Nina Trox
Zeichen der Stille
(Eine Erzählung)
Vom Autor
Diese Erzählung ist ein Puzzle, dessen volles Bild man erst sehen kann, wenn man diese zu ende gelesen hat. Zeit, Situationen, Emotionen – alles, wie ein Teil einer Denksportaufgabe, fügt sich langsam zusammen. Zerrissener Rhythmus des Erzählens – der Rhythmus des Lebens der Heldin. Dies ist eine einfache Liebesgeschichte und ein nicht einfacher Weg um sich selbst zu verstehen und die Stille in sich.
Zeichen eins
Die Seelenkatharsis tritt ein, wenn du einen Menschen anschaust und verstehst, dass du ihn nicht mehr liebst. Dann verschwinden die Beleidigungen, der Schmerz, der Wunsch, es jemanden heim zu zahlen, dann geht das Gefühl der Mitleidenschaft mit ihm zurück – die letzte Verbindung reißt. Und die Augen, die dich anblicken, sind nur noch ein Sehorgan.
Ich liebte es zu beobachten, wie ihre Hände tanzen. Wie die dünnen, langen Finger sich beugen, sich wie ein Fächer aufmachen, sich wieder zusammenrollen, nicht gesehene Muster zeichnend. Zeichen, die ich nicht verstanden habe, doch sie haben mich bezaubert.
Wir trafen uns zufällig auf einer Ausstellung. Man zeigte russische Impressionisten. Obwohl meine Wahrnehmung von Kunst nicht professionell ist – „es gefällt mir, es gefällt mir nicht“, liebe ich es zu beobachten, die Farben einzusaugen, die Launen, die Gefühle. Manchmal fühle ich es wirklich. Wenn das natürlich nicht „art“ ist oder „sur-sur“, wo alles durchmischt ist, wo man die Übereinstimmung zwischen der Kleckerei auf der Leinwand und dem Titel, nicht einmal mit meiner reichen Einbildungskraft finden kann. Impressionisten sind für mich Kuindzhi, Korovin, Levitan, Serov, Maljavin, Grabar‘, ich ging an ihren Bildern vorbei und genoss es. Wenn du verstehst, doch nicht so tust als ob, die Stirn runzelst vor Konzentration, dann bekommst du auch das Vergnügen und fühlst dich nicht fremd.
Ich bemerkte sie nicht. Ich hörte die Stimme hinter dem Rücken.
„Hallo, An‘!“
„Das tanzende Weib“ Maljavins verwandelte sich in einen einzigen roten Fleck. Der irre Tanz des „Weibes“ wurde an mein Herz weiter gegeben. Ich hatte Angst mich umzudrehen und stand einige Sekunden wie erstarrt da. Danach drehte ich mich auf einem meiner Absätze.
In der Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, hat sie sich kaum verändert. Eine andere Frisur – langes Karre; wurde fülliger – das Gesicht etwas runder; der selbe Blick – gerade mit Ausdruck; das selbe Lächeln – ironisch, doch wie ein Kind, offen.
„Maja? Hallo!“ sprach ich beim Ausgang.
„Und ich dachte schon, bist das du oder nicht? Eine andere Frisur und Haarfarbe. Das kurze Haar steht dir. Wie geht es dir?“
„In einer verhältnismäßig instabilen Welt, bin ich verhältnismäßig stabil“, sprach ich, spürend, dass ich Mist von mir gebe. „Und dir?“
„Ich bin auch okay. Bin in eine Künstlerakademie gegangen. Ich wollte schon lange malen lernen. Nun gehe ich durch Ausstellungen, bilde mich weiter.“ Maja lächelte und schaute durchdringend, als ob sie meine Gedanken erraten wollen würde.
Und ich dachte an nichts. Das innere Zittern hörte nicht auf, es wurde warm, gab kaum Luft. Es schien, als ob die Beine mich nicht mehr halten wollen und ich gleich vor ihr auf den Boden falle. Doch eine starke Hand schnappte mich am Ellenbogen und zwang mich gerade zu stehen. Ich drehte mich zu dem Retter und erinnerte mich, dass ich alleine gekommen war. Denis lächelte zufrieden und wandte sich an Maja.
„Während unsere gemeinsame Bekannte Stupor hat, lassen Sie mich, mich Ihnen vorstellen, Denis Levickyj!“ er machte die Betonung auf das „y“ und nickte lebhaft.
Wir waren bereits fast ein Jahr miteinander befreundet. In unsere Englischgruppe mitten im Semester schmiss sich ein dürrer, hoher, sympathischer Kerl mit zotteligem Haar. Er setzte sich, warum auch immer, neben mich, obwohl er dazu beitrug, dass die Hälfte der bereits Platz genommenen Kursteilnehmer dafür aufstehen musste. Zuerst reizte er mich mit Schreien, Witzen, unangebrachten Seufzern. Doch das nicht Ordinäre, der Humor und dabei gleichzeitig eine seltsam zärtliche Sorge um mich, bezauberten mich schlussendlich. Wir schmissen die Kurse, doch hörten nicht auf befreundet zu sein, obwohl ich fühlte, dass für Denis das mehr war als einfach nur Freundschaft. Doch wie sagt man, „was ich kann“.
„Ich bin Maja! Hallo!“
Er hob erstaunt die Braue hoch und drückte zurückhaltend Majas Hand.
„Bestimmt hat man euch schon mit der Allusion zu der uns allen bekannten Biene (Biene Maja, aus dm Trickfilm die Abenteuer der Biene Maja), in den Wahnsinn getrieben, deswegen lass ich dieses Thema.“
„Ach, ich bitte Dich“, Maja lächelte.
„Dann eine vernünftige Frage, wie gefällt euch die Ausstellung?“
Ich, die sich nicht traute etwas zu sagen, dankte dem Universum für den gesprächigen Freund.
„Ich mag besonders Grabar‘. Seine winterlichen Landschaften sind einfach nur schön…“
Maja erzählte, dass ihr Zeichenlehrer Grabar‘ als Beispiel nimmt um die Vermittlung der weißen Farbe aufzuzeigen. Sie sprach, doch ich hörte die Wörter nicht mehr. Ich blickte sie an, versuchte zu verstehen, was sie mag? Wofür? Warum?“
„Was ist sie für dich?“ Diese Frage stellte Denis, als wir nach der Ausstellung im Café saßen. Seltsam wie sich nahe Menschen austauschen können nur in Form von Gedanken. Telepathie existiert.
„Einmal war sie das wichtigste für mich.“
„Und jetzt?“ Denis reichte mir das Glas mit dem milchigen Cocktail.
„Nun hat man alles was man braucht, nur nicht mehr.“
„Bin ich nicht mehr?“
„Du bist höher.“
„Ich meine es ernst!“
„Du kannst ernst sein?“
„Anja“, Denis senkte die Stimme.
Ich sah ihn zum ersten Mal so. Falten neben der Nasenwurzel, verschobene Brauen, der Adamsapfel zittert nervös. Ja, das ist ernst. Nur nicht heute. Nicht jetzt.
„Dinja, was willst du hören? Wir haben schon längst alles geklärt über deine und meine Vorlieben. Was für Beben machst du Otello?“
„Ich wollte einfach erfahren, was sie für dich bedeutet?“
„Nein, nicht einfach. Nicht einfach! Er verhielt sich wie ein Hund, dem man das Essen wegnimmt. Wir sind Freunde, das ist alles. Wenn es dir nicht passt, auf Wiedersehen. „
„An‘, reg dich nicht auf. Was ist mit dir?“
„Nichts“ Jeder meint, er sei der Nabel der Welt und dreht sich um ihn. Zum Teufel mit allem!“
Ich schnappte sie auf der Lehne des Stuhls hängende Jacke und begab mich zum Ausgang.
„An‘ bleib stehen!“ schrie ihr Denis hinterher.
Doch ich hatte bereits die Tür geöffnet und atmete die kühle Luft ein.
Der Panzer bröselte sich auf. Der Körper zitterte, reagierte auf das Rascheln unter den Füßen, die Autosignale, die Gespräche der Vorbeigehenden. Die Geräusche stießen auf mich, mich zur Vibration zwingende. Ich wollte nur eines – Stille, Mich losreißen von den betäubenden Geräuschen der Stadt, der Gedanken, Erinnerungen,
Weglaufen hinter die Grenzen des Hörbaren…
Zeichen 2
Ich bin grenzwertig. Meine Grenzwertigkeit bestimmen die Ängste. Sie erlauben es nicht, zusammenzuwachsen mit den Gefühlen, die ich erlebe, erlauben es nicht diese zu genießen. Ich bin wie ein Halbblüter in der Gesellschaft von Menschen mit reinem, adligen Blut. Sie sind sich ihrer hohen Situation bewusst und bewegen sich mit einem geraden Rücken und einer überentwickelten Würde. Ich spüre immer eine Verklemmtheit und versuche die Blicke, welche auf mich gerichtet sind, zu umgehen.
Auch jetzt würde ich gerne fliehen. Dieses Fehlen von Luft von den aufkommenden Gefühlen jagte mir Angst ein und egal mit welchem Pathos es klingen würde, ich dachte immer, dass ich dafür nicht würdig bin. Diese Euphorie zu spüren gelang nicht mit meinem Blut, das vermischt war mit unreinen Flüssigkeiten.
Sie blickte auf mich, lächelnd, und die Ecken ihrer grünen Augen lächelten mit. Entweder fühlte sie meine Verlegenheit und Unsicherheit, oder sie spielte ein ihr lang bekanntes Spiel. Ich saß gegenüber und spürte ein ohrenbetäubendes, trommelartiges Klopfen des Herzens. Mir schien als ob mein ganzer Körper in jenem hysterischen Rhythmus bebe.
„Warum trinkst du nicht?“, sprach sie und nickte auf das Glas, welches ich in meiner Hand festhielt. Ihre Stimme klang selbstsicher, doch mir schien, dass sie etwas zu tief sei für die äußerliche Zerbrechlichkeit der Figur.
„Ich?“ fragte ich noch einmal und im Inneren wurde es kalt.
Sie lächelte noch mehr und sagte: „Ja, Gefällt es dir nicht?“
„Nein, einfach…einfach…“, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das Tohuwabohu im Kopf füllte sich mit dem Verständnis dessen, dass meine Dummheit alle Rekorde schläft.
„Ich heiße Maja“, sagte sie und reichte mir die Hand.
Das operative System meines Verstehens des Geschehenen brach zusammen, ich konnte nicht einen einzigen nützlichen File finden. Doch die Selbststeuerung funktionierte und ich reichte ihr meine Hand. Warme Finger drückten meine Hand zusammen.
Für mich sind Berührungen sehr intim. Ich mag es nicht, wenn Unbekannte mich berühren oder sich mit „Bises“ austauschen wollen. Ich erlaube sogar manchen Freunden nicht, mich zu berühren. Möglicherweise ist es der innere Ekel. Oder meine Überzeugung, dass die Berührung eine Form der Übergabe von Energien ist. Und diese Substanz ist bei allen unterschiedlich.
Doch in diesem Moment setzte ich alles auf null und verstand nur wenig. Ich antwortetet mit einer Geste auf die Geste der Begrüßung. All meine Abgebremstheit war auf dem bisherigen Level und Maja nahm wieder die Initiative in ihre Hände.
„Hast du einen Namen?“
In diesem Moment, so schien es, arbeiteten alle vorrätigen Generatoren und ich versuchte zu scherzen.
„Ja, ich glaube als ich geboren wurde, wurde mir ein Name gegeben. Anja.“ ich trug den eigenen Namen mit Mühe vor. So als ob dieser fremd war und mir wenig bekannt.
„Anja also, fabelhaft! Hey, Sheri!“ sie hob die Hand nach oben und rief den Barmen. „Sheri, Krümmel, mache der jungen Frau Anna eine „Blaue Lagune“. Bat sie den herannahenden, subtilen Kerl mit großen Tunnels in den Ohren.
„Für dich, Biene, was auch immer du willst“, antwortete er.
„Bist du alleine oder mit jemandem?“ sie setzte sich neben mich auf den freien Stuhl.
