Julia Agentova: „Die Formel der Liebe“

Übersetzt von: Lena Muchin

Paul saß am Tisch und drückte mit seiner ganzen Kraft die Hände auf seine Ohren. Wenn er sie runter nahm, um eine Seite um zu blättern oder irgend etwas in sein Heft zu schreiben, hörte er aus dem Nachbarzimmer:

„Wir existieren für dich nicht! Nur Formeln…“

„Weißt du, das gehört zu meiner Arbeit!“

„Wofür hat man Neujahrferien? Damit sich die Menschen mit ihren Familien ausruhen…“

„Aber letztes Jahr warst du ihm Dienst!“

„Ja, und dieses Jahr nahm ich mir vier Tage frei, um bei euch zu sein. Du hast versprochen, mit mir ins Theater zu gehen. Ich habe bereits Tickets besorgt.“

„Nimm deine Freundinnen mit.“

Mir bleiben nur die Freuninnen!“

„Wir gehen auch mal hin. Nur später.“

Allein mir fehlt der Glaube! Wie oft hast du es schon verspochen?“

„Ninchen, ich bin doch nicht Schuld, dass die Einladung vom NII jetzt erst kam und, dass heute erst  die Listen bestätigt wurden.“

„Ja, ja! Du kannst nie was dafür.

„Ja, ich trage die Schuld! Aber es betrifft eben mein Thema!“

„Nur ich gehöre nicht zum Thema!“

Paul machte wieder die Ohren zu. Am meisten hasste er es , wenn die Eltern sich stritten. Es war dann so unangenehm auf der Seele, dass er, um sich abzulenken, eine Sammlung mit Matheaufgaben nahm und zu rechnen begann. Sein Vater war einer derjenigen, die die Sammlung zusammenstellten und die Aufgaben in der Sammlung waren sehr interessant. Wenn er an sie dachte, vergaß er alles um sich  herum. Doch der Knall der Tür war sogar durch die Hände zu hören. Wer war es diesmal?“ Paul wollte aufstehen, um zu schauen, aber nun betrat der Vater den Raum.

„Verzeih mir Sohn! Haben wir dich gestört?“

„Nicht wirklich…das ist nur so. Keine Hausaufgaben.“

„Und? Klappt es?“ fragte der Vater als er auf dem Tisch die ihm bekannte Sammlung sah.

„Ja, zwei Aufgaben habe ich schon gelöst…Pa, warum streitet ihr immer?“

Der Vater setzte sich auf das Sofa, senkte den Kopf  und fasste an sein ohnehin schon ausgeprägtes Kinn. Seine schwarzen Haare standen in alle Richtunge und die Augen, wenn er diese hob, schauten sie verzweifelt drein. Dann sprang er auf und streckte die Arme vor sich aus:

„Ich weiß selbst nicht, warum das so ist…verstehtst du, ich bin Wissenschafler, ich kann die aller schwersten Formeln lösen und der eigenen Ehefrau, deiner Mutter, kann ich gar nichts beweisen! Und die Formel einer guten Beziehung kann ich nicht ableiten. Ja, um wieviel ist doch die Mathematik einfacher als das Leben!“

Er atmete ein und fügte hinzu:

„Söhnchen, ich fahre weg, möchte aber, dass du und deine Mutter euch gut erholt. Hier ist ein wenig Geld, das habe ich für die Veröffentlichung bekommmen, kauf dir irgendetwas davon oder geh irgendwohin.“

Auf dem Tisch hinterließ er ein Päckchen Scheine.

„Gut Papa, mach dir keine Sorgen.“

Der Vater schmunzelte, streichelte den Sohn auf den Kopf und verließ das Zimmer.

