BRÜCKE von Oral Arukenova, übersetzt von Kuljash Bajchergasheva/Voag

                Ihre Anwesenheit nahm Jesen viel früher wahr, bevor sie auftauchte. Sie erschien sowohl in seinen Träumen als auch in der Wirklichkeit, er freute sich immer darüber. Seitdem seine Mutter nicht mehr lebte, träumte er von dieser Wölfin. Das war ein gutes Omen, so entschied er sich. Die Mama erklärte: so wie du den Traum interpretierst, so kommen die Dinge auf dich zu. Die Wölfin rettete ihn in seinen Alpträumen, entweder zog sie ihn aus dem Sumpf oder stellte sich vor die  Monster.

                Sie wurde für ihn sein Glücksbringer. Manchmal spürte Jesen ihre Anwesenheit auch in der Wirklichkeit. Wenn Zweifel aufkamen oder jegliche Gefahr drohte, tauchte die zierliche Gestalt seiner Beschützerin auf. Sie lief dem Fluss entlang, als er sie am anderen Ufer bemerkte. Die Wölfin begleitete ihn. Sie lief auf verschneitem Boden und schaute in seine Richtung. Vor einem Monat wäre Jesen sicher gewesen, dass sie ihn beschützen wollte, aber jetzt zweifelte er daran Der Grund dafür war das Misstrauen seiner Schwester Zhuldyz (1). Als er in ihrem Haus in der Stadt wohnte, konnte er in der ersten Nacht lange nicht einschlafen, bis der Schatten der Wölfin erschien. Er stand früh am Morgen auf und zeichnete sie, wie er es öfters in letzter Zeit getan hatte.

„Was ist das?“ – fragte die Schwester.

„Eine Wölfin!“ – antwortete Jesen, „aus meinem Traum“.

Zhuldyz fand das besorgniserregend und am übernächsten Tag brachte sie ihn zu einem Arzt, Spezialisten für Akupunktur. Jesen hörte zufällig am Tag zuvor mit, wie seine Schwester ihre Gedanken mit ihrem Mann Benoit teilte.

„Er hat Alpträume, weißt du, träumt von einem Wolf, den er sogar gemalt hat. Ich habe mitbekommen, dass er lange nicht einschlafen konnte. Ich hörte ihn mehrmals umdrehen, während ich die Hefte meiner Schüler prüfte. Am nächsten Tag hat er einen Wolf gemalt, nein, eine „Wölfin“ – hat er gesagt.

– Hast du mit ihm gesprochen?

– Ich glaube, ich gehe mit ihm zu Nina, zur Akupunktur.

– Richtig so. 

Die Nadeln haben mir geholfen, alles war vorbei. Sie steckte mir Nadeln in die Ohrmuscheln, nur dreimal und voila – ich schlafe seit einem Jahr ruhig“.

                Jesen bekam wegen den Nadeln in Ohren Angst. Er konnte in dieser Nacht wieder nicht schlafen. Aber seine Ängste waren vergeblich. Nina mochte er – lustig und freundlich. In ihrem Büro, hinter der Trennwand, bemerkte er zwei liegende Männer, deren Rücken mit dünnen, langen Nadeln bedeckt waren. Als sich die Männer bewegten, zuckten die Nadeln wie Drähte bei windigem Wetter, es sah so lustig aus, dass Jesen lachte. Zhuldyz war von dieser Reaktion überrascht und Nina zwinkerte ihm zu. Er setzte sich gerne auf  Stuhl und schloss die Augen. Nach ein paar Minuten sagte Nina ihm, er solle seine Augen öffnen und in den Spiegel schauen. Jesen lachte wieder. Wie konnte sie ihm zwei so lange Nadeln in die Ohren stecken, ohne dass er etwas spürte? Seine Schwester brachte ihn eine Woche lang zu den Prozeduren, Jesen konnte jetzt durchschlafen und wollte nicht einmal morgens aufstehen. Er träumte weiterhin von der Wölfin, aber erzählte Zhuldyz nichts davon. Sie sprachen nie wieder über diese Wölfin. Er hörte die Tante Nina sagen, dass Wölfe im Traum ein alarmierendes Signal seien und Jesen sollte eine Psychotherapeutin aufsuchen. Jesen machte sich Sorgen, er wollte nicht zum Psychotherapeuten, was passiert, wenn er in die Klinik eingewiesen wird.

                Die Jungs in der Schule nannten ihn bereits „ein Psycho“, weil er schweigsam und körperlich sehr stark war. Einmal während des Sportunterrichts zeigte der Lehrer eine Kampfwurftechnik – den Wurf über die Hüfte. Also Jesen warf Tolegen, einen mobbenden Redner und Lügner, mit vollem Eifer. Er wollte ihm vor langer Zeit eine Lektion erteilen. Dieser flog über die Matte, ein paar Mal im Salto sich drehend, landete auf der anderen Seite des Raumes, schlug mit der Schulter hart gegen den Boden und verrenkte sich die Hand. Wie er geschrien hat!

