Quelle zum russischen Text:
https://daktilmag.kz/6/prose/banu-akhmetbekova/dom-odinochestva/67

Jeder von uns, die wir irdisch und sterblich sind, hat seine eigenen Ängste. Jemand hat Angst vor der Dunkelheit, jemand vor Spinnen, manche haben ganze Labyrinthe von Angst. Doch es gibt die Angst, welche am stärksten ist – die Angst vor der Einsamkeit. Es gibt keine schmerzhafteres Gefühl als das Bewusstsein, dass du allein bist. Alleine einsam und einsam innerhalb anderer, die einsam sind. Es ist traurig darüber zu schreiben und daran zu denken, an die, welche einsam aus dem Fenster blicken, jene die gebeugt an der Pforte des Hauses sitzen, jene, die sich alleine schlafen legen. Die Einsamkeit hat kein Alter – es sind Kinder, Alte, Junge. Doch wie es auch klingt, die Einsamkeit tränkt sie völlig durch. Sie hinterlässt ihre Spuren im Gesicht, in dem Verhalten des Menschen. Ein einsamer Mensch riecht sogar anders. Mein Onkel mütterlicherseits war einsam, zwanzig Jahre lang. Er war ein Mensch von einfachen Gesetzen. Etwas streng aber für uns alle verständlich. Nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, blieb er mit der Großmutter im Haus des Vaters. Damals war er keine vierzig Jahre alt. Meine Großmutter bemühte sich um ihn, wie sie nur konnte. Ich kann jetzt nicht ihre Trauer wiedergeben, welche ich in ihren welken, großmütterlichen Augen erblickt habe. Sie hielt schweigend die Anwandlungen von Melancholie des Onkels aus sowie seine Besäufnisse, darüber trauernd , dass er hier, dass der geliebte Ehemann, unser Großvater nicht in der Nähe war. Sie trauerte wie sie es konnte, weiblich, weise und rührend. Er war ihr Sohn, den sie geboren hatte und in einer solch schwierigen Zeit erzog, die Zeit nach dem Weltkrieg und die Zeit der Hungersnot.
Nach dem Tod des Großmutter blieb der Onkel ganz alleine. Das Haus, in welchem er aufwuchs, wohin er seine Frau brachte und von welchem sie ihre eigenen, liebsten Kinder wegbrachte veränderte sich. Nach ein paar Jahren waren die Pappeln im kleinen Garten abgesägt worden, dort spielten meine Geschwister uns ich mit den Puppen, bereiteten Mittagessen vor aus Gras und Sand. Die Geräusche des Pappel-Laubes höre ich immer noch obwohl seitdem fünfundzwanzig Jahre vergangen sind. Niemand mehr kümmerte sich um die Blumen, niemand mehr weinte, der seine Knie im Hof aufgeschlagen hatte. Im Haus kehrte Stille ein. Jetzt kann ich noch mehr genau sagen, warum die Kinder den Onkel nicht mehr besuchten. So wird er sterben, ohne sie umarmt zu haben und sie an seine Schulter zu drücken.
Ich irre immer gedankenverloren im Haus des Onkels umher. Dieses ist vertraut und unerträglich traurig. Ich sehe und höre die Stimmen der Vergangenheit und rufe Erinnerungen hervor aus dem Herz des Hauses.
Doch das Herz antwortet nicht auf mein Rufen. Er, der fast zwanzig Jahre in Einsamkeit gelebt hat, hatte keinen Grund um das alte wieder zu beleben. Er möchte nicht die Wunde des Herren treffen, denn die Wände sind durchtränkt von den Tränen des Alten. Er blickte mit Hoffnung in die Augen des Alten, doch der Herr erwartete keine Pausen. Sein Leben ist eintönig, monoton und charakterlos. Manchmal tauchte er sein Leid in Wein und weinte wie ein Kind, das Schicksal fragend: „Wofür?“ Das Haus nahm schweigend den Schmerz des Onkels an, aber wie soll man ihm helfen?
Der Tod des Onkels war das finale Ereignis in der Einsamkeit des Hauses. Er lag eine ganze Nacht und den ganzen Tag zwischen der Wand und dem Ofen, wohin er fiel, als er zufällig zurück treten wollte.
Er starb vor Angst, vor Schmerz, und vielleicht daher, dass seine Kräfte ihn längst verlassen haben. Er konnte nicht einfach aufstehen … Darüber zu schreiben ist schwer, sowie es auch schwer ist, sich an das letzte Treffen zu erinnern, vor ca. fünf Jahren. Er lief hinter unserem Auto her, und es gab keine Kraft, das zu beobachten. Jetzt bereue ich es, dass ich das Auto nicht angehalten habe und ihn zum Abschied nicht umarmt habe, nicht sein ausgemergeltes Gesicht geküsst habe.
Das Haus meines Onkels – das ist das Haus der Einsamkeit. Das Haus der Tränen, immer noch nicht erfüllt von der Wärme derer, die jetzt in ihm leben. Sie brachten dieses in Ordnung, doch mit der Seele war das Haus treu seinem Herren geblieben. Es ist genau so einsam, wie viele Jahre davor. Nun bitte ich, den Onkel gehen zu lassen. Ihn gehen lassen entlang der Milchstraße in die Unendlichkeit.
Das Haus meines Onkels – das ist das Haus der Einsamkeit, in meiner Vorstellungskraft sehe ich, wie der Onkel das Haus verlässt und sein Blick ist friedlich. In seinen Händen hält er einen Koffer aus braunem Krokodil – Leder. Darin – seine Erinnerungen. Sein ganzes Leben. Kleine, von der Zeit gelb gefärbte Kärtchen: auf diesen ist er jung, lachend – man sieht kein Leiden von der Einsamkeit.