„Die Häschen haben es erzählt“
Natalija Tartakovskaja
Die Häschen haben es erzählt
Veröffentlicht auf daktil.kz
In dem Winter, als ich das Schneemädchen spielte, gab es oft starken Schneefall und die schneebedeckte Stadt war wunderschön. Ich war vierzehn Jahre alt und träumte von einem glücklichen Leben, von neuen Kostümen. Ich wollte schön sein, den Jungs gefallen, mich freuen, lachen, den Kopf in den Nacken legen und mit den feierlichen Schuhen in der Luft wedeln.
Doch das einzige Kleid aus Crimplen und die festen Stiefeln, die bereits ihre Form verloren hatten, eigneten sich nicht dafür. Der Vorschlag, etwas dazuzuverdienen, in dem man Geschenke zustellte, war angebracht.
Mit dieser Angelegenheit beschäftigte sich zu der Zeit „die Firma der guten Dienste“, eine Organisation, die sich in einem Zweietagenhaus befand, in der Straße der Kosmonauten. Dort arbeitete meine Mutter.
Es ist schwer zu glauben, doch die Menschen, die für ein reines Gehalt arbeiteten, ohne Boni und anderer Belohnungen, erfanden ständig, wie man seine Sache besser machen kann und angenehmer für die Empfänger dieser freundlichen Dienste. Ich erinnere mich, wie Mutter und ihre Chefin Darja Petrovna, die einer Nonne ähnlich sah, in ihrem schwarzen, dunklen Kleid, an Wochenenden auf unserer neuen Nähmaschine große, bunte Tüten aus dem rauen Packpapier von roter und blauer Farbe nähten – das war die Idee meiner Mutter. Damals gab es noch keine Verpacker von Geschenken, deswegen packte man diese in die handgemachten, papiernen Säcke ein.
Die Firma stellte mir ein Kostüm zur Verfügung – einen Mantel, eingefasst mit weißer Baumwolle, aus blauem Atlasstoff, den man über die Winterkleidung anziehen musste, einen Gürtel und eine ebensolche Kopfbedeckung aus Atlas. Ein Element des Kostüms war eine Perücke mit zwei langen Zöpfen, die wundervoll zu meinem Gesicht passte. Als ich diese anprobierte, verwandelte ich mich sofort in ein echtes Schneemädchen. Ich verstand es just in der Sekunde, als meine Schneemädchen-Kolleginnen, die in den Säcken nach ebensolchen Kostümen wühlten, sofort still wurden und mich aufmerksam anschauten. In jener Sekunde verstand ich, dass ich das aller schönste Schneemädchen bin. Keine schwarzhaarige Euredike mit ausdrucksstarken, traurigen Augen, keine schöne, dunkelhäutige Kasachin, keine blonde russische Mollige – keiner konnte sich mit mir vergleichen, mit der vierzehnjährigen, in einer Perücke aus diesem blonden, synthetischen Haar.
Es ist ulkig sich zu erinnern, wie ich mir Sorgen machte, am ersten Arbeitstag, ich konnte nicht einschlafen, dachte die ganze Zeit darüber nach, was ich den Kindern erzähle, wie ich ihnen die Geschenke überreiche, machte mir Sorgen, ob ich den Bestellern gefalle.
Und nun setzen wir uns gemeinsam mit dem Väterchen Frost in den grauen Wagen, der vollgestopft ist mit Paketen. In unseren Händen ist eine Liste mit Empfängern, ihre Adressen und Telefonnummern.
Nun denn, los geht es!
Nach dem Schneefall sieht meine Stadt sehr feierlich aus, so als ob diese bedeckt sei mit einer weißen, festlichen Tischdecke – einer sauberen und knirschenden. Der Himmel ist blau, die Sonne wie gewaschen, die Zweige der Bäume, gestern erst düster, tot, sind heute mit Schnee bedeckt.
Die Schneewalzen können sich nicht überall halten auf den unebenen Gründen, und deswegen sehen die Zweige vor dem leuchtenden Himmel genau so aus, wie im Frühjahr die Zweige der Apfelbäume aussehen, wenn sie ganz bedeckt sind von weißem, blumigen Schaum.
Meine Laune ist hervorragend. Mit vierzehn Jahren ist die Erwartung des bevorstehenden Festes und des märchenhaften, fröhlichen Lebens, immer besonders mit Freude erfüllt.
Jetzt kann man sich nicht mehr daran erinnern, wann ich diese Fähigkeit, sich über etwas zu freuen, mit meinem ganzen Wesen verloren habe.
***
Wir fahren zu einem kleinen Mädchen, um ihm das Geschenk auszuhändigen. Sie lebt in den neuen, schönen Häusern in der Komsomol-Straße.
