Timur Nigmatullin: „Ich lüge nicht, Mama“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Kaptel I. Als erster darf  man nicht lügen

„Nässt er auch ein?“ fragte eine dicke Frau mit einem Schal über den Schultern und schaute meine Mutter an, „wie alt ist er?“

„Acht,“ antwortete ich, „Ich scheiße.“

„Also!“ die Mutter zog mich am Ärmel, „er ist sechs. Das war ein Witz. Sind sie die letzte in der Schlange?

„Da ist die letzte,“ die Dicke presste die Lippen aufeinander, verwandelte diese in einen Hühnerhintern, und nickte Richtung der buckligen Alten, die vor dem Arztzimmer saß.

Die Mutter ließ meine Hand nicht los, ging in die Mitte des Flurs und setzte sich auf die Bank.

„Sind sie die letzte?“

„Sie nagt bis zum Fleisch. Beißt es mit der Wurzel aus,“ antwortete die Alte und zeigte auf ihre Hand. Die Nägel auf den Fingern waren heraus gerissen, an ihrer Stelle schaute rosa Fleisch  hervor, wie ein zerkautes Würstchen.

„Schau nicht hin,“ meine Mutter bedeckte meine Augen, „geh spielen, so lange du noch Zeit hast.“

„Was ist denn nun mit dem Ihrigen?“ fragte beunruhigt die Dicke und rückte näher zu uns. „Stottert er? Meiner nässt ein. Das nervt, in der ganzen Wohnung riecht es nach Urin. Die Stirn ist schon erwachsen, sollte schon mit Weibern beginnen, und er pisst ein,“ sagte sie und setzte sich dicht zur Mutter, „der Ihrige ist auch etwas seltsam! Wahrscheinlich betrunken gezeugt?“

„Hören Sie!“ die Mutter wurde aufbrausend, „was wollen Sie?“

„Nichts,“die Alte wurde beleidigt und ihr Gesicht verwandelte sich in einen Hühnerhintern, „diese Geheimnistuerei. Sie sind wohl eine aus der Intelligenzija.  Ihr wollt alle rein  bleiben. Aber daraus wird nichts!“

„Der Ihrige wird geschlagen,“ sagte ich und zeigte zum Fenster, „hören Sie, wie er weint?“

„Wo?“ Die Dicke sprang plötzlich von der Bank auf und rannte zum Ausgang. Hinter ihr lief gebeugt die Alte, in solch einem Aufzug, dass mir ganz schwindelig wurde. Solche Kühe habe ich bei meinem Vater im Fleischkombinat gesehen: In den Augen sind Tränen, sie verstehen es und gehen trotzdem…

Die Dicke kam zurück und atmete schwer:

„Was, ist er immer am lügen? Da hat niemand niemanden geschlagen. Warum lügst du die Erwachsenen an? Mal sagst du, du seist acht, mal, dass sie meinen Dima schlagen. Er spielt ganz ruhig mit Alisa.“

„Geh du auch spielen,“ sagte die Mutter streng, „geh nur nicht zu weit weg.“

Ich rannte nach draußen. Mir entgegen kam die Alte im gleichen Aufzug wie vorhin. Bereitet sie sich auf den Tod vor, dachte ich und ging auf den Hof.

Im Sandkasten unter dem Dach saßen Dima und Alisa, sie bauten entweder ein Schloss oder eine Burg. Ich erkannte den Unterschied zwischen den beiden Bauweisen nicht. Hier wie dort sind Türme, Wände, Schießscharten. Onkel Naum sagt, dass bei vielen Dingen unseres Lebens der Unterschied nur im Namen liegt, in Wirklichkeit sind sie ein und dasselbe. Er brachte noch ein Beispiel. Nach diesem Beispiel spricht Babaj nicht mehr mit mir, ich habe ihn wohl, einen Kommunisten und Kriegsveteranen mit Faschisten gleich gesetzt. Aber das bin nicht ich, das ist Onkel Naum.

„Was baut ihr? Und wer sind die Insassen?“

„Menschenesser, „ sagte Alisa, „die haben jemanden gegessen.“

Ich schaute mit Interesse das Mädchen an. Weiße Strumpfhose, Sandaletten mit Blümchen an den Verschlüssen, auf dem Kopf eine rote Schleife. Das Gesicht dünn und lang gezogen. Der neben ihr sitzende Dima anders, aufgedunsen, dichte Brauen und einer großen Stirn. In Märchen nennt man so welche wie ihn Herrschersöhnchen.

