Oksana, Anja und Marijka freundeten sich schon in der ersten Klasse an. Marijka und Anja saßen an einem Schultisch – hier konnte man gar nicht anders als befreundet zu sein. Und Oksana lebte in der Nachbarschaft mit Anja und sie gingen immer zusammen zurück. Alles im allen fügte sich alles gut zusammen. Nur zu schade, dass man am Tisch nicht zu dritt sitzen kann. Doch die Mädchen hielten sich immer zusammen auf in der Mensa oder der Aula während der Festlichkeiten. Und wenn sie mit der Klasse ins Puppentheater gingen, setzten sie sich auch nebeneinander.
„Am Mittwoch haben wir keinen Unterricht,“ sagte Julia Andrejevna, ohne den Blick von der Zeitschrift abzuwenden. „Wir haben…Subbotnik“
„Warum Subbotnik nicht an einem Samstag? Und warum nennt man den Subbotnik am Mittwoch nicht Mittwochnik?“ interessierte sich Azamat und riss sich von Dimka los, der an ihm hing.
Julia Andrejevna hob den Kopf und lächelte.
„Wirklich,“ sie war einverstanden, „Es ist unlogisch. Ich werde beim Direktor nachfragen.
Sie lachte leise und ihr nach lachte die ganze Klasse 2 B.
„Was zerrst du immer an mit?“ Azamat warf sich beleidigt auf Dimka.
„Warum kommst du immer mit deinen Fragen?“ flüsterte Dimka nicht weniger beleidigt.
Anja und Marijka drehten sich um und zischten die Jungs an.
„Was zischen die hier so,“ ärgerte sich Azamt, doch Dimka antwortete nicht und deshalb hat Azamat sich beruhigt.
Julia Andrejevna stand auf und begann etwas auf die Tafel zu schreiben.
„Schreibt in eurer Hausaufgabenheft, damit die Eltern es nicht vergessen für euch einfache Kleidung, einen Besen und zwei Lumpen mitzugeben.“
„Große Lumpen?“ rief Dimka von seinem Platz aus.
„Du stellst selbst blöde Fragen,“ flüsterte ihm Azamat ins Ohr zu.
„Nein, nicht so große Lumpen. Solche, mit welchen ihr zuhause die Tische wischt. Wir werden die Schulbänke sauber machen,“ antwortete Julia Andrejevna.
„Frag noch, ob der Besen groß sein soll,“ flüsterte wieder Azamat.
„Abiev, möchtest du auch etwas fragen?“ Julia Andrejevna blickte ihn an.
„Nein-nein, entschuldigen Sie.“
„Sein Mund geht einfach nicht zu,“ kicherten Marijka und Anja.
Azamat machte eine Grimasse und ärgerte Marijka.
Am Mittwoch versammelte sich die ganze Klasse bei dem Eingang vor der Schule. Es war nicht nur die 2 B, sondern die ganze Grundschule. Das erste Quartal ging zu Ende und der Direktor der Schule wollte diese mit Sauberkeit beenden, denn fünf zweite Klassen wurden von dem Unterricht befreit.
Julia Andrejevna teilte die Schüler in Sektoren ein: Anja, Oksana und Azmat sollten Tische waschen, Igor, Marijka und Dima sollten den Vorgarten der Schule fegen.
„Warum geht mein Mund nicht zu?“ fragte Azamat interessiert.
„Was bist du nachtragend,“ sagte Anja. Azamat wrang den Schwamm aus und begann mit der rauen Seite die Aufschrift „Roma“ von dem Tisch zu wischen.
„Ich bin nicht nachtragend. Ich bin neugierig, warum die Freunde so über mich denken,“
„Sind wir etwa Freunde?“ geriet Oksana in Verlegeneheit.
