Sabyrzhan Madeyev: „Der Sarkasmus Fortunas“

Übersetzt von: Polina Stoppel-Beise

„Für weniger als einen Fünfer fahre ich nicht“, sagte der Taxifahrer in einer ruhigen Manier.

„Und werde sicherlich nicht in dieses Provinzialdorf hineinfahren.“

„Nein, Danke! Ich müsste eigentlich gerade in dieses Dorf.“

Es war klar, dass es keinen Sinn machte zu versuchen, den Taxifahrer zu überreden. Andere „Fahrer“  kurbelten sogar schweigend die Fenster zu und fuhren davon.

Olžas schlenderte schon eine ganze Stunde über den Parkplatz, in der Hoffnung auch nur einen Einzigen zu finden, der ihn in das Dorf fahren würde, das sich an die 40 Kilometer von der Stadt entfernt befand. Auf den Hinweis eines Obdachlosen hin besuchte er sogar den Treffpunkt der „Taxifahrer“, von wo aus man selbst bis nach Antarktika fahren könnte, aber auch dort,sobald diese erfuhren, wo es lang ging, lehnte jedermann ab.

„Hör mal, Landsmann, abends fährt da schon lange niemand mehr hin!“, winkten die Männer ab. „Komm am besten morgens vorbei – kann sein, dass jemand fährt.“

Und als Olžas schon die Hoffnung aufgegeben hatte, einen Fahrer ausfindig zu machen, und sich in die Schlange vor dem Büfett aufstellte, um etwas zwischen die Zähne zu bekommen, näherte sich ihm ein  ausgelaugt aussehender Mann, eher ein Knasti.  Dem Anschein nach, einer, der die Aufsicht über die Taxifahrer hatte (der das Sagen bei den Taxifahrern hatte), und zischte, mit einem Schlüsselbund auf seinem Fingern spielend, durch die Zähne:

„Du! wolltest doch nach Tonkeris?“

„Ja, ich!“

Der Mann kniff die Augen zusammen, wanderte mit einem schweren Blick über das Gesicht und die Kleidung von Olžas, blieb dann an seiner Tasche haften, verzog kurz seinen Mundwinkel, wobei man seine Goldplombe bemerken konnte, und nickte:

„Lass uns mal beiseite gehen.“

In einer anderen Situation würde Olžas sich nicht von der Stelle bewegen – schon gar nicht zusammen mit einem Menschen, dessen unrasierte Physiognomie in Verbindung mit den Tattoos auf seinen Armen keinerlei Vertrauen erweckte Aber irgendein sechster Sinn in Olžas sagte ihm, dass es seine letzte Chance sein würde.

Sie gingen hinaus und machten Halt, als sie die Zahlungsterminals erreicht haben.

Der „Goldzahn“ drehte sich um, prüfte mit einem kurzen Blick zur linken und rechten Seite die Luft, und verzog wieder einen Mundwinkel:

„Was willst du da?“

-“Was meinen Sie?“

„Hanf, was zu saufen oder Weiber?“

„Nein (nichts davon), ich möchte jemanden besuchen.“

„Ich kenne jeden drüben. Zu wem willst du?“

Olžas schwieg, verstand aber, dass der Unbekannte nicht locker lässt und gestand:

„Zu Ajdar. Zum Schwarzen Ajdar.“

Der Mann beugte sich zu Olžas vor und bohrte seine Augen buchstäblich in ihn hinein:

„Wartet er auf dich?“

„Nein.“

„Kennt er dich?“

„Sollte er an sich.“

Diese Speed-Befragung endete damit, dass der Taxityp sein Handy aus der Tasche nahm und eine Nummer wählte, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:

„Weißt du eigentlich, dass der Schwarze heute sein Jubiläum feiert?“

Olžas bemerkte sofort die veränderte Stimme und den weicheren Ton des örtlichen „Aufpassers“.

