Ilja Odegov: „Den Traum in die Hand“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Der Fleischer Džafar war ein relativ kleiner, weicher Mann mit großen, feuchten Reh-Augen und langen Wimpern. Wenn er sprach, lächelte er ein klein wenig, so als ob er daran zweifelte, was er sagte und klimperte mit den weichen Wimpern wie ein Schmetterling mit seinen Federn. Seine Hände waren groß und warm. Manchmal, vor allem dann wenn er Gras rauchte, wurden die Hände einfach riesig und Džafar mochte es, wie sich die Finger bewegten, sich nach den Signalen richteten, die vom Kopf kamen. In diesen breiten Händen, fühlten sich, sowohl die Axt als auch das große Messer wohl. Die Finger pressten sich aneinander und füllten jedes Grübchen auf dem Messergriff aus,  so dass es den Eindruck machte, als ob dieses in die Hand herein wuchs und zu einer Verlängerung dieser Hand wurde.  Džafar hackte tagsüber Ziegen-und Schaffleisch in Stücke und nachts schlief er in seinem Zimmer, welches er bei einer Dame von ca. vierzig Jahren, mietete. In diesen Nächten, wenn die Hausherrin, keine Zärtlichkeiten von ihm forderte, anstatt dem Geld für die Miete, er wundersame Träume. Er Träumte von einer schönen Welt, die gefüllt war mit besonderen Tieren – riesigen, bunten, farbenfrohen – solchen ist  Džafar in seinem ganzen Leben noch nie begegnet. Diese Tiere sprachen mit ihm und er verstand jeden Ton. Im Traum wollte Džafar immer auf sich selbst blicken, denjenigen sehen, mit dem die Tiere und Vögel sprechen, aber das gelang ihm nicht. Es schien als ob es nur den Blick aus irgendeinem Punkt in der Leere gäbe und der, dem der Blick gehörte, gar nicht existierte. Wenn  Džafar aufwachte, schaute er als erstes auf seine großen Hände um sich zu überzeugen, dass diese noch ganz sind und zu ihm gehören.

Eines Tages, als Džafar in der Kücke das Schulterblatt eines Schafes bearbeitete, öffnete sich leicht die Tür und eine Katze betrat den Raum. Eine kleine, graue Katze mit dunklen Streifen. Sie gähnte, dehnte sich, ging zu  Džafars Beinen, setzte sich, leckte sich ab und miaute leise.  Džafar schnitte ein Stück vom Schaffleisch ab und warf es ihr zu. Die Katze schaute auf das hin geworfene Fleisch.

„Iss,“ sagte Džafar.

Seitdem erschien die Katze jeden Tag in der Küche. Sie kam immer zur selben Zeit, aß ihr Fleisch und ging weg.

Džafar entschied, dass die Katze unbedingt einen Namen haben sollte. Er nannte sie „Farš“ (russisch für Hackfleisch). Er hatte den Eindruck, dass in diesem Namen etwas muslimisches sei, das gleichzeitig etwas mit seinem Beruf zu tun hat. Die Katze hörte nicht auf den neuen Namen. Sie kam einfach, aß das Fleisch und verschwand wieder. Džafar gewöhnte sich an diese Besuche, legte rechtzeitig leckere Stückchen auf den Boden und erwischte sich oft dabei, wie er auf die Tür starrte und auf ihre Ankunft wartete.

Aber nach einer Zeit, besuchte ihn die Katze nicht mehr. Zuerst machte Džafar sich Sorgen, ging ab und zu nach draußen und rief: „Fa-arš“, dann freundete er sich jedoch an, dass sie nicht mehr kam, bis zu dem Zeitpunkt als die Katze in seinen Träumen erschien. Das erste Mal sah er sie plötzlich beim Einschlafen. Sie unterschied sich von allen. Inmitten von riesigen Schnecken, schuppigen Kühen und violetten Reihern, schien die Katze so real zu sein, dass  Džafar sie berühren wollte. Gerade als er diesen Wunsch verspürt hat, miaute die Katze und verschwand. Er dachte lange an diesen Traum. Am nächsten Tag erschien die Katze wieder, doch sobald er sie berühren wollte, verschwand sie. So ging es einige Nächte hintereinander weiter. Tagsüber, wenn die Hände  Džafars das Fleisch bearbeiteten, war sein Kopf damit beschäftigt, eine Möglichkeit zu finden wie man das Gedachte durchführen könnte. Nach der Arbeit lief er schnell nach Hause und ohne zu Abend zu essen, legte er sich schlafen. Die Hausherrin bemerkte, dass sich in den Rehaugen  Džafars, die zuvor so sorgenlos waren, nun etwas geheimnisvolles, ja sogar angsterfülltes gebildete hatte, doch sie fragte ihn nicht aus, sondern weckte ihn morgens, um ihn zur Arbeit zu schicken. An einem dieser Tage kam  Džafar auf eine Idee. Als er die Küche abends verließ, nahm er ein Stück desselben Schaffleisches mit, mit dem er die Katze gefüttert hatte. Er hielt das Fleischstück in seiner großen Hand und machte die Augen zu. Als die Katze auftauchte, erinnerte er sich an das Fleisch  und als er sich mit Freude daran erinnerte, rief er mit einem Blick die Katze zu sich. Diese gähnte, streckte sich und begann sich zu nähern, mit jedem Schritt wurde sie etwas größer.  Džafar

bekam Angst, er schrie, kniff die Augen zusammen und sah in diesem Augenblick seine großen, weichen Hände. Morgens kam die Hausherrin in sein Zimmer, um ihn zu wecken, doch sah niemanden auf dem Bett. Sie wunderte sich und erinnerte sich daran, dass sie nachts im Traum irgendwelche Schreie gehört hat, beschloss sie wieder heraus zu gehen, doch fühlte sie plötzlich einen Blick auf sich. Sie drehte sich um und schaute sich noch einmal im Zimmer um, doch es war niemand zu sehen.

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