Valeria Krutova Der Hühnerschenkel zur Hilfe

Aus dem Geschichtszyklus Das Museum der Freaks

Veröffentlicht: in der Zeitschrift Druzhba Narodov, Nr. 4, 2020

Ich bin dort gestorben. So seltsam. Als ob Sterben – noch kein Grund ist um aufhören zu existieren. So als ob es nicht zu Ende ist.

„Ich bin dort gestorben“. Bereits den dritten Tag tauchte diese Phrase in Dimas Kopf auf. Er erinnerte sich an sie als er zu Mittag aß – hat jemand, der tot ist, Vergnügen am Essen? Er erinnerte sich, wie er zur Arbeit fuhr – zählt Büroarbeit nicht als Tod? Sogar als er mit seiner Frau Sex hatte, erinnerte er sich – stirbt er nicht für eine Sekunde zur Zeit des Orgasmus?

Vor drei Tagen, als Dima aus dem Supermarkt raus ging, stieß er mit einem Kerl zusammen. Nicht groß, hager, die Jeans hängt herunter, er richtet sie die ganze Zeit. Auf dem Kopf ein Cape, es ist schwer das Gesicht zu sehen. Er ist rasiert. Ungefähr ein Dreitagesbart. Dima warf seinen Blick auf ihn, die Details studierend. Eine Angewohnheit des Künstlers. Der Kerl warf sich zuerst zur Seite, ca. einen Schritt weg doch blieb  dann stehen und sagte:

„Bruder…“ das sagte er leise und heiser. Dima verzog das Gesicht. Warum hält man die Anrede „Bruder, Brüderchen,“ für richtig? Warum ruft es den Wunsch hervor, zu antworten oder zu helfen? Aus welchem Anlass erschien dieser Drogensüchtige, Dima hatte keinen Zweifel daran, dass er high war, ihm als Bruder. Bruder für eine Sekunde, Bruder auf Zeit, „Gib mir eine Zigarette, gib mir Kleingeld, gib…“ Ein Bruder, der gibt.

Dima hatte einen Bruder. Noch zur Schulzeit, zum Zeitpunkt eines Kampfes, fiel Oleg ungeschickt hin und stieß mit dem Kopf gegen eine Bordsteinkante. Ein plötzlicher Tod. Und das wichtigste ist, dass keiner Schuld dran hatte. Ja, sie haben gekämpft. Ja sie haben einander geschlagen, doch vor dem Fall wurde er nicht einmal geschubst. Er ist einfach gestolpert. Also warum nimmt anstatt des wahren Bruders dieser Taugenichts den Platz ein? Dima vertrieb die Wut nach einer Sekunde. Der Kerl fuhr fort:

„Ich habe großen Hunger…Hast du zufällig Brot da?  Entschuldige.“

Dima wurde verwirrt. Er schaute auf seine Tüten – Zwiebeln, Salzgurken, Saft für den Sohn, zwei Schachtel Zigaretten und ein Mittel gegen die Stechmücken. Brot stand nicht auf der Liste und er hat es auch nicht gekauft.

„Lass uns gehen,“ er wandte sich wieder in Richtung des Supermarktes. „Wir kaufen dir Brot.“

„Ja, nein…geh du. Bis zum Supermarkt ist es weit. Ich werde später irgendwann…“ antwortete leise der Kerl.

„Wie, irgendwann? Du wirst irgendwann essen? Lass uns gehen, sage ich.“

Der Kerl nickte und machte einen Schritt, doch blieb für einen Moment erstarrt stehen, darauf wartend, bis auch Dima einen Schritt macht. Er ging leise hinter ihm her.

Dima war nicht wohl zu mute. Ein Kerl wie ein Kerl, sieht gesund aus. Warum kann er nicht arbeiten gehen? Warum nicht dort kehren, den Parkplatz vor dem Supermark? Es bringt zwar wenig Geld, aber immerhin etwas. So kann man sich wenigstens beruhigen, dass man eine gute Sache getan hat.

Ist es etwas einfacher zu betteln? Von der anderen Seite bat der Kerl nicht um Geld. Nicht für Alkohol oder Zigaretten. Er fragte nach Essen. Hunger – das ist etwas schlimmes. Es ist nervtötend.

