Mit dem Alter verdichtet sich die Zeit, taucht auf mit leuchtenden Bildern in der Erinnerung und es scheint, noch einen Augenblick, und das ganze Leben passt in eine Handfläche, und du wirst es betrachten und es wird dir leid tun, dass du es nicht rechtzeitig geschafft hast, nicht konntest, nicht wolltest…und das Verpasste kann man nicht korrigieren. Es ist zu spät.
In der Kindheit trug ich ein rotes Pionierhalstuch, in den Perestroika 90ern konnte man nur überleben dank des Pendel-Business, und dann kam das Gefühl der Euphorie, rapide alles von der Computerisierung erfassend, es schien, noch einen Ruck – und der Kosmos offenbart seine Geheimnisse. Doch es kam der Frühling des Jahres 2020. Und die Welt…verstummte. Entweder verwirklichten sich die Phantasien der Kinoregisseure über eine gestartete biologische Waffe, oder das Weltall gibt einen fälligen Unterricht, versuchend an die Vergänglichkeit des Lebens zu erinnern.
Zu meiner Verwunderung gewöhnte ich mich bald an die menschenleeren Prospekte Nursultans, an die erschreckende Stille der breiten Straßen ohne Busse und Taxen, an Menschen – Einzelgänger, welche die Gesichter hinter Masken verstecken, ich gewöhnte mich daran, dass keine Flugzeuge mehr fliegen, keine Züge mehr fahren – weder in meiner Stadt noch in der Nachbarstadt – nirgends.
Doch der time-out geht zu ende und es wird sich wieder alles drehen.
Mich, als introvertierten Menschen, erschreckt etwas die Instabilität des Seins. Du hast dich erst an das ein Szenarium des Lebens gewöhnt, morgen – neue Veränderungen. Und das Leben belächelt dich, wirft dir immer neue neue neue Knobel-spiele zu, saugt ein in den Trichter der Ereignisse und dreht, dreht, du schaffst es gerade so zu bemerken, wie dir Daten im Kalender schimmern, doch es lohnt sich, sich aus dieser Gefangenschaft des Gehetzes zu befreien, es kommt das Bewusstsein dessen, dass alles was dich umgibt ein Trugbild ist, und das Wirkliche, Wahre schlüpfte dir aus den Fingern. Doch vielleicht muss alles so sein?..
***
Nun freue ich mich über den Zerfall der Sowjetunion. Obwohl ich in den 90ern für ihren Erhalt protestiert habe. Ich war stolz auf die Größe meines Landes, schaute auf Moskau auf, welches mir als Zentrum des Weltalls zu sein schien. Und wie groß war meine Verwunderung und meine Enttäuschung, als der rote Staat in einem Augenblick zerfiel, wie ein Kartenhäuschen.
Ich erinnere mich immer noch an eine morgens an der Bushaltestelle gehörte Phrase:
„Sind wir etwa keine Russen, oder was?“
Diese Worte wurden mit so viel Bitterkeit und Kränkung gesprochen, dass ich irgendwie diese zwei nicht mehr jungen Männer irgendwie unterstützen wollte.
Doch ich ging an ihnen vorbei. Ich bin kein guter Tröster.
Schon wieder tauchte in der Erinnerung der Artikel Solzhenicyns auf, wo er vorschlug, dass es für eine bessere Situation Russlands, gut wäre, sich von den zentralasiatischen Republiken zu befreien. Dazu kam es auch.