„Wie alt bist du?“ fragte ich Alisa.

„Sieben,“ antwortete sie und starrte mich an. Nachdem sie das Gesicht studiert hatte, schaute sie  nach unten und blieb mit ihrem Blick auf meinen Händen hängen. Ich bemerkte, wie die Ecke ihres Mundes etwas schief wurde und sie ihre Zähne zeigte, ein dünner Spuck – Faden floss auf den Sand.

„Alisa,“ rief jemand leise in unsere Richtung, „wir müssen los.“ Die Alte streichelte Alisas Kopf, zog sie heraus aus der Abriegelung und stupste leicht ihre Schulter. Die rote Schleife wackelte bewegte sich kurz auf die Seite,  Alisa  hob wieder ihren Blick auf mich und als ob sie etwas kauen würde, schluckte sie die Spucke runter, „Papa wartet. Lass uns gehen.“

Dima und ich blieben alleine im Sandkasten. Es stellte sich heraus, dass er zehn Jahre alt war. Eine Burg bauen konnte er nicht, er malte auf dem Sand eine Sonne, mit mehreren Sonnenstrahlen. Die Sonne wurde schief. Es war kein Kreis, sondern ein Oval und das ganze sah eher einem Tausendfüßler, welcher sich im Sand verirrt hat, ähnlich.

„Man sagt, ich sei ein Dummkopf,“ lächelte Dima, „Mama sagt, ich sollte Rente bekommen. Und wenn man Rente bekommt, darf man im Boroovyj umsonst baden gehen. Bekommst du auch Rente?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Mama sagt, dass ich das von Papa habe. Der sei auch ein Dummkopf. Nur bekommt er keine Rente. Hast du einen Vater?“

„Habe ich,“ sagte ich, „er arbeitet im Fleischkombinat.“

Dima beendete seine Zeichnung, stieß mit einem Zweig in den Sand und hinterließ ein löchriges Sandfeld. Er machte es mit solch einer Monotonie, sodass er tiefe Gräben hinterließ und sich der nächsten  Reihe widmete.

Ich fand es langweilig daneben zu sitzen und beschloss das Territorium des Krankenhauses zu inspizieren. Das Gebäude war durch einen hohen Eisen-Zaun umschlossen. Ich versuchte drüber zu klettern, aber nach dem dritten erfolglosen Versuch beschloss ich, dass, die Erkundung des Zaunes ebenfalls eine Aufgabe sei und ich begab mich in Richtung Wärterhäuschen, welches am Ende des Pfades lag.

Das Gebäude des Krankenhauses war halb so klein wie die Länge des Zaunes, dafür stand direkt dahinter ein Gebäude mit zwei Etagen aus grauem Stein. Auf einer blauen Tafel stand der Buchstabe „Z“. Das Gebäude war von Blumenbeeten umkreist. Ich umkreiste es und fand mich im Innenhof wieder, in dessen Mitte anstatt eines Sandkastens, sich ein quadratisches Netz befand, das einem Basketballfeld ähnelte. Innerhalb des Netzes, gingen in einer Kette hintereinander Männer in gestreiften Anzügen. Ich ging ganz nah an das Netz und steckte meinen Finger hinein.

„Wohin, Kerlchen?“ kam aus der Ferne ein Schrei und im selben Moment spürte ich, wie jemandes Hände nach meinem Finger griffen, sie zogen mich näher zum Netz, hielten mich an den Haaren, sodass ich mein Gesicht nicht vom Netz nehmen konnte. An das Weitere erinnere ich mich nur dunkel. Gegenüber von meinen Augen öffnete sich ein riesiger Rachen, der etwas stinkendes ausatmete und zwischen der verfaulten Zähne entzündete sich eine Flamme, die sich schlangenartig entzwei teilte. Das Feuer leckte meine Wange und rutschte nach oben zu meinen Augen.

„Haltet ihn fest, ihr Fotzen!Ich bringe dich um!“ war das letzte, was ich gehört hatte, bevor ich das Bewusstsein verlor.

…Mama beugte sich über mich und weinte.