Wenn man ihm keinen Alkohol gibt, gut, aber wenn man ihm das Brot verweigert…Wie soll man dann überhaupt schlafen, wenn man daran denkt, dass irgendjemand vor Hunger stirbt. Hoffen, dass irgendjemand freundlicher war? Hoffen, dass man mit seiner Ablehnung nicht den Wunsch zerstört hat, noch einmal zu bitten?

„Denk du nicht schlecht über mich,“ sagte leise der Kerl. „Ich habe einfach kein Geld, man nimmt mich nicht zum Arbeiten. Ich habe nicht gebettelt. Und irgendwie musste ich mich halten…“

„Warum stellt man dich nicht ein?“

Der Kerl verschnellerte den Schritt, um Dima einzuholen und zog sein Cape aus. Dima konnte sich nicht halten und achte. Es sah so aus, als ob dem Kerl die Hälfte des Nackens fehle. So als ob es ihm jemand heraus gerissen hätte und den Schädel des Kerls in eine Figur von den Bildern Dalis verwandelte. 

„Man hat mich geschlagen. Ich ging von der Arbeit und trug eine große Summe Geld bei mir. Und sie, zu dritt oder zu viert, haben sie mich getroffen. Und geschlagen. Wahrscheinlich wollten sie meinen Tod. Und nun vertraut mit keiner Arbeit oder Geld an. So bin ich ganz in Ordnung, doch habe oft Anfälle und vergesse vieles. Und mein Äußeres stößt auch sofort ab.

Der Kerl lächelte schuldig und zwinkerte mit einem Auge.

Dima bat ihn, kurz zu warten und ging selbst in den Supermarkt. Er kaufte zwei Laibe Brot, ein Päckchen Tee, Kekse, Eier und Milch. Dann kaufte er noch eine Packung Hühnerschenkel. Salz, Zucker, eine Packung Zigaretten. Als er schon an der Kasse stand, kehrte er er zu den Regalen zurück. Er warf ein paar Socken und eine Packung Toilettenpapier in den Korb.

Man kann Jeans finden in den Kleidersammlungen, auch eine Jacke und ein Hemd. Doch niemand gibt  Socken oder Unterwäsche ab. Und wenn man kein Geld hat für Essen, so sind Socken das Letzte, was ein hungriger Mensch kaufen wird. An der Kasse nahm Dima ein paar Schokoladentafeln und einen Rasierer.

Der Kerl wartete brav draußen. Er versuchte nicht in das Licht der Laterne zu geraten und rückte sich an den Zaun des näher stehenden Hauses. Er versuchte auch nicht von einem zufällig Vorbeigehenden erblickt zu werden.

„Nimm,“ Dima stellte die Plastiktüten vor ihn.

„Ach was! Sie! Du….Bruder, ich brauche nur Brot, bitte…“ Der Kerl streckte die Hände aus, zog sie zurück und streckte diesmal eine heraus.

„Nimm. Hast du ein Zuhause? Etwas, worauf du kochen kannst? Fragte Dima.

„Ja, ich habe ein Haus. Das habe ich vom Oma geerbt. Sie zog mich alleine auf. Und dann starb sie.“

„Lebst du alleine?“

„Ja, alleine. Und einen Ofen habe ich auch. Danke Ihnen. Dir…

„Dir. Du hast mich Bruder genannt, also wozu die Festlichkeiten?“ Dima klopfte dem Kerl auf die Schulter.

Zurück gingen sie etwas schneller und der Kerl bleib nicht zurück. Er sprach sogar etwas mutiger. Er erzählte, dass er nicht weit weg wohnt und ab und zu bei der Autowäsche arbeitet. Wenn der Herr gute Laune hat, gibt er ihm irgendetwas zum kehren oder zum waschen. Natürlich keine Autos, aber den Boden zum Beispiel. Und er bekommt auch eine Rente. Das reicht gerade mal für Gas und Wasser aus. Das Licht haben sie schon längst ausgeschaltet.

„Wie hat man dir das mit dem Kopf…?“ – Dima wurde schüchtern, ein erwachsener Mann und kann nicht mal eine normale Frage stellen.