„Ich bin mit einer Freundin hier. Sie…Ähm…ist zu Bekannten gegangen. Und ich, nun…“
„Trinkst du den ekligen Saft? Oder was ist das, eine Bohrmaschine?“ fragte sie, hob das Glas bis zu der Ebene der Augen, um zu verstehen, welches Getränk ich trinke.
„Nein, keine Bohrmaschine, einfach Apfelsinensaft. Ich trinke nicht.“
Maja lächelte.
„Wer trinkt hier? Ich glaube, alle probieren es nur so aus. Ich habe eine deutsche Bekannte aus Dresden, sie trinkt. Ich spreche nicht übers Bier. Das ist schließlich das Nationalgetränk, doch Wodka trinkt sie. Einmal waren wir…“
Und hier war die leise Pause vorbei und man hörte eine ohrenbetäubende Technomusik.
Dieser Ort war wahrscheinlich der einzig passende für Gays in unserer halb provinziellen Stadt. Die Musik dröhnte nicht die ganze Zeit. Die Pausen mit einer angenehmen, leisen Instrumentalmusik gaben dem Volk die Möglichkeit sich zu unterhalten. Der Klub war nicht groß, doch sehr gemütlich. Sofas, kurzbeinige Tische, Sitzsäcke, auf die sich alle mit Vergnügen schmissen, eine kleine Bühne in der Mitte und eine lange Bartheke, hinter der einige Barmänner standen. Gesichtskontrolle war Konvention, hier kannte fast jeder jeden.
Ntürlich war die weibliche Gesellschaft vorherrschend, genauer die Gemeinschaft, was Energien weitergab. Dieser unverständliche Ansatz einer aufgeregten Sexualität, einer gefühlt elektrischer Abgespanntheit, irgendeiner zärtlichen Sorge und gleichzeitig Aggression, das alles nahm ich auf und es war angenehm.
Ich ging selten an jene Orte, wo sich viel Volk versammelte. Ich hatte irgendeine unbestimmte Angst vor Ansammlungen von Menschen. Und wenn nicht Ritka gewesen wäre, die mich jetzt im Stich gelassen hat und verschwand, wäre ich nicht hier her gekommen.
Maja traf ich vor zwei Jahren an der Uni. Das war mein zweites Semester. Es wurde langweilig und ich reichte die Dokumente für ein Fernstudium ein im Bereich Jura. Ich kann nicht sagen, dass ich davon träumte, ein großer Jurist zu werden, nur musste ich mich mit etwas beschäftigen, und das Lernen ist meine langjährige Aufgabe, um nicht an die Gegenwart zu denken. Und in der Gegenwart gab es Einsamkeit, das Lesen der Bücher, die Langeweile der Mutter, eine langweilige Arbeit als Manager in einer kleinen Firma für die Organisation der Businessveranstaltungen.
Erste Stunde. Das Kennenlernen mit den erwachsenen Kursteilnehmern, die Noten der Lehrer und ein Geldkredit. Alles nach Standard und vorhersagbar. Außer zwei Treffen, die herausstachen und der Monotonie der Vorlesungen und nicht besonderer Unterhaltung mit den Teilnehmern. Die beiden fanden in der Universitätsbibliothek statt, an einem Tag, beide brachen meine Schablonenhaftigkeit.
Eine lange Literaturliste für die Fächer stimmte überein mit der langen Schlange in der Bibliothek, in der ich bereits 15 Minuten anstand. Ein Quadrat für die Ausgabe der Bücher war voller Studenten. Lachen, Kreischen, alles vermischte sich, und diese Kakophonie machte lebhaft und machte die Vorahnung auf etwas neues. Ich beobachtete, wie die junge Frau in ihrer Tasche wühlte und nichts finden konnte. Sie stand etwas weiter weg von dem versammelten Volk und wiederholte mit den Lippen „Fuck“.
Dann, nachdem sie die Geduld verloren hatte, schüttete sie alles aus der Tasche auf den Boden und begann in dem Inhalt zu graben, auf den Knien stehend. Doch wie seltsam, sie fand nicht das was sie suchte, nahm die Tasche mit Zorn in die Hand und begann in das Innere dieser zu schauen. Als sie eine der inneren Taschen aufmachte, die ich nicht sehen konnte, lächelte sie schief. Und ja, nach dem Gesetz des Genres, war das ein Glanzstift für die Lippen, rosafarben. Immer noch auf den Knien stehend, machte sie die Tube auf, nahm einen Handspiegel, welcher zwischen den Sachen lag und begann mit einem besonderen Vergnügen mit dem Pinsel ihren Mund zu bestreichen. Nach dem vollendeten Akt, räumte sie alles wieder in die Tasche ein, stand auf, richtete sich den Rock und gesellte sich sorgenlos zu ihren stöhnenden Freundinnen in der Schlange.
Für mich ist es immer eine Offenbarung, wenn vernünftige Menschen sich so verhalten. Das sind nicht mal Instinkte, das ist irgendeine glamouröse Hysterie, die sich im Gehirn festgesetzt hat und einen zwingt eine geschminkte Puppe zu sein. Obwohl ich eine professionelle Kosmetik mag, die die Schönheit der Frau unterstreicht und das verbirgt, was nicht für den allgemeinen Anblick geeignet ist. Bald war ich die Erste in der Schlange und stand neben der Theke. Das war eine Erschütterung: Vom Äußeren bis zur Stimme, von der Stimme bis zur Manier zu sprechen, von der Manier zu sprechen bis zum eigenen Können, sich zu halten. Vor mir stand die sogenannte „Mademoiselle Freken Bok“, eine Dame von betagtem Alter, runder Kurven, mit leuchtend roten Haaren ( solch eine Farbe entsteht wenn man das Haar mit Henna färbt) zusammengebunden zu einem Dutt im Nacken. Die Lippen, karottenfarben, bildeten eine Linie, die etwas zusammengekniffenen Augen schauten mich bewertend an, auf den Wangen war eine künstliche Röte, und die Falten unterstrichen mit feinen Linien ihr Alter. Ja, darin war etwas weiches. Ihre große Brust war etwas über die Theke gebeugt.
„Mein Kindlein, die Unwiderstehlichkeit ist allen bekannt. Was willst du?“, wandte sie sich abschätzig an mich.
„Bücher“, schoss es aus mir heraus vor Überraschung.
„Ja, so ist es, wir verkaufen hier keine Eiscreme. Was hast du da? Die Schlange wartet, Kindchen!“
Ich blickte mich um, so als wollte ich mich von ihren Worten überzeugen. In Stresssituationen und unerwarteten Situationen stehe ich oft wie vor einem Kurzschluss. Alle logischen Verbindungen reißen ab. Und ich erstarre dann oder beginne offensichtliche Dinge zu machen. Wie diesmal auch.
Zwei Helferinnen, junge Frauen von etwa neunzehn, zwanzig Jahren, standen schon hinter ihrem Rücken und blickten mich ebenso erwartungsvoll an.
„Ich benötige….hier ist die liste.“ kam es aus mir heraus.
„Kannst du lesen, Teure?“
„Allgemeines Recht, Rhetorik, Strafprozess, Bürgerlicher Prozess…“ begann ich aufzuzählen.
Ohne abzuwarten, bis ich zu ende lese, drehte sie sich zu den Frauen und sagte:
„Diese Schönheit ist von der Fernuni, Juristen, die Standartsammlung“, sagte sie direkt und schnell.
Die Frauen flogen in verschiedene Richtungen.
„Und nun höre zu, Kindchen. Ich heiße Margarita Mihajlovna. Mit mir muss man befreundet sein und mir was dafür geben.“
„Das ist vielleicht eine Wende“, dachte ich.
„Meine Gazellchen bringen dir gleich deine Bücher, und du bringst ihnen dafür nächstes Mal Schokolade, sie sind Naschkatzen, was soll man da tun. Und für mich Tesafilm.“
„Wozu brauchen Sie Tesafilm?“ fragte ich.
Sie wackelte mit dem Kopf und antwortete: „Ich mag es, neugierige Studenten herauszufordern.“
Jemandes grober Bass hinter meinem Rücken rief: „Guten Tag, Margarita Mihajlovna!“
„Bist das du Volkov?“ fragte sie cool.
„Ja!“ antwortete der Kerl. „Ich habe Tesafilm mitgebracht.“
„Dein Tesafilm wird dir nicht helfen, Volkov, solange du Internationales Recht nicht bestanden hast.“
„Ich habe es bestanden.“
„Volkov, ärgere mich nicht“, sagte Margarita Mihajlovna lächelnd.
Hinter meinem Rücken lachte dieselbe Stimme laut.
In diesem Augenblick setzte sich Margarita Mihajlovna an den Tisch, der neben der Theke stand, setzte sich die Brille auf und wandte sich an mich.
„Kindchen, wollen Sie einen Leseschein?“
Ich nickte.
„Wie heißt du? Gib mir deine Angaben. Oh Gottchen!“
Ich reichte ihr eine Karte.
„Das heißt du heißt Anna Krylova. So tragen wir es ein.“
In der Schlange tuschelte man mit verschiedenen Stimmen, wellenartig rollte das Lachenm und ich blickte auf die feurig rote Krone dieser charismatischen Frau und wusste bereits, dass sich mich bezaubert hat. Noch einige Minuten trug Margarita Mihajlovna mit einer geraden, kalligrafischen Schrift meine Daten in den Leseschein ein.
Dann hob sie die Augen, wollte etwas fragen, doch da tauchte ein junges Fräulein auf und drückte mich schmerzhaft weg mit ihrem Ellenbogen. Sie sah einer Blume ähnlich: aschblondes Haar, eine weit geöffnete leuchtend-rote Bluse, blaue Jeans, rote Strrümpfe mit weißen Streifen und gelbe Schuhe.
„Margarita Mihajlovna“, sagte sie fast schreiend. „Ich brauche dringen die Kas. Geschichte, sofort!“
„Pasechko, hör auf zu schreien, ich bin nicht taub“, antwortete leise Margarita Mihajlovna. „Du hast es schon letzte Woche gemacht. Was nun?“
„Ja, Mist, es ist doof gelaufen. Ich dachte sie borgt mir…“, sie stutzte, sich erinnernde. „Ich benötige es unbedingt, Margarita Mihajlovna. Ich werde eine Woche im Archiv Bücher kleben, wirklich, geben Sie es mir.“
Nun Liebes, ich habe dich nicht gezwungen. Du musst am Montag nach der Vorlesung im Nebenraum sitzen. Wenn du nicht kommst, brauchst du dich mir nicht mehr zu zeigen, verstanden?“
„Ja!“ die junge Frau sprang fröhlich auf einer Stelle.
Und Margarita Mihajlovna stand langsam auf und ging eilend zum Bücherregal.
In dieser Zeit brachte ihre zwei Helferinnen, wie auf Befehl, jede einen Stapel Bücher für mich. Sie trafen sich, als ob sie sich lange Zeit nicht gesehen haben und begannen etwas auf kasachisch zu beraten. Ihre gelassene Chefin zeigte sich nach einer Minute und hielt in ihrer Hand ein zerrissenes Buch.
„Dieses bringst du auch in Ordnung“, sagte Margarita Mihajlovna streng und legte das Buch auf das Regal vor de lächelnden Paradiesvogel. „Unterschreibe die Karte und weg mit dir, Frechdachs.“
Die junge Frau ging ging genauso strebsam weg wie sie aufgetaucht war.
„Nun mit dir Krylova.“, sie nickte ihren Helferinnen und diese begannen Karten herauszuholen aus den Büchern und mir diese zu geben, damit ich sie unterschreibe. „Die Bücher darf man nicht behalten, vorsichtig mit ihnen umgehen, wenn die Vorlesung zu ende ist, bring sie zurück.“
Ich nickte auf ihre Worte und unterschrieb die Karten.
Als ich die Bücher in den Rucksack steckte, verstand ich, dass es mehr Bücher waren, als ich bekommen habe. Ein fragender Blick, gerichtet auf Margarita Mihajlovna, wurde richtig interpretiert.
