
Tagsüber handelte Onkel Jasha mit Schnupftabak und abends betete er, setzte sich auf seine kranken Knie vor der Ikone der heiligen Sofia, welche er für die Mutter Gottes hielt. Sofia wurde nach Almaty aus Istanbul gebracht. Wie diese zu ihm gelangte, zu einem einsamen Witwer, der sich mit winzigem Einzelhandel beschäftigte, in unserem Wohngebiet, wird zu seiner Zeit erzählt. Nun soll vom Papageien, genauer über seine Streiche erzählt werden.
Zum ersten Mal flog der Papagei gegen die Scheibe zum Höhepunkt des Gebetes, voller Herzlichkeit und Schluchzen, das mehr an einen Schluckauf erinnerte, an Nauryz. Der Hof, in dem Onkel Jasha lebte, sah nicht feierlich aus, wie der Platz der Republik, weit und kalt, Island oder Kostanaj ähnelnd. Nein, der Hof sah gewöhnlich aus: wenn nicht der Geruch von Pferdefleisch, der aus den Fenstern der Wohnungen drang, in welchen Kasachen lebten, würde Onkel Jasha nicht an den Feiertag denken. Doch er dachte daran. Das Treppenhaus verlassend, krumm und füllig wie er war, wie eine zweitrangige Figur eines Theaterstückes, sagte er: „Bitch, wie gut es ist, und wie ein Schwanz, verfickt.
Er handelte mit Schnupftabak tagsüber auf der Straße, ca. hundert Meter von der Bushaltestelle entfernt, welche nachts die Prostituierten bevölkerten. Wir Jungs liebten diese Frauen, die nach billigem Parfum rochen und nach Milch, und deswegen beschimpften wir sie und nannten sie verfickte Bitches und böse Schlampen. Wir konnten unsere Liebe anders nicht zeigen, weil wir kein Geld hatten, um von diesen Frauen mitgenommen zu werden in die Keller, die zu Hotelräumen umgebaut wurden, welche eher Kasernen für Kindersoldaten der Zukunft ähnelten, die kahlgeschoren wurden und mit Mikrochips versehen, welche die Erinnerung an die Mütter verbergen. Dann, wenn diese Frauen auftauchten, die hinter sich einen schweren Geruch des Parfums trugen, wie eine Karaffe mit vergiftetem Wasser, kehrte Onkel Jasha nach Hause zurück. Den Arbeitstag verbrachte er mit Gesprächen mit den lokalen Alkoholikern, welche Sportanzüge trugen und verwaschene Hemden, welche sie öffneten und ihre nackten Brüste zeigten, in deren Tiefe sich Kreuze versteckten, als ob sie sich im Wald verirrt hätten und nach Hilfe riefen, außerdem Talismane und Tatoos. An dem Tag als der Papagei zum ersten Mals gegen seine Scheibe flog, blickte Onkel Jasha lange ein weibliches Gesicht an, welches auf der Brust eines seiner Gesprächspartnes tätowiert war, rund und schön. Es erinnerte ihn an das runde und schöne Gesicht seiner Frau, welche vor zwei Jahren von einem Bus überfahren wurde, welcher Richtung Flohmarkt fuhr, wo sie neue Bettlaken kaufen wollte.
