Tonya Shipulina: „Mucha“

Tonya Shipulina

Mucha“

Protagonisten

Mucha – Mischa Konopka

Papa – Maxim

Mama – Alina

Tigran – Freund und Klassenkamerad von Mischa

Nebenfiguren

Paschka

Maxims Mutter

Zhazira

Anastastja Vladimirovna

Lehrerin „der Weltgeschichte“

Ein junger Mann mit blauen Kopfhörern

Stellvertretender Schulleiter

Olja

Kobold Il’juha

Erste Szene

Ein dunkler, leerer Raum. Der Vater von Mucha erscheint – von Kopf bis Fuß in Watte gehüllt.

Über der Watte eine dichte, blasenförmige Folie. Diese Polyethylen-Folie riecht nach Säure. Die Nasenwurzel des Vaters ist rot, jedes Auge blickt in eine andere Richtung.

Der Vater streckt ängstlich den Kopf aus der Watte:

– Alina, hast du etwas gegen hohen Blutdruck?

Eine Ecke des leeren, schwarzen Raumes wird beleuchtet – das ist eine kleine, doch ansehnliche, helle Küche.

Die Mutter schiebt schweigend den Hocker zum Schrank (Der Arzneikasten ist im oberen Fach), stellt sich da drauf, nimmt vom Regal eine Plastikschachtel, nimmt eine silberne Pille, macht diese auf und gibt sie schweigend dem Ehemann.

Papa:

– Danke. Und hast du etwas für das Herz, weißt du noch, du hast mal was gekauft?

Alina, kühl:

– Lustig…Lustig die Arznei mit Gift zu schlucken.

Die scharfen Augen der Mutter blicken wieder auf die Polyethylen-Blasen, die mit Luft gefüllt sind. Einige der Bläschen platzen, doch unter ihnen ist Watte und die Worte sinken in ihr ein, verheddern sich. Den Vater von Mucha stören sie nicht. Alina sucht in der Kiste nach Herz-Tabletten. Und findet diese.

Der Vater nimmt diese, nickt (der Kopf versteckt sich wieder in der Watte):

– Ich lege mich etwas hin. Mir geht es nicht so gut.

Alina atmet auf. Es ist schwer. als ob sie versucht hätte einen zwanzig Kilo Sack Kartoffeln zu heben, den sie jedoch fallen ließ. Der Atem, so wie die Worte berühren die Schutzhülle des Kostüms. Doch sie erreichen nicht die Ohren und lösen sich auf.

Alina. Suchanfrage: „Der Alkohol in der Natur“.

„Wenn Sie zur Zeit des Picknicks ein Glas vergorenen Saftes oder der Marmelade übrig lasst, dann bemerken Sie nach kurzer Zeit, dass um dieses Wespen kreisen. Diese können zu solch einer Leckerei nicht Nein sagen. Sie werden sich gegenseitig schubsen die Reihenfolge nicht beachten und werden so ertrinken. Und diejenigen, die überlebt haben und im Flug humpeln, kriechen bis zu ihrem Bienenstock und warten auf die Enttäuschung. Die nüchternen Verwandten lassen sie nicht ins gemeinsame Haus. Und sie werden sie nicht eher herein lassen, bevor diese nicht nüchtern sind.“

Das Licht in der Küche geht aus. Vater und Mutter verschwinden.

Im dunklen, leeren Raum erscheint Mucha:

– Natürlich, in Wirklichkeit hat mein Vater keine Watte, keine Folie mit Bläschen. Er trägt ein gewöhnliches, graues Sweatshirt und eine graue Hose. Nur die Mutter machte einmal einen Witz: „Dein Vater hört uns nicht, er hat eine Kleidung an, die ihn durchsichtig macht, mit dem Schutz vor allen Empfindungen.

…Nun kann man diese Watte und die Folie gar nicht mehr sehen. Der Wollsack mit den Bläschen ist das Lieblingskostüm des Vaters. Manchmal trägt der Vater das monatelang und kann sich nicht davon lösen. Er sieht darin lustig aus, böse und traurig.

Eine weitere Ecke des dunklen Raumes wird erleuchtet – der Flur.

Mucha:

– Und überhaupt würde ich gerne vieles nicht sehen.

Mucha steht im Flur und schaut, wie seine Mutter irgendetwas sucht hinter den Küchenschränken, hinter dem Kühlschrank, im Korb mit der Schmutzwäsche und sogar in der Toilette.

Mucha:

– Warum fahre ich dann überhaupt vor? Ich kann nicht aufhören zu schauen…

Muchas Mutter findet endlich irgendwo eine große, glänzende Flasche und mit einem siegreichen Äußeren gießt sie die durchsichtige Flüssigkeit in den Waschbecken.

Mucha:

– Dann gießt die Mutter in die Flasche normales Wasser aus dem Wasserhahn, bindet einen Zettel an den Flaschenhals und stellt die Flasche wieder zurück. So als ob niemand sie gefunden hätte. Die Mutter nennt es „Eine Überraschung für den Vater machen.“ Papa spielt ein Spiel mit dem Verstecken von Flaschen, er nennt es „Zanachki“.

Mischa. Suchanfrage: „Fahne“ (russ. Peregar)

Peregar – eine Methode der Bearbeitung von Erde in der Landwirtschaft“ (Wikipedia)

Mischa. Suchanfrage. „Fahne bei Alkoholikern“

Wenn in den menschlichen Organismus Alkohol eintritt, also ein giftiges Mittel, beginnt die Leber zu reagieren. Zuerst muss sie das Gift unschädlich machen, und dieses erst dann ausführen. Deswegen verwandelt die Leber den giftigen Spiritus in eine ungefährliche Essigsäure. Doch damit diese Metamorphose erst möglich sein wird, wird aus dem Spiritus Acetaldehyd. Nicht weniher ungefährlich. Eine kleine Menge des Giftes kann die Leber selbst beseitigen, doch wenn zu viel Alkohol vorhanden ist, kann die Leber nicht mehr funktionieren. Der Fokus gelingt erst stückweise und der Acetaldehyd sammelt sich an. Das Blut zerrt dieses und andere Produkte des Alkohols durch den ganzen Organismus und erreicht auch die Lungen.“

Mucha geht weg, das Licht geht aus.

Zweite Szene

Das Zimmer Muchas. Die Mutter hängt die nasse Wäsche auf den Wäscheständer. Der Ständer ist krumm, die einzelnen Sprungfedern sind draußen. Mucha liegt auf dem Bett, hört „Voobrazi Drakonov“ vermischt mit Zoj und Gorrilaz.

Mama:

– Mishca, hast du deine Rolle bereits gelernt?“

Misha nimmt den Kopfhörer heraus:

– Entschuldige, ich habe nicht gehört. Was hast du gesagt?“

Маmа:

Hast du deine Rolle gelernt? Du hast morgen den Ablauf. Erinnerst du dich?

Mucha:

Was soll man da lernen…Der Räuber hat nur zwei Punkte.

Mama:

Wolltest du direkt die Hauptrolle? Anastasija Vladimirovna wird sich anschauen, wie du mit dieser kleinen Rolle zurecht kommst und gibt dir nächstes Mal eine größere.

Mucha:

– Aha, macht sie.

Mucha nickt und schmunzelt:

– Und wie sie sie mir geben wird.

Mama

– Warum bist du so frech, erkläre es mir?

Mucha: ich bin nicht frech.

Mucha legt den Kopfhörer wieder auf die Ohren, doch stellt die Lautstärke der Musik auf das Minimum. Er blickt einige Minuten die Mutter an und ist dann endlich bereit:

– Mama, wird Papa heute wieder auf meinem Bett schlafen?

Mama:

– Ja, heute schläfst du bei mir.

Mucha:

– Und wird es lange so gehen?

Mama:

– Ich weiß nicht, mein Teurer… ich weiß es nicht.

Mucha nickt:

– Verstehe…

…Das ist die Unwahrheit. Ich verstehe gar nichts…Mama sagt, dass Papa krank ist. Sie sagt, dass es schwer ist mit einer solchen Krankheit zu kämpfen. Alkoholismus sei eine Krankheit wie jede andere auch, und es ist peinlich zum Arzt zu gehen. Doch das sollte nicht peinlich sein, verstehst du?“ Nur erklärt es mir meine Mutter im Flüsterton.

Man hört ein Schnarchen.

Mucha:

– Der Papa schnarcht…Ich könnte um diese Uhrzeit nie schlafen…vor dem Fenster ist es noch hell. Es ist erst halb fünf. Und der Vater schläft…Einmal ist er vom Bett runter gefallen und schlief die ganze Nacht auf dem Boden. Die Mutter versuchte ihn zu wecken: schubste ihn, sprach laut in sein Ohr. Dann deckte sie ihn mit einer Decke zu. Am Morgen befand sich die Decke unter dem Tisch, und der Vater am Bücherregal – stieß mit seiner Stirn dagegen und drehte sich nicht mehr um. Als ich das sah, lachte ich und Mama sagte: „Das ist nicht lustig.“

In den Kopfhörern von Mucha dröhnt das Lied: „I want to shelter you, but with the beast inside, there’s nowhere we can hide…”

Mucha:

– Das heißt: “Ich möchte dich bewahren, doch mit einem solchen Tier im Inneren können wir uns nirgendwo verstecken”.

Mucha beobachtet, wie seine Mutter auf dem Wäscheständer sein Schulhemd glatt drückt und fragt plötzlich:

– Warum trinkt Vater?

Die Mutter verstummt. Dann schweigt sie eine Weile und sagt dann leise:

– Dein Vater lebte in seiner Kindheit in einem Zimmer mit seinem Stiefbruder…dieser konnte nachts aufwachen, unter dem Kissen eine Wodkaflasche heraus holen und diese trinken, als sei es Wasser. Er trank, trank, trank…ich kenne sogar den Grund nicht, warum er anfing zu trinken…doch das Wichtigste ist, dass er einmal so viel trank, dass er starb.

Die Mutter atmet auf:

– Dein Vater liebte ihn…Vielleicht denkt er jetzt, dass er keine Wahl hat und in einer Falle sitzt. Möglicherweise hat er Angst davor, was ihn später erwartet…Hat Angst vor dem Tod.

Mucha verdreht die Augen:

– Das heißt er hat Angst vor dem Tod und tötet deshalb sich selbst?

