Ilja Odegov „Eine beliebige Liebe – Konzert in sieben Teilen“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Teil I. In einem Boot

Das Wasser drehte sich und wand sich um das  Boot, umfasste seine festen, nach Harz riechenden Seiten, riss weiter fort. Es bewegte sich mal zum Ufer, kreiste mal in Wasserwirbeln und brachte den im Boot sitzenden Jegor fort von seinen Gedanken, von seinen dummen Grübeleien. Weil man daran, woran Jegor dachte, nicht denken durfte, sondern nur spüren, wie es im Inneren klopft und mit den Fingern den Flaum streifen, der auf ihrem Kreuzbein wächst oder ihr ins Ohr atmen und denken…über so etwas zu denken war unmöglich. Aber Jegor entwirrte bemüht, zog heraus, tastete diese erste Naht, die sich an ihn kettete und ihn in dieses Kreisen brachte, in diesen seltsamen Walzer, eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Und jetzt schien es Jegor, als ob das Wasser, über dem er sich befand mit Absicht im Takt sein verzerrtes Gesicht dreht und unten, in der Tiefe, wirbeln und peitschten mit Schatten seiner Wangen Schwärme schneller Fische.

Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei spielte das Orchester und der Tag war gelb, sonnig und herbstlich. Und überall, drumherum lag dieses Laub, die Blätter rochen nach vergangenem Regen, sie glitschten, klebten an den Sohlen und deswegen war es unbequem sich zu drehen, zu tanzen. Als Jegor das erste Mal mit ihr tanzte, wusste er noch nicht, dass sie Tatjana heißt. Und al er es erfuhr, dann fing er an zu lachen, machte Witze, und so als ob in diesem Namen, sich Asien und Europa vereinen, das slawische „tat‘ und das türkische „džan“ und heraus kommt „die Seele eines Bösewichts,“ och eine gefährliche Frau sind Sie, verhängnisvoll!“ Und Tatjana lachte, sie mochte es, ihm zu zuhören, von sich selbst zu hören und zu spüren, dass sie verhängnisvoll ist. Das Orchester spielte, aber sie hörten es nicht mehr, weil in der Zeit der Liebe man nur sich selbst hört. Und an diesem Tag, zu dieser in ihnen klingenden Musik, küssten sie sich auf Parkbänken, drückten sich immer dichter aneinander und endlich, als es begann zu dämmern, penetrierte er sie, so sehr vereinigten sich ihre Körper, so als ob sie mal einzeln gewesen wären und nun wieder miteinander  verschmolzen. Und als es zu Ende war, lagen sie neben einander, diesmal nicht so nah, schauten in den Himmel, durch die Zweige und auf sie fiel vom Baum das letzte Blatt. In der Tiefe seiner Seele glaubte Jegor daran, dass das alles nicht zufällig geschah: diese Posaunen, Gitarren und der Herbst, und daran, dass das Blatt nicht zufällig fiel, sondern mit einem Sinn, sie zu berühren, sich zu ihnen zu strecken, sich zu drehen. Übrigens, Tatjana hat dieses Blatt behalten und bewahrte es auf, versteckte es auf der dreihundert-siebzehnten Seite, machte das Buch zu und das Blatt verschwand, verlor sich zwischen den Blättern. Und am nächsten Tag trafen sie sich wieder, küssten sich, gingen Händchen haltend spazieren, nur Jegor machte keine Scherze mehr, sondern lächelte nur über sein Glück. Und als es zu regnen begann, versteckten sie sich in einem Treppenhaus aber von ihren Armen, ihren Lippen floss das Wasser, dieses drang in die Haut ein und brachte die beiden noch näher aneinander. In all diesem war etwas altertümliches, unbekanntes, seltsames und süßes und gleichzeitig etwas vertrautes. Jegors Nase erahnte den Geruch ihrer Schultern, die Zunge erinnerte sich an den Geschmack ihres Speichels, der ganze Körper Jegors wurde von einem Wiedererkennen   durchdrungen – kaum hatte er sie berührt, doch daran denken durfte man nicht, nur spüren, aber denken nicht, „impossible“ ,  wie Tatjana es sagte als Jegor sie belustigte, – „du bist einfach unmöglich!“, und alles drumherum war unmöglich, und besonders Jegor mit diesem, seinem Glück. Und dann kamen der Winter und der Schnee. Und Jegor begann mehr zu schlafen, ihn zog es immer mehr in den Schlaf wenn er aus dem Fenster das Schneetreiben beobachtete. Er schlief ein, legte seinen Kopf auf ihren Bauch und sie verschmolzen so sehr miteinander wie zwei Tetrisfiguren.

Doch bald begann der Abriss ihres Bauches sich zu verändern und er konnte seinen Kopf nicht mehr halten, er rutschte ab, jemand hartnäckiges, freches fasste ihn unter der Haut an, drängte ihn weg von diesem weichen, warmen Bauch, drückte ihn weiter weg von Tatjana. Irgend jemand unter ihrer Haut lag zwischen ihnen und diesmal nicht mit dem Kopf, sondern mit einem anderen Gedächtnis, mit dem Körper, mit dem Körper, erinnerte sich, spürte Jegor, dass er mehr so nah mit Tatjana sein wird, nie ihre Säfte miteinander vermischen. Und derjenige, der im Inneren saß, war bereit, nach Außen zu gehen, sich zwischen Jegor und Tatjana stellen, sie zu trennen aber gleichzeitig es ihnen nicht zu erlauben ganz voneinander loszulassen wie eine grausame Wagenkette, die es den Wagen nicht erlaubt sich zu berühren, aber trotzdem einen Zug aus ihnen formt.

Und vor dem Fenster schneite es und heute rief die noch lebende Mutter an, hat ihn ausgefragt, über das wie und was und draußen sind  Schüler in Winterjacken, wie Sterne, da die Jacken dick sind und sie die Hände nicht herunterlassen können. Und mit diesen Händen richten sie nach unten rutschende Rucksäcke, obwohl sie kaum ihre Finger bewegen können (da es in Handschuhen unbequem ist), und sie bemühen sich eine Handvoll Schnee zu nehmen, diese zu einer Kugel zu formen und diese Kugel auf denjenigen zu werfen, der ihnen am nächsten steht. Und es vergeht ein Monat, ein weiterer, ein dritter und immer mehr erhebt sich der Bauch, und desto weiter entfernt sich Tatjana von Jegor, verblasst im Schatten der Rundheit und der Größe ihres Bauches. Und nun sind es keine Schneeflocken mehr, sondern Schmetterlinge und Libellen, die über der verblödeten Tatjana  und den in Gedanken verlorenen Jegor kreisen. Und das Dorf, in welchem sie ankamen, um die letzten Wochen vor dem Ereignis an der frischen Luft zu verbringen, ist ganz unscheinbar. Ein Häuschen, das nächste, das dritte und alle sind sie gleich, eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Tanjas Mutter lebt in einem solchen Häuschen und nun auch sie mit ihr zusammen. Und eine solche Sehnsucht, solche Sehnsucht, solche Sehnsucht. Und die Alte fegt das alles weg, putzt alles, schrubbt dort irgendetwas, weil sie Besuch hat von lieben Menschen. Und der Fluss, wie soll man ohne Fluss sein?

Tatjana begann sich im Traum zu drehen, Jegor konnte nicht einschlafen, lag nachts wach: er betrachtete den Lampenschirm aus Stoff auf der Decke, der seltsam im Mondlicht schimmerte und roch, zog die Luft des Hauses ein: den Geruch von etwas Altem, vom Rauch, vom Putz an den Wänden und von eingelegtem Kohl. Er erwischte sich selbst bei dem Gedanken, dass er sich an die Vergangenheit erinnerte, an Tatjana, so als ob sie verschwunden sei, doch sie war hier, sie liegt neben ihm und atmet schwer. Und Jegor kann sie nicht vor diesen Gedanken verstecken und bleibt bis zum Morgengrauen wach.

Und am Morgen – solch eine Sonne! Der Tau legt sich mit großen Tropfen auf die Erde, der Nachbar Onkel Viktor raucht auf der Treppe, der Rauch seiner Zigaretten ist schwer, dicht und von der wenigen Sonne beginnen die Vögel zu zwitschern, zu pfeifen, die einheimischen Jungs gehen mit ihren Angeln zum Fluss, gähnen, und Jegor begibt sich auch auf dem Weg zum Fluss. Der Fluss fließt an Jegor vorbei und spült alles weg, spült seine Gedanken fort. An seinem Ufer schläft Jegor endlich ein. Er sitzt auf dem Baumstumpf und schläft, die Hände liegen auf den Knien und werden von Oben mit dem Kinn bedeckt. Jegor schläft still, weil der Fluss seine Gedanken vertreibt und er träumt von Bötchen, kurvig, üppig.  Und er träumt davon, dass er nicht mehr auf dem Ufer schläft, sondern auf einem solchen Bötchen. Die  Ruder sind ins Wasser gefallen und schwimmen neben ihm her wie zwei Fische. Aber ein Sonnenstrahl bewegt sich auf seinem Hemd, auf den Taschen, streichelt seinen Hals, berührt seine Lippen und schaut endlich auf die halb geöffneten Lider, unter denen sich, die Augen hin und her bewegen. Jegor steht auf, von einer unbequemen Pose tut ihm der Nacken weh und der rechte Arm hängt steif runter, will sich nicht bewegen und da sieht er, dass direkt neben dem Ufer auf dem Fluss ein Bötchen auf den Wellen schwimmt. Das Seil auf dem Heck ist abgerissen, ein Ruder liegt auf dem Boden des Bootes, das andere fehlt gänzlich. Das Boot ist klein. „Unzuverlässig“ denkt Jegor und wunderte sich still über dieses Wort. Jegor krempelt die Hose hoch, zieht die Schuhe aus und steigt in den Fluss. Das Wasser ist kalt. Brrr. Er geht zum Boot und trägt in der ausgestreckten Hand seine Schuhe, so als ob er sich ekeln würde. Er nimmt das Bötchen am Seil, doch dieses trotzt, wie ein altes Pferd. Die Wellen wollen nicht einfach so ihren Fang her geben. Das Boot lässt sich nicht so einfach zügeln, doch Jegor hält es gut fest. Endlich wendet er es mit der Seite zu sich und steigt unbeholfen in das Boot. Das Boot schaukelt hin und her, wahrscheinlich zittert es, doch Jegor sitzt schon drin. Er greift nach dem Ruder und rudert zur Mitte der Strömung. Das Rudern fällt schwer. Schon bald beginnt die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger weh zu tun. Mit den trockenen Händen schöpft Jegor Wasser und wäscht sich und dann wirft er das Ruder auf den Bootboden, legt sich selber hin mit dem Gesicht zum Himmel. Der Himmel ist klar, nicht ein Wölkchen, nur der weiße Fleck Sonne, und das seltsame ist, dass von diesem Licht, Jegor dunkler wird und trocknet.

Der Fluss wird etwas breiter, fließt weicher, stärker. Das Ufer hat sich verändert, die Bäume sind weiter weg, haben Platz für Sträucher gelassen, deren Zweige geschmückt sind mit Nestern. Jegor verstand erst jetzt, dass der Fluss nicht nur seine Gedanken fort gebracht hat, sondern auch ihn selbst und er begann sich Sorgen zu machen. Er steht auf, schnappt sich das Ruder, dreht sich um und versucht eine Zeit lang gegen die Strömung zu rudern, versteht aber bald, dass der Fluss schneller ist als er. Dann nähert er sich mit Mühe zum Ufer, steigt aus dem Boot und wandert entlang des Flusses zurück nach Hause. Es gibt keinen Pfad und sich vom Wasser zu entfernen, traut Jegor sich nicht. Er geht und schiebt mit seinen wunden Händen die Zweige weg, geht an Ameisenhaufen vorbei, an sumpfigen, mit Schilf zugewachsenen Pfützen. Hier und da flattern aus den Sträuchern wilde Tauben, muhen gedehnt einsame Kühe und einmal betäubt Jegor mit dem  Flügelschlag seiner staubigen Flügel ein Fasan. Das Flussufer wird langsam steil und der Pfad führt weg vom gefährlichen, steilen Abhang. Eine Zeit lang kann man den Pfad von anderen Pfaden unterscheiden, doch sie werden alle schmaler, dann wieder breiter, dann verheddern sie sich, dann verschmelzen sie miteinander, dann gehen sie auseinander, Jegor zum Tanz einladend, und Jegor schreitet voran, von einem auf den anderen Fuß tretend, im Takt dieses Steppenrhythmus. Manchmal dringen Stimmen zu ihm und Jegor biegt ab, doch die Stimmen lösen sich auf im Gras der Steppe und dann muss Jegor wieder den richtigen Platz finden. Bald beginnt Jegor zu verstehen, dass  die Stimmen einfach auf dem Wasser des Flusses springen, wie Steinchen, die von einer gekonnten Hand ins  Wasser geworfen wurden und in ihrem letzten Sprung dringen ihre Geräusche zu Jegor durch. Nun werden die tiefen und hohen Klangfarben des Chors der Vögel ausgetauscht und es erklingt der Gesang der Glühwürmchen, ihr piccykato bedeutet, dass der Abend da ist. Doch Jegor geht immer weiter, orientiert sich an Gerüchen, fängt in der Luft den Duft des Rauchs ein, denn wo Rauch ist, da müssen auch Menschen sein. Aber es gibt keinen Rauch und statt dessen atmet Jegor den salzigen Staub der Steppe ein, den Geruch  seltener Pfützen, das scharfe Aroma des Wermuts, den dichten Geruch von Kuhfladen und ihm fällt dabei auf, dass die Gerüche seine unordentlichen Gedanken vertrieben haben und dass davon der Kopf nicht leer wurde, sondern klar. Diejenigen Gedanken, die übrig blieben, kristallisierten, wurden glasklar und nun konnte Jegor denjenigen von ihnen aussuchen, welcher Ruhe und Erleichterung brachte aber nun war dafür keine Zeit. Irgendetwas nicht Menschliches, tierisches, woher auch immer kommendes riet ihm nicht in der Steppe zu übernachten, dies wäre gefährlich. Inmitten des Grases stehend, fühlt Jegor, dass er verschwinden kann.  Nun, jetzt steht er, dann geht er, bewegt die Beine, die Nase zieht gierig jeden Geruch ein, die Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und können die Konturen der Bäume wahrnehmen und die im Himmel fliegenden Vögel, doch auf der Erde, zuerst leise, dann immer lauter und schneller erklingt ein wehleidiges Gejaule, wovon es auf der Wirbelsäule zu kribbeln beginnt. Jegor scheint als ob er gelbe glänzende Augen sehe in dem Gestrüpp und ein heißes Atmen hinter seinem Rücken höre. Doch er dreht sich nicht um, er läuft zielorientiert, einem inneren, instinktiven Wissen folgend. So findet ein verlorener Hund das Haus, ohne den Weg zu kennen. Und wenn ich doch verschwinde, denkt Jegor, wie merke ich es dann? Wem fällt es auf? Und die Antwort kehrt zurück, nicht wie ein Gedanke, sondern wie ein Herzschlag, wie ein Wind. Merken es Tatjana, und der in ihrem Bauch? Und das, was Jegor weiter voran bringt scheint nicht in ihm drin zu sein, sondern außerhalb.  Er hat Angst davor und diese Angst zwingt ihn schneller zu Laufen.

