Elena Vovnova: „Die Mandarinen reifen im Dezember“

In der Hoffnung, wenigstens eine noch nicht verfaulte Mandarine zu finden, nahm Jana langsam und nachdenklich aus der großen Holzkiste, das heraus, was von den Mandarinen übrig war und legte die orange Paste auf den Teller auf der Fensterbank. Die Kiste mit den Aufklebern von Fluglinien und Flughäfen stand neben der Wand, von der aus die fröhliche Jana auf das Portrait blickte, welches mit Kohle gezeichnet war und darunter die Aufschrift: მანდარინი დეკემბერში მწიფდება

Der Haufen von auf dem Weg bereits einige Male gefrorenen und dann wieder aufgetauten Mandarinen, die von Saft triefen, mit säuerlicher Haut, gezeichnet von buntem Schimmel, vergrößerte sich immer mehr und sah sehr kunstvoll aus, vor dem Hintergrund des eintönigen Schneefalls vor dem Fenster und den in den Tiefen sich zeigenden Schneebergen.

In der Kiste von der Farbe des immergrünen Baumes lagen Bücher und Dinge Janas, welche sie mit der Eisenbahnpost aus Suhumi nach Almaty zu schicken schaffte. Nach zwei Monaten des Wartens auf das Gepäck und der bereits erlöschenden Hoffnung, war die Ankunft der Kiste wie ein Vorneujahrswunder. Und eine Nachricht von dort.
In Suhumi versammelte sich der ganze Kurs, direkt nach der Beendigung des theatralischen Institutes. Der junge und vielversprechende Regisseur kam, sah und lud ein zur Arbeit in dem Theater Suhumis zehn Schauspieler mit Diplom, die Absolventen des Jahres 1991. Er versprach gute Bedingungen und viel Arbeit, zeigte die Fotografien des Theaters, das zwanzig Meter von dem Meeresufer stand. Alle waren sofort einverstanden. In Almaty gab es keine Perspektiven, man nahm die Schauspieler nicht in die Theater auf, und wenn doch, dann zahlte man nicht, und diejenigen, die man bezahlte, spielten für Niemanden. Die Menschen besuchten die Theater nicht, es war ihnen nicht nach Theater, sondern es ging um das Überleben.
Man beschloss für lange Zeit nach Suhumi zu fahren. Damals brauchte man für die Fahrt, bis auf den Pass des Bürgers der UdSSR und das Flugticket, keine Dokumente mehr. Das war einfach eine Fahrt innerhalb eines großen Landes, von der einen SSR in die andere SSR.

Man beeilte sich, die Sachen zusammenzusammeln, das Gepäck zu verschicken, damit man sich bis zum August, zur Theatersaison einrichten konnte, ankommen, und sich erholen an dem Ort. Wobei der Beginn der Arbeit im Theater den Ort nicht ersetzte.

Jana fiel es einfacher als den anderen. Sie war, seit sie 18 Jahre alt war, sehr selbstständig. Sie musste nicht qualvoll überlegen, was sie mit sich nimmt.
Man musste aus der Mietwohnung alles mitnehmen, was sich innerhalb der vier Jahre des Studentenlebens angesammelt hatte. Deswegen bestellte sie bei einem Bekannten aus dem Theater, eine große Kiste aus Kantholz und großem Funierholz, mit zwei massiven Henkeln.

Der junge und vielversprechende hat meine Erwartungen erfüllt. Das Wohnheim des familiären Typs, mit anderen Worten eine „Kleinfamilie“, genügte allen, mit den getrennten Zimmern mit Sanitäranlagen und einer Dusche für jede Dreizimmersektion. Die gestrigen Klassenkameraden saugten die suhumische Vielfarbigkeit ein, die verschiedenartigen Geschmäcker und die Mehrsprachigkeit. Zwei zugezogene Freunde, die dreiundzwanzig jährigen Agdur und Vaso, wurden zu Guides, Übersetzern und Somelies. Sie dienten zuerst gemeinsam in der Armee, danach lernten sie im Theaterinstitut in Tbilissi und kamen in das russische Theater Suhumi, um hier zu arbeiten. Genauer Suhuma, wie die Einheimischen die Zugezogenen korrigierten.

Adgur war ein Schauspieler, hoch, dürr, mit Brille, immer zurückhaltend und vernünftig. Vaso, der Künstler des Theaters, war untersetzt, gesprächig, immer mit einem Notizblock und Bleistift in der Hand. Hier war alles anders, und all das was man von zuhause kannte, alle Schwierigkeiten und Probleme, berührten diese Welt nicht, so schien es. Das allergrößte Problem war die hohe Luftfeuchtigkeit, wegen der die Wäsche selbst nach zwei Tagen draußen nicht trocknete. Alles andere war ein Fest, ein Feuerwerk der Eindrücke, mit Pausen von interessanten Träumen über alles was man am Tag wahrgenommen und angenommen hat.

Adgur erzählte über den besten abchasischen Wein, führte eine Probe durch, nachdem in den ersten Tagen klar wurde, dass die Einheimischen überhaupt nicht betrunken werden, und die zugezogenen Artisten schnell wackelige Füße bekommen von dem regionalen Wein.