Wir werden erwartet – die Tür öffnete sich und ein älterer, grauhaariger Mensch mit einem schönen Gesicht lugte hervor. Er drückte einen Finger auf die Lippen und verschwand. Die Tür schloss sich. Nach einer Minute des Wartens kam in das Treppenhaus ein riesiger, roter Karton mit einer schönen, deutschen Puppe. Danach mussten wir lange und laut weiter an die Tür klingeln. Die Tür öffnete sich mit lautem Krach. Wir wurden empfangen von dem uns bereits bekannten Mann und einer jungen, schwangeren Frau, außerdem einem kleinen Kind in einem feierlichen Kostüm mit einer Schleife auf dem Kopf.
Ein Kronleuchter, Teppiche, Regale aus Holz, Geschirr von der Marke „Madonna“ im Glasschrank – all die Attribute eines respektablen Lebens jener Zeiten.
„Wohnt hier das Mädchen Mascha?“, rief ich fröhlich. „Väterchen Frost und ich kamen zu dir aus dem Wald und bringen dir Geschenke mit. Schau mal, welch schöne Puppe dein Opa uns empfohlen hat, mitzubringen!“
Der ältere Herr berührte mich an der Schulter.
„Ich bin der Vater“, erklärte er uns.
„Das war es“, dachte ich mir, „eine Katastrophe, was habe ich nur angerichtet!“
Es gab jedoch keinen Skandal, der Vater war nicht beleidigt, und das Mädchen hatte meine Phrase nicht einmal bemerkt. Sie verspürte eine große Freude: sprang in der Nähe des Väterchens Frost, lachte und versuchte Gedichte aufzusagen. Die Mutter des Mädchens setzte sich an das Klavier und begann mit einer zärtlichen Stimme das Klavierspiel zu begleiten:
„Unterm Strauch, unterm Strauch, wer sitzt da mit seinem grauen Schwanz?“
Das Mädchen wackelte mit ihrem kostümierten Po und wedelte mit ihren üppigen Händen, mit Bändchen, durch die Luft. Sogar die Puppe mit den schönen Locken war ihr nicht so wichtig wie der echte Väterchen Frost mit Bart und Stab. Der Großvater-Papa des Mädchens brachte aus der Küche eine Kristallvase, die gefüllt war mit wunderbaren Bonbons und bot uns diese an. Solche Bonbons in roten Papieren eingewickelt, brachte man damals aus Moskau, in Almaty gab es so etwas nicht.
„Nein, nein“, antwortete ich verlegen, „ich möchte nicht, danke.“
„Nehmen Sie sich“, bestand der Hausherr. „Sie sind so schön, ich möchte Ihnen etwas anbieten. Vielleicht Champagner?“
„Nein, nein, nicht nötig“, ich sprang schnell aus der Wohnung.
Das Väterchen Frost folgte mir laut.
Hinter der Wohnungstür verwandelte sich das freundliche Väterchen Frost in einen relativ bösen Viktor.
„Hör zu, wenn du keine Bonbons möchtest, denke doch wenigstens an mich,“ murrte er.
Ich antwortete ihm auf die Komsomolsker Art.
„Viktor!“, sagte ich streng. „Wir bekommen das Gehalt für das Abliefern der Geschenke und einen zusätzlichen Verdienst, selbst wenn es nur Nahrungsmittel sind, dürfen wir nicht annehmen, es ist uns nicht erlaubt.“
Das aller interessanteste ist, dass Viktor mit mir einverstanden war – wahrscheinlich dachte er, dass ich mich sonst bei der Leitung beschwere.
„Weißt du, was das für ein Mann war? Das war der Leiter der Fabrik. Die junge Frau war Musiklehrerin bei seinem Enkel, er verliebte sich in sie. Dann verließ er die Frau, zerstritt sich mit den Kindern, auf der Arbeit wie man ihn zurecht. So ist die Liebe – was soll man da tun…
Draußen verstand ich, dass es falsch war, die Bonbons nicht anzunehmen – auf dem Hof empfingen uns von allen Richtungen Kinder, ihre Augen habe ich bis jetzt im Gedächtnis, begeistert, verwundert – die Augen der Kinder, die in ihrem Leben so wenige Feste gesehen haben.
Danach lehnte ich nie wieder Bonbons und Früchte ab und verteilte diese auf dem Hof an die Kinder. Das war eine gerechte Aufteilung von Werten. Kinder, die von uns Bonbons oder Äpfel bekamen, und zwar von dem aller echtesten Schneemädchen, waren die aller glücklichsten, die ich je gesehen habe. Das war für sie kein Treffen, sondern ein echtes Wunder.
