Alina Gatina: „Seele und Wüste“

Quelle zum russischen Text:

https://magazines.gorky.media/druzhba/2020/2/dusha-i-pustynya.html

„Seele und Wüste“

Erzählung

Wir waren zu fünft: unzertrennbar, Zafar, Vadik Krichevskij und ich.

Das ist nicht das Wichtigste, doch damit sollte man anfangen.

Ich weiß, dass all das sich Vadik Krichevksij ausgedacht hat, und Zafar war sein Freund. Unzertrennbar – ihre Freunde, und wir alle gemeinsam – Klassenkameraden.

Vadik rief mich im Mai an:

„Errate, was dem Künstler gut tut, und dem Manager schadet?“

„Der Tod ist auch ein Ausgang.“

„Ich höre die Stimme der Erkenntnis. Bist du dir sicher, dass Kunst eine Sackgasse ist?“

„Ja“, sagte ich.

„Und hast du dir deine eigene Jämmerlichkeit bewusst gemacht?“

„Habe ich.“

„Perfekt. Genauso brauchen wir dich, denn die Reise zu den Wurzeln benötigt völlige Nullstellung.“

„Vadik, ich arbeite. Ruf mich im August an.“

„Na, na, na. Bist ganz außer dir. Die anderen sagten, du habest gekündigt.“

„Sie lügen. Ich habe nirgendwo eine Einstellung gefunden.“

„Sehr brav. Sei du wenigstens nicht so wie alle. Habe nicht vor, dich an die Grafik zu verkaufen. Wehre dich.“

„Ich wehre mich. Doch um ehrlich zu sein, habe ich keine Zeit.“

Ich hatte einen vollen Wagen Zeit, doch nicht für Vadik.

„Gut, ich halte mich kurz. Hast du die anderen Wundervollen nicht vergessen?“

„Natürlich erinnere ich mich.“

„Dieses Jahr beschlossen sie, nicht zu hause zu feiern.“

„Und wo?“

„Beim See Iskanderkul‘ in Tadschikistan.“

„Wo ist das?“

Vadik schwieg. Dann fragte er:

„Ist mit dir wirklich alles gut?“

„Nein,, alles schlecht, doch was ändert es das?“

„Übrigens fahren wir alle gemeinsam dorthin. Ich, die Babichis, Zafar und du.“

„Ich fahre nirgendwohin.“

„Gut, wir haben dir jedoch ein Ticket bestellt.“

„Ich fahre nicht“, sagte ich wieder, doch im Hörer hörte ich nur noch ein Tuten.“

Vadik, ein Akademikersohn, Zafar ist ein Dipolmat, die anderen – unzertrennbaren, Mann und Frau. Ich…irgendwie ein Künstler. In jedem Fall denkt man so über mich. Anders kann ich mich nicht nennen. Wir sind alle zusammen – Flüchtlinge. Diesen Status haben wir seit der fünften Klasse.

Am nächsten Tag gehe ich ins Verlagshaus, um das Honorar abzuholen. Im Flur ist niemand. Kein Rauch, keine Menschen.

„Das Geld kommt nicht sofort“, meine Redakteurin hat ein ängstliches Gesicht. „Wir wurden verkauft“, flüstert sie. „Nicht rechtzeitig also?“

„Doch jemand muss euch doch gekauft haben.“, sage ich.

Ihr weiteres Schicksal macht mir keine große Sorgen. Die Bücher, die ich in den letzten zwei Jahren illustriert habe, gefallen mir nicht. Das ist Literatur für Kinder von fünf bis acht Jahren.

Sie bestätigen meistens die aller schlimmsten Layouts, von denen, die ich ihnen anbiete. Das sind schlecht gezeichnete Kids. Wesen mit faulen Zähnen. Wahrscheinlich müssen diese echte Kinder amüsieren. Wahrscheinlich amüsieren sie diese. Mich machen sie jedoch böse. Ich male sie zuletzt, fast mit geschlossenen Augen, damit die Mappe mit den Varianten etwas größer aussieht. Doch wenn ich diese zur Besprechung bringe, wählt man gerade diese aus.

Im Büro klingelt das Telefon ohne Pause. Ein weiteres in ihrer Tasche. Sie nimmt es raus, studiert die Namen auf dem Bildschirm und versteckt es wieder.

„Und das Wichtigste, was soll ich den Autoren erzählen? Da fällt mir nichts ein.“

„Und den Künstlern…Illustratoren?“, frage ich. Sie sind übrigens auch Autoren.“

„Natürlich, natürlich. Sie verstehen doch alles.“

„Ich verstehe etwas anderes. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, ich hatte noch nie eine Ausstellung und ich kann bildende Literatur nicht ausstehen.“

„Wie dumm du bist“, sagten die Babichis zu mir. „Stell dir vor, wenn Andrjuscha anfängt zu lesen….“

„Wie alt ist Andrjuscha?“, fragte Vadik Krichevskij.

„Vier.“

„Ist es nicht an der Zeit?“

„Nun nein. Er ist doch noch zu jung.“, sagten die Babichis. „Stelle dir vor“, fuhren sie weiter fort, „er nimmst sein erstes Buch, und darin nur Bilder. Und wir werden ihm mit Stolz sagen, dass diese Tante…gemalt hat….“

„Das arme Kind“, unterbrach sie Vadik. „Wollt ihr ihm etwa diesen Horror unterschieben? Und übrigens für die Zukunft: macht was ihr wollt, doch kommt mir nicht mit „Djadja Vadik“.

„Ihr Babichis, warum habt ihr das gekauft?“

„Wir sind stolz auf dich, finden es schön, dass hier dein Name steht. Nun“, sie machten das Buch auf und schauten nacheinander auf meinen Nachnamen. „Unterschreibe hier. Und das zweite Exemplar ist für Andrjuscha.“

Die Redakteurin sitzt am Tisch vor einem Papierberg und schaut durch diesen hindurch, und durch den Tisch und durch das verwischte Parkett ihres Büros. Sie schaut wie ein Mensch, der ohne Dach über dem Kopf geblieben ist.

Sie sieht Marja Stepanovna ähnlich, unserer erste Lehrerin, die wirklich ohne Dach über dem Kopf blieb. Und ohne den Boden unter den Füßen. Doch sie stand auf dem Boden und schimmerte, ihre Fersen schimmerten, und sie vertrieb uns mit einem giftigen Flüstern in unsere Häuser. Und das war böse, weil der Ort eines Kindes, draußen ist. Vor allem wenn sie voller Hülsen ist und man diese in die Taschen füllen kann. Und wenn man früher aufsteht, kann man sogar Vadik Krichevskij zuvorkommen. Und dann diese umtauschen für Tischtennisbälle oder für die Kollektion von Bonbonpapieren, oder für Schafsknöchel, die mit Zelönka und Jod gefärbt wurden. Doch das für das aller schlimmste Ende.

Ich möchte Angst haben, sie zu verlieren. Ich möchte ihre Hand nehmen und mich um sie sorgen und um mich, darüber, dass alles zerfällt. Doch ich spüre nichts. Ich denke darüber nach, warum sie beschlossen haben, zum Iskanderkul‘ zu fahren. Und gebe ihr einen Bonbon.

