sie allen zu erzählen und so realistisch, dass ihr alle glaubten. Verstehst du wozu?“ „Nicht ganz,“ gab der Glatzkopf zu. „Es sammelt sich alles an. Die erste verschluckte Sorge wendet sich um nach einer leichten Trunkenheit aber wenn man lange Zeit trinkt, viel und regulär, können die Folgen drastischer sein. So wickele dir etwas um den Schnurrbart.“ „Meine Frau möchte einfach immer alles kontrollieren,“ sagte der Glatzkopf ruhig. „Man kann nicht alles kontrollieren!“ rief Michail Jakovlevič. „Ich weiß. Aber es macht sie glücklich, mich zu kontrollieren. Und ich wünsche mir, dass sie glücklich ist.“ „Respekt“ sagte Michail Jakovlevič nachdenklich. „Hör zu, ich habe eine Idee,“ sprang er plötzlich auf und kramte im Schrank. „Ich habe hier Schlüssel von der Datscha. Ich selbst war noch nicht dort, erst einmal müssen ein paar Dinge in der Stadt erledigt werden, und du fahr zur Datscha – erhole dich. Ich schreibe dir die Adresse auf. Lebst ein bisschen an der frischen Luft, wirst frischer. Und sag ja nicht nein. Ich bestehe darauf!“ Der Glatzkopf lehnte nicht ab. Die Möglichkeit auf die Datscha zu fahren kam ihm gerade recht. Es ergab sich sogar gut, weil Anja eine Freundin aus Europa erwartete und der Glatzkopf stellte sich mit Sorge vor, ihren Gesprächen bereits seit früh am Morgen zu lauschen. Natürlich war Anja zu Beginn über die Entscheidung des Glatzkopfes beleidigt, beschloss aber später, dass es so einfacher sein würde ihre Freundin unter zu bringen. Der Glatzkopf hat sie gehen lassen aber sie verzieh ihm nicht, darauf hin hat er sich auf dem Weg Sorgen gemacht und das Gefühl von Schuld verspürt und das würde bedeuten, dass er sie vermisst. Zwei Tage Urlaub nehmend, Freitag und Montag, mit dem Plan am Dienstag zurück zu kehren, begann der Glatzkopf die Tasche für die Reise zu packen. Am Freitag, um sieben Uhr stand er bereits in der Warteschlange am Busbahnhof. In beide Richtungen blickend, fühlte er irgend eine Unwirklichkeit, die Unmöglichkeit einer Situation; er hatte das Gefühl, dass Anja auf eine unbekannte Art und Weise auseinander gefallen war, zerbröckelte, sich in andere Menschen verwandelte und jedem von ihnen einen charakteristischen Gesichtsausdruck oder ausstattend mit irgend einem besonderen eigenem Wort und nun, als der Glatzkopf es erriet, begann sie plötzlich durch die fremden Gesichter durch zu schimmern. Der Weg erwies sich als Weit, weiter als der Glatzopf es erraten hätte. Er ist sogar eingedöst, da er die Eintönigkeit der Landschaft nicht aushielt, erwachte jedoch bald, sorgenvoll, dass er seine Bushaltestelle verpasste. Den Namen hatte er sich auf einen Zettel geschrieben aber der Busfahrer hatte die Haltestellen nicht angekündigt und der Glatzkopf musste immer wieder seine Mitfahrer wecken. Im Endeffekt nervte es ihn und der riesige alte Mann in einer Schirmmütze, der vor dem Glatzkopf saß, erklärte ihm eingängig, wie man den richtigen Ort nicht verpasst. „Hab keine Angst, wenn wir die Strecke umfahren, dann spring direkt raus, das wird schon.“ Als der Glatzkopf dachte, dass der Alte scherzt, überfuhr der Bus mit Krawall die Eisenbahngleise und blieb Staub aufwirbelnd stehen. Das war nicht einmal eine Stadt, sondern ein kleines Dorf. Ein paar alte Häuser, neben welchen Hühner umher gingen. Es roch nach Rauch. Nicht weit weg, sah man eine Haltestelle, ein Einetagenstall, neben dem auf der Bank ein Aufseher, zugedeckt mit einer gelben Weste schlief. Der Glatzkopf ging an ihm vorbei, sich nach Menschen umschauend, bei denen man nach dem Weg fragen konnte aber er sah niemanden und kehrte zurück. Vorsichtig berührte er die Schulter des Schlafenden, drückte dann etwas fester und fing an ihn zu schütteln, bis der Aufseher seine betrunkenen, trüben Augen öffnete. Der Glatzkopf reichte ihm einen Zettel mit einer Adresse. Der Aufseher bewegte die Lippen lesend, winkte dann mit der Hand und drehte sich weg. Von der Haltestelle führte ein Weg nach links. Dort hinter den Bäumen plätscherte ein Fluss oder Bach. Der Glatzkopf folgte dem Geräusch. Das Ufer war flach, aus dem Wasser schaute der alte Bug eines untergegangenen Bootes heraus. Der Glatzkopf ging in die Hocke, schöpfte