Natal’ja Löwina
Ich fand mich zufällig in Tula wieder. Als im Waggon eine Stimme widerhallte, die den Stopp des Zuges in dreiundzwanzig Minuten, ankündigte, da verschnellerte das Adrenalin den Rhythmus des Herzens vom Trab zum Galopp. Ich hielt die Zeit auf dem Handy fest. Dreiundzwanzig Minuten. Wird mir das reichen? Die Stimme am Bahnhof sprach von dem Stopp und der Losfahrt, in das Fenster des Kupees drang blasses Laternenlicht.
Es vergingen fünf Minuten. Die Sachen mitzunehmen, war zu riskant. Die Taschen lagen unter den Bänken. Unter schweren, quietschenden Bänken.
Man verkündete, dass bald ein weiterer Schnellzug kommt. Ich hörte anderen Geräuschen zu. Viel leiser, doch gefährlicher – die Geräusche des Atems von Timur. Er atmete gleichmäßig und tief, wie ein großer, müder Hund.
Ich warf die Decke zur Seite und setzte mich. Ich hätte mich anziehen sollen, doch hatte ich Angst, dass das Rascheln der Sachen den Ehemann weckt.
Wie ein Wachhund, der nicht schläft, sondern schlummert, der bereit ist, jede Sekunde aufzuwachen und sich auf den Fremden zu werfen, so war auch Timur bereit aus dem Traum zu hüpfen, um das zu fassen, was ihm gehört. Mich.
Es vergingen bereits zehn Minuten Aufenthalt, und ich saß immer noch da in meinem langen, weißen Shirt, in der Mitte der Bank, mit angezogenen Knien und verschränkten Fingern. Im Kupee war es stickig, doch ich wurde geschaukelt. Diese Angst, keine Möglichkeit zu haben, nach Außen zu springen, durch den Schrei, den Zorn oder das Lachen, durchdrang meine Haut.
Ich bemühte mich, leiser zu atmen und gleichmäßiger. Ich beugte mich, um meine Turnschuhe zu holen. Ich holte die Socken heraus und zog sie an, dann die Schuhe ohne sie aufzuknöpfen. Vor dem Schlaf legte ich die Sachen zu einem Haufen vor meinen Füßen. Dort stand auch die Tasche.
Ein letzter Blick auf das Telefon, ich hatte nicht vor es mitzunehmen. Fünfzehn Minuten Aufenthalt.
Die Passagiere, die rausgingen um eine zu rauchen oder frische Luft zu atmen, kehrten allmählich in den Waggon zurück. Aus der Tür des Coupes drangen leise Stimmen und Schritte, die durch einen Flurteppich ab gedämmt wurden.
Ein letzter Blick auf Timur. Er schlief mit dem Gesicht zur Wand und sein breiter Rücken hob und senkte sich kontinuierlich.
Ich ging zur Tür und drückte den Griff aus Metall. Ich kniff die Augen zusammen, mir war bange, dass man es hören könnte. Doch das Geräusch vermischte sich mit den Lauten des Bahnhofes und der Passagiere.
Ich hüpfte in den Flur wie ein glitschiger Fisch. Dann drehte ich mich um, machte die Tür zu und ließ das Coupe wieder in der Dunkelheit.
Die Zugbegleiterin war damit beschäftigt, jemanden zurück in den Waggon zu schicken. Ich ging mit betrunkenen Schritten zum Ausgang und spürte den Herzschlag und den Puls, wie diese einer Trommel gleich, klopften.
„Fräulein, der Zug fährt gleich ab, kehren Sie zurück in den Waggon“, die Zugbegleiterin erwartete nicht, mich im Shirt und Turnschuhen zu sehen.
„Ich muss hier her“, flüsterte ich, blickte mir unter die Füße und hatte Angst über die Stufen zu stolpern. Als ich unten war, drehte ich mich abrupt um und schrie zu der Zugbegleiterin.
„Wenn jemand nach mir fragen wird, sagen Sie ihn, ich sei in Moskau ausgestiegen.“
„Wer wird mich das fragen?“ blinzelte sie verständnislos mit ihren getuschten Wimpern.
„Bitte helfen Sie mir“, bat ich wieder und nahm aus der Tasche einen zehntausender Schein heraus.
