Ieromonah Averkij: „Poteri“ -„die Verluste“

Daktil‘ No 11, August 2020

Welch unermessliches Thema – der Verlust.

Mehr als vor siebentausend Jahren verlor Adam das Paradies. Das ist eine riesige Tragödie.

Weniger als vor einem Tag wurden fast dreitausend meiner Fotos vom Speicher des Telefons gelöscht. Warum auch immer, doch traurig wurde ich deswegen nicht. Früher dagegen schon. Machte mir Sorgen. Nun denke ich anders.

Vor mir liegen weitere Wanderschaften!

Wenn nur wenigstens drei tausend meiner schlimmen Gedanken verschwänden, Eindrücke, Erinnerungen, Worte, Taten, Ideen, Sorgen! Interessant, dass ich schon ein paar Mal bewusst meine ganzen Gedichte und Fotos vom Speicher des Telefons gelöscht habe, weil ich böse war auf meine Eitelkeit und gewillt, ein neues Leben zu beginnen –  ein ruhiges, bescheidenes, unscheinbares, nicht künstlerisches. Ein solches Leben gelang nicht. Und ich stellte das Gelöschte aus den Archiven der Freunde wieder her.

Diesmal verschwanden die Fotografien nicht weil ich es wollte. Es entstand die Gelegenheit einen Aufsatz zu schreiben zum Thema „Meine Einbußen, meine Verluste…“ Ich werde nicht ausführlich über große Verluste sprechen, welche mein ganzes Leben erbebten: die Scheidung von Mama und Papa, der Zerfall der Pfeiler in den 90er Jahren, der Tod eines Beichtvaters, zeitlicher Verkauf des eigenen Gewissens, der Verrat von Freunden, das Scheitern von Hoffnung, das Nichtwahrnehmen von Möglichkeiten, Nichtrealisierung von Fähigkeiten, das Nichtachten auf die Gesundheit, das Abstumpfen von Talenten, die Täuschung in Menschen, das Verarmen von Liebe.

Ich möchte mich an kleine Verluste erinnern.

Ich weiß nicht, wo ich mein geliebtes Kreuzchen verloren habe. Ein kleines, mit leuchtend-blauer Emaille. Ich ging noch nicht in die Kirche, doch trug es, um besser Fußball zu spielen – und überhaupt, um besser zu leben. Die Schnur riss. Ich verlor das Kreuzchen. Dann fand ich es wieder. Das kam häufiger vor. Dann verschwand es spurlos. Es gibt noch die schwache Hoffnung, dass vielleicht, irgendwann, es wieder auftauchen wird, dann wenn wir das Bett zu Holz verarbeiten, den Teppich neu legen oder bei archäologischen Grabungen des XXIII Jahrhunderts. 

Im Jahr 1994 stand ich auf einem riesigen Kreuzweg. Ich floh aus der kasachischen Universität nach Sergiev Posad: Der Journalismus bedrückte mich. Ich wollte nicht in der Stadt leben, wollte mich nicht zwischen den lauten Studenten aufhalten, ich wollte mich nicht vertiefen in den Nervenkrieg des letzten Jahres an der Universität und in das Schreiben der Diplomarbeit.

Der Älteste Naum segnete mich, damit ich ins Nikitskij Kloster der Jaroslawskaja Diözese fahre, um dort zu arbeiten.

Dort lernte ich beim Gehilfen des Kochs, beim Hirten und dem Ablader der Backsteine. Ich lernte es, auf dem Pferd zu reiten, Kühe zu melken, die Anfälle von schrecklichem Trübsinn zu überstehen, früh auf zu stehen, die russische Kälte zu ertragen. Eines Tages fragte mich der Klostervorsteher, ob ich vorhabe mir, wie es sich bei den Mönchen gehört, den Kopf zu scheren. Das war für mich eine Überraschung, obwohl ich das Mönchstum liebte und verstand, dass ich nicht in der Lage bin, eine Familie zu gründen.

Als der Archimandrit Naum nach Alma-Ata kam und auf der Baustelle der Kirche arbeitete, zur Ehre der Geburt Christi, fragte ich ihn: „Hochwürdiger Herr, darf ich heiraten?“ Der Älteste schaute mich zärtlich, mit einem Lächeln auf mich und schwieg.