„Alaverdy, ist es ihre Sprache? Das Wort ist einfach schön. Das bedeutet, dass derjenige der den Toast spricht, das Wort weitergibt, damit der Nächste fortfährt und das Thema entfacht. Und erst nachdem man das Thema tot geredet hat, werden die Gläser leer. Und ihr leert sie nach jedem Gesagten. Es ist nicht erstaunlich…

Und die Einheimischen liebten es zu sprechen. Und zu singen. Vaso brachte allen georgische Lieder bei, und schon nach einer Woche erklangen die Worte der Lieder, die man nur an der Melodie erkannte:
„Сакварлиз саплав свэт зэбди
Вэрнахэ дагар гулико
Гула москвинииии встэроди
Садахар чамо Суликооо“

In jedem Hof wuchsen Feigen, nur Jungs kletterten um sie zu pflücken auf wurzelartige Bäume, weil man diese an jeder Ecke kaufen konnten für ganz wenig Geld – schwarzen oder grünen, was nicht die Reife zeigte, sondern den Unterschied der Sorte. Mandarinen aß man in Eimern, bis zur allergischen Reaktion auf den Wangen. Die Lorbeerblätter wuchsen wie ein Dekorationsstrauch am Wegesrand und sein Geruch verleitete dazu, Blätter zu pflücken für die Suppe. Neben der Mimose, die also ein Baum war, konnte man stundenlang stehen und beobachten, wie sich die Blätter von der Berührung zusammenfalten. Bozhole lernte ich zu erkennen von der Ernte des letzten Jahres. Von den Meeresfahrten auf dem Schiffchen wurde ich nicht durchgeschüttelt, wie in den ersten Tagen. Sogar die beginnenden Übungen im Theaterinstitut beendeten die Atmosphäre der Festlichkeit nicht.


Anfang Dezember küssten sie sich zum ersten Mal. Am Ufer des Meeres. Unter dem Baum mit Mandarinen, die bereits gelb zu werden begannen.

„Vaso, so also ist es? Dezember, und sie wachsen“, Jana schaute nach oben auf die Sterne und die Mandarinen.

„ანდარინი დეკემბერში მწიფდება“

„Was hast du gesagt?“
„Ich schlage dir ernsthaft vor, die Sprache zu erlernen“, lächelte Vaso breit und umarmte Jana. Am nächsten Tag zog Jana zu Vaso, in ein Zimmer des Theaterwohnheimes, zusammen mit ihrer Kiste.
Die Reste der Mandarinen lagen im sanften Hintergrund des Fensters. Jana nahm aus der Kiste ein Fotoalbum heraus, das an einigen Stellen durchtränkt war mit dem orangen Saft, sie schlug die Seite auf mit der Fotografie des Theaterkollektivs im Hintergrund eines schönen, alten Gebäudes. „Die Eröffnung der 11. Theatersaison, 1992 Jahr.“
Die Klassenkameraden…Adgur…Vaso…Als man in den Nachrichten zeigten, was vom Gebäude übrig geblieben war, kann man sich gar nicht vorstellen, was dort alles geschieht, da wo die Mandarinen weiter wachsen.
Im November 1992 veränderte sich alles. Abchasier und Georgier trafen sich nicht mehr an einem Tisch. Doch Adgur und Vasa, zusammen mit Jana fuhren fort, die Kleinfamilie zu besuchen. Man bemühte sich, nicht über die politische Situation zu sprechen, damit Adgur und Vaso nicht anfangen zu streiten.
Dann erschienen in der Stadt Panzer und Soldaten, und an das Theater erteilte man den Befehl, dass alle, die keine georgische Staatsbürgerschaft haben, das Territorium Abchasiens verlassen mussten. Bis sich der Konflikt reguliert.
Jana und Vaso saßen auf den Enden der Kiste, in die man nur die aller notwendigsten Dinge gelegt hatte und ein paar grüne Mandarinen. Man versprach, das Gepäck innerhalb von 10 Tagen zuzustellen, sodass die Mandarinen auf dem Weg reifen mussten. Vaso blickte auf Jana, malte irgendetwas in seinem Notizblock mit dem Kohlestift und sprach, dass es keinen militärischen Konflikt geben würde. Dass die Situation Maximum ein Monat anhalten würde, dass Jana ihre Verwandten besucht und wieder zurückkehrt. Jana lächelte und glaubte dem Menschen, den sie den langen Monat sehr vermissen würde.

Nach einem Monat der Rückkehr in Almaty bekam Jana einen Brief von Adgur. „Jana, Vaso ist gestorben. ER trat als Freiwilliger in die georgische Armee ein. Nach der Verletzung lebte er noch einen Tag. Ich schaffte es, ihn im Krankenhaus zu besuchen. ER hat immer nach dir gerufen, redete im Wahn, sprach warum auch immer über Mandarinen…Mein Beileid. Er war mein bester Freund.“

Jana weinte nicht. Sie spürte nur, dass all die Fragen in ihrem Inneren wie Haken stecken blieben.

Und von jeder unnötigen Bewegung oder einem Geräusch hätten sie ihr Inneres zerreißen können. Das konnte sie gerade jetzt nicht zulassen. Jana rief die ehemaligen Klassenkameraden ein und wiederholte leise ein und dieselbe Phrase: „Hallo. Vaso ist gestorben. Hallo. Vaso ist gestorben.“ So als ob sie hoffte, dass mit jedem Anruf, mit jeder Phrase, die Fragen schwächer werden können.

Auf dem Grund der Kiste lagen Bücher, die ebenfalls vom Saft der Mandarinen beschmutzt waren . Jana legte sie in Stapeln auf den Boden. Das letzte war ein kleines Büchlein – russisch-georgisches Wörterbuch. Der Kopf begann sich zu drehen von den häufigen Neigungen nach unten. Jana setzte sich auf den Hocker, berührte mit der Hand den rundlich werdenden Bauch, horchte hin. Dann blätterte sie im Wörterbuch, fand ein Theaterblatt mit der Phrase in georgischer Sprache und flüsterte mit den Lippen „мандарини мципдеба декемберши“.

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