„Warum nicht?“ wunderte sich Azamat und wurde plötzlich böse: „Warum fegt dieser Roma dort, wo ich nicht war und keinen Dreck hinterließ, und ich wische sein Kunstwerk weg!“
„Das ist ungerecht,“ war Anja einverstanden. Und sie streute etwas Soda auf die Aufschrift. „So sollte es schneller abgehen.“
„Oh, danke!“ freute sich Azamat. „Schau mal, wir sich wirklich Freunde!“
„Ich habe mal meine Mutter reden gehört, dass es zwischen Männern und Frauen keine Freundschaften gibt,“ sagte Anja.
„Nun, die Mutter hat wahrscheinlich Recht. Doch wir sind keine Männer und Frauen. Wir sind Zweitklässler. Ich denke, wir können befreundet sein. Es gibt Freundschaften zwischen uns,“ sagte Azamat selbstsicher.
Er sah, wie Oksana den Eimer mit Wasser hob, rannte zu ihr und nahm ihr diesen ab.
„Ich werde es selbst umtauschen,“ sagte er wichtig, „Ich bin schließlich ein Junge. Auch wenn ich nur ein Zweitklässler bin.“
Die Mädchen hatten nun Respekt vor Azamat.
„Und mit Dimka und Igor‘ sind wir auch Freunde?“ Anja wurde rot.
„Natürlich!“
Die Kinder waren bald fertig mit den schmutzigen Tischen, wuschen die Tafel mit einem sauberen Lappen und Wasser. Azamat wusch auch die Schuhe und die Fensterbank mit dem gleichen Lappen. Und während er am waschen war, nahm Oksana Brote und eine Flasche Kompott heraus.
Julia Andrejevna entdeckte sie am Tisch, wie sie fröhlich quatschten und Krümmel von den Broten auf den Boden fallen ließen.
„Ihr seid super,“ lächelte sie. „Habt alles gewaschen, gegessen und euch angefreundet.“
„Wir waren schon immer befreundet,“ sagte Azamat mit vollem Mund.
Mit den Fäusten winkt man nicht
Azamat suchte ein Talent. Er stand vor dem Spiegel und beobachtete sich genau von den Füßen bis zum Kopf. Wo kann das Talent sein? Singen konnte Azamat nicht. Wobei, wahrscheinlich schon, doch er hat es nicht ausprobiert. Tanzen auch nicht. Das im Kindergarten zählt nicht dazu. Seiner Meinung nach war er damals viel zu jung und konnte dem Druck der Erzieher nicht widerstehen. Sportliche Errungenschaften hatte er auch keine. Wie Sport selbst.
„Vielleicht sollte ich meine Eltern fragen, mich zum Sport zu schicken,“ dachte er.
In vier Tagen begann in seiner Klasse ein Talent-Wettbewerb. Die Schüler der 2 B bereiteten sich vor und Azamat machte sich gar keine Sorgen. Irgendein Talent wird er schon finden. Seine Eltern und Brüder quälten ihn mit Fragen, was er denn beim Wettbewerb zeigen wird. Azamat schwieg vieldeutig.
„Was wirst du zeigen?“ er rief Dimka an.
„Ich werde einen Zauberwürfel zusammenfügen,“ antwortete der Freund.
„Und Igor‘? Wahrscheinlich Piroggen essen?“
„Ich habe ihn nicht gefragt,“ Dimka verstand den Witz nicht. „Es soll eine Überraschung werden.“
„Dann wird es auch bei mir eine Überraschung sein,“ beschloss Azamat.
„Erzählst du es mir?“
„Wenn ich selbst wüsste, welche…Ok, machs gut. Wir sehen uns morgen,“ der Junge legte auf.
„Eine Überraschung – das ist schon einfacher. Vielleicht kommt das Talent zu mir wie eine Überraschung,“ dachte Azamat.
Doch das Talent kam nicht. Der Junge wurde immer nervöser und als der Morgen des Wettbewerbs kam, wollte er sogar so tun, als ob er krank sei. Doch er vergaß es und hüpfte zum Frühstück. Die Eltern zogen ihn festlich an, küssten ihn und versprachen zum Wettbewerb zu kommen.