„Den Rest holst du später ab, die brauchst du nicht bis zur zweiten Vorlesung“, sagte sie kategorisch und verabschiedete sich: „Tschüss, Krylova!“
Nach diesen Worten schubsten mich die hinter mir stehenden nach vorne, okkupierten sofort die Theke und mir blieb nichts anderes übrig als mich durchzuschlagen zum Ausgang. Ich versuchte den vollen Rucksack auf die Schulter zu hängen und entdeckte mit dem Seitenblick irgendwelche Bewegungen. Ich drehte den Kopf und sah zwei junge Frauen, in der Mitte der Schlange, sie blickten einander an und gestikulierten ohne Geräusche.
Das war ein gedankenloser, komischer Tanz von vier Händen. Ich verstand, dass die Tauben Gesprächspartnerinnen sich wegen irgendetwas streiten. Die Gesten von beiden Seiten, waren abrupt. Mal wackelte die eine, mal die andere mit dem Kopf, wahrscheinlich müde von den Erklärungen. Unsere Blicke trafen sich.
Das war die zweite Erschütterung des Tages. Ich wurde in die Tiefe gezogen, ich machte die Augen auf und schaute nach oben. Der Körper dampfte, die Sonne flüsterte etwas zu, mit einem gelben Fleck, und alles war so sorgenvoll für mich und neu dieses Gefühl, dass ich sogar keine Angst spürte. Ich wurde vom Paten herausgeholt.
Nun sank ich tief. Mit derselben Sorge, mit derselben Verschwommenheit alles Umgebenden, mit demselben Gefühl von mir trug selbst. Diese Sekunde reichte für ihren Blick.
Sie drehte sich wieder zu ihrer Gesprächspartnerin und gestikulierte wieder schnell. Meine Bücher brachten mich wieder zu mir selbst und ich trug sie aus der Bibliothek. Die Realität bekam einen Riss.
Zeichen 3
Ich wachte mit Kopfschmerzen auf. Ich hasse diesen Zustand eines faulen Apfels, wenn jede Bewegung eine weitere Erschütterung ist, wie ein Gele im Kopf.
Die Augenlider heben sich langsam, und die roten Augen – ein Protest irgendetwas zu tun. Doch man muss aufstehen, gehen, sich beeilen und arbeiten. Und…Sie rief an. Die dreitägige Quarantäne war längst vorbei, sowie die Woche. Eine ganze Woche. Ich wurde zerbrochen wie ein Weidenzweig vor Ostern.
Das Aufstehen vom Bett gelang mir nur mit Mühe. Ich riss den Kopf vom Kissen wie einen angetrockneten Kaugummi vom Stuhl. Die Dusche half nicht. Das Wasser, welches wie Eiszapfen die Haare entlang floss, zog den Schmerz hinter sich. Und der Tropfe, sich von einer Haarsträhne los reißend, schuechte wie eine Sprungfeder den Schmerz zurück zu der Quelle seines Ursprungs. Jeans, Hemd, eine dunkle Weste, Schuhe „unisex“ und eine leichte Jacke wurden automatisch angezogen. Gut, dass heute Freitag ist und der inoffizielle Dresscode geht auch so durch, ohne Folgen.
Ich – Zombie ging nach draußen.
„Annushka! Annushka, bleib stehen!“ schrie mit einer piepsigen Stimme Ekaterina Matveevna, die Älteste des Hauses.
„Oh, Gott, nur nicht heute!“, dachte ich, bereits wissend, dass der Tag scheußlich sein wird.
Die herannahende, füllige Dame, versuchte in mich eine Masse an Informationen zu schieben. Ich fing nur diese auf, dass heute, um sieben Uhr Abends ein Treffen der Bewohner statt finden wird. Die Liste mit den Fragen für die Besprechung ist groß und ich muss dabei sein.
Ich nickte, beugte mich vor Schmerz, sagte „gut“ und ging schnellen Schrittes zur Bushaltestelle.
Die Sonnenbrille löschte die Strahlen der spielenden Frühlingssonne und die Blicke der Vorbeigehenden. Diese dunkle Abschirmung half mir immer dabei, mich von der Umgebung zu distanzieren.
Bushaltestelle. Drei Jugendliche von ca. zwölf Jahren quatschten über die bevorstehende Klassenarbeit und machten sich über die Lehrerin lustig.
Ein altes Weiblein saß friedlich auf der Bank und ich lehnte mich an den Pfeiler, der das Dach der Bushaltestelle fest hielt, betrachtete das riesige Werbeplakat, welches an der Hauswand hing, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße.
„Die Waschmaschine wir alles für Sie erledigen!“ „Wird sie für mich arbeiten gehen?“, dachte ich.
„Gott, wie stupide. Warum habe ich sie selbst nicht nach der Telefonnummer gefragt? Wobei, ist jetzt auch egal, ich hätte sie sowieso nicht angerufen. Ich rufe nicht an, trinke und rauche nicht. Nur „nicht“ und es gibt tatsächlich nichts.“
Der Kopf schmerzte immer noch. Eins der seltsamen Dinge meines Charakters, ist ein bewusster Masochismus. Noch in der Kindheit hielt ich viel aus. Ich begann nicht zu weinen, bis der Schmerz unerträglich wurde, öffnete immer die Wunden und mit einem trüben Vergnügen schaute ich, wie aus der Wunde das Blut zu fließen begann.
Ich mochte es, schmerzhafte Gefühle zu erforschen: das tropfende Wachs der Kerze auf die Handfläche: die Knusprigkeit der Weidenrute auf den Oberschenkel; der Effekt eines Gummibandes auf dem nackten Körper. Vielleicht ist es ein unbewusstes Verhalten des Opfers? Nun auch jetzt, während ich Bus fuhr, durchging meine Supergeduld eine bestimmte Prüfung. Der Kopf wurde zu einer Glocke, die den ganzen Körper mit Schmerz füllte. Ich beschloss, dass sobald ich auf der Arbeit bin, ich eine Tablette einnehmen werde.
Zwanzig Minuten der Sorge gingen zu ende, ich sprang nach draußen, noch fünf Minuten zu Fuß, dritte Etage, Büro, der Tisch links am Fenster, eine Schublade und der „Spazmaglon“. Das Wasser, kauen, schlucken. Bald geht es mir besser.
„Anja, Anja, was ist mit dir?“, hörte ich Veras Stimme und hob den Kopf. „Anja, was ist passiert“, wiederholte Lejra mit einem direkten Blick.
„Ich habe Kopfschmerzen.“
„Ich komme zu dir „Hallo!“ Und du, sitzt da mit gesenktem Kopf, die Hände verschlossen. Ich dachte schon es ist was ernstes. Hast du die Tablette eingenommen?“
„Habe ich.“
„Nun gut. Doch wirklich, es ist alles okay, warum bist du so blass?“ sagte Vera mit Teilnahme.
„Mach dir keine Sorgen. Es ist alles okay.“
Vera blickte mich noch einmal aufmerksam an, machte mit den Fingern ein Zeichen, dass sie mich beobachtet und verließ das Büro. Das war ihr Morgenritual. Sie kam in das Büro, zog die Oberkleidung aus, nahm die Tasche und ging in das Damenzimmer, um die Schminke aufzufrischen. Die Prozedur bestand aus dem Folgenden: Tuschen der Wimpern, Korrektur des Lippenstiftes, das Richten der Frisur, seinem idealen Spiegelbild zulächeln und zurückkehren in das Büro, kampfbereit für die „fruchtbare Arbeit für den Segen unserer Firma.“
„Anjuta, der Tag ist wundervoll!“ sagte Vera als sie zurückkehrte. Sie schmiss die Tasche auf ihren Sessel und ging zum Fenster.
„Meine Schönheiten!“ trug Vera mit einer kindlichen vor. Die Zimmerpflanzen waren ihre Leidenschaft. Die grünen Okkupanten nahmen alle Fensterbänke ein, standen auf den hohen Regalen, dem Schränkchen und einer Theke, bestehend aus drei Regalen, direkt neben dem Tisch der Hausherrin.
„Anja, sind die deinen weggeflogen? Semen hat gestern den Chef befragt.“
„Ja, sind sie. Der Chauffeur hat mich angerufen. Der Flug wurde zweimal unterbrochen, doch dann ging alles gut.“
Vera umging die „grünen Liebhaber“, goss einige von ihnen, bei anderen grub sie die Erde etwas durch, bei wieder andren brach sie die vergilbten Blätter ab und setzte sich mit einem zufriedenen Blick an ihren Tisch.
Zu diesem Zeitpunkt wurde mein Kopf ganz leer. Der Schmerz war vorüber und nur einige unbequeme Noten stöhnten noch zum Takt dieser Glocke, die mich seit dem Morgen quälte.
Ich blickte auf den Monitor. Oh Gott, diese unendlichen Briefe. Bald wachen die Telefone auf, die Leitung wird aktiviert und es beginnt der routinierte Kreislauf – vorlesen, aufschreiben, versdenden, anrufen, abstimmen, antworten, erinnern, anmachen, durchstreichen, nicht vergessen. Wir leben und arbeiten mit Verben.
Der in den Raum eingetretene Semen störte meine Philosophieren.
„Guten Morgen! Anja, sind deine Speaker weggeflogen?“
„Ja, sind die.“
„Gut, rufe den Koordinator an, einer der beiden ist Vegetarier. Sollen sie ein Menü ohne Fleisch auswählen.“
„Ich habe bereits Bescheid gesagt.“
„Erinnere sie nochmal daran.“
„Sofort!“ murmelte ich.
Erst vor ein paar Monaten saß Semen mir gegenüber, genauso ein Manager, und er schmipfte auf den leitenden Manager, der ihm befahl, was man machen sollte.
Semen ging zu seinem Büro, und ich, wie gewohnt, lächelte ihm nach.
Sein Gang machte mich immer fröhlich. Bei jedem Schritt, so schien es, hüpfte er, es hüpfte auch das Gesäß, die Hose hoch hebend, sodass man die Anfänge der geputzten Schuhe sehen konnte. Seine Bewegungen erinnerten an den Tanz von Afroamerikanerinnen, füllige, die sich rhythmisch mit ihren Gesäßen zum Takt der Trommeln bewegten.
Das Telefon klingelte. Es begann.
Am Abend küsste mich Vera auf die Wange und flog zu einem Treffen, und ich saß noch vor dem Computer, eine Mail zu ende schreibend. Ich wollte nicht nachhause. Morgen ist Wochenende und ich habe keine Pläne und Wünsche.
Maja rief nicht an.
„Was machst du hier?“, Semen verließ das Büro und machte die Tür zu.
„Ich schreibe eine Mail zu ende.“
„Anja, höre zu. Ähm…ich mag es nicht, wie du mir manchmal antwortest, mit welcher Tonlage. Ähm, meine Postion hat sich verändert. Ich bin nun dein Leiter…Und die Befolgung der Subordination hat niemand verschoben“, er stand in der Nähe des Tisches und drückte den henkel der Tasche für den Laptop. „Ich hoffe, du verstehst mich?“
Ich blickte auf Semen und konnte nicht glauben, dass der ehemalige Nörgler, welcher sich immer auf seine Ehefrau beschwerte, die sich nach dem Sex zur Wand dreht, sowie auf die Schwiegermutter, die ständig unzufrieden ist mit ihrem faulen Schwiegersohn, erteilt mir heute Befehle. Ich atmete aus und langsam und genau jedes Wort vortragend, antwortete ich.
„Natürlich, Semen Aleksandrovich, ich verstehe alles. Mein Verhalten wird angemessen sein, und der Ton höflich“, ich wollte noch hinzufügen: „Um ehrlich zu sein, scher dich zum..“, doch ich drehte mich um und blickte in den Laptop.
„Nun gut. Auf wiedersehen!“
Ich blieb still.
Als ich das Haus erreichte, sah ich die Nachbarn. Eaterina Matveevna sammelte Unterschriften bei denen, die noch nicht weg gegangen sind. Ich wollte mich umdrehen und das Haus von der anderen Seite umkreisen, damit sie mich nicht bemerkt, doch das war zu spät. Ekaterina Matveevna blickte auf mich und winkte mir zu als Zeichen, dass ich zu ihr kommen sollte.
„Annushka, du hast es versprochen. Wir haben bereits alles besprochen“, ihr Piepsen nach den Phrasen, bohrten sich in die Ohren.
