Die Legende über Aishe-Bibi
Ein Kapitel aus dem Roman „Die Sonne geht im Osten auf.“
Irina erreichte das Ende der Straße. Hinter der Trasse begannen die Hügel, sich streckend zu den Schneebergspitzen. Das Dorf Burnoe steht auf dem Plateau. Drumherum die Ausläufer des Karatau, Alatau und Boraldaj. In der Höhe verstecken sich Seen, von diesen laufen schnelle Bäche, die den Weg zwischen den Steinen ebnen. Im Frühling sind sie voller Wasser und Geräusche, spielend rollten sie die Steine. Zum Herbst wurden sie trocken und verwandeln sich in kaum sichtbare Rinnsale.
Während sie ging, wurde sie von einem Hirten auf dem Pferd überholt, der eine kleine Herde im Vorgebirge antrieb. Die Kühe gingen gleichgültig vorbei. Der Hirte drehte sich im Sattel um, um Irina zu beobachten. Der dunkelhäutige Kerl war ihr nicht bekannt. Zu jung, wahrscheinlich geboren, nachdem sie weggefahren ist.
Irina wollte gerne zum See hoch steigen. Sie besuchte diesen einmal mit ihrem Vater, als sie zwölf war. Sie erinnerte sich daran, wie die Wolken sich auf der Wasseroberfläche spiegelten, so als ob sie im Himmel war, dort wo Großmutters Gott lebt. Ein besonderer Ort, doch um diesen zu erreichen, braucht man ein Auto, gutes Schuhwerk und einen Führer. Selbst würde man den Weg nicht finden.
Irina war im Internet mit vielen aus Burnoe befreundet, manch einer emigrierte nach Deutschland, Russland, Kanada oder die USA. Fast all ihre Klassenkameraden sind emigriert, und diejenigen, die geblieben sind, waren nicht im Netz registriert.
Sie bestieg den nächsten Hügel, dahinter noch mehr Hügel, bis zum Horizont, wo die Berge mit dem Himmel sich verbanden. Hier hat sich nichts verändert. Unter den Füßen krümelte sich die Erde des Sommers, weit vorne sah man die Bergspitzen. Über diesen Wattewolken und ein unendlich weiter, blauer Himmel,
Nach einer Nacht im Zug, machte der Geruch der Gräser Irina betrunken, so als ob sie Likör trinken würde. Irgendwann, lange her, als sie zehn Jahre alt war, besuchte sie mit ihrer Klasse Dschambul und der Kopf drehte sich genau so wie damals.
Der kleine Bus torkelte zwischen den Hügeln. Irina beobachtetet die mit Lippenstift gefärbten Lippen der Reisebegleiterin, diese trug ein leuchtendes, himbeerfarbenes Kleid. Die Mutter, Großmutter und Lehrer Irinas, schminkten sich ganz dezent, fast gar nicht bemerkbar. Es ist peinlich, an das Äußere zu denken, sagte die Großmutter.
Jeden Morgen zog sich die Großmutter einen Schürze über das Kleid und begann mit der Arbeit.Sie fütterte Hühner und Schweine, zupfte das Gras. Schaffte es für das Frühstück einen Berg Blinis zu braten, und wenn sie sich an den Tisch setzte, dankte sie immer dem Schöpfer. Irina wunderte sich: „Wozu? Sie hat es schließlich selbst gekocht.“
Im Schlafzimmer der Großmutter, zwischen dem Fenster und dem Schrank, hing ein kleines Kruzifix, relativ versteckt.
„Damit es niemand sieht, den es nichts angeht“, murmelte sie einmal.
Vor dem Schlafen setzte sie sich vor dem Kruzifix auf die Knie, leise flüsternd. Und zur gleichen Zeit, vor dem anderen Fenster, saß die Mutter und betete ebenfalls ohne Geräusche. Im Mondlicht sah sie sehr schön aus, im Nachthemd mit offenem Haar. Ein echtes Geheimnis.
Die Großmutter ihr gegenüber, sah schlicht aus, versteckte die Haare unter dem Tuch, auf den Schultern ein Schal.
