Alexandr Mendybaev Zugzwang

Am allermeisten auf der Welt liebte sie salzigen Fisch und Schach. Mitten in der Nacht konnte sie aus dem Kühlschrank ein riesiges Rotauge herausnehmen, dieses in Fetzen zerreißen und vor der nächsten Partie verspeisen.

Sie spielte wie besessen: mit zwei Computern und einem Notebook, sie installierte auch das Spiel auf dem Tablet, auf dem Handy und sogar auf dem Fernseher. Überall im Haus waren Schachbretter verteilt mit bunten Schachfiguren: schwarze, weiße, rote, blaue, grüne, violette und sogar durchsichtige. Die Figuren waren aus Knochen, Plastik, Holz, Metall, Onyx und aus Bergkristall. Es gab auch seltene Sets: aus Bronze, Gold, Kristall und echten Rubinen.

Das Magnet-Brett mit blau-weißen Figuren –  eine Partie gegen den Spieler aus Siettle . Bronzene, schwerem römische Legionäre – das Spiel mit der Französin, Champion der eigenen Heimatstadt.

Nachdem sie einen Zug gemacht hatte, streichelte sie liebevoll die Bauern, richtete sorgsam die Türme, wischte mit Spiritus die Läufer. Ohne diese Prozedur, würde die Schacharmee schon längst nach Fisch riechen.

Wir trafen uns zufällig. Ich brachte Rada ein Päckchen. Ich klingelte an der Tür, es machte eine junge Frau auf mit einer Stupsnase und leicht auseinander stehenden Augen. Sie erkannte mich sofort.

„Du bist doch Vadim?“

„Ja, ja, Vadim. Ich habe Ihnen ein Päckchen…“

„Erinnerst du dich nicht an mich? Radmila. Valeras Schwester.“

Als Rada noch ein Kind war, fuhr ich sie im Kinderwagen. Und eines Tages beschloss ich Valerka damit zu fahren. Das Rad ging bereits bei der ersten Kurve kaputt. Traurig und feierlich trug ich den kaputten Kinderwagen. Valerka ging hinter mir. Er hob den Kopf, damit das Blut aus der Nase das Unterhemd mit den Füchsen nicht beschmutzte.

Als ihre Familie weg zog, lief ich hinter dem Lastwagen, kaum die Tränen verbergend. Valerka saß auf der Reisetasche. Er hielt mit seinen Knien eine Topf mit einem Fikus fest. Einmal zerstörten wir mit den Schraubenziehern die ganzen Wurzeln, um ihn nicht mehr zu gießen. Leider hat der Fikus es überlebt. Und es tat uns wirklich um die Schraubenzieher leid, die die Großmutter uns weg genommen hatte. Ein Sonnenfleck von dem riesigen Spiegel blendete mich und ich krachte gegen einen Laternenpfeil. Der Umzug Valerkas war die erste, wirkliche Tragödie in meinem Leben. Und dann lebten wir uns irgendwie auseinander

„Radochka, hallo, wie geht es dir? Du bist erwachsen geworden. Wie alt warst du als wir weg gezogen sind? Neun?“

„Zehn.“

Sie lud mich zu sich in die Wohnung ein. Da sah ich zum ersten Mal diese Schach-Welt.

„Das gibt es doch nicht. Die Zeit fliegt. Wie geht es Valera?“

„Valera ist tot, er hat sich aufgehängt.“

Das Päckchen fiel mir aus den Händen.

„Vorsichtig! Das Brett ist sehr fragil. Elfenbein.“

Rada begann das Päckchen aus zu packen und nahm wunderschöne Schachfiguren heraus von milchig-kastanienbrauner Farbe. 

„Du hast sie zerstört! Schau dir den Deckel an! Du hast sie zerstört!“

Die Wangen Radas färbten sich rot und die Nase begann zu zittern, so als ob sie gleich losweinen würde. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich sprach irgendetwas über die Firma, die den Schaden ersetzen wird, ich schob es auf die schlechte Bezahlung.

Rada schrie, weinte und kaute hysterisch an ihren Fingernägeln.

