Talshyn Chukaeva: Dzhigida

Ich erinnere mich selbst nicht daran, warum ich auf diese Dzhigida geklettert war. Ihre Blätter waren grau-blau, und winzig die Früchte – trocken wie Fell. Doch die Dzhigida selbst ist während der Jahrhunderte so gewachsen, dass selbst ein Dutzend Jungs sich in ihrer Krone verstecken konnten.

Ich kletterte immer höher und höher, und da saß ich bereits ganz oben und hielt mich an einem Zweig fest. Ich schaute auf das Wasser. Es war grün und sah klebrig aus: Mama sagte, wenn du eintauchst, dann tauchst du nicht wieder auf. Natürlich glaubte ich der Mutter nicht.

Die Mutter ging zum Bach Wasser holen, und ließ mich auf  der Spitze der Kuppe sitzen, damit ich nirgends wohin verschwinde. Und ich stieg herab und kletterte auf die Dzhigida.

Sie dachte, dass ich Angst vor der Höhe habe. Ich habe sie angelogen, als ich keine Lust hatte die Treppe zum Büro hoch zu steigen. Das war vor fünf Jahren, und sie glaubt es immer noch. Wenn ich ihr erzähle, dass man uns in der Schule leckere Nudeln zu essen gib, wackelt sie ständig mit dem Kopf. Und die Nudeln sind lecker, sogar mit Fleisch und Tomatensauce. Ich weiß genau, was zu tun ist: Ich gehe zur Tante in der blauen Schürze und sage, dass ich hier bin für das Programm der sozialen Vorsorge. Das habe ich gut auswendig gelernt. Die Tante wird direkt freundlicher, sogar ihre Schürze wird heller. Und sie gibt mir mal Nudeln, mal Buchweizenbrei, mal noch irgend etwas.

Davon fühle ich mich irgendwie mulmig. Es wird warm im Bauch und furchtbar peinlich. Ich weiß nicht, warum .

Ja, was kann ich schon wissen? Die Lehrer sagen, ich habe kein Talent. Er wuchs bis er elf Jahre alt wurde, und hat nichts verstanden. Nun bis elf bin ich nicht gewachsen, sondern gekrabbelt: Ich wurde nicht einmal größer. Man verwechselt mich mit Drittklässlern. Und die Nase ist wie ein Knopf, und die Haare stehen in alle Richtungen, und die Augen in solch einer Mäuse – Farbe, als ob ich aus irgendeinem Loch stammte. Und ich bin ganz abgeschabt, dürr: Man hat Mitleid mit mir wenn man mich anschaut. Wahrscheinlich bin ich deswegen auf die Dzhigida geklettert, ich bin ruhiger wenn mich niemand anschaut. Nun sitze ich auf dem Baum und denke: wie weiter? Hügel wie Hügel, Weiden wie Weiden. Unser Dorf ist weit, man sieht es von hier aus nicht. Die Tochter unserer Nachbarn sagt, dass es auf der Erde ein Ort gibt, welcher Hauptstadt heißt. Wenn man in diese Hauptstadt fährt, kann man sich auf den Rand setzen und die Beine in die Schwärze des Kosmos baumeln lassen.  Ich würde sie hängen lassen. Noch besser, ich würde jemanden in diese Schwärze schubsen. Zum Beispiel einen schlitzäugigen Asiaten, welcher mich immer im Unterricht nervt.

Da sitze ich und baumele mit den Füßen und es geht mir so gut. Im See badet eine Ente. Oder sie fängt irgend etwas – man kann es nicht unterscheiden. Platsch! Sie senkt sich ins Wasser. Plumps! Sie taucht wieder nach oben. Genau: im Schnabel hat sie irgend etwas grünes. Wahrscheinlich Algen. Das haben wir in Naturkunde durch genommen.

Die Tochter der Nachbarn sagt, dass Algen –  Gespenster der Pflanzen sind. Sie sind untergetaucht und wurden zu dem was sie sind. Und wenn man in diesen See eintaucht, dann werden dich die Gespenster um-flechten und dich mit auf den Seegrund ziehen, und dann wirst du grün und faltig werden. Wir, die Tochter des Nachbarn, sie heißt Alina, und ich steckten einmal die Hand in den Eimer Wasser und saßen so eine ganze Stunde. Und als wir diese raus holten, waren unsere Finger derart  faltig…bei mir war es schlimmer, doch Alina bestand darauf, dass sie gewonnen hatte. Also war ich einverstanden. Dafür habe ich danach ein Stück Brot mit Johannisbeermarmelade bekommen. Das ist so lecker: Zuerst lecke ich den Sirup ab, und dann beginne ich die Beeren zu essen, und diese platze auf den Zähnen und in ihnen ist Sirup.

Was für eine Schönheit. Ein Windlein weht. Die Blätter flüstern irgend etwas und ich höre hin.