Nach ein paar Stunden bauten wir das Altmetall von dem  Laderaum des großen Autos. Ich stand oben. Ich gab die Batterie nach unten und machte es so ungünstig, dass diese runter fiel und der Bruder, welcher die Lasten annahm , sich drehte von dem Schlag des gusseisernen Akkordeons. Alle wurden wach von dem Schrecken. Der Älteste Naum, welcher in meiner Nähe stand, sagte zu mir: „Schau dich an. Du kannst doch so nicht heiraten? Für die Familie muss man alles können: sich anstrengen, sich drehen, überall pünktlich sein, Millionen verdienen. Lese das Gebet Jesu’“

Dieses Ereignis blieb lange in meiner Erinnerung, denn damals stellte sich heraus, wie ich mit meiner Zerstreutheit, Faulheit, Unbeständigkeit, „krummen“ Händen, nervigen Abstürzen, Egoismus, nicht angebrachtem Romantizismus, mich selbst quälen werde, aber auch meine Ehefrau und meine Verwandten, die Beichtvater. Aber ich träumte nie wirklich von Familie. Ich fragte es nur so. Igumen Anatolij erlaubte es mir, in die Troica-Sergiev- Mönchskloster zu fahren zum Ältesten Naum, um zu beraten bezüglich der Haare.

„Hochwürdiger Herr, Igumen hat mir angeboten, die Erlaubnis für die Scherung zu bekommen.“

„Wolltest du nicht heiraten?“

„Nun, eigentlich hatte ich es nicht vor. Doch nur wenn im Geistlichen, wie der heilige Ioan Kronshtadskij, um zusammen zu wandern, das Gebt zu vollführen…“

„Dann lasse dich scheren. Beginne Mönchskleidung zu sammeln oder zu nähen – das ist für dich – für den Beginn…“

Mit diesen Worten ging der Älteste in das Innere der Mönchszelle und brachte mir einen Priesterrock heraus. Wie froh wurde mir zu Mute! Der Priesterrock eines Mönches! Die Segnung für das Mönchstum. Dann kam es dazu, dass ich die Scherung nach einem halben Jahr in Alma-Aty annahm. Mir wurde ein neuer Priesterrock genäht. Und den Priesterrock des Ältesten schenkte ich einem Geistlichen. Warum machte ich das? Ich verstehe es nicht. Für ihn bedeutete er nicht so viel wie für mich. In meiner kranke Seele kommen die Anflüge unvernünftigen Großzügigkeit, nicht gesegneter Wanderschaft, dummer Originalität, sinnloser Aufopferung auf, was  ich im Nachhinein bereue. Wo bist du, gesegneter Priesterrock? Vielleicht ist es wichtig, damit dieser allein in meiner Erinnerung bleibt, sonst würde ich immer alle daran erinnern, dass ich den Priesterrock des hohen Ältesten trage, und diesen beschämen mit meinen eignen, vielfältigen, schrecklichen Fehlern.

Vor langer Zeit las ich, dass es gesund sei, immer das Evangelium bei sich zu haben. Selbst im geschlossenem Zustand, bereichern diese den Menschen mit ihrem Glanz. Und wenn man die heiligen Seiten öffnet und liest, dann kann man weise werden und den Willen Gottes finden. Ich kaufte ein Taschenevangelium im roten Einband und begann dieses in meiner Brusttasche zu tragen. Das beruhigte mich sehr uns stärkte mich.

Im Jahr 2008 hatte ich einen schrecklichen Unfall. Im Moment des Zusammenpralls hielt ich das Evengelium in meinen Händen. Ich las es auf Reisen. Nachdem ich wieder zu Bewusstsein kam und man mich aus dem kaputten Auto heraus holte, wollte ich sofort das rettende Buch finden. Der Einband fiel ab, die Seiten waren angerissen. Ich öffnete den heiligen Text. Das Blut aus den fünf Schnitten auf dem Kopf begann auf die Seiten zu tropfen. Doch es erreichte nicht die Zeilen, sondern floss auf den Feldern zwischen dem Text. Als ich später die Seiten des Evageliums mit den blutigen Flecken durchschaute, kamen in mir sorgenvolle Erinnerungen auf: Ich las den Teil, wo der Erzengel Gabriel dem Heiligen Zacharias, dem Vater Johannes‘ sagt, dass bald Freude und Festlichkeit auftauchen werden. 

„Dann tauchte vor ihm der Engel Gottes auf, auf der rechten Seite des Räucheraltars stehend. Als Zacharias ihn sah, wurde er betrübt und ihn überfiel die Angst. Der Engel sagte zu ihm: habe keine Angst, Zacharias, dein Gebet wurde erhört und deine Ehefrau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären und du wirst ihn Johannes nennen; und du wirst Freude und Festlichkeit haben und viele werden sich über seine Geburt freuen , denn er wird hoch sein vor Gott; er wird keinen Wein trinken und keine starken Getränke und wird schon im Mutterleib vom heiligen Geist erfüllt sein; und viele der Söhne Israels wird er zu Gott führen; Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist“

(Das Evangelium nach Lukas, Kapitel 1, 11:17).

