Die Makel der Liebe, Olga Romanova
Wohin man auch schaut, es kamen Wolken auf, über dem Meer hing ein Nebeldunst. Dieser löschte die Bläue des Meeres, verschloss die violetten Berge und die bunten Häuser. So versteckt sich auch manchmal die Liebe und tut so, als wäre sie unsichtbar. Mal hat man ganz viel von ihr, die mit der ganzen Sonne leuchtet, dem Lächeln des Tages und die Augen sehen ebenfalls. Dieses Wort möchte unsichtbar bleiben, weil es zu oft in mir klingt und der Wunsch ist viel zu groß.
Zwei auf einem Schiff, wo jeder ein Kapitän ist, Wind ins Gesicht, die Welle hinter dem Bord – all die ungelösten Probleme.
Beim Treffen – ein Entflammen des Blickes, seiner grün, meiner blau. Die Nähe, ein Geheimnis, eine Welt, die sich in Wahrheit verwandelt, wo alles wahr ist, und du bist auch darin.
Es reicht, ein wenig zu lügen . Anstatt zu sagen:
Ich möchte heute nicht spazieren gehen, ich möchte alleine sein. Er verlegt das Treffen, löst sich von der Verantwortung den Sohn zum Arzt zu fahren. Ich rufe später an, um zu erfahren, wie es dem Sohn geht. Vielleicht nur um seine Stimme zu hören. Ich erreiche die Ehefrau. Damals gab es noch keine Mobiltelefone. Der Sohn ist gesund, jedoch ist er nicht zu hause. Ich krümme mich zusammen, die Hände sind kalt. Als ob es das Ende sei. Ich beruhige mich mit ausgedachten Erklärungen.
Ich bitte beim Treffen mich nicht zu stören. Ich freunde mich mit seiner Welt an und verliere meinen Betrug. Der Nebel vertauscht die Umrisse, der Dunst ist unsichtbar.
Manchmal fiel der Nebel wie ein Traum.
Damals im Dezember starb die Mutter. Alles geschah so unvorhersehbar. Sie war nie krank, nie. Nur sie distanzierte sich immer mehr von uns im letzten Jahr. Fragte uns nicht nach unseren Ehemännern, unseren Kindern, wenn wir bei ihr zu Gast waren an Geburtstagen oder Feiertagen. Sie wusste nichts von unseren fast zu ende gegangenen Ehen. Ihr war nicht danach. Was hätte die Mutter auch sagen sollen? Ihr seid selbst Schuld an allem. Ihr wählt das falsches aus, und die Falschen. Und noch habe ich euch erzählt. Als ob ich selbst etwas über dieses Leben wusste. Keine Kenntnisse, keine günstigen Eigenschaften. Mir fällt es schwer, für Ordnung im Schrank zu sorgen oder Schachteln zu öffnen, die verschlossen sind.
Wobei ich übrigens ein Ingenieur bin und Akademiker.
Und wovon die Mutter damals gelebt hat, weiß man nicht mehr. Die Fahrten zur Familie waren eine Notwenigkeit. Und plötzlich kam ein Schlaganfall, zwei Wochen ohne Bewusstsein, das Krankenhaus nahm sie nicht auf. Es war ein schwerer Fall, nicht transportierbar. Der Vater war nicht ganz bei Sinnen, verloren ohne Hilfe. Wir saßen abwechselnd bei ihr. Versuchten zu verstehen, ob sie uns erkennt, hielten sie an der Hand, stellten Fragen. Sie ging, ohne wieder zum Bewusstsein zu kommen. Die Beerdigung, Kälte von – 20, Wind, kein Schneefall. Und ich spürte nichts. Die Mutter starb und weiter? Wir konnten nicht über den Tod und die Liebe sprechen. Erst als die gefrorene Erde stumpf und kalt den Sargdeckel berührte, rannen die Tränen, als ob man mich in die Grube legte. Die Tränen waren warm, doch froren sie nicht sofort ein. Als ob ich eines Tages von der Schneekönigin geküsst worden wäre und die mir befahl aus Eisstückchen magische Worte zu legen.
Nach 9 Tagen – zu Mark Chagall, zu seinen Flügen über den Dächern des elterlichen Hauses.
Ich kaufte mir ein Ticket für ein Kupee, und träumte von der Einsamkeit auf dem Weg.
Den Sohn ließ ich bei der Schwester, und sagte, ich müsste dienstlich verreisen. Auf den Ehemann kann man nicht zählen.