Sie beginnt zu nicken. Nickt und nickt und nimmt den Bonbon. Dann schaut sie lange durch mich hindurch und durch die Wand und durch die Straße. Dann wieder auf mich. Dann, feierlich, spricht sie, als ob sie zu mir spräche, doch sie spricht zu sich:

„Ich rufe Sie unbedingt an. Lassen Sie die Nase nicht hängen.“ Sie steht auf und reicht mir ihre Hand: „Sie werden sehen, wir werden noch gemeinsam arbeiten.“

Das ist berührend, sentimental und sehr angstauslösend. Diese schreckliche Perspektive. Ich drücke ihre Hand und verstehe, dass ich nie wider hierher kommen werde.

Abends riefen die Babichis an. Sie sprachen, wie immer, laut und mich immer wieder unterbrechend. Und das brachte mich sehr aus dem Konzept.

„Wie sieht es aus? Bereitest du dich schon vor?“

„Nein“, antwortete ich. „Wollt ihr im ernst dahin fahren?“

„Nicht ihr, sondern wir. Bist du dir nicht im klaren darüber?“

„Ich bin mir darüber im Klaren, dass es euch zu den Quellen zieht. Doch ich möchte nirgendwohin.“

„Erstens nicht uns, sondern Krichevskij. Und zweitens ist es eine gute Idee. Stell dir vor, welche Landschaften dort sind! Du als Künstlerin solltest dich dafür interessieren.“

Vadik Krichevskij war immer auf der Suche nach irgendetwas. Meiner Meinung nach, hat er nichts gefunden.

Monatelang lebte er in Europa und Amerika, dann erschien er plötzlich in Moskau, gewöhnlich zu der Zeit, wenn Zafar hier her kam, um Urlaub zu machen. Wir trafen uns bei den anderen, sprachen so viel, dass uns übel wurde und fuhren wieder jeder zu sich zurück.

Im April, an jemandes Geburtstag, lernte er eine Frau kennen. Ebenfalls eine, die auf der Flucht war. Sie erfuhr, woher er kam, sagte, dass sie träumt, ihren Vater wieder zu finden. „Lebend oder tot“, sagte Vadik uns. Doch sie sah im Traum, dass er lebt, irgendwo am Iskanderkul‘.

„Hat sie nicht von der Hausnummer geträumt?“ fragten die Babichis.

„Ja, nein, sie sah im Traum, dass er lebt, und dass er am Iskanderkul‘ lebt, hat ihr jemand erzählt. Ist es euch nicht egal? Vadik versprach ihr, dass er diesen Menschen findet. Und man muss nach Duschanbe fahren, und dann über über den Anzobsker Engpass, zu den Fanskibergen, zum Iskanderkul‘ und Saratog.“

„Vadik, heirate“, sagte Babich zu ihm.

„Ich kann nicht. Ich bin ein Anarchist, und Familie bedeutet Ordnung.“

„Du hast einen Abschluss“, Babich klopfte auf seine Schulter. „An die Ordnung wirst du dich nicht gewöhnen.“

„Das war ein Geschenk an den Vater“, lachte Vadik. „Ich erinnere mich an keines der Worte.“

„Woran erinnerst du dich?“

„Dass ich ich immer noch ein Kind bin, vor ihm.“

Ende Mai fliegen wir nach Duschanbe. Das ist eine gute Zeit, für alle Wanderungen. Mai ist der beste Monat des Jahres.

Ein Tag vor der Abfahrt, klopfe ich an die Tür des Nachbarn. Er heißt entweder Aleksej Nikolaevich oder Nikolaj Alekseevich. Ich erinnere mich nie an die Reihenfolge. Dieser Name steht auf einem Zettel, der auf dem Spiegel in meinem Flur hängt mit dem Zusatz „Irischer Wolfshund“. Von Zeit zu Zeit erweisen wir uns Dienste: wenn er weg fährt, führe ich seinen Hund aus. Ich mag es, wenn Menschen sich neben mich stellen und schreien: „Was ist das für eine Rasse?“ Ich erlebe einen kindlichen Stolz. Wenn so etwas mit mir in der Kindheit geschehen wäre, wäre aus mir ein anderer Mensch geworden, denke ich.

Er heißt Stil und er verhält sich gut mir gegenüber. Meiner Meinung nach ist es die freundlichste Rasse der Welt. Er und sein Herrchen sind ineinander vernarrt. Manchmal betrete ich seine Wohnung und sage ihm: „Hallo Nikolaj Alekseeevich!“, und dann gehen wir spazieren auf der Krasnoproletarskaja. Und manchmal sage ich: „Bis morgen, Aleksej Nikolaeevich!“ Manchmal nehme ich ihn mit in meine Wohnung nach dem Spaziergang und sage: „Warte, ich bin bald zurück“. Und er steht und wartet. Ich weiß, dass er auf sein Herrchen wartet, doch er sieht so aus, als würde er auf mich warten. Und ich kehre zurück mit einem Block und Stiften und male ihn in seinem Naturell.

Als Modell ist er sehr günstig, kann stundenlang auf einem Ort liegen. Von der Größe eines kleinen Pferdes, doch macht weniger Sorgen, als jeder beliebige kleine Hund.

Mein Block ist voll mit Zeichnungen von mir. Ich habe sie der Redakteurin gezeigt. In Kinderbüchern werden oft Hunde gemalt. Ich habe mir sogar einen Zyklus von Geschichten über Stil ausgedacht. Nicht sehr lehrreich, jedoch sehr interessant. In diesen stellt Stil einen sprechenden Köter dar, und in jeder Geschichte geschieht irgendetwas mit ihm. Doch die Redakteurin sagte, dass es die Aufgabe der Autoren sei, die Geschichten auszudenken, und meine Aufgabe ist es Bilder zu malen. Stil wollte sie nicht annehmen. Sie sagte er sei nicht ansehnlich und die Proportionen stimmten nicht.

Im Herbst malte ich ihn mit Ölfarben. Ich hatte eine große Leinwand, die ich nicht anders verwenden konnte. Ich wollte sie dem Nachbarn schenken, doch Vadik Krichevskij sah sie und ich hatte bis zum Winter keine Ruhe damit.

Er rief mich jeden Tag an und bat mich jedes mal darum, ihm das Bild zu verkaufen. Ich antwortete ihm, dass ich das Bild für kein Geld der Welt verkaufen werde, weil ich es für den Nachbarn gemalt habe. Er erwiderte, dass ich nichts von Kunst verstehe, weil ich nichts von einem Opfer verstehe. Oder umgekehrt. Dann sagte er noch, dass sein Vater eine philologische Dame liebe, die gleichzeitig zwei irische Hunde hält, und wenn er ihr einen dritten schenkt, wird sie vielleicht…“

Ich sagte, es sei nicht ihr Hund, diesen habe man in einer anderen Wohnung gezeichnet. Und er sagte, das sei nicht wichtig: Alle irischen Wolfshunde sehen gleich aus, alle Wohnungen von Philologen ebenfalls. Ich sagte, mein Nachbar sei kein Philologe, sondern Rentner, und er antwortete mir, dass dies ebenfalls ein und das selbe sei.

Ich lasse meinen Schlüssel bei dem Nachbar und bitte ihn, die Blumen zu gießen und sich um meine Katze zu kümmern. Ich habe weder eine Katze, noch Blumen. Das ist nur unsere gemeinsame Vorstellung. Er fragt mich, wohin ich fahre. Ich sage, wohin.

