Lidija Koshutskaja: „Die Schatulle“

Es erklang die Musik des Windes.

„Entschuldigen Sie bitte…“

„Nicht Entschuldigensiebitte, sondern Tantchen Til’da“, korrigierte ich die eben Eingetretene. „So nennen mich alle.“

Die junge Frau blinzelte, machte den Mund auf, dann wieder zu. Ihrem Alter nach war sie siebzehn Jahre, langes, helles Haar, das chaotisch nach einem Lauf oder einem schnellen Gang hin und her wehte. Sie trug einen karierten Rock und es sah so aus, als würde sie sich darin unwohl fühlen, denn sie versuchte seit den letzten zwanzig Sekunden, diesen bereits drei Mal zu richten. Ich weiß, warum mich solche junge Frauen besuchen, doch ich erwartete mit Ungeduld, wann sie mich endlich aufsucht mit ihren Gedanken.

„Tantchen Tilda“, begann sie endlich. „Stimmt es, dass ihre Musikschatullen magisch sind?“

„Nein“, riss ich an. „Klapp, klapp“, antworteten mir verwundert ihre Wimpern.

„Gar nicht?“

„Keine Zauberei“, sagte ich ernst. „Nur Physik, manchmal die Metaphysik.“

„Das heißt, Sie sind keine Zauberin?“

„Noch nie“, wackelte mein Kater Freyer mit dem Kopf, der unter der Theke saß.

Die junge Frau schaute auf den Kater. Dieser wurde verlegen und begann sein schwarzes Fell auf dem Rücken zu lecken.

„A“, atmete sie mit Erleichterung auf. „Sie machen Witze. Wie lustig.“

„Danke“, nickte ich. „Hast du irgendetwas konkretes gesucht?“

Sie senkte die Wimpern und schrie mit Schnelligkeit in der Stimme:

„Ich muss die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf mich ziehen.“

„Ich werde bald Tippspiele machen, darüber, dass alle jungen Damen von sechzehn bis zwanzig Jahren genau deswegen zu mir kommen“, atmete Freyer auf. Die junge Frau wurde rot.

„Höre zu, Schwesterchen“, sagte ich leise, „wie heißt du?“

„Ejrika.“

„Ejrika, meine Liebe, bist du sicher, dass du das brauchst?“

Und die große, grauen Augen öffnet sich weit-weit.

„Wie denn sonst?“

„Ich habe keinen Partner und lebe damit sehr ausgezeichnet“, bemerkte Freyer.

Ejrika beachtete seine Worte nicht.

„Ne, ne, wenn du möchtest – bitte, doch du brauchst doch keine Aufmerksamkeit, sondern Liebe, so?“

Ejrika nickte, dann dachte sie nach und nickte noch einmal.
„Ja, so ist es.“

„Ich habe eine gute Idee für deinen Fall“, sie betrachtete mich mit Hoffnung. „Ich höre die Melodie deines Herzens und schreibe diese in die Musikschatulle. Wenn der richitige Mann es hört, wie schön du klingst, wird er nicht vorbeigehen können.

„Und wird Patrick mich lieben?“, flüsterte Ejrike laut. Freyer kicherte und machte den Anschein, als ob er sich mit einem Fellknäuel verschluckt hätte.

„Wird etwa wahre Liebe vor der Melodie eines liebenden Herzens zurückschrecken?, sagte ich einfach. „Lass uns das so machen: die Hälfte der Bezahlung zuerst, die andere Hälfte danach, wenn die Schatulle das erfüllt, was du dir wünschst.“

Ejrika drückte meine Hand fest.

Nach einer Woche flog wieder der hellhaarige Wirbelwind in mein Geschäft.

„Sie haben mich angelogen!“, erzürnte sie sich. „Patrick wollte die Schatulle nicht einmal anhören!“

„Wirklich?“, sagte ich gleichgültig. „Wie traurig.“

„Ist es Ihnen egal?“ Ejrika versuchte mich mit ihrem Blick zu durchstechen.

„Normalerweise geben wir das Geld nicht zurück.“, bemerkte Freyer. Doch wenn Sie den Check bewahrt haben, können Sie die Ware umtauschen, denn es sind nur weniger als vierzehn Tage vergangen…“

„Check“, flüsterte Ejrike und erstarrte. „Der ist zuhause. In der Tasche. Ich bin gleich wieder da!“

„Wie kann sie nur so schnell in ihrem Rock laufen?“, gähnte Freyer und legte sich schlafen. Ich fuhr damit fort die Theke zu wischen.

Das nächste Mal kam Erika erst am nächsten Tag vorbei. Sie war diesmal nicht in Eile und machte die Tür hinter sich zu.

„Tantchen Til’da?“

„Es scheint, als ob du mit mir eine Geschichte teilen wollen würdest“, lächelte ich. „Wie heißt er?“

„Natan“, ihre Augen leuchteten. „Als ich nachhause lief, um die Schatulle zu holen, stolperte ich und fiel direkt neben ihn. Ihre Schatulle fiel aus der Tasche, öffnete sich…Und begann zu spielen.“

„Und er?“

„Er sagte, er habe noch nie eine solch schöne Melodie gehört.“

Ejrike lächelte breit. „Er ist ein Musiker. Und wissen Sie, wenn er spielt, dann habe ich das Gefühl, das Klopfen deines Herzens zu hören.“

„Und dieser Gedanke“, sprach Freyer, „Tantchen, warum sollen wir nict Musikinstrumente herstellen?“

Ich streichelte den Kater und wandte mich wieder zu Ejrike.

„Bitteschön.“

Sie nahm aus der Tasche eine Münze und warf sie auf die Theke. Ich liebte den Klnag von Silber, doch der leuchtende Klang von glücklichen Herzen liebe ich noch viel mehr.



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