Veröffentlicht in Daktil‘ No 11 August 2020
Ich gebe ehrlich zu, ich hatte seit meiner Kindheit an Angst vor Kuckucksuhren. Sogar jetzt von einer Erinnerung an die Zeit, als meine Eltern mich für das Wochenende zu meiner Oma schickten, muss ich zittern. Dort hing in dem Schlafzimmer eine genau solche Uhr. Wie oft habe ich meine Oma gebeten, den schrecklichen Mechanismus durch einen elektronischen zu ersetzen. Doch sie blieb taub auf meine Bitten, sie für eine Marotte haltend. Und jeden Abend betete ich zu meinen kindlichen Göttern, einzuschlafen bis zu diesem Moment, wenn der Kuckuck begann den Beginn einer neuen Stunde erklingen zu lassen. In dem allen war etwas Hypnotisches, als ob eine Kraft sich ihrem Willen unterwerfen wollte und einen dorthin bringen, von wo aus man nicht mehr zurücktreten kann.
Heute wiederholte sich das halb vergessene Gefühl und wurde um einiges stärker. In dem Zimmer des Hotels, wo ich anhielt, hängt eine Kuckucksuhr – der Schrecken der frühen Kindheit. Als ich mich ins Bett legte, verstand ich, dass es jetzt nicht notwendig ist, das mechanische „Kuckuck“ zu hören, um in den Stupor zu fallen – das Ticken selbst genügt schon. Wegen der verzweifelten Versuche, nicht mit dem Chronometer einstimmig zu atmen, welcher die Minuten und Sekunden zählt, hatte man kaum noch Atem. In der Kehle wurde es kratzig. Um sich abzulenken und den Schlaf herbei zu rufen, begann ich die Ereignisse in den Gedanken zu ordnen, welche am Tag statt fanden. Ein langweiliger, in nichts beachtenswerter Sonntag – ohne ein winziges Ereignis…
Als ich durch den Innenhof zum Zimmer ging, da bemerkte ich auf meinem Hals irgendein Insekt, ich versuchte dieses abzuwerfen und erdrückte es versehentlich. Auf der Handfläche blieb eine orange Spur, als ob von dem Blütenstaub einer örtlichen Blume (ihren Namen habe ich vergessen). Sogar die Erinnerung an diese rief ein unangenehmes Gefühl hervor, das mich zwang, vom Bett auf zu stehen, um mir die Hände zu waschen, obwohl ich, bevor ich mich schlafen legte, eine Dusche genommen habe.
Ich drückte auf den Lichtschalter, machte die Tür des Badezimmers auf und ging zum Waschbecken. Genau in diesem Augenblick drehte es sich im Kopf zum ersten mal. Die Einbildungskraft zeichnete hilfsbereit ein Bild, als ob ich ein Kuckuck sei, welcher auf dem Pendel der gigantischen Wanduhr schaukelte. Ich musste mich an die Wand anlehnen und mein Gesicht mit kalten Wasser aus dem Wasserhahn bespritzen.
Es wurde leichter. Ich wusch mir gründlich die Hände und dachte, dass ich morgen einen Erholungstag mache. Und heute werde ich als erstes die Uhr anhalten, um das Ticken los zu werden und dieses Geräusch, von welchem eine bestimmte Stunde in das Nirgendwo hin fliegt.
„Das aller einfachste und das aller schwierigste ist es, die Uhr im notwendigen Moment anzuhalten.
Die Zeit – sie ist immer etwas hinter der Grenze. Zum Beispiel geschieht so etwas in der Natur, dass die Stare zu einem späteren Zeitpunkt herfliegen. Dafür bereiten sich die Kuckucks für den längeren Flug vor, welcher immer in Verbindung steht mit der Veränderung der Zeit. Soll es nur das Einstellen der Zeiger sein, bzw. der Wechsel von Tag zu Nacht, doch das ist immer ein Sprung in die parallele Realität.“
So dachte ich noch über Vögel nach, mich mit dem Gedanken beruhigend, dass es vielleicht nicht das zerdrückte Insekt war, welches die Spur auf der Hand hinterließ, sondern dieselben berüchtigten Gefiederten. Ich kratzte gedankenvoll den Hals und fühlte einen kleinen Hubbel.
Ich erzitterte und kehrte in die Realität zurück. Ich hasse Insekten – es bleibt noch übrig, dass dies ein giftiges Mistvieh ist, dessen Stich eine Allergie oder irgendetwas Schlimmeres hervor rufen kann. Von diesem Gedanken trat der Schweiß hervor. Ich wollte in das Badezimmer zurück kehren, um mich noch einmal zu waschen und mit der Hilfe von zwei Spiegeln zu beobachten, was da los ist.
Vielleicht ist es nur ein Muttermal, das ich früher nicht bemerkt habe. Und was ist, wenn das Insekt genau da rein gestochen hat? Kann es gefährlich werden? Besser ist es, die Stelle mit dem Stich mit irgend einem antiseptischen Mittel einzureiben, dachte ich.
„Und das soll man rechtzeitig machen, damit das Gift sich nicht verteilen kann. Es bleibt viel und wenig Zeit, doch wenn du die Uhr anhältst – ist in dem allen etwas Mystisches. Die Zeit soll nicht stehen bleiben, wie die weiße Königin es sagte. In ihr, wie auch im Raum, muss man sich schnell fort bewegen. Und wenn du zu langsam bist, wird dich dieses schreckliche Tier mit dem Namen Zeit auffressen. Er ist wie ein schwarzes Loch, wie die Mündung einer Waffe. Und du bist die Zielscheibe. Eins – und du bist nicht mehr da. Der Schuss kann auch das Ziel verfehlen, wenn du dich dem Tier gegenüber höflich verhältst und nicht vor hast, es zu töten. Und dann eins – und der Frühling ist schon da. Und du hast den ganzen Winter wie ein Bär verschlafen. Und hast dich nicht auf dem weißen Schnee herum getrieben. Wie in irgendeinem schlauen Lied.