Es stellte sich heraus, dass „D“ überflüssig war
Am 8 September des Jahres 1992 wurde Dzhezkazgan zu Zhezkazgan. Für viele war es bis jetzt unverständlich, warum man den Buchtsabe „D“ an das ursprünglich kasachische Wort anschloss, welches übersetzt heißt „man grub das Kupfer aus.“ Wahrscheinlich wurde der Buchstabe J, in dem Vorkriegsjahr 1940 , bei der routinemäßigen Übersetzung der nationalen Grafik von Latein zu Kyrillisch zu „Dzh“
Es schien, als ob ein bedeutungsloses Ereignis geschehen sei – man hat den Namen der Stadt um einen Buchstaben verkürzt. Doch für die Bevölkerung des Kupfererz- Bezirkes wurde solch ein Wechsel zu einer Bestätigung dessen, dass die Geschichte eine Windung machte und nun roch es nach dem Geist des Imperiums der Nomaden. Manch einer packte schnell die Koffer, mit dem Vorhaben schnell zu verschwinden, bevor er stecken bleibt in den grenzenlosen, asiatischen Steppen, manch einer rieb sich fröhlich die Hände mit dem Vorgeschmack der epochalen Veränderungen, der Rest der Masse nahm eine wartende Position an.
Dzhezkazgan war eine Stadt mit russischem Gesicht, mit sowjetischem Charakter und kasachischen Wurzeln. Dass die Europäer in der Stadt vorherrschen, konnte man an den langen, quälenden Warteschlangen sehen. Die Slawen standen diszipliniert, darauf achtend, wer nach wem kam. Die Kasachen bemühten sich, so schnell wie möglich zur Theke zu kommen.Wenn sie ein bekanntes Gesicht bemerkten, stellten sie sich daneben, das damit begründend, dass sie nahe Verwandte sind. Die Menge war zurecht empört:
„Nun denn, wenn sich einer von denen in die Warteschlange stellt, beginnen sie sich zu vermehren!“
„Wenn man denen zuhört, dann sind sie alle eine große Familie!“
Abgesehen von solchen winzigen Reibungen, sind es zwei vollkommen unterschiedliche Kulturen – Asiaten – Kollektivisten und Europäer – Individualisten, kamen nicht nur gut miteinander aus, sondern bereicherten das gegenseitige Weltbild.
Kommunismus ohne Nationalitäten
Ich lege mein Examen in Politikwissenschaften ab. Die Dozentin – eine schöne, langbeinige Blondine.
„Gibt es im Kommunismus Nationalitäten?“ stellt sie eine zusätzliche Frage.
„In der Zukunft wird eine Verschmelzung aller Nationalitäten in eine einzige kommunistische Gesellschaft folgen. Alle werden die gleiche Sprache sprechen, die Menschen werden gleichberechtigt sein, die Aufteilung in Nationalitäten wird zu Ende sein,“ antworte ich flott und kassiere eine Eins.
Es gab keine Lenins mehr
Davon, dass es in der kleinen Stadt Dzezkazgan zu viele Denkmäler dem Revolutionsführer gibt, schrieb noch der bekannte Poet Jurih Grunin, und verwendete im Text das aufnahmefähige Wortgefüge „der replizierte Lenin.“ Sogar in der Morgenröte der Perestroika, als die einstigen Ideale niederstürzten, war eine solche Erklärung nicht einfach mutig, sondern blasphemisch. Doch es wird nur wenig Zeit vergehen und die zwei steinernen Standbilder des leidenschaftlichen Revolutionärs, welche die zentralen Plätze der Stadt schmücken, werden leise in der Verdeckung der Dämmerung abgebaut werden. Es gab die allmächtigen Il’ichs und dann gab es sie nicht mehr. In diesem Moment verstanden sogar die hartnäckigsten Skeptiker: Die rote Sowjetunion gibt es nicht mehr.
Die Menge und das Brot
Die Perestroika in Zhezkazgan begann mit den rapid sich leerenden Theken. Die Angst vor der Ungewissheit und dem Hunger zwang alles zu kaufen: Streichhölzer, Nudeln, Salz…
An einem nasskalten Morgen brachte man ins Geschäft zwei Container mit frisch gebackenem Brot. Die Menschen in der Menge fingen an sorgenvoll zu flüstern.
„Ich zuerst! Ich habe das Recht!“ schrie verzweifelt eine vollbusige Mutter mit einem Kind im Arm und bewegte sich zielstrebig zu den Tabletts.
