Julia Bocharova: „Eine besondere Atmosphäre“

„Vergesst nicht den Kautschukbaum zu gießen“, sagte die alte Mar’ja Petrovna, die ihre Gummischuhe auszog um die Sommerschuhe anzuziehen.

Sie war die Putzfrau in der Schule und liebte sehr diese Aufgabe mit all den Korridoren, Sofas in dem großen Raum auf der ersten Etage und den Tafeln, auf denen der Stundenplan hing. Sie liebte auch den großen Schauspielraum mit den schweren, Samtvorhängen und dem quietschenden Parkett, auch die Klassenräume und die Zone der Erholung für die Lehrer, und die Blumenecke in der dritten Etage.

Da wuchsen Drachenbäume, Kautschukbäume und irgendwelche üppigen Blumen mit unaussprechlichen Namen. Viele von denen kaufte Mar’ja Petrovna selbst und brachte sie in die Schule. Den Drachenbaum musste sie sogar stutzen: dieser war so hoch, dass er versuchte durch die Decke zu wachsen, in die vierte Etage. Bei niemandem zuhause wuchsen die Blumen so üppig. Wahrscheinlich war hier eine besondere Atmosphäre.

Die Schüler liebten die Blumenecke und kamen um zu schauen, wie sich die Früchte des Kautschukbaumes entwickelten und die Blüten vom Zitronenbaum zu pflücken. Die Kids aus der Biologieklasse halfen, die Erde in den Töpfen zu richten und lange, gebogene Zweige anzubinden.

Vielleicht wäre jemand anderer zu faul dafür, um ein solch großes Haus von vier Etagen aufzuräumen, doch Mar’ja Petrovna machte es mit Vergnügen und Liebe. Das Schulgebäude dankte es ihr: auf dm Boden gab es nie Schmutz, von den Wänden blätterte die Farbe nicht ab, sondern leuchtete, wie neu, sodass, diese sauber zu wischen ein Vergnügen bereitete. Und in den Fenstern war einfaches Glas, hinter welchem sogar der einfache Schulhof festlich und gepflegt aussah, als er es wirklich war.

„Ihr solltet die Beete jäten“, sagte die alte Putzfrau zu den Arbeitern, die dazu da waren, sich um den Schulhof zu kümmern, doch meistens waren sie faul und tranken Bier, auf der Bordüre sitzend, m Hinterhof.

„Lass mich sehen, was du da hast“, sagte sie zu einem Arbeiter und nahm die Flasche aus seinen Händen. Sie goss das Bier in die Kanalisation.“ „Pfui, welcher Deck. Es ist nicht schade um das Bier. Komm mit mir, ich muss dir etwas sagen.“

Das Gras verschonte sie und goss niemals Bier darauf, sie kaufte dafür extra Dünger. Die Arbeiter, welche in Zentralasien aufgewachsen sind und erzogen dort wurden, hatten nicht den Mut, sich zu widersetzen.

„Lasst uns mal gehen, ich helfe euch.“

Mar’ja Petrobna bemühte sich, die Beete zu jäten, das Gras zu ebnen und für die Arbeiter blieb nichts anderes übrig, außer sich zu ihr zu gesellen. Sogar die Schüler versuchten manchmal mitzuhelfen, obwohl Mat’ja Petrovna sie oft hetzte:
„Nun gehe, gehe, sonst wirst du noch schmutzig und die Eltern werden schimpfen. Deine Schuhe sind jetzt schon voller Lehm.“

Mar’ja Petrovna konnte sich selbst nicht mehr daran erinnern, wie viele Jahre sie hier bereits gearbeitet hat. Sie wurde zum Probearbeiten eingestellt, als sie gerade das zweite Kind bekam und sie die erste Tochter in die erste Klasse abgab. Wie ein Arbeiter der Schule, hatte sie Vergünstigungen. Ihre Tochter war sehr schöpferisch und etwas verpeilt, sie lebte in ihren ausgedachten Welten, dachte sich Märchenfiguren aus und erstaunliche Figuren.

Und mit realen Menschen konnte sie sich nicht unterhalten, sie hatte nie ihre Interessen vertreten und nahm sich bei Streitigkeiten zurück. Sie konnte ihr Schulbuch verlieren oder in der Umkleide ihre Kleidung vertauschen. Mar’ja Petrovna blieb, um nach ihr zu schauen und sie zu beschützen wie eine Pflanze. Und nicht umsonst: Bereits mit 15 Jahren gewann das Mädchen bei der Stadtolympiade im Bereich Literatur. Und mit 16 druckte man ihre Erzählungen in den Zeitschriften. Die Atmosphäre, welche ihre Mutter ihr geschenkt hat, erwies sich als gut für das schöpferische Wachstum. Die Tochter wurde schnell erwachsen, wurde zu einer Schriftstellerin, heiratete einen Italiener und zog mit ihm ans Meer.