Mama:

– Verdrehe nie deine Augen so vor den dir Nahestehenden. Das verletzt…Dein Vater ist ein guter Mensch. Freundlich und lustig. Ich dachte man könnte mit seinem Leid zurecht kommen, verstehst du? Ich erkläre ihm, was ich kann, und er wird verstehen. Doch er hat es immer noch nicht verstanden. Bis jetzt…

Mucha:

– Überhaupt ist der Tod etwas schreckliches, ich verstehe, bin nicht dumm…Einmal habe ich mit Freunden ein überfahrenes Küken beobachtet. Das Nest fanden die Mädchen – in der Öffnung eines Rohres, an dem Seile befestigt sind zum Trocknen von Wäsche. Irgendjemand nahm aus dem Haus einen Stuhl heraus. Das Rohr ist ziemlich hoch. Zuerst kletterten einer nach dem anderen hoch und beobachteten das Nest. Dort piepsten vier rosa Würmer mit gelben Schnäbeln. Anstelle von Augen hatten sie solch dunklen Kugeln, wie aus Knete geformt. Die Haut durchsichtig, man glaubt gar nicht daran, dass daraus bald Federn wachsen würden.

Und dann geschah (keinem den Jungs war bewusst wie) dass eines der Küken plötzlich auf dem Asphalt lag Er wurde von einem Reifen eines vorüber fahrenden Autos zerdrückt und wurde flach wie aus Karton. Ich wollte das tote Küken nicht beobachten, doch ich schaute und schaute es an. Wozu? Doch ich konnte nicht aufhören…

Die Mutter kam mit Pantoffeln auf den Füßen aus dem Haus, schnappte das Küken mit irgendeinem Stab und schob ihn damit vom Asphalt in die Sträucher…wie heißt er nochmal…Schneebeere. Sie versprach, ihn später zu begraben, doch sie hatte es vergessen.

Dritte Szene

Das Licht fällt aus Muchas Zimmer in ein anderes. Auf dem Bett sitzt Muchas Vater. Er ist eben erst aufgewacht und bedeckt mit aller Kraft das Gesicht mit den Händen.

Maxim still:

– Peinlich…wie peinlich. Im Mund Maxims ist es trocken, die Lippen kleben zusammen. In den Schläfen pocht es. Und er will trinken. So sehr wie in der Wüste.

Maxim steht auf, wackelt, geht den dunklen Flur entlang in die Küche. In der Küche ist es auch dunkel, doch Maxim braucht kein Licht, er beugt sich zur Waschmaschine, fühlt etwas kühles. Nimmt es heraus. Macht einen Zettel auf. Welcher Zettel. Dann macht er ein paar Schlucke.

Maxim:

– Pfui!

Maxim wirft die Flasche ins Waschbecken, doch diese bleibt wie ein Wunder, ganz. Er nimmt den Zettel und liest in der Diagonale.

Maxim murmelt:

– Eine alte Platte…so geht das nicht weiter…erinnere dich an den Sohn …Bin ich etwa ein Alki… wie ich hier vor dem Zaun liege? Ich verdiene Geld…und bin müde. Habe ich ein Recht mich zu entspannen oder nicht?

Maxim knüllt den Zettel zusammen, kehrt in den Flur zurück, zieht sich Schuhe an, versucht leise zu sein und öffnet die Eingangstür. Im Treppenhaus müsste es noch von dem Frühjahr Vorrat geben. Da unter der Treppe. Wenn dieser natürlich nicht von der lokalen Säuferin mitgenommen wurde. Maxim steigt in den Keller herunter. Ja, irgendwo hier..das Herz klopft schnell-schnell. Maxim beeilt sich, tritt in eine Plastik-Schachtel mit den Resten irgendeines Essens. Wahrscheinlich füttert die Nachbarin von oben die Katzen. Das Herz klopft schnell. Maxim ist schwindelig. Doch da findet er, was er gesucht hat. Er trinkt schnell und versteckt es in der Hosentasche. Das Herz beruhigt sich.

Maxim zum Saal:

– So kann man weiter leben.

Er zündet sich eine Zigarette an und geht in den Schnee.

Misha. Suchanfrage: „Varianten von Fallen“.

Dieser bunte Kelch ist gefüllt mit einer Flüssigkeit welche viel gefährlicher ist als Sonnentau. Der Sonnentau wirkt wie ein klebriges Papier, das mit einem Mittel bedeckt ist, an dem Insekten kleben bleiben. Sarracenija ist eine raffinierte Falle, ein idealer Mechanismus für das Fangen und den Tod von Insekten. Die Konstruktion ist verblüffend! Die Krone dieser schönen Pflanzen ähnelt einer Blume mit roten Äderchen, die an ein Muster erinnern. Sie zieht nicht nur die Aufmerksamkeit auf sich, sie verspricht ihrem zukünftigen Opfer ein märchenhaftes Mahl. Auf dem unteren Teil des Blattes von Sarracenija gibt es Tropfen von lockendem Nektar. Das Insekt kann nicht widerstehen und vorbei fliegen. Zum Beispiel sei es eine Fliege. Schaut nur, wie sie beschäftigt ist mit dem Essen der Köstlichkeit, dass sie sogar nicht bemerkt, dass es schwer ist, sich auf dem Papier zu halten. Die Blätter der Pflanze helfen dem Insekt nach unten zu kriechen – in das Innere des Kelches, werden danach aber rutschig. Die Fliege rutscht aus, fällt und ertrinkt im Brunnen, welcher gefüllt ist mit giftigen Fermenten. Es gibt keine Rettung – aus dem Kelch zu klettern ist unmöglich. Das Insekt zersetzt sich kontinuierlich und die Pflanze schluckt die Inhaltsstoffe, mit einem Aufwand, süßen Nektar herzustellen.“

Vierte Szene

Das Fenster in der Küche ist halboffen, auf der Fensterbank steht eine Tasse mit Tee. Diese wird umhüllt von Wirbeln eisiger Luft. Das Butterbrot ist bereits aufgegessen, und der Tee wird nicht kalt. Mucha versucht einen Schluck zu machen, doch er verbrennt sich.

Die Mutter, ohne den Telefonhörer aus der Hand zu lassen:

– Gib etwas Milch hinzu.

Im Telefon spricht eine weibliche Stimme zum zehnten Mal: „Der Abonnent befindet sich außerhalb der Zone“.

Mucha wirft die Krümmel vom Tisch in seine Handflächen:

– Ich kann es nicht leiden.

Die Mutter fragt nach:

– Wen kannst du nicht leiden?

Mucha lächelt:

– Milch. Doch nicht Papa…

Alina schließt das Fenster, wischt das beschlagene Fenster mit dem Ärmel des Mantels und blickt in die brennende Weiße des Morgens:

Wahrscheinlich ist sein Handy nicht aufgeladen. Mach dir keine Sorgen.

Mucha:

-Gut, ich gehe…

Mama:
– Gut…ruf an wenn du da bist.

Mucha geht in den Korridor, zieht sich die Jacke an, wirft einen Rucksack auf den Rücken.

Draußen bleibt er bei einem Strauch der Schneebeere stehen. Er wirft den Schnee mit der Spitze des Schuhs vor sich. Atmet schwer aus.

Mucha:

– Eines Tages, damals, beschmissen Papa und ich uns mit diesen weißen, runden Beeren und wenn diese auf die Erde fielen, zerdrückten wir sie. Die Kugeln platzten unter den Füßen auf – toll! Papa lachte und ich lachte auch…Papa roch nicht nach der sauren Folie, sondern nach Parfum, welches meine Mutter ihm zum Geburtstag geschenkt hat.

Mucha zieht sich die Mütze über die Ohren (diese wackelt ständig), geht zum Fußballfeld und sagt:

Gestern vereinbarten Tigran und ich, uns hier zu treffen. Doch er kommt immer zu spät, er hat einen weiten Weg – von dem Parkplatz muss er immer alleine laufen. Man hat mich erst dieses Jahr alleine zur Schule gehen lassen, und Tigran ging seit der vierten Klasse alleine.

Ein Schrei ertönt:

– Much-a-a-a!“

Tigran steht an der Ampel und winkt ihn mit aller Kraft.

Mucha lächelt und schreit als Antwort:

– Deine Hand fällt dir ab!

Tigran läuft zu ihm, richtet seine Mütze – diese sitzt auch bei ihm immer schief:

– U-F-F-F. Hast du Mathe gemacht?

Mucha:

– Nein, ich habe nichts davon verstanden, was sie uns erklärt hatte.

Tigran ist verwundert:

– Und die Mutter? Sie kennst sich doch in Mathematik aus.

Mucha:

– Ne, die hat keine Ahnung. Sie hatte gestern außerdem keine Zeit.

Mucha dreht sich zum vierstöckigen, braunen Haus. Es scheint ihm als ob er im Fenster der ersten Etage immer noch die Silhouette der Mutter sieht. Er kann sogar wieder hören: „Der Abonnent befindet sich außerhalb der Zone“

Mucha fügt hinzu:

– Ja, und Papa kam zu spät von der Arbeit zurück.

Tigran schubst den Sportbeutel:

– Alles klar. Ich habe sie auch nicht gemacht. Meine Mutter versteht all diese Wurzeln auch nicht – sie will nicht einmal in das Buch blicken. Sie sagt: „Suche du selber im Internet!“ und ich habe es gefunden, doch verstand trotzdem nicht.

Mucha:

– Ich frage Tigran nicht einmal nach dem Vater. Tigran hat nicht einmal von ihm erzählt. Vielleicht haben sich die Eltern scheiden lassen oder Tigran hat seinen Vater noch nie gesehen. So etwas kommt vor…

Tigran:

– Aber dass wir Mathe in der ersten Stunde haben, das weißt du noch?“

Mucha versteht die Anmerkung sofort und lächelt.

– Ok, ich bin einverstanden!

Vielleicht atmet der Mensch eine neue Luft ein, lüftet das Gehirn und beginnt auch die Mathematik zu verstehen.

Tigran:

– Wohin gehen wir?

Mucha:

Tigran interessiert sich nur zum Schein. Wir schwänzen den Unterricht immer auf dem selben Hof. Kaufen uns Limo, eine Packung Chips, klettern auf die Rutsche (gut, dass man die Spielplätze dieses Jahr renoviert hat, und die Rutsche ist aus Plastik und nicht aus Metall – der Hintern friert nicht) und so vergeuden wir die Zeit. Normalerweise spielerisch.

Mucha zu Tigran:

– Lass uns wieder dort hingehen.

Mucha und Tigran gehen langsam, die Straße wird immer leerer – Kinder, die zur Schule eilten, sitzen bereits in den Klassenräumen – machen den Anschein als würden sie den Lehrern zuhören. Es fällt der Schnee.