Paul nahm das Gedl und beschloss etwas raus zu gehen. Er wusste noch nicht, was er kaufen sollte und setzte sich auf die Bank im Hof, um etwas nach zu denken. In seiner Seele fühlte er sich wie immer einsam, nicht nur wegen der Eltern. Als er gestern seine Klassenkameradin ins Kino einladen wollte, schaute diese finster drein, zuckte mit der Schulter und sagte:

„Nein, ich mag nicht. Lass mich in Ruhe,“

Vater hat recht. – Wenn es eine solche Formal  geben würde, sei sie auch so groß, wie ein Haus mit vier Stockwerken, er hätte sie trotzdem lösen können. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann. Aber eine solche Formel gib es nicht. An ihm ging ein alter Mann im Mantel und Filzstiefeln vorbei. Er blieb neben der Bank stehen und blickte aufmerksam auf Paul.

„Darf ich mich setzen, junger Mann?“

„Setzen Sie sich…“

Es gab zwar viel Platz aber  Paul rückte für alle Fälle ein Stückchen weiter.

„Warum bist du traurig? Es ist ja schließlich bald Neujahr, überall stehen Tannen,“ beugte sich zu ihm der Alte.

Paul schmunzelte:

„Welchen Sinn hat es? Die Tannen sind für die Kleinen.“

„Was wünschst du dir zum Neujahr? Hast du irgendwelche Wünsche?“

Paul zuckte mit den Schultern.

„Habe ich, aber diese können nicht in Erfüllung gehen.“

„Warum?“

„Weil diese nicht einfach sind.“

„Vielleicht kann ich helfen?“

Paul bekam einen Lachanfall.

„Nein, Sie können nicht helfen. Wir brauchen einen guten Mathematiker.“

Der Alte wunderte sich noch mehr:

„Wozu brauchst du einen Mathematiker?“

„Ich muss eine Formel ableiten.“

„Welche Formel brauchst du denn?“ Der Alte schaute Paul aufmerksam an mit seinen grauen, etwas feuchten Augen.“

„Also, eine solche…“

Paul schwieg, suchte nach Worten und klärte dann auf:

„Eine solche, damit sich die Menschen nicht streiten, dass sie grundlos eine Bitte nicht ablehnen, damit sie immer ein gutes Verhältnis zueinander haben. Um es kurz zu sagen, wie man sich so verhalten soll, dass…

„Weißt du es denn nicht?“

Paul zuckte mit den Schultern.

„Du brauchst also eine Formel der Liebe,“ sagte nachdenklich der Alte.

Er war irgendwie seltsam. Paul stand schon auf, um weg zu gehen, aber der Alte sagte plötzlich:

„Wir müssen nichts erfinden. Es gibt eine solche Formel.“

Paul schaute ihn verwundert an.

„Warte, ich glaube ich hatte einen Zettel dabei…“

Der Alte kramte in seiner Hosentasche, holte ein zerknittertes Blatt heraus, aus dem Brustbeutel des Mantel einen kleinen, fast ausgeschriebenn Bleisitft, drückte den Zettel auf die Bank und begann schnell etwas zu schreiben.

„Hier.“

Das konnte nicht diese Formel sein! Das war zu einfach: keine Brüche, keine Wurzeln und sogar keine mathematischen Ausführungen. Paul hob den Kopf, um es zu sagen aber der Alte war schon irgendwohin verschwunden.

Der Junge schaute wieder verständnislos auf den Zettel.

„Aufmerksamkeit, Verständnis, Sorge“ stand darauf geschrieben.

„Dummheiten!“ dachte Paul und warf den Zettel in den Schnee.

Er ging in den Supermarkt und die Worte schwirrten immer noch in seinem Kopf herum- „Auf-merksamkeit, Ver-ständns, Sor-ge“, – knirschte aus irgendeinem Grund der Schnee . Diese Worte formten sich auch aus den Lichtern der Reklame.

Paul irrte in dem Supermarkt umher, konnte aber nichts aussuchen. Und als er nach Hause kam, legte er sich früher ins Bett, da er sich Sorgen machte, dass er wieder die Streiterei der Eltern hören würde. Er erinnerte sich an die  Worte des Alten am nächsten Tag als er aufwachte. Es schien sogar, dass er von ihnen geträumt hatte, doch der Traum selbst, wie das häufig so ist, verschwand sofort aus der Erinnerung.