Als Onkel Jasha nach Hause zurück kehrte, in seine Einzimmerwohnung mit großer Küche und alten Tapeten, warf er sich auf das Bett. Dieses beugte sich unter seinem Gewicht, und ähnelte einer trächtigen Kuh, welche Onkel Jasha in dem Dorf gesehen hatte, wo er seine Kindheit verbracht hatte, bevor er sich hat zum Schlosser ausbilden lassen und in die Stadt zog. Onkel Jasha wollte sich nicht daran erinnern und es folgten weitere, warme Erinnerungen an seine Frau, an ihr rundes Gesicht und ihre warmen, fülligen Hände, dann verzog Onkel Jasha das Gesicht vor Schmerz und setzte sich auf die Knie vor der nicht großen Kommode, die geschmückt war, mit der Ikone der heiligen Sofia. Und er begann zu beten. Er kannte keine Gebete, nicht einmal das „Vaterunser“ und er betete wie ein intuitiver Protestant – mit seinen Worten, die einfach waren und einer neugierigen Intonation endeten: „Wen wir Menschen immer die selben sind, dann verlasse wenigstens du mich nicht, Mutter Gottes, denn ansonsten kann man die Wand hoch klettern, nicht wahr?“ betete er und schaute Sofia direkt in die Augen. In dem Augenblick als er sich an die heilige Sofia wandte, welche er für die Mutter Gottes hielt, flog in Richtung seines Fensters von den Neunetagenhäusern etwas buntes, was man für eine physische Verkörperung einer Muse des Modelliers Versace halten könnte, welche auf der Vortreppe seines Hauses vor fünf Jahren getötet wurde. Doch es war nicht die Muse Versaces, sondern ein kubanischer Amazon, ungestüm und schreiend, wie ein sechzehnjähriger Halbbandit, welcher vor seinen dreizehnjährigen Komplizen damit angab, die Entführungeines aufgemotzten Subaru Impreza gemacht zu haben. Der Papagei flog zum Fenster des Onkel Jashas just in dem Moment als er schluchzte und las, was sein fleischiges Gesicht einem Stück Teig ähneln ließ, welches man ohne es aus zu rollen auf dem Tisch liegen ließ, weil man das Haus rechtzeitig verlassen musste vor den Bombardements. Als der Papagei gegen das Fenster flog, verwandelte sich das Gesicht des Onkels Jashas in ein Spiegelei, blass und leer. „Gott“ sagte er leise. Der Papagei, welcher gegen die Scheiben flog, drehte sich etwas zurück, beugte den Schnabel in die Seite, schrie auf und stieß wieder gegen die Scheibe. Diesen Streich machte der Papagei jedes mal und dann wurde er müde, ständig in das leere Gesicht Onkel Jashas zu blicken und flog wieder weg. Als Folge dessen wurde Onkel Jasha verwirrt und verstarb und wie genau das vor sich ging, erzählte mir ein Freund, welcher in der Nähe des Wohngebietes lebte, wo das alles geschah. Weil jeder Mensch eine Geschichte über sich selbst verdient, und besonders die Bewohner unseres Stadtbezirkes, erzähle ich über meinen Freund.
Er war ca. zwei Meter hoch mit einer herausstehenden Stirn, welche an ein Seepferdchen erinnerte und hatte ein schiefes Gesicht. Man lachte über ihn. Ich verhielt mich gut ihm gegenüber, weil er ein guter Kerl war, er liebte Jack London, besonders Martin Eden. Sein schöner Stiefvater war relativ erfolgreich, er war Manager eines nicht allzu hohen Ranges,dann machte er ein Geschäft auf mit dem Handel von Scheiße und hatte zuhause eine Kollektion kalter Waffen. Mein damaliger Freund, über den ich manchmal Witze mache, hat mir einmal diese Kollektion gezeigt, heimlich. Handgriffe aus den verschiedensten Materialien, von Elfenbein ( ich kaufe mir etwas ähnliches in Beirut ein paar Jahre später, aber nicht zu Ehren seines Stiefvaters natürlich, sondern um später den Gästen zu sagen, dass ich ein Messer mit einem Handgriff aus Elfenbein habe, damit angeben) bis Gold.
Sein Stiefvater war ein richtiger Mann sozusagen. Und mein Freund, der Sohn des Stiefvaters, war noch cooler, doch das verstanden wir nicht. Der Besitzer des krummen Gesichtes, absolut unähnlich dem symmetrischen Gesicht des Stiefvaters und des Stiefbruders, Besitzer einer gigantischen Kollektion von Komiks, die niemanden in meinem Umkreis interessierteren, wurde er zu einem Abweichler in unsrem Wohnbezirk. Das manifestierte sich nicht in Massakern (an so etwas kann ich mich nicht erinnern), sondern zum Beispiel in der Anbindung eines Unglücklichen an das Geländer. War es irgendeine Scherz bzw. eine Verspottung die zu einem Spiel mit eigenen Spielregeln wurde, welche ich vergaß doch deren Ergebnis war, dass irgendein Ärmster mit Schnürsenkeln in einem dunklen Treppenhaus (in unseren Treppenhäusern gab es nie Licht) festgebunden wurde. Man verschloss die Augen, sagte irgendeine Beschwörungsformel, die man für eine Regel auslegte und band ihn fest. Und dann rannten wir weg und ließen ihn allein im Dunkeln; dazu kam, dass man das in der Nähe von Nachbarn machte, die besonders grimmig waren.