etwas Wasser und wusch sich das Gesicht. Auf dem anderen Ufer des Flusses breitete sich der Wald direkt vom Wasser aus. Von dort liefen plötzlich zwei Pferde, ein weißes und ein braunes, die den Glatzkopf erschraken. Sie tranken gierig das Wasser und dann, schnaufend und zitternd vor Vergnügen, begannen sie sich im Staub zu wälzen. Endlich stand die Stute wieder auf und rannte in den Wald. Die Braune lief ihr hinter her, kam näher. Sie rieben sich gegenseitig die Mäuler und verschwanden hinter den Bäumen. Der Glatzkopf atmete tief ein und setzte sich in den Staub. Und es wurde ihm so warm ums Herz als ob hier und jetzt der Fluss für ihn floss und nur für ihn die rennenden Pferde da seien und dieses gekenterte für immer still liegende Boot. Dem Glatzkopf wurde augenblicklich klar, dass während er dort seine Sendungen drehte, hier genau so der Fluss dahinplätscherte und die Bäume ihre Blätter bewegten aber das alles wurde erst so lebendig und wirklich, als er erschien, er, der das alles beobachten konnte und sich darüber freuen. Als ob sein Aufatmen ihn gerufen hätte, kam ein heftiger Wind auf, der Staub wurde aufgewirbelt. Der Glatzkopf kniff die Augen zusammen und hörte ein leises Quietschen, irgendwo hinter seinem Rücken. Sich umdrehend, sah er zwischen den Bäumen ein schiefes Haus, zugewachsen mit Hanf und Wermut, sodass er an ihm vorbei ging ohne es zu bemerken. Die Gesetzmäßigkeit der Ereignisse ahnend, stand der Glatzkopf auf und näherte sich dem Haus. Auf der Wand war eine Nummer mit weißer Farbe geschrieben. Der Glatzkopf sah auf den Zettel mit der Adresse und schrie vor Freude auf. Er betrat das Haus nicht sofort, sondern umging er es von allen Seiten. Er stellte sich geschäftig vor, dass die Bäume noch Früchte tragen konnten wenn man den Hof vom Unkraut befreit, berührte die abgepellten, tönernen Wände des Hauses, aus denen das Schilfrohr heraus schaute und fing an sich als Hausherr zu fühlen. Die vom Wind halb geöffnete Tür begann wieder zu quietschen. Der Glatzkopf ging hinein und schloss die Tür hinter sich, mit Mühe von Innen das Schloss abriegelnd. Mit einem unangenehmen Vorgeschmack drehte er sich um, um das einzige, jedoch große Zimmer zu betrachten. In mitten des Raumes stand ein Tisch, zugedeckt mit einer alten, bunten Tischdecke mit irgend welchen asiatischen Mustern. Links von ihm stand ein nicht zu Ende gebauter Steinofen und neben diesem stand ein Eisenbett mit einem Haufen Sachen drauf. Es roch nach Feuchtigkeit und Mäusen. An den Wänden hingen Bilder, die wahrscheinlich aus Büchern heraus gerissen wurden. In der Ecke lehnten zwei Hocker aneinander und ein Regal stand daneben mit irgend welchen gefüllten Flaschen, Gläsern und bereits verbrannten Kerzen. Das alles verunsicherte den Glatzkopf nicht. Im Gegenteil, er wollte all diesen Dingen zeigen, dass er angekommen war und bereit die Oberhand über sie zu halten. Der Glatzkopf knipste den Lichtschalter und nahm war, dass die Lampe durchgebrannt war oder es gar keine Elektrizität gab. Hinter dem Regal fand er Besen und Schippe und begann aufzuräumen, hoffend das Haus bis zum Ausbruch der Dunkelheit in Ordnung zu bringen. Draußen rauschte der Wind, der Himmel war von Wolken bedeckt. Im Halbdunkel fegte er Mäuse – Leichen weg, Stücke von Backsteinen, Nägel, alles zur Türschwelle fegend. Dann fand er in einer Tasche ein Essenspäckchen, verteilte die Lebensmittel auf dem Tisch und räumte den Müll in die Tüte, die er vor die Tür stellte. Als es bereits ganz dunkel war, zündete der Glatzkopf eine Kerze an und aß Abendbrot – Ölsardinen, Brot, Käse und trank dazu einen Tomatensaft. Er hatte nur wenig Essen dabei, aber er rechnete damit, am nächsten Tag, irgend wo in der Nähe einen kleinen Laden zu finden und deswegen aß er alles auf. Das Essen war lecker, irgendwie besonders gut. Der Glatzkopf dachte, dass Anja jetzt wahrscheinlich alle Sorgen vergessend, bereits ihre Freundin getroffen hat und sie in ein Restaurant zum Abendessen ausführte. Und wahrscheinlich lachten die beiden lauter als die Musik, in Erwartung des zweiten Gerichts. Plötzlich fühlte er sich einsam, aber ein neuer Windstoß kam auf, hinter dem Fenster