„Wir haben kein Geld für eine Renovierung des dritten und vierten Treppenhauses. Unterschreibe hier, wir werden zusätzlich sammeln. Dann haben wir noch eine neue Gemeinschaft für das Aufräumen bestimmt. Man beginnt im nächsten Quartal das Dach zu reparieren“, sie sprach ohne Pausen. „Das Licht blinkte vor ein paar Tagen, jemand hat sich uns angeschlossen. In den Aufzügen wurden alle Plakate abgerissen, sie haben nicht das Recht, diese dort aufzuhängen. Ja wir haben einen neuen Leiter…
Ich wollte dass diese Tortur aufhört.
Nach zehn Minuten schaffte ich es mich vor der Ältesten zurückzuziehen, und nur deswegen, weils sie umschaltete auf die lokale Katzenliebhaberin. Sie schmiss sich sofort auf die erschrockene Frau, wegen der Beschwernisse der Bewohner auf den Geruch.
Der gestrige Salat mit Lachs wurde schlecht. Es gab kein Brot. Ich kochte mir einen Zimttee, schnitt ein Stück des Cheddars ab. Die Tischlampe in Form eines Kolbens mit schwimmenden, neonfarbenen Medusen, warf ungerade Schatten auf die Wände. Die Vorhänge waren zu und Stille.
Die Erwartung, das ist ein Kampf mit der Zeit. Wenn der Rhythmus des Lebens deutlich wird. Du läufst wie gewohnt, doch spürst du jeden Schritt, durchlebst ihn tiefer, hoffend, dass dies der letzte sein wird. Und wenn er da ist, dann kann man stehen bleiben, ein Häckchen in der Zeit stellen. Mein Kampf endete mit nichts.
Sie wird nicht anrufen.
Zeichen 4
Der Zufall, genau der, verändert manchmal das gängige Sujet des Lebens. Sollte man darüber nachdenken, warum das Schicksal diese Überraschungen bereit hält? Wobei, wer wird antworten? Die Analyse funktioniert später, wenn du jenen Moment, der alles verändert hat, verfluchst oder ihm dankst. Der Kaffee wurde kalt. Ritka war immer noch enttäuscht von dem Verhalten ihrer „Ehemaligen“.
„Sie klebte sich an mich, wobei Kitti, noch schlimmer als sie selbst, zehn Meter weiter stand. Ich sage ihr: „Bist du etwa krank?“ Und sie zu mir: „Ich habe Sehnsucht. Kannst du es dir vorstellen? Du hattest recht, als du sagtest, sie sei nicht adäquat. Genau!“
Ich blätterte die Fotos auf Ritas Telefon.
Lächelnde Gesichter, Grimassen, heraus gestreckte Zungen, Fratzen, wie gewohnt. Diese Serie der Fotografien unterschied sich nicht von den hundert vorigen, von den Abenden, an denen die fröhliche und offene Rita der Stammgast war. Ich strich maschinell auf den Bildschirm, ohne die Gesichter zu unterscheiden, da blieb mein Finger auf einer Fotografie zweier Frauen stehen. Die eine kannte ich, die andere erkannte ich.
„Wer ist es?“, unterbrach ich Ritka.
„Wo? Das ist Maja.“
„Welche Maja?“ die Stimme zitterte.
„Maja, sie kam mit der rothaarigen Tanka. Kann super tanzen. Warum bist du so angespannt?“
„Ich habe sie in der Uni gesehen, als ich das Fernstudium machte. Erinnerst du dich? Ich hatte es dir erzählt.“
„Aaah, das ist diese Taubstumme? Doch sie kann sprechen, und wie.“
„Sie ist nicht taubstumm, sie ist ein super Übersetzer, ihre Freundin war taubstumm.“
Ich nippte am kalten Kaffee und erinnerte mich, wie wir Tee mit Kommilitonen tranken, in der Unimensa. Die Vorlesung zur Rhetorik war zu ende. Die junge Dozentin hat es nicht geschafft, die Wörter zu verbinden.
Mich enttäuscht die Inkompetenz. Rhetorik, oratorische Kunst, wo ist es?
Der Gebrauch von parasitären Worten, die nicht richtige Setzung der Akzent, im Endeffekt nennt sich der Mensch Pädagoge und bringt dazu noch bei Reden zu halten. Lustig und widerwärtig zugleich. Und solche Menschen werden von nichts in Verlegenheit gebracht. Ich sprang auf dem Stuhl vor Empörung und meine Kommilitonen, beide um die vierzig Jahre alt, lächelten herabwürdigend auf meine Empörungen. Ich wackelte mit den Händen und hätte fast den tee vergossen, und als ich den Becher rechtzeitig schnappte, erblickte ich die schweigenden Gesprächspartnerinnen aus der Bibliothek. Seit dem Treffen sind einige Monate vergangen und während ich auf den Fluren der Universitäten umher irrte, hielt ich Ausschau auf die vorbeigehenden Studenten, in der Hoffnung, sie zu treffen. Genauer sie.
Maja ging vorne. Ein schwarzes Hemd, ein offener weißer Pullover, blaue Jenas, leuchtend rote Schuhe. Ihre Begleiterin hatte etwas an, woran ich mich nicht erinnern konnte.
Mein abruptes Schweigen und die Blässe erschreckten meine Kommilitoninnen.
„Was ist geschehen? Geht es dir schlecht?“, rollten die Fragen. Ich machte den Witz, dass ich manchmal hängen bleiben wie ein Computer , der von einem Virus angehalten wird. Und ich versuchte nicht in Richtung des Tisches zu blicken, an dem Maja und ihre zweite Hälfte saßen.
Ich beschäftigte mich oft mit der Frage, was uns am anderen Menschen so anzieht? Welcher Trigger funktioniert plötzlich und welcher Gedanken daran schmeißt die angenommene Norm um? Ist es vielleicht das unbewusste Streben einen Doppler zu finden, sich selbst bis zur Ganzheit zu füllen? Chemie? Karmischer Kontakt aus dem früheren Leben? Was? Und das wichtigste ist, es gibt nichts konkretes, nicht für sich selbst, nicht für andere, es gefällt einem einfach, das war es. Du spürst es und willst es spüren.
Zum Ende der zweiten Vorlesung, als ich die Bücher abgab, kam ich mit Margarita Mihajlovna ins Gespräch.
„Du wirst die Kriminalistik lernen, Kindchen. Ajgul Serikovna wickelt keine Geschäfte ab, nimmt nichts an. Prinzipiell. Es sollte mehr von solchen geben, vielleicht ist in euren Köpfen etwas geblieben.“ Sie schaute mich aufmerksam an über der Brille.
„Und der strafrechtliche Prozess?“
„Bin ich etwa die Auskunft? Krylova, man muss lernen!“
„Ja, ich verstehe…Margarita Mihajlovna, Sie kennen doch alle?“
„Wozu die Frage? Hm?, fragte sie erzürnt.
„Ich habe die jungen, taubstummen Frauen gesehen…wie können…wie können sie…lernen…sie sind doch…“
„Krylova, bist du etwa ein Spion oder von Natur aus so neugierig?“
„Nun, einfach so…interessant…“
„Warum wirst du so rot. Du sollst kein Spion sein. Nur die eine der beiden studiert in der juristischen Fakultät, jene, die höher ist, die Blinde. Die dunkelhaarige ist ihre Übersetzerin.“
„Margarita Mihajlovna, sind sie…“
„Oh Gott, Krylova! Hast Bücher abgegeben, Schokolade, Tesafilm. Nun bist du frei.“
In der nächsten Sekunde hörte ich.
„Tschüss, Krylova!“, was bedeutete, dass es keine Fortsetzung geben wird.
Rita und ich zitterten. Die Bedienung ließ das Tablett fallen. Wir beobachteten einige Minuten, wie der herannahende Manager sich vor den Besuchern entschuldigt, die mit Kaffelatte beschmutzt wurden. Und der daneben stehende, plumpe Kellner setzt sich die ganze Zeit in die Hocke, als ob er auf Toilette müsste.
„Sie ist oft in den Bermudas“. Ich konnte dich nicht mitschleppen dahin, doch vielleicht bist du diesmal einverstanden?“ Ritka kniff die Augen zusammen und blickte mich an.
„Du weißt doch, wie ich mich gegenüber großen Anhäufungen von Menschen verhalte. Und die Musik dröhnt?“
„Und Maja wird auch vor Ort sein! Ich habe bereits damals verstanden, dass du ein Aug auf sie geworfen hat. Ich gehe am Samstag. Und du?“
„Ritka!“
„Anjka, hab dich nicht so. Sonst wirst du ganz wild. Wenn du nicht gehst, werde ich selber zu ihr gehen. Schaue.!“
Ritka fand eine weitere Fotografie, auf der Maja, ein Glas in der Hand hielt. Sie lächelte und warf den Kopf etwas zurück, sodass man auf ihrem Ohrläppchen drei Ohrringe sehen konnte.
Dieses Bild hat sich irgendwie wiederholt. Wir trafen uns bereits drei Monate. Auf der Datscha unserer gemeinsamen Bekannten gab es ca. zwanzig Menschen. Ein Zweietagenhaus, eine große Veranda, und hinter dem Haus Himbeerhecken. Die Sonne ging langsam unter. Die Hitze verschwand. Musik, Alkohol, Snacks – eine Freude. Maja nahm meine Hand.
„Lass uns Himbeeren sammeln gehen?“
„Was ist mit den Mädels? Wir wollten doch Krokodil spielen?“, ich beobachtete, wie die Herrin der Datscha, die Anwesenden in zwei Teams teilte.
„Zum Teufel mit dem Krokodil. Die Himbeeren sind süß.“ Sie umarmte mich und küsste mich in den Nacken. „Komm, ich werde dich füttern.“
„Damit hätte man anfangen sollen.“
Maja ging vor mir. Ich eilte ihr hinterher, nachdem ich den Schnürsenkel auf dem Turnschuh zugebunden hatte. Als ich mich in die Höhe streckte, stand sie bereits bis zu Taille im grünen Laub mit einem Glas in der Hand. Damals dachte ich, dass ich es bereits irgendwo gesehen hatte. Und Maja pflückte die erste Beere und rief mich.
Ihre Lippen nahmen den Geschmack von Himbeeren an. Dann, bei jedem Kuss, spürte ich diesen. Wir haben uns viele Kratzer eingefangen, als wir uns durch die Dornen kämpften auf eine Insel, die frei ist von der Hecke, in die Nähe einer großen Eiche.
„Ich verstehe, dass die süße Himbeere nicht das wichtigste war in deinem Vorschlag?“
Maja lag neben mir und öffnete mein Hemd.
„Ich würde sagen, das aller unwichtigste, doch köstliche“, ihre Hand kroch unter meinen BH. „Du hättest es ahnen sollen, Erdbeere, Himbeere, ist doch alles dasselbe. Nun wird unsere Erdbeere unsere Himbeere sein.
„Kindchen, du bist durch Pornofilme ruiniert!“
„Und wie!“
Ihre Lippen berührten die meinen und sie zog sich sofort zurück, ohne den Kuss zu verlängern.
„Wirst du mich noch lange so weiter ärgern? Ich…“
„Weniger Worte.“
Maja zog ihr Tshirt aus und ich spürte ihre Wärme. Sie zog sich nicht mehr zurück…
Ich nahm ihre Hand weg und stand auf. Maja zog ihren Pullover dichter an ihren Körper. Im Haus schliefen noch diejenigen, die am Abend nicht weggefahren waren. Ich ging von der zweiten Etage hinunter nach draußen.
Es gab so viele Sterne.
Nie hat jemand nachgezählt, wie oft sich der Mensch im Moment des Glückes befindet. Genau in jenem Moment, wenn du dir nichts vorstellst, nichts wünscht, und doch die Fülle des Moments spürst. In mir war die ganze Welt. Ein seltsames Gefühl der Vollkommenheit und einer stillen Freude. Das Zirpen der Grillen, Zwergohreulen, die irgendwo in der Nähe saßen, die feuchte Kühle der Nacht. Mein Moment des Glückes, der für immer bleibt.
Zeichen 5
Dieser gefleckte Tag war leuchtend. Die Sonne war wahnsinnig von den aufkommenden Wolken und erst als sie sich wieder zeigte, brannte sie mit einer doppelten Kraft. Es war trocken, heiß, angenehm.