„Ihr seid verrückt!“, erwidert er gutmütig. „Alle kommen von dort, und ihr fahrt dorthin.“

„Weil ich von dort abstamme.“, antworte ich.

Doch ich fahre nicht deswegen.

Ich fahre weil, wenn du im Leben eine Null bist, benötigt man eine Erneuerung, um nicht in die Depression zu verfallen. Das war meine Formel des Ausgangs aus der Sackgasse. Doch sie führte sie in einer noch größere Sackgasse. Und hier benötigte ich die Worte Slav Ivanovichs.

Er war ein vielbeschäftigter Mensch. Damit beschäftigt, was bei Platonov das Wesen des Lebens ist. Ich mochte es mit ihm zu sprechen und ihm zuzuhören, wie er mit Nadja und den drei Kindern nach Japan fährt, und im Winter auf die Azorischen Inseln. Im Frühling nach Neuseeland und im Sommer an den Pazifik. Mit dem Zug. Zu fünft.

Als ich mit ihm sprach, begann ich mir Fragen zu stellen, solch eine Auswirkung hatte er auf mich, und danach kamen all die Antworten von alleine. Wahrscheinlich, weil wir uns immer über eine bestimmte Distanz unterhielten: wir waren mehr als einfach nur Bekannte, doch niemals Freunde. Das ist das, was mir immer fehlte mit den Babichis, die unzertrennbar waren, und mit Vadik Krichevskij. Das ganze Wesen unserer Freundschaft führte zum nächsten: Ich kenne dich so gut, weil ich dich kenne, seit ich fünf bin: wir kamen vom selben Ort, und das ist das was uns bis zum Lebensende verbindet.

„Und überhaupt“, sagten die Babichis, nachdem wir uns ein halbes Jahr nicht gesehen haben. „Lese, du den „Kleinen Prinzen“ und verschwinde nicht mehr für so lange Zeit.“

Doch ich mag den „Kleinen Prinzen“. Besser gesagt, bis zu dem Moment, als der Fuchs auftaucht und das sagt, was die Babichis mir gerne sagen und weitere Freunde aus der Uni. Dafür, dass wir immer für diejenigen antworten, die wir gezähmt haben. Und wenn der Fuchs geschwiegen hätte nach der Phrase „man sieht nur mit dem Herzen gut“, wäre es ein anderes Märchen. Und ich würde es ohne aber lieben. Doch als der Fuchs beginnt zu reden, spricht in mir irgendeine Stimme, die einen versichern möchte, dass die wahre Freundschaft nur mit einem selbst möglich ist. Und es überzeugt mich fast davon.

„Depression, das ist eine nicht schlechte Laune“, sagt Slava Ivanovich zu mir. „Depression bedeutet Leere. Das ist kein Ausgang, doch das ist normal, dass ihr sie füllen wollt mit irgendeiner Möglichkeit. Alles ist besser, als Tabletten zu schlucken.

„Seltsam, so etwas vom Arzt zu hören“, sage ich.

„Ein guter Doktor sieht weiter.“

Wir betreten den Süßwarenhandel auf der Novokuzncskaja und nehmen jeweils einen Sack mit Bonbons mit. Mehrere Theken, vor denen keine Verkäufer stehen.

Nicht ein Mittler zwischen dir und dem, womit du deinen Korb füllst. Wir verbringen dort nicht weniger als eine Stunde, bis es in den Augen zerrt von der Schärfe der Etiketten, blauer Ballerinas, roten Mohns, gelber Kamele, rosa Bären und der Kopf ist voll von Gewürzen der Konditorei.

Draußen verstehe ich, dass ich diese Bonbons nicht brauche. In jeder Hand ca. zwei Kilogramm. Und der Abend ist so schön, und so vorsichtig das Licht der Laternen, als ob diese beschließen würden ganz stark zu leuchten in der langen Moskauer Dämmerung, dass es schwer ist, diesen zu beschreiben. Einfacher wäre es für mich ihn mit Farben zu malen, doch ich handle oft so, uns nun anstelle von Maispaziergängen, die so locker sind, trage ich Kilos von unnötiger Bonbons, und anstelle der begonnenen und vollendeten Bilder, trage ich Illustrationen für Kinderbücher.

Im Flugzeug fragte Vadik mich, ob die Babichis sich nicht trennen wollen in der Zeit des Flugs. Die Antwort war offensichtlich, doch der Ehemann wollten es klären. Er sagte, dass wenn der Flieger beginnt zu fallen, er keine wertvolle Zeit verlieren will, um bis die Ehefrau zu finden und ihre Hand in die seine zu nehmen.

Wir verheirateten die Babichis mit sechs Jahren. Man setzte sie nebeneinander, weil…Ich erinnere mich nicht, warum. Doch seit dem sind sie immer zusammen. Wir verstanden, dass es so etwas gibt, als sie heirateten. Als Vadik von der Hochzeit hörte, sagte er, sie seien nicht normal, weil man nicht so viele Jahre mit einem Menschen zusammen leben kann, doch er fuhr trotzdem zur Hochzeit. Ich ebenfalls. Und Zafar auch.

Im Flughafen Duschanbe nehmen wir einen blassgrünen Opel. Zafar setzt sich ans Steuer, Vadik neben ihn. Die Babichis und ich nehmen hinten Platz. Ich sitze in der Mitte, wegen der hohen Stelle, die lange Beine stören würde, und die Babichis sprechen gleichzeitig in meine beiden Ohren. Es ist eng und heiß und man kann darüber nachdenken, und über den Weg durch das Zentrum, oder nicht über die Ausstellung der Freunde nachdenken, in der es keine meiner Arbeiten gibt.

Entlang der Straßen stehen riesige Bäume mit weißen Baumstämmen. Hier nennt man sie Chinaren und wo anders Platanen. Und das ist das einzige, was in meiner Erinnerung von Duschanbe blieb, aus dem wir geflohen sind.

„Wir müssen die Schule besuchen“, sagt Vadik Krichevskij lebhaft. Er windet sich auf dem Sessel, wie in einer Pfanne und dreht den Kopf in beide Richtungen.

„Nicht nötig“, sagt Zafar. „Der Weg ist anstrengend, wir haben wenig Zeit.“

Vadik dreht sich zu uns.

„Zum Unglück oder Glück“, sagt der Ehemann Babich.

„Die Wahrheit ist einfach“, sagt die Ehefrau Babich.

„Kehre nie zurück an die ehemaligen Orte“, sagt Vadik.

„Wir sind dafür“, stimmen die Babichi ein.

„Ich dagegen.“, sage ich.

„Sogar wenn die Brandstätte durchaus zu sehen ist?“, fragt Vadik.

„Der Weg ist anstrengend, wir haben wenig Zeit“, sagt Zafar.

Und Vadik sagt, dass nach dem Gesetz der Stadt zwei gegen drei sind, so müssen wir es selbst verstehen. Zafar sagt, dass erstens hier wie in der Vielzahl anderer Städte, wo er als Diplomat gedient hat, das Gesetz des Dschungels herrsche, und zweitens, sind die zwei Stimmen der Babichis in Wirklichkeit eine Stimme, und weil es unentschieden steht, entscheidet derjenige, der am Steuer sitzt.

