Dana Kanafina: „Die Geliebte“

Um die Wohnung zu erreichen, in der du in Prag wohntest, musste ich zuerst die U-bahn nehmen und dann die Tram. Das Warten inbegriffen, nahm der ganze Weg ca. 40 Minuten hin und zurück ein. Als du dir den Arm gebrochen hattest, fuhr ich jeden Tag zu dir. Du strittest immer mit mir, wenn ich sagte, dass die Nacht, in der wir uns zum ersten Mal an den Händen hielten, schneereich war. Doch ich erinnere mich genau daran. Du kamst damals aus Berlin zurück, wo du deinen besten Freund besucht hattest und ich erwartete dich am Bahnhof. Es war später Abend und du sagtest mir, ich soll nicht vorbei kommen, doch ich bestand darauf. Ich hatte damals sowieso nicht viel zu tun. Es war Anfang Januar, die Universität hatte über die Feiertage geschlossen und ich hatte keine Freunde in Prag. Ich hatte dich. Ich konnte damals nicht verstehen, warum du dich mit mir angefreundet hast, denn Freundschaften bei den Europäern waren nicht Gang und Gebe. Es war angebracht sich zu versammeln, was zu trinken und Smalltalk zu halten, doch lange zu zweit zu sitzen war nicht angebracht. Ich hoffte, das alles war, weil du mit mir schlafen wolltest, nicht weil du ein guter Mensch bist, wobei in der Retrospektive das Ganze ganz ulkig klingt.

Du hast mir sehr gefallen. Du gefällst mir immer noch, doch nun spreche ich über die vergangene Zeit.

Es schneite als wir den Bahnhof verließen und zu dir nach Hause zu Fuß gingen. Wir beschlossen, dass ich dir dabei helfe, deine Sachen zu sammeln, das war unsere gemeinsame Ausrede. Dass Schnee fiel, daran erinnere ich mich gut, weil es in Prag sehr selten schneit und ich mich jedes Mal darüber freute.

Der Schnee erinnerte mich an die Kindheit, an die aller frühste Kindheit, als er noch mit uns lebte.
Wir lebten in einem Plattenbau, unweit des Brachlandes. Er sagte, dass das Brachland Boden sei, den irgendjemand gekauft hatte um ein Bürogebäude zu bauen, doch das Projekt wurde abgebrochen. Im Endeffekt blieb das Brachland, wie eine nicht gekonnt angenähte Tasche auf einem alten Mantel.

Im Winter war dieser Platz ganz vom Schnee bedeckt. Dort versammelten sich Kinder und spielten Schneeballschlacht oder bauten Schneemänner. Normalerweise erlaubten es die Kinder nicht, mit ihnen zu spielen und dann spielte er mit mir. Wir hatten zuhause einen alten Schlitten, noch von der Kindheit der Mutter. An solchen Tagen nahm er diese mit. Kaum angekleidet, lehnte er es niemals ab, mich mit dem Schlitten zu fahren. Meine Mutter kam nie mit uns, weder zum Schlittenfahren, noch irgendwohin, sie war im Haus sehr beschäftigt und deswegen gingen wir immer zu zweit.

Jene Tage waren sanft und hell, wie Milch. ER fuhr mich von einer Ecke des Brachlandes in die andere, und ich wollte nie, dass er stehen bleibt, sogar wenn es stark schneite oder meine Finger kalt wurden. Ich liebte es die Finger über die Erde zu streifen während ich auf dem Schlitten saß und es gefiel mir, wenn flockige Schneeflocken an mir klebten wie Haufen von zuckrigem Puder.

Deswegen, als es in jener Nacht schneite, beobachtete ich wie die Schneeflocken sich auf meine Finger legten. Sie schmolzen sobald sie meine Hand berührten.

Wir gingen die Straße entlang und ich sagte, dass ich Angst habe, hinzufallen.

Du blicktest mich verwirrt an und fragtest mich, ob ich langsamer gehen möchte.

