Weiß
Andrjuscha nahm den Lappen von der Stirn der Mutter weg – der Stoff war fast trocken – er tunkte diesen in den Eimer mit Brunnenwasser, faltete ihn sorgfältig und legte ihn wieder zurück auf die Stirn. Die Mutter öffnete die Augen, nahm in an der Hand und versuchte vom Bett auf zu stehen.
„Weiß…Die Blume ist weiß!“ röchelte die Mutter und hustete schwer.
„Mama, leg dich hin! Leg dich hin meine Gute! Gleich wird die Großmutter Agaf’ja die Blume bringen! Doch du leg dich bitte hin!“
Die Frau ließ sich auf das Bett fallen, machte die Augen zu und atmete schwer. Andrej biss sich auf die Lippen. Die schiefe Fichtentür quietschte und die Hütte betrat die Alte mit einem grauen Umhang. Um ihre Taille waren Bunde von Gräsern und Blumen befestigt, in der Hütte roch es sofort nach Wermut und Thymian. Die Alte schleppte in das Haus eine verrostete Hundekette und ließ sie vor der Tür fallen.
„Bittet sie?“ fragte sie leise Andrej und begann in ihrer Tasche zu kramen, welche über ihrer Schulter hing.
Andrej lief zum Tisch, neben welchem die Alte Agafja stand, schaute in die Tasche und antwortete:
„Ja, sie bittet…“
Die Alte nahm eine Papiertüte mit Blutflecken darauf und warf diese auf den Tisch. Aus der Tüte fiel ein Stück Rinderleber.
„Bring mir die Knute, Söhnchen.“
Andrej lief sofort auf den Hof. Die Alte setzte sich schwerfällig auf die Bank. An der Wand der Hütte, bedeckt mit einem Pelz, hustete die Mutter und sagte wieder:
„Weiß…eine weiße Blume.“
„Ich weiß, Teure, ich weiß…“ flüsterte die alte Agafja und atmete auf. Ich habe alle weißen Blümchen ausprobiert, habe überall danach gesucht…es blieb nur noch eines.“
Die Hütte betrat der keuchende Andrej. Er schaute erschrocken auf die Mutter, ging zur Alten und zeigte ihr die Knute, mit welcher er das Vieh antrieb.
„Das wird gehen,“ sie schaute Andrej direkt in die Augen. Wendete lange den Blick nicht ab. Dann lächelte sie, streichelte mit der Hand seine schwarzen Haare und sagte:
„Nun wiederholen wir es noch ein mal, Söhnchen…Du gehst in den Wald. Am Rand des Waldes wartest du ab, bis sich der Mond fünf Handflächen von der Erde erhebt. Du schmeißt dann die Leber auf das Gras und drehst dich um, um ihn nicht zu verschrecken…In der rechten Hand halte die Kette, in der linken Hand die Knute.
Agafja nahm Andrej die Knute ab und wedelte damit durch die Luft.
„Halt es gut fest…Dann sage die Wörter auf, welche ich dir beigebracht habe. Wiederhole sie.
Andrej schluckte und flüsterte:
„Waldgeist, Waldgeist! Ich bin ein Wanderer. Habe nichts da, was ich mit dir teilen kann – nur eine Rinderleber. Nimm alle Sorgen weg, komm her – koste es!“
„Gut,“ Agafja reichte Andrej die Knute, „Dann warte ab. Sobald du hörst, dass jemand isst, drehe dich um! Egal wen du siehst, schau ihm in die Augen und wende deinen Blick nicht ab! Wenn du ihn abwendest, bist du verloren, Andrjuscha! Sobald er sich auf dich wirft, schlag ihm mit der Knute auf die Augen! Sobald er die Augen versteckt, wirf ihm die Kette um den Hals, und hör nicht auf, ihn zu schlagen! Er wird dich tragen, und du halt die Kette fest, lass sie nicht aus deinen Händen! Und schlag ihn mit der Knute, schlag, lass die Kette nicht los! Und dort, wo sie zerreißt…wo sie zerreißt, dort wächst auch die Blume. Suche den Rückweg mit der Hilfe des Mondes – die Fürstin wird dich aus dem Wald begleiten.
Von der Wand kam ein schwaches Stöhnen. Agafja stand auf, gab Andrej die Papiertüte mit der Leber und ging zur Tür. Andrej folgte ihr. Die Alte hob die Kette vom Boden auf und hängte diese auf Andrejs Schulter.