Man sollte das Tier nicht antreiben, doch auch selbst soll man sich nicht beeilen. Lebe in deiner Epoche, reise in Gedanken oder Träumen in verschiedenen Zeitschichten – in dunklen Tunneln. Und wenn du den Weg nicht zurück findest, wenn du nicht zu dir zurück kehrst, was geschieht dann? – Der Tod, Unvernunft, ein langer, langer Schlaf oder einfach der Übergang in eine andere Realität? Eine Realität wenn du aufwachst, doch die Welt ist schon anders und du erinnerst dich nicht an die gewohnte Wirklichkeit und fährst fort, in dieser zu leben“ dachte ich und wachte auf.
Unter dem Eindruck dieser Gedanken, wunderte ich mich sogar nicht besonders als ich entdeckte, dass ich mich in einer Kammer befinde, mit solch brüchigen Möbeln, als ob diese am Ende der vorletzten Epoche gebaut wurden. Ich stand auf von dem harten Bett, welches aus gestapelten Brettern bestand und mit Lumpen, die darauf lagen. Der Kopf drehte sich immer noch. Der Hals heulte, es war unmöglich, diesen zu berühren. Ich legte mich wieder auf das improvisierte Bett und fiel in einen Schlaf.
„Und am nächsten Tag gibt es diese Welt nicht mehr, und ich bin wieder ganz neu. Und es ist keine Tatsache, dass du dort der selbe Mensch bleibst. Oder im Allgemeinen.
Das nächste Mal wachte ich am Ufer eines Flusses auf und lag einige Zeit einfach so da, dem langsamen Klang des Flusses lauschend. Ich spürte den Geruch von Algen und warum auch immer den Geschmack von Fisch. Der Hals war ganz entzündet. Und der Kopf drehte sich so stark, dass es schwerer fiel aufzustehen. Der Stich (und nun zweifelte ich nicht daran, dass es ein Stich war) wurde groß und brannte stark. Ich sollte wenigstens zum Fluss kriechen, um die trockenen Lippen zu befeuchten und kühles Wasser zu trinken, doch da verlor ich das Bewusstsein. Vielleicht fiel ich auch in einen Schlaf.
„Sonst wirst du zum eigenen Hund, oder noch schlimmer, zum Stich des verfluchten Insekten auf seinem Hals, oder der Tastatur des Laptops, und die Finger der Vergangenheit oder der Zukunft werden die Muskeln deines Halses polieren.“
Das Erwachen erfreute nicht mit den Pausen zum Besseren. Rundherum war glühender Sand. Ich lag auf dem Rücken, ohne Kraft, mich zu drehen. Der ganze Körper brannte. Besonders unerträglich war der Schmerz im geschwollenen Hals. Was ist das? Eine neue Realität oder einfach ein anderer Traum? Und kann man im Schlaf einschlafen?
„Wer wird mir die Sujets für neue Erzählungen geben: Du oder die Tastatur ( das heißt das jetzige Du) oder eine Stimme hinter dem Fenster, oder deine Freunde? Doch werden es deine Freunde sein? Und haben sie dich und warum benötigt ihr einander?“
Der nächste Ausbruch des Bewusstseins erreichte mich auf dem hügeligen, vertikalen Platz, auf welchem ich mich völlig irrational aufhielt. Die Oberfläche fühlte sich warm an, es roch nach Schweiß und vibrierte rhythmisch, als ob sie atmete. In dieser Realität hatte ich keine Schmerzen – im Gegenteil, in allem war eine angenehme Leichtigkeit. Es schien, als ob man sich nur wegdrücken müsste und ich schwebe in der Luft, wie ein Insekt oder ein Vogel. So handelte ich auch, doch ich schaffte es nicht die neuen Gefühle zu genießen und schnappte mit dem Seitenblick den arabesken Schatten, welcher sich näherte mit fünf gespreizten Fingern. Ich schwang höher empor und erkannte plötzlich, dass die Situation, mit welcher die Abfolge dieser Realitäten begann, sich auf die andere Seite drehte. Nun war ich selbst das fliegende Mistvieh, und unten ging auf dem Pfad des Gartens ein Mensch, welcher sich den Hals kratzte. Ich beschloss mich fern zu halten vom gefährlichen Nachbarn und flog, flog, immer an Geschwindigkeit zunehmend, bis ich mich im bekannten Zimmer wieder fand, durch das offene Fenster hinein gelangend. Ich wirbelte herum, versuchte in die Freiheit hinaus zu kommen, doch stattdessen stieß ich in die Wanduhr und warf mich ins Innere. Die Falle schnappte zu und ich begann mich an die Wand zu drücken. Und als die bestimmte Stunde herannahte, stieß ich zusammen mit der kindlichen Angst. Und mitnichten im übertragenem Sinne – begann der Kuckuck mit dem Halter des Stunden-Mechanismus sich direkt auf mich zu beugen. Ihr gigantischer, offener Schnabel verdeckte den ganzen Horizont und schrie zum Abschied ein heißeres „Ku“…