Nun auch der Bahnhof. Ich tauche in die Gerüche des Weges, in den Ruß der Gleise, des Staubes im Waggon, des Zitronentees, „lass mich trinken von dem Eisenbahnwasser“…in den Kopfhörern dröhnt Musik von B. G. Ich betrete den Waggon als Erste. Sogar die Beleuchtung ist nicht ganz an. Ein leichtes Dämmern, das ein Geheimnis verrät. Ich denke mir ein Geheimnis aus, fliehe vor der leichten Sorge des Weges.
Der Wagon schaukelt gemütlich vor sich hin, wie ein Schiff vor seinem Abgang. Bis zum Start bleiben noch 20 Minuten, wie immer bin ich alleine im Kupee. Und nun das wichtigste Element des Weges – der Abriss, der Beginn der Bewegung.
An uns vorbei fährt der Gleis, die Lichter der Stadt, des Bahnhofes, die Menschen verschwimmen. Das ähnelt alles den Erinnerungen. Auf dm Weg eröffnen sich Offenbarungen, kommen Antworten. Ich bin lange versunken in den Blick aus dem Fenster. Und bemerke nicht sofort die Frau, welche vor der Tür steht.
„Guten Tag, ich bin Eva…“
Der Zugbegleiter weckt mich aus dem Schlaf und überprüft die Tickets. Ich bitte ihm um einen Zitronentee. Ich saß lange so mit dem Tee, füllte die Tasse mit etwas Cognac und versuchte den Traum weiter zu träumen.
In Witebsk fand ich, nachdem ich mehrere Passanten gefragt habe, versunken im Schnee, jenes Haus. Es war wie all die anderen Häuser, ebenfalls vom Schnee befallen, die Wege waren nicht gefegt, es gab auch keine Museen. Ich stand lange da und schaute in den Himmel Chagalls, versuchte ihn und Bella darin zu entdecken, die durch die Wolken fliegen. Von der Reise blieb nur noch das Gefühl des suchenden Blickes und Eva von der Reise und dem Traum.
Zhenka liebte es, Wolken zu beobachten. Sie ähneln Gedanken oder Träumen. Hier ein Vogel, der seine Flügel ausbreitet, da ein großer Fisch mit dem glänzenden Auge der Sonne. Du senkst den Blick für eine Sekunde auf das Meer und das Bild verändert sich. Man kann die Wolken nicht aufhalten, die Gedanken schon, genauso die Träume. Sie schreibt sie immer mühevoll auf. Während des Aufschreibens verändern sich diese. Doch irgendetwas geschieht mit ihr. Der Fluss des Lebens verändert sich. Sie trennte sich von ihrem Ehemann, traf eine Liebe, gebar einen Sohn, trennte sich von dem Liebsten. Die Schwestern und Freunde wurden ihr näher. Doch der Blick rennt wie gewohnt in Richtung der Wolken und bemerkt einiges nicht, was wichtig ist.
Als sie das Institut für die Psychoanalyse wählte, entschied alles das Museum Freuds in dem Osteuropäischen Institut der Psychoanalyse in St. Petersburg. Das Museum der Traumbilder – wie kann so etwas überhaupt sein? In Piter zu leben und zu studieren war ein langgehegter Wunsch von ihr.
Morgen ist die Abfahrt.
In ihr kribbelte es vor Freude und sie bekam Gänsehaut. Wahrscheinlich war die Liebe zu Veränderungen irgendeine narkotischer Wunsch dieser Befindlichkeit.
Den jüngeren Sohn ließ sie bei der Schwester, der Ältere war bereits verheiratet, und Zhenja wieder Studentin. Und man musste sich von der Freundin verabschieden. Ein Mobiltelefon ist einfach nur Glück, sie wählt Nataljas Nummer.
Man sollte ein Abschiedsabend machen. Sie freut sich, wie Zhenja über alle Treffen.
Ihr Lieblingsgetränk ist Wodka mit Schweppes. Der Geschmack erinnert an Champagner. Auf dem Tisch steht Julien, gebratener Käse, Salate. All das, was sie mögen.
„Unsere turbulente Freundschaft, meine Gegenwart, wo zweifellos Wärme und Liebe herrschen, die man aussprechen sollte. Und in nichts gibt es eine Lüge. Ich bewahre es wie einen Schatz.“
Zu Beginn ein Glas auf das Treffen.
Das zweite Glas für die Erfüllung des Wunsches. So schade, dass er sich bei dir nicht erfüllt hat, Natascha.
Wir wollten gemeinsam lernen, doch Natalja hatte die Familie als höchste Priorität.