„Mädel!“, das Geld hat sie verunsichert oder erschrocken. „Lauf, lauf wohin du laufen sollst!“
Ich drehte mich um und vergrößerte die Geschwindigkeit.
Habe ich es wirklich getan? Ich hätte nicht daran gedacht, den Entschluss zu fassen, in dem Zug ST. Petersburg-Vladikawkaz, in drei Minuten vor dem Losfahren auf dem Bahnhof.
Der Bahnhof traf mich mit Leere und dem Echo von Schritten. Ich sollte die Toilette finden, um mich umzuziehen. Dann die Mutter anrufen, um ihr zu sagen, dass bei mir alles gut ist. Nachdem ich einige erstaunte Blick erntete, ging ich durch den Wartesaal, sprang in die Toilette und fand mich in der Stadt wieder. Wohin gehen? Was tun? Ich habe, glaube ich, keine Bekannten in Tula. Inmitten von Vitrinen und Aushängeschildern, schien das Licht nur in der Bäckerei und dem Hotel „Moskva“. Ich wählte das letzte. Ich wollte nicht schlafen, doch über die Pläne nachdenken.
Die Portierdame, ein Dienstgruß, das Scannen des Passports und ich bekam den Schlüssel- Das Einzelzimmer sah bescheiden aus: „Wer ist hier das nicht brave Mädchen? Wer ist von zuhause weggelaufen?“ Ich schaltete das Licht ein und legte mich auf das Bett.
Timur und ich lernten uns vor drei Jahren kennen. Da feierte meine Freundin gerade ihren Geburtstag in einer Karaoke-bar. In der lauten Gesellschaft hob sich mein zukünftiger Ehegatte von allen ab: dunkelblaue Augen, schöne Stimme und Gesang, wovon alle Frauen betrunkener wurden als von Bi2. Wir tanzten zu „Moj rok-n-roll“, als ich das Schaukeln von hundert Flügeln in meinem Bauch spürte. Ich hatte das Gefühl, erbrechen zu müssen, doch das war irgendwie angenehm. Zwischen uns blieb ständig dieses Pulsieren. Zärtlichkeit, Angst, Zorn, Schmerz, alles schlug und erzitterte, verwundet und lebendig, wie ein Hase in der Falle.
Die Blumen füllten meine Wohnung schneller als ich es schaffte, neue Vasen zu kaufen. Die Gespräche zwischen mir und Timur handelten von allem, vom Rezept des Oliv’e-Salates der Mutter bis zum Baader-Meinhof-Phänomen. Nach hundert Abendessen, sechs Vasen und ein halbes Jahr Beziehung, machte Timur mir einen Heiratsantrag.
„Hast du ein Glück, Irka, hast dir solch einen Mann geschnappt!“ wiederholten die gemeinsamen Bekannten. So dachte auch ich, habe ich ein Glück.
Der erste Zweifel kam an jenem Abend, als ich mich zu lange bei einer Schulfreundin aufgehalten habe. Wir quatschten bis zur Mitternacht in der gemütlichen Küche Olgas. Ich rief mir ein Taxi und freute mich auf meinen Ehemann.
„Hier bin ich!“, sprach ich etwas lauter als ich vorhatte, durch die abrupt sich öffnende Türe zu terten. Es schien mir, als würde ich immer noch lächeln, als die Hand Timurs mich packte und mich in den Flur zerrte.
„Wo hast du dich herum getrieben?“, er machte die Eingangstür zu und überfiel mich beinahe.
„Timurchen, was hast du? Ich war bei Olga, das habe ich dir doch schon erzählt,“ gab ich verwirrt zu und verstand nicht, dass es ihn so irritierte.
„Du hättest schon vor einer Stunde zuhause sein sollen! Wie, zum Teufel, sollte ich erraten, wo du dich herumtreibst?“ Er blickte mich mit furchterregenden Augen an. Mit solchen Augen blickte mich einmal ein streunender Hund an, als ich von der Schule zurück kehrte. Nun wurde mir, wie in der Kindheit, bange zumute. Obwohl ich nicht verstand, worin meine Schuld lag.
„Timur, ich war bei Olga. Warum schreist du mich an?“, ich versuchte meine Hand aus seinen Fingern zu befreien.