Nach einer langen Pause sagt Tigran:

– Meine Mutter hat mir das Handy weg genommen. Weil ich in der Englischarbeit eine zwei hatte.

Ich erklärte ihr, dass alle in der Klasse eine schlechte Note haben, nicht nur ich, und dass ich sie am Samstag umschreiben werde, doch sie nahm es mir weg und gab mir eins mit Knöpfen.

Tigran zieht aus der Tasche ein Telefon mit kleinem Display, dreht dieses in den Händen mit Ekel, als ob es irgend ein Plastikmüll sei, und steckt es wieder ein.

Tigran:

– Und sie weiß noch nicht über kasachisch Bescheid. Und warum hat diese Roza Tleubekovna solch einen Aufstand gemacht damals? Sie zerriss das Heft. Ich habe doch alles richtig geschrieben…sag du das doch auch…

Mucha nickt:

– Jap…gestern versuchte mir meine Mutter zu erklären, dass Lehrer auch Menschen seien – sie werden müde von uns und werden dann laut…

Tigran lächelt knapp:

– Und wir? Sind wir denn keine Menschen?

Dann bleibt er plötzlich stehen.

Tigran:

Schau mal, da auf der Bank schläft ein Alki ohne Schuhe…es schneit und er ist ausgezogen…

Mucha:

– Atmet er wenigstens?

Tigran wird schneller:

– Ich habe keine Ahnung. Lass uns nachschauen.

Mucha wird ebenfalls schneller. Die Bank kommt näher. Der Mensch, der auf ihr liegt, scheint nicht mehr ein kleines Spielzeug zu sein. Noch näher…der Mann atmet. Er trägt ein graues Tshirt und eine graue Hose. Auf den Beinen nichts. Die Haut auf den Fingern ist rau und voller Schnee.

Tigran schlägt mit der Faust auf den Tisch:

– Abschaum der Gesellschaft!

Mucha schweigt.

Tigran:

– Gute Menschen sterben, ohne fünfzig zu werden, Kinder haben Krebs, und DIESE, leben…Man macht nichts mit ihnen. Mein Vater hat auch viel getrunken. Deswegen wollte er sich mit allen raufen…deswegen hat sich meine Mutter von ihm scheiden lassen. Eines Tages, stell dir vor, erzählte mir meine Mutter, wie ein Nachbarhund den Vater auf den Mund biss, als er besoffen diesen blöd anmachte. Und fast hätte sie ihm diesen abgerissen. Und so hing sein Mund und dann irgendwann nicht mehr.

Tigran dreht sich von dem Mann weg und geht weiter:

– Meinen Vater habe ich nicht gesehen seit ich fünf war…Er ist kein Mann.

Mucha steht still schweigend da. Er stellt sich Tigans Vater vor mit der zerrissenen Lippe und einem Taschentuch. Und rotes Blut, tropfend auf den weißen Schnee.

Tigran wackelt mit der Hand:

– Kommst du?

Mucha dreht sich auch weg. Von dem Vater. Und geht Tigran hinterher. Sie gehen langsam. Sogar langsamer als zuvor. Muchas Wangen glühen – sie sind rot.

Tigran klopft Mucha auf die Schulter:

– Hör mal, ich wollte dich fragen. Du bist doch Mischa, warum nennt man dich Mucha?

Mucha hebt die Augen Richtung Tigran, wacht aus seinen Gedanken auf, versucht zu verstehen, worum es geht. In der nächsten Minute versteht er es.

Mucha:

– Kannst du dich nicht erinnern? Damals, in der ersten Klasse…

Tigran lächelt wieder:

-Hallo! Ich kam doch erst in der zweiten zu euch.

Mucha:

– Aaa…nichts besonderes… in der ersten Klasse, während des Unterrichts bemerkte ich eine Fliege auf dem Fenster. Sie schlug gegen das Fenster, zummte, und ich kroch dahin um es zu öffnen – die Lehrerin war gerade draußen. Doch ich fiel hin und brach mir den rechten Arm. Und so wurde ich zu…Mucha.

.

Tigran verwundert:

– Warum hast du die Fliege raus gelassen? Das ist doch kein Schmetterling oder Vogel…

Mucha bewegt die Schultern. Die Bank mit dem Vater ist schon weit weg, man kann sie von hier aus nicht sehen.

Mucha:

– Mensch, Tigran, ich habe mich eben daran erinnert, dass ich meinen Sportbeutel zuhause gelassen habe…geh du nur, ich hole dich ein. Sonst wird Rashidych wieder schreien.

Mucha verschwindet, lässt Tigran nicht antworten. Er rennt schnell, ohne sich umzudrehen.

Fünfte Szene

Ein Klingeln

Maxims Mutter:

– Hallo Alinochka? Kannst du mich gut hören? Töchterchen, wie geht es euch?

Alina:

– Alles gut, Mama, guten Tag! Wie geht es Ihnen? Wie ist die Gesundheit?

Maxims Mutter:

– Bei mir ist alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Erzähl mir lieber wie es meinem Söhnchen geht, trinkt er wieder?

Alina:

– er trinkt

Maxims Mutter:

Oh, meine Güte, was soll man nur mit ihm machen…Nach wem von uns ist er so? Seit er das erste mal bei der Abschlussfeier getrunken hat, kann er nicht mehr aufhören…Ich und sein Vater haben nur an Feiertagen getrunken oder an Wochenenden. Wer trinkt denn am helligsten Tag? Und haben wir nicht irgendein Zeug getrunken, sondern Fruchtlikör aus Berberitzen oder Johannisbeere, selbst gemacht. Und dass Paschka Wodka trank wie verrückt, dann hätte Maxim sich ein Beispiel daran nehmen sollen, dass Alkohol dem Menschen schadet…Oh du meine Güte, das Herz zerreißt mir..

Alina:

– Mama, es ist schwer darüber zu sprechen, das verstehe ich. Lassen Sie uns aufhören. Erzählen Sie lieber wie es Ihren Beinen geht, hat der Balsam geholfen, den ich Ihnen mitgebracht hatte?

Maxims Mutter:

– Alinochka, meine Teure, kann ich über meine Beine erzählen während du dich mit meinem Kind quälst?

Alina:

– Mama, ich liebe ihn. Und er mich.

Maxims Mutter:

– Alinochka, Töchterchen, erinnerst du dich an die Großmutter Njura, sie wohnte über mir in der fünfundzwanzigsten Wohnung? Eine füllige Frau, hat viel geflucht, erinnerst du dich?

Alina:

– Ich glaube, ich erinnere mich.

Maxims Mutter:

– Sie hatte zwei Töchter, weißt du noch? Die eine der beiden, die Ältere, hat auch schrecklich viel getrunken. Ihr Bräutigam hat sie verlassen, ist ihr vor der Hochzeit fremd gegangen. So hat sie sich verschiedene Leute zu sich nach hause eingeladen. Im Hof war ein schlimmer Lärm. Njurka kniete vor der Tochter nieder, bat sie nicht zu trinken, doch dieser war es egal…Während ich mit dir sprach, erinnerte ich mich, dass Njurka, auf den Vorschlag des Priesters, zu einer Tante an den Stadtrand fuhr – irgendwohin auf die Turarsker Datschen, diese gab ihr heiliges Wasser. Darin irgendwelche Heilkräuter, dieses sollte man heimlich ins Getränk mischen, einen kleinen Löffel, und dabei irgendwelche Wörter murmeln.Und stell dir vor, es hat ihr geholfen! Aus ihr wurde ein neuer Mensch! Alinochka, schau in deinem Internet nach, vielleicht findest du dort den Kontakt dieser Tante oder die Worte? Vielleicht wird auch mein Söhnchen gesund…

Alina:

– Mama, seien Sie nicht böse, doch das was sie beschreiben ist Scharlatanerie. Alkoholismus ist eine ernste Krankheit. Der Mensch hat nicht nur psychologische, sondern auch physische Abhängigkeit…

Maxims Mutter:

– Alinochka, verzeih mir, dass ich unterbreche…du sagst so schlaue Worte, doch nimm es einfach an und glaube daran. Die Kraft des Glaubens erschafft Wunder! Und du riskierst nichts, stimmt es?…und noch was Töchterchen, bete häufiger, gut? Ich werde es auch tun.

Alina, Suchanfrage: „Beschwörungsformel gegen Alkoholismus“.

„Beschwörungsformel für das Verschwinden von Alkoholismus, nach den Worten der Heiler, soll man am besten in der Zeit des abnehmenden Mondes vollführen. Zwei- drei Tage vor Neumond. Mit der rechten Hand ist es wichtig, ein Glas zu kreuzen, welches mit geheiligtem Wasser aus der Kirche geweiht ist und dazu zu sagen: „Heiliges Wasser, die Kerze ist stark. Wie die Feuchtigkeit sich nicht mit der Flamme anfreunden kann, so soll auch ich vom Alkohol die Finger lassen. Die Feuchtigkeit dringt in mein Inneres ein, die Flamme im Inneren ertränkt mich und die Abhängigkeit verschwindet. Die Kerze wird erlöschen, die Schuld wird mit dem Rauch verschwinden. Amen.“ Danach muss man das Wasser trinken, die Kerze löschen, sich bekreuzigen und schlafen legen. Am nächsten Morgen werden Sie als neuer Mensch auferstehen.

Küche. Alina steht am Fenster, wählt noch einmal die Nummer ihres Ehemannes. Wie immer geht keiner dran. Alina schließt das Fenster, geht in den Flur und schaut sich im Spiegel an.

Alina:

– Ein guter Spiegel. Er lügt nie. Und das Licht neben diesem ist so weich. Den Rahmen hat Max gemacht, als wir gerade hier eingezogen sind. Er baute diesen aus den Brettern des alten Schrankes. Er arbeitete lang daran, hatte in jedem Finger einen Splitter. Er färbte den Rahmen in meine Lieblingsfarbe – türkis, und hängte diesen auf. Er ging jede halbe Stunde zum Spiegel und bewunderte diesen, fragte immer wieder, ob er mir so gefällt. Ich sagte ihm, dass er mir gefalle. Dann sagte er, ich sollte es noch einmal sagen, und ich sagte es ihm …

Im Spiegel spiegelt sich ein Kleiderständer voller Fellmäntel, Rucksäcke und Schirme. Maxims Jacke hängt auf einem Haken – khakifarben, nur die Kapuze – bunt.

Alina geht zur Jacke und berührt diese:

– Seine Lieblingsjacke.