***
Häuser, Häuser, Wohnungen, Wohnungen – mal reiche, mit Teppichen, schönen Möbeln, leuchtenden Parkettböden, mal arme, hinter Sperrholztüren, mit beschädigtem Linoleum auf dem Boden. Man freute sich überall über uns, überall sprang man und lachte. Und ich, die selbst ein Schulmädchen war, versuchte mit meiner ganzen Kraft, die Menschen zu schätzen, die sich nicht davor scheuten, den Nächsten eine solche Überraschung zu machen. Die Aufgabe des Väterchens Frost war ganz einfach: mit dem Stab klopfen, lachen und mit der Hand im Handschuh, die Hand des Kindes zu drücken. Ich musste alle begrüßen, sowie mit allen sprechen, außerdem um den Baum herum zu tanzen, das alles, um dem Kind zu zeigen, dass ihn nicht einfach eine Brigade besuchte, die Geschenke für Geld abliefert, sondern die aller echtesten Väterchen Frost und das Schneemädchen. Und ich bemühte mich sehr.
„Wohnen hier die Mädchen Ajman und Sholpan? Väterchen Frost und ich kommen zu euch aus dem Wald und wir bringen euch wunderbare Geschenke! Ihr wisst sicherlich irgendwelche Gedichte oder Lieder? Macht dem Großvater eine Freude!“
Die Zwillinge Ajman und Sholpan, im Alter von ungefähr zehn Jahren, trugen schöne Kostüme und singen:
„Ich wurde von einem Nilpferd gebissen,
Vor Angst kletterte ich auf einen Zweig!
Ich sitze hier, und mein Fuß ist dort –
Ich wurde von einem Nilpferd gebissen.
Ich sitze hier, es erklingt der Banjo.
Ich sitze schon lange hier,
Ich würde dem Teufel auf die Hörner klettern,
Doch Gott, wo ist mein Fuß?“
Ein ulkiges Lied, ein schönes Motiv, die Mädchen sangen gut. Das Lied war ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit alle Lieder von Lenin handelten, oder von dem Kreuzer „Aurora“ oder ähnlichem. Seltsam war auch die Wohnung, in der die Zwillinge lebten: weder Regale, noch Kronleuchter, überall, schöne Teppiche, mit Mustern bestickte Filzdecken, auf den Wänden die Bilder – die Eltern der Mädchen waren Künstler. Sogar der Weihnachtsbaum war auf ein großes Papier gezeichnet und an die Wand gebracht. Und der Weihnachtsbaumschmuck – echt, hing auf dem Papier, angebracht mit Büroklammern – ein Ende steckte im Papier, das andere in der Kugel. Doch die Schwestern glaubten an die Realität des Väterchens Frost. Sie nahmen mit Freude die Geschenke an. Auf wiedersehen Ajman-Sholpan, bis zum nächsten Jahr!
***
Und wo ist Marija Petrovna? Väterchen Frost weiß, dass hier eine solch wunderbare Frau lebt, ein Arbeitsmensch, ein Veteran. Wir bringen Ihnen ein wundervolles Geschenk aus dem Wald, Ihr Sohn Volodja erzählte dem Väterchen Frost darüber, dass man Sie persönlich besuchen soll!“
Die kleine, traurige Frau wickelte sich in ihr Tuch ein und nahm das Geschenk an. Sie trocknete mit der dünnen Hand die feuchten Augen.
„Das hat er euch erzählt…Richtet meinen Dank aus…Er selbst will die Mutter nicht einmal besuchen? Wie letztes Jahr…Man braucht mich nun nicht mehr!“
Marija Petrovna hielt die Tränen zurück und schloss hinter uns die Tür. Eine solche Bescherung!
***
Ein kleines Häuschen im Gebiet „Almaty 1“. Das Dach war schräg, die dunklen Schichten der Teerpappe hingen herunter wie Büschel und berührten die Tragflächen des Daches. Der Hof war mit Schnee bedeckt, die Wege waren nicht gekehrt. Wir gingen und fielen bis zu den Knien in den Schnee. Wir öffneten die Tür, die ummantelt war mit einer alten, gesteppten Decke. Aus deren Löchern schaute ein bordeaux-blauer Watteansatz heraus. Aus dem Haus entwoch Dampf nach Außen, dieser vermischte sich mit dem Geruch von Kerosin, eingelegtem Kohl, einer Schnapsfahne und Hundefell.
Auf dem Flur schliefen Hunde und Menschen, die mit warmen Decken und Schafspelzen zugedeckt waren. Schnarchen, geneigte Köpfe, komische Posen – nicht einer hat sich bewegt, nicht einer hat reagiert auf das Rufen des Väterchen Frosts. Wir betraten das Zimmer, bewegten unsere Füße über die Körper der Liegenden – das selbe Bild: der Boden erinnerte an die Behausung von Robben, plus ein eisernes Bett mit Luftballons und ein Sofa, auf dem auch Menschen schnarchten. Väterchen Frost berührte die Schultern eines Kerls, der auf dem Bett lag:
„Bist es du, Sergej Ivanych“
„Ja,“ sagt der Schlafende.
