Gusel Jachina: Wolgakinder, 2019
Gusel Jachinas Roman Wolgakinder, erschienen 2019 in deutscher Übersetzung von Helmut Ettinger, erzählt am Schicksal der Protagonisten Jakob Bach und seiner Tochter Anna die aufwühlende Geschichte der Wolgadeutschen. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1918 bis 1938, Schauplatz ist die Republik der Wolgadeutschen (ASSRNP), die 1923 gegründet wurde und bis 1941 bestand. Anhand der Ereignisse auf zwei entgegen gelegenen Wolgaufern wird die Liebesgeschichte des Lehrers Jakob und seiner späteren Frau Klara erzählt. Diese ist eingebettet in die Historie einer Generation mit einem gemeinsamen Leidensweg. Sie verwandelt sich im Laufe der Erzählung von einem friedlichen Zusammenleben mit eigenen Bräuchen und Traditionen in den Schrecken Flucht und Verbannung durch das sowjetische Regime.
In ihrem ersten Roman„Suleika öffnet die Augen“, der 2017 in deutscher Sprache erschien, entführt Gusel Jachina den Leser nach Sibirien. Hier, wie in Wolgakinder, wird die Verbannung in den Osten Russlands thematisiert, in Wolgakinder jedoch nur am Rande, im Epilog geschildert. Sulejka, eine Bauersfrau lebt mit ihrem Mann in einem tatarischen Dorf und ist Teil einer patriarchalen Welt. Ähnlich wie in Wolgakinder ist auch hier die Peripherie der zentrale Ort der Handlung. Kernstück des Romans ist jedoch die Verbannung nach Ostsibirien und die Reise dorthin.
Die Autorin der beiden Romane studierte Germanistik und Anglistik an der pädagogischen Universität in Kazan und arbeitet als Übersetzerin aus dem Deutschen. Sie interessiert sich für die deutsche Kultur und Sprache, obwohl diese, wie sie bemerkt, für sie erst mal unbekanntes Terrain darstellen.
Die Handlung in Gusel Jachinas Roman spielt an der Wolga, die die Welt in zwei Hälften teilt. Sie ist umgeben von einer Landschaft, in der der Steppenwind weht. Die Berge sind im Sommer von blaugrünem Wald bedeckt, im Winter tief verschneit. Inmitten dieser Kulisse im Herzen des Wolgagebiets, auf der linken Seite des Ufers, liegt das Dorf Gnadental. Jakob Ivanowitsch Bach, Protagonist des Romans und Goetheverehrer, führt ein ruhiges Leben als Lehrer und komischer Vogel, sein Leben fließt ruhig dahin und er selbst sieht sich als einen Wanderer, der hochdeutsch spricht – denn Gnadental an der Wolga ist eine deutsche Kolonie. Hier gibt es ein Portpourri an deutschen Dialekten. Ungleich Deutschland, das eine eigene deutsche Literatursprache hat, herrscht in den deutschen Dörfern an der Wolga ein uneinheitliches Deutsch, das von diesen verschieden Dialekten geprägt ist: „Die regionalen Dialekte verschmolzen zu einer gemeinsamen Sprache, die einfach und ehrlich klang, wie eine Suppe mit eingeweichten Brotkrusten.“ S.17
Am rechten Ufer der Wolga lebt Udo Grimm, der Jakob Bach darum bittet seine Tochter im Hochdeutschen zu unterrichten. Jeden Tag begibt sich Bach nach der Mittagspause in der Schule nun ans andere Ufer zu Fräulein Klara.
Während Jakob die Gewitter des Wolgagebiets feiert und gemeinsam mit Klara Goethe, Schiller, Novalis und Lessing liest, betreiben die Bewohner von Gnadental Landwirtschaft und kochen Melonensirup, den sie mit Eis und ein paar Schlehen verfeinern.