Die beiden sehen sich so ähnlich und sind trotzdem ganz unterschiedlich.
Die Großmutter wurde im Jahr 1941 aus Polvozh’ja deportiert. Sie war damals fünfzehn Jahre alt. Der Vater wurde abgeholt, und sie, die Brüder und die Mutter wurden in einen Wagon gesetzt, der eigentlich für das Vieh gedacht war. Solche Waggons nannte man auch „Kälber“. Man fuhr los. Die Großmutter erzählte, dass um den Bauchschmerz zu vertreiben, sie Stückchen von dem Ledergurt des älteren Bruders abnagte. Er hustete. Dann lief roter Schaum aus seinem Mund. Bis irgendwann der Atem stehen blieb. Dann wurde die Mutter krank. Sie und der jüngere Bruder wurden in einen anderen Wagon gebracht, und Großmutter sah sie nie wieder. Sie blieb allein zwischen hundert deutschen Umsiedlern.
Wie lange sie so fuhren, konnte sich nicht sagen. Tage und Nächte zu dem Klopfen der Räder wurden zu einer qualvollen Situation, sodass man gar nicht unterscheiden konnte, ob doch in dieser oder jener Welt bist. Doch eines Tages blieb der Zug stehen. Die Waggons wurden geöffnet, die Menschen, auf ihren wackeligen Beinen, gingen heraus, die Augen geblendet von der Sonne, und sich aneinander haltend. Das erste, was sie in dem abendlichen Licht sahen, waren Zuckerspitzen, wie eine Fata Morgana. „Station Burnoe“, las die Großmutter auf der Tafel. Ein böser Mensch in Uniform, der sich den Nacken rieb, befahl ihnen zu warten.
Die Großmutter erinnerte sich, dass die Menschen die ganze Nacht auf dem Gleis gesessen haben, sich einmummelnd in das was sie schafften, mitzunehmen von Zuhause. Und was hatten sie geschafft? Man klopfte nachts an der Tür, las den Befehl vor und dann los.
Die Großmutter wollte sich nicht an diese Zeit erinnern. Sie bekreuzigte sich und verstummte.
Die Mutter Irinas besaß Puder und eine Wimperntusche aus Leningrad, die man anfeuchten mussten. Die Mutter verteilte darauf akkurat die Spucke. Irina und ihre Freundinnen spuckten mit aller Kraft.
Zu all den Festen zog sich die Mutter das mausfarbene Kleid an mit einem weißen Kragen. Wie Irina in Aufruhr geriet von den Ratschlägen der Mutter, Kleidung von dezenter Farbe zu wählen.
Und wie sie die Reisebegleiterin verzauberte, ohne dass sie ihren Blick nicht von ihren vollen Lippen nehmen konnte.
Und diese, als ob sie Spitze weben würde, webte eine Erzählung über die Dynastie der Karahanider, die im 10. Jahrhundert das Siebenstromland aufteilten. In jedem Bereich saß sein eigener Herrscher. Der sogenannte Kagan, so selbstständig, dass er sogar die Münzen mit seinem Namen beschriftete. Seine Verwandten errichteten Kriegsabteilungen und sammelten Steuern von einfachen Hirten.
An eine Geschichte konnte sich Irina fast Wort zu Wort erinnern.
Im 11. Jahrhundert lebte der Herrscher Karahan aus einem nicht ganz bekannten Stamm. Sein Reichtum war die langjährige Verwandtschaft mit dem Kagan von Taraz.
Eines Tages, als Anführer von dreißig Reitern fuhr Karahan heraus um Steuern einzusammeln. Sein Weg führte ihn an vielen Weideplätzen vorbei, die verteilt waren entlang der Berge…
Irina fuhr Bus und stellte sich vor, wie auf dem Weg Karahans die Sonne im Osten aufging, die Steppe mit ihrem Licht füllend und das trockene Gras glänzte wie Gold. Die Pferde trugen die Reiter geradewegs, von ihren Hufen flogen Zikaden und Grashüpfer. Die Ziesel, welche die Gruppe von weitem sahen, versteckten sich in ihren Höhlen. Oben im Himmel flog ein Steinadler, der abwartete, bis die Reiter weg sind, um seine Jagd fortzusetzen.