Aber es begann nun nach Rauch zu riechen, man konnte Feuer sehen und Jegor verlangsamt den Schritt, bleibt stehen, atmet schwer und läuft dann wieder, schneller nach hause, zur warmen Tatjana und zu dem, der in ihr ist. Er schnuppert weiter wie ein Tier, läuft an Hütten vorbei, durch Hundegebell, vorbei an gelb leuchtenden Fenstern und endlich erreicht er sein Haus, dunkel, still, wie verlassen. Und auf dem Hof geht ihm jemand entgegen, nähert sich, eine Silhouette, die erst mal unerkannt bleibt und Jegor, besorgt,  bleibt ruckartig stehen. Im Licht erscheint, hin und her schaukelnd, der gar nicht nüchterne Nachbar Viktor, dieser erkennt Jegor, nähert sich ihm und packt ihn an der Schulter. „Du bist es,“ sagt mit Mühe Onkel Viktor, „Wo warst du?“

„Wo sind denn alle?“ schreit Jegor. Onkel Viktor hat Schluckauf und wackelt mit dem Kopf.

„Sie gebären alle,“ sagt er endlich. Und in diesem Moment fällt vom Baum, unter dem sie augenblicklich anfangen zu schweigen, das erste Herbstblatt dieses Jahres, es wirbelt und legt sich auf Jegor.

Teil 2. Hinter der Tür

Er taucht auf und rennt, rennt irgendwohin, aber es ist zu spät, so geht auch bald der Tag zu ende. Die Sonne ging jetzt erst auf und geht wieder unter. Und die Schuhe sind immer noch nicht geputzt worden, der Kragen ist zerknittert, hallo, Mama, ich kann jetzt nicht reden, Ehrenwort, aber Mama! Er muss sich beeilen, er, Golubcov kann doch nicht mit ungeputzten Schuhen gehen. Noch eine Stunde, nur eine Stunde, Zeit zu Laufen, sich zu beeilen, denn sie, sie! – wartet. Das heißt, dass er, Golubcov darauf hofft, dass sie wartet.  Wie denn sonst? Er schaut in seinen Taschen nach, ob alles auf seinem Platz ist. Darin befinden sich Zigaretten (eine volle Schachtel), ein Feuerzeug, ein sauberes Taschentuch, noch eins in der Hose, ein Zahnstocher, weil er in den Vorderzähnen eine Lücke hat, alles bleibt darin stecken, und das ist so lästig, denn vielleicht will sie ihm etwas zum Abendessen kochen, oder wenigstens Tee zubereiten, es gibt bestimmt Kekse und dann wird Golubcov schüchtern sein um zu lächeln, noch ist ein Ausweis darin, Haustürschlüssel, Geld für alle Fälle, falls sie außerhalb essen gehen, und natürlich das Mobiltelefon. Eine ganze Stunde lang suchte Golubcov nach einem Klingelton und wählte etwas schreckliches, sinnloses, irgend ein Saxophon, gar keine Melodie, aber ihr wird es gefallen, ja sie liebt diesen zeitgenössischen Jazz. Er verließ das Treppenhaus, schrie vor Schrecken auf, lief zurück, er vergaß, vergaß gänzlich, dass er doch Blumen gekauft hat, diese in eine Vase stellte, ihre Blätter zurechtbog, sie standen so schön in der Vase, so fröhlich, deswegen hat er sie wahrscheinlich vergessen. Er bleibt neben der Tür stehen, dies ist ein schlechtes Omen, aber wie soll er ohne Blumen erscheinen? Endlich beschließt er, springt ins Innere der Wohnung, auf Zehenspitzen, auf den Fersen, um den Boden nicht schmutzig zu machen, schleicht sich ins Zimmer, macht auf dem Weg Grimassen, schnappt sich den Blumenstrauß und kehrt zurück, schafft es gerade so die Tür zu schließen. Golubcov schaut nicht einmal auf die Uhr, es ist klar, dass er unter Zeitdruck steht. Er wollte doch kein Taxi nehmen, aber nun muss er wohl. Dazu kommt noch das Matschwetter, dann ist es auch schon Abend und im  Bus wird ihm jemand auf den Fuß treten, jemand anderes wird den Blumenstrauß zerknicken, der dritte wird ihm das Portemonnaie stehlen, der vierte ihm seinen Ellenbogen ins Ohr stoßen. Und es wird so dunkel, so eng sein, und wenn man raus will, muss man jemand anderen mit dem Ellenbogen stoßen. „Ich muss zur Gogol’“ schreit Golubcov in das geöffnete Fenster zum heran fahrenden Taxi und klettert mit dem Strauß auf den Rücksitz. Das Auto startet und in diesem Moment verschwindet die Sorge, die ganze Last des Tages von  Golubcov. Endlich sitzt er. Er ist von all dem überrascht, er hat es geschafft, das gibt’s doch nicht! Und nun ist zwischen ihm und ihr ein Durchatmen. Und Golubcov schaut verwirrt aus dem Fenster. Und draußen sind Autos, die Ampel leuchtet rot und ein alter, Angst einflößender Mann steigt aus dem Vorderauto und nähert sich ihnen. Immer näher und näher kommend.  Golubcov presst die Blumen an sich, so als ob er sie dem Alten nicht geben wollte  und versteckt sich gleichzeitig hinter ihrem Aroma und ihrer Farbe vor  der Verwahrlosung des Alten. Der Autofahrer kurbelt das Fenster runter und und legt dem Alten ein paar Groschen in seine Hand. Der Alte murmelt irgendetwas und schaut Richtung Golubcov. Und sie fahren los. Und Golubcov wischt von den Knien und dem Gesicht den Staub weg und fragt den Fahrer: „Kennen Sie ihn?“ Der Autofahrer antwortet willentlich doch Golubcov will ihm nicht zuhören und tut es auch nicht, weil der glückselige Augenblick des Durchatmens bereits verging und jetzt scheint in seinem Inneren alles zu erzittern, will laufen, laufen. Doch sie sind noch nicht angekommen und er bewegt die Finger, klopft mit diesen auf den Blumenstrauß, klopft auf die Knie, auf den Vordersitz. Golubcov klopft irgendeine ungerade, nur ihm hörbare Melodie, der Fahrer hört nicht dieses weiche Klopfen  und spürt eine Sorge, dass vor Ungeduld sogar die Luft selbst im Auto erzittert und macht daraufhin das Radio an. Es erklingt die Stimme eines Farbigen. Golubcov hat noch nie einen solchen getroffen, doch er weiß, es ist ein Farbiger, der singt. Solch eine weiche Bruststimme und unerwartet stellt sich Golubcov diesen Farbigen vor, so etwas geschieht nicht oft mit ihm. Der Farbige ist wohlgenährt, pausbackig, ein wenig unrasiert, er trägt warum auch immer einen gestreiften Mantel und hält eine Posaune in der Hand. Golubcov wirft die Anwandlung von sich und in diesem Augenblick schaltet der Fahrer, welcher bereits im Einklang mit Golubcovs innerer Welt steht, den Radiosender um. Alles zischt, klappert und dann dringt durch den Lärm, so als ob jemand husten würde, eine Männerstimme, die über die Etappe aus Tver’singt. Golubcov versucht den Text zu verstehen, doch verliert schon bald den Faden des Sujets und wieder beginnt alles in seinem Inneren zu laufen, sich zu beeilen. Und sie biegen in die richtige Straße ab, der Fahrer bleibt stehen und schielt auf Golubcov mit einem violetten Auge. Im Auto ist es warm, Golubcov hat sich bereits aufgewärmt, hat sich gewöhnt an die Wärme; er dehnt die Zeit, sucht in seinen Taschen nach dem Geld, atmet endlich auf, gibt dem Fahrer einen Schein und steigt mit dem Blumenstrauß aus dem Auto aus.  Draußen ist niemand, nur er und der Blumenstrauß. Er atmet weißen Dampf. Er wirft den Kopf zurück und sucht nach ihrem Fenster. Er glaubt es gefunden zu haben. Da leuchtet es. Golubcov fühlt sich unwohl. Er tritt von einem Fuß auf den anderen, hustet verwirrt und sieht plötzlich, wie aus dem Zwischenraum der Häuser unbekannte Silhouetten sich auf die breite Straße zubewegen. Golubcov entscheidet sich schnell und geht zum Treppenhaus. Selbstsicher bewegt er die Türklinke, aber so ein Mist, es ist abgeschlossen. Golubcov dreht sich um und sieht, wie sich die Silhouetten ihm nähern. Im Dunkeln versucht er die Klingel zu ertasten und bemüht sich, die Nummer ihrer Wohnung ins Gedächtnis zu rufen.Vierundzwanzig? Sechsundzwanzig? Keine Zeit, um zu warten. Er klingelt auf gut Glück und wartet auf das Tuten. Doch in der Dunkelheit sind hinter seinem Rücken nur Schritte zu hören. Was ist bloß los? Er wählt erschrocken eine andere Nummer, schon wieder Stille und dann versteht er, dass es keine Gegensprechanlage ist, die da angebracht ist, sondern ein Code-Schloss und dafür braucht er den Code-Schlüssel. Aber nun ist es zu spät. Angespannt wartet er auf den nächsten Augenblick, den  nächsten Schlag, eine Frage, was auch immer, doch die Schritte scheinen leiser zu werden. Golubcov dreht den Kopf und sieht, dass die Silhouetten sich wieder weiter von ihm entfernen. Er atmet auf und beginnt mit Erleichterung in seinen Taschen nach einem Feuerzeug zu suchen. Er findet dieses, leuchtet damit Richtung Tür, beugt sich vor und versucht zu unterscheiden, welche der Knöpfe am saubersten sind und poliert von den Fingern der Hausbewohner. Er weiß, dass die Knöpfe glänzen müssen, dafür ist das Drumherum etwas schmutzig.  Die Flamme ist zu schwach um die Knöpfe zu unterscheiden und Golubcov probiert alle aus: einmal, das zweite, das dritte.