„Ich weiß Bescheid! deshalb will ich ja dort hin.“

„Ungebetene Gäste sind schlimmer als…“  der Typ lachte sarkastisch, aber Olžas                                     

    fühlte, dass sich die Stimmung lockerte und unterbrach ihn:

„Ich weiß, ich verstehe! Aber ich muss (dorthin). Es ist wichtig.“

Der „Aufseher“ musterte Olžas ein weiteres Mal mit seinem Blick und plötzlich war da so etwas wie Neugier in seinen Augen:

„Hör mal, mein Freund, dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Wer bist du?“

„Ist das jetzt notwendig?“

„Was meinst du denn! Wenn du dort Scheiße baust, muss ich es verantworten,  

    wen ich da an geschleppt habe. Und du wirst es vor mir verantworten müssen.“

„Ich – bin Solist.“

„Ach was!“ – das Gesicht des Fahrers erhellte sich mit Begeisterung. „So – so; ich  

 seh‘ schon – deine Fresse kommt mir bekannt vor. Du bist doch der….Nurtaj    Karatas? Kysyl orik, oder?

„Nein, ich heiße Olžas. Ich bin ein Opernsänger.“

„Was heißt das? Du singst so Arien und so?“

„Ja! Ich kann’s dir gleich zeigen.“

Olžas kramte in seiner Tasche, in welche er vorsichtshalber seine Flugblätter zum Theaterprogramm hinein geworfen hatte, fand die, wo er in der Rolle des Figaro abgebildet war, und reichte diese dem Aufpasser. Dieser wiederum nahm sie vorsichtig in die Hand, verglich mit einem schnellen Blick die Abbildung mit dem Original, und schien erst einmal zufrieden zu sein, aber dann spiegelte sich unerwartet in seinem Gesicht ein Anflug von Schrecken, und er meinte, sich zu den Seiten hin umschauend,  mit einer beunruhigten Stimme:

„Hör mal, du bist aber nicht schwul hier grad, oder?“

„Nein!“ – Olžas versuchte seiner Stimme mehr Nachdruck zu verleihen und antwortete für alle Fälle:. „Ich kann die selbst nicht ab haben.“

„Dann, sieh zu!“

Das „Oberhaupt“ der örtlichen Taxitypen war sichtlich aufgewühlt, aber, wohl eine innere Entscheidung getroffen zu haben, streckte er Olžas seine Hand entgegen.

„Hakim.“

Auf dem Weg nach Tonkeris, als Hakim herausfand, dass Olžas vor Kurzem in der Rolle eines Jurors in dem Fernsehe-Wettbewerb des 31-ten Kanals “ I am a singer Kasachstan“ teilgenommen hatte, wurde er vollends gelassen, und fing an lebhaft zu erzählen. Er hatte sich sogar daran erinnert, dass Olžas einen der  Abschnitte  des Songcontests mit dem Lied „Dudaraj“ eröffnet hatte, und deshalb seiner Frau, Natascha, in Erinnerung geblieben ist, der dieses Lied sehr gefallen hat. Und außerdem gefällt ihr der russische Contest „Toch-v-Toch“ – („Punkt-zu-Punkt“ Imitation der originalen Sänger durch Laien) und die Show „nasch Dimasch“ – („unser Dima“), wovon leider er selbst Nichts hält.

Hakim, im Gegensatz zu seinem übel-launischen  – brutalen Äußerem, schien dennoch ein redseliger Mensch zu sein, aber je weiter sich die beiden „Tonkeris“ näherten, umso mehr flachte Hakims  Enthusiasmus ab. Er wurde sogar leicht aggressiv, und letztendlich war völlige Stille im Auto als sie fast schon am örtlichen Restaurant ankamen.

Am Schlagbaum erkannte man zwar Hakims Auto und begrüßte ihn, aber, nach einem Blick auf den Beifahrersitz, fragte man ihn wen er denn da mitgebracht hätte. Der wiederum steckte das Programmblatt durchs Fenster, stellte Olžas als einen berühmten Opernsänger vor, und beide wurden durchgelassen. Während Hakim slalomartig an Anreihungen von teuren Cruisern und Lexus-Modelle vorbeimanövrierte, hin zum Restaurant-Eingang, fing er  leise an zu fluchen und gab Olžas Anweisungen hinsichtlich seines Auftretens auf dem Jubiläum. Er bremste am Eingang ab und drehte sich zu Olžas um:

„Das war’s. Ich werde dort nicht reingelassen. Viel Glück wünsch‘ ich dir! Wenn du mich brauchst, ruf an! Hier ist meine Visitenkarte. Ich bin nicht weit weg von hier bei meinen Kumpels.“

„Ich dank‘ dir, Bruder!“  – Olžas zahlte, holte dann aus seiner Tasche eine CD heraus und reichte diese Hakim. – „Das ist für deine Frau. Ein Geschenk! Mit Volksliedern in meiner Ausführung.“

Olžas drückte Hakim die Hand und stieg aus.