Hinter ihr stürmten zwei alte Frauen, ein Bub mit einer Tasche und…es begann die Ausgabe. Die Menschen schubsten sich gegenseitig, schnappten sich gierig ein Laib Brot, dann einen weiteren.
Ein dünner, junger Auslader lief mit lautem Stöhnen in das Geschäft. Bald rannte daraus eine hochgewachsene Tante mit einer hohen, weißen Haube und kommandierte mit einer donnernden Stimme:
„Das Geld! Her mit dem Geld!“
Die Münzen fielen sofort in ihre Hände.
Die auseinanderfallende „Strickwarenfabrik“
Die Strickwarenfabrik warder Stolz des sowjetischen Dzhzkazgans. Bis heute erinnern sich die Alteingesessenen mit Vergnügen an die Erzählungen der Einheimischen daran, wie zur Zeit der Ausflüge hinter die Grenze , in den dortigen , vornehmen Boutiquen sie Zeugen wurden des Ansturms für hochwertige Strickwaren, wie sie sich in die Reihe stellten und erst nach dem Kauf der heiß begehrten, aus-heimischen Sache, auf die Etikette blickend fest stellten, dass die Ware aus der eigenen Stadt stammt.
Noch zur Sowjetzeit sah die Fabrik relativ düster und wuchtig aus Das Gebäude hatte fünf Stockwerke, eine rechteckige Form, fest umschlossen von hohen Betonplatten, auf den Backsteinwänden schwarzer Ruß, auf den Fenstern Abriegelungen. Doch ging man erst einmal hinein und stieg in eine der Werkstätten, zum Beispiel in die Nähabteilung, dann wurde der Geist abgefangen von dem Gefühl, dass er sich in einem honig- gelben Bienenkorb befand , wo in einem Arbeitsrhythmus fünfzig Frauen arbeiteten.
Die Nähmaschinen aus Italien und Japan summten leise, auf den Lesebändern lief ein ununterbrochener Strom von bunten Fitzen, Seidenkleidern mit Pünktchen, Saunamänteln, Kombinationen mit Spitze, Kinderunterhemden mit Bildern und ohne, Röcken, Blusen, Unterhosen, in der Luft lag der leichte Geruch von Kerosin, damit wurden im Eimer die Spulen getränkt, damit die Fäden nicht rissen.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion hörte man auf Garn aus Weißrussland zu liefern. Die Fabrik wurde leer. Das Gebäude versuchten mehrmals Unternehmer zu kaufen. Doch die von ihnen vorgeschlagene Summe passte dem Verkäufer nicht. Dazu kam, dass die Risse in den Wänden so weit aufgingen, dass die Backsteine begannen, einer nach dem anderen runter zu fallen.
Und nun fahren wir nach China um Strickwaren zu kaufen.
Onkelchen, wir kaufen ein Stärkeres
Es schien, als ob in den Neunzigern die Hälfte Zhzkazgans sich in einen großen, kunterbunten Markt verwandelt hätte. Man handelte fast vor jedem Laden, mit allen, was einem in die Hände kam: mit flüchtig zusammengezimmerten Kisten, mit Karren, mit Kartons, welche man im Müll fand, auf ausgewaschenen Kopftüchern von alten Frauen, welche auf der Erde ausgebreitet waren. Abgesehen davon, dass das Gehalt und die Renten nicht sofort ausgezahlt wurden und jeder dritte arbeitslos war, wurde alles verkauft: Schokoladenpralinen in buntes Papier eingewickelt, mit verlockenden Namen in lateinischer Schrift: Bounty, Snickers, Luna, Kaugummis, Würfel Hühnerbrühe, Kristall, hohe Stiefel aus den alten Lagern, von Wilderern gelieferte Tierkörper der Saiga – Antilopen.