Wir gingen in der Stadt spazieren, in meiner Stadt, die mit ihr zusammen, so anders zu sein schien. Die ruhigen Gartenanlagen wurden durch die Vogellaute laut. Schmale Gassen schienen breit zu sein, davon, dass sie weit vor mir ging. Graue Fünfetagenhäuser machten einen nicht mehr betäubt von ihrer mausgrauen Farbe. Und ich konnte nicht verstehen, wie wir die Welt wahrnehmen, wenn jemandes Vorhandensein diese Weltwahrnehmung verändert.
Wir setzten uns neben die Fontäne in der Nähe des Opern – und Balletttheaters. Die zu uns fliegenden Spritzer erfrischten uns und machten uns angenehm wach. Maja versteckte das Grün ihrer Augen, kniff diese zusammen, auf die Sonne blickend. Ich, mit meiner Sonnenbrille, beobachtete sie mit Vergnügen, ohne darauf zu achten, dass sie den direkten Blick bemerkt. Ich spürte immer noch das Unbehagen neben ihr und wusste nichts mit meinen Händen anzufangen als ich auf der Bank saß. Mal legte ich sie zusammen, mal kreuzte ich sie vor der Brust, mal legte ich die Handflächen auf die Knie, wie ein anständiges Kindergartenkind. Maja näherte sich mir, wahrscheinlich weil sie Mitleid mit mir hatte, ihre Finger rutschten unter meine Handfläche und drückten sie zusammen.
„Weißt du“, sagte sie zu mir, auf die Fontäne blickend, „mein Vater brachte mich in der Kindheit oft hierher. ER mochte es, die Tauben zu füttern. Und ich kann diese nicht ausstehen.
Sie drehte sich zu mir, blickte mich an, lächelt.
„Warum?“
„Weil ich schon damals Mädchen mehr mochte.“
„Aber Tauben und Menschen, das ist doch…“
„Mache dir keine Sorgen“, unterbrach sie mich, „ich mache Witze. Ich mochte es einfach nicht, mit meinem Vater spazieren zu gehen. Ich schämte mich für ihn, verstehst du?“
„Nein, verstehe ich nicht.“
„Man schaute uns immer an. Taubstumme ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Wie die Menschen mit Behinderungen oder Blinde, also Minderheiten. Ich erinnere mich, ich war traurig, ich habe doch gehört. Und man schaute mich an, so wie einen Vater und eine Mutter.
„Schauen die Menschen irgendwie besonders?“
„Natürlich. Mit Neugierde und Mitleid. Nun gut. Erzähle von dir.“
„Ich? Was soll ich da erzählen?“
„Entschuldige, ich habe keinen Fragebogen mitgebracht.“
„Ich habe dich bereits vor dem Klub gesehen“, strömte es aus mir, um wenigstens irgendetwas zu sagen.
„Ja, und wo?“
„In der Universität. Ich studiere in der Juristischen Fakultät, und du warst mit einer Frau zusammen, die in der Journalistischen studierte.“
„Ja, das stimmt. Ich half Lena.“ Maja sprach den Namen so weich aus, dass es mich berührte. „Sie hört schlecht, manchmal hat sie nicht alles verstanden.“
„Wie wurdest du zu einem Gebärdensprachedolmetscher ?“
„Alles ist vorbestimmt. Wenn du in eine Familie von Tauben geboren wurdest und selbst hörst, dann hast du den direkten Weg dazu. Ich kenne seit meiner Kindheit die Sprache der Gesten. Nach der Schule, Universität in Nowosibirsk. Dort lebt Mamas Schwester. Und nun bin ich ein Dolmetscher für Gebärdensprache. Und wer bist du?“
„Ich bin Biologielehrerin, jedoch nicht ausgebildet. Nach zwei Praktika wurde klar, aus mir wird kein Pädagoge. Nun organisiere ich Business-Veranstaltungen, Konferenzen, Seminare.“
„Du selbst?“
„Nein, unsere Firma beschäftigt sich damit.“
„Hör mal, es ist so heiß. Lass uns Wasser kaufen“, sie stand auf. „Es ist auch so heiß, weil du in der Nähe bist.“
Es wurde tatsächlich heiß.
So war es nach dem Tanzmarathon, auf welches mich Ritka mitgeschleppt hat. Sie hat mich ca. zwanzig Minuten nicht von der Tanzfläche gelassen. Am Ende spürte ich, dass ich bald falle und vor Hitze sterbe, von dem trockenen Hals und dem Pulsieren im ganzen Körper.
In der Toilette war wie gewohnt eine Schlange. Gut, dass wenigstens eines der Waschbecken frei war. Das kalte Wasser half. Das glühende Gesicht hörte auf zu brennen, zwei Schlucke retteten den Hals.
Als ich raus ging, traf ich Maja.
„Oh, entschuldige!“
„Alles gut. Wie hat dir die „Blaue Lagune“ gefallen?
„Ja, sehr gut!“, das Zittern kehrte zurück.
Ich war böse auf mich, welche Reaktion des Organismus? Oder ist es ein Adrenalinbruch oder ist es Maja, in meinem System der Koordinaten, die ein Punkt der Instabilität darstellt?
„Wenn so, dann kannst du mir vielleicht deine Nummer geben?“
„Nun, ich gebe nicht allen meine Nummer“, wunderte ich mich über mich selbst, dass ich dies aussprach.
„Nun, ich gebe nicht allen ein Cocktail aus“, Maja näherte sich mit, einige Frauen streiften sich, als sie zur Toilette gingen. „Nun denn?“
Sie nahm ihr Telefon aus der Jeansjacke heraus.
Ihre Nähe schaltete den Widerstand aus, und in einem Halbtrancezustand nannte ich die Ziffern.
„Ich werde dich anrufen“, sagte sie und ging zur Tür der Toilette, dann drehte sie sich um, lächelte und fügte hinzu: „Bis bald, Anja!“
Ich konnte nicht schlafen. Dazu kam, dass nach ein paar Stunden dröhnender Musik im Kopf ein nicht endend wollender Lärm ertönte und wie auf einer Aufnahme sich alles wiederholte: „Bis bald, Anja!“ Ich wartete auf den Morgen, auf den neuen Tag, dass sie anruft.
„Klingelt dein Telefon?“, Maja reichte mir die kalte Flasche.
„Ja, entschuldige.“
Ich ging zur Seite. Das war Mama, die anrief. Wie immer, begann sie damit, dass ich sie lange nicht besucht habe. Sie erinnerte daran, dass Sergej morgen Geburtstag hat und sie unbedingt wollen, dass ich dabei bin. Ich versprach ihnen, dass ich da sein werde, sonst würde ich sie nicht loswerden. Meine Mutter war zufrieden mit meinem Versprechen, stellte noch ein paar Fragen und legte dann den Hörer auf.
„Entschuldige. Das war meine Mutter.“
„Du hast dich nicht begeistert mit ihr unterhalten.“
„Ja, der Stiefvater hat morgen Geburtstag.“
„Ich sehe, du bist nicht froh darüber. Schwierige Verhältnisse?“
„Wahrscheinlich.“
Maja hob erstaunt die Augenbrauen.
„Mutter und Vater haben sich scheiden lassen, als ich dreizehn war. Nach zwei Jahren kam Sergej dazu. Er ist okay, versuchte mit mir eine gemeinsame Sprache zu finden. Er liebt meine Mutter. Doch ich kann nichts machen, alles nervt mich.“
„So was kommt vor, das kenne ich von mir selbst. Und, wirst du hingehen?“
„Nein, ich denke mir eine Lüge aus.“
„Du bist also ein schlechtes Mädchen.“, Maja lächelte.
„Und wie, du kennst mich noch nicht.“
„Ist es eine Warnung?“
„Eine Tatsache.“
„Ich mag unanständige Frauen“, sie machte eine Pause. „Inspiriert mich.“
Es wurde wieder heiß-
Wir gingen noch einige Quartale und bogen in den Park ab. Auf schmalen Alleen gingen Mütter mit Kinderwagen spazieren, auf den Bänke erholten sich Rentner, sich lebhaft unterhaltend, mal hier, mal dort, auf dem Gras, saßen Pärchen. Wir setzten uns in den Schatten eines hohen Kastanienbaums. Das weiche Gras war angenehm kühl. Ich beobachtete wie in der Weite aus einem Rohr, Wasser in einem Rinnsal fließt und dachte, wenn es nicht vor zwei tagen geregnet hätte, wäre Maja jetzt nicht bei mir.
Ich bat Sergej um einen freien Tag. Die Woche zuvor blieb ich immer bis neun im Büro, bereitete mich auf die Konferenzen vor. Es regnete und ich war froh, nirgendwohin gehen zu müssen. Doch ich musste raus gehen, der Kaffee und die Milch waren alle, das ist alles für mich. Eine formlose Jacke, eine alte Jeans, Turnschuhe auf den nackten Füßen.
Der Schirm verbog sich von den schweren Regentropfen. Ich ging um die Pfützen herum, sprang über die Bäche, versuchte nicht auf die rosa Regenwürmer zu treten und begab mich in den Supermarkt. Nachdem ich die Straße überquert hatte und ca. hundert Meter gelaufen war, fand ich mich in dem hellen Geschäft wieder. Ich ging fünfzehn Minuten die Regale entlang, schnappte mir Kaffee und Milch, bezahlte und ging nach draußen, wo der Regen noch stärker wurde.
Ich hielt mich von der Straße fern, um nicht bespritzt zu werden, doch im Endeffekt überquerte ich die Straße. Ohne auf die Pfützen zu achten, die Tüten waren schwer, ging ich zum Haus, als ich von einer jungen Frau eingeholt wurde. Ohne Schirm, mit einer Kapuze auf der leichten Jacke. Ich erkannte sie sofort. Maja verlangsamte den Schritt, versuchte aus ihrer Tasche das klingelnde Telefon herauszuholen. Doch die nasse Hose erlaubte dies nicht. Sie blieb fünf Meter vor mir stehen.
Es verging ein Monat seit unserem Treffen im Klub und dem Versprechen anzurufen. Ich dachte: „Das hast du so verdient“. Doch als ich die nasse Kleidung sah, und wie sie den Kopf in die Schultern legt, um sich vor dem Regen zu schützen, ging ich zu ihr und hielt den Schirm über sie.
Sie drehte sich zu mir und antwortete in den Hörer:
„Um zwölf Uhr dreißig schaffe ich es.
Sie benötigte einige Sekunden, um mich zu erkennen und auf ihrem Gesicht erstrahlte ein Lächeln.
„Ja, ja“, fuhr sie weiter fort. „Ira macht ein Foto und dann kann man es vorbereiten.“
Maja flüsterte: „Danke“, den Blick auf den Schirm richtend.
Ich stand da wie ein braver Page, blickte auf ihre Schulter, mit Angst in ihre Augen zu schauen. Und ich war böse, gleichzeitig fröhlich und ich spürte ein leichtes Zittern im ganzen Körper.
Nachdem Maja das Gespräch beendet hatte, blickte sie neugierig auf mich.
„Anja, was machst du hier?“
„Du erinnerst dich an deinen Namen, welch Wunder.“
„Ja, ich habe ein gutes Gedächtnis“, sie vertrieb ein paar Tropfen auf ihrer Wange.
„Ich würde sagen, ein besonderes Gedächtnis“, murmelte ich.
„Ja, entschuldige, dass ich nicht angerufen habe. Ich speicherte dich als Anja, und in meinem Telefon sind drei Anjas. Ich wusste nicht, wer von den dreien du bist. Es regnet heute, einfach schrecklich. Noch mal danken, dass du mich geschützt hast vor dem Regen.“
Ich wollte ihr glauben. Und es war doch enttäuschend. Alles ist so einfach. Ich dachte den ganzen Monat daran, drehte unser Treffen in Gedanken um, beschuldigte zuerst mich, weil ich etwas nicht richtig machte, dann sie, weil sie nicht anrief. Manchmal schlägt der Gedankenmechanismus alle Rekorde und die Kontrolle über die gespielten Fantasien strebt gegen Null. Die Bilder, eines schrecklicher als das andere machen Platz für einen noch nicht wirklichen Schrecken, und an diesen glaubt man am einfachsten. Doch in Wirklichkeit kann alles viel durchsichtiger sein – der Zufall, die Vergessenheit, die Nichtbereitschaft. Einfach.