Alina dreht sich zum Schuhregal, verwundert:

– Die Schuhe Maxims sind irgendwie nicht da. Seltsam…

Alina beschließt wieder seine Nummer zu wählen, doch auf dem Bildschirm erschienen die Buchstaben: „Mischka“.

Alina, mit Sorge in der Stimme:

– Ja Mischa, hast du jetzt nicht Unterricht?

Mucha schreit:

– Da liegt Papa! Papa auf der Bank! Ich versuchte ihn zu wecken, doch er wacht nicht auf. Ich schaffe es nicht ihn zu halten. Er hat keine Schuhe an. Seine Beine sind nackt, Mama!

Alina. Suchanfrage: „Alkohol in der Natur“.

Wenn Spechte beschließen Eltern zu werden – sind sie konzentriert und geschäftig. Sie zu beobachten ist das reinste Vergnügen. Sie suchen sich den besten Platz für ihr künftiges Nest, sammeln notwendiges Baumaterial. Doch wenn Sie Spechte beobachten in einem warmen Winter – dann erkennen Sie sie wahrscheinlich nicht! Von ihrer Disziplin bleibt keine Spur. Wenn die Spechte vergorene Beeren gegessen haben, verlieren sie die Vorsichtigkeit und die Fähigkeit ihren Flug zu regulieren, sie haben keine Angst mehr vor Hunden oder Katzen. Betrunkene Spechte singen nicht – sie fliegen gegen Fensterscheiben und fallen in Gruben. Ziemlich oft endet ein solches Verhalten für sie im Tod.“

Sechste Szene

Draußen. Eine Bank. Alina versucht den Ehemann zu heben, um die Jacke unter ihn zu schieben und diese wenigstens teilweise auf ihn zu ziehen. Mucha versucht aus aller Kraft zu helfen: schubst, hebt an, hält fest, wie seine Mutter bestimmt. Die Füße des Vaters tragen nun Schuhe. Als erstes rieb die Mutter die Füße mit irgendeiner Creme ein – direkt vor den Vorbeigehenden – zog ihm Socken an und warme Turnschuhe.

Alina:

– Lass uns ihn umdrehen, Mischa! Zu dir, zu dir! Noch ein bisschen!

Der Vater scheint aufzuwachen. Muht irgend etwas. Er riecht so säuerlich, dass Mucha sich ekelt.

Alina schreit in das Ohr ihres Ehemannes:

– Maxim! Steh auf, wir müssen gehen! Wir müssen bis zum Haus gehen!

Muchas Vater versucht aufzustehen und fällt wieder auf die Bank.

Auf einmal, die Worte ziehend, sagt Muchas Vater:

– Gibst du mir fünf Tenge für eine Pirogge mit Kartoffeln? Ulken Rahmet, wir werden ausgehen!

Alina versucht verärgert den Mann wieder zu heben:

– Bist genug ausgegangen!

Mucha versucht es noch´einmal, doch der Vater ist zu schwer. Sie drehen sich um und beobachten. Manche lachen. Ein Kerl mit blauen Kopfhörern nimmt den Vater Muchas mit dem Handy auf.

Mucha:

– Vielleicht wird es der Dummkopf auf Instargram stellen?

Mucha senkt den Kopf:

– Depp…

Alina:

– Mischa, zanke nicht, das muss nicht sein.

Alina hebt den Ehemann erfolgreich unter den Arm, und dieser steht endlich auf.

Alina:

– Das war es Mischa, er geht selber. Geh zur Schule, weiter werde ich selbst klar kommen.

Mucha:

– Ich gehe nicht, habe eh geschwänzt.

Alina:

– Ich sagte geh! Und versuche nicht mit mir zu streiten!

Mucha:

– Und der Vater darf?

Mucha wartet die Antwort nicht ab, und läuft weg. Läuft, läuft, läuft.

Siebente Szene

Schule. Das Fach Weltgeschichte. Mucha malt irgendetwas auf der Rückseite des dicken Heftes.

Mucha:

– Mich durchzuckte es heute – ich habe mit einen neuen Superhelden ausgedacht! Trommelwirbel – Ein Mensch – Alkoholfahne! Vor mir hat noch nie jemand so etwas ausgedacht. Superfähigkeit des Menschen-Alkoholfahne: Jeder, der sich ihm mehr als zwei Meter nähert – verliert sofort das Bewusstsein! Es gibt auch das extra Training: Die Standfestigkeit bei tiefen Temperaturen und die Möglichkeit das Gift zu aufzunehmen, und nicht direkt zu sterben.

Die Lehrerin der Weltgeschichte:

– Konopka, du hörst mir nicht zu! Du wirst die Klassenarbeit nicht bestehen und deine Mutter wird sich auf dem Elternsprechtag beschweren, warum ihr kluges Kind, das in der ersten Klasse nur gute Noten hatte, sich in einen schlechten Schüler verwandelt hat.

Die Lehrerin geht zu ihm. Nun ist sie ganz in seiner Nähe. Beugt sich über ihn, beugt sich. Bis zu dem Zeitpunkt, als ihr Gesicht so nah am Gesicht Muchas ist, dass er alle Poren und Falten zählen kann. Mucha beendet gerade die Zeichnung mit den fetten Kreuzen auf den Augen des Feindes, welcher von dem neuen Superhelden überwältigt wird.

Die Lehrerin der Weltgeschichte:

– Das Thema ist übrigens schwer, ich werde es nicht ein zweites Mal für dich wiederholen!

Mucha schließt das Heft:

– Entschuldigen Sie bitte.

Die Lehrerin der Weltgeschichte entfernt sich endlich von Mucha:

– Schau, Konopka, ich achte nicht darauf, dass du ein Schauspieler bist – im Theater spielst. Soll mich Anastasija Vladimirovna ruhig versuchen zu überreden, verstanden?

Mucha nickt:

– Verstanden.

Das Licht geht aus. Die Lehrerin der Weltgeschichte und die Schüler verschwinden – es bleibt nur Mucha. Er liegt auf der Schulbank, mit der rechten Wange den Tisch berührend. Draußen dämmert es schon, hinter dem zwei-glasigem Fenster des Schulfensters zittern die Zweige der Karagachej.

Mucha murmelt:

– Noch Literatur, Englisch, Selbsterkenntnis und dann Theater und nach hause. Gut, dass es das Theater gibt, ich will nicht nach hause.

Mucha atmet auf, legt sich auf den Tisch mit der anderen Wange.

Tigran betritt den Klassenraum – nass, die Krawatte kreuz und quer. Er setzt sich neben Mucha, legt seine große, schwere Hand auf seine Schulter und lächelt.

Tigran:

– Warum hast du Sport geschwänzt? Du wolltest doch deine Sachen holen?

Mucha streckt sich und steht vom Tisch auf:

– Da war eines nach dem anderen…Mama musste helfen…Ich verstand, dass es zu spät ist für die zweite Stunde. Hat Rashidych geschimpft?

Tigran:

– Nein, hat nur vermerkt, dass du nicht da bist, das war es.

Mucha versucht ebenfalls zu lächeln:

– Rashidych ist oft ein guter Mensch, stimmt es?

Tigran:

– Aha. Sollen wir dann nach dem Unterricht auf unserem Platz sitzen? Wir haben doch Literatur jetzt? Und die letzte Stunde . Englisch?

Mucha:

– Ich glaube Selbsterkenntnis.

Da springt Tigran auf, zeigt mit dem Finger:

– Schau, Zhazira ist eine Drogenabhängige!

Tigran lacht unnatürlich und wiederholt laut:

– Aha, Drogenabhängige!

Mucha schaut auf Zhazira. Sie sitzt zwei Tische weiter.Vor ihr ein kleiner Zettel mit irgendeinem Pulver. Nur ein bisschen. Zhaziras Augen sind wie die einer Saiga-Antilope, die Augenbrauen dicht, dunkel, treffen sich in der Mitte.

Zhazira dreht mit dem Finger auf der Schläfe:

– Bist du ein Depp? Das ist Arznei! Ich habe es von meiner Mutter, ich mag das Pulver lieber. Ich esse es jeden Tag in der vierten Stunde.

Tigran fliegt zu Zhazira:

– Natürlich, als würde ich es dir glauben! Lass mich mal riechen!

Zhazira reicht den Zettel zu Tigran:

– Hier, rieche wenn du magst, du Depp.

Tigran:

– Mucha, lass uns gehen und ihr glauben!

Tigran zerrt einen Stuhl zu Mucha:

– Wer ist erster?

Mucha setzt sich.

Tigran:

Lass uns auf Su-li-fa.

Mucha:

Okay.

Zusammen:

Su-li-fa!

Tigran:

Noch einmal bis drei!

Zusammen:

Su-li-fa!

Su-li-fa!

Tigran:

Mucha, du bist erster!

Mucha zieht das Papier zu sich, beugt sich, zieht das weiße Pulver mit der Nase ein, so wie er es mal in einem Film gesehen hat. Dann hebt er den Kopf und sieht seine Lehrerin vor sich.

Lehrerin:

Alle drei aufstehen, ihr nehmt das,was ihr gerade geschnüffelt habt, und geht mit mir zum Direktor!

Achte Szene

Maxim sitzt in der Küche mit einer Zigarette und beobachtet die Balkone des Hauses gegenüber. Alle sind gleich traurig.. Nur einer – in der zweiten Etage sticht hervor. Sein oberer Teil besteht aus alten, rostigen Brettern. Unten sieht man schöne, große Keramikplatten mit kasachischen, nationalen Ornamenten. Maxim macht die Zigarette aus – macht mit der Kippe eine Höhle im Haufen der anderen Kippen, ein Teil der grau-schwarzen Asche fällt auf die milchige Fensterbank.

Er schließt das Fenster fest zu, steht vom Hocker auf und dreht sich endlich zu Alina.

Maxim:

– Ich wollte mein Leben lang einen Balkon haben. Hätte ich ihn schön gestaltet…

Alina:

– Hast du wenigstens ein Wort gehört, von dem was ich dir gesagt habe?

Maxim geht zu Alina und umarmt sie:

– Ja, ich habe alles gehört, bin nicht taub.

Alina distanziert sich etwas.

