„Möchtest du Kaffee?“
Seröga antwortet nicht und schluckt laut den Speichel herunter.
„Nun, Schweigen ist ein Zeichen der Einverständnis“, ich zucke die Schultern und nähere mich dem Schrank. Ich öffne die Dose – leer. Seltsam, gestern noch, war sie voll. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und nehme von dem höheren Regal eine neue Packung. Ich öffne sie und füge je sechs Gramm in jede Tasse. Ich greife die Zuckerdose, doch da sind nur noch ein paar Krümmel auf dem Boden. Ich muss mich dran erinnern, neuen zu kaufen. Mit der linken, zitternden Hand fülle ich die Kanne mit dem Rest.
Dann, etwas selbstsicherer, füge ich eine kleine Prise Muskatnuss und Ingwer dazu. Die gewohnten Bewegungen sind beruhigend. Ich mache mir fast keine Sorgen mehr, gieße Wasser ein und stelle die Kanne auf das Feuer. Ich atme das bekannte Aroma ein und tauche in Erinnerungen.
Es war am Ufer eines salzigen Bergflusses – jener Kaffee mit dem seltsamen Namen. Seröga und ich konnten uns nie daran erinnern, deswegen sprachen wir es immer falsch aus, nur nicht so, wie die Erfinder ihn genannte hatten. Ich weiß nicht, habe ich richtig das Rezept des Kaffees erraten, der dort gekocht wurde. Doch der Duft war sehr ähnlich. Es schien, als wollte niemand unseren Urlaub betrüben. Nichts betrübte ihn bis, wie aus dem Meeresschaum, auf dem Sonnenstrand, sie erschien…
Tan’ka…so hieß sie, glaube ich. Der Name zeichnete sich auf dem Sand und verschwand dann wieder mit einer Welle aus dem Gedächtnis…Ich lüge, ich werde den Namen sicher vergessen. Und er wird ihn vergessen. Natürlich ist auf dem Sandstrand alles anders als in der Stadt. Bei dem salzigen Bergsee mit seiner Atmosphäre des ewigen Festes, vermischt mit morgendlichen Meditationen, scheinen die alten Verhältnisse nicht mehr unerschütterlich. Sie erinnern an einen auf dem Strand gefundenen Reifen, der ganz verrostet ist und zerfallen in zwei ungleiche Teile, bei dem ersten Versuch, ihn zu heben.
Eines Tages geschah es, dass Serega Opfer der abendlichen Enttäuschung wurde. Und der Abend floss gleichmäßig in den Morgen, und dann, mit einem riesigen, Flussstrom, ertränkte er das Ruder des zukünftigen Lebens. Doch heute ist Serega hier. Man kann natürlich ein Skandal anfangen, mit bitter-salzigen, wie jener See, Vorwürfen…Oder man bietet einfach nur Kaffee an.
„Sie“, Serega fährt das Gespräch fort, als hätte man es schon längst begonnen, „es zeigte sich, dass sie nicht so war wie sie ist, nicht dieselbe…Tanja“, als ob er über den Namen stolpern würde, wird er still und rot im Gesicht. Früher hat Serega nie gestottert und sich nie verteidigt.
„Man sollte fragen, warum er kam. Nein, das wird alles zerstören, was übrig blieb. Das wird die Harmonie stören. Gott, welche Harmonie? Es gibt nichts mehr. Schon lange nicht.“
„Schon lange nicht“, spricht auch Serega, als ob er mit meinen Gedanken einstimmig war. „Tanja“, diesmal gibt er sich zwar Mühe, doch rollt er über ihren Namen, wie ein kleiner Fluss durch scharfe Steine. „Tanja hat mich gar nicht gebraucht…das heißt, sie schien, wie soll ich sagen…Also…sie ist gegangen“, Serega wirft mir einen schnellen Blick zu. Der Glanz der leuchtend grünen Augen zwingt mich, mich zu frösteln.
Seltsam, ich hatte ihn grau-äugig in Erinnerung.
„Ich verstehe, wie ich jetzt aussehe“, sagt Serega, der meine Verwunderung wahrscheinlich mitbekommen hat. In Wirklichkeit ist mit schon lange egal, wer wie aussieht. Sogar ich selbst.
Er atmet auf und geht zum Fenster. Mit einem langen Blick schaut er aus dem Glas auf die Straße. Der bucklige Rücken zeigt die volle Reue.
Ich möchte mich ihm nähern und mit der Stirn in diesen vertrauten Rücken drücken. Doch ich halte mich zurück, erlaube es den Gefühlen nicht, es zu tun. Im Inneren stöhnt alles: Bleibe stehen, dumme Frau…Sonst wird es wieder und wieder geschehen.
Doch mir sind der Stolz und die Stimme der Vernunft bereits egal. Wie unter Hypnose, mache ich einen nicht festen Schritt…Und da höre ich aus der Ecke in der Küche ein warnendes Zischen. Laut, als ob über zehn Schlangen sich auf einmal alle auf die Jagd begaben.
Ich zittere und blicke mich um, suche die Quelle des Geräuschs. Auf der Oberfläche des Herdes zeigt sich eine Kaffeepfütze. Ich schnappe mir einen Lumpen und wackele damit hin und her, ohne zu wissen was ich damit machen soll. Endlich habe ich die Idee, den Herd auszumachen, aus dem Gas strömt, wie eine Schneelawine, die mit ihrem Duft das Kaffeearoma bedeckt.
Nachdem alles erledigt war, begebe ich mich zurück zum Fenster. Draußen ist niemand…Plötzlich treten Tränen auf und ich renne in den Flur, da ist niemand. Ich drehe den Türgriff, abgeschlossen.
Ich blicke auf den heraus steckenden Schlüssel und werfe mit Wut den Lumpen gegen die Wand, der getränkt ist mit der Kaffeeflüssigkeit. Die schwarzen Bäche fließen auf der frisch gestrichenen Wand…