Meinen Freund, den ich verrate, hat man nicht nur einmal an ein Geländer festgebunden. Er verstand, was ihn erwartet, doch log sich selbst an: Man liebte es, ihn neben der Tür anzubinden – neben der Tür des ehemaligen Aufpasser des Regimes (in jedem Fall gab es eine solche Legende in unserem Wohnbezirk und die Legenden der Vergangenheit sind mehr greifbar und real als statistische Fakten), der einen bösen Köter bei sich hielt, eine Mischung aus Labrador und Dämon. Er lief aus dem Treppenhaus heraus mit einem Turnschuh. Doch diesen brauchte er nicht, er hatte eine Kollektion von Komiks, welche er, wie er mir immer gestand, nie verkaufen würde. „Du wirst sehen,“ sagte mir mein großer Freund mit der Seepferdchenstirn, „irgendwann werden sie mehr kosten als unser ganzer Wohnbezirk und ich werde sie trotzdem nicht verkaufen. Auf keinen Fall. Das war verwunderlich dies zu hören weil meine und seine Altersgenossen immer drauf erpicht waren, irgendetwas zu verkaufen: ich kannte vierzehnjährige Geschäftemacher und Diebe von Autos, ich erinnere mich daran, wie ein Kind den Audi irgend eines Trottels auf den Backsteinen stehen ließ. Die Kollektion der Komiks lagerte zum Teil auf Regalen , teils überall verstreut. Das ganze Zimmer war damit vollgestopft – der einzige Ort auf der Welt, wo er sich frei fühlte vor den Augen des Neids, den er nicht verdient hat. Die Komiks, im Gegensatz zu den Messern des Stiefvaters, standen nicht hinter Glasvitrinen, die niemand berühren durfte, um ja nicht die Männlichkeit des Mannes zu verschmutzen, sondern waren offen für alle. Nachdem man zum Beispiel über irgend eine Ausgabe von Bat-man stolperte, konnte man mit dem Gesicht in eine Szene von «Die Hüter» landen. Damals war ich ca. 15 Jahre alt und krank mit der Krankheit der Unwissenden, welche sich in die Welt der Kunst vertieften und Komiks gering schätzen, wobei es Komiks gibt, die stärker sind als die Texte Sartres. Deswegen konnte ich seine Kollektion nicht richtig beurteilen, doch jetzt verstehe ich, wie dumm ich war, als ich auf seine Nacherzählungen der Sujets der Komiks mit Ignoranz reagierte. ( Ich hatte doch schon die Auferstehung Tolstojs gelesen.)
Noch dümmer war ich, als ich ihn verraten habe. In seinem Treppenhaus war ein Aufzug, der am Tag zuvor bespuckt wurde, wobei die Spucke ziemlich frisch war, ich erinnere mich dass ein Teil der Spucke die Wände des Aufzugs runter lief. Den Jungs kam in den Kopf ihn an den Händen und Beinen zu schnappen, ihn in den Aufzug zu schleppen, in diesem so lange zu springen, bis der Aufzug stecken blieb. Wir kletterten durch den Schacht, den wir gut kannten wie die Karte Manison 2000 in dem Shooter Counter Strike, und ließen ihn dort. Er kannte weder den Schacht noch die die Ego Shooter. Dann kam es dazu, dass ich immer seltener in diesem Teil unseres Wohnbezirkes auftauchte. Das Leben ging seinen Gang, ich vertiefte mich mehr in das Lesen und einen jugendlichen Alkoholismus und mein Freund, den ich verraten habe, bekam eine Stelle in einem Waffen – Laden.
„Verkäufer?“ fragte ich.
„Nein,“ antwortete der von mir verratene Freund, ich sortiere Patronen im Lager in Kisten, verkaufen darf ich nicht.“
Und ich stellte mir vor, wie er die Patronen sortiert, mit ihnen spielt wie mit knochigen Fingern, sie in die Fächer einsortiert und dann aus dem stickigen Lager raus geht in die Freiheit. Mit einem vollen Magazin. Zu seinem Rechte.
So traf ich ihn vor eine paar Monaten – mit einem Tokarew-Gewehr in der linken Hand, ging er irgendwohin, sich beugend ohne auf die Seite zu schauen. „Bevor du das machst, was du vor hast,“ sagte ich und blickte auf das Gewehr in seiner Hand, erzähl mir, wie das zu Ende ging mit Onkel Jasha. Als Erinnerung über eine Freundschaft die mal war.“
Hier ging es nicht ohne Himena.
Sie verstand nicht direkt, was für ein Kerl der Ibrahim war, es begann doch alles gut, es begann alles ausgezeichnet. Himena, die das ganze Leben in der Wohnung verbrachte mit der verwirrten Alten, freut sich.
„Großmütterchen, du wirst es nie verstehen,“ fauchte Himena auf ihre alte Großmutter, welche wie immer die Tafel mit irgend einer Aufschrift vor den Papagei—Amazon hielt, welcher bei ihr in Kürze nach dem Tod des Alten erschien. „Du wirst es nie verstehen. Weißt du, was ich gesehen habe? Nun er geht so mit diesen Blumen, da ist eine Straßenlaterne , kaum am leuchten, und die Blumen, ihre gelben Blütenblätter, sie sind wie die Sonne. Und sie beleuchten ihn. Genauer, sie beleuchten wie er auf mich zugeht.“
Die Sache war, dass Ibrahim vor ein paar Wochen Himena Chrysanthemen geschenkt hatte, die er im Kindergarten gepflückt hat in dem Territorium des Bandwurms, und sie mit einem leckeren Eis beglückt hat im Supermarkt, sie bumste auf dem Bett mit dem kaputten Bettbein in der Wohnung seines Freundes Zheka, welcher für eine Nacht auf die Datsche gefahren war, um Suz’ma kochen. Himena war dreiundzwanzig Jahre alt.
„Uf , Ibra, wie du gingst und wie die Blumen zu deinem Gesicht passen, nein zum Kostüm, haha, weißt du wirklich, einen schönen Blumenstrauß hast du gekauft, ich weiß du hast viel gearbeitet wie kein anderer früher, keiner hat mir früher, wobei egal, weißt du auch wenn ich nicht reden werde, ich muss doch schweigen, was soll man dazu sagen“ plapperte sie, alles vergessend, das Blut ebenso, welches das Laken rot färbte doch an das Blut konnte sich Ibrahim gut erinnern, der zufällig mit seinen zwei Fingern in ihre Rippe stieß: „Ä, Himena ,warum hast du nicht gesagt dass du Jungfrau bist?“
„Was mein Guter?“ antwortete Himena die sich durch die Datura – Erinnerung der Chrysantheme kämpfte.
„Ich sage, was ist, Bitch, so viel Blut! Zheka ocht, ich habe nicht recht.“
„Du, hab keine Angst.“ Himena streifte mit ihrer Hand seine Wange, „ich mache das alles, mach dir keine Sorgen.“
Sie nahm das Laken zu sich um es zu waschen. Eine Waschmaschine wie vieles andere hatten sie nicht , deswegen beschloss Himena es per Hand zu waschen, doch dann entschied sie sich das Laken bei sich zu lassen. „Soll es,“ dachte Himena „an der Wand hängen. Soll es an die Plakate erinnern, die bei allen Mädchen an der Wand hängen, außer bei Himena selbst. Sie hielt sich auch jetzt für hässlich, und früher als sie in der Pubertät war, hielt sie sich für so hässlich, dass sie keine Liebe verdiente , und selbst nicht das Recht hatte zu lieben Deswegen beeindruckten Justin Timerlake und seine Clique sie nicht, die mit ihren Lächeln bezauberten. „Jetzt,“ dachte Himena, „wenn man mit ihr Liebe macht, kann sie so hässlich nicht sein. Sie hat das Recht zu lieben, Ibrahim zu lieben, das rote Bettlacken, sich selbst. Und Ibrahim, welcher wegen ihr besoffen vor Zheka auftaucht – ihm wird Himena ihr Bettlaken aufdrehen. Dieses ist weiß und sauber. Im Flur erwartete sie eine Schranke: der Papagei-Amazon ihrer Großmutter, der Himena von Kopf bis Fuß anschaute und sich auf sie warf, sie mit den Flügeln schlug, Himena schlug zurück.
„Du Hurrensohn, hau ab du Bitch!
Bald kam aus ihrem Zimmer die Alte, und wedelte fröhlich mit den Händen. Der Papagei verstand die Alte. Er flog durch den schmalen Flur, stellte sich auf seine Pranken und ging zurück ins Zimmer. Himena begann wegen dieses Ereignisses, wie mit jedem Ereignis, das mit diesem seltsamen Tier zu tun hatte, nervös zu werden. Und sie ging nicht zum Spiegel um sich anzuschauen. Nicht jetzt, jetzt möchte sie neben der Tür stehen und beobachten, wie die Alte verrückt spielt, der Alten geht es immer schlechter, deswegen, nachdem sie gesehen hat ,wie die Alte irre redet, beruhigte sich Himena und konnte sich im Spiegel anblicken
Die Alte schaute auf den Papagei, welcher durch das Zimmer flog, mit einer geduldigen Zärtlichkeit, doch dann legte sie die Finger der beiden Hände aneinander, dies war ihre typisch bittende belehrende Geste. Als der Papagei endlich stehen blieb. Auf den Stuhl vor der Großmutter, diese nahm eilig, als ob sie Angst hatte ihr Glück zu vertreiben, aus dem Schrank mit Tüchern und Salben, eine hölzerne Tafel auf welcher mit lateinischen Buchstaben der Himena unverständliche Worte standen. Der Papagei wackelte zügig mit dem Kopf und schaute auf die Tafel, die Alte hielt einfach die Tafel und starrte wie eine blöde Kuh. Himena blieb einige Minuten in der Tür stehen und beruhigte sich. Dann ging sie ins Bad um in den Spiegel zu blicken.
Sie sah vor sich ein Gesicht, dessen haut ausgetrocknet war, die Augen saßen tief und waren schwarz, schauten gegen den Willen ihrer Besitzerin, die Nase war zu lang und zur Spitze setzte sie sich ab, an eine Kartoffel erinnernd . Himena wurde traurig. Nach ihrem Vater war sie eine Spanierin-Kubanerin, nach der Mutter eine Tatrain, es schien, sie hätte einfach schön zur Welt kommen müssen. Himena setzte sich auf den Wannenrand und dachte.
Als sie vor Ibrahim stand und vor anderen Kerlen, welche wie Spatzen in der Knie-hocke saßen um eine leere Bank herum, auf der Bank standen Bierdosen auf Plastiktüten und gedörrter abgeknabberter Fisch, grüßte sie und gab Ibrahim das Bettlaken. Die Kerle lachten. Ibrahim lachte auch. Himena schenkte dem Lachen keine Aufmerksamkeit, kreuzte die Beine, ließ ihnen keine Ruhe und wartete auf die Worte Ibrahims: dieser spuckte aus der Ecke des Mundes und sprach: „Komm um zehn Uhr, Himenka.“
Als sie nach hause kam, wusste sie nicht womit sie sich beschäftigen sollte: Gut, dachte Himena hat es ihre Oma. Sitzt da, lächelt, hält die Tafel vor den Papagei. Sie muss nicht darüber nachdenken was sie machen soll. Von der Arbeit wurde sie nicht verscheucht für den finsteren Blick, eine Liebe, auf die man warten sollte, hat die Alte nicht. Aber sie, Himena hat nun eine Liebe. Doch jetzt zeigt der trockenes Zeiger der Uhr erst 15.47, diese Liebe versteckt sich irgendwo hinter Bierflaschen und gedörrtem Fisch. Himena beschloss zu schlafen und stellte den Wecker auf dem alten Telefon. Nervös von Natur aus, spielte sie mit ihren Fingernägeln und konnte deswegen lange nicht einschlafen; dann beschloss sie, die Chrysanthemen anzuschauen und die gelben Blütenblätter zu zählen. Bald in einer halben Stunde, schlief sie ein.
Sie schlief sehr fest und hörte nicht das Läuten des Weckers, der sehr leise erklang. Sie wurde vom Papageien geweckt, welcher wieder von der Hausherrin ausgebüchst war: er setzte sich auf ihre Hand und schrie etwas unverständliches, irgendetwas nicht lateinisches. Himena fluchte und warf den Papagei vor sich. Sie schaute auf die Uhr: Halb elf. Sie war zu spät. Was wird er denken? Er wird doch böse sein? Natürlich. Er wird sie verlassen und das einzige was übrig bleibt ist das rote Bettlaken und die Kartoffel-Nase. Doch er war nicht böse. Ibrahim stand immer noch neben der selben Bank und knackte Sonnenblumenkerne. Es waren nicht mehr viele Kerle da. Doch einige Kerle standen noch bei ihm. Und Himena dachte, dass wenn sie hier her kommt, Ibrahim hier allein sein wird. So, dachte Himena soll es sein wenn man sich liebt: sie geht zu ihm in Einsamkeit, und er wartet in Einsamkeit.. Nun gut, sagte sie zu sich selbst, macht nichts. Das Wichtigste ist, er ist nicht böse. Er geht zu ihr um zu krächzt: „Geh zu Bachs Haus. Ich komme dann gleich zu dir.“
Sie gehorchte ihm; bald erschien Ibrahim. Auf seiner Lippe glänzte die Schale eines Sonnenblumenkerns, Himena versuchte diese zu entfernen und streckte die Hand zu seinem Mund aus; doch er stieß ihre Hand weg und verzog böse das Gesicht. Er zeigte mit dem Finger in Richtung Treppe, welche zum Keller führte und von einer kleinen Wand abgeriegelt war.
„Geh herunter“ sagte Ibrahim.
Sie ging runter; er ebenfalls, begann ihre Brust zu berühren, ihren Hals zu beißen – Himena versuchte ihn zu küssen doch dieser drehte sich heimlich weg. Endlich, erregt wie es sich gehört, drehte er sie zur Wand und zog ihre Shorts und Unterhose aus. Während er das machte, dachte Himena daran, warum sie nicht zu Zheka gegangen waren: vielleicht dachte Zheka, dass das Bettlaken, welches sie Ibrahim gab, nicht seines ist und Zheka mag nur sein Bettlaken und ist deswegen beleidigt? Sie lenkte sich von diesen Gedanken ab, weil sie erregt war, doch bald, gegen ihren Willen, mit der Gewohnheit eines genervten Menschen überrannt, es war nicht die Zeit zum Nachdenken, – kehrte sie wieder zu den Gedanken zurück: Warum hier? Warum zwischen Zigarettenkippen und Gemüseresten? Als Ibrahim aufhörte, fand sie noch keine Antwort auf ihre Fragen und Verstand nicht direkt den Sinn seiner Worte:
„Nun los.“
„Wohin gehst du?
„Man soll dich nicht bumsen.“
Sie verbrachte eine schlaflose Nacht, der seltene Schlummer wurde vom einem Tremor unterbrochen, und Himena krallte sich mit aller Kraft in das blutbeschmierte Bettlaken, welches an der Wand hängt und die abgehenden Tapeten zudeckt. Die Blütenblätter der Chrysanthemen haben diesmal nicht geholfen und morgens, als sie mit Husten aufwachte, bemerkte sie, dass diese verwelkt waren. Wahrscheinlich, dachte sie, waren sie schon gestern verwelkt: doch gestern welkte alles – Gefühle, der Schlaf, die Nerven, die Achseln, – und so hat sie nicht gemerkt, wie die Blütenblätter austrockneten und die Köpfe hängen ließen. Sie sah zum ersten mal wie Chrysanthemen welken, Blumen im allgemeinen. Davor hat sie es nur im Kindergarten gesehen….