„Radochka, meine Liebe, ich werde alles zurück zahlen. Ich verspreche es dir. Wie viel kosten sie?“

Ich nahm das Brett in die Hand und verstand, dass ein kastanienbraunes, langes Haar auf der Oberfläche klebte. Ich entfernte dieses und reichte das Brett Rada. Sie griff geizig in das Schachspiel, bedeckte den Finger mit Spucke und begann das Brett zu polieren. Nachdem sie bemerkte, dass alles in Ordnung war, wurde sie augenblicklich blass und warf sich mir um den Hals.

„Wir spielen mit dir eine Runde. Jetzt sofort.“

Sie begann beige und braune Figuren auf zu stellen. Mit einem Soliden Ton nahmen die Schachfiguren ihren Platz auf dem Brett ein. Ich nahm einen der Türme. Die für ihre Größe schwere Figur wäre beinahe aus meinen Händen gerutscht. Eine angenehme Kühle des natürlichen Steins. Rada nahm mir den Turm weg und stellte diesen in die Position H8.

„Du bist an der Reihe,“

„Radochka, Liebes, verzeih, doch ich muss schnell los.Ich habe noch so viele Bestellungen.“

„Brauchst du Geld?“

Ich war es gewohnt mit „ja“ auf diese Frage zu antworten, doch in Wirklichkeit kannte ich die Antwort nicht. Wahrscheinlich gehört das Geld denen, die damit umgehen können. Ich hatte es nie, ich gab mein ganzes Gehalt an die Eltern ab.

„Ich werde gekündigt werden.“

„Dann ist es halt so, wie viel zahlen sie dir?“

Ich nannte eine Ziffer.

„In Dollar“

„Vierhundert. Nein, fünfhundert Dollar. Wenn man die Bonusse mitzählt, dann…“

Sie ging zum Schränkchen. Unter der Bettwäsche nahm sie ein Päckchen Scheine heraus und reichte mir dieses.

„Ich habe zuhause nie viel da. Hier, nimm. Ich werde dir tausend Dollar im Monat zahlen.“

„Und ich?“

„Du wirst mich zum Supermarkt begleiten, und…

„Aufräumen?“

„Wofür? Das Essen bringt man mir aus den Restaurants, zum Aufräumen kommt die Nachbarin von oben, das Geschirr benutze ich kaum.“

Sie flüsterte mir etwas ins Ohr, ich wurde etwas rot.

„Radmila, du bist doch die Schwester meines Freundes.“

„Ja und? Verstehst du, mir ist es irgendwie egal. Doch die Ärzte sagten, dass jede Anstrengung zu sehr vom Schach ablenkt.“

Ich zählte das Geld. Es war etwas mehr als anderthalb Tausend. Es reicht für drei Monate. Dann nehme ich das Geld. Was habe ich zu verlieren? Als Bote bin ich gut zu haben.

„Bist du einverstanden?“

Ich dachte, dass sie über die Arbeit spricht und nickte schnell mit dem Kopf.

Rada zog plötzlich ihre Kleidung aus. Ich war verdutzt.

„Beeile dich und ziehe dich schnell aus.“

Man beachtete meine mangelnde Erfahrung und ich wurde verwirrt. Doch Rada machte alles selbst. Ich lag noch im Bett, als sie nackt aufsprang und zum Computer huschte.

„Entschuldige, ich habe gerade ein Spiel. In dieser Welt gibt es wenig gebührende Gegner. Man darf die Gelegenheit nicht verpassen.“

Während sie spielte, betrachtete ich die Bücherregale. Darin war nichts, außer Schach-Lehrbücher, Anleitungen für das Schachspiel, Sammlungen von Debuts, Aufgabenbücher, Kollektionen von Endspielen, Mittelspielen und Biografien bekannter Schachmeister.

Rada kehrte wieder zurück zu mir.

„Verloren. Der Champion Tschechiens, wenn er nicht lügt. Ich brauche mehr. Lege dich hin.“

Ich wollte gerade nach einem Präservativ fragen, doch Rada kümmerte sich nicht um solche Kleinigkeiten.

