Das Perlhuhn

Tolibzhon Junusov, Übersetzung aus dem Russischen von der Online-Zeitschrift daktil.kz

Gewidmet an Nazarenko Maria Andreevna, meine Schullehrerin in Russischer Sprache und Literatur

Der Frühling in diesem Jahr fiel ungewöhnlich regnerisch aus. Für ein Land mit einem so warmen Klima, einer riesigen Anzahl nicht befeuchteter und trockener Bergregionen ist Regen ein Geschenk Gottes, welches vom Himmel fällt. Man hat das Gefühl, dass das ausgetrocknete, wüste Land wieder belebt wird, zuerst langsam und dann bedeckt es sich stürmisch mir Grün.

Der Anblick der sich öffnenden Tulpen und anderer Blumen, welche zerstreut sind auf mehreren Hektar Land,verzaubert einen. Den Pflanzen, wie aus der Erde, folgen eine große Vielfalt an Lebendigem: Schlangen, die in der Phase der Begattung sind, Schildkröten mit traurigen Augen, faule Warane, die mit ihrem Äußeren erschrecken und die verschiedensten Vögel. Die Vögel kommen in großen Scharen, nehmen Platz auf den Zweigen und beginnen zu singen. Sie singen laut und im Chor. Man hat den Eindruck, dass im Parlament der Vögel, heiße Debatten zu einer äußerst wichtigen Frage abgehalten werden.Nur möchte nicht ein Senator, dem anderen zuhören, alle reden gleichzeitig. An Regentagen ruhen sich die Parlamentarier aus. Diese ganze Landschaft ergänzen die Sammler von Arzneipflanzen, Hirten mit der Herde von Ziegen und Schafen und Touristen. Obwohl das Wetter warm ist, haben sie Winterschuhe an, um von den Schlangen verschont zu werden.

Die Stadtmärkte füllen sich mit essbaren Pflanzen. Der Frühling streckt mal seine Arme auf, alle mit seinen Gaben beschenkend, mal runzelt er seine Brauen und schickt Hagel, Regen und Donner.

„Bist du etwa betrunken?“ fragte ich sie. Die Örtlichkeit wurde von einem Blitz erhellt, und nach einer kurzen Pause donnerte es. Das Ungewöhnliche an dem ganzen war, dass ich meinen vierundsechzigsten Frühling empfing. In diesem Alter werden die Arbeiter der staatlichen Organisationen in Rente geschickt. Ich arbeitete in einem Büro und unterstützte Bauprojekte, es war nicht schwer, vorherzusagen, dass mich eine Rente von ungefähr siebenhundert Somoni erwartete.

Ich dachte, man habe mich vergessen, doch da wurde ich in die Hauptstadt eingeladen, in die Stadt Duschambe, in das Hauptbüro. Man gratulierte mir und gab mir zu essen. Versammelt war die Leitung  – ca. zehn Menschen. Man wünschte mir Gesundheit und ein langes Leben. Die Sekretärin der Leitung brachte Nelken, die schön eingepackt waren in durchsichtige Folie und einen Briefumschlag…und man gab mir zu verstehen, dass ich gekündigt wurde. Das sei die Staatsorganisation und es gehöre sich so. Im Briefumschlag lag die Nachricht mit meiner Kündigung und meiner Pensionierung, mit der Unterschrift des Leiters Abdulla-zade und tausend Somoni als Abschiedsgeschenk.  Das sind ca. hundert Dollar. Sozusagen zur Abfindung. In meinem Inneren brodelte es. Habe ich etwa jemanden gestört? Ich war gerade beim Aufgang meiner Kräfte. Es gab kein Thema im Bau, in dem ich mich nicht auskannte. Hauptsache, es wird Ihnen nicht so ergehen!

Mit den Jahren erlernst du die Fertigkeiten, die eigenen Gefühle zu beherrschen und das Geschehene wie von der Seite zu betrachten. Ich dankte für die Aufmerksamkeit, lächelte und sagte, man habe mich gerührt. Es war wirklich rührend, irgendwo tief im Inneren. Irgendetwas vergeht, der Kopf wird grau, die Zähne fallen aus, am Abend fühlt man die Müdigkeit, auf der Liebesfront geschieht auch nicht viel, bei meinen Versuchen, es endet nicht immer mit einem Sieg, und hier gab man mir zu verstehen, dass du bald am Ende angekommen bist. Du bist auf die finale Gerade gekommen. Die Glückwünsche klangen wie eine Grabrede.