Maxim:

– Alina, ich habe dir doch alles gesagt! Verstehst du? Alles! Verzeih mir, ich werde es nicht wiederholen…das reicht langsam, mich zu…

Alina schaut Maxim an:

– Alles? Weißt du wie oft ein solches Alles vorkam? Anfangs habe ich es sogar aufgeschrieben! In meinen Kalender, wie eine dumme Kuh, wie lange du von einem bis zum anderen Versprechen dich hältst. Drei Wochen! Drei unglückliche Wochen, verstehst du? Und weiter…deine Ersparnisse in allen Ecken! Versteckst sie im Treppenhaus! Von dir geht ein solcher Geruch aus, dass es sogar in den Augen brennt!

Maxim:

– Es wird ein paar Tage riechen und dann hört es auf…

Alina bittend:

– Du bist krank, Max, du brauchst Hilfe! Nach Hilfe zu fragen ist nicht peinlich! Lass uns zusammen einen guten Psychotherapeuten suchen, bitte…Er wird dich nicht auffressen! Ihr werden einfach nur sprechen…

Maxim löst Alina aus der Umarmung und geht ins Badezimmer.

Alina:

– Wohin gehst du weg von mir? Magst du es nicht, zu zu hören? Gefällt es dir etwas mit welchen Augen Mischa dich anblickt? Stell dir vor, wie es für ihn war, seinen betrunkenen Vater vor aller Leute Augen von der Bank abzuholen!

Maxim drückt auf die Zahnbürste einen blauen, welligen Tropfen, welcher wie eine exotische Raupe aussieht.

Maxim:

– Wie immer überspitzt er…das alles sah sicherlich nicht so schrecklich aus. Bin auf der Bank eingeschlafen, ja und…

Alina:

– Warum schweigst du Max?

Maxim:

– Alina, warum bist du am Besserwissern? Ich verstehe, ich habe übertrieben. Das ist schlecht und schädlich…überhaupt wenn man so nachdenkt, ist alles schädlich – rotes Fleisch, Karzinogene, Radiation, unser Smog in Alma-Ata – wir atmen ihn jeden Tag ein. Alina, das Leben ist so, dass wenn man nicht trinkt, wird man verrückt. Einer der Schriftsteller eines klassischen Romans sagte: Alkohol sei eine Anästhesie vom Leben. Erinnere mich, wer es war?

Alina:

– Hör zu, ich trinke nicht und bin bis jetzt nicht verrückt geworden! Und ich brauche auch keine Anästhesie.

Maxim:

– Wie konnte ich nur vergessen – mein himmlischer Engel! Raucht nicht, trinkt nicht! Vielleicht hast du nicht nachgedacht, deswegen trinke ich, warum kontrollierst du mich und wühlst in meinen Taschen! Ich träumte immer von einer Mini-Bar! Wie ein Globus, den man öffnen kann, hast du so etwas einmal gesehen? Damit ich, wenn ich müde von der Arbeit nachhause komme, fünfzig Gramm Kognak trinke zum Beispiel, um zu entspannen. Und um sich vor niemandem zu verstecken!

Alina:

– Schon lange schaue ich nicht mehr in deinen Taschen nach… ich verstand, dass es keinen Sinn mehr hat…Und mit der Bar, wir haben schon einmal versucht, so etwas mit dir zu machen, erinnerst du dich?

Maxim schweigt.

Alina:

– Wir sind gemeinsam ins Geschäft gegangen, haben ca. fünf teure Flaschen gekauft, kamen nach hause und stellten sie schön auf. Damals hatte ich noch gehofft, dass vielleicht wirklich sich alles ändern wird. Ich dachte, vielleicht bin ich wirklich selbst schuld. Erinnerst du dich, womit es endete? Du hast innerhalb einer Woche alle fünf Flaschen leer getrunken. Erinnerst du dich?

Maxim schweigt, die Zahnbürste zittert in seiner Hand.

Alina:

– Max, hör mich endlich, bitte! Das ist Selbstbetrug, ILLUSION, dass du den Inhalt des Getrunkenen kontrollieren kannst. Du darfst gar nichts trinken, verstehst du? Gar nicht… Das ist wie eine Allergie. Denn wenn du von Walnüssen anschwellen würdest, würdest du diese dann essen? Nicht du trinkst den Alkohol, sondern er dich. Er trinkt dich langsam, durch einen Strohhalm…bis es all deine Lebenssäfte gestohlen hat…

Maxim nähert die Zahnbürste zu dem Mund. Die blaue Raupe der Zahnpasta fällt ins Waschbecken, fällt wie in einen Abgrund. Maxim wirft auch die Zahnbürste weg.

Maxim:

Bist du etwa ein Arzt? Überhaupt Alina, was möchtest du von mir? Damit man mir einen Torpedo unter die Haut setzt? Ich werde zu keinem Psychologen gehen. Ich werde selber aufhören. Alles! Verstanden? Schreibe auf, wohin dualles über mich aufschreibst! Selbst!

Alina schaut lange auf Maxim und sagt:

– Übrigens, dieser Geruch kommt nicht aus deinem Mund, sondern aus deiner Lunge. Deswegen wird es nicht helfen, dir die Zähne zu putzen.

Maxim. Suchanfrage: „Schöne Balkone. Foto“

„Blick vom Balkon. Warum ein großer Balkon gut ist…

Warme Loggien und Balkone – Sonnenfenster…

Gemütlicher Balkon/ Wissenschaft und Leben…

Die Vorteile eines französischen Balkons…

Beglasung von Balkonen: Typen, Technologien, Preise…“

Alina. Suchanfrage: „Die Behandlung von Alkoholismus“

„Garantierter Erfolg – ein neues, glückliches Leben! Volle Anonymität.

Genetische Analyse!“

„Ständige ärztliche Beobachtung, ganz tägliche Aufnahme. Rufen Sie an!“

„Methoden der Behandlung von Alkoholismus.“

Neunte Szene

In der Tasche Maxims liegt eine chetverinka. Maxim hält diese liebevoll mit der rechten Hand – die chetverinka ist direkt am Herzen. Jetzt wird Maxim stehen bleiben und etwas trinken. Direkt aus dem Hals. Unter den Füßen ist Eis – es scheint dünn zu sein. Man hört sein Geknatter bei jedem Schritt, als ob es unzufrieden sei, dass man darauf geht und es beschmutzt. Deswegen bewegt sich Maxim langsam fort, vorsichtig, leicht wackelnd. Wohin geht Maxim überhaupt? Wo ist er? Ist es eine künstliche Schlittschuhbahn oder ein gefrorener See? Maxim bemerkt die Pantoffeln auf seinen Füßen. Häusliche, alte. Er beugt sich zu diesen und die chetverinka rutscht aus der Tasche und fällt hin, zerbricht. Maxim fällt auch hin. Er liegt da und berührt die Scherben. Wie kann es nur sein? Ich würde wenigstens noch einen Schluck probieren. Das Eis hält es nicht aus und zerbricht in Stücke, bedeckt Maxim bis zum Kopf. Er versucht zu schwimmen, paddelt mit den Händen. Ihm scheint es als ob er auf die Oberfläche kommt, doch es ist zu viel Wasser. Es ist überall, man kann es nicht bezwingen. Maxim ist müde, er macht die Augen zu und sieht unerwartet seinen Bruder Paschka. Dieser steht auf irgendeiner Insel zwischen diesen Wassern und wendet seine Augen nicht von Maxim ab. Er steht einfach da. Ruft nicht und winkt nicht. Und blickt irgendwie gleichgültig drein. Als wäre er ein Fremder. Wenn Maxim nicht ertrinken würde, würde er ihm auf jeden Fall zuschreien: „Wie glücklich ich bin, dass du lebst, Bruder! Ich wusste, dass du in Wirklichkeit nicht tot warst!“ Doch Maxim kann nicht schreien und das Gesicht Paschkas beginnt sich zu verändern. Es wird dunkel, aus der Nase und dem Mund kommt ein grünlicher Schaum. Maxim nimmt Luft in die Lungen auf, verschluckt sich und wacht auf. Das Kissen ist nass vom Schweiß – man kann es aus-wringen. Und das Bettlaken und die Decke.

Maxim:

– Im Herzen sticht es, im Mund ist es wieder trocken. Es ist kalt, und fröstelt. Oder ist es ein Temperaturanstieg? Gestern schrieb ich dem Chef über die Krankschreibung, das klappt.

Siebente Szene

Schule. Das Büro des stellvertretenden Leiters. Man muss die Zähne zusammenbeißen vor der strahlenden Beleuchtung. Bei der Tür stehen Mucha und Alina.

Alina:

– Wie bei einem Zahnarzt. Anstatt des Apparates mit Rohren und Bohrern – Tisch, voll mit Papieren und Mappen. Anstatt eines Sessels – ein Hocker, auf dem Mutter oder Vater Platz nehmen.

Der stellvertretende Direktor zeigt auf den Hocker:

– Setzen Sie sich, Alina Nikolaevna! Gut, dass Sie so schnell gekommen sind. Gleich müssen noch Zhaziras und Tigrans Eltern dazukommen. Doch den Inhalt der Sache habe ich Ihen schon am Telefon erklärt. Ich denke, Sie wissen, das man mit solchen Dingen keine Scherze macht und die Sache wird in die Statistik eingehen. Alina schaut auf Mucha. Er ist ganz gebückt, hält sich fest am Rucksack, als ob dieser ihn retten würde. Außer dem stellvertretenden Leiter im Büro ist noch eine weitere Frau. Sie steht am Fenster, schwerfällig, mit Juwelen, die am Hals hängen.

Der stellvertretende Leiter drängt:

– Setzen Sie sich, setzen Sie sich. Das Gespräch wird lange dauern.

Alina stezt sich immer noch nicht:

– War das wirklich nur Arznei?

Der stellvertretende Leiter:

– Verstehen Sie, das hätte alles mögliche sein können.

Alina:

– Ja, ich verstehe. Doch war es Arznei?

Der stellvertretende Leiter fährt fort:

Zulfja Rahimovna und ich…

Der stellvertretende Leiter fährt fort:

– …wie mussten es überprüfen. Das war wirklich nur Arznei. Doch die Sache ist die, hauptsache ist, wie sie überhaupt konnten…

Alina:

Entschuldigen Sie bitte, dass ich unterbreche. Wie haben Sie es überprüft?

Der stellvertretende Leiter:

Was?

Alina:

Dass es Arznei (askorbinka) ist.

Der stellvertretende Leiter verwirrt:

Wir haben einfach probiert. Mit dem kleinen Finger.

Alina:

Und warum mit dem kleinen Finger?

Der stellvertretende Leiter noch verwirrter:

– Entschuldigen Sie…

Alina:

Warum ein unbekanntes Pulver, das hätte alles sein können und Sie probierten es so, wie es Drogensüchtige machen in Filmen – doch warum auch immer, wird man sie nicht dafür bestrafen.