Ich wurde wacher und entgegen meinem Prinzip, schlecht bekannte Menschen zu mir einzuladen, sagte ich:
„Ich wohne hier in der Nähe. Du musst trocken werden und ich habe einen weiteren Schirm. Lass uns gehen.“ Wahrscheinlich klang das so kategorisch, dass Maja einverstanden war. Erstaunt und leide sagte sie:
„Nun gut, lass uns gehen.“
Maja näherte sich mir und ich spürte ihren Atem im Nacken.
„Ich dachte jetzt, was gewesen wäre, wenn wir uns vorgestern nicht getroffen hätten?“
„Ich habe auch darüber nachgedacht.“
„Du riechst gut.“
Ich fühlte, wie ihre Hand die Haare von meinem Hals streift und dann einen leichten Kuss.
„Das ist…das ist Shampoo, aus Japan.“
Ich rückte etwas zur Seite.
„Hast du Angst vor mir?“
Ich schaute nicht auf Maja, doch wusste, dass sie lächelt.
„Nein. Doch hier sind Menschen und wir sind nicht in Europa. Und dir gefällt es auch…ja? Es gefällt dir, mich zu verunsichern?“
„Du bist so lieblich verlegen, dass es mir gefällt.“
Das war jenes Ereignis, wenn die Offenheit des Geschehenen mich nicht zum Zittern tieb, sondern mich in eine ganz andere Richtung lenkte, die Sicherheit einbüßend-
Ich stand auf.
„Dann finden wir vielleicht einen Ort, wo ich nicht verlegen sein muss…Möglicherweise wird dir das viel mehr gefallen“, nach diesen Worten, so schien mir, atmete ich so laut aus, dass der in der Nähe springende Spatz flatterte und weg flog.
Für Maja war das unerwartet, wie für mich ebenfalls. Sie stand auch auf, näherte sich mir ganz dich und flüsterte:
„Mir gefällt alles, was mit dir in Verbindung steht.“
Ganze zwanzig Minuten versuchte ich die Haustür zu öffnen und konnte den Schlüssel nicht drehen. Maja stand daneben und machte Späße, sodass ich mich nicht konzentrieren konnte. Endlich ging die Tür auf.
Ich verstand nicht, wie es geschah. Maja ging als erste rein, dann ich und in der nächsten Sekunde drückte ich fest ihre Hände und ihre Lippen küssten die meinen. Ich spüre die Wand, an der ich lehne. Ihre Hände senken sich tiefer, auf meine Oberschenkel, sie beißt mir in den Hals. Ich habe Angst, keine Luft mehr zu bekommen, es raubt mir den Atem. Ich ziehe ihr Hemd nach oben und spüre die Hitze des Körpers. Meine Jeans ist offen, ihre Finger unten, ich fange ihren Rhythmus auf. Der Kopf dreht sich. Maja flüstert, ob sie mir weh tut, und ich will nur das eine, dass sie nicht aufhört….
Ich höre, wie hinter der Wand die Nachbartür aufgeht…ihre Finger bewegen sich seltener, schneller…Serik hustet wie immer, macht die Tür zu…ich sauge mich in ihre Lippen, ziehe sie an mich…ein Schlüssel klingelt…Maja bleibt für einen Augenblick stehen, blickt auf mich…ich höre die sich von mir entfernenden Schritte des Nachbarn…ihre Finger werden wieder lebendig…Serik flucht auf die streunende Katze…ich stöhne…Weitere Stunden lassen wir nicht voneinander los. Langsame Zärtlichkeiten werden von einer offenen Leidenschaft abgelöst, eiliges Flüstern, von genüsslichen Schreien, ein wahnsinniges Tempo der Bewegungen. Wir teilen miteinander, ohne geteilt zu werden…
Es entsteht ein seltsames Gefühl der Leere, wenn man das bekommt, wonach man sich lange gesehnt hat. Dieses innere Vakuum, die Bewusstwerdung, wo Ich wie ein Teilchen der gesellschaftlichen Existenz, ausgelöscht wird, und du spürst etwas großes, einheitliches. Jenes Level, wo emotionslose Ruhe einkehrt, zu der alle streben. Ich spürte weder Fröhlichkeit noch Eile davon, dass sie endlich in der Nähe ist. Es wurde mir einfach warm ums Herz, von dem Gedanken, dass ich morgen nicht alleine aufwachen werde.
Zeichen 6
Ich berühre mich mit meinen Händen. Die Arme werden länger und verwandeln sich in zärtliche, grüne Stiele, die mich ganz einlullen, und ich sehe nichts mehr. Ruhe und Zärtlichkeiten. Frei bin ich alleine, und so soll es sein. Es gibt keine Gedanken, nur ein leichtes Schaukeln. Warm, gemütlich, angenehm. So…
Warum können Träume, solche Träume nicht ewig währen? Ich möchte den anderen Raum nicht verlassen in die reale Realität. Mehr real, als ich es wollte. Ich kann fliegen und nicht fallen, den Vater sehen und mit ihm sprechen, kann barfuß auf der Erde laufen und keinen Sxhmerz fühlen. Ich kann so vieles dort, und hier. So vieles, was ich hier nicht möchte.
Ich drehte in Gedanken unser Gespräch um. Jenes Hysterie der Gefühle, jenes Gefühl der Verlorenheit, des Endes. Ich spüre, spüre alles. Ich hasse dieses Wort. Ich hasse Gefühle. Ständiger Schmerz in der Brust. Heult. Macht es aus, bitte!
Schon wieder ein Morgen. Schon wieder…wozu?
Eine Tasse Kaffee verbrennt die Finger. Ich trinke nicht.
Der Kardiologe sagte, dass das Herz in Ordnung sei. Psychosomatischer Schmerz. Und ich weiß es, weiß es…
Dass Wissen umbringt.
Seltsam, dafür weiß ich jetzt sicher, dass ich mein Leben nie mit einem Selbstmord beende. Zu schmerzhaft und schrecklich. Welche Dummheit, dass physischer Schmerz, den inneren Schmerz vertreiben kann.
Schon wieder ist der Verband nass. Man muss ihn umbinden.
Bald zur Arbeit…
Ich stehe am Fenster. Der Bus kriecht langsam durch den braunen Brei. Es schneite die ganze Nacht. Kalt. Die Hand in der Tasche. Ich verbiete es mir, zu denken. Ich mache eine Gedankenkastration all dessen, was mit ihr verbunden ist. Sonst weiß ich nicht, wie ich mich distanzieren kann und alles vergessen. Vergessen…nicht in ihrer Matrix sein…
Schon wieder die Stille. Sie verbietet den Geräuschen in mich zu drängen. Das beruhigt sogar.
Ich sehe, wie seltenes Vorbeigehenden auf den Bürgersteigen entlang gehen, sich in Fellmäntel einmummeln, in Jacken, Pelze und ihre Mützen noch fester richten. Das Wetter unterwirft sie sich und ich wollte mich ihm unterwerfen. Es schien, als sei es eine Gesetzmäßigkeit, angetrieben zu sein, denn darin liegt die Selbstsicherheit , die Direktheit, der Mut. In mir sind nur die Unentschlossenheit und der Wunsch, es nicht fallen zu lassen.
Das erste Mal stritten wir uns vor zwei Monaten. Wir waren im Kino. Der Film war Hollywood-Mist und wir, enttäuscht, beschlossen spazieren zu gehen, und dann irgendwo einkehren. Draußen war es nass und frostig. Schon nach fünfzehn Minuten saßen wir auf weichen Sesseln in einem warmen, gemütlichen Cafe und warteten auf unsere Bestellung.
„Worüber sprechen sie?“, fragte ich Maja und zeigte auf zwei Frauen hinter dem Fenster, die sich in Gebärdensprache unterhielten.
Maja blickte in ihre Richtung.
„Warum willst du wissen, worüber sie sprechen?“
Ihre Tonlage und Worte machten mich etwas traurig.
„Einfach interessant.“
„Was ist so interessant?“
„Maja, was ist mit dir? Was habe ich Schlimmes gesagt?“
Du gehst doch nicht zu gewöhnlichen Menschen und hörst zu, worüber sie sprechen? Oder machst du es immer so?“, sie war plötzlich irgendwie fremd, distanziert.
„Maja, ich habe sie einfach gesehen. Und frage dich, das war es. Ohne irgendwelche Hintergedanken oder den Wunsch, dich zu berühren.
„Mich? Was habe ich damit zu tun? Nur stehen Taubstumme immer wie auf einer Vitrine. Alle anderen starren sie an, wie auf gestikulierende Mannequins. Doch sie sind so wie alle, nicht krank, nicht unanständig.
Ich verstand nicht, was passiert. Maja wurde blass, ihre Hände zitterten.
„Maja, verzeih mir, ich habe nicht gemeint, dass…“
Sie unterbrach mich.
„Was hast du gemeint? Worüber, denkt ihr, sprechen Taub? Bei dieser ist die Tochter krank, sie nennt irgendwelche teuren Arzneimittel. Was hast du gedacht worüber sie sprechen? Über die Geheimnisse des Universums?“
„Oh Gott, was für ein Mist. Maja, hör auf!“
Die Besucher des Cafés begannen uns anzublicken.
Wir wurden still. Die Bedienung brachte Kaffee und Kekse.
Dann entschuldigte sie sich, sprach, dass die Arbeit ihr den Verstand raubt und wahrscheinlich die Hormone verrückt spielen. Sie umarmte mich, bat mich um Verzeihung, flüsterte, dass ich ihr sehr viel bedeute und sie selbst nicht versteht, warum sie so ansprang. Und später, die Nacht hat uns ganz versöhnt.
Jetzt ist auch fast Nacht. Ich hasse den Winter. Es entsteht der Eindruck, dass es keinen hellen Tag gibt. Du sitzt im Büro unter Leuchte, durch die Jalousien siehst du kein Licht, du lebst in der Morgen und Abenddämmerung.
Und im Büro brennt Licht.
„Bist du etwa zu spät? Hallo!“, Vera klopfte auf die Tastatur. „Semen ist heute böse wie ein Hund. Hat nach dir gefragt.
„Hallo! Wie viel Uhr haben wir?“, ich ging zum Tisch und legte den Pelzmantel auf den Sessel.
„Schon halb neun? Was ist mit der Hand?“
„Ich habe mich am Messer geschnitten.“
„Oh, wie das!“, Vera hörte auf zu tippen und blickte auf meine Hand. „Warum hast du sie so schlecht verbunden. Wo ist unser Arzneikasten?“
„Vera, es ist alles gut.“
„Nichts ist gut.“, sie ging zu der Schublade und nahm den Arzneikasten hervor.
„Zeig her, was hast du da? Mist, schau, das Blut sickert durch.“ Vera begann vorsichtig den Verband zu öffnen.
„Wie warst du es so unvorsichtig…“, sie machte den Verband ganz auf und verzog das Gesicht, als sie dir Wunde sah.
„Teure, hier muss man nähen.“
„Nein, das verheilt.“
„Anja, was redest du für einen Bockmist! Die Wunde ist tief.“
„Vera, mach sie zu und ich beginne zu arbeiten.“
„Wie soll man arbeiten hiermit…“ sagte Vera beleidigt.
Ich schnappte sie an der Schulter mit der gesunden, rechten Hand-
„Vera ich bitte dich, verbinde sie einfach!“
Sie war einverstanden.
„Dann werde ich die Wunde wenigstens bearbeiten.“
„Gut“, war ich einverstanden.
Semen ging mit rotem Gesicht aus dem Büro, sichtlich genervt. Ich telefonierte mit einem Kunden.
„Anja, später zu mir ins Büro!“, sagte er laut und ging wieder zu sich ins Büro.
Vera blickte mich mitleidig an und hob die Faust in die Luft, als Zeichen der Unterstützung, als ich die Bürotür Semens öffnete.