Das Erste, was Olžas verwundert hatte, war die Stille, die das Restaurant umhüllte –  trotz einer große Menschenmenge, und dann saßen da auch noch drei große „Alabajs“ neben dem Eingang an der Tür. Hunde hoben den Kopf hoch, als Olžas die Treppe hinauf ging, rührten sich aber nicht vom Platz. Die Türsteher empfingen Olžas ebenso schweigend, deuteten auf das Sakko, welches abzulegen wäre, dann auf die Hose, die er hochziehen sollte, klopften dann die Brust und den Rücken ab, und schauten in die Tasche. Während die Wächter sein Sakko durchtasteten und sich mit dem Inhalt seiner Tasche vertraut machten,, bemerkte Olžas, wie die Gruppe „Dilizans“ das Restaurant durch die Nebentür verließ. Sie wurden vom ehemaligen und berühmten „K-V-Nschik“ und Showman, Serik, begleitet, welcher sich, als er sich versichert hatte, dass alle im Auto saßen, zu Olžas umgedreht hatte. (K-V-N ist eine humoristische Freizeitsendung die auf einem Wettbewerb basiert)

„Oho! Wen sehe ich da! Was für Besuch – und dann auch noch ohne Bodyguards! Fühle dich wie zu Hause! Hier ist alles auf höchstem Niveau! Aber warum hat bloß Niemand Bescheid gegeben, dass du kommst! Lass mich mal aufschreiben, dass du singen wirst! Sonst habe ich heute schon genug Kopfschwindel. Trittst du mit Phonogramm auf? Wie soll ich dich richtig ankündigen?“

Olžas diktierte Serik geduldig die benötigte Information, reichte ihm dann den USB-Stick mit dem Playback und ging dann zu dem freien Stuhl an den Tisch, an dem schon weitere Artisten ihren Platz eingenommen hatten. Man schielte zu ihm rüber, begrüßte ihn, aber zeigte keinerlei sonderliche Emotionen.

Die grelle, flimmernde, aufwendige Dekoration des Saals für ungefähr fünfhundert Personen erschien ihm etwas chaotisch.  Gigantische Figuren aus Luftballons reihten sich an selbstgebastelte Plakate, surreale Blumenkompositionen reihten sich an künstliche Palmen und Kakteen.

Der Schuldtragende für solch eine Feier saß quasi auf einem Podest umgeben von einer stilisierten Jurte. An langen Schlaufen hing über dem Geburtstagskind ein grüner Vorhang mit der Aufschrift in zwei Sprachen: „60 žyl! – 60 Jahre!“ Neben ihm glänzte mit Brillanten seine Ehefrau, Perisat, die hier ungefähr vor zwanzig Jahren einen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte. Ungeachtet dessen, dass sie bereits fünf Kinder hatte, konnte sie ihre modellartige Figur erhalten und wurde von den Schrankschrapnellen, den Frauen der dörflichen Beamten, beneidet. Die jüngeren Kinder und Enkelkinder aus erster Ehe liefen wie Wilde durch den Saal und störten die Kellner und die Bediensteten.

Die Kellner, mit einem unglaublichen Sinn für Equlibristik, verteilten geschickt das anstehende Menü an die Tische, Kelche und Wodkagläser wurden sogleich nach dem Leeren gefüllt, Besteck wurde alle halbe Stunde ausgewechselt. Zwischen den Tischen – wie Schatten – bewegten sich zwei Photographen und zwei Video-Operatoren.

Eine Bühne als solche gab es zwar nicht, aber in der Mitte des Saals lag ein turkmenischer, handgefertigter Teppich, auf denen mit Leichtigkeit zwei Kammerorchester-Besetzungen vom Olžas – Operntheater Platz finden könnten. Auf dem Teppich standen ein paar Stühle, paar Mikrophonhalter  und ein Konzert-Notenhalter. Der frei gebliebene Raum war übersät von Konfetti und Serpentine!