Jeder von uns hat vier, sogar fünf mal die Schule gewechselt. Nach der dritten konnte ich mir die Lehrer nicht mehr merken. Doch ich erinnere mich immer noch an Marja Stepanova. Ich sah sie sogar einige Male im Traum. Hoch, dürr, mit einer großen Brille in einer Schildkröteneinfassung.

Wahrscheinlich war sie damals so alt, wie wir jetzt sind. Doch ich fühle mich nicht so. Sowie Vadik Krichevskij sich neben seinem Vater als Kind sieht, so sehe ich mich immer noch wie ein Kind neben ihr. Ich sehe, wie sie auf die Stufen des Lastwagens steigt, in den Innenraum blickt und fragt, ob ich es geschafft habe, meine Bücher abzugeben.

Über den Krieg verstanden wir das, was wir verstehen mussten. Krieg bedeutet Freiheit. Der Krieg ersetzte die Knechtschaft der Schule, sie nahm uns die Zugehörigkeit zum Stand der Schüler. Wir waren immer noch die Kinder unserer Eltern und uns gegenseitig Freunde, doch wir hörten wie ein Stand auf zu existieren. Und wir wussten nicht, was wir damit tun sollten. Und wir wurden wir betrunken.

Schnell wurde die eine Knechtschaft durch die andere ersetzt, wir mussten in den Wohnungen bleiben. Und nüchtern werdend in der Stille der Zimmer, wollten wir unsere Vergangenheit, zurückholen. Und dann flohen alle. Und als die ersten Autos mit den Koffern und den Menschen fort fuhren, wurde das zum Ereignis und später zur Dekoration. Und wir hatten keine Zeit mehr uns zu verabschieden und die Adressen aufzuschreiben. Wir wurden unbedeutend füreinander. Wichtig waren nur die Lastwagen. Und wie viele freie Plätze wird es in der Zukunft geben. Und wie fährst du, im Laderaum oder im Innenraum.

Als erster so seltsam es auch war, fuhr Zafar fort. Ich erinnere mich, wie wir uns verabschiedeten. Damals gingen die Menschen noch frei in der Stadt spazieren, das war der Anfang vom allen. Doch mit jedem Tag begannen irgendwelche besonderen Stunden der Stille, wenn alle Straßen neben der Schule nur uns gehörten.

Die Stunde der Kommandantur gab es damals nicht, und sogar das Wort „Krieg“ nahm niemand in seinen Mund. Und es gab gar keinen Krieg, wir blickten diesen an: das ist Krieg und er ist im vollen Gange, so verstanden wir das als wir den Himmel und die Erde anschauten: das ist der Himmel und das ist die Erde.

Nichts geschah. Wir fragten einander , warum es so still war und der aller sattelfesteste Vadik sagte: Weil sie Krieg führen, und die anderen sammeln die Gegenstände. Und dann tötet man die, die Krieg führen, und dann beginnen die anderen in ihren Sachen zu wühlen. Es wird laut, wenn man den Schulunterricht wieder zulässt.

Vor dem Treppenhaus Zafars waren viele Menschen und einige schwarze Autos. Auf dem Boden lagen keine Gegenstände, wir schafften es gerade so. Zafar saß auf der Bank mit dem Rücken zu uns, und Vadik schmiss auf ihn mit einem Aprikosenkern. Und ich erinnere mich wie er sich umdrehte und lächelte. Und vor einer Minute machte er es genauso, er drehte sich um und lächelte und sagte zu den Babichen, dass wenn wir nicht weggefahren wären, sie hier geheiratet hätten, und dann bei jenem Monument sich hätten fotografieren lassen.

Im selben Moment rief der Vater Zafar und wir umarmten uns nacheinander. Und ich würde mich gerne erinnern, worüber wir miteinander gesprochen haben. Gewöhnlich waren es irgendwelche eiligen Worte und Versprechungen, wir haben viele derer mit Schweiß vorgetragen, in den ersten Wochen der Massenfluchten, doch von unserer Verabschiedung bleiben mir keine Erinnerungen. Ich erinnere mich nur, dass Zafar dastand, als sei er schuldig, doch er sprach nicht. Dann näherte sich der Vater, legte seine Hand auf die Schultern, brachte ihn weg; und Vadik Krichevskij, als der Staub des Ministerwagens sich legte, sagte:

„Wahrscheinlich werde ich der nächste sein.“

Als nächster kam Babich. Und das war für sie das aller Unerträglichste. Vadik und ich gingen sogar etwas weiter weg und setzten und unter eine alte Platane. Diese war zweihundert Jahre alt, nicht weniger, so stark breitete sie sich aus. Sein ganzer Stamm war beschrieben, und um die Babichs nicht zu stören, kritzelten wir unsere und Babichs Namen darauf und irgendeinen Unsinn über ewige Freundschaft.

„Wer könnte so über mich weinen“, sagte Vadik und schubste mich in die Seite. Vielleicht du?“

„Ich fahre früher“, sagte ich. „Bitte Marja Stepanovna.“

„Ich habe die Bücher nicht abgegeben. Ich sollte ihr nicht unter die Augen treten.

Als nächste fuhr die zukünftige Babichi fort. Sie war glücklich. Sie war so glücklich, dass man das nicht beschrieben konnte, das konnte man nur anblicken. Und Marja Stepanovna begleitete sie und sprach:

„So soll es sein, Tamara. So fährt man in ein neues Leben.“

Dann kam ich an die Reihe, doch Vadik und ich haben uns nicht mehr gesehen. In Duschanbe verkündete man die Kommandanturstunde und wir saßen die ganze Zeit zuhause. Ich rief ihn an, doch keiner antwortete, und am nächsten Tag funktionierte das Telefon nicht mehr. Und das war genauso unerträglich, wie den Abschied von den Babichis zu sehen. Doch wir trugen alles fort. Und wir trafen uns auf ihrer Hochzeit. Seitdem treffen wir uns jedes Mal zur Jahresfeier. Und ich habe das Gefühl, dass dieses Ritual nicht notwendig ist. Dass wir wie Attribute ihrer Vergangenheit sind und sie die Attribute unserer Vergangenheit.

Endlich verlassen wir die Stadt und alles was vergessen war, bricht über uns zusammen.

Der Weg verwandelt sich in einen schmalen Pfad zwischen blauen und violetten Bergen, das Auto fährt schwer, gleitet auf der Serpentine, steigt immer höher und höher.

Das Radio rauscht, die Stimme Vadiks verliert sich in den Windstößen und die Babichs distanzieren sich von mit und kleben sich an die Fenster. Bunte Teppiche wechseln sich ab mit Steinfelsen, es rauschen laut die Ströme, glänzen die Gletscher, fallen die Wasserfälle. Wir fahren in Tunneln und überholen die Geräusche und die Sonne, dann sind wir wieder zurück im Licht und fallen wieder in die Dunkelheit. Von dem Druck und der Höhe sind unsere Ohren belegt, und von den Abbiegungen und dem Abgrund auf beiden Seiten der Straße wird unser Atem beraubt. Vadik schreit irgendetwas über die Begrenzungen und drückt mit dem Finger in die Abgründe, dann zieht er seine Hand zurück und ich sehe wie der Stoff seines Hemdes reißt, um zu fliegen und er fliegt. Zafir lacht und hält sich am Steuer fest, mit beiden Händen, doch man hört nicht sein Lachen, und das Geschrei Vadiks hört man auch nicht mehr. Dann umarmen mich die Babichis von beiden Seiten und ich schlafe ein.