„Ich werde alles mit dir teilen, das weißt du selbst.“
„Julien ist sehr köstlich. Ich werde dich vermissen.“
Zhenja lächelt. Das Kochen liegt ihr nicht. Doch sie liebt es, ihre Freundin zu erfreuen und ihre Achtung zu bekommen.
Sie bereitet noch zwei Cocktails zu.
„Ich habe übrigens selbst die Arbeit gekündigt. Der Traum half mir, ich war selbst erstaunt. Ich nahm es an als Zeichen der richtigen Entscheidung.“
Sie teilen oft ihre Träume.
„Ich sitze in dem Empfangsraum von Lenin Vladimir Il’ich. Das Volk vor mir nähert sich mit Bitten.
Er leitet sie an. Und ich sitze hier mit meinen Fragen. In der Realität, erinnerst du dich, wurde ich von einer Mitarbeiterin enttäuscht, man nahm mir meine Auszeichnungen weg, ich bin böse, doch ich beschuldige in allem mich selbst, so ist der Kontext. Und nun der Traum.
Ich stehe auf von dem ungemütlichen Stuhl, blicke mutig in seine Augen, wackele mit dem Kopf in Richtung der übrigen Fragenden, und spreche:
Scheren Sie sich zum T…Vladimir Il’jich! Die anderen Fragenden blicken mich mit Schrecken an. Und ich? Soll sein, was sein soll. Dafür habe ich den Führer des Weltproletariats zum T. Geschickt. Und ich entferne mich langsam.
Beide lachen.
„Morgens ging ich zur Arbeit um zu kündigen. Ich erzählte den Traum Lena. Diese murmelte skeptisch: „Das ist ein wichtiger Grund“
Übrigens hält sie nichts von Träumen!
Der Herbst verwandelte die Straßen Petersburgs mit rot-goldenen Blättern der Ahornbäume.
Der erste Tag des Studiums im Osteuropäischen Institut der Psychoanalyse. Das Institut befindet sich auf dem Petrograder Gebiet. Ein riesiger Platz, 18. Ein altertümliches Gebäude, eine Marmortreppe, auf dem Boden ein Marmormosaik, die Spiegel reflektieren die spielende Sonne.
Die ersten Berührungen dessen, was lange deines sein wird, Wiedergeburt, die eigenen Reflexionen in den Spiegeln der neuen Realität. Die erste Lektion: Einführung in die Psychoanalyse. Ich spüre meine Anteilnahme zu den Geheimnissen der menschlichen Psyche. Ich blicke in die andren Gesichter, hier sind fast 70 Studierenden.
Alle, so sieht es aus, verliefen sich im dunklen Wald mit ihren Fragen.
Ich nahm Platz am ersten Tisch, fühlte mich wie eine Erstklässlerin. Ich erhebe die Hand für eine Frage.
„Sie sagten, dass die Therapie lange dauern kann, einige Jahre. Wie halten es die Patienten aus? Kann man sich nicht etwas ausdenken, damit es schneller vor sich geht?“
„Wohin eilen sie? Gibt es in Ihrem Leben Veränderungen, die schnell vor sich gehen?“
„So ist es. Wenn mir in meinem Leben etwas nicht gefällt, dann tausche ich es aus. Deswegen bin ich hier. Für meine Lieblingsarbeit.“
„Wie alte sind Sie? Eine nicht ganz bescheidene Frage?“
Ich bin…45 (sie nahm 5 Jahre weg, für alle Fälle) Und wozu die Frage?“
„Sie haben aber schnell ihre Lieblingsarbeit gefunden“, antworte MM…
Im Auditorium lachte man.
Damals wusste ich nicht, welch lange Reise vor mir liegt.
Wir suchten uns einen Therapeuten. Zuerst schien die Psychoanalyse ein magischer Kristall zu sein. Du beginnst gemeinsam mit dem Therapeuten auf das eigene Leben zu blicken, in dessen Zentrum das wichtigste Problem liegt. Mit diesem kamst du zu ihm, und dann ging es los, alles wird nun verständlich und davon, dadurch dass alles bewusst wurde, nach Freud, löst sich das Problem auf. Doch es erwies sich als viel schwerer. Für Magie brauchte ich Liebe.