„Hier hast du ein Geschenk, dein Freund Dmitrij sendet dir Glückwünsche.“
„Er liegt doch auf dem Sofa,“ murmelt Serjej verwirrt, „wie konnte er darum bitten? Hey, Dimon! Wache auf! Väterchen Frost ist da, und das Schneemädchen!“
„Sollen die sich zum Teufel scheren,“ murmelt der Besteller, ohne die Pose zu verändern.
Ein wütendes Schnarchen, das auf Probleme mit dem Nasenrachenraum hindeutete, verriet die Geringachtung zu den Märchenfiguren.
Die beiden kehrten auf dem gleichen Weg zurück, über die Schlafenden tretend.
„Viktor, wie hast du es herausgefunden, dass Sergej genau jener Kerl ist?“
„Logisch. Derjenige, der auf dem Bett liegt, ist der Hausherr.“
Die beiden machten eine Verschnaufpause und begaben sich wieder in Bewegung.
***
Das Gebiet um den Flughafen. Eine Wohnung in der Chruschtschowka.
„Wohnt hier Isabella Al’fredovna? Ihre Tochter Gretta erzählte Väterchen Frost von Ihnen und bat sie zum Neuen Jahr zu beglückwünschen!“
„Leise, leise, sie ist eben eingeschlafen!“
„Wer? Gretta?“
„Nein, Matilda. Sie hat den fünften zur Welt gebracht, schleckte ihn ab und schlief ein.“
Nachdem die Frau meine Verwirrung sah, fing sie an zu lachen:
„Die Katze Mathilda, eine balinesische Katze. Komm mit mir Mädchen, ich zeige dir die Kätzchen.“
In einer winzigen, feierlich geschmückten Küche lagen auf einem Kissen neben der Mutterkatze fünf engelsgleiche, kleine Kätzchen. Ihre Schwänzchen waren so dünn und winzig, sodass man dachte, diese gehörten kleinen Ratten und nicht den Kätzchen. Zarte, rosa Schnäuzchen mit geschlossenen Augen waren so liebenswürdig, die winzigen Schnurrhaare schauten ulkig aus.
„Ein solches Geschenk brachte mir Mathilda zum Neuen Jahr. Das sind sehr teure Kätzchen. Mathilda hilft mir sehr. Besser als die Tochter Gretta – von der bekommt man nur eine Pralinenschachtel zum Neuen Jahr. Denke darüber nach, Mädel. Wenn du ein Kätzchen möchtest – komme in einem Monat wieder, ich gebe dir eines für fünf Rubel. Mit einer Abstammungstafel, von einem guten Züchter. Und rate es auch deinen Bekannten, die vielleicht ein Kätzchen möchten. Fünfundzwanzig Rubel! So viel kosten neue Markenschuhe! Dafür kannst du auch zwei paar tschechische kaufen! Was für Katzen!“
„Auf wiedersehen, Isabella Al’fredovna! Wenn ich es mir überlegt habe, komme ich vorbei.“
***
Eine Wohnung im Stadtzentrum. Ein gepflegtes Treppenhaus, eine breite Treppe, hohe Türen – „ein Akademikerhaus“.
„Wohnen hier Galja und Rozachka, von denen uns Aslan erzählte, der gerade in Deutschland ist? Sein Vater bat uns ebenfalls darum, Euch zu gratulieren und ein Geschenk zu überreichen.“
Eine schön gekleidete junge Frau mit einer eleganten Frisur führte uns, an Kisten vorbei, in die leere Wohnung. Eine ideale Sauberkeit, doch kein Anzeichen für das Herannahen des Neuen Jahres – kein Weihnachtsbaum, kein Schmuck, keine Piroggen. Auf dem Parkettboden krabbelte ein kleines Mädchen mit einem Teddybären in den Händen.
Galija schüttete den Inhalt der Tüte auf das Sofa und wedelte mit den Händen:
„Was sind das für Leute! Wer braucht diese Pralinen?“
„Es ist doch Feiertag…“, antwortete ich verwirrt.
„Feiertag bedeutet nicht, dass ich Pralinen essen und mir dabei meine Figur verderben soll. Und das Kind sollte gar keine Pralinen essen! Und dass Rozochka schon anderthalb Monate nicht nach draußen geht, interessiert keinen. !“
„Ist sie krank?“, fragte ich
„Mein Kind ist niemals krank, weil ich gut danach schaue“, sprach Galija klar und deutlich aus, „Rozochka hat einfach keine warme Mütze.“
„Kaufen Sie eine aus Pelz. Jene, welche Großmütterchen stricken,“ riet ich ihr in meiner Naivität.