Die aller gängigste Ware war selbstgemachter Wodka. Die Männer zeigten sich auf dem Markt, und sie erwartete aus allen Richtungen leise und verlegene Frauenrufe „Wollen sie Wodka?“ bis zu einem scherzhaft-rufenden „Onkelchen, kaufen Sie was Starkes.“
Die aller gerissensten schafften es Alkohol in ganzen Kisten zu verkaufen, die glücklosen verkauften ein oder zwei Flaschen am Tag. Zu den letzten gehörte eine Apashka von 75 Jahren. An ihrem müden, faltigen Gesicht konnte man sehen, wie peinlich es für sie war, in Konkurrenz zu den Jüngeren zu stehen.
Schön gekleidet: Mit einem Kopftuch, in einer taillierten, kasachischen Weste über dem langen Kleid mit Falten, mit der Flasche in den Händen schien sie wie ein Vorbote des routinemäßigen Ruins nationaler Pfeiler zu sein, ehrfurchtsvoll das Steppenvolk unterstützend, um die eigene nationale Identität nicht zu verlieren.
„Arak,“ von Zeit zu Zeit schüttelte sie mit der Flasche Wodka vor den Gesichtern der von der Arbeit zurück kehrenden jungen Menschen und diese liefen verwirrt von ihr weg.
Der aller flotteste von ihnen sagte der Alten:
„Apa, natürlich raten die Kasachen, Weißes zu trinken, doch die meinen Kumys, Kefir, Milch, Shubat.
Die Frau ertrug leise die Vorwürfe. Auf dem Markt hatte man Mitleid mit ihr, man flüsterte miteinander, dass die Tochter, Apashka zum Verkaufen zwingt – eine arbeitslose, alleinerziehende Mutter.
Wenn man in der Sowjetunion viel trank, mehr aus Langeweil , so nahm zu Perestroika-Zeiten die Anzahl der Alkoholiker zu. Die Menschen, welche daran gewöhnt waren in den Gewächshaus-Bedingungen des Sozialismus zu leben, wurden verwirrt, und die aller schwächsten griffen zur Flasche.
Ana tili.
Die erste Glocke der Unabhängigkeit war für mich persönlich der Aufstieg der kasachischen Sprache. Sogar für mich, den Träger der kasachischen Sprache, klang sie plötzlich neu – funkelnd, singend.
Ich erinnere mich, wie ich in den 70ern in die erste Klasse kam und kein Wort russisch kannte.
Das wichtigste Argument, mich nicht in die kasachische Schule zu schicken, sondern die Sprache der Blauäugigen zu lernen, entstand aus dem Streit meiner Oma mit dem Vorgesetzten des kommunalen Bezirkes der Tabachkova. Wir lebten damals in einem Dorf namens Akchatau, das eher einer Stadt ähnelte.
Tabachkova war empört, dass irgend eine Rentnerin zu ihr ohne Übersetzer kam und deswegen ihr Problem nicht darlegen konnte, dazu noch mit einem Antrag, welcher nicht in der Staatssprache formuliert war.
Bald war das kommunale Problem gelöst. Und ich mit einem riesigen Bund prunkvoller Dahlien stand in der Reihe der Erstklässler auf der festlichen Linie und schaute mit zitternder Sorge auf meine erste Lehrerin – Al’bina Sergeevna.
Die Großmutter erklärte den Bekannten die Wahl der Schule und sprach:
„In meinen jungen Jahren habe ich nicht auf die Worte meines Mannes gehört, dass es ohne russische Sprache nicht schwer sein wird, und nun ernte ich die Früchte meiner damaligen Faulheit. Was du auch sagst, die Russen sind eine progressive Nation, nach ihnen kommt die Zukunft. Natürlich wird sich das Kind die ersten zwei Jahre quälen, dafür wenn es die Sprache lernt, wird es nicht dumm aussehen vor solchen Menschen wie Kabashkova.“
„Apa, nicht Kabashkova, sondern Tabachkova,“ korrigiere ich jedes Mal meine liebe Oma, voller Sorge, dass sie wieder den Zorn der rothaarigen Tante aus dem ZHKO verursachen kann, diesmal für eine falsche Nennung des Nachnamens.
