Rezension zu: Aigerim Tazhi „Paper- thin -Skin 2019“ (Translated by J. Kates)

Von Lena Muchin

Aigerim Tazhi wurde im Jahr 1981 in Aktobe, in Westkasachstan geboren. Bis jetzt wurde 2004 ein Gedichtband mir dem Titel „БОГ-О-СЛОВ“ veröffentlicht, ein Wortspiel das als „GOTT-DER-WÖRTER“ gelesen werden kann. Sie bekam mehrere literarische Auszeichnungen, unter anderem war sie 2011 im Finale des ehrenvollen, russischen Preises für Poesie: „Debut“. Ihre Arbeiten wurden ins Englische, Französische, Polnische, Kasachische, Usbekische und Armenische übersetzt.

Tazhi war eine der BegründerInnen des literarischen Projekts „The Visible Poetry“ in 2008. Sie lebt in Almaty. „Ich lebe in Kasachstan“, sagt sie, „aber geboren wurde ich in der Sowjetunion. Wir hatten ein eigenes Land, eine gemeinsame Hauptstadt (Moskau) und die Amtssprache war russisch.  Deswegen sprachen wir in der Schule und auf der Straße russisch. Ich habe diese Sprache nicht gewählt. Dies ist einfach die Sprache, die ich seit meiner Kindheit gesprochen habe.“ Aus dem Russischen ins Englische übersetzt wurden die neuen Gedichte des Bändchens Бумажная Кожа (Paper-Thin-Skin) von J. Kates.

Mal mit Schwung, mal vorsichtig herantastend, mal phantasmagorisch erzählt Aigerim Tazhi in ihren Gedichten, von Menschen, die halb Tier sind: „В песочнице под грибком/ уснул челoвек-оборотень,/ наполовину волк,“ (In a sandbox under the playground mushroom/ a man-shapeshifter has fallen asleep/ half of him wolf) (S.124f.) und von Reisenden, die im Kamelschritt wandern(S.2). In ihrem manchmal fragmentarischen Charakter, erinnern die Gedichte an die Lyrik Vasko Popas. Doch auch die Andeutung auf das Nomadische ihrer Heimat, in ihrer Lyrik jedoch ein nomadisch – fluider Raum, Kasachstan, klingt hier an, so dass man sich direkt in die Weite des Meeres – der Steppe versetzt fühlt: Оттолкнушись от старого корабля/ бежит к берегу маленькая волна…/Одеялом мягок морской песок. (Pushed away from an old ship/ a little wave runsup on the beach…/ Onto sea and soft as a blanket) (S.138f.)und im folgenden Ausschnitt: Пусть слышат они только море,/ Стaрое море, новое море./А мы пока накричимся /и выкричим горе. (Let them hear only the sea,/ The old sea, the new sea./ While we keep crying out/ crying out our grief) (S.76f. )Die zentrale Rolle jedoch spielt hier der urbane Raum: Treppenhäuser, „Der Chor der Autos.“ usw. (S.82)Ebenfalls von Bedeutung ist die Natur innerhalb dieses Raumes: „Кажется, больше места/ Стало – ты будешь рад/ Старый лимон на лето/ Вынесли в сад./ В комнате слишком душно./ Тихие голоса/ Резко прервёт кукушка -/ белое брюшко,/ Пластмассовые глаза.

(It seems the more room/ there is – the happier you’ll be./ An old lemon for the summer/ Taken out to the garden./ The room is too stuffy./ Quiet voices/ A cuckoo suddenly breaks in-/ A white belly./Plastic eyes) (S.62f.)

Aus einem Interview mit der Autorin geht hervor, dass Heimat für sie keine eindeutige Bedeutung hat, diese, so die Autorin, trage in sich mehrere Bedeutungen. Für sie ist Heimat der Ort, an dem sie die Kindheit verbracht hat. Da ist alles bekannt, heimisch. Es muss nicht mal eine konkrete Stadt sein, sondern eine Kombination aus Natur, Klima , Essen, Menschen, Gerüchen und Wörtern:

„Мне кажется, что родина – понятие, у которого нет однозначного определения, оно несёт в себе очень много смыслов. Для меня родина – это место, где прошло моё детство. Всё там знакомое, родное. Но это даже не конкретный город, а некое особенное сочетание природы, климата, еды, людей, запахов, слов.“ Auf die Frage, ob Aigerim Tazhi irgendwann auf kasachisch schreiben wird, antwortet sie, dass sie in der Sowjetunion geboren wurde, wo die vorherrschende Sprache russisch war: „Это язык, на котором я говорю с детства, потому и стихи я пишу на нём.“ Ihr Projekt „Наглядная поэзия“ (nagljadnaja poäzija) beschreibt sie als Projekt von drei kasachstanischen Autoren, die sich dazu entschieden haben, Gedichte in einer anschaulichen Form zu präsentieren, den Leser dazu animierend, mit ihnen zu interagieren, sie anzufassen, sie zu riechen, zu essen, zu hören, sie aus Bruchstücken wieder zusammen zu fügen, sie zu brechen, zu entschlüsseln. In einer der kasachischen Galerien wurde eine Ausstellung eröffnet, wo Gedichte in Form von interaktiven Installationen vorgestellt wurden. Ein Exponat Tazhis war beispielsweise ein Rosenkranz, der beschriftet war mit Buchstaben, die Gedichte ergaben. Um Die Gedichte lesen zu können (eine Perle nach der anderen) musste man den ganzen Kreis durchgehen. Im Gedicht offenbarte sich ein Spiel der Sinne, wo von den Gedanken an Gott es weiter geht zu den Gedanken an ein Weltende. Ein weiteres Exponat Aigerim Tazhis war eine Schreibtafel aus Ton mit Gedichten beschriftet. Die Tafel lag auf dem Boden und die Menschen traten versehentlich darauf, wovon sie in Stücke zerbröckelte. Und um die Gedichte zu lesen, mussten die Besucher der Ausstellung aus diesen Bruchstücken ein Mosaik zusammen sammeln. Im Nachhinein war die Tafel so stark zerbröckelt,  so dass man die einzelnen Teile nicht mehr zusammenfügen konnte. Die Ausstellung ging nur ein Tag, weil die Mehrheit der Exponate nicht mehr existierte, kaputt war. Zum Abschluss lässt sich fest halten, was Oksana Trutneva über Tazhi geschrieben hat, hier wird sie von J. Kates in seinem Vorwort zu dem Lyrikband zitiert: „An einer imaginären Grenze zwischen Europa und Asien, zwischen der russischen und kasachischen Sprache, wirkt es als ob uns die Autorin in eine Welt führt, in der Grenzen nicht existieren, wo Sprachen und die Art zu denken sich vereinigen und das Wort zu einem Dirigenten in dieser Welt wird.“ (Oksana Trutneva, Novyj Mir, Moscow 2015, No. 12)

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten