
Der junge Unteroffizier und Außendienstbeamter Samat Ryspaev liebte seine Uniform: Die Offiziersschuhe (oben aus Chromleder, die Futterung: Naturleder, die Methode der Anbringung: mit Kleber, Farbe: schwarz),
Die Schuhe geraden Zuschnittes (Stoff: Gabardine, Farbe: dunkel-blau) mit Schlaufen und rotem Saum an den Seiten, mit einem Latz am Reißverschluss, an der Taille mit Gürtelschlaufen, zwei Seitentaschen, mit einer geschlitzten Hintertasche mit einem Knopf,
der Gürtel (Material: Naturleder, Farbe: schwarz),
das Hemd mit langen Ärmeln (Stoff: Baumwolle, die Zusammenstellung des Stoffes: Poly,ester – 35 %, Baumwolle – 65 %, Farbe: blau),
die Krawatte (Stoff: Polyester, Farbe: dunkel.blau) mit einer Klammer (Material: Messing, Farbe: goldfarben),
die Chevron-Ärmel (Material: Seide, gewebt, Symbol MVD RK honiggelb, stellt einen Lorbeerkranz dar, in dessen Zentrum sich ein Schild befindet, unter dem vertikal ein Schwert abgebildet ist, den zentralen Platz der Komposition nimmt ein schwebender Adler ein),
die Schulterklappen mit den beiden Stichen in goldener Farbe in der Standartgröße (Die Stiche sind mit den Ecken nach oben gerichtet),
die Kappe (Stoff: Wolle, Farbe: dunkel-blau) mit einer Kokarde und einem Emblem, mit einem Rand (metallen) und einem roten Saum.
Der junge Unteroffizier und Außendienstbeamter Samat Ryspaev liebte seine Uniform, doch konnte er sie nicht ausziehen. Er stand vor dem Spiegel, beobachtete sein Spiegelbild, berührte mit dem Finger den himbeerfarbenen Rand der Kappe, wischte von der Schulterklappe den nicht vorhanden Staub ab, streichelte die glänzende Krawatte.
Die Polizei-Uniform umschloss seinen hageren Körper und der junge Unteroffizier atmete friedlich auf, ohne auf dem Hemd nur eine einzige kleine Falte zu finden. Mit dem Kissen des Daumens berührte er den Knopf auf der Brusttasche und fühlte plötzlich von diesem eine ausgehende, angenehme Hitze. Er leckte sich über die trockenen Lippen und zog leicht an dem Knopf, dann fröstelte ihn vor einem süßen Schmerz, welcher in den unteren Teil des Körpers zog.
„Samat,“ hinter der Tür hörte man eine weibliche Stimme.
Der junge Offizier verzog das Gesicht. In den letzten tagen mochte er seinen Namen nicht. „Der steht mir nicht,“ dachte er und zupfte an dem warmen Knopf. Dieser juckte, ameiselte, der junge Offizier fühlte diesen, als ob man in den juckenden Knopf seine Nervenenden keimten. Er drückzte mit dem Finger auf den Knopf und heulte stimmt. Auf dem Körper hatte er Gänsehaut.
„Bist du wach?“ der verärgerte Kopf Madinas schaute aus der Tür heraus. „Frühstück ist fertig…“
In das Schlafzimmer schlüpfte eine Katze hinein. Der junge Offizier fand sie auf der Huabe des Nachbarautos und nannte sie Barsa – zu Ehren des Lieblingsfußballvereins. Huschte an den Beinen Madinas vorbei, lief zum Herrchen und begann sich an seiner Hose zu reiben. Dieser fluchte und schubste die Katze mit dem Fuß. Barsa kreischte auf und versteckte sich unter dem Bett.
„Gehst du weg?“ fragte Madina schüchtern.
Der junge Offizier drehte sich um und schaute auf die Ehefrau, wie auf einen toten Fisch. Er näherte sich ihr und saugte sich mit deinem breiten Blick an ihrem erschrockenen Gesicht fest.
„Geh raus!“ befahl der junge Offizier.
Madina begab sich aus dem Zimmer heraus und machte die Tür zu unter dem verwüsteten Blick des Ehemannes.
„Zieh die Schuhe aus,“ sagte sie mit einer zitternden Stimme, begab sich in die Küche und stellte den kalt gewordenen Teekessel auf das Feuer.
„Ich mag nicht,“ dachte der junge Offizier und schüttete von der Hose das Katzenfell an, „ich kann nicht.“
Gestern kehre er spät von der Arbeit nach hause – die Polizei der Stadt Almaty wechselte zu einem verschärften Regime für die Dienstleistung von Rechtsverstößen und allgemeinen Ordnungswidrigkeiten am Feiertag der Hauptstadt. Nach den Angaben des Ministeriums der inneren Angelegenheiten planten die Vertreter einer der extremistischen Organisationen eine nicht sanktionierte Versammlung beim zentralen Stadion. Zum Ort des nicht – behördlichen Meetings wurden Rechtsschutzkräfte der Abteilung der inneren Angelegenheiten gesandt sowie ein spezielles Kommando, welches schnell reagieren konnte. Dank der Bemühungen der Polizei wurden um die zweihundert Rechtsbrecher festgenommen.
Der junge Offizier erinnerte sich an ihre hasserfüllten Gesichter, an ihre schwarzen Hälse, welche Flüche ausstießen, ihre irren, brennenden Augen, mit welchem sie den jungen Offizier anstarrten, als dieser sie in der Dunkelheit des gepanzerten Gefängnistransporters einschloss. Das Auto, welches mit den Gefangenen vollgestopft war, fuhr weiter mit dem Ruf der Sirenen und der Großmütter und der junge Offizier kehrte zurück um die explosive Menge zu beobachten. Mit einem kühlen Blick unter dem Mützenschirm suchte er in der Menge nach Provokateuren. Das Gespür ließ ihn nicht im Stich: ohne Fehler konnte er naive, mit der Macht unzufriedene Gaffer von professionellen Aufwieglern unterscheiden, deren Ziel es war, die Pfeiler des Staates zu erschüttern, das Land zu Chaos und Anarchie führen. Er nahm die Aufhetzer aus dem Inneren der viel- händigen Menge und schleppte sie mit all seiner Kraft zum Wagen. Wenn der Provokateur Widerstand leistete, kamen die Kollegen dem Offizier zur Hilfe, hoben den Widerständler gemeinsam und brachten ihn zum Wagen. Unter den Blitzen der rot-blauen Leuchten verschwand bald der mit Menschen volle Wagen in der Weite und der junge Offiziers widmete sich wieder seinen gewöhnlichen Aufgaben.
„Ich würde sie alle einsperren,“ dachte er und setzte sich auf den Rand des unordentlichen Bettes.
Bei der Miliz wurden die Gefangengenommenen befragt, und wegen Mangels an Beweisen innerhalb von ein paar Stunden in die Freiheit entlassen, wo sie wieder ihre umstürzlerische Handlungen weiter führen konnten und für Revolte bei den Bürgern sorgen konnten.
„Alle – bis zum Letzten!“ er haute mit der Faust auf das Kissen. Barsa sprang unter dem Bett hervor und versteckte sich hinter dem Kleiderschrank. Der junge Offizier legte seine Hand auf das Gesicht und sah vor sich den zahnlosen Mund des Alten, welcher quäkte, wie ein Mädchen, als man ihn mit Kraft aus der wütenden Menge heraus zog. „Сен — адамсың ғой!“ schrie ihm der Alte zu. „Адамсың ғой!“ Mit Hilfe des herannahenden Kollegen schnappte der Offizier den grau haarigen Unruhestifters an den Händen und schleppte ihn zum Wagen. Die Beine des Alten schleiften auf der Erde und erinnerten an solche aus Stoff. „ Адамсың ғой,“ wiederholte der Alte immer leiser und leiser, „ мен сияқты“ Die Polizisten hoben ihn auf und schmissen ihn in den gefüllten Gefängnistransporter. „Ich bin Polizist,“ äußerte sich der junge Offizier, zeigte seine schneeweißen Zähne und machte mit einem lauten Geräusch die Schiebetür zu.
„Rufzeichen – Raumfähre 224“ flüsterte er und stand vom Bett auf.
Komplett kraftlos kehrte er spät nachts nach Hause zurück. Ohne die Kappe ab zu setzen und das Hemd, die Hose und die Schuhe aus zu ziehen, fiel er in das weiche Bett. Und als er morgens erwachte, stellte er fest, dass er die Uniform nicht ausziehen konnte.