Der stellvertretende Leiter laut:

Alina Nikolaevna, verwirren Sie mich nicht! Wir haben Sie nicht dafür hierher gerufen! Sie überschreiten alle Grenzen! Es sieht so aus, als ob sie die Situation für besonders normal halten?!

Alina wirft den Blick auf Mucha (er ließ die Hände vom Rucksack und stellte sich gerade):

Nein, ich halte es für normal. Doch mir scheint es, dass es anormal ist, ein Kind so zu erschrecken. Über den Schaden der Drogen wird er zuhause eine Lektion hören. Sahen Sie, wo ich unterschreiben soll und ich werde gehen.

Der stellvertretende Leiter macht vor Alina ein Heft auf und unterschreibt mit dem Bleistift die Zeile mit dem aktuellen Datum:

Gut. Wir haben Sie gewarnt. Schreiben Sie hier Ihren vollen Namen, danach die Unterschrift. Und hier Name und Nachname des Kindes und wieder die Unterschrift.

Die Frau am Fenster richtet ihre Juwelen und sagt:

Wegen solchen wie Sie es sind, werden Kinder zu Drogensüchtigen

Mischa. Suchanfrage: „Alkohol – ist das eine Droge?“

„Das Äthanol ist die wichtigste Komponente eines beliebigen alkoholischen Getränks und gehört zu den starken Drogen. Zuerst ruft dieser Aufregung hervor und danach die Paralyse des Nervensystems. Äthanol – leicht entflammend, farblose Flüssigkeit mit einem charakteristischen Geruch, wird verwendet in der Verarbeitung von explosiven Inhalten, Plastik, Treibstoffen und verschiedenen Lösungen“.

Elfte Szene

Alina geht schnellen Schrittes auf der Straße. Die Luft ist frostig, der Himmel dunkel, bald werden die Laternen angehen. Die Tränen rollen von den Augen – Alina trocknet diese im Gehen ab.

Alina:

Warum geschieht all das mit mir? Wofür?

Im Zentrum des leeren Kinderspielplatzes auf einem fremden Hof, bleibt Alina stehen. Gegenüber der Schaukel. Der Platz ist schmal und nah an der Erde, doch die Lehne ist aus Holz, bequem. Alina

setzt sich und beginnt zu schaukeln.

Alina:

– In meiner Kindheit habe ich Schaukeln über alles geliebt. Man schaut in den Himmel, als ob dieser dir zuwinken würde mit einer grün-blauen Hand, man singt Lieder, die man sich selbst ausgedacht hat, ohne sich vor jemandem zu schämen und du hast das Gefühl, du würdest ewig leben. Und vor dir unendliche Freude.

Alina schaukelt immer mehr und mehr.

Alina:

-Vor kurzem habe ich Olga gesehen, meine ältere Schwester…sie lebt jetzt in einem anderen Land.So weit weg, dass man drei Flugzeuge braucht um dorthin zu kommen. Wir saßen in irgendeinem Café und tranken Kaffee mit einer Käsetartelette für uns beide. Olga wischte mit einer Servierte die Spur des Lippenstiftes vom Rand der Tasse und sagte zu mir:

– Es ist nicht verwunderlich, dass es dazu kam. Du warst schon immer ein Retterin…verletzte Hunde, verlorene Katzen. Und mit den Menschen die selbe Geschichte – gebeugt, humpelnd, Alkoholiker? Dann gehört er dir! Ich hätte einen solchen Mann schon längst aus dem Haus vertrieben. Ich hätte ihm ein Ultimatum gestellt: entweder du hörst auf zu trinken oder ich reiche die Scheidung ein. Und du hältst seine Krankheit aus. Das ist gar keine Krankheit! Man muss sich einfach zusammenreißen. Er muss die Kraft des Willens trainieren.

Alina hört auf zu schaukeln:

– Olga sagte damals: „Wenn du dich nicht scheiden lassen möchtest, dann erzähle es wenigstens Mischka nicht, dass sein Vater ein Trinker ist. Sage einfach: „Papa ist müde von der Arbeit, er erholt sich.“ Man darf die Autorität des Vaters in den Augen des Sohnes nicht verlieren.“

Alina steht auf. Die Tränen sind fast getrocknet.

Alina:

– Olga sagte: „Sei nicht beleidigt auf mich, Schwesterchen. Du tust mir leide, verstehst du? Du rettest ihn und rettest…Und wer wird dich retten?“

Alina geht weg.

Zwölfte Szene

Küche. In Maxims Händen ist eine Packung Arznei gegen Grippe. Er nimmt fünf Tabletten heraus. Gießt zwei Löffel Sirup und trinkt eine Tasse heißen Tees.

Maxim:

– Es wird direkt leichter zumute. Ein neuer Mensch.

Maksim setzt sich und steht wieder auf – als ob er keinen Platz finden würde. Dann beschließt er, dass die Zeit reif ist Ordnung im Koffer mit dem Werkzeug zu machen. Es klingelt. Maxim geht zum Küchenfenster. Nimmt das Moskitonetz ab, streckt sich bis zur Taille. Bei der Treppenhaustür steht Il’juha.

Maxim:

– Auf dem Hof nennt man Il’juha Kobold. Wegen seiner kleinen Größe. In Wirklichkeit ist Il’juha ein Meister in Sportgymnastik, er beschäftigte sich noch mit Break Dance – als einer der ersten in Alma-Ata eröffnete er seine eigene Schule. Das war wirklich lange her. Nun bettelt Il’juha vom Morgen bis zum Abend um Kleingeld bei den Fußgänger für Schnaps, und wenn er den Betrag nicht zusammen hat, lässt er die Frust an seiner Mutter, die eine Behinderung hat, aus. Alina ruft dann die Polizei. Die Polizei kommt, nimmt den Kobold mit und bringt ihn nach ein paar Stunden zurück. Dann geht seine Mutter nach draußen in Gesellschaft seines zittrigen Hündchens und geht um das Haus spazieren bis in die tiefste Nacht. Sie hat Angst, in die Wohnung zurück zu kehren. Ich hätte Il’uha schon längst mit größter Freude die Fresse poliert..

Maxim atmet auf:

– Doch Alina erlaubt es mir nicht. Sagt: „Dem Kobold wird nichts geschehen und dich wird man einsperren.“ Weil die Gesetze so funktionieren. Krumm wie die Pfoten eines Terriers.

Kobold:

– Hallo Bruder!

Maxim ohne Il’juha anzublicken:

– Was willst du?

Kobold:

– Bruder, hast du zwei Tenge? Ich gebe sie dir wieder. Ich brauche es dringend, ich sterbe.

Der Kobold hält sich mit Mühe auf den Beinen. Seine Fahne wird nicht einmal vom Frost überdeckt.

Maxim verzieht das Gesicht:

– Ich habe kein Geld. Dieses muss man verdienen.

Maxim:

-Alina hält mich dazu für einen Alkoholiker – hier ist der wahre Alkoholiker. Sind wir uns etwa ähnlich?

Kobold:

– Und als wir gestern zusammen getrunken haben, hast du was anderes gesagt…Du sagtest, ich soll mich an dich wenden wenn ich was brauche…Sagtest, nur du würdest mich verstehen, Bruder…

Maxim fällt fast aus dem Fenster:

– Was. Als ob ich mit dir getrunken hätte. Was spinnst du, Kobold!

Kobold:

– Du spinnst selber…hast mir sogar deine Schuhe geschenkt. Sagtest: hier Bruder, im Winter frierst du mit deinen Turnschuhen, nimm meine – die sind warm.

Maxim:

– Hey du..! ich werde es dir gleich zeigen „geschenkt“!

Ohne das Fenster zu schließen, wirft sich Maxim in den Flur, zieht die Jacke an, hüpft in die Schuhe, findet den Haustürschlüssel, macht die Tür auf, rennt heraus, doch vom Kobold keine Spur mehr, nur der abscheuliche Geruch ist geblieben.

Maxim, hüstelnd:

– Ach du Nervensäge! Ich konnte nicht mit ihm trinken. Konnte nicht!

Maxim steht eine Weile neben dem Treppenhaus, raucht und steigt dann wieder in die Wohnung. Er bleibt bei dem Spiegel im Flur stehen. Blickt sich aufmerksam an.

Maxim:

– Etwas angeschwollen, etwas geknickt, doch eigentlich normal – ich habe keine Ähnlichkeit mit einem Alkoholiker.

Maxim, nach einer Pause:

– Ist übrigens ein schöner Spiegel. Lügt nie. Und das Licht ist weich. Ich habe den Rahmen aus den Brettern des alten Schrankes gemacht, als wir hier einzogen. Habe mich lange damit herum geplagt, aus jedem Finger den Splitter herausgeholt. Färbte den Rahmen in Alinas Lieblingsfarbe – türkis und hängte ihn auf. Alina kreiste den ganzen Tag um den Spiegel herum – mal richtet sie sich das Haar mit einer Spange, mal öffnet sie es. Sie kämmte sich und das Licht fiel so sanft auf ihren Hals, als ob er sie umarmen würde.

Maxim hustet wieder.

Maxim, leise:

– Ich möchte sie an mich drücken, fühlen, dass sie in der Nähe ist. Das sie nicht mit Verdacht an mir schnuppert, mich nicht ablehnt, sondern umarmt, wie damals, so fest, dass man schwer atmet.

Maxim geht in die Küche, trinkt noch etwas Sirup gegen den Husten.

Maxim:

Soll ich mich schlafen legen? Nein, Für den Schlaf bin ich noch zu wach. Ich gehe eine Runde…

Maxim kommt es vor als ob man ihn in die Luft wirft, die Hände wackeln. Maxim kehrt in den Flur zurück, macht die Jacke zu, nimmt das Portemonnaie aus der Tasche und steckt es ein.

Maxim murmelt:

Der Blumenmarkt sollte lange offen haben….ich schaffe es…Mit dem Bus sind es drei Haltestellen…Ich kaufe Alina einen schönen Blumenstrauß. Sie liebt Pfingstrosen…wahrscheinlich finde ich keine, doch etwas ähnliches sollte ich finden. Und trinken werde ich auch nicht mehr. Das WAR ES. Ich habe es schließlich versprochen. Und wenn ein Mann es sagt, dann macht er es auch.