Sie haben, so meine ich von Gästen gesprochen. Mama redet immer über Gäste, fällt eine Gabel hin, so kommt jemand. Wenn ein Teeblatt schwimmt, dann kommt jemand. Und dann sitzen wir ewig, aufgeplustert wie Spatzen und warten auf denjenigen. Unser Haus ist klein, nur zwei Zimmer. Ich sage Mama ständig, dass die Gäste nicht rein passen; und sie antwortet, dass ich draußen schlafen soll.

„Duman!“ rief Mutter. „Du bist ja wieder zurück.“

Ich lehnte mich an den Zweig und versteckte mich soweit ich konnte mit dem Laub. Ich erinnere mich nicht, warum. Ich wollte nicht nach Hause gehen. Vielleicht wegen des Unterrichts, vielleicht wegen der stickigen Luft. Mama liebt es mich fest zu umarmen wenn sie schläft.

„Duman! Wo bist du?!“

Heute ist Dienstag, und dienstags essen wir Reis. Reis mit Tomatensauce – das schlimmste was ich je gegessen habe, doch Mama gibt mir immer einen halben Teller. Sie sagt, dass ich erwachsen werde, doch ich weiß: ohne Fleisch wir man nicht erwachsen. Und Fleisch gibt es bei uns selten, selbst die herunter gefallenen Gabeln locken es nicht an.

„Duman, es ist Zeit, nach hause zu gehen!“

Ich will nicht nach hause gehen. Was soll man da tun? Von einem in das andere Zimmer gehen, und dann wieder zurück – das ist das ganze Vergnügen. Einmal hatten wir einen kleinen, schwarz-weißen Fernseher, doch der ist kaputt gegangen: Das Bild wurde von Streifen unterbrochen direkt in der Mitte der Serie „Zerda“. Etwas langweiligeres habe ich nicht gesehen und Mutter verbrachte jeden Abend vor dem Fernseher. Und ihre Augen leuchteten an solchen Abenden besonders fröhlich.

„Duman, wenn du jetzt nicht auftauchst, werde ich alleine gehen!“

Die Dzhigida war so groß, dass Mutter nicht einmal daran dachte, mich darin zu suchen. Sie schaute nur hindurch, bemerkte nichts und wackelte mit dem Kopf. Von oben sah sie ganz klein aus in ihrem roten Kopftuch, mit der Flasche Brunnenwasser in ihren Händen.

Sie tat mir leid, und ich wollte hinab steigen, doch erschrak ich plötzlich. Ich verstand selbst nicht, wie hoch ich geklettert war. Der Zweig, auf welchen ich vor einer halben Stunde kletterte, schien nun glatt und unsicher zu sein.

In meinem Bauch bildetet sich ein Haufen Sorge. Ich bewegte mich – und der Haufen explodierte: Ich zitterte mit dem ganzen Körper und hielt mich am Zweig fest. Nein, ich konnte nicht herunter klettern.

Es blieb mir nur noch, peinlich, die Mutter zu rufen. Ich hätte es getan, doch sie begann plötzlich zu schimpfen.

„Ich finde dich und peitsche dich aus!  Verdammter Junge! Wozu habe ich dich geboren? Keine Hilfe, kein Mitleid von dir. Sitzt tagelang im Hof und spielst mit Mädchen. Und ich, um dich zu ernähren, arbeite…Arbeite, arbeite…Wo bist du nur hin verschwunden? Wohin soll ich mich verstecken?

Die Mutter stellte die Flasche auf die Erde ab und lehnte sich an den Baumstamm. Es schien, als ob Dzhigida ihr allein etwas zuflüsterte. Vielleicht beruhigte sie sie. Ich kann nie jemanden beruhigen: Eines Tages fing das Nachbarmädchen an zu weinen und ich saß einfach neben ihr, darauf wartend, dass sie mir vorschlägt weiter zu spielen.

Ich berührte einen der kleinen Zweige und dieser brach.

Die Mutter hob direkt den Kopf.

„Duman!“

Sie sah mich noch nicht, doch ahnte sie, dass ich oben sitze. Während Mutter mich suchte, versuchte ich zum Laub zu klettern, doch schaffte ich es nicht.

„Man soll dich… Ich werde dich gleich…Worauf bist du nur gekletter?“

Sie ging immer weiter und weiter weg, ohne den Kopf zu senken. Die Sonne schlug ihr in die Augen, deswegen konnte sie mich nicht finden. Und ich saß da und hatte Angst zu atmen.

Mir schien, als ob in diesem Augenblick, die Zeit beschloss den Lauf zu verändern.Aus fließendem wurde sie zäh, wie dickflüssige Marmelade. Und im dieser Marmelade bewegte sich alles langsam: Meine Hände, Mama, das Laub, die Schafe auf den Hügel…

Die Mutter ging bis zum Abhang, suchte mich immer noch und machte einen Schritt zurück. Sie fiel schrecklich langsam. Doch auch ich bewegte mich langsam und hörte nicht mal den eigenen Schrei. Das Wort blieb in der Marmeladen-Zeit stecken: „Mama!“ Mir kam es vor, als ob der Zweig gebrochen war und ich der Mutter folgend, in diesen grünen See fliege und dann zappeln wir gemeinsam, umwickelt von den Gespenstern der Pflanzen.