Die hellblauen Katzenaugen schauten vorsichtig aus dem Kleiderschrank hervor. Der junge Offizier schmunzelte und machte die Tür des Schlafzimmers auf. Barsa flog aus dem Zimmer wie eine Patrone. Aus der Küche drang der aromatische Geruch vom Backwerk. Der junge Offizier verstanden, dass er hungrig war.
Im Flur traf er Madina. Diese drückte sich an die Wand. Der junge Offizier warf einen missbilligenden Blick auf sie: ihre langen Haare waren zottelig, das ausgeblichene Kleid war voll mit Flecken, die Hände voller Mehl und Sonnenblumenöl. Er ging an ihr vorbei und versuchte sie an der Pobacke zu zwicken, doch Madina führte mit einer plötzlichen Bewegung seine Hand weg. Der junge Offizier grübelte und verbog die Lippen.
„Bring dich in Ordnung,“ sagte er und berührte mit Ekel ihre Haare, „zukünftige Frau eines Offiziers.“
Mit seiner Treue zum Dienst rechnend, mit seinem ungewöhnlichen Leistungsvermögen, worüber sich alle seine Mitarbeiter wunderten, und welche seine Vorgesetzten lobten, rechnete der junge Offizier auf zwei fünfzackigen Sterne, welche bald auf seine dunkel-blauen Schulterkappen fallen.
„Es ist Zeit,“ dachte der junge Offizier und betrat das Badezimmer. Er schnappte sie das Stück Seife und wusch sich, ohne die Manschetten zu berühren, die Hände. Er wusch sich den Seifenschaum weg und begann sich die Zähne zu putzen – jede Reihe dreißig Sekunden. Er gurgelte und spuckte in das Waschbecken. Dann wusch er die Zahnbürste unter dem laufenden Wasserstrahl und steckte sie in den dafür vorgesehenen Halter. Er machte das Schränkchen auf und nahm einem Abkratzer für die Zunge heraus, führte diesen über die herausgestreckte Zunge elf Mal. Nachdem er die Zunge vom Belag gereinigt hat, reinigte der Unteroffizier den Abkrazter unter fließendem Wasser und stellte diesen zurück in den Schrank. Er lächelte sein Spiegelbild an, doch das Lächeln verschwand schnell und wurde von einem Ausdruck des Schreckens abgelöst. Der Unteroffizier entdeckte auf seinem Hemd einen Fleck Zahnpasta.
„Mist!“ schrie er, riss ein Stück Toilettenpapier ab und begann zügig das Hemd von der Zahnpasta zu säubern. Diese brannte in seinen Bauch. Der Offizier heulte vor Schmerz auf: Wie eine Ätzlauge brannte die Zahnpasta auf seiner Haut. Er pustete auf den weißen Fleck, rieb diesen mit dem Toilettenpapier, bis es ganz verschwunden war.
Endlich verging der Schmerz. Der Offizier atmete mit Erleichterung auf und trocknete sich das verschwitzte Gesicht ab mit einem Handtuch.
„Ich bin das Hemd, ich bin die Kappe,“ lachte der junge Offizier leise, „Schuhe bin auch ich., und die Hose, ich bin auch der Gürtel und das Holster und die Krawatte!“
Diese ganze Situation mit der Uniform, die er nicht ausziehen konnte, erschien ihn sehr unterhaltsam und in irgendeiner Art auch gewöhnlich, leer, ohne irgend eine Aufmerksamkeit zu verdienen. So als ob jemand die Hose andersherum angezogen hat und alle um ihn herum machen sich über ihn lustig. Und er selbst lacht auch über sich. „Na und, dann kann ich sie halt nicht ausziehen?“ munterte sich der junge Offizier auf und begann an dem Knopf auf der Manschette zu zupfen. „Dafür steht es mir.“
Eine unbeschreibliche Glückseligkeit erfüllte ihn: diese kroch mit einer heißen Welle des Genusses seinen Arm hoch, legte sich leicht auf die Schultern und berührte mit Engelsfedern das Rückgrat. Der Knopf pulsierte immer stärker. Der junge Offizier zog die Luft zwischen den vor Sauberkeit quietschenden Perlen-Zähnen ein. Die ganze fühlbare Welt schrumpfte zusammen zu der Größe des Hemdknopfes. Während er den Knopf berührte, schien es ihm, dass er einen unsteten Nerv des Lebens selbst kitzelte, die Klitoris des Alls.
„Ich, das bin ich!“ brüllte der junge Offizier.
