Die Stadt erwachte langsam. Sie liebte diese morgendlichen Stunden, wenn auf den Straßen keine Menschen und Autos sind. Mit einem herrschenden Blick bedeckte sie das ganze Ufer. Nichts gewöhnliches, nur einsame Angler.
Im Westen gingen die Feuer des Turmes an. Die Stadt hatte noch nicht entschieden, ob dieser ihr gefällt. Nun, er leuchtet schön. „Gut ausgedacht – das Lichtspiel! So klar. Genau das, was ich jetzt brauche“, dachte die Stadt. Mit jedem Tag fühlte sie immer mehr, dass sie sich der herbstlichen Schwermut unterwirft. „Es wäre toll, in den Winterschlaf zu fallen, wie ein Bär und bis zum Frühling zu verschwinden!“, dachte sie traurig. Doch das kann nicht passieren…
Wer wird dann den Engel bewachen auf der Festung, der Lausejunge wartete nur auf den passenden Moment, um seinen Dienst zu verlassen. Dazu muss man noch etwas mit dem Fluss und der Bucht anstellen. Letztes Jahr gab es gar kein Eis. Und die Kinder konnten deswegen keine Schlittschuhe fahren. Wo gibt es denn so etwas: Im Winter weder Schnee noch Eis! Denn die Stadt liebt es, die Kinder beim Schlittschuhlaufen zu beobachten. Man hat jedoch so viel zu tun momentan, da bleibt einem keine Zeit, sich der Schwermut hinzugeben.
Auf einmal spürte die Stadt eine trübe Sorge. Sie lief gedankenverloren mit dem Blick auf die Brücken des Ufers, auf die Straßen. Stopp. Was ist das?
Auf dem Geländer des neuen Südufers, genau gegenüber des Turmes, saß sie. „Es ist zu spät für Spaziergänge. Was macht sie hier so alleine, ist doch noch ein Kind, wahrscheinlich nicht älter als vierzehn“, dachte die Stadt.
„Warum bist du hier zu dieser Tageszeit so ganz allein?“, wiederholte eine junge Frau wie ein Echo die Gedanken der Stadt und näherte sich dem Geländer, wo ganz am Rand das Mädchen saß. Dieses blickte sich erschrocken um.
Vor ihr stand eine junge Frau. Ihr Gesicht hatte einen freundlichen Blick und strahlte Geborgenheit aus. Auf ihrer Schulter hing ein Malkasten. Doch sie kann sich nicht der Fremden anvertrauen, sei sie auch eine Künstlerin.
„Was geht es Sie an?“, fragte das Mädchen herausfordernd. Es sah so aus, als ob sie die Tapfere spielte.
„Du hast recht. Bloß ging ich so entlang des Ufers und das sah ich dich. Und da wollte ich wissen, was du hier so ganz alleine machst.“
„Ich bin von zuhause weggelaufen“, sagte das Mädchen kaum hörbar. Der Eifer war verschwunden und man sah einfach nur eine einsame Jugendliche, die sich so sehr an jemanden lehnen wollte.
„Ich verstehe. Mein Name ist Marina. Und deiner?“
„Sveta“, antwortete das Mädchen sehr leise.
„Darf ich mich zu dir setzen und du erzählst mir alles?“
Sie fanden eine Bank im Park neben dem Ufer. Marina stellte keine Fragen, sie wartete ruhig. Und das Mädchen begann zu erzählen.
„Wissen Sie, noch vor einem Monat lebte ich ein ganz anderes Leben, in Moskau. Bis man die Eltern wegen der Arbeit hier her versetzte. Dort blieben meine Freunde, eine gute Schule, Gitarrenunterricht und die Kunst. Und nun lebe ich in dieser doofen Stadt, wo es ständig regnet, ich habe keine Freunde, die Schule ist hier ganz anders. Die Klassenkameraden irgendwie blöd und die Lehrer nerven. Nach der Schule hatte ich vor, mich in ein Kunstcollege einzuschreiben. Ich hatte ein ganzes Leben, und nun…Nun habe ich es nicht mehr. Ich wartete so lange auf die Ferien, hoffte, nach Moskau zu fahren, doch die Eltern ließen mich nicht.
Sveta schwieg wieder und versuchte ihr Schluchzen zu unterbrechen. Marina umarmte ihre zitternden Schultern. Sie bemerkte, dass das Mädchen sich dringen aussprechen musste.
„Wissen Sie, was das aller traurigste ist? Die Eltern fragten mich nicht einmal, ob ich umziehen wollte! Sie stellten mich einfach vor die Tatsache. Warum halten sie mich für klein und fragen mich nicht, was ich denke? Ich hasse sie dafür!“, schrie Sveta. „Deswegen ging ich von zuhause weg. Ich dachte: ich gehe weg, und sie verstehen, dass es mir schlecht geht und wir kehren wieder zurück. Und dann erinnerte ich mich an Mamas Gesicht…Und ich wollte so sehr ihre Stimme hören! Ich nahm das Handy, um sie anzurufen und es fiel ins Wasser.“
Sveta weinte und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
„Sveta, es kommt vor, dass die Eltern sich manchmal irren. Weißt du was? Lass uns ihnen eine zweite Chance geben? Ich begleite dich nach hause und spreche mit ihnen. Ich werde ihnen alles erklären.“
Sveta nickte schluchzend. Marina schlug vor, bevor das Mädchen es sich anders überlegte:
„Und auf dem Weg erzähle ich dir etwas über unsere Stadt. Glaub mir, wenn du mehr darüber erfährst, wird sie dir nicht so unerträglich vorkommen. Ich komme oft hierher, um den Sonnenaufgang zu malen und wenn du magst, können wir nächstes Mal gemeinsam hier her gehen. Übrigens, ich unterrichte in einem Kunstlyzeum. Dieses ist ganz einzigartig, das Johanneslyzeum.“ Marina blickte lächelnd auf Sveta und sie begaben sich zum Ausgang.
In diesem Augenblick wurden auf dem Turm die Lichter angemacht. Schillernde Streifen Lichts änderten ihre Farbe und verschwanden in den Wolken, hinter welchen sich fast die Hälfte des Turmes versteckte. Sie umhüllten den Turm mit einem bunten Nebel. Sveta blickte sich um und bewunderte das Lichtspiel. „Schön! Wir müssen zurückkehren und ein Aquarell malen“, dachte sie.
Die Stadt atmete zufrieden aus. Wie gut, dass er Marina den Ort empfohlen hat, wo man einen schönen Blick auf den Sonnenaufgang hat. „Ein gutes Mädchen, so talentiert, sie wird meine Portraits mit Erfolg zeichnen“, dachte die Stadt. „Gut, dass man dieses Ufer ausgebaut hat. Und auch der Turm stört nicht.“ Die Stadt erblickte noch einmal das Südufer, lief mit dm Blick an der Neva vorüber und blinzelte dem Engel zu. Ein neuer Tag begann.