„Schützt du dich? Vor Schwangerschaft?“

„Ist es notwendig?“

„Nun, eigentlich, ich…“

Rada schaute mich an, krümmte vor Verwunderung die linke Augenbraue und widmete sich dann wieder ihren Schachbrettern. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich zog mich an und ging zum cremefarbenen Schachbrett, welches ich heute mitgebracht hatte. Rada näherte sich mir, blickte die Figuren an und fragte:

„Warum haben wir nicht gespielt?“

„Ich weiß es nicht. Wir haben uns wohl abgelenkt.“

„Warum haben wir nicht gespielt? Warum! Warum!!“

Sie stampfe mit den Füßen, ihre Wangen färbten sich rot. Um sie abzulenken, machte ich einen Gang mit der Königin. Ihre Augen bewegten sich schnell, der Blick sprang von Figur zu Figur. Auf der Stirn sammelten sich Schweißperlen. Sie spielte ausgezeichnet. Sie brachte mich in eine Sackgasse und blockierte die günstigen Kombinationen. Ich war sicher, dass ich verlieren werde. Rada bemerkte mein schwaches Spiel und hörte auf mit dem Blick hin und her zu laufen.

„Welche Rangliste hast du?“

Ich antwortete, dass auf chess.vom meine Rangliste etwas über Tausend ist.

„Nur?“

„Ja.“

„Das ist sehr schwach. Ich dachte…“

Sie lächelte. Und ich erinnerte mich daran, wie ich mit ihr die erste Partie gespielt hatte. Das war auf Valerkas Geburtstag. Dreizehn Jahre. Wir feierten dieses Ereignis und rauchten sogar auf dem Dach, und dann erbrachen wir auf dem Dachboden mit Taubendaunen. Zuhause erwartete und ein reich gedeckter Tisch. Nachdem wir und Salat auf die Teller legten, warfen wir uns auf das Brathähnchen und die Pelmeni.

„Vadimka, weißt du, dass wir Radachka für das Schachspiel angemeldet haben?“

Ich konnte nicht antworten, weil mein Mund voll war mit Hühnerfleisch. Valerka zog ebenfalls das Hähnchen den Pelmeni vor und wollte bereits den zweiten Hühnerschenkel essen.

„Wir baten deinen Vater, sie in seine Gruppe auf zu nehmen, doch dieser sagte, warum auch immer, ab.“

Der Vater trainierte die zukünftigen Champions, junge Talente, deren Eltern sie aus allen Teilen der Sowjetunion zu ihm brachten. Mich zählte er nicht als Spieler, das Schachspiel hat mir die Großmutter beigebracht.

„Ef fagte ef fei pät“

„Was?“

Ich kaute und wiederholte:

„Er sagte, es sei spät.“

„Spät? Warum spät? Sie ist gerade mal sieben Jahre alt.“

Ich sagte nichts. Bei dem Vater in der Gruppe gab es Vierjährige. Ein paar Mal ärgerten Valerka und ich sie. Ein Brillenträger hatte sich beschwert, seitdem war uns der Eintritt in die Schach-Sektion versperrt.

„Vadimka, spiele doch mit Radochka. Vielleicht kannst du später Vater davon erzählen…“

Ich wollte nicht spielen, doch das Schachbrett hatte man schon gebracht.  Die Verwandten versammelten sich im Kreis und ich wusste genau, wen sie vorziehen würden. Der Vater machte mir bewusst, dass aus mir nie ein Botvinnik, Tal oder Kasparov werden wird. Doch mich blamieren, indem ich gegen ein siebenjähriges Kind verliere, wollte ich nicht.

Vor Schreck zog ich mich zurück, in der Annahme, länger durch zu halten, damit niemand das Matt in drei Zügen bemerkt. Ich verstand sogar nicht, dass ich gewonnen hatte. Rada kam in die Falle. Irgendjemand bemerkte, dass Matt war und alle begannen sich zu wundern, doch nachdem sie sich überzeugt haben, war es notwendig, mich als den Gewinner an zu erkennen. Vor Anstrengung lachte ich wie ein Pferd. Rada weinte und biss hysterisch ihre Mutter.

