Zauberhafte Bilder von Margarita Davydova

Ich schnappte mir meinen Rucksack, Trekking – Stöcke, Handschuhe und rannte nach draußen. Ich habe mich vorbereitet, machte heiße Butterbrote, Leckereien und Tee in der Thermoskanne – nun bin ich spät dran. Die Uhr zeigt fast sechs Uhr morgens, die Zeit, in der  die Jungs und ich uns treffen wollten –  bei dem Tor zum Park, an der Bushaltestelle  des Busses Nr. 28. Draußen ist es dunkel, die Stadt schläft, manchmal fährt ein Auto vorbei – ansonsten ist es ruhig. Aus dem Mund entweicht Dampf. Die Laune ist gehoben, mich erwartet eine nicht zu vergessende Wanderung. In dem dämmrigen, grauen Dunst wirkt jeder Baum,  jedes Haus und jede Laterne wie ein fantastisch-interessantes Objekt der Betrachtung; es glänzt, bedeckt mit Raureif, wird düster oder umgekehrt und leuchtet rätselhaft durch der Laken des Nebels. Ich konnte mich nicht zurück halten, um einen leuchtenden Baum zu fotografieren. Es ist schon 6.10 Uhr! Ich bin spät dran, unkameradschaftlich. Deswegen verschnellere ich den Schritt und laufe, ohne auf den schweren Rucksack zu achten.

Gut, dass die Jungs im warmen Auto auf mich warten und nicht draußen. Ich geselle mich bald zu ihnen, alle lächeln, lachen. Wie toll, dass ich das Glück hatte, solche interessanten, Wanderung-begeisterten Menschen zu treffen. Es ist wichtig mit den richtigen Begleitern in die Berge zu gehen, denn manchmal hängt das Leben von einem Freund ab, welcher dich absichert, irgendwo raus holt oder dich einfach ermuntert weiter zu gehen und nicht auf zu geben! Wir fahren bis zum Beginn unserer Strecke, wir lachen und unterhalten uns, warum auch immer, über Feminismus und PR. Ist Feminismus nicht PR? Worüber denken wir nur nach vor der Wanderung?

Wir starten mit dem Aufstieg etwas später als geplant. Über dem Medeo ist es kälter als in der Stadt, doch das merkt man fast gar nicht, weil du immer in Bewegung bist. Das Wetter ist einfach fabelhaft, noch nicht am Erleuchteten angekommen, sprangen wir aus dem grauen Nebel, welcher die Stadt umhüllte und wir stellten fest, dass der Himmel hier ganz rein ist. Die Sonne stieg langsam auf von den Bergen und färbte die Wolken mal in rosa, mal in violetter Farbe. Es sieht so aus, als ob uns ein leichter Aufstieg erwartet, ohne irgendwelche klimatischen Schwierigkeiten. Bis auf den tiefen Schnee und den Frost. Wenn du den aller einfachsten Asphaltweg gehst und am Chimbulak vorbei gehst und an anderen Gebäuden, welche an die Nachbarschaft der Menschen erinnern,  kannst du echten Wundern begegnen. Das kann zum Beispiel ein wilder Jak sein. Im Sommer hört man hier den Kuckuck und Fasane, und in der Höhe, über dem Kopf, kreisen irgendwelche großen Raubvögel. Im Winter ist die Landschaft ganz anders, wild doch besonders schön. Mal sieht man einen Wasserfall, vom Eis umgeben; mal Tannen, vom Schnee umhüllt, welche auf den Felsen ragen; und etwas tiefer beim Abhang, locken irgendjemandes vorsichtige Spuren den Wanderer an.

Und wie unbeschreiblich schön glänzen die Bergspitzen von den Strahlen der aufgehenden Sonne! Irgendwo nach dem Eisberg, welchen alle als kleinen Drachen bezeichnen, sollte man die Kamera nicht aus den Händen legen. Zu oft muss man stehen bleiben und diese immer wider raus holen. Irgendwo hier beginnt meine persönliche  Gebirgskrankheit.

Zuerst nahm ich an, dass meine Krankheit eine einfache Hypoxie oder das Fehlen von Sauerstoff beim Aufstieg in eine Höhe mehr als 2000 Meter, sei. Es ist als ob ich betrunken sei und die Welt um mich herum, wie auf das Hören eines Zauberstabes, sich in ein Märchen verwandelt!

Jedes Mal, wenn wir hier wandern, gehen wir an den selben Objekten vorbei: Steine, Bäume, Flüsse. Um uns herum sind die gleichen Berge, die Hälfte dieser habe ich schon erklommen. Im Himmel die Wolken, welche einander ähneln…Doch jeder Abstieg von einem Berg erscheint mir immer anders, absolut unwiederholbar, einzigartig.

Heute ist es warm und sonnig, und letztes Mal war es frostig und bewölkt, im Sommer ist hier häufig Nebel, Regen und sogar Regenbögen. Und so unerwartet schön stehen die Tannen hier, etwas abseits des Pfades, die durch ihre Zweige die zitternden Sonnenstrahlen durch lassen!

Ich mache meine Kamera an und beginne zittrig Foto für Foto zu knipsen.