Das war ein schlechter Kindergarten. Es war feucht dort und im Schlafraum, wohin die Kinder getrieben wurden, gab es keine Tapete, nur unregelmäßige weiße Wände. Himena ging eine Zeit in diesen Kindergarten, ja fast alle in unserem Bezirks ging dort hin. Und dann hörten sie irgendwann damit auf. Doch der Garten dort war schön: gepflegter Rasen, viele Büsche und gelbe Chrysanthemen. All diese Schönheit pflegte die lokale Sowchose, der Bandwurm, ein schweigsamer Bärenkerl, „ein besessener“, der seinen Spitznamen vor langer Zeit bekommen hat. Der Bandwurm, ein riesiger Kerl, raschelte in dem Gras wie ein Nagetier, deswegen konnte er euch überraschen; wenn Sie mit voller Brust ein und aus atmen, das Aroma einatmend, wie einen durchdringenden, giftigen Geruch des Randbezirks, dann zeigt sich der Bandwurm in der eigenen Person: in den Händen eine Gartenschere oder irgendein Hölzchen, auf dem Körper eine gelbes Shirts, sieht so aus als ob es sich in die Haut festsaugt, sogar selbst die Haut ist.
„Er hat sie getötet,“ die Ader auf der Stirn des Bandwurms zitterte, „er hat sie getötet, aber wofür? Damit sie bumsen! Damit sie bumsen hat er die Blumen getötet.“
Himena beschloss den Morgen mit einem Spaziergang im Garten zu verbringen, sie wich zurück vom Ochsenbandwurm, doch das war nur ein Reflex: wirkliche Angst hatte sie nicht, sie fühlte überhaupt nichts mehr. Wenn es so ist, muss man damit aufhören. Es reicht, dass die Komödie zerbrochen wird.
Die Machete war das einzige neben den leeren Rumflaschen auf dem Balkon, was vom Vater noch übrig war – diese stützte sich auf den Boden der Küchenkiste: fast hätte Himena den Macheten-griff berührt, da fielen einige der türkisch-sowjetischen Schalen auf den Boden und zerbrachen. Hinter der Wand schrie der Papagei. Himena schenkte den zerbrochenen Schalen und dem Papagei keine Aufmerksamkeit. Sie berührte mit dem Finger die Rasierklinge. Scharf. Sehr scharf.
Ihr Leben, wie ihr schien war mittelmäßig; sie wollte besonders sterben, aber gleichzeitig, dass etwas vertrautes in der Nähe war…doch was? Sie ging in ihr Zimmer, begutachtete es mit Blicken, versuchte zu verstehen, was ihr hier teuer schien? Wohin blicken das aller letzte Mal? Der Blick blieb auf dem Bettlaken hängen. Jetzt liebte sie es nicht, das Laken, doch vor kurzem erst, gestern, war das ihre persönliche Flagge, welche sie bereit war aufzustecken, nicht nur an die Wand, sondern auf die aller höchste Bergspitze der berüchtigten Almaty – Berge, welche hinter den Neunetagenhäusern nicht zu sehen waren.
Man muss der Länge nach schneiden, nicht quer. Sich mit dem Laken zudecken. Das Laken kennt Blut, es wird ihm gefallen. Himena zog sich zum Laken, um dieses von der Wand zu reißen, doch dann plötzlich kam schreiend der Papagei-Amazon geflogen. Er krallte sich in die andere Ecke des Lakens, zog dieses hinter sich her in den Flur und flog höher. Doch Himena zog abrupt an ihrer Ecke und der Papagei stieß gegen die Wand. Wie ein Boxer bewegte er seinen Kopf, blickte auf Himena, welche ihn ansteuerte und die Machete fest in ihrer Hand hielt.
„Jetzt töte ich dich. Danach töte ich die Alte und vielleicht dann Ibrahim. Und dann töte ich mich selbst. Doch darauf pfeifst du. Doch wisse, dass ich dich als erstes töten und das wird se-e-e-h-r weh tun!“
Der Papagei wich zurück. Himena trat auf. Endlich schnappte sie sich seinen Flügel, zog abrupt daran,und holte mit der Hand aus. Der Papagei bewegte mit dem Schnabel und sagte heiser:
„ Te. Echo. De menos. Todos. Los días.“
Himena war bedeppert. Aus dem Korridor kam ein schwacher aber zäher Applaus: Das war die Alte, deren Augen mit Tränen gefüllt waren.