Eines Tages taucht Klara bei Jakob auf und nistet sich bei ihm ein: „das Dorf brummte vor Tratsch über das anrüchige Fräulein und den sittenlosen Schulmeister, der den braven Gnadentalern so viele Jahre lang vorgespielt hatte, er könnte kein Wässerchen trüben.“ S.88 Daraufhin verlassen die beiden das Dorf und fliehen ans andere Wolgaufer, wo Klaras von Wörtern und Buchstaben verziertes Zimmer sie empfängt. „Die Worte und Buchstaben bedeckten alle Wände vom Fußboden fast bis zur Decke.“ S.98 Hier lassen sich die beiden nieder und Bach lernt es, von nun an die Zeit nicht mehr nach Minuten zu messen, sondern „nach dem Morgen – und Abendtau, dem Lauf der Sterne am Himmel und den Mondphasen, den Schneefällen, der Dicke des Eises auf dem Fluss und dem Zug der Vogelschwärme über die Steppe.“ S.103
Das Haus, das die beiden bewohnen, liegt versteckt im Wald und es besteht die Hoffnung, von Drohungen und Kriegen verschont zu bleiben: dennoch währt diese Harmonie in der Abgeschiedenheit nicht lange, Klara wird schwanger mit einem Kind, dessen Geburt sie nicht überlebt.
Nach Klaras Tod wandert Jakob auf der zugefrorenen Wolga nach Gnadental, dessen Verfall, abgerissene und verfallene Häuser ihn schockieren. Schuld und einschneidender Wendepunkt ist die Revolution unter Lenin, die massive Folgen für die Gruppe der Russlanddeutschen hat. Hier, in diesem Dorf, neben der Kirche, will er das Kind seinem Schicksal überlassen. Doch dann beschließt er, sich um die Kleine zu kümmern und sie mit gestohlener Ziegenmilch zu füttern. Er nennt sie Annchen.
Bei seinen Streifzügen durch das Dorf sieht er die Schäden, die das sowjetische Imperium in seinem Dorf angerichtet hat: „Wie hatte sich Gnadental in dieser Zeit verändert! Wie anders waren die Menschen geworden! Häuserfassaden, Straßen und Gesichter waren gezeichnet von Verfall und langjähriger Trauer [… ]. Nur die roten Fahnen, Sterne und Spruchbänder [….] strahlten herausfordernd grell und widersinnig, als hätte man die Lippen einer sterbenden Greisin blutrot geschminkt.“ S.204f.
Bald stiehlt Bach nicht mehr, sondern geht einen Tauschhandel ein: Milch gegen Geschichten, die er seinem Erinnerungsarchiv entnimmt; er schreibt über Dialekte in Gnadental, den Aberglauben im Dorf und fügt die Erinnerungen wie ein Mosaik zusammen. Er arbeitet an der Archivierung von Bräuchen und Inforationen, die von Russland als dem gelobten Land erzählen, in dessen Weiten fruchtbarer Boden auf die Siedler wartet. Zentral bleibt immer die Rolle der Wolga – im Winter gefroren erlaubt sie es den Bewohnern, zu Fuß ans andere Ufer zu gelangen.
Irgendwann, im Laufe der Zeit, wird die Gegend um Gnadental zur Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, mit ihrer Hauptstadt Pokrovsk erklärt. Zu dieser Zeit zieht ein neuer Mitbewohner bei Jakob ein – Wasja, ein Straßenkind, das zunächst ein Winterquartier sucht und ohne Erlaubnis in Jakobs Haus einbricht. Von nun an leben sie zu dritt. Wasja bringt Annchen die russische Sprache bei, abends hören sie Schallplatten auf Jakobs Grammophon, das Leben plätschert so dahin, es ist friedlich beinahe idyllisch auf dieser Wolgaseite. Nicht zu vergleichen mit dem anderen Wolgaufer, dem Dörfchen Gnadental und dem Rest der Wolgarepublik. Diese leidet unter den Folgen der Kollektivierung und Entkulakisierung.
Doch die Naturidylle von Jakob und den Kindern hat bald ein Ende, als ein sogenannter Agitator ans rechte Ufer der Wolga kommt und die Kinder mitnimmt – ins Klara Zetkin-Wohnheim in Pokrowsk. S.484
Als Bach zufällig in die Wellen der Wolga gerät, begegnet er auf dem Grund des Flusses Körpern von Männern und Frauen, von Greisen und Kindern, von allen Seiten blicken sie ruhig auf Bach, bis dieser vor dem Ertrinken gerettet wird.