„Krylova, warum rufen mich Kunden an und beschweren sich über die Arbeit der Dolmetscher?“
„Ich weiß es nicht“, er bot nicht an, mich zu setzen, deswegen setzte ich mich selbst auf den Stuhl, der neben seinem Tisch stand. „Ich platzierte jene Dolmetscher in das Projekt, die du mir empfohlen hast.“ Er kehrte es unter den Teppich.
„Du hättest ihre Arbeit überprüfen sollen in der Zeit der Konferenz.“
„Ich spreche kein italienisch, wie hätte ich sie überprüfen sollen. Sie beide saßen in ihren Büros, gingen nicht raus, nach fünfzehn Minuten wurden sie ausgetauscht. Wie gewohnt.
„Warum sagt dann der Kunde, dass die Übersetzung nach der Kaffeepause schrecklich gewesen war?“ Das Ende der Phrase schrie er fast.
„Woher hätte ich es wissen sollen, wenn du mich in Veras Symposium hast wechseln lassen. Hast du selbst angerufen oder weißt du es einfach nicht? Er sagte, dass bis zum Ende zwei Stunden übrig blieben, und sie selbst klar kommen. Ich erhob ebenfalls meine Stimme. „Es ist nicht notwendig alles auf mich zu schieben!“
Er wurde noch roter im Gesicht. Klopfte mit den Fingern auf den Tisch und stöhnte, wie ein kochender Teekessel.
„Sie alle müssen die Verantwortung für ihr Projekt tragen.“
„Das tun wir. Nur muss auch der Leiter, dem wir uns unterwerfen, ebenso Verantwortung tragen. Ist es nicht so Semen Aleksandrovich?“
„Was erlaubst du dir…wie redest du überhaupt mit mir?“
„So wie du es verdient hast“, ich war in rage. „Dazu weißt du nichts, und möchtest nichts wissen, wenn man deine Hilfe braucht. Dann kannst du nicht leiten, Menschen und Ressourcen organisieren, überhäufst uns mit allem.“
Semen sprang auf. Überrannt von meinem Mut, wusste er nicht, was er sagen sollte. Er drehte den Kopf von der einen Seite auf die andere und suchte nach Wortem.
„Ja, du….Ich werde dich…“
„Was wirst du mich?“
„Du dumme Lesbe. Glaubst du, ich weiß es nicht?“
Ich stand auf.
„Weißt du warum sich deine Frau nach dem Sex immer umdreht? Weil sogar sie versteht, was für ein Depp du bist. Wahrscheinlich bist du ihr genauso zuwider wie mir.“
Ich machte die Tür so laut zu, dass sogar Vera im Sessel aufsprang.
Die Tränen liefen erst in der Toilette. Da konnte ich mich nicht mehr halten und drückte mich in die Handflächen. Nach einer Minute kam Vera zu mir und umarmte mich.
„Was geschieht mit dir, Anja? Was ist los?“
Ich konnte nichts sagen, schluchzte nur.
Zuhause rollte ich mich ein und lag lange auf dem Sofa. Die Ankündigung darüber, dass ich gehe, ließ ich bei Vera. Morgen muss man ihr noch all die Aufgaben übergeben. Hauptsache ich sehe diesen Mistkerl, Semen, nicht. Ich ahnte, dass die Kollegen es ahnen und wusste es. Semen, der Homophob, ich hätte nicht gedacht, dass er dazu im Stande ist.
Genauso dachte ich nicht, dass Rita Maja bat, sich zu setzen und mich kennen zu lernen im „Bermudas“. Das kam bei einer unserer Streitigkeiten heraus.
Maja schlug die Tür zu und ging, und ich wählte Ritkas Nummer. Sie gab zu und rechtfertigte sich damit, dass ich als erste niemals zu Maja gegangen wäre, ich würde so dasitzen, ausatmen und sie anblicken. Ich parierte, dass man sich nicht in das Leben anderer einmischen sollte, sonst würde sich alles anders ergeben. Ritka zog sich nicht zurück, sagte, dass sie helfen wollte. Denn ich bin wie ein Stachelschwein, das seine Stacheln ausfährt, glaube, dass alle mir nur böses wollen. Wir haben uns noch lange all das vorgeworfen, was wir denken, bis ich sie zum Teufel geschickt habe und das Telefon ausgeschaltet.
Wir versöhnten uns erst nach einem Monat.
Ich wurde zu vielen Punkten. So als ob man mich unterbrochen hätte. Und es keine Fortsetzung gab. Ohne Maja füllte ich mich mit Stille. Irgendwann im Gespräch erzählte sie, dass sie bis sie drei Jahre alt wurde, nicht gesprochen hat. Die Stille zuhause, die Stille der Eltern waren natürlich. Draußen wollte mit einem tauben Mädchen niemand spielen. Erst als die hörende Tante zu ihnen zu Besuch kam, bestand diese darauf, dass man Maja in einen Kindergarten schicken sollte. Maja begann bald zu sprechen, doch wollte trotzdem so schnell wie möglich nachhause, um in der Stille zu verweilen. So habe auch ich mit den geschlossenen Fenstern und dicht zugezogenen Vorhängen die Einmischung unterbrochen. Die Welt machte sich schmal bis zu der Größe des bettes. Diese warme Höhle distanzierte alles von mir, was an Bedeutung verlor. Die Atrophie der Wünsche wurde an den Körper zurückgegeben. Ich bin ein Knäuel…
Ich ging eine Woche nicht aus der Wohnung. Doch die Mutter rief mich jeden Tag an und bestand darauf, dass ich Silvester mit ihnen gemeinsam feiere.
In den letzten fünf Jahren, die ich selbstständig hier lebte, habe ich nie bei ihnen Silvester gefeiert.
Alles war häuslich. „Oliv’je“, „Hering im Pelzmantel“, „Buzhenina“ aus Schweinehals, die Sergej zubereitet hatte, Brote mit Kaviar und Mutters bekanntes „Lecho aus Paprika und Tomaten“. Ich half, den Tisch zu decken, man holte ein Service mit blauen Tellern und Omas Weingläser heraus. Die Mutter sprach die ganze Zeit am Tisch, erzählte über ihre Verwandte, darüber, wie ich in den Kindheit war, über die Nachbarin Valentina, die ständig den Mann wechselt, über die neue russische Serie, in der alles so echt und realistisch ist. Sergej baute ab und zu ein paar Worte ein, lachte, blinzelte mir zu. Ich sah, wie sie sich bemühen, mich zu unterstützen.
Um zwölf Uhr stießen wir an, ich habe es nicht einmal geschafft, mir etwas zu wünschen. Normalerweise hatte ich eine Liste mit Wünschen, ich versuchte sie schnell in Gedanken zu durchleuchten. Doch dieses Jahr nichts.
Nach ein paar Minuten explodierte das Feuerwerk. Ich ging ins Zimmer, dort konnte man es besser sehen. Ich stand am Fenster und blickte auf die sich windenden Böller, mit bunten Lichtern, und die Tränen kullerten auf den Wangen. Ich hielt sie nicht zurück.
„Schön, nicht?“ meine Mutter näherte sich mir.
„Ja.“
Sie umarmte mich und drückte sich an mich.
„Alles wird gut, Tochter. Das ist alles nur für kurze Zeit. Die schlimmste Zeit ist vorbei, im Neuen Jahr wird alles gut.“ Sie küsste mich auf die Wange.
„Ich liebe dich, Mam!“
„Ich dich auch, meine Gute. Ich liebe dich sehr!“
So standen wir lange da. Und im Himmel tauchten neue Raketen auf, explodierten in der Höhe mit leuchtenden Funken. Die Menschen schrien, klatschten, beglückwünschten einander.
Es begann ein Silvester ohne Wünsche.
Zeichen 7
Das Sansararad machte eine Umdrehung. Der Kreislauf war vollendet. Das Universum oder das Schicksal gibt mir die Möglichkeit, meine Gefühle Emotionen und Beziehungen zu umringen. Das wichtigste ist es, anzunehmen und loszulassen.
Ich hoffe, ich kann es.
Maja schaute auf mich, und ich auf sie. Wir schwiegen. Denis ging weg um zu telefonieren. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich ein Unbehagen im Schweigen. Ich vermisste die Augen, das Lächeln, das Zucken der Schultern wenn sie sich unbequem fühlte. Die Falten in den Ecken der Augen wurden noch sichtbarer. Das innere Zittern verging und wie ein Beobachter von der Seite, fühlte ich nichts, sondern schaute nur, verglich es mit der Vergangenheit, ohne zu bereuen.
Maja hielt es als erste nicht aus.
„Du hast einen ulkigen Freund.“
„Ja, so ist er.“
Eine Horde Studenten betrat den Ausstellungsraum. Ihre Führerin, eine hohe Frau im Hosenanzug mit einem bordeauxfarbenen Lippenstift, bat sie sich ruhiger zu verhalten. Die Studenten verstummten, doch nach ein paar Sekunden begann ein bedeutendes Geräusch ihrer Stimmen.
Die Führerin bat sie wieder, leise zu sein und es wiederholte sich alles. Maja und ich beobachteten sie. Doch bald näherte sich der Gruppe die Ausstellungsführerin und führte sie in das weite Ende des Raumes.
„Und ich bin froh, dich zu treffen, wirklich“, Maja wurde ernst.
„Ich bin auch froh, dich zu sehen.“
„Anja, du“, sie nahm mich an der Hand. „Verzeih mir…es ist alles so dumm gelaufen…ich wollte dich anrufen…“
Ich spürte die Wärme ihrer Hand. Im Inneren drückte sich alles zusammen.
„Ich dachte, unsere Wege werden sich irgendwann kreuzen und wir werden sprechen“, fuhr Maja fort. „Doch ich sah Rita manchmal, sie hielt sich sogar zurück. Verstehst du, mir fällt es wahrscheinlich einfacher mit Tauben…Anja, ich wollte es dir erklären…sogar…“
Denis kehrte zurück. Maja ließ meine Hand los.
„Habt ihr mich vermisst? Meine Damen, ich habe dort ein faszinierendes Bild von Korovin gesehen. Vielleicht schauen wir uns das mal an?“
„Ja, klar.“, antwortete ich schnell.
Und dann schritt ich zu Denis, der in die Richtung zeigte, wo sich das Bild befand. Maja war langsamer.
„Maja, ich bitte dich!“, Denis bemerkte ihre Verlegenheit, nahm den Ellenbogen weg und bat ihr an, ihn unter den Arm zu halten. „Das sind nur ein paar Meter. Ich werde euch begleiten.“
In diesem Moment näherte sich uns ein eine junge Frau und berührte Maja, die ihr den Rücken zugewandt hatte, auf die Schulter.
Maja drehte sich um und umarmte die Frau.
„Das ist Lisa!“m Maja sprach und gestikulierte gleichzeitig.
Lisa begrüßte uns mit der Hand.
Dann stellte Maja uns ihr vor. Wir begrüßten uns. Lisa zeigte irgendetwas mit Gesten.
„Lisa sagt, dass sie froh ist, euch kennen zu lernen“, übersetzte Maja.
„Für uns ist es ebenfalls angenehm!“ antwortete Denis für zwei.
Ich nickte. Eine Pause entstand.
„Nun denn, bewegen wir uns zu Korovin“, Denis machte mit dem Kopf ein Zeichen.
„Nein…wahrscheinlich“, Maja blickte auf die Freundin. „Lisa ist jetzt erst gekommen, wir beginnen von vorne.“
„Nun denn, gut“ Nochmal, es war schön euch kennen zu lernen! Maja, Lisa!“ Denis vereigte sich.
Ich nahm mehr Luft auf.
„Ich war froh, dich wiederzusehen, Maja. Lisa, alles gute. Tschüss!“
Maja übersetzte alles in die Sprache der Gesten.
Lisa winkte uns wieder zu.
„Ja, hat mich auch gefreut. Tschüss!“, rief Maja. Sie wollte noch etwas sagen, doch überlegte sie es sich anders und lächelte nur.
Denis und ich betrachteten auf das Bildnis Korovins „Nasturcii“.
„Klasse, stimmt es? Wie viel Luft, Farbe!“ sagte Denis begeistert. „Und wie viel Sonne! Alles ist wie erleuchtet durch die Sonne…“
Er wurde nicht still – der Einfluss der Mutter, die Kunsthistorikerin war, zeigte sich. Und ich dachte an etwas ganz anderes.