Maxim. Suchanfrage: „Die aller schönsten Rosen. Foto.“

„ Rosen in Alma-Ata. Wählen sie einen unvergesslichen Strauß, mehr als 40 Arten von Blumen“

„ Rosen – unsere Favoriten inmitten aller anderen Blumen…“

„Rosen. Geheimnisse der Züchtung und der Pflege.“

Dreizehnte Szene

Tigran sitzt direkt auf dem Linoleum vor der Tür zur Aula. Neben ihm steht Mucha. Der Unterricht ist zu Ende, sie warten bis die Theaterstunde beginnt.

Tigran:

– Deine Mutter hat echt cool reagiert. Und meine konnte nicht einmal vor den anderen das Büro betreten, schlug mich auf den Kopf uns schrie lauter als Rosa Treubekovna. Am Ende weinte sie. Sagte: „Du wirst wie dein Vater werden wenn du groß bist, und dann komme ich früher als notwendig ins Grab.“ Sie immer mit ihrem Grab…

Mucha rutschte auch an der Wand auf das Linoleum.

Mucha:

– Die Mutter macht sich Sorgen um dich…

Tigran:

– Und deine? Macht sie sich keine Sorgen?

Mucha:
– Doch…auch. Nur ist die Sorge anders.

Tigran:

– Das war falsch von uns mit dem Pulver….wie Drogenabhängige…Meine Nase ist immer noch am jucken. Die doofe Zhazira. Konnte sie nicht direkt sagen dass es Pulverarznei ist?!

Mucha:

– Das hatte sie doch gesagt. Man sah ihr an, dass sie nicht lügt.

Tigran:

– Hast du es etwa gesehen? Warum warst du dann letztens mit Su-li-fa einverstanden?

Mucha, verwundert:

– Warte…Warst du echt bereit, einer Droge zu probieren?

Tigran dreht sich um:

– Nein, bereit war ich nicht…habe darüber nicht ernsthaft nachgedacht. Hab mich einfach anpäppeln lassen und das war es auch…

Mucha schweigt eine Weile und fragt dann plötzlich:

– Erinnerst du dich an den Mann auf der Bank, den betrunkenen. Ohne Schuhe?

Tigran dreht sich wieder zu Mucha:

– Ja.

Mucha:

– Das war mein Vater…er ist Trinker.

Tigran blickt auf Mucha.

Mucha ist nicht bedrückt von seinem Blick. Im Gegenteil, er spürt eine Erleichterung. Seit dem frühen Morgen fühlte er eine Schwere in der Brust. Und jetzt schien es so, als habe sie sich aufgelöst.

Mucha spricht von irgendetwas nicht besonderem:

– Mama sagt, dass Alkoholismus eine Krankheit sei. Ich habe vieles im Netz dazu gefunden. Wenn es wirklich eine Krankheit ist, dann wird sie mit dem Blut vererbt…stell dir vor, dann darf ich gar nichts probieren, was gefährlich ist. Und du übrigens auch….Weil unsere Gene schlecht sind, verstehst du?

Tigran blickt auf Mucha noch konzentrierter, möchte irgendetwas antworten, doch das erscheint Anastasija Vladimirovna:

Kinder, sitzt nicht auf dem Boden, bitte. Lauft lieber zur Aufsicht und bittet um die Schlüssel für die Kostümkammer – wir benötigen heute alle Requisiten. Wer möchte laufen?

Mucha steht vom Boden auf:

Anastasija Vladimirovna, kann Tigran laufen…

Das Licht geht aus. Das Telefon klingelt.

Anastasija Vladimirovna:

– Guten Tag! Sind Sie es, Alina Nikolajevna?

Alina:

Ja, guten Tag!

Anastasija Vladimirovna:

Ich bin es, Anastasija Vladimirovna! Die Lehrerin Mischas von der Theater-AG.

Alina:

Ich habe Sie erkannt, Anastasija Vladimirovna! Ist etwas passiert?

Anastasija Vladimirovna:

Nein, nichts schlimmes. Ich wollte mit Ihnen sprechen…Haben Sie Zeit?

Alina:

Ja.

Anastasija Vladimirovna:

Alina Nikolajevna, ich hatte eben ein sehr ernstes Gespräch mit Mischa. Er entschuldigte sich, dass er nicht am Theaterstück teilnehmen kann, weil er seine Rolle nicht gelernt hat. Warum, hat er es nicht erklärt, sagte, es sei persönlich. Ich gab ihm ein paar Phrasen, obwohl ich zu Beginn ihm die Hauptrolle geben wollte. Mischa ist sehr talentiert. Als ich die Gruppe für dieses Jahr sammelte, während des Vorsprechens, ist er mir direkt aufgefallen. Er hat eine ausgezeichnete Phantasie, er ist sehr aufmerksam. Zum Beispiel war eine der Aufgaben – einen Affen zu imitieren und Mischa war einer der ersten, als er zeigte, wie er bei einem anderen Affen im Fell wühlt.

Und er machte es sehr realistisch, sodass wir alle lachten. Deswegen, Alina Nikolajevna, bitte schimpfen Sie nicht mit Mischa (Ich habe jemanden, der ihn dieses Mal ersetzt. Das Theaterstück hat immer jemanden der einspringt, falls einer ausfällt, machen Sie sich keine Sorgen), doch reden Sie mit ihm. Ich habe das Gefühl, dass er sich um irgendetwas sorgt, sein Kopf ist voll mit etwas Schweren und das ist traurig. Traurig dass er die Möglichkeiten verpasst, sich zu entwickeln.

Vierzehnte Szene

Der Bus rollt wie ein Schiff, leise, wie auf dem Wasser. Maxim sitzt am Fenster, es scheint als ob er schaukeln würde.

Maxim:

…Ich gehe bei der nächsten Haltestelle heraus.

Der Bus fährt vorbei. Maxim blickt auf die Uhr – er scheint pünktlich zu sein. Er drückt sich mit der Schläfe an das kühle Fenster – hinter ihm blinkt ein Werbebanner.

Maxim liest laut:

„Waren Ihre Kinder mal im Naturpark Altyn-Emel‘?“ Und der Junge auf dem Banner zeigt eine kleine Eidechse auf seiner Handfläche.

Maxim lächelt auch unwillig:

– Natürlich war ich noch nie in Altyn-Emele und werde es wahrscheinlich auch nie sein, doch eine Steppeneidechse habe ich in meiner Jugend gesehen. Ich saß mit Paschka und seinem Freund auf den Treppen des Datscha -hauses – drumherum Pfingstrosen, Himbeersträucher, die Sonne brennt auf Schultern und Kopf, in den Gläsern wartet das eiskalte Wasser. Paschkas Freund goss sich so viel davon ein, dass er im Sitzen einschlief: und ich bemerkte die Eidechse unter dem Stein. Grau, glänzend in der Sonne, von der Größe eines kleinen Fingers. Paschka fing sie ein. „Schau, sagt er – gleich versteckt sie sich in der Höhle“ nimmt sie und nähert sie der Nase des Freundes. Doch die Eidechse kroch direkt in das Nasenloch, und der Freund schläft – blinzelt nicht einmal. Ich habe so gelacht, dass mir der Bauch weh tat.

Maxim lacht:

– Paschka zieht die Eidechse am Schwanz heraus, und diese kriecht wieder in die Nase. Dann zum dritten Mal, als Paschka sie herausholen wollte, blieb in seiner Hand nur der Schwanz. Paschka sprang auf, wie abgebrüht, schüttelte den Freund auf und schrie ihm zu: „Schnäuze dich! Schnäuze dich, schnell!“ Dieser kann nicht verstehen, was los ist, doch er schnäuzte sich – die Eidechse flog aus der Nase wie eine Patrone und lief zurück ins Gras. Wir haben bis zum Abend gelacht. Eine schreckliche Dummheit, peinlich jemandem davon zu erzählen. Alina würde es sich nicht gut heißen. Doch es war lustig.

Maxim atmet auf:

– Und man wollte leben. Der Eidechse wuchs ein neuer Schwanz oder sie ist gestorben. Wie Paschka. Und Paschkas Bruder ist auch vor zwei Jahren gestorben. Die Leberzerrose führte zu Krebs. Interessant, wie lange Eidechsen leben?

Maxim hustet, die Frau auf dem Vordersitz dreht sich um.

Maxim. Suchanfrage. „Wie lange leben Eidechsen?“

Wie hält man eine lebendgebärende Eidechse zu hause. Was essen Eidechsen, wie werden sie geboren, sind Eidechsen gefährlich für den Menschen“

Die Blindschleiche. Beinlose Eidechse mit dem Äußeren einer Schlange.“

Schlangen und Eidechsen – was haben sie gemeinsam?“

Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Eidechse beträgt von einem bis zu zwanzig Jahre…“

Der Bus bleibt stehen. Maxim geht heraus. Ihm fröstelt wieder. Und der Husten nervt, will nicht aufhören. Die Menschen beobachten ihn wie einen Außerirdischen. Maxim ist es egal.

Maxim murmelt:

– Gleich werde ich für meine Alina die schönsten Rosen kaufen und sie wird mir verzeihen. Unbedingt. Denn früher hat sie mir auch verziehen. Dann wird mich Alina umarmen und küssen. Ach du meine Güte, wie lange haben wir uns nicht mehr geküsst… Eine Ewigkeit.

Maxim überquert die Straße. Vor den Reihen der Blumenboutiquen ist ein graues Gebäude mit schiefen Buchstaben: „A-L-K-O-Markt“ Ein Geschäft mit alkoholischen Getränken. Durch das Fenster der Vitrine kann man Flaschen sehen: in allen Farben und Größen – es sind viele – vom Boden bis zur Decke. Roséwein, Cidre, Wodka…von den Etiketten brennt es in den Augen.

Maxim:

– Irgendwann früher sammelte Paschka eine Kollektion. Er klebte die Etiketten in ein großes, graues Album mit schweren Kartonseiten. In der Kollektion konnte man Raritäten finden. Dann hat Paschka diese auch versoffen. Es tut mir leid um ihn…

Maxim wurde langsamer, murmelt:

– Ich darf nicht trinken – das habe ich versprochen. Alina und mir selbst. Er macht ein paar Schritte Richtung Markt.

Maxim murmelt:

– Ich darf nicht trinken, ich habe es versprochen. Alina und mir selbst.

Er greift nach dem Türgriff.