„Nun geh, Andrjuscha,“ sie nahm seinen kleinen Kopf in ihre warmen Hände, welche nach Gräsern rochen und küsste seine Stirn,“ „Möge dich Gott beschützen!“
Andrej schaute sich um, blickte auf die Mutter und ging heraus auf den Hof. Er steckte die Papiertüte ein, nahm die Knute in die rechte Hand und die Kette in die linke und ging zum Wald, welcher finster da stand am Rande des Feldes. Über dem Feld ging der Mond auf.
Am Waldrand konnte man jeden Grashalm sehen – der Mond schien hell. Auf der Tanne schrie die Eule. Andrej streckte die Hand vor sich aus und begann sie in der Luft zu verschieben – eins, zwei, drei, vier, fünf. Über welche Handflächen sprach die alte Agafja? Über ihre oder über seine? Ihre Handflächen sind etwas breiter…sollte man vielleicht etwas abwarten? Die Eule warf sich laut vom Baum, flog über die Wiese und setzte sich auf eine andere Tanne. Andrej stand da, ohne sich zu bewegen – er horchte in den Wald hinein. Es war Zeit.
Er nahm die Papiertüte, nahm die Leber heraus und warf diese auf das Gras. Er wischte die Hände am Papier ab, knüllte dieses zusammen und steckte es in die Hosentasche. Dann hob er die Knute auf und die Kette, hielt sie fest, wie es die Alte ihm beigebracht hat – die Knute in der linken, die Kette in der rechten Hand. Er atmete auf, schaute sich um. Es war Zeit. Andrej drehte sich von dem Platz um, wohin er die Leber geworfen hatte und sprach laut:
„Waldgeist, Waldgeist! Ich bin ein Wanderer. Habe nichts, was ich mit dir teilen kann – nur eine Rinderleber. Nimm alle Sorgen weg, komm her – koste es!“
Die Eule warf sich erschrocken vom Zweig und verschwand in der Dunkelheit. Durch den Wald ging ein leichter Wind – das Gras am Waldrand raschelte das Gras, beugte zur Erde schwere Staubwedel und beruhigte sich wieder, indem es sich aufrichtete.
Andrejs Fäuste waren betäubt. Er erinnerte sich daran, wie die Mutter ihm Märchen über den Waldgeist und die Kikimora erzählte, wie sie Menschen im Wald schaden – diese erschrecken, ihnen „Hallo“ zurufen, sie in das Dickicht locken…Helfen können sie natürlich auch, sie zeigen dir den Weg, führen dich zu der Lichtung mit den Pilzen …doch sie helfen nur guten Menschen – denjenigen, die den Wald und seine Bewohner respektieren…
Ein Zweig knirschte. Andrej erstarrte. Stille. Plötzlich zischte hinter ihm jemand und begann zu schmatzen. Im Inneren Andrejs begann sich alles um zu drehen – der Körper war wie erstarrt und wollte nicht hören. Im Kopf erklang die Stimme der Mutter: „Weiß…eine weiße Blume.“ Er machte die Händen zu Fäusten und drehte sich um.
Vor ihm, im Mondlicht, stand ein riesiges, gehörntes Wesen auf zwei Beinen. Es schien, als ob er ganz mit Moos bedeckt war. Die Hände ähnelten krummen Flieder-zweigen, er hielt die Leber fest und schaute direkt auf Andrej.
Andrej blickte in seine leuchtenden, gelben Augen und hob die Knute über seinen Kopf. Das Wesen ließ die Hände fallen, knurrte und warf sich nach vorne. Andrej holte aus und schlug mit aller Kraft auf seine Augen. Der Riese ließ die Leber fallen, stöhnte laut und wankte zurück, Andrej machte auch eine Schritt zurück, doch sprang plötzlich auf und wedelte mit der rechten Hand durch die Luft – die schwere Kette umschlang ein paar Mal den Hals des Waldgeistes. Er streckte sich, stöhnte wehleidig und lief in den Wald. Andrej folgte ihm.