Das Essen wie ein Leichenschmaus. Blumen? Möglich, dass diese mein Grab schmücken werden. Die Vorzeichen, dass es zu ende geht, sagte eine innere Stimme. Ja-ja, ich nickte unauffällig mit dem Kopf, nur der Briefumschlag wird fehlen.

Nach zwei Wochen rief mich Abdulla-zade an, grüßte irgendwie schuldbewusst, sagte, dass eine ausländische Baufirma einen gebildeten Ingenieur suche, das Alter sei egal. Man gab ihm deine Telefonnummer. So wurde ich von Ausländern eingestellt. Man zahlte mir um einiges mehr als Abdullaev. Es ist nicht alles schlecht, was ein schlechtes Ende hat.

Das Hauptbüro der Firma befand sich in der Stadt Duschanbe, ca. 130 Kilometer vom Bauprojekt entfernt, jeden Montag fand eine Versammlung statt. Das Büro befand sich in einem gemieteten, Zweietagenhaus mit einem Grundstück von ca. tausend Quadratmeter. Die Planung wurde professionell durchgeführt: Büros, sanitäre Anlagen, Badezimmer, Küche, Speisesaal, eine Abdeckung für die Autos, ein Flur, grüne Zone, Bäume und Bürgersteige.

Dieser ganzen Landschaft gaben zwei Perlhühner Lebendigkeit unter dem Treppenlauf. Sie hatten keine Extra-Behausungen. Den Anblick der Vögel nicht zu genießen, war nicht möglich.

Sie stolzierten frei auf dem Hof. Die Vögel stammen aus Afrika Im sechzehnten Jahrhundert emigrierten sie über Europa nach Russland und über Arabien nach Zentralasien. die Mehrheit der Kenner gibt eine gute Note für die geschmackliche Qualität dieser Vögel, und den Vitaminen in ihren Eiern. Doch die aller bemerkenswerte Fähigkeit ist ihr Gesang. Diese Vögel, von zweieinhalb Kilogramm Gewicht , können unwahrscheinlich laut und ungewöhnlich singen. Charakteristisch für sie ist auch die Ängstlichkeit. Wenn sie einen Fremden auf dem Flur bemerken, schreien sie laut. Das macht sie zu exotischen Wächtern von Häusern, und manchmal von Schlössern, da wo es kein Hundegebell gibt. Ihr schönes Äußeres und ihr Gesang wurden geschätzt, daher auch der Name – Perlhuhn, was im russischen „zarenhaft“ übersetzt heißt. In Zentralasien nannte man diesen Vogel „sultanisch.“

Montags, vor dem Meeting, nahm ich ein Beutel mit Korn, Reis oder irgendetwas anderes, um die Vögel zu füttern. Warum sind sie aus Afrika emigriert? Möglich, dass sie versuchten ihren afrikanischen Herren zu gefallen, landeten sie trotzdem im Suppentopf.

Warum eigentlich migrieren alle Lebewesen? Betrachtet man die Geschichte, dann waren Adam und Eva die ersten Migranten. Weil sich der Mensch auf der ganzen Erde vermehrte, kann man den Schluss ziehen, dass es nur wenige gab, die nicht migriert sind. Interessant, dass nicht nur Menschen migrieren, sondern auch Tiere, Vögel, Fische. Schaut auf die Birken und horcht hin in der Zeit des Windes. Millionen von Blätter rauschen gleichzeitig und wünschen sich abzufallen und den Platz zu verändern. Und das gelingt ihnen.  Wenn nicht im Frühjahr, dann im Herbst zur Zeit des Laubfalls. Es scheint, als ob die Bäume ihre Wurzeln tief schlugen, wie soll man den Platz tauschen? Doch sie migrieren! Mit der Hilfe von Vögeln, welche ihre Früchte wegtragen und die Kerne fallen lassen, weit weg vom Stamm. Alles bewegt sich und ändert seinen Platz: Flusswasser, Wind, Wolken, die Erdkugel und die Galaxien. Wenn man logisch beratschlagt, kann man ein Gesetz des Weltalls bestimmen, welches bündig lautet: „Nicht festzusitzen!“ Das betrifft vor allem diejenigen, welche Erfolg hatten mit  geistigen, wissenschaftlichen, philosophischen oder anderer Tätigkeiten.

Und wenn man gegen das Gesetz ist, dann existieren: Hochwasser, Erdbeben, Unterdrückung, Kriege, Hunger, Krankheiten, Revolutionen u.ä. Ihr müsst zunächst migrieren, sagen wir, nach Ägypten oder nach Russland, und dann wenn Amerika geöffnet wird, dann auch weiter. Die Menschheit muss aktiver suchen nach Orten der Sesshaftigkeit auf der Erde, sonst wird das erbarmungslose Gesetz die Erde zu einem afrikanischen Suppentopf machen Sind wir denn wirklich die einzigen im Weltall? Gibt es einen Planet in der Nähe, welchen man besiedeln kann.?