Und gar kein Geldberg
„Wenn ihr plötzlich hört, wie die alten Kasachen anstatt Akchatau, Akshatau sagen, dann lacht nicht. Sie haben Recht. „Aksha“ aus dem kasachischen bedeutet Geld. Als man in dieser Örtlichkeit Molybdän und Wolfram gefunden hatte und unser Dorf aufgebaut wurde. Man nannte es „Geldberg,“ weil in der Verbindung mit der neuen Entstehung des Ortes, neue Perspektiven eröffnet wurden,“ erklärte uns Drittklässlern ein Mal Al’bina Segeevna.“
Wir glaubten ihr. Dazu kam, dass unsere Klassenlehrerin unrecht hatte, als sie annahm, dass bevor man das Dorf gebaut hatte, es in dieser Gegend nur eine nackte Ebene war und kilometerweit nichts in ihrem Umkreis. Sie ließ nicht einmal den Gedanken zu, dass hier einige Jahrhunderte ein Aul war, dass hier Menschen lebten, das Vieh gehütet wurde und diese kleine Heimat wurde zu Ehren der Berge benannt, welche von der Sonne im weißen Licht schimmerten. Und das Ethnonym „Akshatau“ bedeutete weißlicher Berg.
In den 90ern, als die Perestroika zu Ende ging, wurde die Arbeit im Schacht beendet. Den Menschen war nicht nach Molybdän und Wolfram. Für Elektrizität gab es kein Geld und diese wurde ausgeschaltet. Es lief kein Wasser mehr. Aufgrund von einem Abwandern der Bevölkerung, wurden die komfortablen dreistöckigen Häuser leer, man heizte sie nicht mehr. Es blieben die, welche an dieser Erde hingen. Sie zogen in Cottages und beschäftigten sich mit dem, was ihnen Jahrhunderte lang das Überleben in der Steppe gestattete: Viehzucht.
Computerisierung
Meine Freundin wurde 1959 geboren, sie erzählte, wie ihre Enkelin sie einmal interessehalber fragte:
„Oma, welches Handy hattest du in der ersten Klasse?“
„U-u, Kleines, ich hatte nicht einmal einen Kugelschreiber, sondern schrieb mit der Feder,“ folgte die Antwort.
Das Mädchen schaute verdutzt auf die Oma.:
„Wie?! Du hattest kein Telefon?! Und welches hatten die Klassenkameraden? !
Es sah so aus als ob nur fünf Jahrzehnte vergingen, doch welcher Abgrund zwischen diesen Kindern in der Erschließung der Technologie.
Für mich begann die Computerisierung Zhezkazgans mit dem Vorfall im der Sparkasse. Es war das Ende der 90er. Zu der Zeit haben die Schalterbeamten Hefte für jeden Klienten geführt, in welche sie mit ihrer schwungvollen Schrift eintrugen, an welchem Datum des Monats, welche Summe abgehoben, welche bezahlt wurde.
Die Hefte lagen nach dem Alphabet geordnet auf Regalen, die man bequem drehen konnte. Man nennt den Namen und der Beamte dreht das Regal, findet den nötigen Buchstaben, eine oder zwei Minuten vergehen beim Suchen nach deiner Karte, hier ist vor allem wichtig eine lesbare Schrift. Manchmal musste der Beamte aufstehen, um zu einem höheren Regal zu greifen oder sich hin hocken, wenn ein tiefes Regal in Frage kam.