Irgendeinen Moment blickte er mich an, als ob er mich ohne Hilfe von Streichhölzern verbrennen würde. Dann ließ er abrupt die Hand nach unten und führte die Augen in eine andere Richtung.
„Verzeih mir, Ich weiß selber nicht, was in mich gefahren ist. Ich mache mir zu große Sorgen um dich,“ da nahm er meine Hände in seine und küsste sie oft und schnell.
Das Herz schlug langsamer, ich kam langsam zu mir. Nach ein paar Tagen hatte ich alles vergessen.
Das nächste Mal sah ich seine schrecklichen Augen, als wir über das Treffen mit den Freunden diskutierten.
„Wie findest du Zhenja?“, Timur öffnete den Wein, während ich einen Film im Onlinekino suchte. Unsere gemeinsame Freundin hatte einen neuen Lover, und wir kehrten gerade von ihnen nach hause.
„Ich glaube, ganz gut. Sympathisch, belesen“, antwortete ich, ohne vom Bildschirm zu blicken. Ich erinnere mich nicht daran, was mich dazu zwang, nach links zu blicken, meine Vorahnung oder der pfeifende Ton. Nach einer Sekunde krachte der Teller mit dem Kobaldnetz direkt gegen die Wand hinter mir und zersplitterte in weiß-blauen Scherben auf dem Sofa. Timur blickte auf mich mit einem bösen, gehässigen Blick und atmete laut.
„Wir haben Probleme“, sagte ich und blickte auf die Scherben des Marmors.
Da weinte Timur das erste Mal. Es schien, als würde er die Hände küssen, mit dem Kopf gegen die Knie wischen, wie ein Hund, und versprach alles in die Hände zu nehmen. Das tat er für eine Zeit. Und dann wiederholte sich alles noch einmal. Ich begann immer mehr über ideale Familien nachzudenken. Denn so sahen wir aus für die uns Umgebenden.
„Dieses Lied widme ich Irina, der Königin meines Herzens“, Timur reicht die Hand in meine Richtung, lächelt breit und singt: „Ich liebe dich bis zu den Tränen“. Seit zwei Tagen verstecke ich mich vor ihm in unserer Toilette, bete dass der Türgriff seine Wut aushält.
„Irinushka, meine Liebe, wie soll ich dich erfreuen?“, der Ehemann nimmt meine Hand, küsst sie und lässt sie in seiner Hand liegen. Doch er drückt diese fest zusammen, als ich ihm berichte, dass ich vorhabe, meine Schwester in Pskow zu besuchen.
„Freunde, ich möchte sagen, dass ohne diese Frau, Sie mich nicht so glücklich sehen würden“, der Ehemann stellt sich auf ein Knie und hebt das Weinglas zu meinen Ehren. In jener Nacht verschränkt er mir böse meine Finger und zerrt an meinen Haaren, als ich ihm den Sex mit mir verneine. Es bleiben violette Linien und das Gefühl, dass ich gleich erbrechen soll.
Diesmal ist es unangenehm.
Ich habe es niemanden erzählt. Zuerst, weil ich Timur liebte. Wenn du liebst, findest du für alles eine Rechtfertigung. Er ist einfach müde, ein harter Tag auf der Arbeit, ich bin selbst schuld, hätte ich doch das kurze Kleid nicht tragen sollen. Dann wusste ich nicht zu wem ich sprechen sollte. Ich dachte, dass mir niemand glaube wird. Wie Timur, der Traum aller Freundinnen, zu einem Haustyrannen werden konnte. Ich hätte es auch nicht geglaubt.
Die Scheidung. Dieser Gedanke entfachte in meinem Kopf und erstaunte mich. Zwei Wochen wartete ich darauf, wann mein Ehemann endlich gute Laune haben wird. Ich lud ihn ins Restaurant ein.
„Ich lud dich nicht einfach so hierher ein“, begann ich leise zu sprechen, nachdem wir bestellt hatten.
„Erstens möchte ich sagen, dass ich dich sehr liebe.“
Er schaute mich an, ohne zu blinzeln, so als ob er etwas erwarten würde.
„Ich kann so nicht weiter machen. Unsere Beziehung leidet. Und ich möchte sie heilen, bevor es zu spät ist. Bevor wie Kinder bekommen…Timur, ich will die Scheidung.