„Warum soll ich dem Kind etwas kaufen, wenn es doch genug Verwandte hat?“, fragte Galija. „Ich erschaffe eine materielle Grundlage, lege jede Münze auf das Sparbuch und ich denke, jeder versteht, dass ich kein anderes Geld habe. Ich kann nicht einmal meine Teeservices aufstellen, da ich kein Regal dafür habe. Sie möchten einfach nicht ihren Kopf zu denken benutzen und machen Dummheiten. Sie haben mich zur Weißglut getrieben, ich rufe sie gleich an und werde ihnen meine Meinung sage!“
Wir entfernten uns sehr leise vom Territorium der Wohnung Galijas. Als wir raus gingen, hörten wir abrupte Geräusche einer Frauenstimme – sie hat bereits die Verwandten erreicht, deren frommen Gefühlsausbrüche ihnen ein Skandal zum Neuen Jahr verursachten.
***
Eine Gruppe kleiner Häuser neben dem Gorki-Park. Die Häuser sind alt, ohne Komfort. „Serjözha Karpuhin“, stand geschrieben in Klammern „ein defektes Kind“.
Was ein „defektes Kind ist“, konnte ich nur erahnen. Ich stellte mir ein unglückliches, blasses Kind vor, das man erfreuen und aufpäppeln soll. Wir stiegen die Treppe hinauf, in den Häusern hat jede Wohnung ihren eigenen Eingang. Wir klopften an. Die Tür öffnete eine nicht junge Frau mit traurigen Augen:
„Kommt herein, kommt herein“, lädt sie uns eilig ein, „in das Zimmer mit dem Weihnachtsbaum.“
In einem sauberen, großen Raum stand ein großer, schöner Weihnachtsbaum, auf seiner Spitze ein Stern, der Weihnachtsbaum war voll mit Kugeln, mit Silberlametta. Unter dem Baum standen Spielsachen, ein Elefant in Unterhosen, ein Teddybär in einem Hut.
„Serjözhinka,“ rief die Frau zärtlich, „nun komme doch, Väterchen Frost und das Schneemädchen sind da.“
Den Raum betrat ein erwachsener, im Schlafanzug gekleideter Mann, mir schien es, von dreißig Jahren. Sein Gesicht war dunkel, die Haare lang, und das sah einfach abenteuerlich aus. Der Mann hüpfte auf einer Stelle und schrie irgendetwas. Aus seinem Mund strömte irgendein Kauderwelsch und die Worte „Väterchen Frost“ und „Schneemädchen“.
Ich war wie betäubt. Ich erschrak, weil ich zum ersten Mal einen solch inadäquaten Menschen sah. Ich wollte mich umdrehen und das Haus verlassen, in dem ein solches Monster lebt.
„Schneemädchen,“ wandte sich plötzlich zu mir das „defekte Kind“, „tanzen, tanzen!“
„Habe keine Angst meine Teure, er wird nichts schlimmes anstellen,“ sagte plötzlich die Frau. Ihre gerade, ruhige Stimme machte mir Mut. Man konnte dieser nicht nicht glauben – er wird mir wirklich nichts schlimmes tun.
„Tanze mit ihm und lächele ihm zu. Er wartet das ganze Jahr auf das Kommen von Väterchen Frost und dem Schneemädchen. Serjözha ist gerade mal siebzehn Jahre alt, doch er sieht viel älter aus. Die Ärzte sagen, dass er nicht lange leben wird. Mach ihn froh, du Liebe, ich bitte dich darum.“
Das Mitleid, was ich diesen Menschen gegenüber verspürte zwang mich, mich zu beherrschen und sogar zu lächeln. Ohne Angst reichte ich dem Kind meine Hand und tanzte mit ihm um den Baum herum. Väterchen Frost und die Mutter Serjözhas gesellten sich zu uns und da kamen auch die Nachbarn. Bald tanzten wir alle wie verrückt zu den Kinderliedern aus dem Plattenspielern. Dann hielten wir uns an den Händen und kreisten im echten Ringelreihen. Der langhaarige Serjözha klatschte in die Hände und hüpfte dabei. Er ist gar nicht gruselig, sondern einfach ungewöhnlich, einfach nicht so wie die anderen, dieses Kerlchen.
„Sage ihm, er soll sich die Haare schneiden lassen. Auf dich wird er hören,“ bat mich seine Mutter.