An den Tagen der Rentenauszahlung und anderer sozialer Zuschüsse, bildete sich immer eine lange Schlange, doch an diesem Morgen war das Foyer der Sparkasse vollgestopft. Die Computer hingen: Entweder waren die damaligen Maschinen noch nicht zuverlässig, oder die Beamten kannten sich nicht mit dem Programm aus. Die jungen Frauen riefen Programmierer zur Hilfe. Die Programmierer konnten das entstandene Problem nicht schnell genug lösen. Die Alten, mit vor Wut verzogenen Gesichtern, schrien:
„Bringt die Computer auf die Müllhalde!“
„Gebt uns die Karten zurück!“
Doch es verging nicht mal ein Monat, als die Manager und das Programm sich aufeinander abgestimmt haben. Die Rentner erkannten den Vorteil von der Schnelligkeit der Wunder-Technik.
Um etwas Neues zu zu lassen, musste man den Platz räumen und sich von dem Alten verabschieden. So geschah es auch. Die Welt ändert sich schneller, als der Mensch bereit ist, dies anzunehmen.
Zentrum und Peripherie
Irgendwann Anfang der 2000er fiel mit eine kleine Broschüre in die Augen, den Namen des Büchleins habe ich nicht mehr im Kopf, doch das dort beschriebene Thema „Zentrum und Peripherie“ beschäftigte meinen Geist. Der Sinn der Theorie bestand darin, dass Menschen sich in zwei Kategorien aufteilen: diejenigen, die sich im Zentrum befinden und jene an der Peripherie. Das bezog sich nicht nur auf die Wechselbeziehung der Menschen, sondern auf die uns umgebenden Materie.
Irgendwann einmal im Zug gestand mir eine Frau mit Bitterkeit:
„In den jungen Jahren ging ich vor der Schwiegermutter auf Zehenspitzen, nun bin ich vor der Schwiegertochter befangen, habe Angst sie zu beleidigen. Ich habe mich in ihr wieder erkannt. Soweit ich mich erinnern kann: ich gebe freiwillig die Gewinner-Positionen ab, gehe in den Schatten. Wahrscheinlich habe ich deswegen heraus gefunden, wie man sie beruhigen kann. Ich bemerkte, dass die Kasachen das zärtliche Wort „ainalajyn“ haben, mit dem sie ihre Bereitschaft ausdrücken, sich um einen Menschen zu drehen, der ihnen am Herz liegt, so demonstriert auch sie ihre Liebe zum Sohn, beschützt ihr Heim und dreht sich um seine Ehefrau.“
Die Frau nickte verständnisvoll mit dem Kopf, ihre Augen leuchteten fröhlich, als ob sie neuen Mut gesammelt hätte, als ob sie eine Rechtfertigung ihrer Befangenheit vor der jungen Hausherrin in ihrem Haus gefunden hätte.
Ich selbst schaute sie an und dachte, dass ich nun im Verhältnis zu ihr, mich in der Peripherie befinde. Ich kreise um sie herum, versuche sie zu beruhigen, und habe selbst keinen Mut, genau so vor jemandem meine Seele aus zu schütten, weil ich Angst habe, dass ich anfange zu sprechen und ich nicht verstanden werde, oder noch schlimmer, man wird sich langweilen und weg laufen wird mit irgendeiner Ausrede.
Der Ajtys, welcher nach oben ruft
Noch ein Attribut der Unabhängigkeit war für mich der Aufstieg der Ajtys – Kunst in die erste Positionen.
Mich reizt immer die Aussage: „Was ich sehe, darüber singe ich.“ Das ist eine schablonenhafte Äußerung der Menschen, die das für primitiv halten, was sich in der Ebene ihres Denkens befindet.
Das erste mal habe ich einen Ajtys live gesehen, als ich in Zhezkazgan als Journalistin arbeitete. Ca. zwei Tage befanden sich die Verehrer des Ajtys in unserer kleinen Stadt in Euphorie. Die Ajtys – Sänger der Republik, welche zum Wettbewerb kamen, haben die Erwartungen der Menschen nicht enttäuscht, denn sie demonstrierten Unterhaltung , Dramatik und das wichtigste – die kunstfertige Beherrschung des Wortes.
