Oral Arukenova
Der Ring
Der russische Text befindet sich auf daktil.kz
„Kadyr-Ata, wo ist mein Neujahrsgeschenk?“, fragte Dana.
Der Alte mit dem weißen Bart zeigte mit dem Stock in Richtung Weihnachtsbaum, daneben stand das Schneemädchen im silbernen Kleid, das Nauryz-Kozhe einschenkte. Unter dem Baum sprang eine Ratte heraus, schnappte mit den Vorderpfoten die kleine Schachtel und versteckte sich schnell auf den Hinterpfoten wieder unter dem Baum.
Dana wurde vom Schreien der Tochter wach.
„Ich werde den Brei nicht essen, er ist heiß!“, schmollte diese.
„Sei leise, sonst weckst du noch die Mutter“, zischte Bekzhan.
„Ist schon passiert!“, schrie Dana und streckte sich. Aselja stürzte in das Zimmer und sprang auf das Bett.
„Mama, Mamalein! Erzähle mir ein Märchen.“
„Ich habe jetzt keine Zeit, geh frühstücken. Papa und ich müssen zur Arbeit. Du bleibst hier mit der Nanny.“
„Wann ist das Fest?“
„Wir versammeln uns alle am Abend, decken den Tisch und werden feiern. Du wirst mit uns das Neue Jahr abwarten, danach gibt es ein Feuerwerk.“
„Juhu, Feuerwerk! Und die Geschenke?“
„Die Geschenke machen wir morgen früh auf.“
***
Die Geschenke sind alle im Kofferraum, das wichtigste ist, diese nicht zu vertauschen. Links an die Kollegen und Freundinnen. Rechts für die Verwandtschaft. Und in der Mitte die Torte für Tante Aischa, die einzige Verwandte Danas in Almaty. Alle Verwandten und Bekannten wissen Bescheid über die besondere Liebe des Tantchens zu Torten. Sie erzählt jedes Mal, wie sie in der Kindheit von einem „Märchen“ geträumt hatte, doch man lieferte nur selten Torten in den Supermarkt, und selbst wenn man diese dorthin brachte, konnte sie sich diese nicht leisten. In der Schule malte Tante Aischa bunte Blumen in all ihre Hefte und Bücher, sogar in die Schulbücher. Früher nahm das Tantchen alles Gebackene an, und nun bestellt sie deliziös die Torten selbst. Diesmal eine Minivariante der Sachertorte. Welch eine Bezeichnung! Dana fragte noch einmal vorsichtig nach und bekam als Antwort:
„Die Schokoladensachertorte wird in der „Pesochnica“ verkauft, man kann sie online bestellen.“
Der Ehemann sagte, dass das Dessert höchstwahrscheinlich zur Ehre Leopold Sacher-Mazochs benannt wurde.
„Dann hätte man das wohlklingender benennen können: „Leopold“ oder „Leo“, antwortete Dana.
„Nein, man hätte ihn „Sado-Maso“ oder einfach „Maso“ nennen können“, lachte Bekzhan.
Dana googelte und fand heraus, dass diese Schokoladentorte die Erfindung eines anderen Österreichers ist – Franz Sacher.
Alles andere ist für die vielzählige Verwandtschaft des Mannes. Für die Schwiegermutter kaufte sie eine französische Gesichtscreme, für den Schwiegervater ein seidenes Halstuch. Der Großvater des Ehemannes ist der aller älteste und wichtigste Mensch, er liebt Pralinen in bunten Schachteln, er verteilt diese an die Kinder, manchmal bekommt Aselja die Pralinen, welche Dana ihm geschenkt hatte. Die vielzähligen Großmütter bekommen Tücher, sie behalten nur die, die ihnen gefallen, die restlichen verschenken sie. Das wichtigste hier ist, diese richtig zu verpacken. Damit man diese akkurat auspacken kann und dann wieder zusammenlegen, wenn es ihnen nicht gefällt. Für die jungen Frauen besorgte Dana Kosmetikartikel von der Neujahrskollektion. Den Brüdern und Neffen des Ehemannes – Polohemden aus dem Ausverkauf. Für den Chef kaufte sie einen Markenkugelschreiber mit einem Notizblock. Sie hat alle auf ihrer Liste beachtet. Es blieb nur noch, für sich selbst ein Kleid zu kaufen, ein silbernes oder weißes. Manty, Salate und Häppchen hat Dana in der Nacht zubereitet, sie legte sich um drei Uhr morgens schlafen. Ihren Ehemann bat sie darum, am Abend den Tisch zu decken, während sie die Geschenke abliefert und in die Boutique geht, um sich ein Kleid zu kaufen.
Um neun Uhr Abends fuhr Dana in das Kaufhaus.
„Guten Tag, alles Gute für das kommende Jahr! Wir schließen schon“, lächelte die Verkäuferin verschmitzt.
„Ich brauche etwas feierliches, weißes oder silbernes, man sagt, so soll es sein für das Jahr der Metallratte,“ sagte Dana und dachte sich dabei: „Deswegen habe ich von einer Ratte geträumt“.
„Wir haben ein passendes Kleid, das allen gefällt, doch niemandem gepasst hat.“
Die Verkäuferin verschwand zwischen den Reihen mit der Markenkleidung und tauchte auf mit einem Kleid von silberner Farbe in ihren Händen.