„Haben Sie vielleicht eine Zigarette?“ hört er hinter seinem Rücken jemanden fragen. Golubcov schreckt auf und dreht sich langsam um, in der Hand das Feuerzeug wie eine Kerze haltend. Da sind zwei Kerle in Tarnkleidung, die Gesichter wetter-gebräunt, treten vor der Kälte von einem Fuß auf den anderen und schauen Golunbcov hoffnungsvoll an. Und dieser hält in der einen Hand den Strauß, in der anderen das Feuerzeug. Golubcov nimmt den Finger vom Knopf  und alles wird dunkel. In dieser Dunkelheit ertastet er in seiner Tasche eine Schachtel Zigaretten, nimmt diese heraus und reicht sie den Kerlen. „Und Feuer?“ fragen diese. Golubcov steckt die Zigaretten ein und holt wieder das Feuerzeug heraus. Einer der Kerle hat auf den Fingern eine Tätowierung (B.O.E.C.). Die Kerle atmen gierig den Rauch ein und husten. „Was machst du hier?“ fragt der Tätowierte und zieht an der Zigarette. „Hast du den Code vergessen ?“ Golubcov nickt aber bemerkt plötzlich, dass man in der Dunkelheit nichts sieht und sagt: „Ja, vergessen.“ „Warte du mal,“ rät ihm der Kerl. „Vielleicht kommt jemand raus. Kannst du uns noch ein paar Zigaretten geben für den Weg?“ Die Kerle gehen wieder und Golubcov atmet eine Zeit lang sehr schwer, kommt dann wieder zu sich, beruhigt sich, verlässt dann das Treppenhaus und blickt hoch zu den Fenstern, sich in Erinnerung rufend, welches ihres war. Er beobachtet immer noch die Fenster, bewegt die Lippen, zählt die Etagen und plötzlich macht er einen Schritt zurück, bewegt ungeschickt die Hände, fällt ins Gebüsch und macht mit einem lauten Geräusch ein paar Zweige kaputt. Von dem Laut wirft sich von dem Nachbarbaum eine Krähe in die Luft, kräht dabei beleidigt und beginnt über Golubcov zu kreisen. „Ein schlechtes Omen“,  flüstert Golubcov besorgt und liegt immer noch im Gestrüpp. Irgendwie versucht er wieder auf die Beine zu kommen, befreit die Stacheln von dem Mantel, genauer den Mantel von den Stacheln. Nachdem er sich befreit hat, macht er einen Schritt über die Grube, fegt den Schmutz von sich weg und in diesem Moment verwandelt sich alles um ihn herum in ein blasses, blaues Licht. Golubcov hebt den Kopf und sein Blick trifft den von der Seite scheinenden, rauen Mond. Golubcov hält es nicht mehr aus, senkt seinen Blick und sieht sich selbst, seine zerknitterte, staubige Hose, ein Schuh ist ganz schmutzig, bei dem anderen ist der Schnürsenkel offen, unter der Achsel hat der Mantel einen Riss, die kalten Hände sind voller Kratzer und die Blumen sind ganz krumm geworden von dem Frost. „Warum nur?“ flüstert Golubcov verwirrt. Und im Himmel fliegen die Wolken und davon ist das Licht mal heller, mal dunkler, mal verschwindet es ganz. Von irgendwoher kommen kleine Hunde, laufen an ihm vorbei und bellen ihn an. „U-U-U“, schreit er, wedelt mit dem Strauß und läuft ihnen hinterher. Und nun stellt sich eine Pause ein. Golubcov läuft, doch in seinem  Inneren ist alles eingefroren, stehen geblieben. Als ob es sich versteckt hätte und ein Geheimnis daraus machte, in welche Richtung er nun gehen soll. Und der Tipp lässt nicht auf sich warten. Golubcov atmet schwer und hört beim Laufen wie sich hinter ihm eine metallene  Tür schließt und laut ein Echo in der Stille hinterlässt. Er dreht sich zum Mondlicht und sieht, wie jemand aus dem Treppenhaus hinaus geht. Er wirft den Strauß auf den Boden und läuft humpelnd zurück. Golubcov schreit nicht, er will den Unbekannten nicht erschrecken und bemüht sich so leise wie möglich zu laufen. Er nähert sich, holt ihn ein, doch der Unbekannte hat das Einholen gehört und verschnellert den Schritt. Golubcov versteckt sich nicht mehr, er läuft aus all seinen Kräften. Der Unbekannte blickt sich erschrocken um, es handelt sich um einen älteren Herren,  einen Greis, doch Golubcov ist das Alter und das Geschlecht ziemlich egal. Er macht einen letzten Sprung und schnappt den Alten am Nacken. Der Alte versucht die Jacke auszuziehen, doch Golubcov hält ihn fest und atmet schwer, direkt in das Gesicht des Alten. „Code,“ bittet Golubcov heiser, „Nenne mir den Code.“ „Mein Gott,“ weint der Alte, „Gott, vergib mir!“ „Der Code der Tür,“ brummt Golubcov. „Gott,“ wiederholt der Alte und beruhigt sich allmählich, „Gott, bewahre mich vor dem  Bösen, Gott…“

„Nun sag schon!“ Golubcov schüttelt den Alten, doch dieser hat sich gänzlich beruhigt, die Augen gesenkt und murmelt mit leiser Stimme vor sich hin: „Gott, mit dem Licht deines Leuchtens, bewahre mich am Morgen, am Tag, am Abend, bewahre mich im Traum und gib mir Kraft, vertreibe alles böse Unglück, das nur vom Teufel kommen kann.“ Golubcov lässt mit Enttäuschung den Nacken des Alten los, der Alte hebt den Arm zum Himmel und spricht im Mondlicht: „Ruhm dir, Gott!“ Golubcov schweigt und senkt den Kopf. Der Alte senkt die Arme, entfernt sich ein paar Schritte weiter, bleibt dann doch stehen, dreht sich um und sagt: „Ich kenne den Code selbst nicht. Und wenn ich ihn nicht kenne, dann kennt ihm niemand.“ Der Alte geht weg und Golubcov betrachtet seine Hände und kann nicht verstehen, wohin der Blumenstrauß verschwunden ist. Wo sind die Blumen, die so schön, so feierlich bei ihm zuhause standen? Wo ist der Abend, auf den er so lange gewartet hatte, auf welchen er sich so lange vorbereitet hatte. Enttäuscht geht er zurück zum Treppenhaus. Mit jedem Schritt wird seine Kraft schwächer. Golubcov geht langsamer und in seinem Inneren kreisen genau so langsam seltsame Gedanken. Endlich tritt die Verschmelzung des Inneren mit dem Äußeren ein. Und seine Seele und sein Körper vereinen sich in diesem Augenblick und sogar die Bäume um ihn herum schaukeln langsam und bewegen ihre Äste. In diesem besonderem Moment werden Golubcov und die ihn umgebende Welt unerwartet (jedenfalls für Golubcov) zu Verbündeten. Golubcov integrierte sich in den Strom, den Fluss, ohne es selbst zu wissen, zu spüren. Genauso langsam nähert er sich wieder dem Treppenhaus. Er geht mit gesenktem Kopf und kann deshalb nicht sehen, dass ihre Fenster in der Dunkelheit leuchten. Er sieht nicht, wie sie aus dem Fenster blickt, ihre Hände auf die Schläfen legt und sich bemüht zu erraten was da draußen ist. Golubcov nähert sich langsam dem Treppenhaus, lehnt sich müde an die mit  Muschelkalk belegte Wand hinter der Tür, bleibt ca. eine Minute stehen und dann rutscht er entlang der Wand, die er mit seinem Mantel berührt, nach unten. Er sitzt da in einer unbequemen Pose, schließt die Augen und von Außen denkt man, dass er betrunken ist, das Bewusstsein verloren hat, tot ist, doch Golubcov war einfach nur müde. Er schläft. Er schläft und hört im Traum, wie ein heiseres Saxophon ihm ein zärtliches Wiegenlied spielt. Doch es ist kein Jazz, das ist das Quietschen der Müden Tür im Treppenhaus. Sie macht die Tür auf, hüllt sich in ihre Strickjacke und schaut sich mit Mühe auf dem Hof um. Doch der Hof ist leer, nur der vorsichtige Wind berührt ihre Haare. Und Golubcov sitzt hinter der offenen Tür und schläft leise. Und während er schläft auf der einen Seite der Tür, und sie ihn auf der anderen Seite sucht, beleuchtet der Mond das letzte Mal ihre Gesichter und versteckt sich hinter einer auftauchenden Wolke. Und der Hof mit seinen Bäumen, die Häuser und Türen, alle schlafenden Männer und verwirrten Frauen lösen sich in der Dunkelheit auf. Verschwinden langsam.

Teil 3. Das Monster

Und es ist unwichtig, wann all das begonnen hat, dass Jerken sein Pferd zügelte, sich das Messer am Gürtel befestigte, die Schafherde allein ließ und wieder zu Boltabeks Haus ritt, obwohl er das nicht tun sollte. Dann kam dazu, dass der Tag für eine solche Tätigkeit zu klar, zu sauber war, wie am ersten Tag der Erde. Aber für Jerken war all diese Schönheit nur bis zum Lämpchen sichtbar, jenes Lämpchen, welches er das letzte Mal vor drei Monaten gesehen hat, hundert Kilometer entfernt von ihm, und nun waren die einzigen Lichtquellen für ihn die Sonne und das abendliche Lagerfeuer. Und Sterne sah Jerken nicht. Er schlief nachts und wenn er erwachte, dann schaute er in den Himmel und erinnerte sich an seine Mutter.  Nach seiner Ankunft aus der Armee, konnte Jerken sich lange Zeit nicht an den Aul gewöhnen. In der Stadt war alles anders. Von da brachte er Chrom-Stiefel, einen  Outdoor-Kessel, die Tätowierung „B.O.E.C.“ auf den knöchernen Fingern und die Angewohnheit auf Toilette zu rauchen. Das Leben im Aul fand er langweilig. Von hier aus konnte man nur in die Steppe raus fahren. Jerken bekam nicht direkt die Erlaubnis, auf die Schafherde auf zu passen, man nahm an, dass er es vielleicht nicht schaffen würde. Und er erwies sich als schlechter Schafhirte. Nachdem vor zwei Wochen die halbe Herde von Wölfen gerissen wurde, verstand er, dass man ihm nicht erlauben würde den Aul zu verlassen und in die Steppe zu fahren. Und er lief nun nicht jedem einzelnen Schaf hinterher, wie in den ersten Tagen, sondern besuchte immer öfter Boltabek, dem einheimischen Jäger, in dessen Haus lustige, städtische Angler und Jäger zu Gast waren, die ulkige Geschichten erzählten und mit Vergnügen auf ein Glas Wodka einluden.

Außer dem Wodka genoss Jerken noch etwas anderes – im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein.  Er mochte es achtlos die Zügel runter zu werfen, an den Jägern vorbei zu reiten und besonders an ihren Ehefrauen. Er mochte es auch, ganz locker vom Sattel runter zu springen und etwas verächtlich den Steppenstaub, der sich im Mund angesammelt hat, durch die Zähne aus zu spucken. Er mochte es, über die naiven Geschichten der Männer zu schmunzeln und auf sich die Blicke der Ehefrauen zu spüren. Aber am allermeisten liebte es Jerken selbst Geschichten zu erzählen. Und abgesehen davon, dass darin nur eine Prise Wahrheit lag und die Details im Erzählen geboren wurden, fiel Jerken mit Vergnügen auf mit welcher Achtung, welchem Vertrauen man ihm zuhört. Jedoch nicht immer. Wenn die Gruppe begabt und zynisch war, wenn man ihm nur mit einem Ohr zuhörte, wenn man sich betrank, schnell und unaufmerksam, dann drängte Jerken niemandem seine Geschichten auf. Er war immer feinfühlig, wenn es um das Publikum ging und wann der richtige Moment gekommen war. Und Boltbabek, der alte Boltabek, freute sich anfangs darüber, dass Jerken die Gäste bespaßt, wurde dann aber neidisch, begann die Lippen aneinander zu pressen und ließ gestern Jerken nicht in sein Haus. Er ging zur Türschwelle und sagte, dass wichtige Gäste gekommen seien, die an eine Unterhaltung mit Dorfdeppen nicht gewöhnt waren und abgesehen davon, seien schon genügend Schmarotzer da, allein schon der Alabaj isst am Tag einen ganzen Eimer. Und als Jerken sich entrüstete und Boltabek am Nacken packte, wurde fast eben jener Alabaj auf ihn gehetzt.  Die ganze Nacht lang quälte Jerken sich, wiederholte die verletzenden Worte Boltabeks, hielt es am Morgen nicht aus und sattelte das Pferd. Und an diesem wundersamen Morgen, der gefüllt war mit dem Geräusch von Gras  und Vogelgezwitscher, ritt er durch die

Steppe , direkt zum Haus, aus welchem man ihn gestern so ungerecht vertrieben hat. Neben Boltabeks Haus sprang Jerken lässig vom Ross, band es an den niedrigen Karagach und schaute

über die Abzäunung. Vor der Außentreppe stand ein schwarzer, verstaubter Jeep. Doch auf dem Hof war niemand. Nur Alabaj, nachdem er den Fremden neben seiner Bude erahnte, begann laut an zu bellen und die Hühner gackerten erschrocken und gingen auf dem Hof spazieren. Jerken bemerkte, dass Alabaj eingeschlossen war, kletterte über den Zaun, ging um das Haus herum und blickte in die Fenster. Eine leere Küche, ein großes Zimmer mit einem Ofen darin, Unordnung, ein Haufen Flaschen, Teller mit Fleischstücken, das Haus schien leer zu sein, doch da sah Jerken in einem der Fenster eine Frau. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, kämmte sich die Haare und schaute in den kleinen Spiegel über dem Bett. Sorgenvoll drehte Jerken sich um. Das Herz klopfte, doch er hielt den Atem an, lehnte sich an die Wand und blickte wieder vorsichtig in das Innere. Die Frau drehte sich mit der Seite zu ihm und kämmte sich weiter die Haare. Jerken hatte das Gefühl, ihr Aroma wahr zu nehmen, würzig und warm, so rochen die Kätzchen im Dorf. Er hielt nicht mehr den Atem fest und hörte auf wahr zu nehmen was geschieht und schaute mit halb-geöffneten Mund  auf ihre weichen Schultern, die mit glänzenden Locken geschmückt waren, auf ihren gebeugten  Rücken und auf ihre dünnen, im Morgenlicht durchscheinenden Ohren.  „Ich schenke ihr das Pferd“ flüsterte er leise. In dieser Zeit hat die Frau die Haare gemacht und betrat das Nachbarzimmer. Leise auftretend, näherte sich Jerken dem nächsten Fenster. Die Fensterbank war hier höher, er musste auf Zehenspitzen stehen, um in das Innere zu blicken. Jerken sah, dass die Frau sich an einen Tisch gesetzt hat und sich aus einer Karaffe Wasser in ein  Glas eingoss. Die Sonne war bereits draußen und schien mit seiner ganzen Kraft auf Jerkens Kopfkrone. Er entfernte sich vom Fenster und entschied sodann zum Löwenzahn, welcher entlang von Boltabeks Zaun wuchs, zu gehen. Er pflückte zehn Blüten und begab sich zum Hauseingang. Als Alabaj ihn erblickte, stand er auf, brüllte tief und drückte sich mit aller Kraft gegen den Eingang seiner Hütte. Jerken beschloss, ihm keine Aufmerksamkeit zu schenken. Er klopfte anständig und bereitete sich auf das Treffen vor. Die Tür wurde nicht geöffnet. Jerken klopfte stärker, lauter, da ging die Tür auf und sie stand vor ihm. Sie blickte verwundert auf ihn, wartete ab, aber Jerken stand da als ob er die russische Sprache verlernt hätte, er vergaß auch den Löwenzahn, er stand einfach so da und blickte in ihre Augen.