                „Meine Hand! Oh, Hand! Er hat mir den Arm gebrochen! Ich sterbe, meine Schulter tut so weh! Oh, mein Arm! Oh, Schulter!“

                Jesen konnte sein Lächeln nicht verkneifen und sah Tolegen hysterisch auf dem Boden zucken. Er hörte auf zu lächeln, erst nach dem der Schulleiter in die Halle hinein stürzte. Sein Vater wurde sofort angerufen, er kam gerade vom Bauernhof, um Lebensmittel zu besorgen.

                Sein Vater schimpfte nicht mit ihm, er war an sich ein wortkarger Mensch. Erst auf dem Weg von der Schule sagte er plötzlich verspottend:

Zügele deine Kraft oder du wirst aus Versehen jemanden brechen“. 

                Seit diesem Vorfall hatten die Jungs Angst vor Jesen, provozierten ihn nicht und behandelten ihn mit scheinbarem Respekt. Tolegen wurde noch lange Zeit gehänselt: „Oh, Arm, oh, Schulter!“

                Zhuldyz suchte keinen Psychotherapeuten für Jesen auf, Benoit-Zhezde (2) und er schauten einen Film über Wölfe an, einen großartigen Film! Zhezde erzählte, dass er sich als Kind auch für Wölfe interessierte, viel über sie las und sogart einmal auf eine wissenschaftliche Expedition nach Sibirien mit ging, um die Verhaltensweisen der Wölfe zu studieren. Benoit, obwohl er ein Franzose war, sprach gut Kasachisch. Zusammen mit Zhuldyz unterrichteten sie Französisch an der internationalen Schule. 

***

                Nun zweifelte Jesen sehr. Warum lief die Wölfin ihm hinterher? Bewachte sie ihn oder verfolgte sie ihn? Und das seit einer Stunde! Das Schaf machte „määääh“ die ganze Zeit, wie verrückt. Jesen versuchte sie mit Tritten in die Seite und Schreien zum Aufhören zu bewegen. Und diese wollte sich überhaupt nicht beruhigen.

                Jesen brachte das Schaf zu seinem Nachbarn Amantai für das Wiegenfest. Nach sechs Töchtern bekam Amantai endlich einen Sohn. Er nannte ihn Alpamys und feierte seit Wochen, dafür schlachtete er alle seine Schafe. Es kam die Zeit, den Sohn in Besik (3) zu legen, aber Amantai hatte kein Fleisch mehr. Er wollte zuerst die Kuh schlachten, aber ließ seine Frau es nicht zu. Dann entschied er, die Kuh für den Sogym (4) aufzuheben. Letztendlich beschloss die Familie, ein großes Schaf vom Bauernhof von Jesens Vater zu kaufen. Die besagte Kuh sollte doch später geschlachtet werden, wenn Alpamys vierzig Tage alt wird. Daher ritt Jesen auf einem Pferd mit einem riesigen „määähndem“ Schaf auf der Seite und auf dem anderen Ufer begleitete sie die Wölfin.

                Irgendwann verschwand die Wölfin und das Schaf beruhigte sich. Jesen dachte sogar, dass er sich diese Wölfin nur einbildete. Doch bald wurde das Schaf wieder unruhig und das Pferd begann zu schnauben und zucken. Hinter den Bäumen bemerkte Jesen 3 Schatten. Die Wölfin und zwei kräftige Wölfe trabten am Ufer entlang, mal versteckten sie sich, mal tauchten diese wieder auf. Jesen hatte jetzt wirklich Angst. Das Dorf war fünf Kilometer entfernt,  davor befand sich eine Brücke, die Wölfe könnten leicht das Amantai-Schaf erreichen. Amantai würde sich ärgern. In diesem Moment wurde es Jesen klar, dass er bereits mehrere Brücken überquerte und die Wölfin versuchte nicht, an dieses Ufer zu gelangen. Aber eine andere Zweite? Die beiden Wölfe waren anders. Jesen spürte diese würden ihn nicht in Ruhe lassen, bis sie das Schaf bekommen. 

                Vor ihm erschien eine Brücke. Mit Eis bedeckt sah sie aus wie ein großer, dicker Eiszapfen, der die beiden Ufer verbindet. Nicht weit von der Brücke gab es eine Bergwasserquelle, die bereits von vielen Touristen im letzten Jahr besucht wurde. Diese Brücke, die für eine so große Anzahl von Autos nicht geplant war, konnte eine solche Belastung nicht standhalten und begann langsam zu zerfallen. Im Herbst wurde die Brücke demontiert und mit dem Bau einer neuen begonnen, aber nicht vollendet.  Auf einer Seite wurde die Metallkonstruktion der Brücke nur mit Holzbrettern für Fußgänger ausgelegt. Aber die Touristen konnten nicht aufgehalten werden, sie ließen ihre Autos an diesem Ufer stehen und gingen zu Fuß, mit verschiedenen Flaschen Wasser holen, und es dauerte bis Dezember, bis der Durchgang zur Brücke wegen Schneefalls gesperrt wurde. Einige der Bretter auf der Brücke brachen zusammen und an einigen Stellen waren Löcher zu sehen.