…Karahan hielt den Weg Richtung Gebirgspass, er musste bis zu den weiten Auls fort dringen. Er hat sich schon daran gewöhnt, dass man seine Gruppe nicht mit Freud empfing, die Reiche brachten scheinbare Ehrenbezeigungen entgegen, um nach Taraz weniger Güter zu schicken.
Vor einem gedeckten Dastarhan erzählte man sich mit heißen Gesichtern über die Dürre, den Frost, den Verlust von Vieh, Krankheiten oder irgendwelchen Gefahren, die ihre Herden überrumpelten.
Man lachte, schenkte die besten Pferde, lobten den Verstand und den Mut Karahans, und bei dem Fortritt schickten sie böse und stachelige Blicke in Richtung seines Rückens.
Deswegen schloss Karahan, als er zu den Weideplätzen kam, sein Herz und nahm das Schwert heraus.
Für einen guten Dienst versprach Kagan Karahan ein Grundstück – eine Ikta. Leben und sich freuen, die Herde vergrößern, heiraten und Kinder gebären.
Doch all das gefiel Karahan nicht, er wollte im offen Kampf aufeinander treffen.
Man setzte ihn in einen Sattel und legte einen Stock in seine Hände, bevor er es gelernt hatte, zu gehen. Seine Bestimmung sah er darin, die Erde zu verteidigen von den Stürmen anderer Stämme – darin hat er seine Bestimmung gefunden. Doch es stellte sich heraus, dass er nur zwei Wege hatte: entweder das Einsammeln von Steuern, oder die Karawanen zu bewachen.
Kurz vor dem Sonnenuntergang erreichte Karahans Abteilung das reiche Aul von Hakim-Ata. Karahan beeilte sich und betrat die aller größte Jurte, die sich unterschied von ihren einhöckrigen Brüdern, wie ein riesiges, weißes Trampeltier.
Karahan verlangsamte seinen Schritt vor der Tür, in Gedanken zog er sich die beschützende Kuppel an. Er hängte den Mantel neben den Eingang, als sich plötzlich die Türen öffneten und aus der Jurte eine junge Frau herauskam. Wie alt wird sie sein, fünfzehn – sechzehn?“
Karahan bewunderte die helle Pfirsischhaut und die schwarzen Brauen. Die Frau wurde verlegen, senkte ihr Gesicht und rannte los. Ihre Amme, die ihr hinterher rannte, schnalzte unfreundlich mit der Zunge.
Karahan vergaß nicht nur die Kuppel, doch auch warum er eigentlich hier war. Er trat zurück, um der jungen Frau den Weg frei zu machen, und blickte sie an. Der Rock bedeckte ihre Beine, und sie wie eine mythische Gestalt, flog, ohne die Erde zu berühren.
Karahans Herz begann eilig zu klopfen, so wie ein gefangener Vogel in den Händen des Fängers zittert.
„Salam Alejkum, geliebter Karahan“, hörte Karahan aus der Tiefe der Jurte die Stimme Hakimats.
Es war, als ob ein eisiges Bergwasser aus einem Bach Karahan erschauern ließ,
Hakim-Ata saß am tiefen Tisch. Ein Filzteppich aus Kamelhaar schütze vor der nächtlichen Kälte, auf den Wänden und dem Boden der Jurte. Karahan begrüßte Hakim-Ata höflich, legte sich vor den Tisch und begann darüber zu sprechen, dass er morgen, zum Sonnenaufgang gerne herausfahren würde, um zum Mittag Taraz zu erreichen.
Hakim-Ata ochte, ließ wissen, wie eine Großmutter, die weinte, dass er es bis zum Morgen nicht schaffen würde…Bis jetzt ist nicht einmal die Hälfte fertig…
Karahan hörte fast in jedem Aul solche Reden. Ein jeder möchte die Zeit anhalten, freundlich sein, damit man die halbleeren Säcke die Tiere loszuschicken. Und da betrat, wie eine Sonne, die junge Frau, die er soeben bei der Tür getroffen hat.