An jenem Tag gab es auch viel Sonne. Diese blendete sie Augen als es auf dem Schnee reflektierte. Es war frostig und frisch. Maja und ich waren fast den ganzen Tag spazieren und gingen nachhause um uns umzuziehen. Wir wollten den Samstag Abend im Theater ausklingen lassen. Ich habe einige Male vorgeschlagen, zusammen zu ziehen. Maja brachte einen Teil ihrer Sachen zu mir, doch endgültig zog sie nicht bei mir ein.
Wir aßen ein paar Brote und tranken Kaffee. Nach der Dusche lief ich durch das Zimmer in Unterwäsche und konnte nicht entscheiden, was ich anziehen sollte. Maja sprach am Telefon. Auf meine Fragen: „Wird sie duschen? Was zieht sie an? Wann sollen wir das Taxi rufen?“ schwieg sie.
Ihre Apathie begann mich zu reizen. Ich bemerkte, dass wenn wir uns alleine irgendwo aufhielten, sie sich verschloss. In der Gesellschaft von Menschen war sie lebensfroh, redselig, aktiv, manchmal sogar aggressiv. Doch wenn niemand in der Nähe war, veränderte sich ihr Gemüt. Sie sprach kaum, dachte über etwas nach, antwortete, als ob es sie Kraft kosten würde.
„Maja, bist du bereits? Wir müssen bald los.“ Ich stand angezogen neben dem Schrank, vor dem Spiegel und tuschte mir die Wimpern.
„Vielleicht gehen wir doch nicht?“
„Wie, wir gehen nicht? Wie hatten Mühe, Tickets zu bekommen für das Theaterstück.“
„Ich will nicht.“
Ich hörte auf mich zu schminken und drehte mich zu ihr.
„Na super! Wozu stehe ich hier und schminke mich? Was geschieht hier überhaupt? Du bist den ganzen Tag nicht in der Stimmung. Du sagtest, dass unsere Wochenenden langsam verlaufen.“
„Sei still.“
„Was?“, ich ließ vor Empörung die Wimperntusche fallen.
Maja machte irgendeine Geste mit ihren Armen.
„Was bedeutet das?“
„Dass du mich nervst!“
„Maja, was zum Teufel…?“
„Gar nichts. Du schleppst mich…ich kann nicht…ich will nicht…“
„Was willst du nicht?“
Sie blickte mich an, in ihren Augen standen die Tränen. Dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Ich verstand nichts.
„Bleib stehen. Es reicht. Sprich mit mir!“
Ich ging ihr hinterher. Sie stand in der Küche am Fenster.
„Du…mir geht es nicht gut…“, Maja atmete auf, schwieg eine Sekunde und als sie ausatmete, sagte sie: „Mit dir…“
„Wie mit mir? Was bedeutet das?“
Ich spürte den Schweiß auf meiner Stirn. In dem Bereich der Brust drückte es und das Gefühl einer herannahenden Panik eroberte den Hals.
Maja blickte mich an, auf den Wangen rannen die Tränen.
„Wir…wie müssen uns trennen…“
Ich zitterte.
„Maja, was geschieht hier? Was ist das für ein Theater? Was zum Teufel?“, ich schrie.
„Schrei nicht!“, Maja wischte sich die Tränen mit der Handfläche ab. „Du redest immer…Du bist mir zu viel.“
„Ich spreche?“ flüsterte ich, ohne zu verstehen.
„So viele Worte…“, Maja schluchzte. „Ich kann so nicht…es gibt keine Stille…Entschuldige…ich dachte, wir können….Dachte ich kann…“
Ohne zu wissen, was ich sagen sollte, ging ich zu Maja und umarmte sie. Sie drückte sich an mich und weinte.
„Was ist los, meine Liebe? Maja, Sonnenschein, alles ist gut. Wir sprechen und lösen alles.“
Sie distanzierte sich, schaute mir in die Augen. Ihr Kuss, zuerst so zärtlich, dann leidenschaftlich, riss so unerwartet ab, dass ich schaukelte, und fast hingefallen wäre.
„Ich kann nicht“, flüsterte Maja in mein Ohr und lief aus der Küche heraus.
Ich hörte, wie sie sich im Flur fertig machte, wie der Schlüssel erklang, doch mein Zittern gab mir nicht die Möglichkeit mich von meinem Platz zu bewegen.
Erst als die Wohnungstür aufging, konnte ich mich umdrehen und rufen.
„Nein Maja, geh nicht!“
Die Tür fiel ins Schloss.
Dann folgten nicht angenommene Anrufe, Nachrichten ohne Antwort. Unsere gemeinsamen Freunde sagten uns, sie sei weggefahren. Und nach einer Woche, als ich nachhause kam am Abend, bemerkte ich, dass Maja all ihre Sachen mitgenommen hatte.
Irgendwann sagte Sergej zu mir, den ich nie philosophieren hörte: „Der Schmerz lehrt uns zu lieben.“ Ich konnte diese Phrase lange nicht verstehen und sie zu bejahen. Der Schmerz lehrt nur den Schmerz. Du lebst mit ihm, durchlebst ihn, freundest dich an, versuchst ihn zu betäuben. Was hat Liebe hier verloren? Doch langsam, wenn der Schmerz nachlässt, beginnst du zu verstehen, dass egal wie unerträglich es ist, du weiter lieben wirst. Du fährst damit fort, im Gedächtnis das Bild zu bewahren, sprichst mit ihm, vermisst ihn. Können wir den gehen lassen, den wir geliebt haben?
Vielleicht ist es gerade der Schmerz, der in uns das Verständnis von Liebe stärkt? Und wir fahren fort damit zu leben, mit diesem durchlebten Gefühl. Und dann wissend, lassen wir uns auf neue Beziehungen ein, hoffend, dass es diesmal anders sein wird.
Am nächsten Tag, nach der Ausstellung, fuhr ich zu meiner Mutter. Sie und Sergej kehrten gerade aus Italien zurück und mich erwartete ein Fest. Eine Jacke, zwei Jeanshosen, hohe Schuhe, vier Tshirts und zwei Pullover, die auf dem Bett lagen. Ich probierte mit Vergnügen die neuen Sachen an und war der zufriedenen Mutter dankbar. Sergej machte die Flasche „Taurazi“ auf. Ich mag keine trockenen Weine, doch trank davon, feierte ihre Rückkehr und den guten Urlaub.
Nach dem gemeinsam verbrachten Silvester näherten Sergej und ich uns einander an. Er vermittelte mir einen Job in einer Firma seines Freundes, half mir mit der Renovierung der Küche und ich erfuhr, welch interessanter und tiefgründiger Mensch er ist.
Beim Gespräch über Verona und das Schauen der Fotografien, rief Denis an. Entschuldigte sich, bat sich uns zu treffen.
Nach zwei, Stunden brachte ich die Geschenke nachhause und fuhr mit dem selben Taxi zur Anlage neben dem Opern-und Balletttheaters.
„Hallo Teure!“ Denis küsste mich auf die Wange. „Mir wurde also verziehen, da du da bist?“
„Hallo“ Möglich. Warum hier?“
„Warum nicht? Ein super Ort und die Fontänen funktionieren noch.“
„Ja, die Fontänen“, ich erinnere mich an die lächelnde Maja und ihre Hand in meiner Hand.
„Anja, entschuldige mich, ich habe meine Nase herein gesteckt, wo man sie nicht herein stecken sollte. Höfliche, jüdische Jungs verhalten sich nicht so, doch du hast leider Pech mit mir, ich bin schlecht erzogen. Verzeih, wirklich!“
„Ach was, Dinja, alles gut.“
Denis wusste nicht, dass er mich aus meiner Depression heraus zog, als er auftauchte nach der Trennung mit Maja. Und ich bin ihm dankbar dafür.
„Nun wenn alles so wundervoll sich ergeben hat, möchte ich dir Lasagne anbieten.“
„Kann ich nicht ausstehen.“
„Nun gut, dann knabberst du Pizza. Und dann nehme ich uns noch einen Cappuccino.“
„Oh, welche Großzügigkeit?“
Er atmete auf, neigte verträumt den Kopf zurück und sprach:
„Sie Madame, gefallen mir so sehr.“
Wir lachten.
Im Cafe, während unsere Bestellung vorbereitet wurde, blickte ich auf eine Elster, die draußen umher sprang, erinnerte mich an jenen Sommermorgen, als wir nicht aus dem Bett aufstehen wollten. Wir teilten uns eine Decke. Ich rollte mich in diesen ein wie eine Puppe, machte Maja nackt, sie versuchte mich herauszuholen und ihre eigene Hälfte zu sich zu holen. Es folgten Kniffe, Bisse in den Hals. Ich wehrte mich wie ich konnte, doch als die Bisse zu Küssen wurden, machte ich die Decke auf und ließ sie zu mir…
Es war etwas nach elf. Ich blickte auf Maja. Sie lag auf dem Bauch mit geschlossenen Augen, lächelte jedes Mal wenn meine Finger ihren Rücken berührten.
„Warum bist du mit mir zusammen?“
Maja öffnete die Augen.
„Du machst leckere Butterbrote.“
„Hör auf, ich meine es ernst. Warum?“
„Wegen der Augen.“
„Der Augen?“ ich verstand nicht.
„Du schielst. Das finde ich gut!“ sie lachte.
„Was? Hör auf dich lustig zu machen.“
„Wirklich wegen der Augen“, sie drehte sich auf den Rücken, setzte sich, indem sie ihre Beine an die Brust drückte.“
„Eher weil ich es mag, wie du mich anschaust.“
„Wie schaue ich`?“, ich setzte mich auch.
„Wie kein anderes mich angeschaut hat. Ich kann es nicht erklären….Mit Lust…Ich kann es nicht erklären. Doch ich spüre es. Ich spüre es immer, wenn du mich anblickst.
„Ich vergöttere dich wirklich…“, bei dem letzten Wort zitterte die Stimme.
„Komm zu mir.“
Zum ersten Mal war ihr Kuss fordernd und nicht einfach, ich fühlte Zärtlichkeit und Sorge…
Maja schlief.
Ich schnit Gurken in der Küche, um diese den Tomaten beizufügen, dem süßen Paprika und dem Frischkäse. Eine große, saftige Olive rollte im Mund, bis ich diese zerbiss und den Olivengeschmack genoss. Zwei Elstern auf der Birke trällerten, von einem Ast zum anderen fliegend. Ich hielt es nicht aus, schaute aus dem Fenster und rief laut. Die erschrockenen Vögel flogen mit unzufriedenen Schreien in verschiedene Richtungen. Der Salat war fertig. Ich tat Olivenöl dazu und ging schauen, ob Maja schon wach war. Sie streckte sich in der Diagonale auf dem Sofa, kaum zugedeckt mit der Decke und schlief noch.
Und ich wusste vom ersten Blick an, damals in der Bibliothek, dass ich mit ihr zusammen sein wollte.
Dieser Wunsch, unbewusst, fast instinktiv, kam sofort auf. Als ich die schlafende Maja anblickte, verstand ich, dass man Gefühle nicht erfragen kann, berechnen, erahnen. Und ich werde nie die Frage beantworten: „Warum?“
Doch die Stadt lebte. Die abendliche Stadt, voller Lichter und Geräusche zog mich in ihren Bann.
Wir genossen den Spaziergang nach dem Abendessen. Denis erörterte die zeitliche Ungerechtigkeit. Die fröhlichen Momente im Leben vergehen blitzschnell, und alles schlechte zieht sich ewig lang. Das ist der Vertrag des Universums für das Leiden, bekräftigte er.
Und ich dachte, für die acht Monate, die Maja und ich zusammen waren, ist so viel passiert, so viel unterschiedliches. Und das Glück zog sich wochenlang und die Flammen der Streitigkeiten daurten
nicht lang. Und das Gedächtnis begann die kränklichen Momente auszuradieren. Die Zeit ist neutral. Wir versuchen jede Sekunde in diesem zu leben. Und wollen einfach die Liebe verlängern, vielleicht aber auch um die innere Stille zu fühlen.