„Schon wieder bist du in Not geraten.“

„Gut, dass wir schnell zur Hilfe waren,“ sagte der Sanitäter im weißen Kittel, der in der Nähe stand und sich das Blut auf dem Ärmel weg wischte, „dort heilt man die ganz wild gewordenen. Man gibt ihnen Tabletten. Ständiger Hunger. Sie fressen alles was sie in die Finger bekommen. Seid hier vorsichtig.“

Ich schaute mich um. Im Inneren des Netzes war niemand mehr. Nur irgendjemandes Kleidung lag da herum und irgendjemandes Blut bedeckte den Asphalt.

„Du hast mir wieder einen Schrecken eingejagt,“ sagte die Mutter und wischte sich die Tränen ab, „versprich mir, deinen Kopf nicht in fremde Angelegenheiten zu stecken.“

„Ich verspreche es,“ sagte ich und sprang von der Bank auf, „wo sind Dima und Alisa?“

„Sie wurden eingewiesen. Nun komm, wir sind an der Reihe.“

Im Büro des Kinderpsychiaters  war es langweilig. Das einzig interessante war nur der Hammer, mit dem er einige Male auf meine Knie klopft, und ich, um ihn nicht zu verärgern, hob zweimal das Bein. Der Arzt sagte, dass er Onkel Anatolij Ivanovič heiße, man könne ihn auch Onkel Tolja nennen, und er reichte mir ein Bonbon.

„Diathese,“ sagte ich.

„Stimmt das?“ fragte  Anatolij Ivanovič die Mutter.

„Er phantasiert,“ atmete die Mutter auf, „deswegen sind wir zu Ihnen gekommen.“

„Hat er öfter so etwas?“ Der Arzt begann irgend etwas in sein Heft aufzuschreiben.

„Ständig. Ich höre von ihm nie die Wahrheit. Nach wem kommt er bloß?“

„Onkel Naum sagt, nach Gorbatschow.“

Anatolij Ivanovič hob die Augen, blickte erst mal auf mich, dann auf die Mutter, schmunzelte über irgend etwas und fuhr damit weiter fort, seine Aufzeichnungen zu machen. Als er diese beendet hatte, machte er das Heft zu, drehte den Kugelschreiber in seiner Hand und fragte:

„Wollen Sie sich mit ihm einweisen lassen?“

Die Mutter erzitterte.

„Anders geht es nicht,“ sagte Anatolij Ivanovič, „man muss so lange es noch nicht zu spät ist, ihn in die Realität zurück bringen. Er glaubt an das, was er erfindet. Das ist gefährlich. Wer ist Onkel Naum?“

„Ein Nachbar. Säufer. Aber ruhig, „sagte hoffnungsvoll die Mutter, als ob mein Schicksal in diesem Krankenhaus davon abhinge, dass der Nachbar zwar ein Säufer, aber ruhig ist.

„Er besucht ihn oft, wenn ich und mein Ehemann arbeiten. Müssen wir wirklich eingewiesen werden?“

„Warum bist du in den Käfig mit den Kranken geklettert?“ lenkte Anatolij Ivanovič das Gespräch in eine andere Richtung, „noch ein bisschen und man hätte dich in Stücke gerissen. Du weißt nicht, welche Menschen dort liegen. Hast du mit Alisa im Sandkasten gespielt?“

„Nein,“ ich wunderte mich, woher dieser glatzköpfige mit einer Glatze wie ein Knie, Arzt über den Sandkasten Bescheid wusste.

„Von hier aus sieht man alles,“ Anatolij Ivanovič zeigte zum Fenster, „außerdem hat sie es mir erzählt, sie sagte da sei ein Junge im Matrosenkostüm, ein schöner Junge mit schönen Fingern. Was sagst du dazu?“

Das aller abscheulichste ist, wenn man von zwei Seiten attackiert wird . Er hat mich aus dem Fenster beobachtet. Das hat Alisa ihm erzählt. Die Wahrheit ist noch abscheulicher, auch wenn sie nicht von dir stammt.