Serik lud eine weitere Schar von Gratulierenden auf de Bühne, kündigte eine musikalische oder eine Tanzvorführung an, alle applaudierten, alle erfreuten sich ihres Daseins. Bis die Anwesenden selbst zum Tanzen übergingen, war es noch lange her, also dinierten die Gäste, tranken und begutachteten die Neuheiten der Spiel-Industrie.

Der sechzigjährige Ajdar Achmetov, bekannt schon seit den gesetzlosen 90ern als der Schwarze Ajdar, und der bereits drei Jahre wegen Randalierung und kriminellen Geschichten im Knast verbracht hatte, war ein angesehener Mann. Er ließ zu seiner Zeit weder Kaukasier, noch Russen, noch sonstige Warjagen auf sein Territorium, schirmte lokale Geschäftsleute und schob durch Racket mitleidslos Fremde beiseite. Außerdem sponserte er freigiebig Sportler, und mit Hilfe der leichten Hand seiner Frau half er der örtlichen Schule und dem Kulturzentrum. Unter seiner direkten Aufsicht eröffnete in der Region ein industrieller Agrarkomplex nach israelischen und holländischen Technologie-Standarts. Ungeachtet dessen, dass kein einziges großes Ereignis in dem Bezirk ohne sein Mitwissen durchgeführt wurde, bevorzugte Kara Ajdar es eher im Hintergrund zu bleiben, obwohl alle wussten, dass sogar die Kandidatur der örtlichen Akyms inoffiziell mit ihm abgestimmt werden musste. Und heute also feierte der hiesige graue Kardinal, seinen 60-ten Jahrestag in Anwesenheit seiner Freunde, seiner Verwandten, in der Anwesenheit der örtlichen Amtsleiter und der Business- Elite. Und er hielt sich gewissenhaft an seine Rolle des Jubilars und lächelte wohlgesonnen seinen Gästen entgegen, die auf dem Teppich stolzierten. Dabei konnte Ajdar selbst diese allgemeine Freudenstimmung nicht teilen. Die Sache ist die, dass er heimlich, ohne seine Familie in Kenntnis gesetzt zu haben, auf den Rat seines alten Freundes, Timurjan, hin, nach Russland gereist war, wo er sich im tiefsten Winkel der Tajga mit einer altaischen Wahrsagerin getroffen hatte – mit der alten Stepanida.

Sie hörte Ajdar aufmerksam zu, zündete kreisförmig Kerzen an, legte auf einem altarartigen Tisch eine Komposition aus Zedernzapfen aus, einen kleinen Strauch aus irgendwelchen getrockneten Kräutern, redete irgendetwas mit beschwörendem Gemurmel über einen grünen Sud hinweg, welches sie ihn dann aufforderte in einem Schluck herunter zu würgen,  nahm seine Hand, schloss daraufhin die Augen und erzählte ihm Einzelheiten aus seinem Leben, die er längst für immer vergessen geglaubt hatte.

Ajdar, der in seinem Leben schon zwei Hadschs hinter sich gebracht und eine Moschee in seiner Heimat gebaut hatte, fühlte sich mehr als unwohl als so einige Details seiner Biographie in einer leisen, krächzenden, alten Stimme aus Stepanida hervor kamen.

 Auf die Frage, was er von der nahen Zukunft erwarten könne, antwortete die Alte, dass er auf sein Herz hören müsse und, dass schon sehr bald ein Mensch auftauchen wird, der ihn aufrütteln, aufwecken wird und die verbliebenen, sanftmütigen Gefühle aus den dunklen Ecken seiner Seele hervorheben wird.

„Gibt es diese denn noch?“ – fragte Ajdar in einer für sich ungewohnt zaghaft klingenden Stimme.  „Diese sanftmütigen Gefühle?“

„Wie soll es denn anders sein, mein Sohn! Sie leben in jedem von uns! Selbst der Antichrist hat sie; verzeih‘ ihm, lieber Gott, seine sündhafte Seele!“ – Stepanida bekreuzigte sich sehnlichst, schaute auf das Regal in der Ecke des Zimmers, auf dem abwechselnd Kerzen und die Ikone von Mutter Theresa,das Abbild von Mahatma Gandi  und des Dalai-Lama aufgestellt waren. „Alle besitzen sie, aber bei manchen sind diese tief versteckt. Wie bei dir, zum Beispiel.“

„Und was soll ich tun, sobald dieser Mensch auftaucht?“ – fragte Ajdar hoffnungsvoll in der Erwartung eines Wunders.