Das Pärchen hielt zusammen wie Verliebte. Das Perlhuhn sang wunderschön, laut, seine Stimme kam wie aus dem Inneren.  Er erfreute uns ausgiebig mit seiner glücklichen Stimme, Opernsängern gleich. Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein!

Am Montag vor der Versammlung, als ich den Perlhühnern etwas zu Essen geben wollte, entdeckte ich nur einen Vogel. Auf meine Frage antwortete die Köchin, dass am Samstag Gäste da waren und das zweite Perlhuhn geschlachtet wurde.

Bei dem Meeting gab man mir eine Aufgabe: innerhalb von zwei Tagen einen genauen Bericht über die  faktischen Ausgaben beim Bau einer Chemie-Fabrik vorzustellen. Auf meine Wiederworte darüber, dass ich vier Tage brauche, wurde befohlen über Nacht im Büro zu bleiben und die Arbeit rechtzeitig zu erledigen. Danach wurde mir eine Woche Urlaub genehmigt.

Ich blieb abends allein im Büro. Im Schlafgemach betete ich den notwendigen Teil des Abendgebetes, als ich plötzlich den lauten Gesang des Perlhuhns hörte. Nein, das war kein Gesang, das war ein Schrei! Es wurde dunkel, aus dem Fenster konnte man sehen, dass das Perlhuhn auf einem Kirschbaumzweig saß. Der Schrei war herzzerreißend. Man konnte sie drei, vier Häuser weiter hören. Ich verstand, dass ich nicht allein war. Das aller beeindruckendste an diesem Schrei war das Einatmen. Der Vogel atmete eilig ein, ungewöhnlich laut, kreischend, mit einem Pfiff. Normalerweise endete der Gesang mit einem Ausatmen, so ging es einige Minuten mit dem Einatmen. Zweifellos, der Vogel rief seinen Liebsten. Ich wurde still und der Vogel fuhr fort. Dann machte er eine Pause, als ob er bemerkt hätte, dass sein Partner nicht antwortet und nicht mehr da ist. Er saß da und drehte den unteren Teil seines  Schnabels zu mir und fuhr mit dem Schrei fort.

Welch ein Schrei! Das musste man hören! Sie schrie mich an. Auf einen Repräsentanten der menschlichen Rasse. Ich wandte den Blick auf den Boden. Versuchte, sie zu verstehen. „Sie verfügen über alles: Stärke, Macht, Besitz, Verstand, Häuser, Autos, und das ist immer noch zu wenig? Ich hatte nur ihn allein! Und er wurde mir genommen. Und nun, seid ihr zufrieden, ihr Machthaber?“ Mein steinernes Herz wurde berührt. Steinern und kalt.

Nach der Beendigung des Bauinstitutes wurde ich in den Javanski Bezirk geschickt, zum Bau einer Chemie-Fabrik. Die Arbeiter dort waren Gefängnisinsassen oder, wie man sie in den Dokumenten bezeichnet, Spezialkontingent. Mörder, Vergewaltiger, Hochstapler, Hooligans, Räuber und in einen zufälligen Unfall geratenen Autofahrer – mit diesen begann ich meine Arbeit. Die Arbeiter wurden in speziellen Fahrzeugen gebracht, in Begleitung von Soldaten und Hunden. Und heute, indem ich zurück blicke, fasse ich den Entschluss, dass diese Praxis mich erkalten ließ, berechnend und grob. Und hier schmolz ich auf!

In dem menschlichen Wesen ist etwas geheimnisvolles versteckt. Wie Feuer, welches sich im Metall versteckt. Wenn der Stein auf das Metall klopft, sprüht er Funken. Damit der Mensch sich dessen bewusst wird, benötigt man bestimmte Verhältnisse. Das kann ein geistliches Lied sein, eine Predigt, Seelenschmerz, das Gebet.

Ich begriff, dass Schmerz – das unangenehmste aus der Schöpfung Gottes – eine riesige Bedeutung hat in der menschlichen Evolution. Und da machte der Vogel eine zweite Pause. Es schien, als ob er den Schluss fasste, dass die Hoffnung in die menschliche Rasse eine falsche Hoffnung sei.