Als ich eine halbe Stunde vor Beginn des Ajtys den Veranstaltungsort erreichte, konnte man den Zuschauersaal des Kulturpalastes nicht mehr betreten, in den Fluren war es voller Menschen, die sich gegenseitig in den Nacken atmeten. Die Zuschauer waren bereit, fünf bis sechs Stunden zu stehen, nur um die Möglichkeit zu haben, ihre Favoriten zu hören: Rinat Zaitov, Ajbek Kaliev, Marzhan Eszhanovu, Ajnur Tursynbaeva, Ajtakyn Bulgakov, Sara Toktamysova.
Die Organisatoren haben im Foyer eine riesige Leinwand angebracht, damit sogar diejenigen, die nicht in den Saal gehen konnten, die direkte Translation der leidenschaftlichen Gesänge auf der Leinwand mit verfolgen konnten.
Nun, womit bezaubert der Ajtys? Mit den sprudelnden Emotionen der Seele mit der direkten, kunstfertigen Rede der Akyns; ihrer Gabe, als Antwort mit einem Gedicht zu kontrahieren und dabei Gelächter und Begeisterung bei den Zuschauern hervor zu rufen; mit der Energie des Saals, mit dm Durst des wahren Wortes, mit der mutigen Kritik. Denn ein echter Ajtys – Sänger blickt nicht auf Positionen, heuchelt nicht. Wenn ihn hunderte von Augen anblicken, ist er begeistert und inspiriert.
Nach der Tradition, wird jeder Vortrag mit der Begrüßung der Zuschauer begonnen, in dem man die Sehenswürdigkeiten der Stadt lobt oder berühmte Persönlichkeiten dieses Ortes nennt. Ebenso wird ein Kompliment zu Ehren der Herren und Organisatoren des Festes ausgesprochen.
Bei dem Ajtys müssen die Konkurrenten gegenseitig Fragen beantworten und Sticheleien austauschen in einer scherzenden Form.
„Wenn man den Gewichtungsfaktor betrachtet, so treten wir nie als Paar auf…“ begrüßte mit einem neckischen Lächeln der schmale Rinat Zaitov Marzhan Eszhanova, eine füllige, starke, selbstbewusste Frau.
Die Etappe Kajmyn – Ajtys verlangt eine besondere Fokussierung der Aufmerksamkeit und Improvisationstalent. Der Ajtys-Sänger, nachdem er sich mit den Herren des Ortes unterhalten hat und die örtlichen Probleme gelernt hat, muss mit geflügelten Worten die Wahrheit ausdrücken, nach welcher sich das Volk dürstet.
…Bevor man keuchend
strebt
in den Kreis der fünfzig
entwickelten Länder.
Sollten wir den fünfzig
Mittellosen Alten helfen
…wenn man einführt
Die Dreisprachigkeit
Soll eingeführt werden
Das Stammeln
…Traurig ist es deshalb
Weil Kasachstan
Manchmal erinnert
ein Auto, bei dem die Räder
sich ständig drehen,
doch nicht fahren
…Wenn das Parlament in den Händen ist
Einer einzigen Partei
Wird nach ihrem Wunsch
eine gelte Kuh abkalben…
…In den Schacht hinuntergestiegen
bin ich eines Tages
Und verstand, wie schwer es ist
An Brot zu kommen
Den Brüdern – Bergarbeitern
Den meinen.
Die Kunst eines Ajtys – Sängers besteht nicht nur darin, sehr wortgewandt zu sein und schön zu singen, es ist auch wichtig, über Artistik und Charisma zu verfügen. Damit glänzten auf der Bühne vor allem Zhansja Musina aus Oral, die die Zuschauer besonders ins Herz schlossen. Sie trat als Paar mit dem hellhaarigen Irangayp Kuzembaev aus Asatna auf, sie sang:
„E-e-e-j! Ira-angajy-y-y-yp!