Durch den Schlaf erreichen mich irgendwelche Worte. Sie klingen lauter wenn wir in Tunneln fahren und verschwinden wenn wir diese verlassen. In einer dämmrigen Erinnerung sehe ich eine Herde Ziegen und Schafe, die auf der Straße verschwimmen wie Lava. Sie blicken in die Fenster, blicken uns distanziert an und berühren sich gegenseitig mit ihren Hörnern. Auf weiten Bergen, auf abgeschnittenen Serpentinen, schleichen vorsichtig die Lastwagen. Sie sind von der Größe von Käfern und dies ist eine fertige Illustration zum Ajtmatowschen „Pappel, im Roten Kopftuch.“ Ich werde mal nach rechts, mal nach links geschaukelt und ich höre, wie Zafar uns von der Wüste berichtet, dass egal wohin man schaut, überall Sand ist, und ich möchte sagen, dass nun, egal wohin man blickt, man nur die Babichi sieht und das scheint mir sehr ulkig zu sein doch ich kann die Zunge nicht bewegen.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, doch der Wind verschwindet und ich höre, wie Vadik Krichevskij sagt, dass das Leben kleiner als der Tod ist, weil im Wort Leben (russ. Zhizhn“ fünf Buchstaben sind, und in dem Wort Tod (russ. „Smert’“?), sechs. Und jemand von den Babichis sagt, dass das weiche Zeichen kein Buchstabe ist.

„Egal, sie sind dort und dort“, sagt Vadik.

„Im Englischen genau so“, saggt Zafar.

„Das Englische zählt nicht.“

„Und das höre ich von einem Menschen, der Shakespeare im Original liest.“

„Doch ich bin es der, der von Garshin weint.“

Ich bin mir sicher, dass wenn Zafar das hört, er lächelt. Zafar lächelt nie, sogar wenn er an einem Streit teilnimmt. Vor allem wenn dieser Streit mit Vadik statt findet.

„Ja ich vergifte den Europäer in mir mit Leskov. Ich weiß nicht, was es heißt Russe zu sein, doch als ich dreißig Jahre alt wurde, ging es mir schlimm in Europa. Und du? Fühlst du dich in den Fansker Bergen nicht zuhause?“

„Der Diplomat hat kein zuhause.“, sagt Zafar.

„Darin bist du schwach. Und wo ist dein Persien, Söhnchen? Gorbatschow gab dein Persien den Amerikanern, um sich schön zu gesellen.“

„Lass uns fahren, Balabanov“, lachen die Babichis.

Sie fragen mich ständig. Ob ich zur Toilette muss, doch ich muss nicht und bitte sie mich, mit irgendetwas zuzudecken. Und sie decken mich zu.

Als wir draußen sind, streckt Zafar seinen Rücken und die Beine, neben ihm Vadik, schaut in den Abgrund, kaut irgendeine Blume. Dann setzten sie sich wieder ins Auto und wir fahren weiter.

Die Sonne scheint mit Streifen auf mein Gesicht und Schmetterlinge flattern unter den geschlossenen Lidern.

Ich wache in einem leeren Wagen auf und sehe Wege. In der Frontscheibe Wolken grauen Rauches. Daneben auf einem roten Rollstein, eine ungerade Aufschrift „Iskanderkul’“ mit dem Pfeil nach unten. Ich klettere aus dem Auto mit steifen Beinen, setze mich auf den Rollstein und schaue zu, wie Vadik die Babichis fotografiert, und danach Zafar, dann fotografieren die Babichis sie; dann winken sie mir zu und schreien, damit ich lächele und ich lächele, und hinter mir, tief unten, ist ein riesiger blauer Tropfen. Und diese Aufnahme, die mir Babichis in Moskau schenken, nachdem wir zurück gekehrt sind, gibt nichts wieder. Und ich verstehe, warum ich eine schlechte Künstlerin bin. Den ersten Strich zu zeichnen, ist für mich genau so schrecklich, wie mich über den Abgrund beugen, wo der tiefe, türkisfarbene See ist – nur ein ungerader, blauer Tropfen.

Am Abend fragt Vadik mich:

„Was ist dein Problem?“

Am See ist es kalt. Und wir machen direkt am Ufer ein Lagerfeuer.

Und ich sage, dass ich feige bin. Und ich sage, dass ich satt bin.

Die Babichis sind einverstanden mit mir. Sie bestätigen, dass Feigheit und Sattheit dem Künstler nicht erlauben, er selbst zu sein.

Und Vadik rät mir, mutiger zu sein, und die Babichis raten mir umzuziehen. Zafar rät mir nichts, er gibt mir eine Kartoffel.

„Der Pinselstrich auf der Leinwand, ist die Anführung des Zukünftigen zum Nenner der Gegenwart.“, sagt Vadik. „Wenn du diesen nicht vollbringst, wird deine Zukunft nie eintreten. Und die Wohnung hat damit nichts zu tun.“, sagt er zu den Babichis. „Das ist Mist, daran zu glauben, dass der Künstler hungrig sein muss.

„Niemand soll hungrig bleiben“, sagt Zafar und holt weitere Kartoffeln aus dem Lagerfeuer.

„Seit zehn Jahren ist es die erste Jahresfeier, die wir nicht zu hause verbringen“, sagt der Babichi-Ehemann.

„Wir nagen fast am Hungertuch“, lacht die Babich-Ehefrau.

„Nun, gut“, sagt Vadik. „Wir sollten aufhören, immer das eine zu machen. Ich kann nicht verstehen, wie ihr einander so viele Jahre aushaltet?“

„Wir halten nicht aus“, sagt die Babich-Ehefrau und schaut ernst auf Vadik.

Pause. Dann spricht Krichevskij:

„Hier hat jeder eine Medaille für seinen Mut und seine Geduld verdient. Ihr Babichis, weil ihr zusammen seid. Zafar, weil er unzertrennbar ist. Er ist Diplomat im Dienst und im Leben. Du“, er blickt auf mich. „Dafür, dass du strikt dein Ziel verfolgst und allen beweisen willst, dass du keine Künstlerin bist.“

Ich zittere und sehe, wie die Babichis aufhören zu kauen und Zafar hebt seine Augen und blickt auf Vadik. Die Babichis verteidigen mich:

„Das ist too much“, erzürnen sie sich. „Zafar, sag ihm das.“

„Was ist denn los?“, Vadik zuckt mit den Schultern. „Sie mag es sich zu wehren, wenn man ihr sagt, sie sei eine Künstlerin.“

Hier imitiert er meine Stimme und meine Intonation, um zu zeigen, wie ich mich wehre: „Och, was bin ich schon für eine Künstlerin.“

„Das ist nicht lustig, Krichevskij“, sagt die Babichi-Ehefrau. „Welche Fliege hat dich gestochen?“

Vadik lächelt bedrückt, legt die Hände hinter seinen Kopf und atmet laut auf.

„Warum, warum, warum können wir niemandem etwas sagen? Wenn ich es nicht meinen Freunden sagen kann, was ich denke, wem dann? Ich möchte so nicht mit euch sprechen. Ich will es und dann kommt sofort das Nein, dann heißt es, dass mich eine Fliege gestochen hat. Niemand hat mich gestochen. Ich sagte einfach, was ich wollte.