„Lieber Serözhenka!“ schrie ich. „Väterchen Frost und das Schneemädchen gratulieren Dir zum Neuen Jahr und wünschen dir, ein guter Junge zu sein, auf deine wundervolle Mutter zu hören, gut zu essen und keinen Schabernack zu treiben. Und außerdem bitten wir dich, noch einmal die Haare zu schneiden, und wenn du das immer machst, wie deine Mutter es dir sagt, dann kommen wir auch im nächsten Jahr.“
„Mama, schneide mir jetzt die Haare,“ murmelte Serjözha, „soll das Schneemädchen es sehen!“
„Später, später, Söhnchen. Wir werden zum Friseur gehen. Das Schneemädchen wird aus dem Wald zusehen und kommt bestimmt wieder zu dir.“
„Fahr nicht weg, Schneemädchen“, fing das Kind an zu weinen. Die Tränen liefen auf den Wangen und tropften auf den Boden. „Bleibe bei mir, Schneemädchen!“
„Das Schneemädchen wird schmelzen, wenn sie bleibt. Sie muss zurück in den Wald. Dort steht ihr Haus,“ wandte sich die Mutter ruhig und ernst an ihren Sohn, „ Sag Väterchen Frost und dem Schneemädchen „Auf wiedersehen!“, andere Kinder warten bereits auf sie.“
Serjözha zog den Mantel an und begleitete uns zum Bus, dann winkte er und verschwand aus unserer Sicht.
„Wir gratulieren ihm jedes Jahr,“ sagte Viktor, „du bist wunderbar, ließest dich nicht verwirren. Ich habe dir deshalb nicht früher Bescheid gegeben, weil ich dachte, dass du dann nicht mitkommst. Diese Frau ist Lehrerin, man hat ihr angeboten das Kind in ein Kinderheim abzugeben. Der Ehemann wollte so nicht leben und verließ sie. Er hat schon längst eine andere Familie und Kinder, und sie widmet ihr ganzes Leben dem Kind…wenn die Mutter stirbt, weiß man nicht, was mit ihm sein wird.“
***
„Wohnt hier der Junge Arman?“
„Ja, ja, kommen sie herein.“
Ein Mädchen mit einem langen Zopf, nicht älter als ich, führte uns ins Zimmern. Die Einzimmerwohnung war fast leer, in der Mitte stand ein Kinderbett, darin ein Baby von ungefähr drei Monaten. In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum.
„Das ist unser Armanchik!“
Oh Gott, wie soll man einen solchen Armanchik beglückwünschen?
„Wer sind Sie?“
„Ich bin die Mutter von Armanchik!“
„Und ich – der Vater von Armanchik!“ antwortete ein junger Mann, der aus der Küche heraus kam.
„Sehr geehrte Vater und Mutter Armanchiks!“ fand ich wieder zu mir. „Väterchen Frost und das Schneemädchen erfuhren von Apashka Bahytgul‘ und Ataska Serik, dass hier solch wunderbaren Menschen leben – die Eltern Armanchiks. Und sie beschlossen, dass man euch alle zum Neuen Jahr gratulieren sollte!“
Man gratulierte – die Mutter Armanchiks erzählte ein Gedicht, der Vater nahm eine Gitarre und sang die folgenden Zeilen vor: „Für mich gibt es keine Schönere als dich“.
Man nahm die Geschenke an, lachte und tanzte sogar. Nur Armanchik saugte am Schnuller und nahm nicht an der gemeinsamem Freude teil.
Werde erwachsen, Armanchik! Du hast wundervolle Eltern und wirst zweifelsohne ebenfalls ein super Kerl werden.
***
Die Behausungen sind wie ihre Eigentümer, alle verschieden: mal riecht es nach was Gebratenem, mal nach Apfelsinen, mal nach Kerosin, doch alle vereint das eine – das Bestreben, wie man sich am besten für das Neujahrsfest vorbereitet. Man glaubt daran, dass das Neue Jahr sehr glücklich sein wird, sehr freundlich zu denen, die dieses empfangen, von den Kindern bis zu den Erwachsenen.
Dieser Glaube zwingt die Menschen, die Schwierigkeiten zu meistern, die Traurigkeit zu überwinden. Und wenn der Glaube an das Gute den Menschen verlässt, dann endet sein Leben. Heute sind alle Tische feierlich gedeckt, bei allen sind die Böden geschrubbt, die Teppiche ausgeklopft und die Töpfe gespült. Die Menschen ziehen ihre besten Kleider an, kämmen ihre frisch gewaschenen Haare und warten auf das Neujahrsfest und mit diesem auf ein echtes Wunder. Für den einen ist ein Wunder – eine Pralinenschachtel, die woher auch immer, unter dem Weihnachtsbaum auftaucht, und für die anderen, ein neues, glückliches Leben.
Es ist fast elf Uhr abends, man wartet zuhause auf uns und vor uns ist noch eine Wohnung. Wir haben sie absichtlich zum Schluss gelassen, sie befindet sich in der Nähe von der „Firma der guten Dienste“ – an der Ecke der Straßen Pasters und der Kosmonauten. Das sind neue Häuser, in denen die Arbeiter von „Tabachka“ einer Zigarre, arbeiten.
