
Ich gebe zu, das war meine erste Bootsfahrt. Das Kris zu erzählen, war peinlich. Sie führte unser Motorboot sehr gewagt. Ich hielt mich zuerst hinten auf, warum auch immer, war ich dort sicher mit meiner Seekrankheit, dann wurde ich mutiger, ging zum Bug und die Reste der Verlegenheit lösten sich auf in salzigen Spritzern und einer wilden Geschwindigkeit, welche ich mit jeder Zelle meines Körpers spürte.
„Siehst du dieses Kap?“ Kris übertönte fröhlich das Geräusch des Motors. „Wir müssen dahin!“
Ich konnte mich nicht halten und schrie vor Freude. Das Kap sah von hinten wie ein seltenes Tier aus, welches sich hinlegte um sich vor dem Meeres-brausen aus zu ruhen.
Als wir anlegten, sprang ich auf das Ufer, ganz berauscht von der Freiheit, hüpfte auf den großen, antiken Steinblöcken und schaute mich um. Das war ein gänzlich wilder Ort, vom Festland mit riesigen Felsen abgegrenzt. Ich warf einen Seitenblick auf die Steinblöcke neben dem Wasser.
„Ja, ja, sie fallen von Zeit zu Zeit von der Spitze herunter,“ Kris bemerkte meinen Blick und bestätigte meine schreckliche Vermutung. „Nimm es als Meditation wahr: Wenn der Tod immer in der Nähe ist, fällt der Wunsch, das Leben aus zu leben, sofort weg.
Zwischen den Felsen und dem sandigen Strand zog sich das dichte Gestrüpp nach oben. Ein Teil des Lagers befand sich im Dickicht und auf dem Sand erstreckte sich der sogenannte Gesellschaftsraum: Ein riesiger Platz, bedeckt mit marokkanischen Decken und einem Platz für Lagerfeuer in der Mitte. Jetzt lagen dort lässig ein paar junge Frauen und aßen Wassermelone.
„Hallo! Komm zu uns!“ lockte mich eine von ihnen, eine Blondine mit sonnen-gebräunter Haut, die einer australischen Surferin ähnelte.
In der nächsten halben Stunde machte ich Bekanntschaft mit allen lokalen Frauen. Sie hatten vieles gemeinsam: sie alle waren freundlich, entspannt, alle sie trugen Höschen mit Schnüren und alle sie lachten gleich, wenn ich sie nach dem seltsamen Namen fragte.
„Nun, wir müssen anfangen,“ sagte Milashka, blinzelte mit den blauen Augen und es begannen alle, mit Lächeln auf den Gesichtern, sich in einen Kreis zu stellen.
„Wir reden nichts überflüssiges“, sagte Kris, mich mit einem herben Wohlgeruch umhüllend. „Du wirst gleich alles selbst verstehen. Und sei dir bewusst – wir sind immer in der Nähe.
Ich nickte sorglos und roch an dem Getränk, welches in Gläsern im Kreis herum gereicht wurde, bis jeder im Kreis ein Glas bekommen hat. Die braune Flüssigkeit roch nach feucht gewordenem Wacholder und ich beschloss den Genuss nicht in die Länge zu ziehen und leerte mit einigen Schlucken das Glas.
„Das hast du gut gemacht! Nun denn, die Einweihung hat begonnen.“
Ich erwartete laute Glückwünsche und Toasts zu meinen Ehren, und kein Wacholder – Smoothie. Irgendeine kleine Frau in meinem Inneren blies beleidigt die Lippen auf und ich spürte, dass es witzig war, doch konnte nichts mit mir anstellen. Die Enttäuschung kratzte meine nackte Brust. Ich wollte von ihnen weg gehen und alleine sein.