„Duman! Zum Teufel, wie lange müssen wir hier noch abhängen?!“

Ich blickte mich, ohne zu verstehen, um. Der selbe Zweig. Der selbe Baum, das selbe grüne, trübe Wasser.

„Nanu!“

Unter dem Baum stand eine dünne, kleine Frau. Nach ein paar Sekunden erkannte ich meine Ehefrau in ihr, und nach einer Minute kehrte ich in die gewohnte Welt zurück. Die Zeit verging wie gewohnt: ohne eine faule Zähflüssigkeit von dem Löffel fließender Marmelade.

Ich kletterte zitternd herunter. Auf der Erde, so schien mir, war alles so prosaisch, dass ich fast anfing zu lachen.

„Was hast du da gemacht?“

„Nichts, Alina. Ich erinnerte mich.“

Sie nahm aus der Tasche ein paar Feuchttücher und reichte mir eines.

„Du hast überall Kratzer. Man hätte dich stoppen sollen.“

„Ich trocknete meine Handflächen ab. Ihre Härte erinnerte mich daran, dass ich schon dreißig Jahre alt bin; bin doch gewachsen und nicht gekrabbelt, doch im Schatten dieser Dzhigida war ich immer noch so, grau –  äugig und unscheinbar.

„Und wenn du mich nicht gerufen hättest…“

Alina grinste,

„Hast du etwa gedöst?“

„Nein…“

Ich konnte keine Worte finden. Auf der Erde war alles anders, doch oben, in der Umarmung des Laubs, könnte ich so viel reden wie ich wollte.

„Verstehst du, das war nicht einfach nur eine Erinnerung…Ich war ich selbst. Das heißt, ich kehrte zurück in die Kindheit. An jenem Tag…Und wusste nicht einmal, was später sein wird: ich saß einfach auf dem Baum.“

Alina nickte mitleidig. Jetzt konnte ich ihr nicht mehr jenes alte Spiel anbieten „wessen Finger schneller Falten bekommen.“

„Ich wäre der Mutter hinter her gerannt, verstehst du? Hättest du mich nicht gerufen, wäre ich ihr hinter her gelaufen und hätte sie gerettet…Damals hatte ich schreckliche Angst, doch jetzt nicht…“

Die falschen Worte. Andere hatte ich nicht, ich senkte schuldbewusst den Kopf, als ob ich eine Straftat zugab.

Anna kam zu mir und umarmte mich.

„Ich wiederhole bereits zwanzig Jahre: Du bist unschuldig.“

„Ja,“ ich war einverstanden, „doch hättest du mich nicht abgelenkt…Verstehst du, es bleib nicht mehr viel übrig. Die Zeit erstarrte. Wie Marmelade. Vielleicht hätte ich es gekonnt…Ich wäre herunter gespungen und ihr hinter her gelaufen… Denn ich rief um Hilfe, doch das reichte nicht aus, keiner schaffte es zu mir zu kommen. Doch wenn…“

Ich verstummte und drückte mich mit der Stirn in ihre Schulter. Die Augen waren halb geschlossen und es schien, als ob ich in zwei Welten gleichzeitig existierte: an mir vorbei schwammen die Wolken und die Erinnerungen. Das rote Kopftuch schimmerte nervig. Ich zitterte und schaute mich um, die Flasche Wasser suchend, doch unter der Dzhigida lag winziger Müll: Zigaretten, zusammengeknüllte Servierten, Fetzen von Tüten.

„Das war es,“ Alina riss sich los und wischte mit der Hand über das Gesicht. „Ich hätte nicht hier her kommen sollen.  Und dieser Psychologe mit seinen Gestalten.

„Nein,“ sagte ich, „Es war alles gut, bis du mich abgelenkt hast.“

Sie blickte gereizt auf.

„Du saßt da anderthalb Stunden. Und starrtest die ganze Zeit auf einen Punkt, wie ein Blödian. Was hätte ich tun sollen?!

Ich wedelte mit der Hand. Sie verstand nicht. Sie versuchte nicht einmal zu verstehen.

Wir gingen zum Auto. Zuerst hielt sich Alina auf Distanz, doch ich selbst näherte mich ihr und nahm ihre Hand. Wir gingen und alles löste sich auf: meine arme Kindheit, die soziale Absicherung, das rote Kopftuch der Mutter, ihr enttäuschtes Schimpfen – ihr Versuch, mich zu locken, oder einfach ein leeres Beleidigt-sein…Ich wuchs heran, wurde stärker, das Dürre verschwand und bei dem Auto war ich wieder ich selbst. Doch machte man einen Schritt zur Dzhigida – hätte ich zurück kehren können zu diesem Augenblick, in meine barfüßigen, einfachen, trostlosen elf Jahre.

Ich blickte zum letzten Mal in die raschelnde Krone und stieg ins Auto

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