                 Wölfe eilten zur Brücke. Jesen holte ein Messer heraus, um dem Schaf die Kehle durchzuschneiden und es den Wölfen zuzuschmeißen. Es gab keinen anderen Ausweg. Ein kräftiges graues Männchen war als Erstes auf der Brücke, kletterte weiter, rutschte aus und rollte zurück. Der Wolf versuchte nochmal, sich vorwärtszubewegen, indem er sich hinlegte und begann langsam entlang der Brückenmitte zu kriechen. Dann kletterte die Wölfin auf die Brücke. Der zweite Wolf beobachtete sie vom Ufer aus. Jesen beschloss, nach vorne zu galoppieren, und falls die Wölfe ihn einholen sollten, würde er die Kehle durchschneiden und das Schaf den Wölfen zuwerfen. Kaum entfernte er sich von der Brücke, hörte er ein herzzerreißendes Kreischen. Jesen stoppte das Pferd und drehte sich um. Der kräftige Wolf zappelte im wilden Wasser und die Wölfin, die sich an der Brückenstange festhielt, hing in der Luft. Jesen drehte das Pferd um. Nachdem er vom Sattel gesprungen war, warf er seinen Mantel und seine Handschuhe ab. Er nahm das Schaf vom Sattel runter, eilte zur Brücke und näherte sich vorsichtig der Wölfin. Mit dem Rücken zum Geländer ging er in die Hocke und packte die Wölfin mit beiden Händen an den Vorderpfoten und zog sie zu sich heran. Die Wölfin schwankte in der Luft, krallte sich in die Handflächen und mit dem Schwung kletterte auf die Eisenstange. Sie legte sich ein wenig hin, schaute Jesen mit einem bedauernden Blick an, wimmerte und kroch an das Ufer. Als die Wölfin von der Brücke herunterkam, fiel sie in den Schnee, wälzte sich und setzte sich auf. Das Pferd blies seine Nüstern auf und stellte sich auf seine Hinterbeine. Das Schaf machte „määäähh“ und lief in Richtung Wald, aber versank und zappelte verzweifelt im Schneehaufen. Jesen lachte laut, richtete sich auf, er hatte keine Angst mehr und ging sicher über die Brücke. Aber er rutschte aus und schaffte es gerade noch, nach dem  Geländer zu greifen. Das Eisen war rutschig, aber Jesen hielt sich fest. „Wenn das Eis geschmolzen ist..“: dachte er, „dann könnte ich mich hochziehen und zurück auf die Brücke klettern“. Er schaute nach unten. Der wilde Wasserfall in der Mitte des Flusses trug den Wolf flussabwärts weit weg und  bewegte ihn als einen kleinen grauen Wollklumpen hin und her. Das Eis schmolz schmerzhaft in seinen Händen, Jesen warf seine Beine auf die Querstange und hielt sich sicher auf der Brücke. Aber das Seltsame war, er konnte seine Hand von der Eisenstange nicht befreien. Es schien ihm, seine Hände verschmolzen  mit ihr.  „Beruhige dich und überlege mal…“ dachte Jesen und in diesem Moment verspürte er die Kälte: Sein Hemd und Pullover rutschten nach oben und die Kälte des Wildwassers drang durch seinen Rücken.  Er versuchte seine rechte Hand zu öffnen, aber bei seiner ersten Bewegung könnte er vor Schmerz fast heulen. Die Haut klebte an dem gefrorenen Eisen. Er schaute auf das Ufer. Das Pferd beruhigte sich, das Schaf befreite sich aus dem Schneehaufen und beide beobachteten ihn. Und die Wölfin, die vorsichtig über die Brücke kroch, bewegte sich langsam auf ihn zu.  So kam sie näher, legte sich auf die Stange und fing an, seine Hände zu lecken, zuerst die eine und dann die andere. Ihr Kopf lag auf Jesen’s Brust, er beugte sich zu ihr und rieb sich an ihrem Fell. Die Wölfin gab ein freundliches Geräusch von sich. Bald konnte Jesen die eine Hand öffnen und dann die andere. 

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(1) Zhuldyz – kasachischer Frauenname, bedeutet „Stern“

(2) Zhesde – der Schwager, der Ehemann der äteren Schwester

(3) Besik – auf Kasachisch „die Wiege“

(4) Sogym – kasachische Tradition, es wird für die Winterzeit der Fleischvorrat angelegt, in dem man Tiere (Schafe, Kühe) schlachtet. Die Verwandten werden eingeladen, um Fleisch unter sich zu verteilen.

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