Die Zweige klatschten auf seine Wangen, zerkratzten die Haut und zerrissen die Kleidung. Einige Male fiel Andej auf die feuchte, kalte Erde, doch er sprang sofort auf und lief dem Waldgeist hinterher, ohne damit auf zu hören, diesen mit der Knute auf seinen felligen Rücken zu schlagen. Der Waldgeist lockte ihn immer tiefer in den Wald – riesige, schwarze Stämme funkelten einer nach dem anderen in dem blassen Mondlicht. Die Kette rutschte aus den Händen. Amdrej schaute auf seine rechte Handfläche – diese war voller Blut. Das Herz klopfte direkt neben dem Hals. Durchhalten! Man muss durchhalten! Er stolperte auf einem Stein und fiel auf die Erde. Der Waldgeist schleppte ihn weiter den Rollweg entlang. Andrej verlor die Knute und umfasste die Kette mit beiden Händen. Die Augen wurden von einem roten Laken verdeckt. Das Hemd war an den Schultern zerrissen und kleine Steinchen bohrten sich bis zum Fleisch in seine Haut. Mama…ich lasse ihn nicht los, Mama. Und plötzlich ertönte ein Schrei, so als ob jemand laut mit der Zunge schnalzte. Andrej wuchs in die Erde hinein – die Kette war zerrissen. Das Geräusch in seinen Ohren störte ihn dabei hinzu horchen, was drumherum geschah. Doch im Umkreis war es still. Er hob den Kopf und schaute sich um – niemand da, der Waldgeist war verschwunden. Rechts von ihm, zwischen den Farnen, funkelte irgendetwas weiß.
Amdrej stand mit Mühe auf und ging wankend bis zu den hohen Büschen. In die Nase fuhr ein süßes Aroma. Vor ihm, auf einem hohen Halm leuchtete eine weiße Blume. Andrej streckte langsam die Hand aus und pflückte diese.
Der Wald begann sich zu bewegen. Vögel schrien, schlugen mit den Flügeln. Die Bäume stöhnten und bewegten die Zweige. Amdrej warf sich zurück und fand sich
vor einem blassen Frauengesicht wieder – dieses lachte und verschwand. Ein Zweig schnappte ihn an der Schulter. Andrej fing an zu schreien und ein weiterer Zeig klatschte ihm gegen die Stirn. Er schaute hoch und sah den Mond, welcher sich schon zum Untergehen neigte. Ihm hinterher! Führe mich raus, Fürstin! Andrej drückte die Blume an die Brust, bewegte sich mit Wattebeinen aus dem Wald heraus. Drumherum kreischten, lachten, schnappten sie seine Füße und sein Haar.Das Frauengesicht tauchte mal in der Ferne auf, mal vor seiner Nase und lachte mit einem unmenschlichen Lachen. Andrej lief, lief, so schnell er konnte, hob manchmal den Kopf und suchte den runden Mond, den Retter. Da sah man schon das Feld im Sonnenaufgang! Und hinter dem Feld war ihre Hütte! Noch ein bisschen.Und plötzlich wuchs vor Andrej ein riesiger Schatten und zwei gelbe Punkte leuchteten in der Ferne. Das war der Waldgeist. Er schnappte Andrej an der Kehle mit seinen krummen Fingern, nahm ihm die Blume weg und warf den Jungen auf die Seite. Das Letzte, was Andrej sah, war ein breiter Rücken, welcher im Dickicht verschwand.
Er wachte bei Sonnenaufgang auf, schaute sich um und fing an zu weinen – eine weiße Blume konnte man nirgends sehen. Er hinkte und ging über das Feld. Die Hände und die Kleidung waren voller Blut. Jeder Knochen tat ihm weh, doch Andrej bemerkte nicht den Schmerz. Er weinte und wischte sich die Tränen mit dem zerrissenen Ärmel weg. Er kreuzte den Hof, öffnete die schwere Tür der Hütte und blieb auf der Treppe stehen.
Die alte Agafja, welche bei der Mutter saß, wedelte mit den Händen und lief zu ihm.
„Alte…ich konnte nicht…ich konnte sie nicht festhalten!“ Andrej weinte in ihren warmen Umhang, welcher nach Wermut und Thymian roch.
„Leise, mein Lieber…leise….es wird alles gut,“ beruhigte ihn Agafja und drückte den Jungen leicht an sich.
Andrej trocknete seine tränen und ging vorsichtig zum Bett, in dem die Mutter lag. Er setzte sich auf den Rand. Sie atmete selten, mit Mühe. Er nahm den Lappen von ihrer Stirn. Der Stoff war fast trocken . Die Mutter öffnete die Augen und schaute ihn lange an, als ob sie ihn nicht erkennen würde. Doch dann hob sie die schwere Hand, streichelte seine Haare und flüsterte:
„Weiß…mein weißes Blümchen…!
Andrej bis sich auf die Lippen, ging zum Eimer mit dem Wasser, um den Lappen wieder zu befeuchten, doch wich sofort zurück. Er schaute auf die alte Agafja, welche immer noch im Türrahmen stand, auf seine Hände , und beugte sich wieder leise über den Eimer – daraus blickte ihn ein Junge an mit einem weißen-weißen Kopf.