„Vielleicht liegt in ihnen doch etwas wahres?! Dachte Paul beim Frühstück. „Man sagt ja nicht umsonst, dass alles Geniale einfach ist“ und auf dem Weg zur Schule hob er den Zettel auf, der noch neben der Bank lag. Im Matheunterricht hatte er Zeit, um nachzudenken, Im Test hatte er zwanizig Punkte von zwanzig möglichen gesammelt, also musste er keine Berichitgung machen.

Rimma Anatol’evna gab ihm ein paar Aufgaben und bat ihn, Michel, der neben ihm saß , zwei Rechenaufgaben zu erklären.

Paul beschloss, die Rechenaufgaben nicht zu lösen, es würde heute diese sowieso keiner überprüfen und im neuen Quartal gibt es auch neue Hefte. Michel war nicht dumm, er war einfach aus dem Ausland und sprach schlecht Russisch, und konnte deswegen die Aufgaben nicht lösen. Als er seine Fehler verstanden hat, begann er die Aufgaben selbst zu lösen. Paul schaute auf die vor ihm sitzend Polina, auf ihre elegant geflochtenen Zöpfe und fragte sich, wie er bloß die Formel überprüfen könnte.

„Aufmerksamkeit…“

Paul schaute auf die Schulbank, dann unter die Schulbank, und schließlich auf den rosanen Rucksack. Auf dem Boden neben ihm stand eine kleine Tasche, aus welcher ein Teil eines weißen Schuhs heraus schaute. Schlittschuhe! Das wusste er doch: Polina geht Schlittschuhlaufen und nimmt deswegen manchmal Schlittschuhe mit in die Schule, um danach direkt zum Training zu gehen. Vielleicht sollte man sie nicht ins Kino rufen, sondern zur Eiskunstlauf-Show? Gestern im Fernshen kam doch Werbung dazu…er holte sein Smartphone heraus, ging ins Internet und flüsterte etwas in den Rücken des Mädchens:

„Polina, magst du mich zu einer Eiskunstlauf-Show begleiten? Im Sportschloss  findet eine statt.

Sie drehte sich um, ihre Augen glänzten vor Freude:

„Und wann?“

„Morgen.“

Zwei Falten bildeten sich zwischen ihren Augen. Der Ausdruck des Gesichts veränderte sich.

„Nein, morgen kann ich nicht.“

Sie drehte sich um und Paul dachte mit Enttäuschgung: „Ist doch alles Lüge!“

Doch nach dem Unterricht folgte er Polinka und dachte darüber nach, was er ihr noch vorschlagen könnte und warum die Formel nicht funktioniert hat. Vielleicht hat er irgendetwas falsch gemacht? Er erinnerte sich an ihr trauriges Gesicht und hatte plötzlich einen Einfall.

„Polinka, warte!“ er rannte zu dem Mädchen.

„Was willst du?“

„Hast du Schwierigkeiten? Vielleicht kann ich  helfen?“

Polina schaute ihn eine Sekunde lang forschend an und sagte:

„Ja, es gibt ein Problem. Soll ich es dir zeigen?“

Paul nickte und sie führte ihn zuerst Richtung Haus, in dem sie wohnte und dann zu den Garagen. Sie holte aus dem Rucksack einen langen Schlüssel und ging zur einer der Türen, hinter der ein Geräusch zu hören war. Polinka machte die Tür auf – zu ihren Füßen warf sich ein Hundewelpe, der anfing zu bellen, um Polina herum zu springen und Paul zu beschnuppern.

„Wie niedlich er ist!“ sagte Paul, beugte sich über ihn und streichelte das helle Fell.

„Ich habe ihn vor zwei Tagen neben den Müllcontainern gefunden. Er saß zwischen ihnen und zitterte. Gestern war es doch so kalt. Ich nahm ihn mit nach Hause aber die Eltern wollten ihn nicht bei uns aufnehmen. Die Oma wollte auch nicht. „Den Pfoten nach zu urteilen, wird er mal ein großer Hund werden, und ich habe eine kleine Wohnung,“ Polina machte belustigend die Stimme der Großmutter nach.