Das berauschende Gefühl dessen, dass er von jetzt ab ganzheitlich, fundamental, summarisch ist, das Gefühl eines Verschwimmens der Form mit dem Inhalt übermannte ihn und er hob zu Himmel die vor Glück feuchten Augen. Von seinem spitzen Kinn rann Speichel. Die zitternden Hände knickten ein. In irgendeinem Augenblick fiel es ihm schwer zu atmen – das Jucken des Knopfes blieb, das Glück wurde immer größer, es floss durch den jungen Offizier und brannte sich in ihn ein mit Lüsternheit.
„Es reicht,“ flüsterte er mit ganzer Anstrengung und ließ den Knopf in Ruhe.
Das unerträgliche Jucken verschwamm auf seiner linken Hand und ihm blieb nichts anderes übrig, als auf den Knopf mit dem Daumen zu drücken. Der Genuss verwandelte sich in einen unerträglichen Schmerz, wie brennendes Eis.
„Es reicht!“ heulte der Unteroffizier. Er nahm aus dem Spiegelschrank eine kleine Schere heraus und stach damit auf den Knopf. Das kalte Metall der Schere berührte den Seidennerv. Der junge Offizier beugte sich vor Schmerz und paradiesischer Glückseligkeit. Dann knackte er mit der kleinen Schere. Der Knopf landete im Waschbecken. Er sprang mit einem Laut hoch und verschwand in der Ausflussöffnung. Aus der Manschete tropfte das Blut. Das Waschbecken färbte sich rot.
„Madina-a-a-a-!“ heulte der junge Offizier. „Madina-a-a-a-a-a!
Die Ehefrau betrat das Badezimmer und mit ihr der Geuch von Backwerk. Der junge Offizier hielt die blutige Hand über dem Waschbecken.
„Ich habe den Knopf abgeschnitten,“sagte er mit einer schweren Stimme und bedeckte die blutige Manschette mit der Hand. Durch die Finger rann das Blut.
„Was ist geschehen?“ fragte Madina verwundert.
„Ich kann nicht..kann es nicht ausziehen,“ sagte der junge Offizier betrübt mit einem qualvollen Lächeln.
„Was kannst du nicht?“
„Ich kann nicht…der Knopf juckte…Kribbelte…Ich habe ihn abgeschnitten…Nun läuft das Blut…Rufe einen Krankenwagen. Und stehe nicht einfach so herum! Sag, dass ich es nicht ausziehen kann…Ich kann nichts ausziehen…Sogar die Schuhe nicht…Die Kappe nicht…Nichts, sag das so! Rufe sie an! Jetzt!
Die erschütterte Madina schaute auf ihren Ehemann. Dann zog sie die Augenbrauen zusammen, ging auf ihn zu und hob die Hand hoch.
„Sei nicht albern“ sagte sie leise und nahm ihm die Kappe weg.
Sein Mund öffnete sich in einem stummen Schreckensschrei. Er bewegte tonlos die Lippen, schwankte und fasste Madina an den Schultern. Er bemühte sich ihr irgendetwas zu sagen, mit dem Mund nach Luft ringend. In seinem Kopf pochte ein lauter Schmerz: Das Geräusch von Schritten, das Murren der Menge, Schreie und Weinen, Bedrohungen und Verfluchungen.
Samat Ryspaev blickte zum letzten Mal auf die Ehefrau, als ob er sich ihre Züge merken wollte, dann schmunzelte er, blinzelte mit den Augen und fiel auf die schwarz-weißen Kacheln.
Madina schrie und fiel auf die Knie. Ihr Mann schaute mit leeren Augen auf die brennende Deckenlampe, schloss den Mund und öffnete ihn wieder. Madina hörte wie seine Zähne aneinander schlagen.
„Samat!“ rief sie und schmiss die Kappe auf den Boden. „Was ist mit dir?!“.
Barsa hörte den Schrei und begann sich an dem Schuh des jungen Offiziers zu rieben . Dieser richtete den Blick vom der Deckenlampe auf die Kappe – die Rückseite war bedeckt mit blutige Haarfetzen, auf einem Teil der Kappe hing die abgerissene Kopfhaut.
„Samat, hörst du mich?“ jemandes Finger drückten in seine brennenden Wangen. „Sag irgendetwas, Samat!“
„Raumfähre – 226,“ rief der Offizier und lächelte breit.