„All das Mühsame, wird ohne Zweifel zu Frohsinn und Freude führen,“ dachte ich. Genau das geschah. Auf Grund des Unfalls hatte ich das Glück, mich sieben wunderbare Monate neben dem hohen Ältesten Archimandrit Naum zu befinden, jeden Tag mit ihm zu sprechen und seine Aufträge zu erfüllen. Die Ikonenmalerin Valentina reparierte mein Evangelium. Ich trug dieses bei mir fast ein ganzes Jahr, bis ich es verlor.

Nach der Rückkehr aus dem Mönchskloster wurde ich beauftragt, in der Kirche der Geburt der Gottesmutter im Dorf Akzhar, zu dienen. (Übrigens wurde aus dieser Kirche bereits in der ersten Nacht meiner Ankunft die Sammlung der Glocken von der Summe von ein paar tausend Dollar geklaut, welche ich aus dem Jaroslawl-Gebiet mitgebracht habe  – ebenfalls ein Verlust.) Nach der Liturgie ging ich in das Bergkloster der heiligen, klösterlichen Märtyrer Serafim und Theognost, beide aus Alma-Aty. Auf dem Hügel befestigte ich das Evangelium in den Zweigen über mir. Ich ruhte mich aus und ging weiter. Nach ein paar Kilometern entdeckte ich den Verlust.

Ich lief zurück. Doch das Evangelium fand ich nicht. Wie das? Das ist doch die Erinnerung an den Unfall, an das Wunder der Heilung, an das Mönchskloster, auf den Seiten mein Blut. Was ist das? Eine Bestrafung, eine Warnung, eine Entlarvung? Ich hoffe, dass der Engel das heilige Buch den freundlichen Hirten oder Gärtnern gegeben hat. Und diese, während sie es lasen, wurden zu tiefen Kirchenmenschen und nun ist ein Teil von ihnen entweder im Paradies oder im Kloster, sie beten zur Herrscherin des Weltalls für den ehemaligen Eigentümer des Buches, welcher bereits das dritte oder vierte Evangelium in seiner Brusttasche trägt. 

Zum Schluss möchte ich über den Stein erzählen.

Ich mag es, Steine aufzubewahren in Erinnerung an dem Herzen nahe Orte und Ereignisse. Es gibt schöne und außergewöhnliche Steine, manchmal einfache, welche jedoch an ein Wunder erinnern. Jener, über den ich jetzt erzähle, war besonders und verbunden mit der Wanderung des Himmlischen.

Der sechzigjährige Chauffeur Sergej Vasil’evich und ich beschlossen mitten im Sommer die alte Bergstraße aus Taldykorgan nach Zharkent zu erkunden.Wir starteten von der Seite Zharkents, von dem Sanatorium „Zharkent-Arasan“. Zuerst verirrten wir uns und mussten deshalb zwei überflüssige Fels-Hänge umgehen. Dann kamen wir auf den gesuchten Pfad. Wir zweifelten, weiter zu gehen, denn die Entfernung bis zum nächsten Dorf war nach unseren Zählungen, ca. hundert Kilometer entfernt. Plötzlich blieb neben uns ein LKW stehen,  die lustigen Hirten gaben uns frischen Kumys zu trinken und boten an uns ein Stück mit zu nehmen.

Wir willigten unbedacht ein und nach einer Stunde Zittern auf der Abladefläche befanden wir uns auf einer hoch gelegenen Weide, die sich auf unserem Weg befand, Es dämmerte. Dann verstanden wir, dass wir uns entfernt hatten von dem gesuchten Ort und dann uns ca. sechzig Kilometer entfernten und bis zum Ende (Dorf Kalinovka) ist die Anzahl der Kilometer unbekannt. Doch wir beschlossen, nur gerade aus zu gehen. Sergej Vasil’evich war voll jungen Ehrgeizes. Als es ganz dunkel wurde, erinnerten wir uns daran, dass wir seit dem Morgen nichts gegessen hatte, und keine Lebensmittel dabei hatten: wir mochten es, ohne volle Taschen zu wandern. Auf dem Weg sahen wir eine Jurte. Um sie herum liefen und bellten Hunde. Ein junger Kasache näherte sich uns und wir versuchten ihn um ein Abendessen zu bitten.