Ich schaue dich an und kann nicht verstehen,
Warum du so bist
Rothaarig wie eine Orange?
Das ist besonders ungewöhnlich für Kasachen.
Wie eine Sonne hast du dich vor mir nieder gelassen
Und badest in deinen funkelnden Strahlen.
Vielleicht bist du ein Nachfahre Peter des Ersten?
Vielleicht ein lebendiger Doppelgänger
Desjenigen Goldenen Menschen?“
Und als Irangayp sich dafür interessierte, warum sie immer bei den Frauen sitzt, dann tötete Zhansja mit ihrer Antwort den ganzen Saal:
„E-e-e-j! Rotes Kostüm!
Wenn Dzhigiten mich sehen, sind sie befangen,
Keine Kraft, nur zwei Wörter zu verbinden.
Und eine Braut bin ich, bedeutend:
Die Augen schwarz, wie bei einem Kameljungen,
Die Wangen, wie Äpfel, rosa,
Die Beine gerade wie Nudelhölzer
Die Hände greifen wie ein Hammer.
Es sieht so aus als ob ich
Selbst den Dzhigit fange,
Die Kräfte reichen aus, Hauptsache er wird sich nicht widersetzen.“
Im Ajtys zeichnete wich auch unser Landsmann Tolegen Zhamanov ab. Eine intelligente, selbstbewusste Manier des Vortrages, das Können, die Situation zu beherrschen, der Kontakt mit dem Zuschauersaal brachte ihm natürlich noch extra Punkte von der Jury.
Dazu kam, dass Tolegen versucht hat die Schönheit Asem in unserer Stadt zu lassen und sie zur Heirat mit seinem Verwandten gab.
„Du fragst, ob er ein Heim hat?
Nun, bald wird man in Satpaev Häuser bauen.
Ich hoffe, der Akyn wir uns eines zuweisen.
Du fragst, welches Gehalt hat mein Bergarbeiter?
Nicht schlecht. Doch über seinem Kopf schwebt ein Kredit .
Nun, ich hoffe, dieser Umstand wird dich nicht stören.
Wer von uns hat heutzutage nicht diesen bösen Kredit?
Und wenn du heute den ersten Platz gewinnst,
Kannst du in einem Augenblick deine Schulden bezahlen,
Und dann lädst du zu dir deine Freunde ein,
Den ehrenhaften, hier sitzenden Aksakals,
Und gibst ihnen Nauryz Haut,
Diese rührend, wie Togzhan
Bietest ihnen den Kumys des großen Abajs an.
Dann geben wir dir als Geschenk ein zweistöckiges Haus,
Damit du nicht mehr zu den Gastspielen fährst,
Wir füllen ihn mit Kindern.“
Worauf ihm die junge Frau antwortete:
„Die Menschen sind freundlich, das sage ich euch,
Nur lacht nicht.
Habt nichts mit diesem Kredit zu tun.
Hier ist mein zukünftiger Schwager
Möchte den Kredit meines Bräutigams bezahlen.
Ich werde nicht verneinen. Doch ich fürchte mich, dass als Zugabe
Man mich zwingt die Hypothek zu bezahlen
Für das versprochene Haus.
Vor dem Besuch unserer Stadt, fuhren einige Ajtys-Sänger nach Frankreich, der Einladung der kasachischen Diaspora folgend. Nach dem Besuch teilte Ajnur Tursybbaeva mit uns ihre Eindrücke:
„Obwohl ich hundert Mal
auf den Eiffelturm
stieg.
Kann man dies nicht mit der Schönheit der Berge Ulytau
vergleichen…
Nun was sagt man über ein Volk, der Ajtys ist für die Kasachen – das ist Theater, dessen Szenarium auf dem Weg entsteht, gemeinsam mit den Zuschauern, welche den Ajtys – Sänger mit Lachen beleben, mit Rufen, mit Applaus, mit der Wärme der Herzen und der Energie.