Ihm gefiel es nicht, wenn eine fremde Frau in seinem Haus herumwirtschaftet. Sie bemerkte es nicht: sie war ganz strubbelig, trug seit dem Morgen den Staubsauger von Zimmer zu Zimmer und schlurfte widerwärtig mit ihren Filz – Hausschuhen auf dem hölzernen Parkett. Das einzige was ihr wahrscheinlich gelang, war das Kochen.
Er stocherte lange in seinem Gedächtnis, an die Erinnerungen daran, wann sie aufgetaucht war, doch der Klumpen mit den nötigen Details entwich verräterisch, je näher er dem Ganzen kam. Er schaute auf ihre dünnen Arme, auf den frischen Kratzer unter dem Ellenbogen und dachte: „Sozialarbeiterin? Nachbarin? Krankenschwester? Denkt sich, sie kann mich beeindrucken mit ihrer Sorge? Ha!“
Der letzte Gedanke amüsierte ihn besonders, doch sich daran zu erinnern, aus welcher Organisation sie stammte, konnte er nicht, und hat er sie danach gefragt?
Vor dem Fenster schneite es, weiß und flockig. Die glitzernden Flocken bedeckten mit einem weißen Laken den Hof, und die Menschen beeilten sich mit sorgenvollen Wellen, um die letzten Käufe zu machen in diesem Jahr. Gar nicht so lange her, konnte er sich nicht vorstellen , dass es ohne Arbeit langweilig war. Die Zeit zog sich entlang der geräuschvollen Fließbändern und Leih-Schlitten.
Er rieb sich mit der Hand die dünnen, blassen Beine, so als ob er daran zweifeln würde, dass sie zu ihm gehören. Der Schmerz näherte sich mit scharfen Klingen immer weiter von den krummen Knien bis zu den Fußknöchel.
Er hörte Geräusche aus dem Flur.
„Es reicht mit den Geräuschen!“ murmelte er gereizt, hielt eine kurze Pause und fragte interessiert: „Hat Lida angerufen?“
„Hat sie,“ ihre Stimme erklang zusammen mit dem Klopfen der Schubladen.“
„Sie hat dich grüßen lassen, fragte, ob du die Medizin rechtzeitig einnimmst.“
„Kommt sie in den Ferien?“ fragte er als er die Blister mit den bunten Tabletten heraus nahm.
„Keine Ahnung,“ antwortete sie verwirrt.
Seitdem die Mutter Lida ans Meer mitgenommen hatte, konnten sie sich nicht mehr so häufig sehen. Und bei diesen seltenen Treffen, schien sein Kopf ganz leer zu sein, sodass er sie außer über die Schule über nichts mehr ausfragte.
Am Abend erwachte er in einer leeren Wohnung. „Die Aufpasserin ist weg!“ Er wurde fröhlich, erwärmte das Wasser für den Kaffee, nahm den aufbewahrten Kognak heraus und ließ eilends das Wodkaglas fallen. Er schaute aus dem Fenster und fing an zu lachen.
Der Nachbar, welcher auf dem Spielplatz parkte, bekam noch eine bissige Botschaft auf der Motorhaube, diesmal eine begrüßende. In den Fenstern gegenüber ging das Licht an und Schatten flimmerten, ihm schien, als seinen diese von glücklichen Menschen. Er beobachtete eilig den Hof, doch so sehr er sich bemühte die Figur Lidkas zu materialisieren, in ihrem Fellmantel, sie erschien nicht. Dann beschloss er, sie anzurufen, doch eine näselnde Stimme am anderen Ende der Leitung bestätigte sofort: „Herr, wir haben hier keine Lidas, die hier arbeiten geschweige denn leben. Das hier ist ein Geschäft.“ Er schaute verwirrt auf die bekannte Kombination der Ziffern und schimpfte.
Seine Aufpasserin kam spät. Das vom Frost gerötete Gesicht schaute aus der Tiefe einer Fellkapuze heraus. In ihren Händen hielt sie Tüten mit irgendwelchen raschelnden Verpackungen, Schachteln und ein flaumiger Tannenbaum.
Es war einfach den Hausherren zu finden – seinen heißeren, gleichmäßigen Atem hörte man im ganzen Flur. Sie brachte geräuschlos , auf Zehenspitzen die kleine Grüne in sein Zimmer. Sie warf unakkurat eine Girlande auf den Baum und begann irgend etwas im Schrank zu suchen.
Die Erinnerung der schwarz-weißen Aufnahmen war zuversichtlicher, menschlicher. Neujahr des Jahres 92. Der Vater wollte gerade in den Laden gehen, als ein Väterchen Frost mit verdächtig bekannten Augen erschien. Erster September 95. Der Vater vergaß einen Blumenstrauß zu kaufen und man beschloss der Lehrerin einen Globus zu schenken. Sie blätterte Seite nach Seite um, gerade so Schritt haltend mit den Teilen des glänzenden Papiers, welche die verlorenen Fragmente der Erinnerungen auf nötige Regale legten.
„Lida, Töchterchen,“ rief er sie sehr leise.
Ihre Augen weiteten sich, sie lief zu seinem Bett und schrie wie ein Kind:
„Papa, mein Papa hat es nicht vergessen!“
Bunte Lichtflecke tanzten in der Tiefe seiner Falten. Das strubbelige Haar stand zu allen Seiten.
„Meine Lida, Schönheit ist gekommen. Wie läuft die Schule? Hast du sie abgeschlossen?
„Schon längst, Papa, ich habe sogar zwei Universitäten abgeschlossen!“
Er lachte und fragte sie wie gewohnt nichts mehr. In seinem Kopf vermischte sich plötzlich alles: Das Gesicht Lidkas, so erwachsen, das Licht der Girlanden und der Geruch der Tanne.
Am Morgen lösten sich die Schatten von den gegenüberliegenden Fenstern auf. Der Schnee bedeckte die schlafenden Pappeln und Birken, und der Rest des Feiertags leuchtete auf den weißen Hügeln mit buntem Müll.
Er mochte es nicht, wie diese fremde Frau in seinem Haus wirtschaftet, doch in ihren abrupten Bewegungen war irgend etwas vertrautes, ohne welches seine Seele traurig wurde. Er vergaß die ganze Zeit, woher sie kam, nannte sie mal Schwester, mal Krankenwärterin, doch sie, so schien es, bemerkte das alles nicht und schlurfte geschäftig mit den Filz-Hausschuhen, sich von einem in das andere Zimmer bewegend.