„Ich weiß es nicht, mein Sohn. Es bleibt dir überlassen. Du kannst auch gar nichts tun. Du kannst ihm aber auch ein Geschenk vorbereiten!“   hob Stepanida ihre Schultern. „Mach es so, wie es dir dein Herz befiehlt.“

„Altes Frauchen, noch zwei Fragen?“  – wandte sich Kara Ajdar, abermals seine Stimme nicht wieder erkennend, an sie.

„Frag!“ -Stepanida schaute listig drein und winkte zustimmend mit der Hand. Ajdar fühlte plötzlich, dass sie seine Fragen bereits kannte. Er schwieg eine kurze Zeit lang und fragte dann:

„Woran soll ich erkennen, wer eben dieser Mensch sein wird, hm? Was soll ich tun, um keinen Fehler zu machen? Das ist die erste Frage. Die zweite Frage ist die,  mein liebes, altes Weib…“ – Ajdar schwieg erneut. „Brauche ich denn all dies, hm? Dass all diese Gefühle in mir hochkommen? Ich bin doch….“

Ajdar suchte in sich nach den richtigen Worten und wusste nicht wie er dieser uralten, vom wirklichen Leben völlig losgelösten, internetlosen Alten erklären sollte, welche Folgen solche erblühenden sanftmütigen Gefühle für sein Ansehen und seine Autorität mit sich bringen könnten. Ajdar brauchte es sich nur vorzustellen, wie er all dies dem kahlen Roma oder dem fingerlosen Tšombe erzählte, und fing sogleich an mit den Zähnen zu knirschen.

Stepanida bemerkte, dass sich die Sehnen in seinem Gesicht anspannten und lächelte.

„Ich habe dich verstanden, mein Sohn. Es ist so: wenn dieser Mensch auftaucht, wirst du es unmittelbar fühlen und verstehen. Sei dir dessen ganz sicher, dass sie dir eine Antwort auf die erste Frage geben wird.“ – Die Alte lächelte erneut. „Auf deine zweite Frage kann niemand außer dir selbst eine Antwort geben. Zweifle auch daran nicht. Mehr kann ich dir nicht sagen…“

Als Serik in einem besonderen Pathos den nächsten Gast ankündigte, konnte sich Ajdar endlich von seinen erdrückenden Gedanken ablenken. Bis dahin tanzten und sangen diejenigen, die er, seiner eigenhändig zusammengestellten Liste folgend, bereits kannte. Ungeachtet seines ehrwürdigen Alters, konnte er sich nicht über ein schlechtes Erinnerungsvermögen beklagen.

Medea, Akbars, die Gruppe „Bajterek“, und so weiter und so fort – für deren Ankündigung reichte Serek ein Atemzug. Ajdar hätte jeden einzelnen Star auf seiner Liste mit der entsprechend dahinter in Dollar notierten Honorarsumme auswendig aufsagen können.

Aber jetzt wurde etwas Außerplanmäßiges verkündet. Serik las noch immer die Regalien des Gastes von einem Blatt Papier ab, als Perisat sich von ihrem I-Phone losriss und flüsterte: „Und dafür gibt es einen Rachmet für dich, einen Rachmet -Rachmet!“ Ajdar schüttelte mit dem Kopf, um die auf ihm lastenden Erinnerungen los zu werden, und betrachtete aufmerksam den jungen Mann, der sich dem turkmenischen Teppich näherte.

Er hatte nichts Ähnliches mit einem typischen Kasachen aus Ajdars Bekanntenkreis. Man könnte ihn eher mit einem Araber oder Griechen vergleichen. Seine Haltung war selbstsicher, obwohl Ajdar selbst von seinem Platz aus sehen konnte, dass er aufgeregt war.

„Und nun,“  –    verlautete Serik und zeigte mit seiner Hand auf den herantretenden Gast,    –  „Applaus für den besten lyrisch-dramaturgischen Bariton in Kasachstan und über seine Grenzen hinaus berühmten –  Olžas Kasenov!“

Olžas legte seine Hand aufs Herz und verneigte sich vor Perisat und Ajdar. Gleichzeitig flüsterte ihm Serik zu, dass der USB-Stick bereits im Computer war und fragte ihn, welche Arie er genau ansagen sollte.