„Wollen Sie zu Boltabek?“ fragte sie, lächelte und verstand, wie jede andere Frau es tun würde, was gerade mit dem Mann geschah, der vor ihr stand. „Ja,“ sagte Jerken und reichte ihr die Blumen, „Ich meine nein. Ich wollte zu Ihnen.“ Jerken erkannte, dass sie etwas blass wurde, sich etwas umschaute und akkurat den Blumenstrauß annahm. „Danke“ nickte sie, aber ins Haus lasse ich Sie nicht. Ich kenne Sie nicht“ „Dann lassen Sie uns in die Gartenlaube setzen“ sagte Jerken. Sie lächelte: „Ich denke mir genügen erst einmal die Blumen. Kommen Sie wieder wenn Boltabek wieder da ist.“ „Er wird nicht zurück kehren,“ sagte Jerken überrascht von sich selbst, „Deswegen bin ich gekommen.“ Die Frau wurde noch blasser. „Ja,“ wiederholte Jerken, spürend, wie die sich entwickelnde Geschichte ihn hinreißt. „Sie werden nicht zurück kehren. Ich habe ihr Auto gefunden. Da ist eine scharfe Kurve auf der Straße, man durfte nicht zu schnell fahren. Es tut mir sehr leid. „Nein, nein. Sie verwechseln da etwas“ fing sie schnell an zu sprechen und bemühte sich die Erscheinung wie einen dummen Traum, zu vertreiben. „Sie wollten doch mit dem Boot los, haben sogar das Auto da stehen lassen, dort, sehen Sie? Sie wollten doch…Nein, nein, das kann nicht sein.“ „Der Fluss ist weit weg,“ sagte Jerken, „Boltabek fährt immer seinen Lada. Er fuhr ihn. Und als ich heute los fuhr, habe ich sofort gespürt, dass die Enten bereits seit den Morgenstunden so tief flogen, seltsam schrien, das war ein böses Omen. Dann sehe ich Rauch. Bis ich dahin geritten war, war der Rauch schon weg. Dann bog ich um, und sehe sie. Das Auto ist ganz schwarz, komplett verbrannt. Die Scheiben sind eingeschlagen und im Inneren…Es tut mir wirklich leid. Waren da Ihnen nahe stehenden Menschen?“ „Jegor,“ sagte sie leise, „und Andrjuša.“ Jerken hielt die Pause aus. „Ja, ne, das kann nicht sein,“ schüttelte die Frau den Kopf, lachte künstlich und blickte mit feuchten Augen, fast gefüllt mit Tränen, auf Jerken. „Sie spielen mit mir, stimmt’s? Sie…Sie…Sie haben mich einfach im Fenster gesehen und wollten mich kennen lernen, stimmt’s? Haben Blumen gepflückt, und dann…Und dann ließ ich sie nicht rein und sie haben sich diese Geschichte ausgedacht, habe ich es richtig erraten?“ „Es tut mir leid,“ schüttelte Jerken wieder den Kopf und war selbst kurz vorm Weinen. Er hat sich die zerstörte, verbrannte Lada Boltabeks so gut vorgestellt und die verbrannten Körper darin, dass er fast selbst an das nicht Geschehene glaubte.

Jerken spürte, dass er für dieses Leid verantwortlich war, denn erst früh am Morgen wünschte er Boltabek Böses, deswegen war es seine Schuld, alles seine Schuld, nur wie, wie? „Der arme, arme Boltabek“ entwich es Jerken und Tränen flossen aus seinen Augen. „Es tut mir wirklich leid.“ Mit einem schmutzigen Ärmel begann er die Tränen im Gesicht weg zu wischen. „Warum weinen sie?“ fragte sie ihn. „Leben sie etwas noch?“ Sagen Sie schon. Vielleicht muss man den Krankenwagen rufen, Rettungskräfte? Hören Sie auf zu weinen!“ Jerken wackelte mit dem Kopf. Am allermeisten wollte er sich an sie schmiegen, an ihre große, weiche Brust.“ „Wie, das war’s?“ fragte sie leise.

„Das war’s?“ wiederholte Jerken, verfiel in Gedanken und schrie dann: „Ja, das war’s“ und begann mit aller Kraft zu weinen an. Und es geschah. Sie umarmte ihn, drückte ihn an sich, damit er nicht ausbüchst, nicht verschwindet. Jerken wurde von einem warmen, milchigen Geruch umhüllt. Und alles um ihn herum war so sanft, so weich, dass man immer tiefer eintauchen wollte, mit dem ganzen Körper. Jerken befand sich in dieser zärtlichen Wolke und begann sich zu beruhigen und sich zu erinnern. Er erinnerte sich, wie er als kleiner Junge – Keša, so nannte ihn auch zärtlich seine Mutter, sich in ihrem Kleiderschrank versteckt hat und dort Stunden verbringen konnte, darauf warten, bis die Mutter von der Arbeit nach Hause kommt. Im Schrank roch es nach der Mutter und nach diesen schrecklichen, weißen Tabletten. Der Geruch der Tabletten störte Jerken und er schmiss sie leise weg, fand sie und warf sie weg. Dafür schimpfte man mit ihm und versuchte die Tabletten an einem anderen Ort zu verstecken.  Doch Jerken verbrachte viel Zeit in dem Schrank und kannte all seine geheimen Ecken. Am allerbesten roch Mutters Ausgehkleid, weiß, lang, mit großen, gelben Blumen. Es roch nicht nur nach Mutter, sondern nach einer fröhlichen Mutter. Nach einer Mutter, die lacht, Eis kauft, es erlaubt, bei ihr auf dem Schoß zu sitzen, laut zu sprechen…Auch mochte er Mutters bordeuax -rote Herbstjacke aus dem dicken, weichen Stoff. Es war schön sich an diese anzulehnen, sich in diese einzumummeln. In ihren dicken Ärmeln spürte man Mutters Arme . Und dann gab es keine Mutter mehr und man sagte  dem kleinen Keša, dass die Mutter vom Krebs gegessen wurde, doch er glaubte nicht daran, weil er Krebse schon im Brunnen der Nachbarn öfter gesehen hat. Sie waren ungefährlich, nur sammelten sie den Schlamm vom Brunnenboden. Aber eine andere Erklärung hatte Keša nicht und stellte sich immer häufiger vor, während er vor dem Einschlafen auf die Decke schaute, wie in die geöffnete Tür des mütterlichen Zimmers ein riesiger, grüner Krebs mit bewegendem Schnurrbart kriecht und sich immer näher zum Bett der Mutter bewegt. Und es sieht so aus, als ob die Mutter schlafen würde, sie deckt sich mit ihrer Decke zu und hört nichts. Und dann bewegt der Krebs seine Scheren und beginnt das Bett samt der Mutter wie mit einer Schere zu schneiden. Eins-zwei-drei, knips-knips-knips, aus den Kissen fliegen die Federn. Und Keša schreit und wacht mitten in der Nacht auf, und weint dann ganz lange. Schon damals, um das gruselige Sujet loszulassen, beginnt Keša neue zu dichten – und oft nicht weniger seltsame und schreckliche.  Er stellte sich vor, wie er mit dem Messer in der Hand, entweder seine Mutter verteidigt oder die immer schöne Frau. Er kämpft mit einer Armee lebendiger Pilze, schweigende, gesichtslose aber sehr starke, die, wie es aussieht aus einem einzigen, kräftigen Muskel bestehen. Er schnitt ihre Körper und aus ihnen lief weißer, klebriger Saft. Oder Keša stellte sich vor, wie er diese wunderschöne Frau-Mutter auf das andere Ufer des Flusses bringen kann, er paddelt mit der ganzen Kraft und aus dem Wasser schauen die Fische mit ihren Glotzaugen heraus und wackeln mit ihren Mündern, als ob sie ihn vor etwas warnen würden.  Und nun lösen sie sich auf in Schrecken und in dm dunklen Wasser taucht ein noch dunklerer Schatten auf. Der Schatten nähert sich, wird größer bis man versteht, dass man nicht zu langsam machen darf, er kann in einem Augenblick das Boot umwerfen. Keša nimmt das Ruder in die Hand und wirft dieses wieder zurück, das Ruder wird nicht helfen und er nimmt ein langes, schmales Messer. Mit einem lauten  Schrei wirft er sich ins Wasser, dort spürt er den kalten, harten Rücken des Monsters und beginnt  auf dieses mit dem Messer einzustechen und seine harte Schale zu durchbohren. Bald erkannte Keša, er hieß bereits Jerken, dass man diese Fantasien laut aussprechen sollte, und wenn andere ihm zuhörten, dann wollte er seine Geschichten so nah wie möglich an die Realität halten, sie erinnern an die Wirklichkeit. Davon wurden sie weniger seltsam, weniger persönlich, er ließ sich weiter von der Geschichte hinreißen und stritt sich heiß mit denen, die ihm  nicht glauben wollten. Und nach solchen Geschichten fühlte Jerken sich leichter – leerer. Er drückte sich gegen den warmen, jungen Körper der unbekannten Frau und atmete ihr milchiges, an die Mutter erinnerndes Aroma ein. Er erkannte plötzlich, dass er sein ganzes Leben nur mit Pilzen und irgendwelchen Monstern, die seiner Phantasie entsprangen, gekämpft hat. Als auf der Erde erst mal leise und dann immer lauter und schneller ein weites, einsames Heulen erklingt, welches die ganze Herde erzittern lässt, wenn schon gelbe und glänzende Augen hervorlugen im Gebüsch und ein heißes, stinkendes Atmen hinter dem Rücken, soll man da das Gewehr von der Schulter nehmen oder besser das Messer und sich in das Gestrüpp werfen, wie ins Wasser , und diese dichten Körper schneiden, die gefüllt sind mit rotem, heißen Saft. Wie durch die Schicht des Wassers hörte Jerken hinter sich das brummende Geräusch eines heran fahrenden Autos. Er hörte es so, als ob das Geräusch im Inneren des Körpers geboren wurde, an welchen er sich so fest schmiegte. Und in diesem Moment drehte sich der Körper weg von ihm und ihm schien, als hätte er den besten Teil seiner selbst verloren. Um ihn herum entstand die Welt, in der Welt wehte der Wind , die Sonnenstrahlen verbrannten die Haut, und er war allein, getrennt von ihr, aber sie stand in seiner Nähe, schaute ihn an, also ob gerade in dieser Sekunde, jetzt, etwas mit ihm geschah, so als ob er sich vor ihren Augen in ein Monster verwandelte.

Hinter dem Rücken Jerkens erklangen männliche Stimmen aber er verstand noch nicht, was um ihn herum geschah und konnte die einzelnen Wörter nicht von einander unterscheiden. Er drehte sich langsam mit seinem ganzen Körper um und sah, wie sich in der Hundehütte der zottelige Alabaj bewegte und plötzlich mit einem Schlag das Schloss entfernte, nach außen kam, für einen Moment erstarrte, ohne an das Geschehene zu glauben, aufsprang und sich direkt neben Jerken befand. Die Frau hinter seinem Rücken fing an zu schreien und noch lauter schrie der alte Boltabek, der sich dem Zaun näherte und von der Schulter eine Schrottflinte nahm.  Jerken wollte das Messer am Gürtel greifen, doch verstand, dass es zu spät war. Das einzige, was er noch schaffte, war die Beine und Arme so in Position zu bringen, um Alabaj nicht an die Frau mit dem wundervoll duftendem Haar und der warmen, fast mütterlichen Brust, durchzulassen. Das war das einzige, was er gerade noch geschafft hat.