„Kairly kesh, baurym! (Guten Abend, Bruder!) „Rahmet. (Danke.)“ „Kal kalaj? (Wie geht es dir?)“

„Zhaksy. (Gut.)“ „Kaskyr keledy?) (Kommen Wölfe hier her?)“ „Zhok. (Nein)“ „Magan su ishiniz. (Gib uns Wasser zu trinken.)“ „Mynau su. (Hier ist Wasser).“

Mit diesen Worten zeigte uns der Jüngling auf eine saubere Bergquelle, welche neben unseren Füßen entlang lief. Und uns fiel sie zuerst gar nicht auf. Wir verstanden, dass man uns nicht in die Jurte einladen wollte. Doch da kam aus der Jurte ein alter Hirte heraus und begann uns aus ganzem Herzen, uns zum Abendessen ein zu laden. Er rügte den Jüngeren für seine Unentschlossenheit bei dem Empfang von Gästen, welche man in Kasachstan empfangen muss wie die Boten Gottes.

Wir betraten die Jurte. Wie herzlich man uns empfing! Schmand, Käse, Butter, Marmelade, frisches Brot, Kurt, Kumys, Tee, ein freundliches Gespräch. Wir verneinten den Vorschlag, in der Jurte zu übernachten. Wir wollten die Hausherren nicht beschämen, sondern des nachts weiter wandern.

Wir begaben uns auf den Weg und kamen nach achtzehn Stunden schon am Ort an. In dieser Zeit mussten wir über dreißig Bergströme watten. Ausruhen wollten wir uns nicht – dafür war es zu kalt, Im Mondlicht  glänzten die Gletscher. Drumherum tauchten schreckliche Schatten auf und Silhouetten, nach dem Gebet erkannten wir, dass es Kühe und Pferde waren.

Sergej Vasil’evich erzählte viele interessante Geschichten aus seinem Leben als LKW-Fahrer. Ich verstand, warum die zweite Wurzel dieses Wortes auftauchte. Das Transportieren von Lasten – ein wahrer Kampf. Die Füße waren nass, doch das Gehen wärmte uns. Am Morgen fanden wir in der Quelle eine Plastikflasche von zwei Litern mit Kefir aus Pferdemilch. Es sah so aus, also ob die Quelle diese von Weitem gebracht hatte (es gab keine Jurten in der nähe) und uns beschenkte dank Gottes Befehl.

Um die Mittagszeit herum stießen wir auf eine irdische Anomalie: Die Hänge waren besonders dicht bewachsen mit süßen und aromatischen Beeren. Diese zu essen war besonders bequem im Liegen – zu Beginn haben wir nicht einmal die Hände dafür verwendet. Die Sonne brannte. Die Kräfte ließen nach. In der Ferne zeigte sich das Dorf Aral-Tjube. Um dorthin zu gelangen, musste man durch einen Fluss Kaskenterek watten, dieser hat viel Wasser und ist besonders stürmisch. Schon vor dem Ende des schweren Wattens, fühlte ich, dass der Fluss mich umfallen lässt. Ich warf mich aus allen Kräften nach vorne und fiel bald auf die Steine am Ufer. Ich bleib liegen.

Als ich die Augen öffnete, sah ich ihn – einen zauberhaften, schwarzen Stein, mit dem geraden, symmetrischen Bild eines Herzens. Doch war dieses Bild nicht von Hand erschaffen worden. Irgendeine weiße Farbe schmolz in der schwarzen. Wir nahmen den Stein mit – wie einen Orden, wie eine Erinnerung an das Weiße des Herzens und an eine sehr schwere Wanderung. Der Stein lag nur einige Monate im Koktal‘ und verschwand. Lange Zeit erschien er mir in den Steinen, von welchen es nicht wenige gibt auf dem Territorium der Kirche. Doch leider blieb er mir nur im Gedächtnis. Ich fliehe feige vor schweren Strecken, und mein Herz ist weiß.

Nun, solche Erinnerungen an die Verluste.

Es gibt noch eine Erzählung über ein großes, steinernes Auge in den Felsen auf dem Weg zum Medeo, welches ich sah, fotografierte, doch beim zweiten Mal nicht finden konnte. Nächstes Mal suche ich danach. Ich hoffe, dorthin zu gehen, vielleicht mit einem von Ihnen, um meine Freunde zu erfreuen, wenigstens einen Verlust wieder zu finden. Verschwindet nicht! Verirrt euch nicht!

                                                                                                                                  27 Juli, 2020

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