Hakim-Ata verzog das Gesicht und öffnete den Mund, um zu schimpfen, dass sie nicht rechtzeitig kam, doch blieb still, als er bemerkte, wie Karahan sie anblickt.
„Meine Tochter, Aischa.“
Die Frau setzte sich links vom Vater. Sie verlor kein Wort, beobachtete nur selten Karahan mit einem schnellen Blick. In solchen Augenblicken verlor Karahan den Faden des Gesprächs, sich nicht daran erinnernd, was er sagen wollte.
So wie ein Funken in einem trockenen Zweig leuchtet, so verwehte die Liebe das Feuer im Herzen Karahans. Ohne sich zu widersetzen, gab er Hakim-Ata die Einverständnis für zwei Tage zu bleiben. Nur sollte man das Feuer in der Brust löschen, weg fahren wohin die Augen blicken. Nur um Aisha zu sehen und wieder zu sehen.
Lange vor dem Schlaf saß Karahan bei dem Fluss. Gedankenverloren schmiss er Wasser in das fließende Wasser. Der schnelle Strom trieb sie schnell die Strömung entlang, manchmal fielen die Steine mit einen dumpfen Schlag auf das winzige Wasser.
Karahan verstand, dass Hakim-Ata ihm ablehnen würde: er ist von einem ehrenvollen Stamm, Aisha ist seine einzige Tochter. Wird er die teure Schönheit einem solchen wie Karahan abgeben? Und die Frau stehlen, wie es angebracht war in der Steppe, wenn nicht genug Geld hat für Kalym oder die Eltern dagegen sind.
Karahan konnte nicht, er kam in der Sache des Kagans, er wollte nicht seinen Namen beschmutzen mit dem Diebstahl der Braut zu beschmutzen.
Karahan wachte bei Sonnenaufgang auf mit dem Gedanken, dass er mit Aischa reden möchte. Im Aul Hakim-Atas stehen einige Jurten, doch Karahan fand noch am Abend jene, in der Aischa mit ihrer Amme Babadzha-Hatun lebte. Um die Spuren des Schlafes und schwerer Gedanken zu vrdrängen, nahm Karahan das kalte Wasser aus dem Brunnen in seine Hände und spritzte es sich ins Gesicht. Die Kälte brannte auf der Haut und lief mit einer Frische den Hals herunter bis zum Herzen.
Aisha ging aus der Jurte, wie eine Sonne, und beleuchtete alles Im Umkreis. Karahan verglich sie mit einem Vogel, welcher im frühen Frühling auf die ebene Erde kam. Nur was ist es? Dunkle Schatten lagen unter den Augen der Frau, die Haut wurde blass, die Brauen noch dunkler. ES sah so aus, dass auch für Aisha diese Nacht ohne Schlaf verlief.
Die Frau blieb vier Schritte vor Karahan stehen und blickte ihm offen in Gesicht. Als ob sie ihm in die Seele blicken würde, dachte Karahan. Vor Sorge trocknete seine Zunge aus, so als ob er zwei Tage nichts getrunken hätte.
„Ich habe viele Frauen gesehen“, sprach mit einer heißeren Stimme Karahan. „Nicht eine hat mich so berührt wie du. Du bist für mich wie Luft, wie der Himmel, wie die Sonne, ich denke nur an dich. Kann es denn ein Leben ohne Sonne geben?“
Ausha-Bibi hörte zu ohne ein Wort zu sagen. Ihre Wangen wurden rosa, der Atem beruhigte sich.
„Sage, möchtest du mit eine Sonne, ein Mond sein, das Feuer in meiner Jurte hüten und meine Söhne großziehen?“
„Du bist für mich auch wie Licht“, flüsterte Aisha, wurde dann jedoch unsicher, blickte sich um und sagte: „Wohin du, dorthin auch ich.“
In diesem Augenblick zeigte sich die Amme mit einer Karaffe auf der Türschwelle:
„Aisha, geh in die Jurte.“
Aisha drehte sich um:
„Babadzha-Apa, ich komme gleich.“
Und sie erstarrte, während sie in Karahans Augen blickte. So standen sie da, ohne Kraft nur ein Wort zu sagen, ohne sich einander zu nähern und sich voneinander zu entfernen. Bis die Amme kam, sie an sich zog und Aisha in die Jurte zerrte.