leuchtete es auf, es donnerte am Himmel und Kraft sammelnd rauschte der Regen und von seinen Schlägen wurde es wieder leicht auf dem Herz und fröhlich. Die Kerze beleuchtete leicht das Zimmer, die Tür war verschlossen, das Haus ließ die Nacht und das Gewitter nicht in sein Inneres, den Glatzkopf behütend. Und am aller seltsamsten war es, dass der Glatzkopf nicht wusste, womit er sich in einer Minute, in einer Stunde, morgen und übermorgen beschäftigen würde. Er war komplett sich selbst überlassen, außerhalb von Grafiken und Stundenplänen, außerhalb von Befehlen und Tipps. Der Glatzkopf spürte physisch, wie sich seine Schultern gerade bogen, sich von der unsichtbaren Last befreiend. Er ergab sich dem Windstoß, öffnete er das Fenster, lehnte sich daran, blinzelte, hielt das Gesicht ins Wasser und lachte glücklich auf. Der Glatzkopf stellte sich vor, wie süß er die ganze Nacht schlafen würde, bis zu den ersten Hühnern. Irgendwie war er davon überzeugt, dass morgens Hühner gackern würden. Er hatte einen Schlafsack dabei, wollte sich aber nicht auf den Boden legen. In den Ecken raschelten die Mäuse. Im Kerzenlicht meinte er irgend welchen alten Decken auf dem Bett zu sehen. Er beschloss sie auf den Boden zu werfen und die ganz kaputten weg zu schmeißen. Sich von der feuchten Kleidung befreiend, den Kopf abtrocknend, sowie das Gesicht und den Körper, nahm der Glatzkopf eine Kerze und näherte sich dem Bett. Die Flamme flackerte vom Wind und in diesem verzerrten Licht schien es ihm als ob etwas in der Ecke glänzen würde. Er näherte die Kerze näher und erblickte das Gesicht einer Alten, die auf ihn mit weit geöffneten Augen blickte. Der Stationsaufseher, sich in der Bude vor dem Regen versteckend, wachte von einem weiten, wilden Schrei auf, der das Geräusch des Gewitters übertönte, schaute auf die Uhr, und unzufrieden etwas murmelnd, schlief er wieder ein. Schwer atmend saß der Glatzkopf da, den Kopf umfassend, vor der Tür. An so einen Verrat zu denken war er nicht in der Lage. Die Alte schien nicht glücklich zu sein. An den Lippen knabbernd, fing der Glatzkopf fast an zu weinen und rieb den Kopf mit zitternden Fingern, als ob er sich bemühen würde das aus dem Gedächtnis auszukehren. Die Alte war klein, sie lag in der selben Ecke, zugedeckt mit der Decke bis zum Kinn und ihr Gesicht war rein und zufrieden. Es schien, als sehe sie jetzt etwas Verwunderliches, Wunderschönes, das Allerteuerste in ihrem Leben. Ihre Augen schließen oder wenigstes ihr Gesicht mit einer Decke überdecken, konnte der Glatzkopf nicht. Das wäre genau so frevelhaft wie wenn man einem Waisenkind sein Lieblingsspielzeug wegnehmen würde. Sein erster Impuls war so schnell wie möglich weg zu gehen, zu vergessen, zu verschwinden, aber das Gewitter war so heftig, die Ausbrüche des Windes aushaltend und zurück in die Stadt zu fahren , war unmöglich. Nachdem etwas Zeit vergangen war, hat sich der Glatzkopf beruhigt, mied es aber das Bett anzusehen. In seinen Schlafsack eingewickelt, machte er es sich auf dem Bett gemütlich, nachdem er von da die Essensreste weg geräumt hat. Im Zimmer mit einem Toten zu übernachten, konnte der Glatzkopf nicht, aber er hoffte wenigstens sich aufzuwärmen und zu erholen. „Im Endeffekt ist sie tot,“ dachte er laut nach: „liegt einfach da, ein wohlwollendes Großmütterchen. Seltsam ist es aber nicht schrecklich. Ich werde morgen früh zur Haltestelle gehen und alles erzählen, dann wird sie mitgenommen.“ Nun, mit jedem Aufleuchten des Blitzes, sah der Glatzkopf ihre Silhouette, „heilig ist diese Großmutter“ fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf. „Im Haus ist nichts, kein Essen, kein Geschirr, nur Bildchen an den Wänden. Sie konnte nur dank des heiligen Geistes überleben, deswegen wirkt auch ihr Gesicht so erleuchtet und sie ist noch ganz geblieben, ist sie wahrscheinlich nicht erst seit gestern tot. Mein Gott, eine heilige Einsiedlerin.