Und eines Tages, während der Vorlesung, spürte ich es. Die Lektorin war eine Fee. Sie war so jung und weise, schön und weiblich. Ihre Stimme lockte einen an, das Thema waren Symbole, Märchen und Träume. Ich tauchte ein, sah nichts um mich herum, beobachtete nur sie, ihren Worten, die mich in ein Märchen führten über den goldenen Teller und den schönen Apfel, über eine weite, ferne Welt, über Eifersucht, Tod und Wiedergeburt. Elena fuhr mit der Vorlesung fort. Machte Witze, lächelte. War so lebhaft, so echt, gar nicht aus seinem Märchen.
Hinter dem Fenster fiel der Schnee, der Wind wirbelte die letzten Blätter auf. Die Vorlesung ging zu Ende.
„Ich möchte mich von ihre therapieren lassen“, sagte ich zur Freundin.
„Die ist zu gut für mich“, bemerkte diese.
„Für mich genau richtig,“ sagte ich und wundert mich über mich selbst.
Ich ging um zu rauchen und traf dort Elena, ebenfalls mit einer Zigarette. Hier schien es einfacher zu sein, einen richtigen Schritt zu machen. Ich machte ein Treffen aus und glaubte nicht an die Möglichkeit.
Über den Fluss Karpovka, entlang der Brücke, links ein Café , rechts – das Psychoanalytische Zentrum. Eine geschmiedete Abzäunung, ein Garten im Hof, Marmortreppe, eine schwere Tür. Die Knie zittern, das Herz schlägt wie ein erschrockener Vogel. Das Kabinett ist freundlich, eine warme Leuchte in der Ecke. Elena, die Schöne, sitzt in dem Sessel, ihr Sessel ist gegenüber der Chaiselongue.
Es begann ein Gespräch – die Psychoanalyse. Es ist ungewohnt über sich selbst zu sprechen. Das Vertrauen kam sofort von ihrem aufmerksamen Blick, dem Schweigen und dem Zuhören. Nie und nirgendwo ist es so. So als ob wir meine verloren gegangenen Puzzle-teile suchen würden. Das was geschah, ähnelte einem Traum, in dem sich mit mir Dinge ereigneten. Elena hielt mich wie an der Hand, und der Traum füllte sich mit Realität.
Wie eine mühsame Wiederherstellung des Textes, bei dem du am Wort den Kontext errätst. Und das Wort Liebe las sich nach einem nicht hiesigen Klang. Eine Stunde ähnelte dem Beginn eines Lebens, durch irgendeinen fremden Punkt der Raum-Zeit, durch ein schwarzes Loch, wo sie die Plätze tauschen.
Ich verließ die Pforte, ging über die Karpovka, sah das Café, rechts die Bezeichnung „Margarita“. Der Name meiner Mutter. Der Blick verschwamm, auf dem Wasser schwammen fünf schwarze, im Licht der Laterne, glänzende Enten, die Ampel schaltete auf grün. Es regnete, es war ein feuchter Abend, oder waren es meine Tränen?
Ich gehe durch St. Petersburg, und hinter der Ecke der mir bekannten Straße, biege ich in einen Torbogen ab und betrete einen Hof. Ich setze mich auf eine Bank, rauche eine und sehe durch den vor mir vorbeifliegenden Rauch, den Hof meiner Kindheit. Und sie ist ein kleines Mädchen, das man in diesem Hof, in der Abenddämmerung, vergessen hat. Das Mädchen stochert gedankenverloren im Sand, ohne den Versuch, etwas bauen zu wollen. Sie nimmt den Sand monoton in die Hände und lässt ihn wieder nach unten rieseln. Und in den Fenstern des Hauses brennt schon das Licht. Dort sitzt man am runden Tisch, mit Piroggen und Süßigkeiten, die sie so liebt.
Ich erinnere mich an diesen Hof und komme nächstes Mal wieder. Nachts, im Traum, umarmt sie das kleine Mädchen, flüstert ihr Märchen zu, in das zärtliche, warme Öhrchen, und sie verspricht ihr, sie nie zu vergessen.
Ich brauche lange für den Nachhauseweg, nachdem, ich weiß nicht wo ich war. So nenne ich meine Treffen mit dem Therapeuten.
Morgens, auf dem Weg ins Institut, beginne ich in die Gesichter der Passanten zu blicken und in ihnen verborgene Geheimnisse zu entdecken, Gedankenverlorenheit, Trauer und Lächeln. Und ich spüre Liebe, darin gibt es nichts Falsches.
Die Wolken ziehen, wie gewohnt, durch den Himmel, die Dächer der Häuser wackeln. Unter den Füßen federt der Weg ab, den ich entlang gehe, nicht eilend, und ich spüre in meiner Hand die warme Hand des Anderen.