***

Ich schaute wieder auf das Schachbrett. Die Lage war schwierig. Rada nahm meine Figuren vom Brett wie Kartoffelkäfer.

„Wie kann man nur so dumme Fehler machen? Ich habe noch nie solch mittelmäßigen Spieler getroffen.“

Ich lächelte.

„Das ist wahr. Weißt du nicht, wie ich in der Kindheit gegen dich gewonnen habe?“

Rada wurde wieder rot. Die Nase zitterte, als ob sie irgendetwas ekliges gerochen hatte. Zuerst dachte ich, dass Rada mir zublinzelt, doch sie fiel auf den Boden und begann sich im Zimmer hin und her zur rollen, zu schreien und sich die Wangen zu kratzen. Rada begann wie ein Wurm zu kriechen und schaffte es sogar, mich auf die Wange zu beißen. Ich band sie mit Pullover und Handtüchern fest und rief den Krankenwagen. Rada meckerte und heulte mit dem Knebel im Mund. Ich streichelte ihren Kopf, doch das reizte sie sehr. Soll ich gehen? Wenn Rada etwas zustößt, werde ich der erste Verdächtigte sein. Ermordet. Und nicht einfach ermordet, sondern missbraucht vor dem Tod. Das wird die erste Expertise feststellen.

Die Ärzte wussten Bescheid und waren nicht zum ersten Mal hier. Man schickte immer das gleiche Team zu ihr, der Sanitäter erzählte mir das und nahm das Medikament heraus aus der Schublade. Eine dicke Ärztin nahm eine Spritze und setzte sich auf die Knie vor Rada.

„Radochka, Kindchen. Beruhige dich, es ist alles gut.“

Man gab Rada eine Spritze und befreite sie von der Fesselung.

„Sie hatte Glück, dass Sie hier waren. Wir wollen sie schon lange in die Krankenstation aufnehmen. Doch es gibt nicht genug Gründe. Bürokratie, welche Gründe sollen da sein, wenn es in der Familie

zwei Suizide gab.

„Wer?“

„Die Mutter und der Sohn.“

„Und der Vater?“

„Er ist schon lange tot. Und die Großmutter auch. Radka ist nun alleine – in ihren vier Zimmern.“

***

Als die Ärzte gingen, klapperte Rada noch lange mit den Zähnen, als ob sie fröstelte. Tee lehnte sie ab und bat mich, ihr Fisch zu bringen. Sie aß und schlief ein und als sie wieder wach wurde, zog sie sich aus und begab sich schwankend ins Badezimmer. Vor Sorge, sie könnte auf den Kachelboden fallen, begleitete ich sie. Rada saß in der Hocke und ließ das Duschwasser auf sich laufen. Auf den Wangen lief Wimperntusche. Nach dem Duschen aß Rada zwei riesige Seebrassen und machte das Schachspiel auf dem Computer an. Ich bewunderte die Manier ihres Spiels. Ich beobachtete oft Virtuosen im Netz. Rada spielte viel besser. Als ich auf die Reihenfolge blickte, war ich sehr verdutzt. Sie spielte nur mit wirklichen Meistern. Hier gab es auch Preis-Partien. Nach meiner schlichten Rechnung, schaffte sie es, nicht weniger als anderthalb Tausend Doller am Tag zu gewinnen. Nachdem sie zu Ende gespielt hatte, bat sie mich auch um ein Spiel. Ich wusste, dass es keinen Zweck hatte, doch setzte mich vor das Schachbrett, um sie nicht zu verärgern. Ich weiß nicht, was mit ihr geschah. Vielleicht unterwarf sie sich. Doch als sie verloren hatte, weinte sie bis zum Abend. Man brachte Essen aus dem Restaurant. Wir aßen gemeinsam. Rada schnappte sich das Rotauge und nahm mich mit zum Schachbrett.

„Spielen wir noch eine Runde?“

„Wirst du auch nicht verärgert sein?“

***

Ich blieb bei Rada. Wir spielen kein Schach mehr. Rada darf jetzt nur nicht nervös werden. Abends gehen wir im Park spazieren. Auf dem Weg nach hause kaufen wir immer frisches Obst.

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