„Guten Tag ihr Lieben!“, murmelte der müde Väterchen Frost. „Wohnt hier ein Mädchen namens Julchen?“
„Hier, hier,“ stöhnte eine junge Frau, die uns im Flur empfing, sie hatte ausgeblichenes Haar, das zu zwei Pferdezöpfen gebunden war. Diese wurden von großen rosa Schleifen gehalten
„Kommen Sie herein, Väterchen,“ ihre Rede wat undeutlich, ihr Gang wackelig.
Die Frau machte die Tür zu und begleitete uns ins Zimmer. Eine
düstere Glühbirne unter der Decke beleuchtete das ärmlich eingerichtete Zimmer. In der Mitte stand ein Tisch, der bedeckt war mit einer rosa Tischdecke. Es stand kaum etwas auf dem Tisch. Auf einem Teller lag ein Haufen Sauerkraut, auf einem anderen Bonbons. Daneben standen ein paar Tassen und eine Flasche, die zu zwei Dritteln gefüllt war mit einer trüben Flüssigkeit. Am Tisch saßen zwei Männer, das Gesicht des einen konnte man nicht erkennen, er schlief, sein Kopf lag auf den Händen. Der andere freute sich wie wild über das Väterchen Frost und das Schneemädchen. Eine betrunkene Alte schaute uns gespannt an. Das Mädchen Julchen war nirgends zu sehen.
Die dürre Frau piepste unerwartet und warf sich zum Sessel, der in der Ecke des Zimmers stand – es stellte sich heraus, dass genau hinter diesem, sich unser Adressat versteckte.
„Hier bist du, Unhold!“, schrie die Frau und zog das Mädchen heraus, welches sich an der Möbel festhielt. Sie war am zittern wie ein wildes Tier. Sie musste ungefähr fünf Jahre alt sein, nicht älter und sie schien irgendwie durchsichtig zu sein. Ihre Harre waren ebenfalls geflochten und mit einer Schleife gebändigt, wie bei der Mutter. Die Kleidung bestand aus Lumpen, die ihren winzigen Körper bedeckten – eine Kleidung, die ihre Farbe und ihre Form verloren hatte. Die nackten Beinchen des Kindes schauten unerwartet hervor: es war Winter – keine Saison für kleine, nackte Beinchen.
Väterchen Frost lachte, rief das Kind zu sich, das Mädchen kreischte, die Mutter zerrte sie an der Hand, die anderen Teilnehmer des Festes gaben ihre Meinung dazu ab.
Ich werde von keinem beachtet und freue mich darüber.
Die Schreie, das Sorgen die chaotischen Bewegungen der Menschen im Zimmer hörten endlich auf. Väterchen Frost Viktor saß am Tisch, sein Bart lag über der Schulter, die Schnurrhaare waren nicht mehr an ihrer Stelle.
Vor ihm ist ein Becherchen, aus dem er schon einige Male getrunken hat. Auf seinem Schoß saß das kleine Julchen, ihre Wimpern waren wie die Flügel eines Schmetterlings, sie flatterten wenn das Kind das Väterchen Frost anschaute. Dieser streichelte Julchen auf dem Kopf und von dieser ungewöhnlichen Zärtlichkeit war sie noch mehr angespannt.
Die junge Hausherrin legtee sich ebenfalls auf ihre auf dem Tisch liegende Hand und schauet Väterchen Frost von der Seite an:
„Und woher wusstest du, Väterchen, dass hier unser Julchen lebt? Und wie hast du beschlossen zu uns zu kommen?“
„Von den Häschen habe ich es erfahren, von den Häschen,“ – murmelt der matschige Großvater und blickt sich um, was er nach dem nächsten Schnapsglas zu essen bekommt – entweder das Sauerkraut oder die Erbsen. „Die Häschen kamen zu mir und erzählten, dass hier das Mädchen Julchen lebt. Sie sagten zu mir, ich soll verrecken, doch Julchen muss ich beglückwünschen.“
„Och wie gut haben es dir die Häschen erklärt,“ die Frau in den Schuhen trocknet sich die Tränen des Mitleides ab, „wie gut, dass es die Häschen erzählt haben!“ und unerwartet lau fügt sie hinzu: „Darauf müssen wir alle trinken, stehend!“
Die am Tisch sitzenden standen mit Einverständnis auf. Den Schlafenden konnte man nicht wecken.
Plötzlich richtete sich der Blick der Frau mit den Schuhen auf mich:
„Und du, Schneemädchen, warum hast du bis jetzt noch nichts getrunken?“ schreit sie enttäuscht und reicht mir das Glas mit der Flüssigkeit.
„Ich trinke nicht…“ murmele ich verwirrt.