„Ja, sie haben nicht nur auf den Kopf geschlagen. Sie haben mir den Schädel zerbrochen, sind darauf gesprungen. Überhaupt seltsam, dass aus mir kein Depp wurde. Wobei, doch, ich habe ständig diese Anfälle, sie werden das ganze Leben bleiben und wie es weiter geht mit der Gesundheit weiß der Teufel.

Der Kerl wurde auf einmal still. Dima sprach ebenfalls nicht. Er zählte die Schritte und dachte daran, wie viele Schritte bis zu Hause übrig blieben. Sich einschließen und nicht wissen, nicht verstehen. Wie ein Mädchen.

„Ich bin da wirklich gestorben als ich da lag. Ich dachte dies sei das Ende,“ sagte der Kerl leise und blieb bei der Kreuzung stehen.

„Musst du dort lang?“ erriet Dima.

„Ja dort. Danke dir noch einmal. Danke.

Er nahm die Tüten in eine Hand und reichte Dima die andere. Dima drückte sie fest.

Zuhause wurde alles irgendwie anders. Entweder war das Licht heller oder es war wärmer. Dima zog die Jacke aus uns stellte die Tüte auf den Tisch.

„Wo warst du so lange?“ fragte die Frau.

„Ich habe einen Kerl getroffen, einen Ärmsten,“ die Frau machte den Handybildschirm aus und schaute auf Dima, „Stell dir vor, man hat ihn zusammen geschlagen und nun kann er nicht mehr richtig arbeiten. Er bat mich um Essen. Nun, ich habe ihm alles mögliche gekauft. Essen, Socken, Toilettenpapier.“

Die Frau lächelte.

„Was hat er denn?“

„Ihm fehlt der halbe Kopf.“

„Und…hast du ihm Geld gegeben?“ Die Frau stand auf und ging zum Spülbecken.

„Nein, aber ich habe alles gekauft.!

„Du hättest ihm noch Geld geben sollen…Jung?“

„Ja, etwa so alt wie ich.“

„Schrecklich…“

Das Gespräch war zu Ende. Worüber noch reden? Über Mitleid? Wem gegenüber? Mitleid gegenüber dem Kerl? So etwas ist dir zugestoßen, und ich habe Licht zuhause, eine Frau, einen Sohn.  Ich habe Arbeit, verzeih mir, Kerl. Oder aus Mitleid zu sich selbst? So mitleidig wird man nur vor dem fremden Unglück, vor der fremden Sorge. So hilflos. Geld geben. Ein Huhn kaufen. Noch braten und heraus bringen. Hier, iss mal. Heute gebe ich ihm was zu essen, und morgen…wird er jemand anderem Netten begegnen. Den Hühnerschenkel reichen und die Hand, mit Öl voll, an der Hose sauber machen. Seine eigene Hose tut einem nicht leid, die Waschmaschine wird sie waschen.

Wie oft verspürt man die Schuld, wenn es einem selbst gut geht?

„Nun denke ich und denke…“ sagte die Ehefrau. „So schrecklich. Erzähle es mir nicht mehr. Das Herz rutscht mir von der Stelle.

„Erzähl mir so etwas nicht.“ Noch ein Grund um sich zu retten – nicht wissen. Der Mensch ist so unsicher in seinem Glück, dass er sich nicht vorstellen mag, was alles passieren kann. Und was ihm selbst zustoßen kann.

„Ich bin dort gestorben.“ Dima lag schon im Bett und dachte: „Will man nach so etwas etwas leben? Oder wäre es besser zu sterben?“ Was denkt dieser Kerl jetzt? Fragen über Fragen. Solche Fragen verlangen keine Antwort. Sie bitten sogar darum, dass man nie eine Antwort darauf findet. Besser so: ich habe es erfahren, als ob man mich mit dem Kopf in den Schnee stieß, habe es meiner Frau erzählt, teilte die Unsicherheit, vergessen das Morgen. Hauptsache der Kerl hat heute was zu essen.

„Wenn du ihn triffst, gib ihm Geld. Och, er tut einem leid,“ Die Ehefrau drehte sich um und machte den Lichtschalter über dem Bett aus.

Schlafen.

„Ich bin gestorben.“ Und Dima starb nur ein bisschen. Er erstarrte. Gott sei Dank lebt er. Gott sei Dank ist alles gut.

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