“ Und der Glatzkopf bekreuzigte sich. Von diesem Gedanken klopfte das Herz ruhiger, die Gedanken beruhigten sich auch und plötzlich durchfuhr ihn ein neuer Gedanke. Er sprang auf und hätte beinahe den Tisch umgeworfen, er griff nach der Kerze und begann die Bilder der Heiligen, die an den Wänden hingen, zu beobachten. Auf ungeraden, aus einem Buch ausgerissenen Blättern, waren Gegenden und punktierte Linien aufgezeichnet, die sich in verschiedenen Ecken überschnitten, außerdem waren sie mit Ziffern und griechischen Buchstaben ausgeschmückt. Der Glatzkopf fühlte, dass darin ein Geheimnis verborgen liegt, das vor dem Tod der Alten gelüftet wurde. Die Angst vor der Leiche wurde durch eine angstvolle Begeisterung und Ehrfurcht abgelöst. Die Gleichzeitigkeit der Illustrationen aus einem Physik-Schulbuch suggerierte dem Glatzkopf noch mehr Vertrauen, er sah in dieser Personifikation die Verschmelzung von Geist und Vernunft, des Gewöhnlichen und Wissenschaftlichen, des Erklärbaren und Überhöhten. Diese Schemata entziffern konnte der Glatzkopf nicht, aber er spürte mit dem Herzen, dass er jetzt den Rand des Schleiers berührte und irgendwo in der Nähe befindet sich die Quelle für alles. Und das Licht dieser Quelle schien bereits durch den Schleier. Er spürte, dass er sich nach dem Willen des Schicksals an dem Ort wieder fand, wo er noch nicht durch schlüpfen konnte, der Ort, der die menschliche Welt mit der Göttlichen verband; an dem Ort, wo der Mensch die Geheimnisse des Seins durchschaute, so wurden ihm die Tore in die andere Welt geöffnet. Und es kam ihm so vor, als ob durch die Lücke dieser sich schließenden Türen, er jetzt etwas sehen konnte, was die Alte vor ihrem Tod gesehen hat. Nicht daran glaubend, ließ der Glatzkopf die Kerze stehen und rieb sich die Augen und plötzlich, als ob sie von dieser Bewegung verursacht wurden, begannen aus seinen Augen Tränen zu kullern. Der Glatzkopf stellte mit Vergnügen fest, dass er weint. Seine Brust begann zu zittern, der Rücken juckte. Der Glatzkopf fiel auf die Knie und heulte los. Er weinte, die Tränen mit der Hand weg wischend, schluckend und sich schnäuzend, schluchzend, mit den Händen winkend und sich von Seite zu Seite schaukelnd. Er schrie mit schriller, weiblicher Stimme, lachte, gluckste und heulte. Er machte Grimassen, blies die Nasenlöcher auf, prustete und wand und drehte sich auf dem Boden. Mit jeder Bewegung und jedem Laut, spürte er, wie er sich veränderte. Er fühlte, wie sich Schicht nach Schicht von ihm löste, wie er sich von der engen Kleidung befreit, von fremden Worten, Enttäuschungen und Wünschen, wie sich der Müll von Ohren und Kopf befreit, wie die Menschen von den Schultern runter rollen und die Steine vom Hals. Er warf Hülle für Hülle von sich runter, mit Genuss spürend, wie er leichter und leichter wurde. Zum ersten Mal seit vielen Jahren machte er das worauf er Lust hatte und machte es aus voller Kraft. Und als ihm bereits schien, dass er fast am Ende angekommen war und unter der nächsten Schicht nichts mehr war, hat es aufgehört zu regnen. Der Glatzkopf lag auf dem Boden, verkrümmt, die Knie ans Gesicht gezogen und fühlte nichts, absolut nichts. In der Brust klingelte es leise. Und in dem Moment begannen hinter dem Fenster die ersten Vögel leise an zu zwitschern. „Ich will schlafen,“ dachte der Glatzkopf. Er stand auf und blickte die Alte an. Diese, wie immer, schaute ruhig und fröhlich nach vorne. Der Glatzkopf spürte seine überfüllte Liebe und Dankbarkeit. Sich schüttelnd, kletterte er auf das Bett. Das Netz hing durch und die Alte drehte sich mit dem Gesicht zu ihm. Der Glatzkopf richtete ihr Kissen zurecht, kroch unter die Bettdecke, sich nah an die Alte schmiegend, sowie Kinder sich an ihre schlafende Mutter kuscheln und schlief ein.
Die siebte Flucht. Fatamorgana
