In der Kindheit war ich davon überzeugt, dass alle Katjas sich aufteilen in schlechte und gute. Gute – das sind meine Cousine, die Eiskunstläuferin Gordeeva und die Großmutter vom Markt, welche die besten Piroggen mit Pilzen macht. Zu den schlechten Katjas in meiner Bekanntschaft zählt nur eine – Samohina, die ich in der Gruppe „Schwalbe“ des Kindergartens traf. Von da an begann der Verdacht zu den Trägerinnen dieses wunderbaren Namens, relativ häufig.
Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt. Ich erwarte keine Tricks mehr mit Grießbrei in Form von Klumpen, und Breie kommen bei mir äußerst selten vor. Ich gieße einen starken Kaffee in meinen Organismus und antworte auf die elektronische Korrespondenz. Das Büro wimmelt von schläfrigen Kollegen. Aus einem monotonen Summen dringt eine dünne Stimme hindurch:
„Guten Tag, der Manager aus dem Personalbüro hat mich zu euch geschickt, das ist doch die Plan-Abteilung?
Ein langer Bob, dunkle Augen, eine Höckernase.
„Arkaij Jur’evich ist heute spät dran,“ antworte ich und denke mir dabei: „…wie an jedem anderen Tag“, „Sie können erst einmal sitzen bleiben und in unserem Portfolio blättern.“
Ich weiß nicht, warum das Weltall es nötig hatte, das karmische Soll mit dem Kredit gerade jetzt zusammen zu führen, doch in dem Moment, als wir offiziell einander vorgestellt wurden, war ich davon überzeugt, dass sie Katja heißt, sie ist nicht meine Cousine, fährt keine Schlittschuhe und kann wohl kaum Piroggen mit Pilzen braten.
Nach den Erzählungen meiner Mutter, habe ich im Kindergarten nie geweint, ging immer brav schlafen und aß das Mittagessen immer ganz auf. Für meine einmalige Problemlosigkeit, hat das pädagogische Personal meines Kindergartens, mich am Wettbewerb der Stadt „Miss Herbst“ teilnehmen lassen. Die Eltern flüsterten: „Das ist eine seltene Chance,“ ich selbst nahm es als Bestrafung wahr.
Der Rahmen des Herbstballs in unserer Stadt konnte man mit der Eurovision vergleichen. Er fand mit Schwung statt und beinhaltete tägliche Proben. Bei den Elternteilen der Teilnehmer fand ein Kampf statt. Meine Mutter blieb natürlich nicht zurück: sie nähte mir aus ihrer alten Bluse ein Kleid, richtete Lockenwickler aus alten Zeitungen auf und Verbänden, und ein paar Tage vor dem Herbstball brachte sie den Organisatoren eine Schachtel Pralinen.
Es kam der Tag X. Mein Gesicht war geschminkt mit blauem Lidschatten und Rouge. Die Erzieher wunderten sich: „Unsere Malvina“, doch aus dem Spiegel blickte mich ein trauriger Clown an. Die Zeit des Kunstwettbewerbs nahte heran. Ich stand hinter den Kulissen und wiederholte zitternd den Text „Waldelch,“ als auf meinem Kleid plötzlich ein dunkler Fleck süßen Tees auftauchte. Die eiserne Tasse fiel geräuschvoll auf den Boden. Katja Samohina starrte mich an und blinzelte mit den Wimpern. Sie wollte was sagen, doch meine Hände bewegten sich zu ihrer Schleife. Wir fuhren fort, einander zu schubsen, bis wir uns zusammen auf der Bühne wieder fanden. Soll man erwähnen, dass den Titel „Miss Herbst“ keine von uns beiden bekommen hat?
Katja wurde mir zugeteilt. Unser Direktor Arkadij Jur’evich kündigte mir festlich an, dass dies eine seltenes Chance sei, meine Führungsqualitäten zu entwickeln. Und obwohl Katja sich als schlaue, junge Frau präsentierte und mir super dabei half, die Quartalsabrechnung aufzugraben, gab ich sie zum Ende ihres Praktikums mit Freude an das Personal ab, mit lobenden Oden.
Donnerstag. Das Ende des Arbeitstages. Arkadij Jur’evich bittet mich, für eine Minute zu ihm zu kommen.
„Sie haben mich gerufen?“
„Setzen Sie sich bitte.“
Er legt irgendwelche Papiere in die Schublade.
„HR-Beauftragte, wie ich einer bin, lasen Ihren Personalbogen und beschlossen, Katharina in unsere Abteilung aufzunehmen. Im letzten Jahr hatten wir mehr Projekte, deswegen wird ein Mensch mehr nicht überflüssig sein. Und Sie werden es einfacher haben.“
Ich nicke zufrieden.
„Nur mit dem Budget haben wir falsch kalkuliert,“ er schaut Richtung Fenster. „Wir haben lange nachgedacht, wie wir vorgehen sollen und beschlossen das Gehalt für die Mitarbeiter um zu denken.“
„Meinen Sie, kürzen?“ Ich glotzte ihn an und klimperte mit den Wimpern.
„Ich verstehe,“ Arkadij Jur’evich breitete die Arme aus, „Machen Sie sich keine Sorgen, das ist nur vorübergehend. Nach dem Neuen Jahr werden wir uns etwas ausdenken.“
So erfuhr ich, dass alle Arkadijs sich aufteilen in gute, wie zum Beispiel der berühmte Schriftsteller Gaidar, und schlechte, so wie unser Jur’evich.
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