„Ich habe nicht gespielt,“ ich drehte mich weg von Anatolij Ivanovič, „sie hat gespielt.“

„Aha, ein Philosoph bist du also. Ja, ja. Die Sache ist eine andere. Hast du ihre Oma gesehen? Antworte nicht. Ich weiß es. Du hast sie nicht gesehen. Also. Die Alte mit den heraus gerissenen Fingernägeln. Von Alisa aufgefressen. Auf den Füßen die gleiche Geschichte. Alisa gewinnt Geschmack daran. Sie trainiert, kann man sagen. Und danach frisst sie es auf. Ob sie es raus haut oder lebendig abnagt, kann ich nicht sagen. Aber Fakt ist, dass sie es machen wird.

„.Was erzählen sie so etwas meinem Kind?“ rief die Mutter, „wie können Sie nur?“.

 Anatolij Ivanovič schaute erst mal sie streng an, dann mich.

„Du hast zwei Möglichkeiten, entweder du hörst auf zu lügen oder du wirst neben solchen wie Alisa liegen. Dima wird ebenfalls neben euch sein. Nur nässt er nicht unter sich ein, sondern unter andere. Ist das lustig?“

Die Mutter riss die Augen auf, schaute auf den Arzt und schwieg.

„Was sagst du?“ fragte  Anatolij Ivanovič und machte eine Pause, „du hast die Wahl.“

Ich schaute auf die Mutter. Sie war bleich wie Kreide, welche ich morgens im Kindergarten von der Tafel klaute und aß.

„Dann lege ich mich hin,“ sagte ich und machte die Hände zu Fäusten.

„Lügt er?“ fragte der Arzt die Mutter.

„Er lügt,“ sagte die Mutter und begann meine Sachen zu packen, das heißt wir können gehen?“

„Das geben Sie ihm abends. Das ist nichts Schlimmes. Ein Kräutersud,“ sagte  Anatolij Ivanovič und reichte der Mutter ein Blatt Papier. Beim Verlassen des Büros blieb sie kurz stehen, drehte sich um und fragte:

„Sollen wir Onkel Naum meiden?“

„Warum?“ wunderte der Arzt, „soll er ihn ruhig besuchen. Zu mir – wieder in einem Monat. Wir sehen dann was raus gekommen ist. Nun, lerne lesen,“ blinzelte mir  Anatolij Ivanovič zu und wischte sich seinen Kopf mit einem Taschentuch ab.

Nachts, vor dem Einschlafen, reichte mir die Mutter irgend eine Flüssigkeit, die nach einer Wiese roch. Auf der Oberfläche des Suds schwammen irgendwelche orangen Blätter.

„Wie heißt die Arznei?“ fragte ich die Mutter.

Diese las mir den Namen auf der Schachtel vor.

„Calendula oder Ringelblume“

„Was denn nun – Ringelblume oder Calendula?“

„Was gefällt dir besser?“ die Mutter streichelte meinen Kopf, „das wähle aus.“

Ich schaute auf meine Finger.

„Ringelblume, glaube ich.“

„Lügst du auch nicht? Erinnerst du dich, was der Onkel Doktor gesagt hat?“

„Ich lüge nicht,“ antwortete ich , wünschte ihr eine gute Nacht und deckte mich zu.

Nachts schrie Onkel Naum hinter der Wand und bat Gorbatschow darum, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen.

Kapitel II. Tatarisch-Unterricht

Meinen Opa nenne ich Babaj. Im Tatarischen heißt es Opa. Und die Oma nenne ich Abika, was übersetzt Oma heißt. Mehr tatarische Wörter kenne ich nicht und nun sitze ich hier und lerne sie mit Babaj in der Küche, während Abika bališ backt.

„Isenmesez“, sagt er zu mir und schaukelt im Schaukelstuhl: was bedeutet das?“

„Hallo“ antworte ich.

Welches hallo! Ein ganz schlechter Schüler bist du! Das heißt „Guten Tag“.

„Dann guten Tag!“

„Ati?“

Ich hebe die Augen zur Decke und mache den Anschein, als ob ich mich erinnern würde. In Wirklichkeit verstehe ich nicht, wie man Ati übersetzt, dafür erinnere ich mich, wann im Kinostudio „Oktober“der Film „Der kurze Abschluss“,  anläuft, den ich schon fünf Mal gesehen habe und noch einmal sehen könnte, wenn ich alle Fragen Babajs richtig beantworte.

„Also was heißt Ati?“ fragt er ,

„Papa,“ errate ich und treffe es auf den Punkt.