Die Schale zerbrach in Stücke. Michail Jakovlevič liebte genau diese Schale mit den „Gurken“ und trank nur aus ihr. Zornerfüllt schrie er die Helferin an, obwohl er verstand, dass er selbst schuld war, hat ungeschickt nach der heißen Schale gegriffen und konnte sie nicht halten. Die Helferin wischte sich die Tränen weg und begann die Scherben einzusammeln, er wollte es nicht sehen, stand auf und ging ins Büro. Das Fenster bot die Sicht auf die laute, zentrale Straße, voller dunkler Händler, verirrter Touristen und friedlicher Köter. Hinter den roten Häusern aus Ton, sah man die Türme der Minaretten und die Kronen von Pappeln. Die Uhr schlug Mittag und gemeinsam mit ihrem Klang ertönte von weitem das langgezogene Lied des Muezzins, die Zeit des zweiten Namaz ankündigend. Viele Händler ließen die Touristen im Stich und gingen in ihre Läden um zu beten. Der Muezzin sang schon. Die Luft roch nach heißem und feuchtem Gras. Es war bereits der dritte Tag, an dem Michail Jakovlevič den Sessel des ermächtigten Stellvertreters einnahm und es war furchtbar demütigend, dass alles so begann. Vom alten Standort brachte er zwei große Koffer mit persönlichen Sachen mit sich, ohne die er nicht konnte: Eine Sammlung Uhren, bunte Krawatten, eine zarte Oboe, die er seit langem, aber erfolglos zu spielen pflegte, gelesene, zerfledderte Bücher, schwere und aromatische Kaffee – Päckchen, ein paar Brillen zum Auswechseln und dann noch die Schale mit den Gurken. Michail Jakovlevič tat nicht einmal die Schale leid, sondern sein Verhalten, dass er die Emotionen nicht bei sich halten konnte. „Wahrscheinlich ist es das Klima,“ dachte er sich, „hier ist es zu warm um kaltblütig zu bleiben.“ Er mochte die Stadt. Er mochte dieses Organische, mit dem hier das Vergangene mit dem Zukünftigen verschmolz. Die epochen -alten Moscheen und Schlösser, die schreienden Händler in ihren Tjubetejkas, die Pyramiden der Wasser – und Honigmelonen. Man hatte das Gefühl, dass hier alles unveränderbar blieb im Lauf von einigen Jahrhunderten. Und dazu kam ganz natürlich – man sah, Bergen ähnelnde Hochhäuser. In den Moscheen und Schlössern leuchteten elektrische Lampen, hier und da gab es Kamera-Blitze, irgend jemanden aus der Menge heraussuchend und ihn knipsend und das Gesicht dieses Glücklichen wurde sofort von einem Lächeln beleuchtet, als ob in diesem Moment eine Erleuchtung über ihn einher ging. Realisierend, dass er keine Lust hat, sich mit Papierkram zu beschäftigen, entschied Michail Jakovlevič eine Runde spazieren zu gehen. Die Mütze über die Augen schiebend, um sich vor der Sonne und neugierigen Blicken zu verstecken, machte er einen Spaziergang um die Botschaft herum, rauchte eine auf der Bank neben dem Springbrunnen, kaufte eine aromatische Honigmelone bei einer alten Händlerin, die sie direkt in der Karre verkaufte. Danach erschien er noch etwas zu gehen und schenkte die Honigmelone zwei Mädchen, die ihn darum baten. Er nahm sie wie Geschwister wahr aber dann fing er an zu zweifeln, beobachtend wie eine von beiden, die Ältere ganz blond war, hell. Die Mädels nahmen die Honigmelone, waren aber nicht ganz glücklich und Michail Jakovlevič dachte, dass er ihnen auf dem Rückweg etwas Kleingeld geben würde. Die Straßen waren schmal und kurvig und deswegen orientierte er sich, an den über den Häusern, sich erhebenden Minaretts mit einer blauen, runden Spitze. Dort, wo der Durchgang etwas breiter wurde, bildeten sich von der Sonne beleuchtete kleine Wiesen, auf welchen sich Katzen sonnten. Sie machten die Augen auf, seine Schritte spürend und rollen sich zusammen, bereit jeden Moment zu springen, doch sie bewegten sich nicht, darauf wartend, das Michail Jakovlevič an ihnen vorbei geht. Ab und zu traf man Pfützen aus Seifenwasser, es sah danach aus, das die Einheimischen nach dem Wäschegang das Wasser direkt auf die Straße schütten aus der oberen Etage. Darüber nachdenkend begann Michail Jakovlevič aufmerksamer nach oben zu schauen. Endlich traten die Wände auseinander und er betrat einen vom Licht überfüllten Platz, in dessen Mitte, zitternd und fast in den Himmel fliegend ein altes Schloss stand, die Raketen der Minaretten zogen sich zur Sonne. Das Schloss war riesig. Es schien wie ein Trugbild zu sein, das durch den ersten Windstoß zerstreut wird. „Höchstwahrscheinlich wird alles drumherum verschwinden, nur das Trugbild bleibt.