Maxim murmelt:

– Ich darf nicht trinken – Ich…

Maxim murmelt:

– Nur ein bisschen. Das letzte Mal…

Fünfzehnte Szene

Muchas Zimmer. Mucha liegt auf dem Bett, in den Ohren weiße Ohrstöpsel (schnurlose Kopfhörer – ein Geschenk des Vaters). Es ertönt: „I want to shelter you, but with the beast inside, there’s nowhere we can hide…“, irgendwas in der Art: „Ich will dich beschützen, doch mir einem solchen Tier in meinem Inneren, können wir uns nirgendwo verstecken.“

Mama:

– Mischa, magst du noch nicht zum Abendbrot essen?

Mama:

– Mischa, hörst du nicht, ich rufe dich?

Mucha hebt den Kopf und nimmt die Kopfhörer ab:

– Was hast du gesagt, Mama?

Mama:

– Ich frage dich, willst du essen?

Mucha:

– Eigentlich schon.

Mama:

– Dann geh und wasch dir die Hände, ich mache es warm.

Mucha nimmt die Beine vom Bett und schaut auf die Mutter. Sie steht in Flur zwischen den beiden Zimmern – geht nicht weg. Sie hat einen traurigen Blick, doch keinen vorwurfsvollen. Mucha senkt die Augen.

Mucha:

– Mama, ich wollte dir sagen, ich verstehe nicht, warum ich das mit dem Arzneipulver gemacht habe…ich weiß nicht, was ich mir dabei dachte…

Mucha beginnt zu weinen.

Mucha:

– Ich habe Angst, dass Papa stirbt…Habe Angst, dass ich ihn nicht mehr lieben werde…als er auf der Bank lag, ging ich zuerst vorbei – mir war das peinlich vor Tigran…was ist wenn ich auch Alkoholiker werde wenn ich groß bin? Wozu dann groß werden, wozu das alles…welchen Sinn…

Die Mutter nähert sich Mischa, drückt ihn an sich und drückt ihr Gesicht in seine Haare.

Mama:

Wie gut du riechst!

Mucha:

Wonach?

Mama:
Nach dir. Nach Mischka. Du bist so erwachsen, schlau, erstehst alles…

Die Mutter trocknet seine Tränen ab:

Papa wird dich immer lieben, und du ihn auch. Doch das bedeutet nicht, dass du verantwortlich bist für seine Wahl. Das ist seine eigene Wahl, verstehst du? Und wenn ihm alles bewusst ist, dass er krank ist, und es nicht bekämpfen möchte…dann…

Die Mutter bewegt die Arme:

Du bist nicht er…Wie sehr wir es auch wollen…man darf nicht die eigenen Gedanken in einen fremden Kopf legen. Der Schädel des Menschen ist fest. Es gibt in ihm kein Türchen für solche Zwecke.

Die Mutter lächelt:

– Soll ich dir nun ein Geheimnis verraten, Mischa? Weißt du, warum ich, als ich klein war, sehr schnell erwachsen werden wollte?

Mucha wackelt verneinend mit dem Kopf.

Mama:

Damit ich ruhig in der Wassermelone löffeln konnte.

Mucha lacht:

Ehrlich?

Mama:

Absolut! Papa und ich schimpfen nicht mit dir wenn du es tust, und mein Vater hat in meiner Kindheit sehr mit mir geschimpft…

Muchas Mutter möchte noch etwas wichtiges auffangen, doch während sie die Worte wählt, klopft die Eingangstür und öffnet sich. Alina und Mucha rennen aus dem Zimmer. Im Flur steht Maxim. In seinem Lieblingskostüm – dem Watte-Bläschen-Sack, der nach Säure riecht. Er wackelt leicht, in seiner Hand ein Strauß Rosen.

Alina:

– Max was ist mit dir?

Maxim reicht ihr leise den Blumenstrauß.

Alina nimmt diesen. Eine Blume verliert ein Blatt.

Alina:

Du hast wieder getrunken…

Maxim im Flüsterton:

Ich habe Sirup gegen den Husten getrunken…der Husten war vorbei…dann nahm ich etwas gegen die Grippe…Gefallen dir die Blumen?

Alina schreit:

Du hast die ganze Packung Antigrippalmittel getrunken, bist du ganz verrückt geworden? Das enthält Dimedrol und Paracetamol! Man darf sie nicht mit Alkohol mischen. Davon kann man sterben, ohne Witz!

Maxim:

Gefallen dir die Blumen?

Alina: Max, welche Blumen?! Welche Blumen überhaupt?! Schau dich im Spiegel an! Wenn du es schaffst! Ich verstehe nicht, wie du in einem solchen Zustand geschafft hast nach hause zu kommen?!

Alina wirft den Strauß auf den Küchentisch:

Lass mich nachlesen, was das für ein Sirup ist!

Sie nimmt den Arzneikasten.

Alina:

Natürlich, wie ich wusste – Äthylen Spiritus! Ich dachte, ich hätte es weg geworfen…Max man muss dir den Magen reinigen!

Maxim:
Man muss gar nichts…Du liebst mich nicht…Niemand liebt mich.

Alina schweigt und bedeckt das Gesicht mit beiden Händen.

Mucha kommt dazu und streichelt Alinas Haar.

Mucha:

Weine nicht Mama…bitte weine nicht…

Maxim:

A das bist du Mischka..

Maxim hustet ca. fünf Minuten, nimmt dann den Blumenstrauß, macht den Schrank unter dem Waschbecken auf und stopft die Blumen in den Papierkorb.

Maxim:

Wie groß du bist…brauchst keinen Vater mehr..

Maxim hat bisher die Schuhe nicht ausgezogen, die Füße gehorchen nicht, sind weich. Maxim bewegt sich unvorteilhaft, hält sich an der Wand fest und erstarrt plötzlich…er steht und drückt sich mit dem Ohr an die Wand, atmet nicht.

Maxim:

Tsch.. leise…hören Sie?

Alina trocknet sich die Tränen ab, schaut auf Maxim verwundert:

Was sollen wir hören?

Maxim:

Jemand kratz an der Wand…

Alina:

Nein…da ist niemand, Max…

Maxim:

Doch ich höre es…ganz sicher…kleine Pfoten, wie bei einer Eidechse…

Alina geht zu Maxim, legt ihre Hand auf seien Stirn doch dieser nimmt diese sofort weg.

Alina:

Max, du hast eine Hitzewallung…

Maxim flüstert nicht mehr sondern schreit:

Hältst du mich für einen Deppen? Ich höre dort ein Kratzen. Da, da ist sie. Rennt gerade in die Ecke!

Alina:

Meine Güte Maxim, erschrecke mich nicht! Erschrecke Mischka nicht!

Maxim:

Wovor soll man sich erschrecken? Es ist eine Eidechse in der Wand ich werde sie herausholen. Ich brauche ein Werkzeug!

Alina:

Es ist nicht möglich, dass eine Eidechse in der Wand ist, Maxim. Das sind Halluzinationen, möglich, dass du etwas zusammen gemischt hat, was man nicht mischen durfte…Maxim!

Maxim ist nicht mehr ruhig – er ist laut, schnell, ein ganzes großes Ohr, ein gigantisches Falkenauge – fängt eine Fliege im Flug an dem Flügel, und erst recht eine Eidechse!

Maxim:

Eine graue Eidechse…klein…Hauptsache sie wirft ihren Schwanz nicht ab…

Maxim bewegt sich an der Wand entlang, fühlt diese, beugt sich mal, mal streckt er sich.

Maxim:

Das wichtigste ist, dass sie den Schwanz nicht…Da ist sie!

Maxim macht irgendwelche unnatürlichen, lustigen Bewegungen mit den Händen, versucht irgendetwas zu schnappen hinter dem Spiegel…er hält diesen mit dem Kopf fest doch der Spiegel fällt herunter. Zerbricht. Die Scherben: große und winzige fliegen in alle Richtungen. Eine trifft Mucha am Fußknöchel. Mucha blickt auf den dünnen Rinnsal des Blutes, er hat keine Schmerzen.

Maxim wendet sich ab von der Eidechse, hört auf, die Wand zu berühren. Er schaut verwirrt nach unten, auf den Boden, wo der zerschlagene Spiegel liegt. Er sieht das Gesicht eines Menschen. Doch diesem fehlen Teile als ob es ein Gesicht Puzzlespiel ist. Man muss eine rauchen, um zu verstehen. Maxim spürt, dass es jemand bekanntes ist, jemand, den er gut kannte…das Gesicht erinnert ihn an das Gesicht Paschkas , an den Kobold, und irgendwie auch an Maxim…Maxim blinzelt. Die Vermutung erschreckt ihn. Ist er es wirklich im Spiegel? Ist dieses fremde, schreckliche Gesicht etwa sein Gesicht?

Mit Mühe wendet Maxim das Auge vom Spiegelbild. Vor ihm stehen Alina und Mischa. Das sind sie wirklich. Er hat sie erkannt.“ Die Vertrauten…wo waren sie die ganze Zeit? Maxim hat sie so vermisst.

Maxim:

Helft mir…ich brauche Hilfe…

Mucha:

Das war ein guter Spiegel. Und das Licht leuchtet neben ihm. Und der Rahmen ist ganz geblieben. Papa hat diesen gebaut, als wir hier einzigen. Baute es aus den Brettern des alten Schrankes. Hat lange Zeit damit verbracht, holte dann aus jedem Finger den Splitter heraus. Färbte diesen in die Lieblingsfarbe der Mutter – türkis, und hängte diesen auf.

Alina. Suchanfrage: „Wo in der Welt leuchten synchron die Glühwürmchen?“

„Die Bäume leuchten in der Dunkelheit mit einem phosphoreszierendem Licht. Doch in Wirklichkeit ist es das Leuchten vieler Käfer. Die Insekten leuchten auf und erlöschen wieder auf den Nachbarbäumen praktisch synchron!

„Die lokalen Seemänner verwendet das Leuchten der Käfer als Leuchttürme. Eine solche Erscheinung kann man in Malaysia beobachten“

Alina. Suchanfrage: „Familienreise nach Malaysia“

„Der Wunsch gemeinsam, nach Malaysia zu fahren? Wir zeigen die besten Ecken!“

Mischa. Suchanfrage: „Wie können Schauspieler schnell einen langen Text auswendig lernen?“

„Es gibt drei grundlegende Möglichkeiten, sich den Text zu merken…“

„Wenn Sie wissen möchten, wie sie schnell einen Text auswendig lernen können, muss man die Fähigkeiten der Schauspieler nutzen. Für sie ist es wichtig, die Szenen zu Filmen und Theaterstücken Wort zu Wort zu lernen…“

Das Licht geht aus. Aus dem dunklen, leeren Raum geht Maxim, er schaut in den Saal und sagt:

Maxim. Suchanfrage: „Alkoholismus“:

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