Oral Arukenova: Vom November zum Nauryz

***

Der November – ein gelber Hals des Herbstes

trocknet mit der Hitze des Altweibersommers

strickt die faule Sprache

mit dem Nachgeschmack der verwelkten Schwüle

die Spinne rundlich-schwarz

bildet Kokons im Spinnennetz

ein Schmetterling flattert im Nicht-linearen

***

der Morgen der Wintersonnenwende

Spuren auf dem frisch gefallenen Schnee –

zwei Zeilen von der Außentreppe

auf der menschenleeren Straße

beschreiben sie Kurven durch den Park bis zum Fluss.

Geräuschlos fliegt ein Rabe vorbei

in der Nacht umgekehrt –

schwarz auf weiß.

Die Laternen sind aus gegangen

matt werden die Umrisse der Tannen.

Schatten schmelzen

fallen ab, verwehen

einsame Spuren

hohe schwammige Ulmen.

Es zirpt eine langschwänzige Elster

Sonne, Sonne –

schreibt leichte Nadelstiche.

***

in den Spiegel blickt eine Frau.

Eine schwimmende Kerze

wirft Schatten in sorgenvoller Stille

gebogen wie die Mondsichel.

aus den Fingern schlüpfen die Vorzeichen

Licht-Funken von beiden Seiten

umarmen den Frühling und den Herbst

mit dem matten Rahmen des Glases.

in den Spiegel blickt die Kerze.

Eine Frau mit aufgedunsenen Lidern

spiegelt sich von drei Seiten

im Gegenlicht der grazilen Flamme

die Sorge das Geknatter die Träne.

Im Ruß der blassen Kerze

der Spiegel…

Solange der Nauryz nicht statt findet

als es noch keine Halogene gab

LEDs

noch Glühbirnen Il’ichs

noch Il’ich selbst

wurde das Leben von einem Shanyrak beleuchtet

mit dem Ausgang zum Kosmos.

Als Tengri fast alles sehen konnte

geschah Schreckliches

meistens im Winter

im Spätherbst

nachts:

Jute

Krieg

Überfälle

Diebstähle –

nimm dich in acht

solange der Nauryz nicht statt findet

der Februar verstärkt die Ängste

der älteren jüngeren

der Dörfer Städte Auls

die Trauer der verflachten Flüsse

wegen der großen Fische

wegen die Atemzüge der kranken Tannen

der Karagachs

wegen der grauen Spatzen –

nimm dich in Acht.

als es noch keine Halogene gab

der energiesparenden

als Il’ich den Ruhm enteignete

bei Edison und Lodygin

geschah Schreckliches

ständig:

Festnahmen

Erschießungen

Entkulakisierung

Deportation

Golodomor.

als kein einziger Gott konnte

sogar nicht Tengri

wegen der Hoffnungslosigkeit der Decken

der tropfenden Decken

die Aruaken retteten

Flucht

Lüge

von den Zügen diejenigen die ausgestiegen sind –

nimm dich in Acht

diejenigen, welche mit den Lastwagen kamen

nimm dich in Acht

solange der Nauryz nicht statt findet

der Februar vermehrt die Ängste

der Erwachsenen, der Jungen

der Dörfer Städte und Auls

mit dem Unsterblichen

auf der Decke

wie Il’ich die Glühbirnen.

Unter der Kuppel

mit den LEDs

nimm dich in Acht

stilisiert nach dem Shanyrak

die Vertreter der Ethnien

großen und kleinen

wie es der Beamte sagt

man liest Gedichte

gute und schlechte

wie es der Klassiker sagt

über die große kleine Heimat.

meistens im Rhythmus

über die schneeweißen Berge Alataus

über die sich in den Traubenähren windenden Zweige

darüber, wie stolz die Bäche fließen

aus den Bergen des riesigen Alataus

auf die wunderschönen Straßen

des großartigen Alma-Aty.

Unter dem künstlichen Shanyrak

aus den Leuchtröhren

die Vertreter der Ethnien

lesen Gedicht vor

in der Sprache Il’ichs –

nimmt euch in Acht…

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