Teil 4. Dankabrkeit

Siehe da – er nähert sich. Er geht langsam, mit einem Stöhnen, hinkend. Schaut vorsichtig. Schaut kurz hin und wendet den Blick ab. Er ist fast da und streckt die zitternde Hand heraus. Seine Hand ist wie ein Feuerschwamm, wie ein Knoten, hügelig, schmutzig. Die Nägel sind alle schwarz, angeschlagen. Während er geht, mache ich das Fenster auf, schaufele Kleingeld aus den Taschen und gebe ihm meine Hand. Halt fest, Opa. Er wirft die Groschen leicht in die Luft, diese rasseln, er schaut sie mit einem schnellen Blick an und zählt diese. „Das ist zu wenig,“  sagt der Opa und wackelt verurteilend mit dem Kopf. Doch mehr erwartet er nicht, dreht sich wieder um und hinkt zum nächsten Auto. Schnell, schnell, solange diese noch stehen, solange die Ampel auf rot ist. Die Autos fahren los, quietschen, rauschen, auch ich entferne mich und sehe ihn, wie er inmitten der Straße steht, kräftig noch, aber alt, er steht mutig da, wie verzaubert und die Autos fliegen, fliegen an ihm vorbei ohne ihn zu streifen. „Kennen Sie ihn?“ höre ich eine Stimme hinter mir. Meine Mitfahrerin. Ich beobachte sie in dem Rückspiegel. Hübsch. Und in meinem Auto ist es warm. Sie hat ihren Mantel abgelegt und darunter trägt sie ein Kleid, offen, festlich. Sie fährt ins Theater. Das errate ich an der Adresse. Ich bin ja Taxifahrer. „Hier kennen ihn alle,“ antworte ich unwillig. „Wir geben ihm alle etwas.“ „Ist er obdachlos, ein Penner?“ fragt sie direkt. Das ist ja super. Ich bin immer froh, zu reden. Vor allem wenn die Mitfahrerin so hübsch ist. „Wissen Sie, dort neben dem Stadion ist eine Warmwasserleitung“, sage ich. „Die Rohre sind warm dort und in dieser Luke lebt er. Scheint nicht zu frieren. Man sagt er hat eine Geschichte, ich fange an sie zu entschlüsseln. Irgend eine dunkle Geschichte. Aber ich weiß es selbst nicht, aber wenn man davon spricht.“ „Welche Geschichte?“ fragt sie ungeduldig, neugierig. „Man sagt, er habe jemanden mit der Axt…“ Ich hebe die Hand und senke sie wieder. Sie schreit auf. Ich schweige. Sie hält es nicht aus: „Und wen?“ „Ich weiß es nicht genau“ sage ich. „Möchte nichts falsches über einen Menschen erzählen.“ Ich dehne die Pause. „Ich meine zu wissen, dass es sich um seine Tochter handelt.“ Sie schreit noch lauter auf. „Bam!“ sage ich und wiederhole die Bewegung. Wir halten an auf der Kreuzung. Sie schaut sich um, so als könnte der Alte uns einholen. „Wie heißen Sie?“ frage ich sie und blicke sie im Spiegel an. „Ludmila,“ antwortet sie. „Man sagt, sie hieß Ira,“ fahre ich fort und mache wieder eine Pause. Doch sie hört begeistert zu. Schaut mich mit ihren großen Augen an. Schöne Augen, das hat sie wohl. „Nun, man erzählt sich, dass sie gemeinsam im Zentrum lebten, in einer großen Wohnung. Die Frau des Alten war verstorben, als die Tochter noch nicht laufen konnte. Weiß der Teufel, was mit der Frau geschehen ist, und der Alte hat die Tochter selbst erzogen. Liebte sie über alles. Der Alte war Parteimitglied, kein Geld war ihm für sie zu schade. Sie hatte alles, was sie brauchte.  Schwarze Haare, dunkle Haut, Augen, von denen man den Blick nicht wenden kann…so wie Ihre. Das Kompliment war etwas grob, doch ich bin zufrieden, sehe, dass sie verunsichert ist. „Doch ihr Charakter war anstrengend. Entweder hat sie der Alte zu sehr verhätschelt oder ihr fehlte die mütterliche Zuneigung in der Kindheit, keiner weiß es, aber sie war oft sehr hysterisch, dass das ganz Viertel es gehört hat. Haben Sie irgendetwas gesagt?“ Meine Mitfahrerin schüttelt mit dem Kopf, so nach dem Motto, ich höre zu. Ihre Brust  hebt sich und ihre Wangen nehmen Röte an. Eine heißblütige Frau. „Und ich sage, welche Frau ist denn nicht hysterisch? Soll man jetzt alle töten?“ sage ich empört und dann werde ich irgendwie nachdenklich: „Das hatte aber nichts mit Hysterie zu tun.“ Und ich schnalze mit der Zunge, mit Mitleid, mit Ingrimm. „Das war keine Hysterie. Das war Liebe. Ira, die Tochter des Alten, war vom Charakter zwar nicht so süß, aber die Kerle ließen sie nicht in Ruhe. Sie wachten unter ihrem Fenster, kämpften darum. Wer sie als nächstes morgens zum Institut fährt. Sie lernte am

technischen, am Institut für Textildesign. Da sind fast nur Frauen und Schwuchteln. Entschuldigen Sie den Ausdruck, „ ich blicke sie schuldig an. „Ist nicht schlimm,“ sagt sie und wird noch roter. „Also, sie wollte, dass man sie ständig irgendwohin fährt,“ fahre ich fort und lächele, „und sonst gab sie niemanden etwas. Und bei Frauen, ohne diese Angelegenheit, Sie wissen schon, verschlechtert sich der Charakter. Nun, sie fing an ihre Hände auf uns zu richten. Man durfte kein falsches Wort vor ihr sagen, mal gibt sie einem Liebhaber eine Ohrfeige, mal dem anderen. Und sie alle sind bereit es auszuhalten, Hauptsache sie können in ihrer Nähe sein. Am meisten hatte der Alte an ihr zu leiden. Sie schlug ihn mit Tellern auf den Kopf,  spritze kochendes Wasser auf ihn. Sie hat also daran Gefallen gefunden. Sie spürte ihre Unschuld, ihre Macht. Hat allen Befehle erteilt. Und eines Tages hat irgend ein Liebhaber es nicht mehr ausgehalten und hat ihr als Antwort auch eine Ohrfeige gegeben. Hat ganz schön reingehauen. Doch auch das hat ihr nur Gutes eingebracht, die anderen Liebhaber konnten eine solche Handlung nicht verzeihen, schnappten sich den Täter abends und verprügelten ihn bis zum Tod. Wirklich bis zum Tod. Und Ira hat in dieser Zeit den blauen Fleck im Gesicht angeschaut und dachte sich, dass sie endlich einen starken Mann gefunden hat. So haben die Gedanken den richtigen Platz gefunden, hehe. Und ihr Herzchen klopfte noch mehr und  schmolz  dahin. Doch dann am nächsten Morgen hat man ihr erzählt, dass ihr Liebhaber getötet wurde. Tot und das war’s. Als sie verstand, was passiert ist, ist sie weg gelaufen. Das ganze Viertel hat sie zwei Tage lang gesucht, am dritten Tag kehrte der Alte heim und sie steht in der Küche. Sie ist ganz blass, zerstreut und hält in der Hand eine Axt. Töte mich, sagt sie. Schlachte mich wie ein Schwein. Hast mich selbst geboren, also töte mich auch selbst. Wenn du mich liebst, sagt sie, dann töte mich.  Und wenn du es nicht tust, dann gehe ich auf die Straße und werfe mich vor jedem X-beliebigen, bis ich jemanden finde, der mich schlachtet. Ich habe nur ihn geliebt, und er ist wegen mir gestorben. Ich habe mich wie ein Tier verhalten also soll ich auch wie ein Tier sterben. Also nahm der Alte die Axt, fing an zu weinen, schloss die Augen und haute auf ihren Kopf , zwar leicht aber sie war sofort tot. „Warum hat er ihren Rat befolgt?“ fragt mich meine Mitfahrerin. „Ich verstehe nicht.“ „Sieht so aus, als ob er dran gewöhnt sei, auf andere zu hören,“ antworte ich, „hatte Angst zu widersprechen“ „Nein,“ flüstert sie, „er hatte keine Angst zu töten.“ „Er hatte keine Angst,“ gebe ich ihr Recht. Ich beobachte sie im Spiegel. Sie sitzt gedankenverloren, schaut aus dem Fenster. Und sagt dann: „Ich habe meinem Mann gestern eine Ohrfeige gegeben.“ „Naja,“ antworte ich, „er hat es wahrscheinlich verdient.“ „Ja, nein,“ atmet sie auf, „ich habe nur geübt…“ Den Rest des Weges schweigen wir. Es fängt an zu regnen und ich mache die Scheibenwischer an. Hin und her, hin und her. Ich habe versucht die Musik anzumachen, doch es gefällt ihr nicht, und ich schalte sie wieder aus. So fahren wir. Endlich macht sie ihre Tasche auf und nimmt das Geld heraus, um es mir zu geben. Während ich das Geld zähle, beugt sie sich über mich, legt ihre Hand auf meine Schulter und sagt leise: „Ich danke Ihnen.“ Und sie steigt aus. Und ich bin still. So schön und angenehm wurde es mir von ihrer Berührung. Aber es war schon zu spät. Ich bin losgefahren und habe es bei der Abbiegung beobachtet, wie meine Mitfahrerin von irgendwelchen Leuten mit Blumen begrüßt wurde. Aber dann schaltete die Ampel auf grün und ich fuhr weiter.