Und fügte hinzu:

„Also, ich habe zwei Tage Zeit, um für ihn ein Zuhause zu finden oder ihn ins Tierheim zu bringen. Ich habe eine Anzeige im Intetner geschaltet, aber es meldet sich keiner… also muss ich morgen ins Tierheim gehen. Und Verka Sokolova sagt, dass wenn ein Hund zu lange im Tierheim lebt, er dann eingeschläfert wird.“

Die Stimme des Mädchens zitterte.

„Woher soll Verka das wissen?“

„Sie hat es irgednwo gelesen…“

Paul verstand Polina. Der Kleine tat einem wirklich leid. Irgendwie musste man helfen. Nur wie? Er darf auch keinen Hund bei sich halten, er hatte schon mal darum gebeten. Um nicht in die Augen des Mädchens zu blicken, setzte Paul sich in die Kniehocke und begann den Hund im Nacken zu streicheln!!!

„Ich habe ihn Barsik genannt,“ sagte Polina plötzlich.

Und da hatte Paul eine Idee: Onkel Ahmet!

Anfang Dezember besuchte er mit seinem Vater  die Schmetterlingsausstellung im Zoo. Dort traf der Vater einen alten Freund – einen Wächter, der im Zoo schon  arbeitete, als der Vater noch klein war und den Kreis der Naturalisten besuchte. Onkel Ahmet lud die zu sich ein: er lebte nicht weit entfernt vom Zoo und hatte in seinem Haus einen Mini-Zoo: Papageien, Kanarienvögel, Hamster und sogar ein kleiner Fuchs, der fast zahm war, nicht biss und es sogar erlaubte ihn zu streicheln.

„Und wo ist Bars?“ fragte der Vater als sie schon gehen wollten. „Man hört ihn irgendwie nicht.“

Onkel Ahmets Gesicht verfinsterte sich.

„Er liegt im Sterben,“  sagte er heiser. „Sein Leben geht zu Ende…“

Sie gingen in den Hof und Onkle Ahmed rief leise: „Ba-ars!“ Aus der Hundebude schaute eine helle Schnauze mit Flecken auf der Stirn, hervor. Der Hund stützte sich auf die Vorderpfoten, konnte jedoch nicht ganz aus der Bude herauskommen – er wackelte hin und her und sezte sich hin. Er bellte nicht einmal, sondern schaute mit schuldbewussten, wehleidigen Augen, als ob er sich für seine Hilflosigkeit entschuldigen wollte. Ahmet setzte sich neben die Bude und umarmte den Kopf des Hundes. Paul und sein Vater standen eine Weile da und gingen nach Hause.

„Papa, vielleicht kommt Bars wieder zu Kräften?“ fragte Paul

„Unwahrscheinlich,“ wackelte der Vater mit dem Kopf. „Ein Hundeleben ist kurz und Bars hat ganze achtzehn Jahre auf dem Buckel. Das ist für einen Hund sehr viel. Der Vater erzählte noch ein paar Geschichten über Bars, wie aufgeweckt und ergeben er war…

Nach zwei Wochen hörte Paul, wie der Vater mit jemandem telefonierte, dann betrat er sein Zimmer und sagte:

Ahmet hat angerufen, Bars ist gestorben…“

Der Vater atmete durch und fügte hinzu:

„Ahmets Ehefrau ist vor fünf Jahren gestorben und jetzt hat er noch seinen Freund verloren…“

Sie beschlossen, Onkel Ahmet an Neujahr zu besuchen, aber jetzt muss der Vater verreisen…

An das alles erinnerte sich Paul und erzählte es Polinka.

„Es ist noch nicht viel Zeit vergangen. Ich zweifele, dass er einen neuen Hund hat. Bestimmt nimmt er Barsik bei sich auf!“

Polina freute sich und lächelte:

„Dann lass uns ihn heute nach dem Training besuchen!“

Sie lief zur Bushaltestelle und Paul ging nach Hause.