„Ich komme schon zurecht“, antwortete ich, unsicher, ob du meine Andeutung verstanden hast. Wir gingen noch etwas weiter, ich tat so, als ob ich fast ausrutschte und nahm deine Hand in meine. Du blicktest mich schnell an und senktest deinen Blick. Dann drücktest du meine Hand. Meine Wangen brannten und die Schneeflocken, die auf ihnen tauten, sahen aus wie Tränen.

Als wir nach der Schlittenfahrt nach Hause zurück kehrten, hielt er immer meine Hand in seiner, weil meine Hände so kalt waren. In der anderen Hand hielt er den Schlitten. Bevor er krank wurde, war er sehr stark und konnte den Schlitten von dem Brachland bis zu unserer Wohnung tragen. Ich liebte es, weil es hieß, dass ich ihn immer an der Hand halten konnte.

Als wir über jene Nacht viele Monate später sprachen, sagtest, du, du wärst sehr glücklcih gewesen, als ich deine Hand nahm.

„Ich wusste nicht, ob ich dir gefalle“, gabst du zu. „Deinem Verhalten nach war das ganz unverständlich.“

Ich wunderte mich. Du bist sechst Jahre älter als ich, hast einen Magister, bist erwachsen. Ich dachte immer, du seist begabter als ich.

Wir ließen die Hände los erst wenn wir das Haus erreichten, in dem du lebtest. Als wir die Treppe hoch stiegen in die zweite Etage, hielten wir immer noch nicht Händchen.
Damals lernte ich zum ersten Mal deinen Wohnungsnachbar kennen. Derjenige, der dir später beibrachte, Skateboard zu fahren. Du stelltest mich nur mit Vornamen vor.

An jenem Tag wolltest du das Gepäck nicht ordnen, doch du machtest mir den Vorschlag gemeinsam zu essen. Du hattest nur Fertigpizza zuhause, deswegen beschlossen wir diese zu essen. Wir saßen auf dem Boden, beobachteten wie der Käse schmilzt und ich dachte nur noch daran, ob du mich an jenem Abend küsst.

Als er begann krank zu werden, war noch alles gut. Sein Zustand gab nur zu bedenken, wenn er feucht hustete, als ob es von Innen schneien würde und diese ganze Flüssigkeit sich in den Lungen angesammelt hätte.

Da begann er viel zu backen. Viel mehr als früher, als ob er das Vergangene aufholen wollte.
Natürlich sage ich nicht, dass er davor nie buk. Doch das war einfach seltener. Er kam spät nach Hause, klopfte und sprach:

„Geliebte, lass uns backen?“

Und ich ging immer mit ihm um zu backen, sogar wenn ich schon ins Bett ging. Mir war nicht nach Piroggen und Keksen, doch ich liebte es, mit ihm zu kochen, und besonderes neben dem Ofen zu sitzen. An solchen Abenden ging von ihm eine Mischung von Gerüchen aus. Normalerweise waren es Zigaretten oder O de Cologne, manchmal ein Parfum. Sie rochen nach Früchten, Blumen und verschiedenen Dingen, ich konnte es oft nicht zuordnen. Meine Mutter benutzte kein Parfum und Freundinnen hatte ich keine, deswegen war er für mich die einzige Möglichkeit, den Duft eines Parfums zu riechen
Manchmal, in solchen Momenten, schlief ich auf seiner Schulter ein, mich wärmend, und er weckte mich, wenn unsere Piroggen oder Kekse fertig waren. Als alles aufgegessen wurde, erlaubte er es mir nicht, die Zähne nicht noch einmal zu putzen, selbst wenn ich diese schon vor meiner Ankunft geputzt hatte. Als seine Krankheit begann, buken wir zwei-drei Mal die Woche. Alles war wie beim Alten, bis auf den Geruch des Parfums, doch mir war es egal.
Als unsere Pizza fertig war, stelltest du diese feierlich auf den Tisch und begannst sie in Stücke zu schneiden. Wir quatschten noch eine Weile und ich sollte schon nach Hause gehen. Ich wollte die letzte U-Bahn erwischen, die bereits um Mitternacht schloss.
Wir hatten uns immer noch nicht geküsst, doch als du mich nach unten zum Ausgang begleitetest, nahmst du meine Hand. Mit der Hans, die du dir gebrochen hast vor ein paar Tagen, als du auf dem Skateboard des Nachbars fuhrst. Ich schlug dir vor, dich zu besuchen und dir mit dem Kochen und der Genesung zu helfen. Wir beide verstanden, was das bedeutet und freuten uns darüber, doch dein Wohnungsnachbar fühlte sich furchtbar schuldig, jedes Mal wenn er mich sah.