Da ist eine Hummel, die auf der Blume eingeschlafen ist, die Sonne hat sie noch nicht gewärmt, und sie schläft, ohne sich zu bewegen und wird zum perfekten Objekt für eine Makro-Aufnahme. Plötzlich leuchtete in der dämmrigen Dunkelheit die Taschenlampe eines Kameraden und erhellte unseren Weg. Das schien mir so wundervoll, dass ich wieder die Handschuhe ausziehen musste und aus der Innentasche das Handy heraus holte. Und während ich unsere unvergesslichen, schneebedeckten Berge der kleinalmatinischen Schluchten fotografierte und die Gruppe für einen Blick aus den Augen verlor, gingen die Jungs weiter, als ob nichts gewesen wäre, den Pfad entlang – und über ihnen erstreckte sich der Felsen „Segel“, an welchem man sich beim Aufstieg zur Bergspitze Amangel’da orientiert.

Die Jungs sind wie Ameisen, wirklich, diesen Anblick muss man einfach fotografieren. Und die Vögel. Manchmal kann man nur ihre Spuren sehen, welche sich im Schnee verlieren oder umgekehrt, die abreißen am Rand vom Abhang. Und manchmal kann man einen klaffenden Raben mit der Kamera einfangen, einen aufgeregten Fasanen und einen hochfliegenden Adler. Und solche verschiedenen, schönen Bilder tauchen vor meinen Augen auf und ich nehme sie mit der Kamera auf…wofür? Um sie zu sammeln, zu bewahren, für die eigene Kollektion einzutrocknen, wie herbstliche Pappelblätter, und sie dann anzuschauen an langen Winterabenden. Eine solche Aufregung macht ein Pilzsammler durch oder ein Zoologe beim Pilze sammeln oder beim Sammeln von Äpfeln, Tomaten und seltener Käfer und Schmetterlinge natürlich. Das ist ein unvergleichbares Vergnügen! Und welch prächtige Tulpen wachsen auf dem Kok-Zhjlau!

Manchmal kann man den Moment einfangen und die zarte, allen Winden geöffnete Tulpe erfassen, vor den dunkel-grünen Bergen, welche sich weit erstrecken und sich im Nebel verbergen. 

Solche Aufnahmen, oft im Knien oder Liegen auf dem nassen Gras geknipst, sind besondere Szenen für mich. Und es macht nichts, dass die Jungs sich beschweren, dass ich wieder hinter her hänge oder irgendwo nach oben oder zur Seite klettere, wo es nicht einmal einen Pfad gibt.

Ich werde ihnen später die Aufnahmen zeigen und sie werden alles verstehen. Man kann an solch einer Schönheit doch nicht vorbei gehen! Das wäre eine echte Schandtat. Und die Wolken erinnern an spitze Damenhüten oder Kopfbedeckungen für Herren. Die Höhe des Berggipfels von Tereshkova sieht mit einem solchen Hut noch anschaulicher aus.

Die Wolken muss man etwas länger jagen, hier muss ein ganzes Ritual vollführt werden, um ein langsames Video auf zu nehmen, auf welchem man sieht, wie sie schimmern, Purzelbäume schlagen und schwimmen, und die Berge stehen ruhig da, nur die Grashalme zittern im Wind. Heute gehen wir nicht weit, zum See Manshuk Mametovo, welcher sich von dem gleichnamigen Gletscher gebildet hatte. Es gibt sehr viel Schnee, manchmal sinkt man bis zur Taille im Schnee ein.

Die Stille drum herum ist unglaublich, man hört wie das Wasser tropft, in Bächen von den Höhen runter läuft. Die Sonne brennt bereits fühlbar, man möchte sich ausziehen und sich auf dem Schnee bräunen. Wir haben es uns auf irgendwelchen eisernen Betten gemütlich gemacht, trinken Tee mit Sanddorn, Hunger haben wir keinen. Nur die Müdigkeit hilft mir zu mir selbst zu finden und meine visuelle Jagd zu beenden.  Wir werden von einem Husky mit seinem Herrchen eingeholt. Doch mir geht es so gut, dass ich nicht einmal den Wunsch verspüre, den Husky vor den schneebedeckten Berge zu fotografieren. Ich streichele faul sein weiches Fell und versuche den Gesprächsfaden nicht zu verlieren. Wie schön ist es in den Bergen! Die Augen kleben zusammen von dem hellen Licht und vor Müdigkeit, so kann man für eine Weile schlummern. Geht unbedingt zum See, ihr werdet es lieben! Doch wir müssen bereits den Rückweg antreten.

Irgendwo, etwas tiefer von Alpingrad, bekomme ich ungewöhnliche Kopfschmerzen. Das ist wohl doch die normale Bergkrankheit, und nichts visuell-ordinäres. Ein langer Aufenthalt in der Höhe und Sauerstoffmangel. Möglich, dass ich deswegen solche zauberhaften Bilder sehe, die Portraits von Vögeln, Menschen und natürlich der Berge. Das ist mein Alibi. In unseren Bergen ist es wirklich unbeschreiblich schön, wunderbar und herrlich. Man muss es nur bemerken und bewundern. Haben Sie gesehen, wie Mohnblumen in der Steppe wachsen?

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