Die Rede von der entflammenden Leidenschaft verbreitete sich schnell im Aul. Die junge Ehefrau Hakim-Atas, als sie ihm morgens seinen Mantel gab, sprach:
„Die Menschen sprechen, dass Karahan bei Sonnenaufgang heimlich mit Aisha gesprochen hat.“
Hakim-Ata knirschte mit den Zähnen: wohin hat Babadzha geschaut?
„Sie ist alt geworden, ich sagte doch, sie schaut schlecht. Man muss sie austauschen.“
Hakim-Ata sagte nichts. Babadzha kümmerte sich seit dem Säuglingsalter um Ausha. Als die Mutter Aushas im Sterbebett lag, bat sie, dass man Babadzha von all ihren Pflichten befreit, und diese ihre ganze Zeit der einzigen Tochter widmet. Er verbeugte sich, und sagte, dass er ihren Willen erfüllen wird und konnte den Schwur nicht brechen. Babadzha-Hatun sorgte sich um Aisha, wie um eine sehr kostbare Blume. Eine bessere Amme kann man im ganzen Siebenstromland nicht finden.
Das Leben im Aul wurde turbulenter. Die Frauen bereiteten den Dastarhan für den Abend zu, die Männer verbrachten die Zeit im Gespräch, in sich den Geruch des kochenden Fleischs aufsaugend, welcher über den Kesseln hing.
Welcher Kasache liebt nicht einen guten Toj. Alle sind froh, die Sorgen des Tages zu vergessen, gut zu essen, die Lieder eines Akyns zu hören und einfach zu reden.
Karahan fand keinen Platz inmitten der allgemeinen Vergnügung. Sein Verstand riet ihm, weg zu fahren, ohne sich zu erklären, dann wieder zurückzukehren. Doch sein Herz klopfte, dass man nicht zu langsam vorgehen sollte, dass man Aisha in seiner Abwesenheit einem anderen zur Braut geben wird.
Am Abend, als die erste Portion des Hammelfleisches schon aufgegessen war und das zufriedene Sattheitsgefühl alle am Tisch beglückte, nutzte er den Augenblick und rief Hakim-Ata zum Gespräch.
„Wenn du die Fohlen meinst, dann mache dir keine Sorgen, die besten kommen morgen früh vom Weideplatz“, sprach Hakim-Ata und richtete seinen Mantel.
Hakim-Ata war nicht mehr jung, sein ganzes Haar hatte einen grauen Ton. Er hatte es bald gelernt, die Dinge zu seinem Gunsten zu wenden.
Karahan machte sich dagegen Sorgen, wie ein blitzschnelles Pferd, das nur an das eine denkt:
„Hakim-Ata, ich sah deine Tochter und verlor die Ruhe. Ich bitte dich, gib sie mir als Frau. Ich zahle dir, was du möchtest. Ich werde mich um sie sorgen und sie verhätscheln, ich schwöre bei meiner Mutter.“
Hakim-Ata richtete sich den Bart und begann folgendes Gespräch:
„Karahan, teurer, du bist ein ehrenvoller Mensch, ich würde dir mit Freude meine Tochter zur Braut geben. Als sie gerade geboren wurde, da versprachen Adzhamal-Ata un ich uns, dass unsere Kinder unsere Freundschaft retten werden, sein Sohn und meine Tochter. Nun sind unsere Verhältnisse seit einiger Zeit etwas unterkühlt und es kann geschehen, dass der zwölfte Frühling Aishas naht, und die
Söhne Adzhamals nicht wiederkommen. Dann können wir noch einmal darüber sprechen.“
Vor dem Sonnenaufgang ist die Luft durchsichtig und kühl. Über die Erde breitet sich ein Nebel aus, er ummantelt die Gräser. Die Pferde scheinen in der Steppe zu wandeln. Die Abteilung Karahans kann man kaum erkennen bei dem Morgennebel, er verließ den Aul Hakim-Atas noch bevor sich der obere Rand der Sonnenscheibe zeigte.