Meine Mutter war nicht bereit, auch noch für ihn zu kochen, deswegen gab ich ihm mein Essen, um wieder gesund zu werden, muss man Warmes essen. Er sprach immer zu mir, dass ich nicht die ganze Zeit mit ihm sein soll, doch ich bestand darauf. Ich hatte damals sowieso nichts zu tun.

Wegen der verbundenen Hand hatten wir lange Zeit keinen Sex, doch wir küssten uns oft. Ich kochte dir Suppe, und du aßt diese mit der gesunden Hand, und dann, etwas später streicheltest du mit derselben Hand meine Brust,

Eines Tages, als ich seine Wäsche zum Trocknen aufhängte, sprach er zu mir:

„Deine Mutter will gar nicht nach mir schauen?“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.

„Sie hat mit dem Haushalt zu tun“ , sagte ich unsicher.

ER schwieg und fügte leise hinzu:

Der Arzt sagte, du sollst den Gips nur ein paar Wochen tagen, danach wirst du ganz gesund. Das war ein nicht schwerer Bruch.

Du beschwertest dich, dass es unter dem Gips juckte und sagtest, dass du froh bist, wenn er endlich abgenommen wird. Du sprachst von all den Orten, wohin du mit mir gehen wolltest wenn deine Hand wieder gesund wird, und ich glaubte dir nicht. Ich schwieg und hängte die Shirts zum Trocknen auf.

Als es ihm besser ging, verschwand er einfach. Ein Tag zuvor konnte er schon selbst gehen und hustete nicht. Ich war sehr glücklich und fragte ihn, wann wir wieder Schlitten fahren werden. Ich erinnere mich, es war Ende Januar.

Er versprach mir, dass wir es morgen machen. Doch es gab keinen Morgen mehr.

Ich suchte ihn überall, als ich aufwachte, und beschloss, fast weinend, Mama zu fragen.

Mama erlaubte es mir, nur über wichtige Dinge zu reden.

„Mama, wo ist er?“, fragte ich.

Sie kochte etwas und stand mit dem Rücken zu mir. Eine Zeit schwieg sie.

„Er ist nicht da“, antwortete sie.

„Wann kehrt er zurück?“

Sie schwieg wieder, und begann die Zwiebel noch aggressiver zu schneiden.

„Vermisst du Papa?“
Ich antwortete nicht.

„Vermisst seine Spaziergänge? All die süßen Düfte auf seiner Kleidung?“

Ich antwortete wieder nicht.

„Er ist weg.“

Und ich hörte wirklich nichts mehr von ihm. Nie.

Du sagtest, du solltest zum Arzt gehen, um dich vom Gips zu befreien und dass du um vier zu Hause sein wirst. Um vier Uhr ging gerade meine Vorlesung zu Ende und ich war traurig, dass wir nicht gemeinsam gehen können. Du sagtest, ich könnte nach der Vorlesung zu dir kommen, und ich hatte Angst. Ich hatte Angst, dass ich zu dir komme und Tag und Nacht vor deiner Tür stehen werde. Ich hatte Angst, dass dein Wohnungsnachbar sagt: „Er ist nicht mehr da.“ Und weggeht. Und beschäftigt sein wird. Und ich werde weiter vor deiner Tür stehen, Tag und Nacht, Tag und Nacht. Als du mich trafst, winktest du mit der bereits gesunden Hand und lachtest vor Freude.

Und ich, erschrocken, fing an zu weinen.

„Hey, was ist mit dir?“, fragtest du, machtest einen Schritt über die Türschwelle und umarmtest mich vorsichtig.

Langsam fiel der Schnee.

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