Er steht auf und dreht sich mit dem Gesicht zum See. Seine Silhouette ist schwarz und unbeweglich, wie der Stamm einer jungen Platane.

Der Babichi-Ehemann wickelt seine Frau in eine Decke und steht ebenfalls auf. Zafar dreht sich zu ihm.

„Hast du uns deswegen hierher geschleppt?“, fragt Babichi.

„Warum geschleppt? Ich schlug vor, ihr wart einverstanden. Wir sind in der Natur, backen Kartoffeln. Wenn es wärmer wird, baden wir im See.

„Und was ist mit deinem Alten?“, fragt die Babichi-Ehefrau, die ihre Hände aus der Decke befreit.

„Der Alte?“, Vadik kreuzt die Hände vor der Brust. „Ach ja, der Alte…Es gab keinen Alten. Das heißt, doch, vielleicht schon, nur wo willst du ihn suchen?“

Sie lässt die Decke fallen und steht ebenfalls auf.

„Das heißt, du hast uns alle belogen? Und diese Frau auch?“

Vadik atmet gereizt auf.

„Ich habe niemanden angelogen. Doch ich hörte die traurige Geschichte und zeigte Anteilnahme.“

„Du hast die Frau belogen. Ich hätte nie gedacht, dass du zu so etwas fähig bist“

„Und denke du nach. Und überhaupt“, er wendet sich zu ihr und beobachtet sie studierend: „Woher sollst du wissen, wozu ich fähig bin, kennst du mich überhaupt? Kennst du überhaupt jemanden außer deinen Ehemann und Andrujscha?“

„Weißt du, was mir leid tut, Krichevskij? Mir tut es leid, dass es bis auf die Kartoffeln, hier nichts anderes gibt. Mir tut es leid zu wissen, dass du nüchtern bist und alles was du sagst, ernst meinst.“

Die Babichis nehmen die Decke und gehen ins Haus.

Eine Weile schweigen wir. Das Lagerfeuer knackst laut. Der Himmel ist voller Stern. Einige von ihnen sind leuchtend und einsam, manche verstreut in Form von Krümmel oder glänzendem Staub.

„Erzähle mir über den Alten“, bitte ich Vadik.

Er blickt mich an, als würde er von mir erwarten, dass ich noch etwas sage, doch ich sage nichts mehr und er erzählt.

„Es lebte einmal ein Mensch mit dem Namen Faruch, er hatte sechs Kinder. Fünf davon waren Mädchen, als sechstes Kind wurde der Sohn geboren. Der Mensch hatte keine Angst vor Arbeit und liebte seinen Staat. Der Staat liebte ihn und gab ihm Arbeit. Der Mensch arbeitete viel, damit seine Familie ein wohlhabendes Leben führen konnte. Doch damals ging es allen gut. Am besten jedoch, ging es diesem Menschen, weil sein sechstes Kind ein Junge war. Er fuhr ihn mit einem großen Wagen aus, und kaufte ihm kleine Autos, damit dieser mit ihnen spielte.

Eines Tages fuhr er für einen Monat fort und vermisste seinen Sohn so sehr, sodass al er zurückkehrte, er nicht in die Garage, sondern nachhause fuhr. Der Sohn erblickte ihn vom Balkon und schrie vor Freude. Der Mensch schaute aus dem Innenraum des Autos hervor und winkte ihm zu. Der Sohn sprang vom Stuhl und rannte zur Mutter, und die Mutter sagte zu ihm:

„Laufe, treffe deinen Vater!“ Der Mensch beschloss, den Wagen zu drehen und begann rückwärts zu fahren, just in dem Moment, als der Junge zu ihm lief.“

Das Lagerfeuer ist kurz vor dem Erlöschen und alles drumherum taucht in Licht ein. Auf der schwarzen Oberfläche des Sees zittert ein Mondpfad. . Am Rand des Wassers, ein verwelktes Bündel oranger Mohnblumen.

„Wie ging es weiter?“, frage ich.

„Dann kam das Gericht, und er wurde freigesprochen. Dann kam ein Schlaganfall. Er lag im Krankenhaus, dann wurde er entlassen. Dann verließ er sein Haus. Hier“, Vadik nahm aus der Tasche eine Fotografie heraus, „seine Tochter hat es ihm gegeben. Vor dreiunddreißig Jahren. Jetzt ist er ca. achtzig, vielleicht auch neunzig.“

„Du denkst, er lebt?“

„Sie sagt, er lebt.“

„Gehst du ihn suchen?“, fragt Zafar.

„Wo soll man nach ihm suchen? Bis Saratoga sind es um die zehn Kilometer. Erstens das. Und ist er dort oder nicht, das weiß niemand. Das Zweitens.“

„Warum hast du es dann versprochen?“

„Ich sagte euch, dass ich es versprochen hatte. Ihr sagte ich, dass ich Fragen stellen werde, Mir wurde es einfach langweilig. Überall. Und ich wollte hierher fahren.“

Als Zafar das hört, steht er auf, sagt „gute Nacht“ und geht weg, ohne auf Vadik zu blicken.

„Gute Nacht“, sage ich zu Vadik

Zafar begleitet mich bis zur Tür und verspricht mir, auf meine Ausstellung zu kommen. „Wenn sie statt findet“, sage ich zu ihm. Und er bestätigt, dass diese auf jeden Fall statt finden wird. Wenn ich es wirklich will.

Morgens gehen Babichis und ich zum Wasserfall. Sie fragen mich, wie ich geschlafen habe und ich sage, dass ich fror, doch sehr gut schlief. Und die Babichi-Ehefrau sagt, dass auch sie fest geschlafen habe, weil Vadik Krichevskij sie fast getötet hätte.

Als wir zurückkehren, sprechen Vadik und Zafar mit dem Taxifahrer. Ich sage, dass ich mit ihnen fahre und setze mich ins Auto. Vadik ruft auch die Babichis, doch diese verneinen und gehen weiter. Und Vadik hält sich an der offenen Tür und blickt ihnen nach.

In Saratoga ruft Zafar einen Jungen von ca. zehn Jahren und fragt ihn auf tadschikisch, wo der Älteste wohnt.

Der Junge führt uns zu seinem Haus. Zafar fragt, wie er heißt und ob er zur Schule geht. Der Junge sagt, er heiße Isamil und er gehe selbstverständlich zur Schule. Ich habe diese Sprache dreiundzwanzig Jahre nicht gehört, doch ich erinnere mich an die Worte, so als ob ich meine letzte Drei in Tadschikisch bekommen hätte.

Zafar öffnet seine Jacke, nimmt aus der Innentasche einen schwarzen, metallischen Kugelschreiber heraus und schenkt ihm diesen.

„Du bist mir einer“, lacht Vadik. „Mit solchen Kugelschreibern unterschreibt man Dokumente. In Büroräumen. Mit solchen schreibt man nicht in Dorfschulen.“

„Was ist wenn er erwachsen wird, und selbst Dokumente unterschreiben? Was fehlt dir?“, fragt Zafar, „das ist der Glaube an den Menschen.“

„Ist es Montblanc?“, lacht Vadik: Ich habe nicht genau hingeschaut.“

„Du verfügst über überflüssiges Wissen“, lächelt Zafar.