Es ist alles umsonst! Und hier änderte sich die Stimme des Perlhuhns plötzlich. Die Amplitude der Lautstärke verringerte sich abrupt, so dass nur der Nachbar am gemeinsamen Zaun ihn hören konnte. Das Intervall zwischen den kurzen Pausen wurde größer. Ein wütender Ton verwandelte sich in einen sanften. Doch der Gesang hielt immer noch an. Es gab keine Zweifel, der Vogel sang von seiner Liebe. Liebe und Schmerz – das sind zwei Gefühle, welche den Menschen in seinem Leben begleiten, ihn vergeistigen, ihn näher zu Gott bringen. Ich weinte. Warum taucht in den Augen der Menschen eine Flüssigkeit auf wenn sie traurig sind, die man Tränen nennt? Warum nicht in den Ohren? Warum nicht in der Nase? Warum nicht auf der Stirn?

Wahrlich, die Augen sind der Spiegel der Seele. Starke Gefühle, Erschütterungen haben nicht nur Auswirkung auf den Körper, aber auch auf das innere Wesen des Menschen, und Tränen sind ein Signal dafür, dass der Vorfall in der genetischen Erinnerung gespeichert ist.

Das letzte Mal weinte ich, als Mama starb. Sie war der einzige Mensch, der mich ehrlich liebte. Nun ist vor mir ein Wesen, das nichts mehr auf dieser Welt hat. Keine Hoffnungen. Ein Zustand, zudem geistliche Menschen streben, – einem Zustand der Versunkenheit von der Welt, zu dem die geistlichen Meister aufrufen.

Der Vogel machte eine Pause und fuhr fort. Diesmal waren die Pausen im Gesang anhaltend. Die Stimme wirkte irgendwie bittend. Soll man beten?…

Da erinnerte ich mich, dass ich mein Gebet nicht beendet habe. Der letzte Teil, das ist die Bitte, wurde nicht zu ende geführt. Dieser Vogel fügte sich in das Gebet ein und nun, als er neben mir stand und den unteren Teil des Schnabels fast zu mir drehte, schien es so, als ob er zu mir sprechen würde; „Fahre fort!“ Und ich fuhr fort:

„Gott, gib mir die Kraft und Ausdauer bei der Suche nach der Wahrheit, wie bei diesem Vogel, im Kampf mit meinen Mängeln!

Gott, gib mir das Glück zu lieben, wie dieser Vogel es tut!

Gott, gib mir Aufrichtigkeit in den Gebeten, wie bei diesem Vogel, und Ernsthaftigkeit in den irdischen und nicht irdischen Angelegenheiten!

…Gott, gib diesem Vogel ein Stück Glück aus deiner unerschöpflichen Vorrastkammer! Amen!“

Am Montag wäre ich fast zu spät zum Meeting gekommen. Der Chef sprach von der Verbesserung der Qualität der Schweißnähte in den metallenen Gasbehältern und über die Kontrolle der Nähte mit  Hilfe von Röntgenaufnahmen. Und…und da hörte man den Gesang des Perlhuhns. Diesmal war der Gesang fröhlich! „Ist ihr Liebster auferstanden?“ dachte ich. Ich schob vorsichtig den Rand des Vorhangs weg, um zu schauen. Ein Klopfen mit dem Kugelschreiber auf den Tisch weckte mich. Der Chef merkte, dass ich abgelenkt war. Nach dem Meeting ging ich auf den Hof und verstand alles. Dem Perlhuhn folgten fünf kleine Küken. „Vielleicht aus dm Inkubator?“ dachte ich. Und das Huhn blickte mich an und lachte. Haben Sie nie gesehen, wie Perlhühner lachen? Man muss etwas aufmerksamer sein und Sie werden es bemerken. Wenn die Menschen lachen, öffnen sie den Mund und erzeugen ein schnelles Ausatmen mit einem Geräusch. Bei den Perlhühnern ist es etwas anderes. Viellicht weil sie keinen Mund haben. Die Perlhühner hüpfen leicht, wenn sie lachen, strecken den Kopf hoch, öffnen etwas den Schnabel und ihre schwarzen, kleinen Augen glänzen. Die Afrikanerin schien auch über mich zu lachen.

Es fiel ein Nieselregen. Die Regentropfen fielen auf ihn und rollten auf die Erde, so als ob er mit Schiffslack gefärbt war. Er beruhigte mich. Er berührt nicht den Schmerz und das Leid Ihres wahren Ichs, sondern nur Ihre Gefühle und Ihren Körper. Es wehte ein weicher, feuchter Wind, das Gesicht liebkosend. Der Frühling dieses Jahr war ungewöhnlich regenreich.

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