“ Michail Jakovlevič erzitterte und drehte sich um. Hinter seinem Rücken stand ein Alter mit einem Besen. Der Alte schmunzelte: „Alle denken so, Sie sind nicht der Erste. Ich hatte als Kind selbst Angst, das Innere zu betreten, dachte das wird mit mir zusammen verschwinden. Dann berührte ich jedoch die Wände, gewöhnte mich dran und beruhigte mich. Sie sind nicht lange hier? „Ja“ nickte Michail Jakovlevič verwirrt. „Dann kommen Sie rein. Das war früher so, dass man keine Freaks rein gelassen hat und nun bauten sie ein Museum, nehmen Eintrittsgeld. Sehen Sie, da vorne ist die Kasse. An der Kasse standen Touristen, ca. fünf Leute. Darauf wartend dran zu kommen, verstand Michail Jakovlevič warum er Freak genannt wurde, und das gefiel ihm nicht. Dahinter verbarg sich irgend eine versteckte Aggression, so nach dem Motto – wir haben uns damit angefreundet, dass du hier bist. Wir werden dich nicht mehr stören aber beobachten. Sei vorsichtig. Ihm wurde direkt unbehaglich zumute. Auf einmal entschied er sich dagegen, das Museum zu besuchen und beeilte sich, spürte auf sich die neugierigen Blicke und ging er weg. Wenn er sich auf dem Hinweg an den Dächern der Minaretten orientierte, so hatte er nun keine hilfreichen Zeichen. Er ging immer noch die schmalen, kurvigen Gassen entlang, sich bemühend den Weg in seiner Erinnerung hervor zu rufen. Doch je weiter er sich vom Museum entfernte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass er sich verlaufen hat. Nach wie vor begegneten ihm faule Kater und schmutzige, seifige Pfützen. Auf seine Intuition hoffend, bog er mal hier, mal da ab aber er konnte nicht die zentrale Straße erreichen, die zur Botschaft führte. Wolken kamen auf und der Regen fing an zu tropfen. Ein paar Mal irgendwo vorne funkelten menschliche Figuren, doch wenn Michail Jakovlevič sie rief, verschnellerten diese erschrocken den Schritt, entweder sie bogen ab oder sie betraten ein Haus. Ein paar Mal klopfte Michail Jakovlevič an Türen, warf Steinchen ins Fenster, aber es kam keiner und rief keiner. Mehr böse als verschreckt sah er darin noch einen Beweis seiner Fremdartigkeit dieser Stadt gegenüber. Die Straßen schienen leerer zu sein, ihn nicht aus ihrem Labyrinth gehen lassen zu wollen. Im Endeffekt setzte er sich auf die Vortreppe des Hauses, das an einer Weggabelung stand, deren fünf Wege in verschiedene Richtungen gingen. Michail Jakovlevič wollte eine rauchen aber die Zigaretten waren alle und das reizte ihn auch sehr. Plötzlich hörte man Schritte und Lachen und die beiden Mädchen mit den verschmutzten Gesichtern liefen auf die Kreuzung. Michail Jakovlevič erkannte sie sofort – die selben Bettlerinnen, welchen er vor einer Stunde die gelbe Honigmelone geschenkt hat. Sie erblickten auch ihn und blieben unsicher stehen. Aus Angst die beiden zu vertreiben, lächelte Michail Jakovlevič breit und sagte: „Hallo Mädels! Na wie geht es euch? Wie ist die Honigmelone? Gefiel sie euch? Die Mädchen schwiegen mit finsterem Blick aber blieben stehen. „Sprecht ihr russisch? Ja?“ fragte Michail Jakovlevič: „Wollt ihr euch etwas dazu verdienen?“ Er kramte in seinem Portemonnaie, nahm ein paar Scheine heraus und zeigte sie den Mädchen. „Ich habe mich etwas verlaufen. Begleitet mich und ich gebe euch etwas Geld. Einverstanden?“ Die Mädchen schauten sich um. Die Ältere nickte, kam näher und streckte die Hand aus. Michail Jakovlevič schob ihr das Geld hin, direkt in die schmutzige Hand. Zuerst gingen die Mädchen vorne, Abstand wahrend zu Michail Jakovlevič, dann beruhigten sie sich jedoch und gingen in seiner Nähe. Sie schienen wirklich Schwestern zu sein, aber den Vater kannten sie nicht. Michail Jakovlevič sah dann den Grund der Unterschiedlichkeit ihrer äußeren Erscheinung, die Mutter verließ sie vor einem Jahr, zog mit einem fremden Mann in eine fremde Stadt, vielleicht sogar Land. Die Ältere von den beiden hieß Nijara, sie war zwölf, abgesehen vom Alter war sie schon am arbeiten – sie wusch abends den Boden in einer ärmlichen Teestube und an Wochenenden ging sie mit dem Schwesterchen auf die Zentralstraße bei Touristen Geld einsammeln. Die jüngere, sechsjährige Žanel’ka kümmerte sich um den Haushalt. Für das Zimmer, in dem sie früher mit der Mutter zusammen lebten, konnten die Mädchen nicht zusammen aufkommen, aber sie fanden Platz auf dem Dachboden eines großen, neuen Hauses und ließen sich da nieder. Die Mädchen erzählten von ihrem Leben ruhig, ohne Scham und das berührte Michail Jakovlevič besonders. Er erinnerte sich plötzlich daran, wie er sich morgens wegen der zerbrochenen Schale geärgert