Zuhause war es laut. Aus der Küche drangen weibliche Stimmen und Gelächter. Durch die geöffnete Tür sah Paul die ehemaligen Klassenkameradinen der Mutter. Er befürchtete, dass die Freundinnen der Mutter ihn wie immer tätscheln und umarmen würden und verschwand in seinem Zimmer.  Er wartete kurz ab und blickte zum Vater: er wollte dem Vater von Barsik erzählen.

Aber der Vater war beschäftigt. Er saß in der selben Pose wie kürzlich Paul mit den Händen auf den Ohren. Wenn er irgend etwas aufschreiben wollte oder finden- inmitten der herumliegenden Papiere, drückte er die Hände auseinander und bekam vor Verärgerung Falten.

Paul wackelte mit dem Kopf, ging in den Flur und rief leise:

„Ma-ma…“

Die Mutter ließ die Freundinnen allein und ging zu ihm ins Wohnzimmer:

„Bist du wieder da? Wahrscheinlich hungrig? Soll ich dir was zu Essen bringen?“

„Ich habe in der Schule gegessen, ich warte noch.“

Paul nahm die Hand der Mutter in seine:

„Komm.“

Die Mutter folgte ihm neugierieg. Sie gingen zu Vaters Zimmer, Paul öffnete die Tür. Zuerst blickte die Mutter leise auf den arbeitenden Vater, dann blickte sie auf Paul. Als sie den direkten, eindringlichen Blick des Sohnes sah, geriet sie in Verlegenheit, murmelte etwas unverständliches und ging zurück in die Küche.

„Mädels,“ sagte sie leise als sie den Raum betrat, „lasst uns etwas leiser sein. Mein Mann bereitet sich für das internationale Symposium vor, wir stören ihn.“

„Natürlich, natürlich,“ sagten die Frauen verlegen. „Warum hast du es nicht gleich gesagt?“

„Einen unglaublichen Man hast du! Wo kann man einen solch klugen Mann finden?“ fügte Lisa hinzu, die immer noch nicht verheiratet war.

„Die Guten sind alle weg“ lachte Svetlana. „Solche werden immer zuerst vergeben! Ich glaube, wir sitzen schon eine halbe Ewigkeit hier. Ich  muss den Sohn im Kindergarten abholen…“

„Ich muss auch gehe,“ sagte Galja. „Habe auch zu tun. Danke für den geselligen Abend, Ninochka!“

„Kommt nach den Feiertagen vorbei, Mädels. Der Mann führt auf Dienstreise, ich bin alleine.“

„Wir kommen, wir kommen unbedingt!“

Die Frauen standen von den Stühlen auf.

„Ich begleite euch und schaue auf dem Weg im Supermarkt vorbei,“ Nina ging gemeinsam mit ihren Freundinnen in den Flur.

„Hast du neue Möbel?“ Sveta beäugelte die moderne Einrichtung im Flur. „Importiert?“

„Aus Italien. Wir haben sie leztes Jahr geakuft und gegen die alte eingetauscht…“

„Wann werdich mir endlich so eine kaufen?“

„Die Frauen und verließen redselig die Wohnung. Paul schaute wieder bei seinem Vater vorbei.

„Papa,“ rief er, „willst du zu Mittag essen?“

Der Vater nahm die Hände von seinen Ohren und horchte hin:

„Was, ist das Schlachtfeld leer?“

„Ja, dafür sind die Trophäen geblieben,“ lachte Paul und meinte damit die Süßigkeiten und den Kuchen, welche auf dem Tisch lagen.

„Nein, ich esse später, bin noch beschäftigt.“ Der Vater wackelte mit dem Kopf und beugte sich über seine Papiere.

Paul ging in die Küche, legte die Salatreste auf einen Teller, auf einen weiteren Teller legte er ein Stück Kuchen, die übrigen Lebensmittel legte er in den Kühlschrank, die leeren Teller in die Spüle.