„Sind wir für dich etwa Säufer? Willst du uns beleidigen? Sind wir es deiner nicht würdig mit dir zu trinken? Ekelst du dich vor uns?!“
Die abrupte Stimme der Frau wurde zu einem Piepsen. In ihm spürte man eine bedrohliche Note.
„Ach du Schlampe,“ der Schlafende hob seinen Kopf. Es schien, dass er die Situation unter Kontrolle behielt. „Möchtest du etwas Trauer in diesem Haus lassen? Wir werden es dir nicht erlauben!“
Die Aufmerksamkeit der Anwesenden richtete sich auf mich.
„Ich bin noch nicht volljährig und darf noch nichts trinken“, sagte ich. „Lass uns von hier fort gehen,Viktor!“
Doch Viktor beschloss, wie es aussah, die Revanche für den ganzen Tag voller Enthaltsamkeit zu üben.
„Man muss trinken“, sagte er ernst, „sonst lässt man uns nicht von hier weg.“
„Trinke Schneemädchen!“ drohte mir die Frau in den Schuhen. „Trinke das Glas leer, sonst werde ich nicht für mich selbst antworten!“
Sie war bereit, sich auf mich zu werfen, der wachsame Mann hielt sie davon fern bis…
Nun, ich sehe den sowjetischen Helden wohl nicht ähnlich, die unter Todesangst ihren Prinzipien treu bleiben. Im Umkreis trinkt man, und Väterchen Frost will mich nicht unterstützen. Ich war so erschrocken, dass ich das halbvolle Glas zum Mund führte.
Der Gestank, der diesem entströmte, war bestialisch. Im Schrecken erkannte ich eine regenbogenfarbige, in allen Farben schimmernde Schicht auf der Oberfläche. Die Hand mit dem Glas senkte sich.
„Trink!“, murmelten die Unholde. „Trink leer!“
Ich zog den Atmen ein und goss die Flüssigkeit in den Mund. Es bestätigte sich, dass diese Flüssigkeit nicht zur inneren Einnahme vorgesehen war. Man durfte sie nicht trinken.
Das Gefühl nach der Einnahme dieses Getränkes war seltsam – mir schien als ob man mir plötzlich alle Sehnen durchgeschnitten hat, sodass die Hände und Beine aufhörten sich zu bewegen.
Mit Mühe mich auf den Beinen zu halten, befahl ich Viktor aufzustehen und begab mich zur Tür. Dieser hörte unerwartet auf mich und ging mir hinterher. Er kaute das Sauerkraut zu ende, spuckte die Knäuel der Schnurrhaare aus dem Mund und verhedderte sich in seinem Mantel.
Der Fahrer empfing uns verständnisvoll und bat uns in den Wagen einzusteigen. Bis zum Neujahr blieben nur einige Minuten.
Von der „Firma der guten Dienste“ blieben bis zu meinem Haus nur einige hundert Meter entlang des leeren Hofes, der beleuchtet war von den Lichtern der Fenster. Diese paar Meter waren für mich eine Herausforderung.
Ich stolperte auf dem mit Eis bedeckten Asphalt, und ich dachte mir, dass ich nie auf die Beine komme und damit auch nie zu Papa und Mama, zum köstlichen Tisch und dem festlichen „Blauen Flämmlein.“
Ich begriff, dass ein wahres Schneemädchen, so zart und rein wie es in Wirklichkeit ist, so wie ich den ganzen Tag war, nie auf dem dreckigen Boden liegen würde, mit einem scheußlichen Geschmack im Mund. Dieses Bewusstsein war so bitter für mich, dass ich anfing wie ein Kind zu weinen.
Zum Glück verschwanden mit den Tränen auch die Reste der Wirkung der getrunkenen Flüssigkeit und ich kam nach hause wie ein gewöhnliches Mädchen. Nur meine Seele fühle sich schwer und schmutzig an, und ich wünschte mir nur noch, dass niemals darüber erfahren würde, was ich an meinem ersten Arbeitstag angestellt habe.
Am nächsten Morgen wurde das schmutzige Eis von weißem Schnee bedeckt, die Stadt wurde wieder festlich. Der betrunkene Viktor wurde durch einen anderen ersetzt, einen nüchternen und freundlichen Menschen mit dem Namen Andrej. Mit ihm fuhren wir den ganzen Tag lang die Geschenke zu den Kindern und Erwachsenen, um die sich die Verwandten und Freunde kümmerten und wir schenkten Köstlichkeiten denen, um die sich niemand kümmerte.
Vor mir standen neue Feste – das Fest des ersten Gehaltes, das Fest der Einkäufe und das Anprobieren der Kleidung, die ich mir von meinem ersten Gehalt gekauft habe. Außerdem war vor mir ein ganzes Leben, unbedingt glücklich, voller Erfolge, Freude, Sonne, Liebe und Schönheit.