hat. Dies erschien ihm nun als Firlefanz, als Unsinn, als Bockmist. Er wurde nie warm mit Kindern, normalerweise waren sie zu zickig, eigenwillig und zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Doch diese schmutzig-gesichtigen Schwestern waren richtig und ehrlich, sprachen klar und besonnen und er kam auf die Idee, die beiden zu adoptieren, Erschrocken distanzierte sich Michail Jakovlevič von diesem Gedanken, sich selbst damit rechtfertigend, dass er ständig auf Reisen sei und keine Erfahrung in der Erziehung von Kindern habe. Aber der Gedanke begann sich selbst zu entwickeln. Er stellte sich vor, wie er von der Dienstreise zurück kehrt und von glücklichen Schreien empfangen wird: „Papa, Papa ist zurück.“ wirft sich ihm Žanel’ka an den Hals und Nijara ist schüchtern aber kann nicht die Freude zurück halten und er dreht sich zu ihr um, damit auch sie umarmt werden kann. Und dann ziehen sie ins Speisezimmer. „Papa, guck schneller, das ist für dich,“ und da steht ein Fleischkuchen, sein Lieblingsgericht, übersät von Spuren von fleißigen Mädchenfingern. „Und jetzt spazieren,“ sagt er und die Mädchen laufen in ihre Zimmer, kehren aber zurück: Nijara in weiß, Žanel’a in rosa mit Spitze. Und er holt aus dem Koffer Geschenke heraus. Für Nijara eine silberne, mit Steinchen bedeckte Libellen-Spange, für Žanel’ka einen Haarreif mit lustigen Hasen und sie gehen sich Händchen haltend raus und die Fußgänger drehen sich lächelnd um: „Was für eine angenehme Familie.“ Und abends liest er ihnen Märchen vor. Nijara tut so als sei sie schon erwachsen, das sie kein Interesse mehr habe, hört aber zu. Und Žanel’ka reißt vom fokussierten Zuhören den Mund auf, sie kann es nicht erwarten zu erfahren, was passieren wird als nächstes, aber Seite folgt auf Seite, sie begann langsam zu dösen und da schlafen sie beide. Und Michail Jakovlevič küsst sie zärtlich auf die Stirn und macht das Licht aus. Die Phantasie schien ihm so real zu sein, dass er sich fast ärgerte, die Augen senkte und als er die Mädchen sah, wieder zu sich kam. „Wir sind fast da,“ sagte Najara. Und tatsächlich um die Ecke abbiegend, befanden sie sich auf der Zentralstraße. In der Weite sah man das Gebäude der Botschaft. Die Schwestern blieben stehen. Michail Jakovlevič blickte auf, stellte sich vor, wie sie auf ihren Dachboden zurück kehren, sagte aber nichts und öffnete die Tür. Michail Jakovlevič führte die Schwestern in sein Büro und setzte sie auf das Sofa. Sie setzten sich auf den Rand, bereit jede Minute wieder auf zu springen. Michail Jakovlevič hob den Hörer ab um das Essen zu managen, aber plötzlich schaute er die Mädels an und verstand, dass in einer solchen Erscheinung er sie nicht in die Gaststätte führen konnte. Sie saßen angestrengt da, wie Wolfskinder, seltsam, fremd an diesem Ort. Michail Jakovlevič kam es vor als ob er mit kaltem Wasser übergossen wurde. Wie mit dem Wind wurde das Trugbild weggeweht, das in seinem Kopf entstanden war. Hier in seinem Büro, inmitten seiner Sachen spürte er unerwartet die Fremdartigkeit dieser dreckigen Mädchen, sah die komplette Unvereinbarkeit ihrer Welt mit der seinen. Wie nur konnte es in seinem Kopf kommen, das er mit diesen Kindern leben könnte. Als ob es nicht genug Bettelkinder gäbe. Najara, beobachtete ihn, spürte die eingetretene Pause und stand auf. „Wir haben keinen Hunger, geben Sie uns einfach Geld, dafür das wir Ihnen geholfen haben.“ „Ich habe bereits gezahlt!“ verzog Michail Jakovlevič erstaunt die Brauen. „Das ist zu wenig, wir brauchen mehr.“ „Das ist eine Frechheit,“ Michail Jakovlevič freute sich darüber, dass er einen Grund gefunden hat, sie zu vertreiben. „Los, weg von hier, ihr bekommt keine Kopeke mehr von mir.“ „Gib uns das Geld“ sagte Nijara, „sonst werden wir hier etwas veranstalten, du wirst nicht froh darüber sein. Ich werde gleich los schreien und wenn man sich uns nähert, sage ich die ganze Wahrheit.“ „Welche Wahrheit?“ wunderte sich Michail Jakovlevič. „Dass du uns vergewaltigen wolltest.“ „Das gibt’s doch nicht.“ dachte der Stellvertreter des äußersten Beauftragten. „Denn es riecht nach einem Skandal. Das Mädel ist nicht dumm!