Ich setzte mich auf einen der altertümlichen Steinblöcke, ganz nah am Meer und begann die Strahlen der Sonne auf dem Wasser zu beobachten. Die Enttäuschung löste sich langsam auf in eine mich umkreisende Harmonie. „Ich sitze nicht einfach so hier,“ sagte ich leise zu mir selbst. „Ich bin ein Aufnehmer.“ Von allen Seiten begann der Wind mir Nachrichten von den verschiedensten Frauen zu bringen – einige von ihnen lebten vor Tausend Jahren, und manche schickten mir ihre Botschaften genau jetzt. Mein Atem drehte sich um, doch ich näherte mich weiter dem Wasser. Das ist er – der ideale Kommunikator – Salzwasser, welches in mich dringt, in jede Zelle. Sie sprechen über Beziehungen oder geben kulinarische Tipps, und manche Nachrichten sind besonders intellektuell. Was ist das? Ein geheimnisvoller Chat, wo man mit Frauen aus allen Punkten des Raumes und aus allen Zeiten kommunizieren kann? Das ist pure Begeisterung und ich bekomme eine Gänsehaut, während ich die Signale empfange, Lachen, Tränen, Wörter, und dann schicke ich meine Nachricht:
„Neonfarbene Hunde jagen Hühnerschenkel (ebenfalls neonfarben) – so sehen die Beziehungen aus. Die Frage ist nur die, wessen Hühnerschenkel teurer ist.“
Ich schicke die Nachricht los und warte neben der Höhle, welche durch die Vibration der Wellen entstanden ist. „Ist es Post? Ein Telegramm?“ kichere ich vor mir selbst. Da geht aus der Höhle eine sehr ruhige Frau heraus, schwarze Zöpfe und Federn, und völlig gelassen schlägt sie mich mit einem Stock direkt auf den Kopf, so stark, dass meine Rede unterbrochen wird, und ich fliege, fliege, bis ich in das Masut stoße. Ich verletzte mir das Knie und drumherum finde ich keinen Wegerich, nur Masut und Stalagtiten. Oder Stalagtaten? Also die, die von oben nach unten wachsen.
Ich drücke mich weg von der stickigen Dunkelheit und tauche in einen hässlichen, schmutzigen Teppich, welcher sicher keinen Staubsauger kennt, und nähere mich einem großen Zeh mit alter Maniküre und rauer Haut, inmitten irgendwelcher beschwipster Szenen. Ich fliege hoch, fliege durch tausend Welten, wo mir keiner Aufmerksamkeit schenkt, vielleicht haben sie mich auch nicht bemerkt, denn ich flog so schnell wie eine Rakete, das weiß ich doch gleichzeitig erscheint mir alles wie eine hängende Kassette. Nun bin ich wieder am Meeresufer mit zwei Männern, von denen einer langsam mit einer verzerrten Stimme spricht: „Riiiiiiiiiiiiitaaaaaaaaa, wo sind deine Freundineeeeeeeeeen?“ Ich nehme einen Zug und falle in einer grauenhaften Slowmotion auf den Sand, mache einen Salto durch weitere tausend Welten, die Neon-Köter folgen mir und ich höre bloß ihr Computer-Bellen in den verzweifelten Versuchen zu fliehen. Doch da blickt auf mich ein wunderschöner Flamingo, er schimmert in einer rosa-lila Farbe, ich verstecke mich in seinen weichen Federn und fühle eine nicht irdische Glückseligkeit. Jede Hautpore füllt sich mit dem Aroma von Maiglöckchen. Das sind Fibern, Fibern. Fibern… Ich scheine mich im weichen, lila Tüll zu verknoten, und ihre jede Falte ist eine Fiber. Hier wachsen Jasmin, Pfingstrosen und weiße Kater gehen auf den nicht nicht herabhängenden Fibren und ich verstehe, dass alles eins ist, und alles keine Bedeutung hat. Nichts hat irgendeine Bedeutung.
„Nun bist du eine von uns,“ sagen mir die Kater und einer von ihnen blinzelt vertraut mit seinen Saphir-Augen und murrt so süß, dass mein ganzer Körper zu schmelzen scheint. „Nun verstehst du, warum Witch Daughters? Muss ich es noch erklären?“
„Musst du nicht,“ erlaube ich und schmelze leicht in dieser schönen Welt der plüschigen Kater, der schimmernden Blumen und der wohlriechenden Aromen.