Nach einiger Zeit verließ er auch das Haus.

Polina und Paul standen beide neben dem Haus des Wächters. Paul dachte nicht einmal daran, dass Onkel Ahmet ihnen absagen könnte. Er dachte im Vorfeld daran, was er sagen würde. Und da machte der Wächter das Tor auf und ging ihnen entgegen:

„Onkel Ahmet, Sie haben einen Freund verloren. Und dieser Kleine sucht einen Freund!“

Und er gab dem verwirrten Wächter den Hund in die Hände.

Der Alte blieb einige Zeit stehen, schaute die Kinder an, dann den Hund und lud die beiden schließlich mit einer Geste dazu ein, das Haus zu betreten.

„Eigentlich wollte ich keinen Hund mehr halten,“ sagte er traurig, während er am Tisch saß und ihnen allen Tee eingoss. „Das Herz tut weh, wenn er stirb…

„Onkel Ahmet, er ist noch ganz klein, er wird lange, lange leben,“ beruhigte ihn Polina.

„Ja, kann sein, vielleicht werde ich früher sterben…“

„Oh nein, was sagen Sie da! Leben sie lange!“

Ahmet streichelte das Mädchen auf den Kopf.

„Wenn man so nette Kinder hat, will man gar nicht sterben!“

Und sie alle fingen an zu lachen.

Am Abend ging die Mutter zur Arbeit und der Vater versuchte in den Rachen des Koffers, die auf dem Boden und Sofa verteilte Kleidung, hinein zu stopfen. Paul konnte es nicht erwarten, ihm die Neuigkeiten mit zu teilen.

„Darf ich kurz zu dir, Papa?“

„Ja, ja. Komm herein.“

„Es sieht so aus, als ob jemand die Formel der Liebe bereits erfunden hat!“ – platzte er heraus und stellte sich neben ihn.

„Welche, welche Formel?“ Die dichten Brauen des Vaters zogen sich neugierieg nach oben.

„Na die Formel dieser…wie sagtest du? Der guten Beziehungen.“

„Und wer hat sich diese ausgedacht?“ lachte der Vater.

„Ich weiß es nicht. Ein alter Mann hat sie mir geschenkt. Und sie funktioniert, es ist bewiesen!“

„Der Weihnachtsmann etwa?“

„Naja, vielleicht nicht der Weihnachtsmann, sondern ein Zauberer!“

Und Paul erzählte alles, was ihm in diesen zwei Tagen wiederfahren ist.

„Sorge und Aufmerksamkeit, sagst du?“ sagte der Vater. „Wahrscheinlich denkst du auch, dass ich mich zu wenig um dich sorge und dir wenig Aufmerksamkeit entgegen bringe, sgtimmt’s?“

„Ach was, Papa!“

„Verstehst du, das Symposium ist sehr wichtig für mich. Es beinhaltet ein Thema, an dem ich und andre schon seit Jahren arbeiten…“

„Ich verstehe.“

„Wirklich? Du bist nicht böse?“

„Nein.“

Worauf sollte man auch böse sein? Soweit er sich erinnerte, war es immer so. Entweder ist er mit der Mutter zusammen und der Vater arbeitet. Oder die Mutter ist im Dienst (sie leitet eine ganze Abteilung im Krankenhaus), dann ist er mit dem Vater zusammen. Und wenn beide beschäftigt sind,

dann ist er bei der Oma. Die andere Oma, im Dorf, besucht er nur im Sommer. Und so, dass alle zusammen versammelt sind, soetwas gibt es nur sehr selten!

„Deine Mutter ist beleidigt. Sie hat es sogar abgelehnt, meinen Koffer zu packen. Ich habe ihn noch nie selber gepackt und habe Angst etwas zu vergessen. Das Wichtigste ist aber, wie ich meine Schuld wieder gut machen soll! Hör zu, vielleicht kannst du mir helfen? Ich habe wenig Ahnung von Frauen-Angelegenheiten…Ich will ihr Ohrringe schenken, aber was ist, wenn diese ihr nicht gefallen? Vielleicht begleitest du mich ins Geschäft?“

„Wozu wieder Ohrringe, Vater?“ sagte Paul und erinnerte sich and die Schmuckdose der Mutter.