Der Roman endet abrupt. Bach wird zusammen mit anderen Wolgadeutschen nach Kasachstan verbannt, wo er bei einem Grubenunglück stirbt.
Beim Lesen von Wolgakinder lässt sich ein Chronotopos des Flusses im Verlauf der Handlung feststellen. Im Raum wird die Zeit sichtbar. Der Wechsel der Jahreszeiten spiegelt sich im Charakter der Wolga wieder: „Die herbstliche Wolga, grau und zerzaust, schaukelte das Boot nachlässig und gleichgültig“ S.357
Des weiteren spielt ein Moment der Diskrepanz von Stadt und – Landleben eine wichtige Rolle. Bach und Annchen verlassen für einen Tag ihre gewohnte Behausung und folgen dem Lauf der Wolga
nach Saratow – für Annchen eine komplett andere Welt: „Sie sog die Lichtreflexe, die bunten Farben und Gerüche der Straße in sich ein – von Pferden und Menschenschweiß, von nassem Pflaster und Staub, von Eisen und Schmierfett, von billigem Machorkatabak, von Wodka und Essbarem“.S.381 Die Eindrücke, so überwältigend, veranlassen Vater und Tochter wieder zurück zu kehren.
Russland als Siedlungsraum wird zunächst positiv bewertet: russische Steppe, Offenheit und Wildnis als Momente der Freiheit und Ungebundenheit. Im Verlauf des Romans tauchen Abgrenzungsstrategien gegenüber dem Kolonialstaat auf, so zum Beispiel Jakobs Niederschrift der russlanddeutschen Geschichte. Eine Reflexion über kleine Nationen, die in großen Imperien untergehen, spielt dann eine Rolle wenn Russland ethnische Minderheiten in die Verbannung schickt ,und das ist hier definitiv der Fall. Die deutschen Kolonien waren demnach eine bedrohte Entität.
Ganze Abschnitte des Buches sprechen von einer Führerfigur, die sich in der Wolgarepublik aufhält, die Rede ist von Stalin, der nur als ER angesprochen wird. Dieser ärgert sich über die Schilder der einzelnen Ortschaften, die deutsche Namen tragen, darüber dass die Fenster so blank geputzt sind. “Diese ganze geradezu aufreizend winzige Welt war ein einziges Ärgernis. Sie war ihm fremd“ S.323
Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, die jeweils in 30 Unterkapitel untergliedert werden.
Historische Ereignisse spielen eine Rolle, werden jedoch nur am Rande erwähnt, sowie die russische Revolution, die das Leben der Bewohner Gnadentals verändert.
Gusel Jachina hält sich zurück, präzise die Geschichte der Wolgadeutchen wieder zu geben, was den Roman stellenweise an ein Märchen erinnern lässt, eines jener Märchen, die Jakob aufschreibt und den Gnadentalern zugänglich macht. Sie ist vorsichtig mit der Chronologie der Ereignisse: so erwähnt sie zum Beispiel die Jahre 1929, 31, 32 und 33, denen Jakob verschiedene Namen gibt: Jahr der Flucht, Jahr der großen Lüge, Jahr des großen Staudamms und das Jahr des großen Hungers.
Von besonderer Bedeutung ist das Archiv. Hier wird gezeigt, wie Jakob Bach die Geschichte des Dorfes rekonstruiert. Die Rede ist von Märchen, Bräuchen, Dialekten und dem Aberglauben der Gnadentaler.
Dafür bekommt er in Tausch gegen diese Geschichten, die er zu einem Archiv zusammenfügt, Papierbögen, Bleistift und Ziegenmilch.
Er arbeitet auch an der Archivierung des Russlands als einem gelobten Land. Russland wird nicht als Feind angesehen, zumal auch seine Tochter Anna von dem zugelaufenen Wasja in der russischen Sprache unterrichtet wird und somit die russische Kultur und Menschen des Landes positiv erlebt.