Teil 5. Auf der anderen Flussseite

In diesen Hotels ist es so, die Nachbarn hinter der Wand sitzen leise, wie Mäuse. Lärmdämpfung – Null. Deswegen sind alle so leise. Sie essen leise, halten die Zähne beim Geschlechtsverkehr zusammen, beschimpfen sich nur mit Blicken. Sich kennen lernen kann man nur in der Zeit des Frühstücks. Und was ist das für eine Bekanntschaft – man tauscht Lächeln aus und wünscht sich guten Appetit. Am Ecktisch sitzt immer ein Pärchen aus Japan, so zimperlich, wie Aristokraten. Sie halten die Gabel fest mit drei Fingern, wie Stäbchen. Essen kein Fleisch, nur Fisch und Gemüse. Sie werfen irgendwelche Tabletten ins Wasser, für die Reinigung. Angst haben sie. In der anderen Ecke sitzt eine Gruppe Amerikaner. Sie sind fett und essen alles durcheinander und kauen dann eine Handvoll ihrer bunten amerikanischen Nahrungsergänzungsmittel. Sie lachen laut und geben Kehllaute von sich, als ob etwas bei ihnen im Hals stecken geblieben wäre. Wenn ich sie anblicke, blinzeln sie mir zu. Ich blinzele ihnen nicht zurück, sondern drehe mich um. Aber diese gehen dann an mir vorbei und legen es darauf an, mir auf die Schulter zu klopfen. Und die chinesischen Businessmänner telefonieren ständig, sogar beim Frühstück, mit ihren Mobiltelefonen. Gut, wenn sie einfach nur reden würden, aber nachdem sie auf ihren Zimmern geschwiegen haben, reden sie hier nicht, sondern schreien! Sy! Sy! Das sagen sie zu mir als wir an einem Tisch sitzen. Sie so zu mir: „Sy!“ und ich zu ihnen: „Nicht Ssy!“ und nicke mit dem Kopf, so nach dem Motto, euch auch einen guten Appetit. Dann gibt es noch eine türkische Familie, er in Shorts, sie im Schleier. Er schreit auf die Bedienung und sie klimpert nur so mit ihren Augen. Man sagt, dass die Frauen im Schleier darunter nichts anhaben. Natürlich, bei so einer Hitze ist es zu warm in einem solchen Zelt zu sitzen. Ich selbst trage unter den Shorts keine Unterhosen, so ist es kühler.  Die Bedienungen haben besonders nervige Gesichter. Und sie alle wollen helfen: tragen zu zweit einen Teller weg, kaum habe ich ausgetrunken, kommen sie wieder zu mir um noch mehr Tee einzugießen. Ich halte es nicht aus. „Ich mache es selber!“ sage ich ihnen jedes Mal und nehme ihnen die Teekanne weg. Aber sie geben sie nicht her, tun so als ob sie es nicht verstehen würden. Dann wollen sie noch Trinkgeld haben, aber ich gebe ihnen keins. Das Essen ist irgendwie sauer, doof. Wie lange kann man uns denn noch dieses Omelett servieren? Ich hasse es.  Aber am allerschlimmsten ist dieser Kerl. Weiß der Teufel, wohin er gehört, sieht so aus, als ob zu jemanden von den Mitarbeitern. Er nähert sich einem und schaut auf die Zeitung. Ich lese russische Zeitung und hier spricht Gott seid Dank niemand russisch. Das einzige was hier russisch ist, ist die Aufschrift auf dem Felsen neben dem Meer: „Peterchen + Rita = Liebe“. Ich habe extra eine Woche im Netz gesurft um einen Ort ohne Landsmänner ausfindig zu machen. Und ich habe ihn gefunden. Den Namen der Stadt verrate ich nicht, Sie verstehen schon wieso, aber die Stadt liegt am Meer und ist voller Touristen. Nun denn, ich habe ja begonnen von dem Kerl zu erzählen, er nähert sich mir und schaut auf meine Zeitung. Ich so zu ihm: „Was glotzt du so?“ Und er lächelt mit seinen weißen Zähnen und antwortet mir fröhlich: „Was?“ Und er geht nicht weg, die Zeitung scheint ihn zu fesseln. So steht er neben mir und nervt mich. Okay, wenn er etwas verstehen würde, aber so? Schaut einfach nur. Und gestern Abend hat er einen Hundewelpen gebracht. Und dann, zwischen den Tischen, liegt mit ihnen fast auf dem Boden und der Welpe ist irgendwie abgeschabt, nass, weiß der Geier, wo der Kerl ihn aufgetrieben hat. Vielleicht ist er sogar krank und hat den Kerl angesteckt. Ich bin überhaupt nicht erpicht darauf, mir in diesen Tropen irgendetwas Ekelhaftes einzufangen. Und das wichtigste ist, ich bin wahrscheinlich der einzige hier, der so denkt. Die Japaner achten auf kaum irgendetwas, bis man sie in die Seite sticht. Die Türken lassen etwas vom Essen übrig und schmeißen es dem Hund vor die Nase. Sogar die Amerikaner hören auf zu lachen, machen niedliche Gesichter, verzeih uns Gott, aber was für eine Schönheit! Was für ein niedliches Paar! So klein, schmutzig, einfach ein Poster aus einer Survival – Zeitschrift. Hier ist er, ein Mensch, der in Harmonie ist mit unseren jüngeren Brüdern. Halleluja! Der aller ekelerregendste ist der dort, , wichtigtuerisch, dick und bärtig. Es ist so heiß und er trägt einen Bart. Bob. So heißt er.  Erbsen – Zar. Sein Shirt ist komplett durchnässt, das Gesicht glänzt, der Bart ist fusselig und steht zu allen Seiten ab, und er spitzt seine Lippen, formt die Augenbrauen zu einem Häuschen zusammen, hat den Kopf so liebevoll auf die Schulter gelegt und genießt es. Alles in allem, ist es dem Jungen scheißegal wer ihn anschaut. Unglücklicherweise hat jedes Hotel seinen eigenen Strand. Auf den Nachbarstrand darf man nicht. Und da sind wieder diese ganzen Fratzen, wenn es nur die Fratzen wären. Sie sind doch alle nackt! Gut, fast nackt. Alle bis auf die Türkin. Sie geht zum Strand in einem rosa Schwimmkostüm, das aussieht wie ein Pyjama mit einer Kapuze. Und weil sie nicht schwimmen kann, geht sie bis zum Knie ins Wasser und plantscht nur. Das sieht vielleicht aus. Wie ein Pokemon in einem Becken. Und die Japaner. Sie kommen zum Strand, sitzen in den Strandkörben, cremen sich mit Sonnencreme ein, dann machen sie ein Schwimmwettbewerb, zuerst ins offene Meer, dann am Strand entlang und genau nach fünfzehn Minuten geht es zurück in die Strandkörbe, sich abtrocknen, die Sachen mitnehmen und dann zurück ins Hotel. Alles nach Stundenplan. Ruhig, geschäftig, ruhig. Nicht wie die Chinesen. Diese, wenn sie erscheinen, fangen sofort an zu schreien. Vor allem weiß der Teufel, wen sie anschreien. Entweder sie streiten miteinander oder sie schimpfen. Wenn die Chinesen kommen, sollte man verschwinden. Weil die lange da bleiben. Sie fangen dann an, Sandburgen zu bauen, das, so scheint es, liegt bei ihnen im Blut. Und im Wasser bleiben sie nicht an einer Stelle, sondern zerstreuen sich am Ufer entlang, dass wen man selbst baden gehen möchte, man in der Nähe von einem von ihnen auftaucht. Und ich mag es, wenn niemand in meiner Nähe ist. Nur ich und das Wasser. Und überhaupt mag ich nichts, was mit Gruppen zu tun hat. Verschiedene Fußballklubs, Kolchosen, Versammlungen..das alles ist nichts für mich.

Ich mache sogar Geschlechtsverkehr vorsichtig. Ich habe das Gefühl, dass wenn zwei, drei oder vier Menschen etwas zusammen machen, sie dann gar nicht existieren. So als ob sie für eine Zeit verschwinden. Die Gruppe ist da, nur das Individuum verschwindet. Und dieses Gefühl gefällt mir so gar nicht. Das ist wie wenn man ein paar Schalen nimmt: in der einen ist Saft, in der anderen Tee und in der dritten Kaffee. Und dann tut man sie alle in eine Flasche, schüttelt diese gründlich durch  und kippt den Inhalt wieder verteilt auf die Schalen. Was kommt dann heraus? Irgend ein Mischmasch. Deswegen nehme ich nicht an irgendwelchen Gruppenaktivitäten teil. Weil du dann verschwindest und nicht mehr so bleibst, wie du davor warst? Nie mehr? Also, mit den Chinesen schwimme ich nicht. Dazu kommt, dass der Kerl mit dem Hund wieder da ist. Er hat irgendeine Seife gebracht und beginnt damit den Welpen im Wasser einzuseifen. Das ist natürlich eine gute Sache, aber warum hier? Hier baden doch Menschen. Nun, es scheint nur  mich zu stören. Und den anderen ist es egal. Die Deppen. Dann natürlich der Sonnenuntergang. Diesen kann keiner verpassen. Alle müssen sich davon überzeugen, dass die Sonne nicht einfach weg, sondern hinter dem Horizont verschwunden ist. Gut,  Amerikaner, diese wissen wenigstens, dass die Sonne jetzt in ihrer Heimat ist. Sie  ist in ihre Heimat verschwunden. Und die Chinesen mit den Japanern? Warum können sie sich nicht halten? Ich gehe zur Zeit des Sonnenuntergangs ins Hotel, um etwas in der Stille zu verweilen, während alle auf die Dächer und die Terrassen flüchten. Ich mache den Vorhang zu und sitze so da. Und dann höre ich, wie sie Krach machen, mit den Türen klopfen. Und ich gehe raus. Mir entgegen, kommt auf der Treppe Bob. Es gibt keine Möglichkeit an ihm vorbei zu gehen und ich gehe zur Seite. Er murmelt irgendetwas auf seinem amerikanisch, zeigt einen Daumen. Auf dem Gesicht Freude. Er ist zufrieden mit dem Sonnenuntergang. „Yes,“ sage ich und beuge ebenfalls meinen Daumen. Wir können kaum aneinander vorbeigehen. Ich nehme den Duft  seines Bartes wahr.  Der Geruch von Meer und Ketchup. Im Foyer, neben der Bar schlafen der Kerl mit dem Welpen, sie drücken sich aneinander, zusammengerollt zu kleinen Knäueln, liegen sie auf dem Ledersessel. Jetzt ist die Zeit der Spaziergänge. Ich weiß, dass jetzt alle aufgebrochen sind zu einem Spaziergang am Meer, sie gehen an den Restaurants vorbei und wählen aus, wo sie zu Abend essen sollen, wo der Ausblick am schönsten ist, das Essen besser, wo die Tischdecken sauberer sind, die Bedienungen freundlicher. Nirgendwo. Das heißt, es ist überall gleich. Es gibt nur die Illusion einer Wahl, denn diese Restaurants unterscheiden sich in nichts voneinander. Dieselben sauren Lächeln, derselbe Fisch, der selbe Blick. Ich gehe nicht dorthin. Da sind wieder zu viele Menschen. Ich gehe wieder in die andere Richtung, da wo der Fluss ist, wo die Gärten sind. Es ist schon ganz dunkel geworden, deswegen habe ich keine Angst, dass man mich sieht. Ich ziehe die Sandalen aus und gehe barfuß auf dem Gras. Das Gras ist weich, warm, feucht. Es ist angenehm darauf zu gehen. Ich fühle, wie ich den Säften der Erde näher bin. So fühlen wahrscheinlich die Bäume und die Blumen. Irgendetwas muss es in dieser Erde geben, etwas, was die Wissenschaftler noch nicht herausgefunden haben und ich spüre mit jedem Schritt, dass ich stärker und ruhiger werde. Ich gehe und gehe, bis die Geräusche des Strandes ganz verschwunden sind. Ich höre nur, wie der Fluss rauscht, an dem ich entlang gehe und wie der Wind die Blätter auf den Bäumen bewegt. Im Himmel zeigen sich bereits die ersten Sterne und zwischen ihnen flattern schnelle, geräuschlose Schatten – Fledermäuse, die auf die Jagd gehen. Im Gras, unter meinen Füßen, leben kleine, trockene Frösche. Die Frösche schweigen, aber ich weiß, dass sie da sind. Ich gehe ruhig, will nicht auf sie treten. Der abendliche Wind weht mir unters Hemd, so warm und zärtlich. Er wird stärker, der Fluss macht eine Kurve und hinter der Ecke, auf der anderen Seite des Ufers zeigt sich ein leuchtendes Segelboot. Von hier aus kann ich Frauen und Männer in festlicher Kleidung, ein Streichquartett und links einen Klavierspieler sehen. Ich höre Lachen, Musik und das dumpfe Öffnen von Champagner-Flaschen. Ich stehe barfuß auf dem Gras, im leeren, mit Blätter rauschendem Garten. Drei Schritte von mir entfernt rollt über die Steine dunkles, kaltes Wasser. Ich halte mich mit der Hand an der warmen Baumrinde fest, bin allein unter tausend Sternen und blicke auf das Segelboot am anderen Ufer, da wo Leben ist. Und in diesem Moment unterscheidet sich das Leben dort so sehr von dem meinen, es ähnelt so viel mehr einem Leben, dass ich ein seltsames Gefühl habe, so als sei ich verschwunden, mich aufgelöst habe, gestorben bin. So als ob ich mich vor dem Fluss befinde, von  dem die Griechen und Hindus gesprochen haben und ich drehe mich noch einmal um , um  mich daran zu erinnern, wie es damals war, zu leben. Doch ich befreie mich von der Anwandlung, drehe mich um, ziehe die Schuhe an und gehe zurück. Je mehr ich mich vom Segelboot entferne, desto dunkler wird es. Der Rückweg scheint für mich viel länger und verwinkelter zu sein. Und hier ist endlich das Hotel. Die Bar hat noch geöffnet und in ihr, natürlich, sind wieder die Amerikaner. Bob und seine Freunde. Sie alle wie aus einem Holz geschnitzt. Bier und Chips. Viel Bier und Chips. Ich setze mich an die Theke. In der Bar ist es ebenfalls dunkel, das Hotel spart Licht. Ungeachtet der späten Stunde, reden die Amerikaner laut und lachen. Bob lacht so laut, dass er sich nicht halten kann und vom Stuhl fällt. Der Stuhl fällt auseinander. Doch Bob selbst ist nicht verletzt, er zittert noch mehr vor Lachen. Er steht langsam auf, schaut sich um, will nach einem anderen Stuhl greifen, doch entscheidet sich anders. Ein paar Schritte von ihm entfernt steht ein schwarzer Ledersessel, direkt neben dem Abstelltisch. Das, auf welchem vor dem Abendessen der Junge mit dem Welpen geschlafen haben. Bob rückt den Sessel zu seinem Tisch. Die Amerikaner lachen freundlich. Im Halbdunkel sehe ich, dass sich auf dem Sessel etwas bewegt. Ich komme auf den Gedanken, dass der Junge den Welpen hier gelassen hat. Ich schaue hin, aber es ist zu dunkel. Dann stehe ich auf und gehe zum Tisch mit den Amerikanern. Bob ha den Sessel bereits zum Tisch gerückt und setzt sich mit seinem Hintern darauf. „Ey,“ schreie ich, doch die Bewegung hat bereits begonnen, das Beharrungsgesetz ist zu stark. Solange er nicht sitzt, darf ich es nicht zulassen. „Ey,“ rufe ich und laufe zu ihm. Ich sehe, wie die Amerikaner verstummen und mich anblicken, ich sehe wie der große Hintern sich nach unten zieht und den Sessel füllt und ich spüre den Schrecken dieser Aussichtslosigkeit, als ob ich auf den sich nähernden Hintern blicken würde, ich spüre wie das Licht und die Luft immer schwächer werden und dann plötzlich senkt sich auf mich dieser Fleischberg  und ich schreie aber es nützt nichts, ich kann mich nicht bewegen. Ich strecke die Pfoten vor mich, versuche den Tod von mir wegzurücken, doch ich werde immer tiefer nach unten gedrückt, irgendetwas knistert im Herzen, man hat kaum Luft zum atmen, kaum Luft. Und in diesem Moment krache ich mit Bob zusammen und mit der ganzen Kraft schlage ich mit den Händen auf diesen Kadaver, ich versuche ihn umzudrehen, doch Bob fängt an zu kreischen, schützt sich mit seien Händen, fällt aus dem Sessel und landet auf allen Vieren. Ich berühre den Sessel mit meinen Händen, kann jedoch nichts ertasten. „Machen Sie das Licht an!“ schreie ich, taste immer weite und verstehe, dass niemand da ist, und wahrscheinlich auch niemand da gewesen ist. „Doch es hätte jemand hier sein können,“ sage ich, atme dabei schwer und blicke in die erstarrten, schiefen Gesichter der Amerikaner , „hätte sein können, stimmt’s?“ Keiner antwortet mir, nur der verschreckte Bob heult unter dem Tisch. Und in diesem Moment kommt ein Mitarbeiter des Hotels und macht das Licht an.

