Natalija Limar‘: „Der kalte Regen“

Eine Holztreppe. Es regnet. Ein echter, fernöstlicher, kalter Augustregen. Ein solcher Regen erschafft in einem Augenblick die Pfützen, auf denen man springen kann, das Gesicht neigen in den Wasserstrahl, und du wirst augenblicklich nass.

Wobei, wahrscheinlich rede ich über einen anderen Sommerregen, wenn aus dem Himmel, sogar aus dem Wölkchen, ohne die Sonne zu verschließen, ein anderer Regen fällt, ein warmer, zärtlicher Sommerregen, der sich im Himmel verstrickt, so jung und nutzlos wie der Welpe einer Schäferhündin, ein neckischer Bursche, der Regen. Ein blinder Regen. Fällt, macht Schabernack, spielt mit dem Laub auf dem Gras. Außerdem malt der Regen einen Regenbogen im Himmel. Ein solches Wunder, man sieht einen Regenbogen im Himmel und ist glücklich. Jetzt bin ich glücklich, doch im Inneren ist noch eine größere Vorahnung von Glück. Nasse Füße, nasse Haare. Da lief ein Wölkchen im Himmel, machte Unfug und schon wieder die Sonne.

Der Augustregen ist anders: ernst, erwachsen, mit Bläschen auf der Oberfläche der Pfützen. „Ich bleibe lange hier. Ich werde zwei Wochen fallen. Der Himmel wird schwer sein. Ich werde die Erde mit Nässe tränken, die Flüsse füllen, die Festigkeit der Brücken prüfen.“

Ja…August. So regenreich, und man wünscht sich Wärme und Sommer. Schon beginnen die Astern zu blühen, die Pflaumen sind fast reif, das Wasser im Fluss ist bereits kalt. Der Iljatag ist vorbei, der Sommer ebenfalls fast zu ende. Ein kurzer, fernöstlicher Sommer. Man wird noch ein paar warme Tage haben , klare, fröhliche, mit einer besonderen Durchsichtigkeit, umgeben vom Gold des Herbstlaubes, mit Schiffchen, die leise von den Bäumen fallen.

Der Regen goss unerwartet, wie aus Eimern.

Auf der Brücke stehen drei Menschen und beobachten die Wasserströme. Ein erwachsener, schöner Mann mit freundlichen, leuchtenden Augen. Eine schöne, junge Frau mit einer weißen Haut, grünen Augen, in ihrem Wesen ist ein besonderer Magnetismus, der verzaubert.

Sie beiden: der Erwachsene, von fünfzig Jahren und eine besondere, zwanzigjährige junge Frau. Ruckartig in den Bewegungen. Die beiden leben dieses Leben: voller Ereignisse, Geschichten. Sie rennen wie schöne Rassenpferde, die Tage ihres Lebens sind offen und hell, mal fröhlich, mal traurig. Das Leben fliegt mit einer kosmischen Geschwindigkeit. Und die dritte ist ein plumpes Mädel: lange, schnelle, nackte Füße, ein nasser Pferdeschwanz heller Haare, ein nasses, grünes Kleidchen, blaue Augen in einem zur Welt geöffneten Gesicht. Ihr Leben ist ganz unbewusst. Die Tage vergehen, als würde man in einem warmen Nebel baden, in der Hoffnung, der Sorge, der Liebe der Nächsten. Die ganze Welt ist nur für sie. Und die Lebensereignisse sind wie leichte Wölkchen: taucht ein, taucht auf und schon wieder ist vor ihr die leuchtende, glückliche Welt. Die Kindheit und das Mädel, ein vertrauensvoller Beobachter.

Strahlend, vertrauensvoll, doch manchmal neckische Augen, haben alle drei…

Es fließen kalte Ströme…

Und nun ein Ausruf:

„Traue dich! Traue dich unter den Regen!“

Das bedeutet, man muss schnell unter den Regen springen, das Gesicht unter die Wasserstrahlen halten, die mit lautem Geräusch als Wasserströme fließen, vom wütenden Himmel. Und man wird ganz nass, schafft es nicht auszurutschen auf den feuchten Treppen, dann wieder zurück hüpfen, unter das Wildwasser des beginnenden Gewitters.

Der Mann lief los, gescheucht von dem Ausruf…und Stopp!

„Ähm, nein!“

Das Ecksamen der Schneidigkeit und Provokation ist vorbei.

***

Seitdem habe ich in meinem Inneren eine coole Phrase „Traue dich unter den Regen!“ Traue dich unter die kalten Wasserstrahlen des Regens, und irgendwer wird auf der trockenen Treppe stehen und die trockenen Hände aneinanderreiben.

Ich spreche zu dir im Augenblick des intuitiven Rucks: „Stopp! Der Regen ist kalt.“

Danke für die Wissenschaft und den Tipp.

Wobei, ich möchte objektiv sein. Ich ging oft im Regen spazieren, ohne die Augen von der trockenen Treppe zu sehen. Ganz umsonst. Wenn du provoziert wirst zu einer Tat, zu einer Emotion oder sogar einer Beleidigung, ist es keine Liebe, keine Sorge. Das ist nichts Gutes.

So einfach: „Der kalte Regen“. Das wichtigste: man darf sich nicht dem intuitiven, besinnungslosen Impuls hingeben.

Man ruft uns gemeinsam auf den warmen Pfützen zu springen unter dem zärtlichen Regen und die Augen zu kneifen. Man wird in Schwierigkeiten getrieben, beobachtet die Helden, die ertrinken, kritisiert diese von der Seite.

Nur der Regen, nur die trockene Treppe, fast nach vierzig Jahren von jenem Mädchen, das naiv war und begeistert, das gerade begonnen hat, das Leben zu schmecken.

Ich verstehe die Einfachheit und Durchsichtigkeit des Lebens und man möchte wissen, dass der sonnige Morgen wieder kommen wird, mit tanzenden Schmetterlingen, dem Geruch von Lavendel, der Vorahnung eines Wunders, der Unbeschwertheit der Jugend, dem Glauben an den blinden Regen mit dem Regenbogen.

Und die Brücken tauchen unerwartet auf, mal klein und schön, mal riesig und lang, mal alt, mal neu, ganz unterschiedliche Brücken. Brücken eines Ereignisses zum anderen.

Manchmal stehst du auf der Brücke, und in einem Augenblick verändert sich das Leben. Und manchmal gehst und gehst du, fast ohne Kräfte. Mal Regen, mal Sonne, mal Wind, und du gehst und gehst, und ein anderes Ufer gibt es nicht. Wenn man sich hinstellt, die Arme ausbreitet und das Gesicht den Luftströmen entgegenstreckt, da kommt das Gefühl eines flatternden Vogels auf. Stehen, atmen, glauben.

Unsere Lebensbrücken wurden bereits gebaut, wir wählen aus, auf welchen wir gehen wollten. Manchmal, wenn einen das Unwetter überrascht und wir uns auf einer Brücke befinden, beten wir, um uns fest zu halten, damit wir genug Kraft haben, das rettende Ufer zu erreichen.

Von Brücke zu Brücke. Von dem einen Beginn zum anderen. Wir gehen und hoffen, dass wir Halt finden, und einen warmen Regen und mehr Sonne.

Buen Camino

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