„Ich werde mich vor der Klasse und vor den Eltern blamieren.“Azamat machte sich Sorgen. Die Mutter Azamats liebte es darüber Witze zu machen, dass Azamat oft zu lange vor dem Fernseher sitzt, und nichts um sich herum bemerkt. Doch Trickfilme beim Wettbewerb einzuschalten würde ihm niemand erlauben. Doch er war sich sicher, dass sinnlose Talente auch zählen.
Im Klassenraum war es laut. Alle interessierten sich für die gegenseitigen Talente. Jeder wollte talentierter als die anderen sein. Und zum Azamat lief Marijka:
„Oh, wie festlich du gekleidet bist. Mit einer Fliege,“ sie nahm ihn an der Hand, „lass uns gehen. Da sind alle unsrigen. Nur alle schweigen darüber, was sie vorbereitet haben,“ Marijka machte eine Grimasse. „Intriganten.“
„Und du schweigst nicht?“ fragte Azamat interessiert.
„Ich habe einen Salat mit dem Schnäuzchen eines Tigers vorbereitet. Oben sind Möhren und Eier wie Streifen und Butter-Augen.“
„Und die Schnurrhaare?“
„Grüne Zwiebeln.“ Marika lächelte.
„Ist der Salat auch ein Talent?“ der Junge kniff die Augen zusammen.
„Natürlich, versuche mal selbst die aller schönste Schnauze eines Tigers zu machen. Das wird schwerer sein als ein gemaltes Bild!“ Das Mädchen nickte selbstsicher und Azamat war einverstanden.
Dimka, Igor‘, Anja und Oksana warteten auf sie in der Ecke des Klassenraumes. Alle ruhig und zufrieden. Talentiert. Azamat machte sich solche Sorgen, dass er sogar dazu bereit war, nicht am Wettbewerb teil zu nehmen. Doch er hoffte, dass eine Talent-Überraschung von alleine komme wird.
Der Klassenraum füllte sich mit Eltern. Diese näherten sich den Kindern, richteten den Mädchen die Haare, den Jungs die Krawatten, küssten die Kinder auf die Wangen. Sie gaben ihnen ein vertrautes Gefühl – Auch Azamats Eltern kamen zu ihm – fröhlich und begeistert.
„Warum träumen die Eltern nur von Talenten?“ dachte Azamat traurig.
Und dann ging es los. Dimka zeigte, wie schnell er den Rubikon zusammenbauen kann, alle klatschten.
Dann sangen Dascha und Asel‘ im Duett, nach ihnen tanzten Artur und Ksenja einen Tango. Na und? Sie besuchen schon seit dem Kindergarten den Tanzunterricht. Oksana zeigte ihre Zeichnungen – ein Portrait der Mutter, ein Stillleben mit Äpfeln und Vase, ein Kätzchen mit einem buschigen Schwanz. Anja trug ein Gedicht vor, welches sie selbst gedichtet hat. Igor‘, von dem Azamat ein Talent erwartet hatte, welches mit Essen zusammen hängt, zeigte eine gymnastische Übung. Oha! Er ist also ein Sportler. Marijka gab allen Salat zu essen. Eine andere Klassenkameradin hatte ebenfalls was zu Essen vorbereitet – Kekse. Azamat war sich sicher, dass ihre Oma diese gebacken hat.
Und der Junge wurde immer verunsicherter – er war bald an der Reihe, doch ein Talent wollte ihm nicht einfallen.
„Lasst uns für Azamat applaudieren. Er beendet unseren Wettbewerb!“ sprach Julia Andrejevna und Azamat ging zur Tafel, darüber grübelnd, wie er diesen doofen Wettbewerb beenden kann.
Er hob die Nase, schaute auf das Publikum. Da erinnerte er sich an etwas und hatte sich entschieden.
„Könnt ihr so etwas?“ schrie er.
Und er steckte sich seine Faust in den Mund.
Alle schwiegen. Es sah so aus, als ob das niemand konnte.