Hakim-Ata begleitete Karhan und eilte in die Jurte Aishas. Babdzha-Hatun, eine hohe, noch nicht alte Frau, saß am Eingang mit einer Teeschale in den Händen. Als sie Hakim sah, stand sie auf.
Er antwortete mit dem Nicken des Kopfes zur Begrüßung und fragte heißer:
„Schläft Aisha?“
„Ja, ich komme gerade von ihr.“
„Gehe, und schaue, dass sie nicht raus geht.“
„Wie konnte sie weggehen wenn ich hier sitze?“
„Gehe doch bitte“, bestand darauf Hakim-Ata.
Babadzha stand unerwartet forsch auf, betrat die Jurte und kehre mit einer Teeschale zurück, die voll mit Milch war:
„Sie schläft, Ajnalajyn, und das ist für dich“, die Amme reichte ihm die Teeschale. „Kamelmilch, vom heutigen Melken. Wenn man sie morgens auf Anhieb austrinkt, wir man nicht alt.“
„Man wird mich noch für ein Kameljunges halten“, scherzte Hakim-Ata und nahm die Teeschale an sich.
Sechs Tage lang wachte Hakim-Ata bei Sonnenaufgang auf und kam zu der Jurte Aishas, um so zu tun, als würde er nur Kamelmilch trinken wollen und er ging wieder zurück um am nächsten Abend und Morgen wieder zurück zu kehren. Jedes Mal befahl er Babadzhe:
„Schaue gut nach Aisha, damit man sie nicht stiehlt. Karahan ist ein forscher Kerl,“
Er stellte eine Wache auf, doch fuhr fort sie selbst zu überwachen. Und wie oft er auch hin ging, er traf sie nicht. Nur am siebenten Tag wurde er nicht von Babadzh-Hatun getroffen. Kaum ging die Sonne auf, kam Hakim-Ata zur Jurte und begegnete nur der Wache, die schnarchend, fest schlief und sich an die Jurte lehnte. Schon hatte er ein seltsames Gefühl. Hakim-Ata weckte ihn mit einem Tritt und betrat die Jurte. Alles auf seinem Platz als ob die Hausherrinnen für Ordnung schufen vor dem Empfang der Gäste, so dass sie sogar ihren Geist wegwischten. Hakim-Ate blickte sich um: es war niemand da! Von Aisha und Babadzhi-Hatun gab es nicht einmal ein Haar.
Wie ein Wahnsinniger sprang Hakim-Ata aus der Jurte, schrie und deutete mit den Fäusten in den Himmel:
„Über sechs Flüsse kannst du gehen, jedoch nicht über den siebenten!“
Als die Menschen auf seine Rufe hin erschienen, befahl er ihnen:
„Fangen, zurückholen!“
Zu dieser Zeit standen Aisha-Bibi und Babdzha-Hatun schon weit hinter den sechs Flüssen und hielten ihren Weg Richtung Taraz. Es war ungewöhnlich im Sattel zu sitzen.
„Amme ich sehe einen Fluss, lass uns den Pferden zu trinken geben.“
„Wie du meinst, Zhanym“ , erklärte sich Babadzha bereit.
Als sie stehen blieben, blickten sie sich zuerst um, ob sie nicht verfolgt werden, und erst danach machten sie Rast. Die müden Pferde machten sich sofort auf den Weg zum Wasser.
Aisha wollte sich waschen, zog ihren Saukel aus und legte ihn auf das dichte Gras bei dem Ufer. Viele Male schöpfte sie das Wasser in die Hände und führte es zum Gesicht, bevor sie den inneren Durst löschte.
Babadzha hielt die Pferde bereits am Riemen, bereit weiter zu reiten, doch Aisha konnte sich nicht vom Wasser los reißen.