„Sehr gut Balam,“ freut sich Babaj und spricht  Abika auf tatarisch an, dann dreht er sich zu mir und reicht mir ein Blatt Papier und einen Stift.

„Und nun einen Aufsatz zum Thema „Heimatstadt“.

Babaj hat vergessen, dass ich weder schreiben noch lesen kann, ich kann nur sprechen und daran erinnert ihn Abika: „Ana alty jel. Er kann es noch nicht.“

„Dann werde ich schreiben, und du sollst lesen.“  Babaj hält den Kugelschreiber  über dem Blatt und beginnt zu schreiben.

„Wir leben in einer kleinen Stadt.“ Ich suche Bilder für den Aufsatz und schaue aus dem Fenster, welches einen Ausblick zum Fluss bietet, „diese liegt am schönen Fluss Išim. In diesem schwimmen Menschen und Segelboote. Wir baden jeden Tag im Fluss, wenn es draußen warm ist, obwohl wir nicht schwimmen können.“

„Beeile dich nicht,“ der Großvater wischt die Brille mit einem Tuch ab, „was hatten die Boote?“

„Segel,“ sagte ich und fahre fort mit dem Vortrag, „am Abend fahren Papa und ich Tretboot oder gehen angeln. Eines Tages sind wir von der Brücke in den Fluss gesprungen, er nennt diese „Visjačka.“

„Maskara,“ Abika drehte sich zu uns, „hörst du, was er sagt?“

„Tretboote und Angeln,“ Abaj schafft es fast nicht, es aufzuschreiben, „wie weiter?“

„Weiter machten wir ein Floß, schwammen den Išim entlang von der Datscha bis zum Dorf Kirovo und sangen ein Lied,“ ich stand vom Tisch auf und sang, den Schlagersänger Kobzon nachahmend. „Und du weine nicht und sei nicht traurig, meine teure, wenn ich im Meer ertrinke, dann ist es mein Schicksal!“

„Astagfirullah,“ sagte Abika.

Babaj kam nicht mehr mit, hörte auf meinen Mist aufzuschreiben und zog die Brille aus.

„Ich habe das Gefühl, dass wir nicht  im Neuland leben, sondern am Hafen. Haben wir etwas außer deinem Išim nichts mehr in der Stadt? Da fließt er durch die Stadt, und weiter?“

Er floss in den Irtyš,“ antwortete ich.

„Und weiter?“

„In den Ob’“

„Und danach?“

„Und dann floss er in den Karasee!“

„Und die Obskaja-Lippe?“ Babaj stand vom Schaukelstuhl auf und näherte sich der Karte, die an der Wand hing, „weißt du noch, ich habe es dir beigebracht, dass zuerst von hier, „Er zeigte mit seinem Fingern auf den Punkt, welcher sich am Rand des Landes befand und mit brauner Farbe angemalt war, „und dann nur noch in die Karasee. Wo soll es am Ende hinführen?“

„In den Arktischen Ozean,“ sagte ich feierlich und ahnte, dass der Unterricht sich dem Ende neigte.

Babaj setzte sich wieder in seinen Schaukelstuhl und grübelte über etwas. Währenddessen holte Abika den Bališ aus dem Ofen, nahm ihn vom Backblech und stellte ihn auf den Tisch.

„Lasst uns essen,“ sagte sie und goss Tee mit Milch in die Schalen, „danach könnt ihr weiter lernen.“

Ich verschlang drei große Stücke des Apfel-Bališ und trank zwei Schalen Tee. Babaj schwieg die ganze Zeit. Er schwieg oft während des Essens. Ich war derjenige, der quatschte, sich auf dem Stuhl hin und her bewegte, mal aufstand und in ein anderes Zimmer lief, als ob ich das etwas wichtiges vergessen hatte. Dafür bekam ich Rüge, und wurde dazu gezwungen, mir ständig die Hände zu waschen.

„Und was kommt da raus?“ sprach endlich Babaj, „dein Aufsatz- welchen Sinn hat es? Was haben wir mit dem Fluss gemeinsam?“

„Gemeinsam?“fragte ich und und schnappte mir noch ein Stück Bališ  in dem Augenblick als Abika  bereits vom Tisch ab zu räumen begann.