Die Wolga ist beides – Verbindung und Trennung zugleich. Ihre Rolle bleibt immer zentral. Die gefrorene Wolga fungiert als Archiv, sowie auch ihr Auftauen Geheimnisse einer dunklen Geschichte aufdeckt: „Dann knisterte es ganz in seiner Nähe. Das Eis unter seinen Füßen erzitterte, öffnete sich und gab sein Inneres frei, an dessen Kanten Hunderte blauer Funken aufblitzten. Durch den Riss schaute Wasser, das wie eine dicke, grün-schwarze Masse wirkte,“ S.232
Solange die Wolga für Bach eine Möglichkeit zum Erreichen des anderen Ufers bietet, ist sie in ihrem flüssigen Zustand Ort der Geheimnisse, die Klaras und Bachs Ufer nicht erreichen.
Als Bach kann die von den Sowjets errichtete Hegemonie in Gnadental beobachtet, verwandelt sich die Wolga vom natürlichen zum kulturellen Archiv. Hier ist es seine Bevölkerung, jene die ihm nahe stehen, die von der Wolga mitgerissen werden, beinahe ertrinkt er auch, wird jedoch gerettet und nach Kasachstan verbannt.
Hier ist das Medium der Erinnerung, das Eis, welches von Jakob Bach immer wieder überquert wird und ihm erlaubt seine geschriebenen Erinnerungen auf die andere Seite zu bringen, richtungsweisend.
Eis als Medium der Erinnerung spielt auch in der Gulag-Literatur eine wichtige Rolle. Hier sind es Autoren wie Warlam Šalamov und Alexander Solšenizyn, deren Lebensgeschichte und Lebensräume wie Permafrost in Eis gespeichert werden.
Auch der russlanddeutsche Schriftsteller Arthur Grün schreibt in seinem Roman „Wenn die Hexe einmal spricht“ über das Leben der Russlanddeutschen in Südrussland und ihre Verbannung nach Ostkasachstan, wo sie in den Wälder, unter verschiedenen klimatischen Verhältnissen Zwangsarbeit leisten müssen.
Hier ist eine Parallele zum Protagonisten Jakob Bach, der ebenfalls am Ende des Buches, nach Kasachstan verbannt wird, sichtbar. Geschichten von anderen Bewohnern Gnadentals zeugen davon, dass auch die Wolgadeutschen aufgrund ihrer Nationalität in den Osten verschickt wurden.
Eine besondere Diskrepanz ist sichtbar bei der Beschreibung der Ereignisse, die sich auf beiden Ufern abspielen: Im Mittelpunkt steht das Einsiedlerleben von Jakob nach Klaras Tod und seine Erziehung der Kinder, fernab der Zivilisationen. Annchen führt von ihrer Geburt bis zum Umzug ins Wohnheim ein bescheidenes Leben abseits der Städte. Ihr einziger Freund ist Wasja, den sie bewundert und verehrt. Er bringt ihr die russische Sprache bei. Jakobs väterliche Fürsorge sowie Wasjas Rolle als älterer Bruder geben dem Roman Wolgakinder die Ähnlichkeit mit einem Erziehungsroman.
Der kasachische Autor Magauin betont ebenfalls die Bedeutung eines Archivs in der Literatur: dieses muss organisiert, strukturiert und für die Öffentlichkeit zugängig gemacht werden. Ein Archiv repräsentiert eine Sammlung von Erinnerungen und Zeugnissen, die lebendig gehalten werden. Wissen ist Macht und soll an die Massen gelangen um ihr kulturelle Identität zu stärken. In seinem Werk „Kazakh history ABC“ kritisiert er die sowjetisch – kasachische Geschichtsschreibung, die für das Vergessen von Geschichte verantwortlich ist.
Es bleibt zu hoffen, dass Jakobs Geschichten den Krieg und die Vertreibung überlebt haben, fungieren diese als Archiv für die nachfolgenden Generationen. Der Roman Wolgakinder erfüllt dieses Kriterium – es ist eine Sammlung, individueller Geschichten und historischer Ereignisse, die sehr sensible Geschichten zum Thema haben. Gusel Jachina hat sich ein großes (und noch wenig bearbeitetes) Thema ausgesucht, das sie sehr detailliert in Romanform gebracht hat.
Literatur:
Gusel Jachina: Wolgakinder. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger, Berlin:Aufbau Verlag, 2019