„Aisha, Zhanym, beeile dich“, überredete sie die Amme. „Ich meine, ich höre das Trampeln von Pferden.“
„Das hast du dir nur eingebildet, Amme. Alles ruhig.“
„Meine Sicht ist immer schlechter, und mein Gehör immer besser. Glaube mir, sie nähern sich.“
Aisha schnappte sich das Saukel, zog es an und hätte beinahe los geschrien. Sie wurde blass, schmiss ihre Kopfbedeckung runter und daraus sprang eine kleine Schlange, die wieder zurück ins Gras kroch. Babadzha rannte zu Aisha und schaute sich die kleine Spur des Bisses auf der zarten Haut neben dem Ohr an, näher zum Hals, dort wo die Vene pulsiert.
Mit Aisha in den Händen fiel Babadzha auf die Knie und begann zu beten:
„Oh Gott, hilf uns!“
Die Haut Aishas wurde blass, wie eine Ebene, die gerade vom Schnee bedeckt wurde. Babadzha führte ihre Hand durch das Gesicht Aishas, warf die Zöpfe aus dem Gesicht und ochte. Den Hals Aishas bedeckte in einem Augenblick ein rotes Spinnengewebe, so als ob eine durchsichtige Spinne es geschafft hätte, ein Netz unter der Haut zu weben. Auf den zwei Wunden zeigten sich Tropfen Blut.
„Amme, mir wird schrecklich schwarz vor Augen. Das Gras und der Himmel wurden dunkel.“
Babadzha näherte ihre Lipppen den Wunden, zog das Blut und das Gift ein. Doch zu spät. Aus der Brust Aishas hörte man Stöhnen, sie machte die Augen zu und ging in die Vergessenheit.
„Aisha, blicke mich an! Spreche mit mir!, schrie Babadzha.
Als Antwort hörte sie nur das Rascheln des Schilfrohrs und das Trampeln von Hufen. Doch was bedeutet das für Babadza, wenn ihr geliebter Zögling sich in Todesgefahr befindet.
Als sie die Reiterden beiden Frauen genähert hatten, sprang einer von ihnen vom Pferd und näherte sich ihnen. Die Amme hob die Augen, voller Tränen und atmete mit Leichtigkeit aus: vor ihr stand Karahan.
„Eine Giftschlange!“, war das einzige, was Babadzha-Hatun sagen konnte.
Karahan nahm vorsichtig Aisha und trug sie wie einen gerissenen Zweig. Für eine Sekunde machte sie die Augen auf und flüsterte:
„Oh, Karahan, meine Seele!“
„Aisha, Aisha-Bibi, ich bin bei dir. Nur lebe! Ich fahre dich zu einem Heiler, du wirst wieder gesund, wir werden nun für immer zusammensein.“
Karahan trieb sein Pferd auf den Weg nach Taraz an. Das Pferd stöhnte, rollte wahnsinnig die Augen, doch er flog vor der Gruppe der Reiter, obwohl er zwei Menschen auf sich trug.
Babadzha-Hatun bemühte sich mit allen Kräften, hinter herzukommen.
Als man in der Weite Mauern sah, stöhnte Alisha, die bisher geschwiegen hatte:
„Bleibe stehen, ich bitte dich.“
Dünne, Blutrinnsale flossen aus ihrer Nase und den Lippen. Karahan legte Aisha auf die Erde, legte seinen Mantel unter ihren Kopf.
Aisha machte weit die Augen auf, als ob sie den Himmel in sich hereinlassen wollte, sie streckte sich und wurde für immer still.
„Aisha, Aisha, gehe nicht weg!“, schrie Karahan.
Babadzha-Hatun, die sie eben erreicht hatte, nahm Aisha an der Hand. Sie spürte die tödliche Kälte ihrer Haut und begann zu weinen:
„Ooh, Himmel, warum hast du nicht mich geholt?“
„Sie ist gestorben, gestorben“, flüsterten die Reiter der Abteilung.
Karahan hörte es, doch verstand nicht, was sie sagen. Trauer riss sein Herz auseinander, störte den Verstand.