„Kaue erst mal zu Ende,“ sagte sie „und antworte dann.“

Ich kaute den süßen, warmen, tatarischen Kuchen und drehte in meinem Kopf hin und her, was wir mit dem Fluss gemeinsam haben könnten. Warum habe ich mich überhaupt daran erinnert als ich über die Heimatstadt erzählte. Im Kindergarten bringt man uns bei, über das Korn zu sprechen. Wir malen ständig Bilder vom Korn. Goldene Ähre, goldenes Körnchen. Keine Stadt, sondern ein Kornaufbewahrungslager.

„Nun, du hast mit dem Išim begonnen,!´“ fing  Babaj an, mir Tipps zu geben, „also ob dein Fluss durch die Stadt fließt und dann in einen anderen Fluss mündet. Welche von den beiden ist dann der größere?“

„ Irtyš,“ sagte ich, „der ist größer.“

„Und  Irtyš mündet deinen Worten nach in einen anderen?“

„Also der Ob‘ ist noch größer,“ ich verstand den Tipp Babajs. „Und der Karasee, ich meine die Lippe am Anfang von der Ob‘, ist richtig riesig, und das Meer ist noch größer, und der Ozean nimmt die halbe Welt ein.“

„Das ist richtig,“ sagte Abaj, „und mündet…?“

„Und mündet…“ wiederholte ich.

„Was…“

„Was…“

„Wir…“

„Wir…“

„Wir sind Menschen, die am Ufer des  Išims leben.“

„ Išim“ ich wollte den Satz nicht laut aussprechen

„Wir sind auch an der Arktis beteiligt und gehören zum Beginn des großen Weges.“

„Das gibt es doch nicht,“ wunderte ich  mich ernsthaft und kratzte mich am Kopf, „Das ist ja was!“

„Und du dachtest,“ sagte Babaj zufrieden mit seinen Worten, „dass es die Heimatstadt ist. Das Heimatland. Verstehst du? Alles hängt irgendwie zusammen. Du sprangst von der Brücke in den  Išim und davon kam im Karasee eine Welle auf. Du hast gestern im Park den Baum getreten? Und ich Afrika fiel ein Baobab um, direkt auf einen Elefanten.“

„Ich werde es nicht mehr machen,“ ich wurde traurig wegen der gestrigen Tat, „wirklich, ich werde keine Bäume mehr treten.“

„Dafür hast du auf der Datscha Radieschen gesät. Und Radživ Gandi hat in Indien mehreren Kindern zu essen gegeben.“

„Mit Radieschen?“ fragte ich erstaunt, „etwa mit meinen Radieschen?“ „Uff,“ Abika wusch das Geschirr zu Ende und atmete laut auf, „gibt es nichts anderes, was du dem Kind beibringen kannst? Hat dein Kinofilm nicht schon begonnen?“

Ich erinnerte mich an den Film. Wenn man läuft, sind es bis zum Kinotheater „Oktober“ fünf Minuten. Die Uhr lesen konnte ich noch nicht. Ich versuchte mich an der Sonne zu orientieren, wie Gojko Mitič im Film „Čingačuk – die große Schlange,“ doch es klappte nicht. Onkel Naum sagt, das liegt daran, dass ich kein richtiger Inder bin. Nur nach dem Vater.

„Und wie viel Uhr haben wir?“ ich rutschte auf dem Stuhl hin und her und vergaß augenblicklich das Heimatland und die Radieschen für die hungrigen Kinder in Indien.

„Du schaffst es,“ Babaj nahm von der Sessellehne seinen gestreiften Pyjama, nahm aus der Tasche einen Rubel und reichte mir diesen, „hier, für ein Eis.“

Ich zog mir Sandalen an und lief zum Kinotheater, lief vorbei am ewigen Feuer, schaute auf die unbeweglichen Pioniere, die daneben standen, fing auf mir ihren stolzen Blick auf und flog weiter.

Das Kinostudio war voller Menschen. Ich winkte mit der Hand den mir bekannten Jungs zu, setzte mich bequem in einen Sessel und begann den Film zu schauen, dabei auf  dem Papierbecher vom Eis kauend. In dem Moment , als der Roboter Nr. 5 den Grashüpfer zerdrückte, verstand ich endlich die Worte Babajs über die Radieschen und über Radživ Gandi.

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