„Sie hat eine Kiste voller Schmuck! Sie hat nicht einmal einen Anlass,  diesen zu tragen! All das will sie doch gar nicht, Pa, sie möchte mit dir irgendwas unternehmen, irgenndwohin fahren…“

„Wenn ich wieder da bin, machen wir das.“

„Dann wird sie wieder im Dienst sein.“

„Was soll man denn da machen?“

„Ich weiß es nicht, handele nach der Formel…“

Der Vater schaute noch einmal auf den Zettel und blickte verunsichert drein.

„Und wenn du die Summanden austauschst?“

„Auf keinen Fall! Ich dachte schon darüber nach und möchte sogar die Formel ergänzen,“

sprach der Junge schnell, „schau…hier gehören keine Kommas hin: die gleichen gleichgliedrigen Summanden kann man stellenweise austauschen, und hier darf man gar nichts!

Die Aufmerksamkeit ist dafür da, damit der Mensch versteht, was dein Gegenüber braucht. Und Verständnis, um zu wissen, wie man sich richtig um ihn sorgt. Das heißt, dass das eine in das anderes über geht. Deswegen denke ich, gehören hier anstatt Kommata Pfeile hin!“

Paul nahm den Kugelschreiber, strich schnell die Kommata durch und zeichnete an ihrer Stelle Pfeile auf.

„So:

Aufmerksamkeit Verständnis Sorge.“

„Ja, du bist wirklich schlau!“ sagte der Vater.

„Das bin nicht ich,“ winkte Paul ab, „das ist dieser Alte.“

Der Vater lachte und zog den Sohn in seine Uarmung.

Am 31 Dezember kehrte Paul, glücklich von der Eiskunstlauf-show zurück.

.Polina und er haben sich sehr amüsiert. Sie hatten gute Plätze, machten Fotos in den Zwischenakten und aßen Eis. Nach dem Theaterstück gingen sie auf dem großen Platz spazieren und dann brachte Paul Polina nach hause. Sie verabredeten sich für die Ferien um Barsik zu besuchen. Aus der offenen Tür der Wohnung kamen der Geruch von Wärme, und einer Mischung von magischen Düften: Hier gab es gebratene Gans, Vanille mit Zimt und Mandarinen.  Und aus dem Wohnzimmer zusammen mit der warmen Luft drang der kaum bemerkbare, bittere Duft von Nadelholz.

Aus dem stummen Fernseher in der Küche kamen schon irgendjemades Glückwünsche. Die feirlich gekleidete Mutter war gerade damit fertig den Tisch zu decken, der Vater saß auf dem Sofa und versuchte auf der Gitarre „Ein Tannebaum  im Wald geboren“ zu spielen. In der Ecke am Fenster stand der bereits gepackte und verschlossene Koffer. Aber das Wichtigste war- die Eltern lächelten.

„Sie haben sich vertragen!“ freute sich Paul.

Als das Neujahressen zu Ende war, verkündete die Mutter feierlich:

„Wir haben eine super Nachricht für dich, Sohn. Wir fliegen morgen Abend nach Paris: Papa hat für uns alle Tickets besorgt. Zum Glück ist das Visum vom Urlaub in Griechenland noch nicht abgelaufen . Solange dein Vater die Veranstaltungen besucht, schauen wir uns mit dir die Stadt an  und nach dem Symposium haben wir noch den ganzen Tag Zeit und können Abends in die Oper gehen. Das ist ein Wunder, aber ich fand die Tickets auf auf einer Internet-Seite.

„Hurra!“ rief Paul und sprang auf.

„Hurra!“ riefen auch die Eltern und der Champagner funkelte in ihren Gläsern in tausend goldenen nach oben strömenden Bläschen.

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