„Te echo de menos todos los días! Te echo de menos todos los días! Ich vermisse dich jeden Tag, meine Kleine!“ blinzelte die Alte und drückte die Finger zusammen. Himena ließ die Machete fallen, setzte sich auf den Boden und hängte sich das Bettlaken um die Schulten. Innerhalb einer Minute fingen die Schultern zu zittern an und das Lachen der Frau, des Papageien und der Alten erfüllte den Raum. In der Küche fielen aus der zerschmetterten Kiste noch zwei Schalen heraus. Himena hörte das Landen des Geschirrs auf dem Boden, sagte:
„Das ist fürs Glück. Für unser Glück. Alte, Papagei.“
„Te echo de menos todos los días!“ antwortete der Papagei.
Bald begann das Täfelchen mit diesen Worten an der Wand in Himenas Zimmer zu glänzen.
Als Onkel Jasha vom Irrsinn befallen wurde, ging er durch unseren Wohnbezirk mit einem Aprikosenzweig, den er mit einem Zahn gespitzt hat. Er schaute aufmerksam auf die Seiten und stand wie ein Basketballspieler oder Bär auf den halb-gebeugten Beinen, und wenn man ihn fragte, was er macht, warum er nicht mehr Handel betreibt, sprach Onkel Jasha dann diese Worte: „Der verfickte Papagei.“ Mehr sagte er nicht und die Kinder, welche eine Genration nach uns kamen, begannen Onkel Jasha „verfickter Papagei“ zu nennen.
„Wer ist das?“
„Das ist ein verfickter Papagei, der einen anderen verfickten Papageien sucht!“ lachten sie.
Später, ca. ein Jahr später, hörten sie auf zu lachen, weil Onkel Jasha verschwunden war. In unserem Wohnbezirk fiel es gar nicht auf. Die Menschen haben sich mit der Zeit an seinen Irrsinn gewöhnt, und hielten sein Verschwinden für ein Anzeichen seiner Krankheit, seinen erstaunten Geist. Man erinnerte sich erst dann an ihn, als die Nachbarn sich zum Abendessen versammelten und einen scharfen Geruch nach Fäulnis rochen, und nachdem sie nirgendwo eine tote Katze gefunden hatten, erinnerten sie sich plötzlich. Und sie klopften bei Onkel Jasha. Er machte nicht auf, weil seine Hand bis dahin schon verfault war, wie alles andere auch. Als die Bullen, die ca. vierzig Jahre nicht in unserem Wohnbezirk waren, seine Tür aufbrachen, sahen sie seine Leiche. Welche auf dem Bett lag. Diesmal beugte sich das Bett nicht unter ihm.
Man wollte ihn zuerst staatlich beerdigen, doch unsere Alten, einige von ihnen haben es geschafft sich einen Teil des Nachtklubs anzueignen, erklärten, dass ein Mensch der in unserem Wohnbezirk aufgewachsen ist, ein ordentliches Begräbnis verdient hat. Sie bestellten ihm einen Sarg aus Eichenholz und zerbrachen nicht weniger als drei Patellas, damit man ihn am Kensaj beerdigt und ihn nicht in irgend einen Graben wirft für arme Menschen.
Als man den Sarg mit Onkel Jasha aus dem Treppenhaus trug, versammelte sich eine Menge, fast der ganze Wohnbezirk; da war auch die Himena mit ihrer Alten. Fast alle, die da versammelt waren, probierten den Schnupftabak, mit dem Onkel Jasha handelte, doch keiner wusste dass es ihn in das Grab trieb. Alle dachten an den Papagei. Genau an ihn, den bunten Amazonen, über welchen Onkel Jasha, bevor er starbt, immer sprach.
Himena traute ihren Ohren nicht. Sie ging hinter dem Sarg, bis man ihn in den Leichenwagen steckte und dann ging sie hinter dem Leichenwagen, bis sie die Grenze unseres Wohnbezirkes erreichte, wo irgendeine unsichtbare Kraft sie in die Brust drückte, ihre Wanderung hinter den toten Onkel Jasha beendete. Da verstand Himena, dass man unseren Wohnbezirk nur tot verlassen kann.