Den Sohn schickte Mar’ja Petrovna in die gleiche Schule als er größer wurde. Er brachte auch die erste Blume in die Schule, schenkte diese seiner Mutter zum Muttertag. Der Junge wurde gehänselt, weil seine Mutter Putzfrau war und sich mit Lumpen und Besen beschäftigte. Und er beschloss, wenigstens ein wenig ihren Arbeitsort zu schmücken. Seitdem gab es in der dtitten Etage einen Sommergarten. Mar’ja Petrovna brachte weitere Blumen, das pädagogische Kollektiv schenkte ihr zu den Feiertagen Blumen in Töpfen. Der Sohn kam in den Pausen, um seiner Mutter mit den Blumen zu helfen und brachte es auch den anderen bei. Mar’ja Petrovna war freundlich zu den Kindern und um sie herum wuchs ein Kreis von Liebhabern der wahren Natur. Vor den Augen der Mutter verliebte sich der Sohn in ein Mädchen aus diesem Kreis. Er hinterlegte für Sie Nachrichten unter dm Kautschukbaum. Die beiden heirateten zwei Jahre nach dem Abschluss der Schule, als der Kerl in der Armee diente.

Der Sohn beschloss Soldat zu bleiben, bekam Leutnant-Achselstücke und zog weg, um im Fernen Osten zu dienen. Von dort schickte er der Mutter Pakete mit Krabben, rotem Kaviar und wildem Fisch, von dem man in der Heimatstadt noch nie gehört hat. Mar’ja Petrovna schenkte die Leckereien den Schülern, sie bracht ihnen auch selbstgebackene Keks. Und am liebsten schaute sie auf das Telefon, auf die Fotos ihrer Enkel. Die Schüler halfen ihr, mit Whatsap umzugehen: Die Frau war mit der modernen Technik nicht gerade befreundet.

Die Kinder Mar’ja Petrovnas waren bereits erwachsen und gingen jeder seinen Weg, und sie blieb weiterhin Putzfrau in der Schule. Sie fühlte sich verbunden mit der Aufgabe und den Schülern. Hier wurde für sie alles vertraut. Manche nannten sie scherzhaft Sehenswürdigkeit der Schule, etwas untrennbaren von der Schule, einer Folklorefigur ähnelnd, die auf das Haus aufpasst. Die ehemaligen Schüler brachten ihre Kinder her und begrüßten Mar’ja Petrovna mit einer besonderen Wärme und erzählten ihr von ihren Erfolgen.

Auf dem Schuljubiläum rief man die Putzfrau auf die Bühne, doch sie tat es nicht weil sie schüchtern war. Sie klatschte in die Hände im Zuschauerraum.

Doch es kam der letzte Tag Mar’ja Petrovnas in dieser Schule. Die neue Leitung begleitete sie in die Rente.

„Wir ehren Sie sehr, Mar’ja Palna“, sprach der junge Direktor und drückte ihre Hand.

„Petrovna“, korrigierte ihn die Putzfrau, die sich für die Hand schämte mit der rissigen Haut und den geschwollenen Venen, sie versteckte sie sofort unter der Weste.

„Petrovna“, war der Direktor einverstanden und nickte.

„Wozu kündigen Sie mir dann?“ verstand die Putzfau nicht und blinzelte mit den welken Augen.

„Nicht kündigen, sondern in die Rente begleiten, teure Mar’ja Palna, als Dank für Ihr langjährige Mühe für den großen Nutzen dieser Schule. Wir respektieren Sie und schlagen Ihnen deswegen vor, in die verdiente Rente zu gehen.“

„Nun brauche ich aber keine Erholung. Ich werde nicht müde: setze mich hin und stehe wieder auf…“

„Da sind Sie sehr selbstlos wie all unsere Alten, und dafür respektieren wir sie. Doch ein Mensch in Ihrem Alter soll ein großes Gebäude nicht aufräumen. Das widerspricht der Norm des Arbeiterkodex. Wie alt Sind sie eigentlich?“

Zwei neue Sekretärinnen, die der Direktor mitgebracht hat, nahmen die Putzfrau an der Hand und setzten sie in den Sessel. Sie machten es etwas schüchtern und mit Angst, als ob die Alte aus dünnem Zigarettenpapier bestand und kurz davor war zu zerfallen – sollte man eine ungünstige Bewegung machen. Eine seltsame Sache: zwei Putzfrauen konnte sich die Schule nicht leisten, vom Budget her, und zwei Sekretärinnen schon.

„Das verstehe ich nicht.“, dachte Mar’ja Petrovna und presste sich die Lippen aneinander.

Sie atmete aus und stand von ihrem Sessel auf, in den sie mit so viel Sorge gesetzt wurde.

„Nun denn, danke für die Teilnahme. Nun gehe ich. Vergesst bloß nicht die Kautschukbäume zu gießen“, sagte Mar’ja Petrovna zu den Sekretärinnen. „Diese brauchen Liebe und Aufmerksamkeit.“

„Ja, ja“, sprachen die Sekretärinnen und nickten, genau so wie der Doirektot.

Das gleiche sagte die ehemalige Putzfrau zu der Wache unten als sie sich die Schuhe umzog und mit einem Blick des Abschiedes das Schulgebäude betrachtete.

Mar’ja Petrovna verließ dieses für immer.

Seitdem wurde die Schule die aller gewöhnlichste, wie tausend anderer Schulen in kleinen Städten und Dörfern. Die Farbe an der Wand begann abzublättern, das Linoleum sich zu wellen und mit Rostflecken zu bedecken. Und die Kautschukbäume gab es nicht mehr. Wahrscheinlich geschah etwas mit der Atmosphäre.

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