“ „Man wird mir glauben, nicht euch,“ sagte er endlich. „Nein,“ wackelte Nijara mit dem Kopf, „Man wird uns glauben. Wir sind zu zweit und du bist allein. Außerdem bist du hier ein Fremder. Fremde lügen immer. Besonders Männer, reiche Männer. Also gib uns das Geld.“ Michail Jakovlevič begab sich langsam zum Tisch und holte aus einer Kiste eine Zigarrenbox heraus. Im Zimmer war es so warm, das das Hemd unangenehm am Körper klebte und an den Schläfen hämmerte. Michail Jakovlevič öffnete die oberen Knöpfe, zog eine Zigarette heraus und sich so in den Sessel setzend, dass er die Sehne nicht berührte, fing er an zu rauchen. „Also, wie viel willst du?“ fragte er , den Rauch auspustend. „Ein Tausend,“ sagte Nijara, „oder zwei, alles was Sie da haben“ „Und wenn ich Hundert Tausend habe,“ schmunzelte Michail Jakovlevič, „oder wenn ich gar nichts habe?“ Ich fange gleich an zu schreien,“ Sagte Nijara. „Nein, nein, nicht nötig“ winkte Michail Jakovlevič mit der Hand. Er nahm den Geldbeutel und schüttelte seinen ganzen Inhalt auf den Tisch aus. „Ich weiß nicht, wie viel das ist, aber mehr habe ich nicht, ehrlich.“ er rückte mit der Hand den Haufen Scheine und Münzen auf die gegenüber liegende Seite des Tisches. Nijra ging zum Tisch und begann den Haufen zusammen zu sammeln, das Geld unter die Achsel stopfend. Unter ihrem Hemd konnte man kleine, runde Brüste erkennen und Michail Jakovlevič spürte sofort, das er in Erregung geriet. Schwer atmend wischte er sich mit zittriger Hand den Schweiß aus dem Gesicht. In den Augen juckte es und davon wirkte alles drum herum irreal, wie in einem Traum. „Wie warm es hier ist,“ dachte er, bereits verstehend, dass er sich nicht halten kann. Irgendwo am Rande des Unterbewusstseins geriet der Gedanke über die zerbrochene Schale in Bewegung und er versuchte daran kleben zu bleiben, sich selbst aus dem Dunst raus zu ziehen, doch es war schon zu spät. Die Hitze überfiel ihn, und er, die Zigarette weg werfend, beugte sich nach vorne, packte Nijara an den Haaren und drückte ihr den Mund zu. Nijara heulte auf und krallte sich mit ihren Händen in ihn, versuchend sich loszulösen. Žanel’ka verstummte und saß erschrocken auf dem Sofa, die Augen vor Schreck aufreißend. „Tzz!“ sagte Michail Jakovlevič, „Man muss nicht schreien.“ Er begann vorsichtig den Tisch zu umrunden, Nijara haltend, aber sie zuckte plötzlich auf und biss in seine Hand. Und als er reflexartig seinen Arm weg zog, konnte sie sich befreien und schrie laut. Mit einem Sprung kam Michail Jakovlevič ihr näher, warf sie mit aller Kraft aufs Sofa und das Kissen greifend, drückt er ihr Gesicht zu, den Laut dämpfend. Žanel’ka, die sich immer noch nicht bewegte, drückte er an sein Gesicht und sie mit dem Ellbogen nieder drückend, schob er Nijaras Rock nach oben und versuchte ihr die Unterhose auszuziehen. Das hatte er fast geschafft als er plötzlich spürte, wie etwas nasses sein Bein hinunter läuft. Michail Jakovlevič schaute genauer hin und sah, wie unter Žanel’kas Beinen auf dem Marmorboden sich eine gelbe Pfütze ausbreitete. Auf einmal sah er sich von der Seite – rot, zerzaust, mit wahnsinnigen Augen. Im Schreck drehte er sich um und Nijara, dies spürend, warf das Kissen vor sich und kroch hervor. Žanel’kas Hand umfassend, nahm sie alle Kraft zusammen und schlug Michail Jakovlevič auf die Nase. Vor Schmerz erblindete er für eine Sekunde, als ob der Blitz einer Kamera ausgelöst wurde und ihn blendete und in dieser weißen Blindheit wurde das durchsichtige Schloss durchgeschlagen, das sich mit seinen Minaretten zur Sonne neigte, schlug durch und verschwand und es blieb nur das Chaos des dunklen, stickigen Zimmers, in dem nun weder Nijara noch Žanel’ka anwesend waren. Michail Jakovlevič wollte dem Pförtner Bescheid geben, dass er sie anhalten solle, entschied sich jedoch anders. Aus dem Fenster sah er wie die Schwestern nach draußen liefen. Die Abendlaternen sind gerade erst angegangen, aus teuren Kneipen drang Musik, die Läden leuchteten einladend. Die abendliche Kühle feiernd, gingen die Menschen nach dm heißen Tag spazieren. Die Mädchen verschwanden schnell in der Menge und erst dann machte der Fremdling dieser Stadt, Michail Jakovlevič, die Vorhänge zu.