Zuerst dachte ich, dass er nicht richtig gehört hat. Sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Er blickte mich weiter an und machte mich nervös. Dann nahm er meine Hand und küsste sie. Er zog mich an sich und flüsterte ins Ohr:
„Wenn du die Scheidung einreichst, töte ich dich.“
Er ließ langsam meine Hand los und widmete sich dem Salat, welchen der Kellner gebracht hatte.
„Ich möchte gehen“, sagte ich kaum hörbar.
„Du wirst nirgends wohin gehen“, antwortete Timur so routiniert, als ob wir über das Menü reden würden. „Du isst alles auf, was du bestellt hast, und dann gehen wir nach hause. Weil die Frau nicht eher gehen soll, als der Mann es ihr gestattet. Hast du mich verstanden?“
Er warf mir einen Blick von oben zu, hob seinen Kinn und widmete sich wieder dem Essen. Ich kaute mechanisch das Essen, und spürte den Geschmack von Kupfer.
An jenem Abend hat er mich nicht geschlagen. Doch die Spannung zwischen uns war so fest, dass man sie hätte in Fetzen reißen können und sich in den Rachen stecken.
Die Fahrt nach Wladikavkaz war spontan, als Timurs Bruder einen Sohn bekam. Die ganze Familie versammelte sich in dem Haus. Der Ehemann ließ mich von der Reise wissen, zwei Tage vor der Abreise.
„Schau, welchen Neffen mir Marika geboren hat.“, erörterte der Ehemann als er beobachtete, wie ich die Dinge in den Koffer lege. Über Kinder haben wir nur im ersten Jahr unserer Ehe gesprochen
Die letzten zehn Monate verbarg ich die blauen Flecken unter den lange Ärmeln und trank Arznei. Timur wusste davon. Wie ich davon wusste, dass er meine Tasche kontrolliert.
Nach zwei Tagen, setzten wir uns in den Zug St.Petersburg-Vladikavkaz. Timur kaufte Tickets für ein Coupe.
„Das ist, damit uns niemand stört. Wenn du verstehst, worüber ich spreche“, der Ehemann lächelte breit und blinzelte.
Ich verstand. Das war, damit ihn niemand dabei störte, die eigene Frau zu schlagen, wenn sie ihm die Laune verdirbt. Es verging ca. eine Stunde von dem Moment der Abfahrt, bevor wir begannen zu sprechen.
„Ich möchte mit meiner Mutter auf die Datscha fahren für ein paar Wochen“, ich rieb den Buchdeckel, das Buch hielt ich in den Händen, um das Zittern zu verbergen.
„Wann?“
„Wenn wir zurückkehren.“
„Wir werden nicht zurückkehren. Habe ich dir nicht davon erzählt?“
„Das ist ein Witz. Warum hast du mich nicht gefragt?“
„Ich muss dich nichts fragen. Wenn ein Mann umziehen möchte, hat die Frau ihm zu folgen. Wir werden in der Nähe meiner Eltern wohnen, du wirst Kinder gebären, wie eine gute Ehefrau.“
„Ich werde dir keine Kinder gebären, Timur. Ich will die Scheidung, das weißt du.
Er sprang von der Bank und nahm mich am Hals. Die Finger waren trocken, hart und drückten sich fest in die Wangenknochen.
„Deine Verwandten werden dich nie sehen. Entweder du wirst mit mir in Osetien leben, oder du wirst gar nicht weiter leben.
Gerade da verstand ich, dass ich weglaufen muss. Nur wusste ich noch nicht, wie. Und nun habe ich es geschafft. Endlich bin ich…
„Ein Schnellzug St. Petersburg-Vladikavkaz erreicht den dritten Gleis. Die Nummerierung der Waggons ist vom Ende des Zuges.“
Ich blinzelte verwirrt, um die Quelle des Geräusches zu orten. Durch das Fenster fiel graues Morgenlicht in die Augen.
„Du hast vielleicht geschlafen, Irinushka“, hörte ich von irgendwo links. Im Bauch spürte ich einen Hasen. Gleich werde ich brechen.
„Stehe auf, wir sind fast da. Bald Vladik“, Timur setzte sich auf den Rand meiner Bank.