„Eins nach dem Anderen.“ – sagte Olžas und wandte sich zum Mikro auf dem Podest.

„Die Arie von George Germon aus der Oper von Giuseppe Verdi „Traviata“!“  

 – verkündete Serik feierlich und ging zur Seite.

Die meisten der Anwesenden, nachdem sie so viele ungewohnten Ausdrücke gehört haben, hörten auf zu kauen und zu trinken, und richteten ihre Blicke auf den ungewöhnlichen Gast.

Olžas atmete tief ein und fing an singen. Die Bedienung blieb stehen, die Kinder hörten auf herum zu rennen, die Zeit verlangsamte ihren Gang und der Raum im Saal schlug sich über seiner Stimme zusammen.

Ajdar bemerkte die vor Bewunderung errötenden Wangen seiner Ehefrau und erinnerte sich an die Episode aus dem Film „Pretty Woman“, als Richard Gere Julia Roberts in die Oper einlud, um zu sehen, wie sie reagierte. Mit Verwunderung stellte er fest, dass auch ihm gefällt, was er hört, ungeachtet dessen, dass er kein einziges Wort auseinander hören konnte. Ajdar machte die Augen zu.  George Germont wurde abgelöst von Evgenj Onegin, dann ging die Arie von Don Huan reibungslos über zum dramaturgischen Monolog von „Mizgirj“ aus dem Märchen Sneguročka[1].

Perisat weinte und versuchte sich die Tränen mit dem Taschentuch weg zu wischen. Ajdar schaute in sich hinein und fühlte, dass sich etwas in ihm rührte, aber etwas fehlte ihm noch, damit seine stürmische Gefühle vollkommen aus ihm heraus kommen konnten. Olžas machte einen Schritt zurück, um Serik die nächste Aufführung verkünden zu lassen, als Ajdar seine Hand hob. Serik reagierte unmittelbar, schnappte sich das Mikrofon vom benachbarten Podest und stürmte zum Jubilar.

Ajdar nahm das Mikrofon, klopfte ein paarmal dagegen, hustete sich aus und sagte:

„Rachmet, Olžas!“ – und mit einer Hand den gerade noch so ausstehenden Applaus zum Schweigen bringend, lockerte er seine Krawatte und atmete aus: „Kannst du auch irgend etwas heimisches, etwas von uns, spielen, dass es genauso wirkt, die Seele berührt…“

Olžas wusste sofort, was Ajdar meinte. Er machte einen Schritt zum Mikrofon, winkte mit dem Kopf zu und sagte:

„Selbstverständlich, Adeke!“ – und fragte, sich zu Serik wendend:

„Habt ihr eine Dombra?“

Serik fing gerade an sich umzuschauen als die Anwesenden von allen Seiten in Hektik gerieten und Olžas gleich drei davon reichten. Eines nach dem anderen hob Olžas die Instrumente an sein Ohr und prüfte die Saiten.  Olžas warf sich den dünnen Riemen über die Schulter und fing an eine Melodie einzustimmen. Serik holte den zweiten Mikrofonhalter und stellte ihn in der Höhe von Olžas Händen auf.

„Geehrter Adeke!“ – Olžas fuhr fort an den Saiten zu zupfen.