Warum bestraft der Himmel ihn? In seinem achtundzwanzigsten Frühling traf er seine Liebe und verlor sie sodann. Woran hatte er Schuld? Er stöhnte wie ein verletzter Wolf und fiel schluchzend auf die Erde. Die Reite blieben neben ihren Pferden stehen und senkten ihre Blicke.
Karahan wurde wahnsinnig vor Trauer. Nachdem man Aishas Körper der Erde übergab, verschloss er sich für einige Tage, sprach mit niemandem, trank und aß nichts. Und als er zu sich kam, stellte er die Jurte neben das Grab und rief berühmte Meister. Er verkaufte fast alle seine Herden, damit Aisja einen besseren Ruheort fände.
Die Steine für das Gebäude wurden nach einem Geheimrezept angefertigt, indem man dem Ton Bronze zufügte, Tierfett und Gold. Die Steine klangen, wenn man auf sie klopfte. Und als das Mausoleum fertig war, stellte sich heraus, dass man darin nur im Flüsterton reden kann. Selbst wenn man mit einer leisen Stimme sprach, wurden die Worte in den Umkreis geweht und der Liebste konnte hören, wer die Ruhe Aisha-Bibis gestört hatte.
Bei Regenwetter klang das Mausoleum wie einer Orgel.
Einige Meister saßen drei Jahre bei den Kacheln und malten Muster. Karahan nahm jede Kachel an sich, hielt sie in den Händen, als ob er seiner Liebster Wärme geben wollte.
Auf die vier Säulen des Mausoleums stellte man eine hohe Kuppel, der an ein Saukel erinnerte.
Babadzha-Hatun wurde zur Wächterin des Mausoleums und als ihre Zeit kam in die andere Welt zu gehen, da bauten Karahan und Babadzhe-Hatun eine Nische in zwanzig Schritten vor Aisha.
Karahan befahl auch sich selbst so zu beerdigen, damit man von seinem Grab das Mausoleum Aisha-Bibis sehen konnte. Alle drei Mausoleen sind bis in die heutige Zeit erhalten.
Die Reisebegleiterin wurde still. Die in den vorderen Reihen sitzenden hörten leise ihren Erzählungen zu, jedoch im hinteren Teil des Busses spielte man laut und mit Lachen irgendwelche Spiele. Jemandes Mütze flog durch die Luft. Der Reisebegleiter blickte auf die Kinder besorgt un setzte sich. Sie trank einen Schluck Wein, nahm einen Spiegel hervor, Puder und Lippenstift. Puderte sich die Wangen und die Nase, färbte ihre Lippen. Irina beobachtete sie, ohne zu blinzeln. Diese Frau schien nie die Regeln gehört zu habe, welche Irinas Mutter und Großmutter sie gelehrt hatten.
In dem Dorf Golovachenka bog der Bus um. Er fuhr etwas auf dem schmalen Weg zwischen den Bäumen und blieb stehen. Die Kinder warfen sich laut aus dem Bus. Die Erwachsenen stellten sie zu Paaren auf und führten sie zum Mausoleum. Genauer zu dem, was davon übrig geblieben ist – ein Torbogen, ein Pfeiler und eine Wand. Über den Ruinen, wie über einem Grab einer schlafenden Schönheit, zeigte sich ein Sarkophag aus Glas.
„Und wenn man diesen tritt, zerbricht er?“, fragte einer der Jungs.
„Das ist eine Sicherheitskuppel, um das Gebäude vor dem Zerfall zu retten“, klärte die Reisebegleiterin sie auf. „Schaut auf die Kacheln. Eine jede von ihnen ist 18 Zentimeter groß, so alt wie Aisha wurde, Und auf die achtzehnte Kachel malte der Meister eine arabische Zeile: „Herbst…Wolken…Erde wunderschön.“
Irina schaute sich unter die Füße. Das Gras war längst trocken. Von den Pappeln des herwehenden Windes wurde Laub aufgewirbelt, dieses flog durch die Luft und legte sich auf die Erde. Auf dem Horizont zeigten sich die ewigen Bergspitzen. Die Sonne leuchtete hell, doch war sie nicht so warm wie im Sommer. Durch den blauen Himmel schwammen die seltenen Wolken.