Teil 6. Der glatzköpfige Pet’ka

Der Abend begann sehr gut. Nein, wirklich sehr gut. In letzter Zeit geschah so etwas sehr selten aber heute wollen sie ins Theater gehen und morgen hat Rita Geburtstag. Wie immer macht sie sich Sorgen, wünscht sich schon heute, dass der morgige Tag gut sein wird, voll mit Eindrücken und hat gleichzeitig Angst, das dies nicht passieren wird. Und Kirill versucht Rita abzulenken und merkt nicht, dass sie sich Sorgen machen will, Angst haben möchte. Und auch der heutige Theaterbesuch war seine Idee. Im letzten Augenblick wollte Rita ebenfalls unter Leute, machte sich irgendeine chaotische Frisur, und als sie raus gingen, als sie Kirill an der Hand hielt, als sie sich ins Auto setzten und los fuhren und die anderen Autos überholten und eine Kreuzung nach der anderen überflogen bei grüner Ampel, dann fühlte Rita sich glücklich, lebendig. Dazu kam, dass sie zu spät waren, und Rita liebte es zu spät zu sein, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sie liebte es, wenn sich alle nach ihr umdrehten, sie anblickten, sei es im ersten Blick unzufrieden, da hob sie die Augen, auf ihrem Gesicht tauchte ein unschuldiges Lächeln auf, wie eine zarte Blume, sodass alle anfingen dahinzuschmelzen, nur die Schauspieler auf der Bühne verloren die Verbindung mit den Zuschauern, vergaßen den Text und ärgerten sich. Aber diesmal, kaum hatten sie den Saal betreten, sah Rita in der zweiten Reihe den glatzköpfigen Pet’ka sitzen. Er war schon komplett kahl und glänzte wie eine geschälte Zwiebel. Als alle sich umdrehten, um Rita zu betrachten, war er der einzige, der es nicht tat.  Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem neben ihm sitzenden pummeligen, blonden Mädel. Kirill nahm Ritas Hand und sie setzten sich, entschuldigend, auf ihre Sitze. Von ihrem Platz aus sah Rita Pet’ka mit dieser Ollen und ärgerte sich, dass sie vorne sitzen und bessere Sicht haben. Kirill merkte, dass Rita nervös war und entschied, dass es an ihrem bevorstehenden Geburtstag lag. Abgesehen davon, entwickelte sich auf der Bühne die Handlung. Irgendjemand hat irgendjemanden getötet und das machte alle sehr nervös. Es schien, als ob der Sohn des Toten, der mit einem hohen Tenor sang, etwas gegen irgendeinen Mann mit angeklebten Schnurrbart hatte und dieser baggerte die Witwe an, bzw. wollte er es so. Und alles wäre in Ordnung, doch der Sohn benimmt sich sehr eigenartig, obwohl er nicht der Mörder ist, im Gegenteil, er will die Wahrheit erfahren, er ist voller Zorn und zittert, noch ein Jüngling und in der Nacht kommt seine Liebhaberin zu ihm, ja er hat eine Liebhaberin, sie ist auch jung, aber sie kommt heimlich, in der Hand hält sie ein kleines Fläschchen, von dem sie etwas in sein Glas tropft. Was ist das denn? Nicht etwa? Und wer wartet da auf sie hinter der Tür? Bäh, das ist er, der Mann mit dem Bart, er tut so als ob er sich an der Witwe interessieren würde und in Wirklichkeit hat er etwas mit der Braut des Helden gedreht, und nun sind sie wie Topf und Deckel. Die Liebhaber umarmen sich im Licht der Laterne, als der betrogene Ehemann aufwacht, aus dem Fenster schaut, sie sieht und die Gliederketten, klirr klirr, verbinden sich in seinem Kopf. Er wirft sich zur Mutter, um sie über den Betrug aufzuklären aber als er in ihr Zimmer stürmt, sieht er nur das geöffnete Fenster, hinter dem das Meer rauscht, der Vorhang flattert, es erklingt sorgenvolle Musik. Der Held greift nach dem Zettel, der auf dem Tisch liegt, und oh mein Gott, Mutter! Sie schreibt, dass sie selbst den Vater getötet hat, aus Liebe zum Bärtigen und jetzt, wo sie von dem Betrug erfahren hat, verstand sie, wie sehr sie gesündigt hat. Und so kann sie nicht weiter leben, sie möchte zum Vater, damit ihr dieser verzeiht. Der Held ist überrascht. Zerknittert und unter Tränen, kehrt er in sein Zimmer zurück, setzt sich auf das Bett, führt die Hand langsam zum Wasserglas, führt dieses zum Mund, macht einen großen Schluck und genau in dieser Sekunde stürzt in das Zimmer seine Braut, sie rennt herein und versteht beim ersten Blick, dass es schon zu spät ist. Aber er lebt noch! Und sie beugt sich über das Bett, bedeckt mit Küssen sein Gesicht und sing die ganze Zeit, singt, dass er nicht allein sterben muss. Und außerdem war dieser bärtige Mann krank, ernsthaft krank und heute um zwei Uhr Mittags ist er auf einmal hingefallen, hat ein paar Mal gezittert, seine Augen wurden leblos, die Lippen hörten auf sich zu bewegen, und niemand hat mehr Interesse an ihm. Wie schade, dass nun auch du stirbst! Aber das macht nichts. Wisse beim Sterben, dass ich leben werde und mein ganzes Leben an dich denken, mein Liebster, dich immer in Erinnerung behalten. Um mit meinem Leben die Sünde abzubüßen. Sie weint, doch in ihren glänzenden,  geschminkten Augen leuchtet ein heiliges, fanatisches Feuer. Sie steht auf, dreht sich zu den Zuschauern und singt für uns, dabei in unsere Seelen blickend. Der Saal weint. Zum finalen Si zurückkehrend, zittert sie vor Aufregung und hebt endlich die Arme, bricht den Ton ab. Für eine Sekunde ist es still im Saal, und dann klatsch, klatsch und es geht los mit dem Applaus, eine Lawine von Geräuschen, ohne den Anschein zu machen, mit dem Applaus aufzuhören. Und von diesem Krach stehen die Toten auf und verneigen sich. Da sind sie alle. Die Braut ist im Zentrum, natürlich – ein Stern! Und ihr Nachname ist sternenhaft – Ludmila Viloslavskaja. „Bravo! Bravo!“ schreien sie im Saal. Und Kirill und Rita stehen beide, ihre Oberschenkel aneinander geschmiegt, und klatschen mit. Und der glatzköpfige Pet’ka knutscht die Blonde, berührt ihre Rundungen, so als ob sie hier allein wären, als ob es hier keine Menschenseele gäbe, sondern nur wackelnde Bäume.

Und für einen Augenblick vergisst Rita den morgigen Tag. Sie dreht sich um und schaut auf Kirill, und Kirill hat dichtes Haar, Locken, eine solche Haarpracht. Doch er schaut sie nicht an, er ist noch voll mit Emotionen, ist noch bei denen auf der Bühne und Rita möchte schreien, sich in seine Locken fest krallen, wie in eine Pferdemähne. Doch ihre Hände sind beschäftigt mit Klatschen, und Rita klatscht in die Hände umso fester, umso schmerzhafter, das ist so klangvoll, als ob sie jemanden eine Ohrfeige nach der anderen geben würde. Doch nun wird es endlich still. Kirill ist glücklich. Er denkt, dass die Oper Rita gut gefallen hat. Kein Wunder, so leidenschaftlich wie sie geklatscht hat. Das Publikum senkt die Arme, das Licht wird heller, alle blicken sich um, einige husten, schnäuzen sich, führen Gespräche, werfen die Anwandlung von sich, befreien sich von der Kraft der Opernkunst, so als ob sie für eine Zeit einschliefen und jetzt müssen sie wieder funktionieren, schon wieder in das graue, alltägliche Leben mit seinem Erdöl, Dienstreisen, und der Arbeit am Zement. Sie gingen einzeln herein und heraus gehen sie als Gruppe. Schneller, schneller, raus aus dem Traum. Doch die Türen sind schmal, es können nicht mehrere gleichzeitig hindurch gehen und sie quetschen sich irgendwie durch, drücken gegeneinander vorsichtig, höflich, sie sind  ja schließlich in einem Theater und nicht im Bus. Kirill und Rita drängen sich auch durch, sind eingequetscht zwischen einem Dicken im Anzug, mit nassen Achseln und einer sportlichen Frau mit einem strengen Blick und einem Joch auf den Schultern. Die Türen beben, mahlen das Knäuel der Schätzer des akademischen Vokals, Rita und Kirill nähern sich ihnen, doch hier in der Menge entsteht eine Sorge, ein Zittern und aus der Tiefe taucht der glatzköpfige Pet’ka auf und diese Albino – Frau. Mit einer Hand hält Pet’ka die Blonde, und mit der anderen, wie das Kielwasser, gräbt er sich durch die Schlange. Rita erstarrt und erwartet, dass er sie nun endlich sieht. Sie nimmt Farbe an, blickt auf ihn mit Augen, die voller Glück und gleichzeitig Hass sind, doch ihm fällt Rita gar nicht auf. Mit einer Bewegung trennt er sie von Kirill, kehrt zur Tür zurück, fliegt wie ein Korken nach draußen und zieht die schmunzelnde Begleiterin mit sich.  Und plötzlich von diesem Klaps, reißt irgendetwas in Rita, spritzt aus den Augen nach Außen und wischt die Farbe weg aus ihrem Gesicht. „Was ist los, was ist los?“ murmelt erschrocken Kirill und drückt Rita an sich. Sie nähern sich immer weiter der Tür und endlich befinden sie sich draußen. Nach dem im Inneren vorherrschenden Duft der Intelligenz, werden ihre Lungen wieder mit  der staubigen, Benzinluft gefüllt. Den ganzen Weg hat Rita einen finsteren Blick. Und als sie zuhause angekommen sind, zieht sie sich im Schlafzimmer um und legt sich ins Bett.  Kirill weiß natürlich nicht, warum Rita so traurig ist und fühlt sich schuldig. Er findet keinen Platz für sich, ist wütend auf sich selbst, dass er sie ins Theater mitgenommen hat, kann aber nicht die richtigen Worte finden, um es ihr irgendwie mitzuteilen. Er macht sich große Sorgen und geht in der Wohnung hin und her, stellt überall Kerzen auf, bläst im Badezimmer Luftballons auf, bastelt Kraniche aus Papier, denn morgen ist ein besonderer Tag und nun wünscht er sich sehr, dass Rita glücklich ist. Er war gerade damit fertig, das Haus zu schmücken und beschloss endlich in das Zimmer zu blicken. Kirill weiß, dass Rita nicht schläft, sondern nur mit geöffneten Augen in der Dunkelheit liegt. Er hat Angst wenn sie in diesem Zustand ist, deswegen schaut er sie nicht an und macht langsam die Lampe an, ein schwaches Licht, dann nähert er sich dem Bett und setzt sich neben sie. „Was soll ich dir zum Geburtstag schenken?“ fragt er leise. Rita dreht sich um und schaut Kirill aufmerksam an. Er sitzt so gebeugt, unglücklich da, dass Rita aufatmen muss, ihn näher an sich  heranzieht, an die Brust drückt und seine Haare streichelt. „Rasiere dir eine Glatze,“ sagt sie.

Teil 7. Auf einer Linie

Und siehe da, er ist weg. Und er lenkt Richtung Bahnhofsvorplatz, fährt lange hin und her und kann endlich parken. Bleibt im Auto sitzen und steigt nicht aus. Er macht eine Atempause, beißt die Zähne zusammen. Und macht dann doch die Tür auf. „Hau ab,“ winkt er dem Parkhauswärter. Er macht den Mantel zu, hebt den Kragen, beugt sich und geht zum Bahnhof. Dort gehen alte Frauen mit Eimern hin und her. Dort sind Äpfel. Groß, rot. Woher kommen sie, jetzt ist doch Winter?