Der Älteste sitzt auf der Bank, die angelehnt ist an die Hauswand. Äußerlich unterscheidet er sich in nichts von anderen lokalen Alten: Icihgi, Chapan, Tjubetejka, langer Bart. Er schläft nicht, seine beiden Handflächen berühren einen Wanderstock, als ob er in jedem Moment aufstehen kann, doch die Augen sind geschlossen und an der Bewegung des Stoffes sieht man, wie tief und gleichmäßig sein Atem ist.

Wir begrüßen uns, und er blickt uns an. Zafar wechselt auf Tadschikisch und sie sprechen. Dann steht der Älteste auf, geht zur offenen Tür, durch diese sieht man die Schatten der Weinrebe, dann lässt er uns, einer nach dem anderen, auf den Hof.

Der Hof ist gefegt und geschrubbt, bei der Sommerküche eine Ansammlung junger Frauen. Es riecht nach gebratenem Fleisch. Vadik und Zahar gehen in die Tiefe des Gartens, ich gehe zu den Frauen und sehe, wie diese Krutob zubereiten.

Krutob haben wir noch in der Grundschule, zusammen mit unserer Lehrerin Lola Ruzievna, zubereitet. Doch das war ein Zirkus. Für einen echten Krutob hatten wir weder einen Tandyr noch eine große Holzschale. Wir bröselten das von jemandem am vorherigen Tag gekaufte Fladenbrot in einen einfachen Emailleteller, brieten Zwiebeln an, tränkten den trockenen Frischkäse, schnitten Kräuter, Gurken, Tomaten, hielten nicht die Reihenfolge ein, vergaßen das Salz oder fügten zu viel davon hinzu, anstatt von Butter, verwendeten wir Sonnenblumenöl und wenn die Schüler Zarathustras dieses Gericht probiert hätten, dann hätten sie sicherlich zu weinen begonnen und würden sich ganz modern dazu äußern: so nach dem Motto, der Krutob sei falsch. Doch auf diesem Tisch war alles wie vor hundert, zweihundert oder sogar tausend Jahren.

Ich sagte, ich wolle mitkochen und bat um ein Messer. Nach ca. fünf Minuten brachte man mir einen Fatir, jenes Fladenbrot aus dem Tandyr, und es war unerträglich, das Gemüse zu schneiden. Die Frauen lächelten, nahmen mir das Messer weg, brachen eine heiße Ecke vom Fatir ab und gaben sie mir.

Der Alte war da.

Wir sitzen gemeinsam mit dem Alten auf dem Topchan. Das Mittagessen ist zu ende und die Frauen haben bereits das Geschirr weg gebracht. Auf dem Tisch sind nur noch Fladenbrote, Früchte und Tee.

Er geht an uns vorbei. Der Alte ruft ihn nicht. Wir schauen ihn geizig an: auf diesen leichten, dürren und beweglichen Körper. Die langen, weißen Haare sind vom Alter ganz dünn, doch sie locken sich immer noch an den Enden. Seine Brust ist nach Innen gedrückt, doch die Bewegungen sind schnell. Geräuschlos, wie ein Schatten, klettert er durch die Bäume, mal sich im Laub versteckend, mal wieder auftauchend. Wir bewegen uns nach vorne wie verzaubert. Ich möchte unbedingt sein Gesicht erblicken. Vadik dreht sich ungeduldig zum Alten.

„Ist er dennoch Ihr Freund? Was wissen Sie über ihn? Wissen Sie, was seinem Sohn widerfahren ist?“

Der Alte schaut auf Zafar und auf seinem Gesicht zeigt sich etwas, wie ein Lächeln.

„Er hat eine Familie“, fährt Vadik fort. „Wenn es er ist, dann hat er eine Familie. ER hat eine große Familie. Deswegen sind wir hier. Das ist schrecklich, alleine zu sterben.

Der Alte spricht mit einem Akzent. Doch er spricht frei. Langsam, die Augen nach jeder Phrase schließend. Als ob er sich Zeit nehme zu atmen.

„Vadim“, sagt er. „Ich bin so alt, dass ich vor nichts Angst habe und mich über nichts wundere. Alles was ich jetzt kann, ist mich über irgendwelche Sinnlosigkeiten zu erfreuen, über die du nicht einmal nachdenkst. Solche Alten wie wir, haben vor nichts mehr Angst.“ Er wirft die Krümmel von den Fingern und glättet sich den Bart. „Was weiß ich über ihn? Ich weiß nichts über ihn. An solchen Orten wie diesen, sind die Menschen sehr neugierig. Doch jetzt sehe ich, dass sie überall neugierig sind.“

„Kennen Sie seinen wahren Namen?“

„Ich kenne nicht einmal den nicht wahren Namen.“

„Wie nennen sie ihn?“

„Ich nenne ihn Odam. In eurer Sprache ist es Adam. Und in der unsrigen – Mensch, Seele.“

„Seine Tochter sagte, er lebte in Leninabad. Wie kam er dorthin?“

„Ich brachte ihn hierher aus der Wüste. Aus den turkmenischen Karakums.“

„Was hat er da gemacht? Wie ist er dorthin gekommen?“

„Er ging zu Fuß dorthin. Er lebte dort.“

„Wie?“

Der Alte zuckt mit den Schultern und nimmt den Wanderstock in die Hand.

„Wie ein Toter. Vielleicht wie ein Wiedergeborener.“

Vadik und Zafar helfen ihm aufzustehen.

„Wenn er mit euch sprechen möchte, soll er das tun. Wenn er nicht will, werde ich ihn nicht darum bitten. Er wohnt im Hinterhof.“ Der Älteste macht seine Jacke zu und geht langsam zur Pforte.

Zafar stoppt Vadik und sagt, er gehe selbst. Vadik nickt unwillig, steigt auf den Topchan und legt sich auf die Kissen.

Nach ca. zehn Minuten kehr Zafar zurück.

„Und?“, fragt Vadik.

„Nichts.“

„Was hast du ihm gesagt?“

„Ich fragte ihn nach seinem Namen.“

„Faruch?“

„Er sagte, er habe keinen Namen.“

„Wie sieht er aus? Welches Gesicht hat er?“

„Ich weiß es nicht. Ein einfaches Gesicht. Das gleichgültige Gesicht eines Alten.“

„Man soll ihm Fotografien zeigen, ihm über die Familie erzählen.“

„Besser nicht, Vadik, wir hätten nicht hierher kommen sollen.“

„Das ist doch er, Zafar, ich spüre, dass er es ist.“

Die Augen Vadiks leuchten. Er nimmt die Fotografie und schaut sie aufmerksam an.“

„Ja, hier ist er ganz anders. Doch ähnlich? Schaue. Ganz ähnlich?“ er legt die Fotografie vor Zafar.

„Und diese“, er legt auf den Tisch mehrere Aufnahmen von Kindern und Enkeln, „vielleicht sieht jemand seinem Sohn ähnlich. Stell dir vor, was geschehen wird, wenn er sie sieht.“

„Nichts wird geschehen.“

„Wir werden sehen, Zafar“, bittet Vadik. „Wir haben ihn nicht einfach so gefunden. Hast du nicht das Gefühl, dass alles nicht einfach so geschieht?“

„Was machst du Vadik. Wozu? Was machen wir hier?“

Er schaut auf uns mit einem müden, unsicheren Blick. Ich habe ihn niemals so gesehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass wir nichts voneinander wissen. So als ob wir nihct mit dem Menschen befreundet seien, sondern mit der Vorstellung von ihm.