„Oh, wie wundervoll! Das Kleid eines Schneemädchens!“, rief Dana.
„Eines Schneemädchens?“, wunderte sich die Verkäuferin.
„Nur so…ich habe geträumt.“
Das Kleid passte perfekt. Nun konnte sie nachhause fahren um mit der Familie Silvester zu feiern. Uff! Sie hat alles geschafft. Und sie träumte, dass sie ohne Geschenk blieb. Und von der Ratte. Pfui! Obwohl, das kommende Jahr ist das Jahr der Ratte…Ein Geschenk wird sie auf jeden Fall bekommen, sie sah bereits den goldenen Ring mit der großen Perle, von Brillanten umgeben, in einer Schachtel, die ihr Mann versteckt hat. Dazu wird auch das Kleid passen.
„Töchterchen, hilf uns! Meine Frau und ich trinken und rauchen nicht. Doch haben wir kein Geld, wir würden gerne nach Hause, doch sind wir nicht von hier“, sagte ein älterer Herr in einem sauberen aber abgetragenem Mantel, der ihr seine Hand mit den langen Fingern entgegen streckte. Er sprach und hatte dabei die Augen gesenkt. Dana schämte sich, als ob sie die Schuld daran habe, daran, dass zwei alte Leute sie an einem Feiertag um Geld bitten. Sie griff in ihre Tasche nach dem Portemonnaie, nahm einen Schein von fünftausend Tenge heraus und reichte diesen dem alten Mann.
„Möge Gott dir Glück schenken! Mögen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen! Warte, meine Frau soll dich auch segnen“, der alte Mann zeigte auf die Bank, auf welcher eine Alte saß. Dana blickte ruhig in ihre Augen und lächelt.
„Ajnalajyn! Baktty bol!“, segnete die Alte sie.
„Seien Sie doch mein Gast, ich bringe sie morgen zum Bahnhof“, fragte Dana spontan.
„Nein, Töchterchen! Danke! Wir wollen dir nicht das Fest verderben. Wir gehen gleich zum Bahnhof, kaufen uns Tickets für den nächsten Zug, der fährt häufig und wir haben es nicht weit, bis zur Station Chu,“ antwortete die Großmutter.
„Warum nicht! Man darf doch nicht einen Dastarhan ablehnen, dazu noch zu einem Feiertag“, blinzelte der Großvater mit den Augen.
„Dann lasst uns fahren. Tochter und Ehemann warten schon!“, freute sich Dana.
Als sie die Wohnung betraten, wunderte sich niemand. Tochter und Ehemann dachten, der Besuch sei einer ihrer weiten Verwandten und fragten Dana nicht einmal danach aus. Aselja, die Gäste gewöhnt war, hielt sich mal bei der Großmutter mal bei dem Großvater auf. Sie feierten das Neue Jahr und liefen zu dritt nach draußen, um das Feuerwerk zu bestaunen. Den Alten hat man auf dem Sofa im Wohnzimmer das Bett zurecht gemacht. Vor dem Schlaf packten Dana und Bekzhan noch zwei Geschenke ein und legten diese unter dem Weihnachtsbaum.
Am nächsten Morgen wachte Dana von einem begeisterten Schrei auf. Aselja stürzte ins Zimmer in einer Ninja-Maske, mit einer leuchtenden Luftschlange um den Hals:
„Steht auf und öffnet eure Geschenke! Ich habe meine bereits geöffnet!“
„Wer hätte daran gezweifelt?“, sagte Dana. „Wie gefallen dir die Geschenke?“
„Was hat der Weihnachtsmann dieses Jahr meinem Töchterchen geschenkt?“, fragte Bekzhan.
„Es gibt keinen Weihnachtsmann, das sind Märchen für Kinder!“, sagte Aselja und sprang in das Elternbett mit einer Puppe in der einen Hand, und einem halb ausgepackten Malbuch in der anderen.
„Hast du die Großeltern mit deinem Schrei geweckt?“, fragte Dana als sie sich an die Gäste erinnerte.
„Sie sind schon weg, nach hause gegangen. Sie haben sogar die Geschenke nicht mitgenommen, darf ich ihre Geschenke auspacken?“
„Irgendwie unangenehm, wir hätte sie zum Bahnhof fahren sollen“, sagte Bekzhan.
„Schau auf die Uhr. Alte Leute stehen immer früh auf“, antwortete Dana.
„Los! Steht auf! Geschenke, Geschenke!“, Aselja hüpfte auf dem Bett.
Dana nahm das leuchtende Tütchen in die Hand, welches von einer roten Schleife fest gehalten wurde, machte es auf, nahm die Schachtel, und bereits bevor sie diese öffnete, verstand sie, dass sich darin kein Ring befinden wird.
Schade, dass einige Menschen solche Werte wie Dankbarkeit, Ehrlichkeit verloren haben.
Dieses Thema ist immer aktuell.
Ich danke Dir, Oral, für die angesprochene Frage, für Deine Erzählung in deutscher Sprache.
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Schade, dass einige Menschen solche Werte wie Dankbarkeit, Ehrlichkeit verloren haben.
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