„Usbekische Äpfelchen!“ schreien die Alten.  Er steht lange in der Mitte des Saals und blickt auf den Fahrplan. Die Züge kommen und fahren. Die Menschen rennen mit schweren Taschen, ihn mit den Seiten streifend, entschuldigen sich nicht, sondern im Gegenteil, blicken ihn böse an, schimpfen vor sich hin und rennen weiter, verspäten sich. Er steht da und wartet auf irgendetwas. „So, so, so, so, so , so , so,“ flüstert er leise vor sich hin. Er wiederholt die ganze Zeit das doofe „so“, als ob er sich entscheiden würde und sich gerade entschieden hat, dabei denkt er an nichts, und mit der Hilfe seines „so“ versucht er diesen ersten Faden zu entwirren, herauszuziehen, zu ertasten, diesen Faden, welcher in seinem Inneren diesen klopfenden Rhythmus „so-so-so-so-so-so-so“ verursacht hat. Und man nennt ihn ganz seltsam – Sam. Aber er ist kein Amerikaner und sogar nicht Sam, sondern Samuil. Es ist einfach so, dass er sich seit seiner Kindheit selbst Sam nannte, wenn die Mutter ihm mit einem Taschentuch den schmutzigen Mund abwischen wollte, er griff nach dem Tuch und sagte: „Ich Sam“(im russischen Ich Selbst) .  Dann als sein Vater ihm hinterher lief, das Fahrrad nicht los lassen wollte, drehte er sich um und schrie: „Ich Sam!“ Wenn die Jungs ihn riefen, um draußen zu spielen, saß er vor seinen Schulbüchern, versuchte die Aufgabe zu lösen über diesen teuflischen Kohl, welchen man warum auch immer, nach Saratov brachte, seine ältere Schwester bot an ihm zu helfen, dann murmelte er nur irgendetwas und beugte sich über das Heft: „Ich Sam“ .  Und als er ganz zufällig den Zwillingen „Vanjushkiny“ (er wurde dazu gezwungen Aufschriften unter den Fotos zu machen, und unter dem Bild von den Zwillingen schrieb er „Vonjushkiny) die Suppe versalzen hatte, wurde er irgendwann nach dem Unterricht von ihnen abgefangen und verprügelt, und als die Jungs es sahen, kamen sie ihm zur Hilfe, er jedoch, schubste die Freunde weg und schrie: „Ich Sam!!!“ und warf sich auf die verwunderten „Vanjushkiny“

Noch zur Schulzeit transformierte sich leicht das Wort „Selbst“ in den Namen„Sam“. „Sam selbst,“ ärgerten ihn die Klassenkameraden, „Sam selbst, Sam selbst, Sam selbst“, es klang irgendwie usbekisch , „samsa, samsa, samsa“ (usbekische Teigtaschen). Am schlimmsten war es beim Sport. Sam konnte weder Fußball, noch Basketball, noch Hockey spielen und andere Spiele auch nicht. Keiner warf den Ball zu ihm, weil man wusste, dass er anfängt zu schreien: „Ich Sam“ (selbst)  und alleine zum Tor rennen wird, bis er den Ball nicht verliert. Doch oft konnte Sam Aufgaben besser lösen als manch anderer. Doch das Verhältnis zu den anderen wurde davon nicht besser.

„Wenn Sam, dann Sam,“ sagten beleidigt, überrascht und enttäuscht die Eltern, Ljuda, die Jungs, die Mädchen, die Lehrer, die Kollegen, der Vorgesetzte…Sie wollten doch nur helfen, handelten nach besten Absichten, und er…Und er wollte nicht, dass man ihm hilft. Hatte Angst. Hatte Angst, irgendjemanden in sein Leben zu lassen und an diesem teilzunehmen. Er stellte sich vor, dass das Leben eines jeden Menschen als Bild einer Linie dargestellt werden kann, eine gebrochene und biegsame Linie und wenn einer dem anderen helfen möchte, wenn man es gemeinsam macht, dann verschmelzen diese Linien miteinander und bleiben für eine Weile eine einzige Linie, so scheint es.

Und dann verschwindet einer von ihnen. Sam fürchtete sich davor, dieser  Verschwundene zu sein. Denn wenn du einmal verschwindest, kann man sich nicht sicher sein, dass man wieder der Alte wird, dass man dann überhaupt noch da ist.

Alles wurde anders, als Sam begann sich für Frauen zu interessieren. Wie gewohnt, war er es, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch bald bemerkte er, dass gerade hier, gerade in der Liebe sich dieses Verschmelzen, dieses Verschwinden zeigt. Um zu lernen, keine Angst zu haben, nahm Sam sich Prostituierte, brachte sie in Mietwohnungen, schaute in ihre leeren, animalischen Augen und verstand, dass man mit ihnen alle möglichen Varianten von Verschmelzung auf der Karte von Menschenleben, ausschließen sollte. Man musste die Situation vollständig kontrollieren und deswegen ging Sam raus, ins Geschäft, um sich Wodka zu kaufen. Die Prostituierten waren schnell betrunken, dann positionierte er ihre leblosen Körper auf dem Bett und machte alles selbst. Und Die Mädchen – jene mit den glänzenden Augen, Lächeln mit Grübchen auf den Wangen; jene, die mit ihm studierten oder in der Nachbarschaft lebten; jene, die er auf irgendeiner Party traf,  bei einem Bekannten oder einfach im Bus,- diese Frauen wünschten sich mehr. Gerade diese wünschten sich die Verschmelzung. Sie sagten es zwar nicht, aber an ihrem Verhalten, ihren Bewegungen, in ihren durchsichtigen Augen, schien der Wunsch nach dem Verschwinden durch.

Und als man Sam, nach seinem Abschluss an der Universität, anbot in einem Erdöl-Dorf zu arbeiten, nahm er das zur Gelegenheit, sich von diesen ewigen Versuchungen zu befreien und steckte drei Jahre in diesem von Gott verlassenen Ort fest, wo mitten in der Steppe gleiche Einetagenhäuser standen und die einzige Freude war die sonntägliche Wanderung in die Sauna, gemeinsam mit amerikanischen und chinesischen Spezialisten. Nach dem ersten Glas Bier erzählten sie sich die gleichen Witze und lachten selbst über sie. Und drumherum war nur die Steppe, staubig, heiß, und irgendwo dort, unter dem heißen Sand, sprudelte und strömte nach Außen das schwarze, fette Erdöl.

Nach seiner Rückkehr, noch am ersten Tag, ging Sam direkt zu den Vanjushkins. Diese feierten den gemeinsamen Geburtstag und es versammelten sich bei ihnen die Klassenkameraden und die unrasierten Nachbarjungs. Man freute sich über Sam, goss ihm ein, klopfte auf seine Schulter und fragte ihn aus. Und Sam war von seiner Reise der am meisten unrasierteste, er war müde aber glücklich, dass er endlich angekommen ist. Vor Glück konnte er sie gar nicht bemerken, konnte sich nicht rechtzeitig umdrehen. Sie hieß Tatjana und als Sam das erfuhr und sich selbst vorstellte, begann er Tatjana zu erklären, dass in ihrem Namen sich Europa und Asien miteinander vereinen, das slawische „tat’“ und das türkische „džan“, und raus kommt „Die Seele des Bösewichts“, doch Tatjana schaute ihn schnippisch an, wovon Sam ganz verwirrt wurde und immer leiser und leiser vor sich hin sprach ohne zu wissen wie er sich verhalten sollte. „Möchten Sie, dass ich Ihnen was einschenke?“ sagte er. „Schenken Sie sich selbst ein,“ drehte sich Tatjana um. „Erlauben Sie mir Ihren Teller…“ „Halten Sie besser Ihren fester.“ „Darf ich Sie begleiten?“ „Nein, danke, gehen Sie selbst.“ Und Sam stellte mit Erschrecken fest, dass er nicht selbst etwas machen will, sondern zusammen. Und am nächsten Abend, ohne einen Platz für sich zu finden, nahm er Vaters Auto und fuhr irgendwohin, dorthin wo sie leben könnte. Er fuhr hin und her, schaute sich alles an, stellte Fragen, aber Tatjana fand er nicht. Und hier entstand in seinem Inneren dieser tickende Rhythmus tak-tak-tak-tak-tak-tak.  Diesen Rhythmus klopf Sam mit den Fingern auf das Lenkrad, tritt mit dem Fuß im Takt und es kommt ihm vor, als ob er mit diesem tak-tak-tak irgendeinen wichtigen Gedanken ertastet, sich irgendeinen schweren Plan ausdenkt, aber in Wirklichkeit ist es in seinem Inneren leer und mit diesem unendlichen tak-tak-tak erlaubt er es einfach nicht, in der Tiefe zu versinken. In diesem tak-tak-tak liegt seine einzige Hoffnung. Weil solange der Rhythmus sich hält, hat er das Gefühl, das nicht alles verloren ist. Hauptsache man bleibt nicht stehen. Tak-tak-tak-tak-tak. Für Sam ist dieses tak-tak-tak wie ein Faden für Tesej, wie die Steinchen für Gretel, wie die Spuren des Herrchens für den verlorenen Hund. Und Sam schafft es gerade so, hinter diesem tak-tak-tak zu laufen, wie in einem Labyrinth, biegt er ab, dreht sich auf einer Stelle, rennt in die andere Richtung, klopft mit den Absätzen, ertastet die Wände, und über ihm Wolken, dicht, graublau und nur zwischendurch kommt ein Sonnenstrahl heraus und daraufhin murmelt Sam tak-tak-tak und die Sonne scheint hindurch zu kommen, sich durch zu zwängen. Sam hilft ihr mit seinem tak-tak-tak und die Sonne spürt die Hilfe, schlägt die Wolken auseinander und siehe da – man kann schon den Himmel erblicken – blau, blau. Die Sonne ist weiß, der Himmel ist blau und die Wolken reißen immer mehr auseinander, hören Sam zu, er so zu ihnen: tak-tak-tak und sie lösen sich auf. Und das war’s. Sie sind nicht mehr da. Und die Sonne zeigt sich als ganze Kugel. Und auf einmal durchfährt es Sam. Er hat ja gehört, wie Tatjana am Telefon sich über irgendetwas beklagte ihrer Freundin gegenüber, dass der Weg weit ist und sie nicht einen Tag ohne Duschen auskommt.

Sam wägt ab, zu Vanjushkins oder direkt zum Bahnhof, und beschließt zu den Zwillingen zu fahren. Er klopft an die Tür und direkt, ohne „Hallo“ und „wie geht’s’“ zu sagen, beginnt er direkt über sie zu sprechen: „Wohin ist sie gefahren?“ „Weiß der Teufel, entweder nach Kuznja oder nach Novosib. Kann auch sein, dass sie nach Sahalin gefahren ist. Komm rein, magst du Wodka? Setz‘ dich, trink wenigstens etwas Tee. Warum brauchst du sie? Sie ist doch verheiratet, Jegor, erinnerst du dich? Aus dem fünften? Ist reich geworden, zum Teufel, ganz voller Erdöl. Kommt einmal im Jahr zu uns, zum Angeln. Zu ihm ist sie wahrscheinlich auch gefahren. Und wirklich, dort ist ein scheiß-Klima, und wir hier in Alma-Aty haben Wassermelonen im Dezember, he-he. Ich habe erst gestern eine vom Bazar mitgebracht, so süß. Und dort? Im Sommer Stechmücken , im Winter Lawinen, das ist die ganze Freude. Sie ist sicher verheiratet! Ich sag es dir. Sie haben einen Sohn, so ein typischer Name, ich glaube Volodja…oder Andrjuša, erinnere mich nicht, will nicht lügen. Was, willst du etwa deinen Tee nicht austrinken? Und die Wassermelone? Du musst es selber wissen.“

Und er ging fort. Und da lenkt er auf den Bahnhofsvorplatz, dreht sich, es ist sehr eng, die einen laden etwas auf, die anderen tragen etwas, die dritten packen irgendetwas ein. Und er hat eine Lücke gefunden und parkt. Er bleibt im Auto sitzen, steigt nicht aus. Er beißt die Zähne zusammen. Er glaubt es nicht. Im Auto ist es stickig und Sam öffnet endlich die Tür. „Hau ab,“ sagt er zum Parkhauswärter. Er macht den Mantel zu, hebt den Kragen, beugt sich und geht zum Bahnhof. An ihm laufen alte Frauen mit Eimern vorbei. Darin sind Äpfel. Groß, rund, auf den ersten Blick sehr schwer. Er sieht sich um und sucht Tatjana, doch sie ist da nicht.  Die Menschen laufen an ihm mit schweren Taschen vorbei, ihn mit den Ecken streifend, ohne sich zu entschuldigen, im Gegenteil, sie schimpfen mit ihm und eilen weiter, verspäten sich. Er steht lange inmitten des Saals und schaut auf den Stundenplan. Die Züge kommen und gehen. Er bleibt stehen. Er wartet auf irgendetwas. „Tak, tak, tak, tak, tak, tak, tak,“ flüstert er und geht endlich zum Schalter. „Fräulein, geht heute ein Zug Richtung Sibirien?“ fragt Sam, der sich beugt, um ihre Augen zu sehen. „Novosibirsk, Novokuzneck, Surgut, Čeljabinsk, sie sind alle fort“ sagt schnell die Frau, „morgen geht einer nach Čeljabinsk.  Novosibirsk, Novokuzneck, Surgut, an ungeraden Tagen.“ Sam dreht sich um. Die Omas mit den Äpfeln spüren seinen Blick, schnappen sich die Eimer und eilen hoffnungsvoll zu ihm. Die Äpfel sind rot und schwer. Wo kommen die nur her im Winter? Sam stellt sich die Entfernung vor. Es sind noch dreißig Schritte bis zu ihm . Er schafft es. „Und gehen heute Züge in den Süden?“ fragt er und beugt sich wieder zum Fenster des Schalters. „Bis Ašhabad auf dem dritten Gleis. Fährt los in einer halben Stunde. Es gibt einen Platzkart-Platz. Nehmen Sie den?“

Sam blickt sich noch einmal um. Die Omas kommen immer näher. Reife Äpfelchen. Wassermelonen im Winter. Keine Stechmücken, keine Lawinen. „Natürlich nehme ich den“, sagt er, „zum Teufel mit diesem Sibirien.

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