„Viele schöne Worte und Lieder erklangen heute zu Ihrer Ehre! Und all dies haben Sie selbstverständlich verdient! Und im Großen und Ganzen betrafen diese Wünsche – die „Liebe“. Erlaubt auch mir ein Lied der Liebe zu singen. Ein Lied, das der Steppen-Akyn Estaj seiner Geliebten, Karlan, gewidmet hatte. Sobald Olžas anfing zu singen, zerbrach etwas tief im Inneren Ajdars, und all die Emotionen die sich bereits seit den letzten fünfzehn Minuten aus der schon längst versteinert geglaubten Seele Ajdars, dessen einziger Blick ausreichte, um jemanden ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten, befreien wollten, brachen heraus und nahmen ihm den Atem. Der Schwarze Ajdar senkte den Kopf, umfasste ihn mit seinen Händen, und, zum Schrecken Vieler, fing er an, kaum hörbar weinend, zu zittern. Perisat legte ihre Hand auf seine Schulter, doch Ajdar schüttelte sie ab und Perisat rückte wieder von ihm weg. Er konnte seiner Frau einfach nicht erklären, was genau in ihm in diesem Moment geschah. Vor seinen Augen erschien seine erste Liebe, Ajgerim, die Tochter des Schuldirektors, mit der er zusammen aus der Schule floh,wo sie sich dann hinter Stählen versteckend, wild küssten, und die von ihrem Vater, als dieser erfuhr, dass sie sich mit einem miserablen Schüler traf, der dazu auch noch kriminell war, in eine andere Landesregion zu „Azšheške“ und Ataške“ geschickt wurde.. Im nächsten Moment sah er sich plötzlich als  Kind – seiner Mutter entgegen laufend. Und dann, ohne jegliche Verzögerung, ging diese Erinnerung in die nächste über – er, kahl rasiert, im Richtersaal und die Mutter mit einem vor Tränen angeschwollenen Gesicht, die seine Rückkehr aus der Kolonie nie erleben durfte. Stechendes Selbstmitleid überschwemmte Ajdar, ließ das Herz für einen Augenblick still stehen, breitete sich dann über seinen gesamten Körper aus und provozierte einen weiteren Ausschnitt seines Leben in sein Gedächtnis: er saß neben seinem sterbenden Bruder und wechselte ihm einen nach dem anderen die Verbände auf seiner Stirn. Die Gestalten seiner Liebsten wechselten unaufhaltsam und gleichsam in Wellen überschwemmten ihn seine Erinnerungen. Und nur anhand seiner sich zu – und auf drückenden Fäuste konnte man nachvollziehen, was gerade in seiner Seele geschah. Aber Olžas, der wie kein anderer in diesem Saal den Zustand Ajdars nachfühlen konnte, fuhr fort an den Saiten der Dombra zu zupfen und sich mit seiner weltfremden Stimme in die Herzen der Menschen zu nisten, die die Kelche und das Besteck haltend, regungslos zuhörten. Unerwartet heulte jemand hinter einem Tisch auf und vergoss dabei den Whiskey, stellte diesen auf dem Tisch ab und holte ein Taschentuch heraus. Andere Frauen fingen an zu weinen.

Als Olžas sein Lied beendet hatte, stand im Saal völlige Stille, die nur mit kurzen aufheulenden Lauten unterbrochen wurde. Niemand dachte auch nur an einen Applaus. Ajdar, den alle eben als Ajdar den Schwarzen kannten, stand nun auf –  wie – der eiserne – Kara Ajdar, hob den Kopf, wischte sich mit den Handflächen über die Augen, stützte sich dann mit diesen gegen den Tisch und sprach zu Olžas:

„“Rachmet für dich, baurym! Rachmet!“ – Ajdar sprach nicht sehr laut, ohne Mikro, aber selbst die Küchengehilfen konnten ihn hören. „Erbitte um was immer du willst. Ich erfülle dir jeden Wunsch.“

Olžas verstand, dass sich in diesem Moment sein Schicksal für die nächsten Lebensjahre entscheiden konnte und vielleicht auch das seines ganzen Lebens. Jetzt oder Nie. So eine Möglichkeit ergibt sich vielleicht niemals wieder. Deswegen war er eigentlich hier und riskierte sowohl mit seiner Reputation als auch – mit seinem Leben.

„Adeke, ich möchte um nichts für sich selbst bitten. Rachmet!“ – Olžas schluckte.

„Aber meine Frau, Elvira, ist ernsthaft erkrankt. Nur im Ausland kann man ihr helfen. Die Operation ist sehr teuer.  Unsere Freunde und Verwandte haben so viel wie möglich zusammengelegt, aber es reicht nicht aus, die Zeit läuft aus. Könnten Sie nicht, Adeke…“

„Es ist gut. Kein Wort mehr!“ – Ajdar hob die Hand. – „Ich habe verstanden. Du wirst Geld erhalten.“

Er fand mit seinem Blick jemanden im Saal und nickte dann in Richtung Olžas.