„Wir kamen hierher wie die Diebe. Wenn seine Kinder ihn sehen wollen, sollen sie selbst kommen. Du hast recht, das ist er. Das ist genau jener Mensch. Ich habe seine Augen gesehen. Doch ich werde ihm nicht eine einzige Frage stellen. Nicht eine einzige. Und ich gehe fort.“

Vadik klopft langsam mit seinen Fingern auf den Tisch, seine Lippen sind zusammengepresst, er schaut, wie Zafar vom Tapchan absteigt, seine Schuhe anzieht und zu der Pforte geht. Dann sammelt er die Fotografien und tut diese zurück in seine Tasche.

Wir gehen nach draußen.

„Alles richtig“, sagt der Alte. „Der Mensch sündigt nur mit dem Körper, den Organen, der Zunge, den Händen, dem Bauch, der Leber und mit etwas anderem selbstverständlich. Die Organe werden vom Gehirn gesteuert. Das Gehirn ist im Kopf. Das heißt er sündigt auch mit diesem“, er klopft auf seine Tjubetejka. „Die Seele bleibt außen vor. Die Seele des Menschen ist rein.“ Da kneift er die Augen zusammen und blinzelt fröhlich zu Vadik: „Was denkst du darüber?“

„Das macht Hoffnung“, sagt Vadik betrübt.

Dann ruft der Alte irgendeinen Kerl und wir fahren zurück. Im Auto schwiegen wir, und der Kerl fragt uns aus, woher wir kommen, ob uns der See Iskanderkul‘ gefallen hat und er sagt, dass wir wieder kommen sollen.

Abends sitzen wir zu fünft am Ufer. Wir sitzen in einer Linie vor dem See, wie in einem sommerlichen Kino, als ob wir auf die drei mal hintereinander den „Zyklopen“ an. Dann wurden wir verscheucht, wir wählten uns jeder, einen Baum aus, um das Kino herum wuchsen Platanen, und wir schauten uns den „Zyklopen“ ein viertes Mal an.

„Ich möchte nachhause“, sagt die Babich-Ehefrau wehmütig. „Andrjuscha wir uns schon vermissen.“

„Und ich würde noch bleiben“, sagt der Babich-Ehemann.

„Ich auch“, sagt Vadik Krichevskij.

Zafar sagt, er müsse nach Moskau: ihm bleibt noch eine Woche Urlaub, und er habe den Kindern vieles versprochen.

„Und du?“, fragt mich Vadik.

Und ich erinnere mich daran, was mit Slava Ivanovich gesagt hat und bin einverstanden damit, dass der Wechsel der Umstände besser als jede Medizin sei, doch ist es kein Ausgang. Und ich erinnere mich an den Verlaf und an meine Redakteurin, und an das Chaos im Schrank, in dem ich meine Farben und Pinsel aufbewahre, und an die Ausstellung, an der ich hätte teilnehmen können, es aber nicht gemacht habe, und daran wie alt ich bin und woran ich arbeiten werde, wenn ich wieder da bin. Und werde ich es überhaupt.

Ich erinnere mich daran, wie wir vor einem Tag waren. Das Leben in den hohen Bergen machte uns aufnahmefähiger für einfache Dinge. Wir waren berauscht von den Blicken aus dem Fenster, wie Kinder, und dann hörte der Asphalt auf, das Auto ging kaputt, wir stiegen anderthalb Stunden zum See hinab; ließen uns in einem Cottage nieder und lagen ohne Begeisterung auf den blumigen, verwaschenen Decken, und dann als wir beim See ankamen und die türkisfarbene Glätte erblickten, die sich in bunten Hügeln versteckte, und hinter diesen hohe blaue Berge, standen wir da wie betäubt und schwiegen alle, weil niemand als erster reden wollte, damit die Geräusche nicht die Landschaft verderben.

Doch die Sonne verschwand schnell, und das Wasser verwandelte sich aus dem türkisfarbenen in grünes, dann in blaues, schwarzes und es wurde dunkel und die Freude verschwand ganz schnell, so wie der Hunger schnell verschwindet, wenn man sich auf das Essen wirft und alles durcheinander in sich hineinwirft.

Nun möchte ich nicht jedes Jahr zum Jahrestag der Babichis erscheinen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich unsere Freunschaft weiter halten kann.

Hinter mir höre ich Geräusche, ich drehe mich um und sehe einen roten Wolfshund. Er neigt den Kopf und wedelt mit der kurzen Rute. Ein paar Schritte weiter von ihm sitzt ein weiterer Wolfshunf, der seine gefleckte Zunge ausstreckt.

Es scheint alles so einfach zu sein. Sterne. Unter diesen eine leere Koschara. Drumherum Berge. Überall Gras. Im Gras die schwanzlosen Wolfshunde. Sie ähneln nicht jenen Tierren, die im Krieg die Chabanen überfielen und sie auffraßen bis zu den Stiefeln. Solcher Geschichten habe ich viele Gehört. Die Menschen lieben Gruselgeschichten.

Ich reibe den Wolfshund zwischen den Ohren, dieser legt sich auf die Erde. Auf seinem Kopf ist eine trockene Wunde, auf der mehrere Fliegen sitzen, wie auf einer kleinen Heimat.

Ich habe nichts, womit ich sie desinfizieren kann und gieße Wasser darauf. Der Wolfshund bleibt still und steht lange so da ohne sich zu bewegen. Er weiß, dass der Mensch ihm Gutes bringt, und die Fliegen Böses. Und er wählt den Menschen.

Ich weiß nicht, was wir hier sehen wollten. Wen finden. Vielleicht schöne Naturaufnahmen. Vielleicht uns selbst. Denn irgendwo hat das alles begonnen.

Ich versuche mich nicht an Faruch zu erinnern. Ich erinnere mich lieber an die Wolfshunde.

Ich weiß nicht, was in seinem Kopf geschieht und welche Erinnerung ihm öfter heim sucht. Sieht er seinen Sohn, den er mit den Hinterreifen überfährt?

Ich sehe dieses Bild ganz klar vor mit, denn ich bin eine Künstlerin, ich sehe vieles. Doch ich erkenne auf dem Bild nicht Faruh. Hinter dem Steuer jenes astwagens sitzt ein anderer Mensch, der dem Alten nicht ähnlich sieht, welcher sich zwischen den Bäumen, im Haus aufhält.

Ich stelle mir vor, welches Bild daraus entstanden wäre. Ich sehe Faruh in der Wüste. Einen kleinen Punkt in der schwarzen Endlosigkeit. Weiß, gelb, rot. Welche nun? Welche Farbe muss dieser Punkt haben? Gelb wie die Sonne? Weiß wie der Mond? Rot wie das Blut? Das weiß ich nicht. Ich sehe keine Farbe. Doch ich höre.

Ich höre, wie er schreit, und die Wüste horcht hin und will ihn nicht annehmen.

Und mir scheint, ich sei überzeugt davon, dass ich niemals dieses Bild malen werde.

Ein Kommentar zu “Alina Gatina: „Seele und Wüste“

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