Seine Tasche, vollgestopft mit Geld, an seine Brust fest gedrückt, fuhr Olžas zusammen mit Hakim in die Stadt. Hakim schwieg. Er wurde bereits von den Ereignissen im Restaurant in Kenntnis gesetzt und verstand, dass es seine nächste Aufgabe sein wird, Olžas sicher und unverletzt (wohl geschützt) nach Hause zu bringen. Olžas schwieg ebenfalls. Er hatte leichten Kopfschwindel, weil ein Gehilfe Ajdars Olžas Zustand mitbekommen hatte und ihm im letzten Moment ein Glas Hennesy einschenkte und meinte: „Trink! Danach geht’s dir besser.“

Olžas trank und fühlte sich vorübergehend wirklich besser, aber nun, im Auto, ließ der auf leeren Magen getrunkene Cognac von sich wissen. Er fiel einige Male in den Schlaf, wachte aber sofort panikartig auf und griff jedes mal wahnhaft fest nach der Tasche.

„Da!“ – sagte er zu Hakim als er die gewohnten Fassaden der Häuser wieder erkannte. „Halte bitte hier an.“ Hakim hielt an und nahm die Schlüssel, mit dem Vorhaben den wichtigen Passagier bis zur Haustür zu geleiten,aus der Zündung.   Aber der durch den Alkohol vernebelte Verstand Olžas‘ meldete sich mit dem Gedanken, dass der ehemalige Gefängnisinsasse nur wissen möchte, wo er wohnt, um ihn dann zu überfallen. Olžas schüttelte mit dem Kopf, fuchtelte mit seinen Händen, meinte, dass er selbst nach Hause findet,denn da war ja schon seine Haustür, und ging, Hakim keine Zeit zum Überlegen lassend, schnell in den Hauseingang hinein, wobei er die Tür hinter sich zu schlug.

Hakim zog mehrmals abwesend an der Autotür, setzte sich dann hinein, wartete noch fünf Minuten und fuhr davon. Olžas sah durch Fenster, dass das Auto wegfuhr und setzte sich auf den Treppenabsatz im Treppenflur. Sein Herz schlug wild. Er öffnete die Tasche und zählte die Dollar- und Eurostapeln durch. Von oben schlug jemand mit der Tür. Olžas zog schnell den Reißverschluss der Tasche zu, stürmte nach draußen und versteckte sich hinter einem Gebüsch. Aus dem Hauseingang kam ein junger Mann heraus, setzte sich in ein am Bürgersteig geparktes Auto und fuhr weg. Olžas blieb noch einige Zeit sitzen, kam wieder zu sich und stand auf als er dann zwischen den Häusern auf einem benachbarten Gebäude die  verlockende Aufschrift erblickte. Er hockte sich wieder hin. In seinem Kopf war der Plan schon fertig.

Dieses Geld reicht nur für die Operation aus, dann kommt die Rehabilitation, und die gepfändete Wohnung muss abgezahlt werden, Schulden müssen bereinigt werden.

 „Heute habe ich Glück und sollte den Augenblick nutzen, solange Fortuna mir zulächelt.“ –  Er stellte sich vor, wie Elvira  Morgen überrascht sein und sich freuen wird, ihn ausfragen wird, und wie er ihr einen roten Rosenstrauß schenken  und zu ihr sagen wird: „Alles wird gut werden, meine Liebste!“ ….

Olžas stand auf, strich sich das Herbstlaub von den Knien und wandte sich zielstrebig zum Durchgang zwischen den Häusern.

Zwei Stunden später verließ er das Casino mit einer leeren Tasche.


[1] gleichzusetzen mit: Kaufmann, Es handelt sich um ein volkstümliches Märchen,welches in den Märchensammlungen von  Alexander Afanassies verschriftlicht wurde (von 1855 bis 1863)

 über eine junge Frau, die nur in der Kälte leben konnte und im Feuer dahinschmolz – Sneguročka – in Verbindung mit „Sneg“ – „Schnee“ und entsprechend der russischen Semantik und morphologischen Komponenten wie „de -vočka-“ – das Mädchen, wird hier an das Wort Schnee der morphologische Baustein hinzugefügt. Sne(g – uro -) čka und der morphologische Baustein aus dem Wort Figur eingeflochten, um auf ihre Zierlichkeit hinzudeuten.)

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