Mariya Deykute: „Gänse-Schwäne“ Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/20/children/mariya-deykute/rasskazy/198

Juljana-Jula, warum bist du hier her gekommen? Bist doch schon ein heiratsfähiges Mädel! Heult der Wind? Hast du Angst? Sei doch leise, wecke nicht den Großvater. Hier, halte dies. Passe gut drauf auf, das hat dein Urgroßvater gemacht, er war Meister im Tischlern. Es wird dich nicht im Stich lassen. Glaubst du mir nicht? Nun gut, gehe zur Großmutter, geh. Ein Geheule! Ein Schneesturm und das Schneegestöber heiraten im Himmel, und für uns bleiben Schneehaufen und Schneespitzen. Doch uns geht es gut! Du hast dich unter meine Decke verkrochen – mir ist ganz warm, und du findest Ruhe. Dein Mütterchen schläft, der Vater auch, die ganze Stadt träumt vom Frühling. Stelle dir nur vor, wie irgend ein obdachloses Wesen auf Umwege gerät. Das Schneetreiben umschlingt die Pfoten, von der Kälte zieht sich das Zahnfleisch zurück – nur die Sterne froren am Himmel an, als hätten die Engel gespuckt.

Was kicherst du, bist doch schon groß, kreise nicht um mich. Höre zu. Erinnerst du dich an Baba Jaga? Brav, gut, dass du dich erinnerst. Obwohl die Baba Jaga eine echte Hexe ist, so hat sie doch ein Haus, wie jedes andere Weib. Die Hütte auf Hühnerfüßen, Schädelchen auf dem Zaun, eine Banja und einen Ofen und ein Knäuel Wolle – ja, und die Gänse-Schwäne, natürlich. Doch habe ich es dir bisher nicht erzählt, dass die Gänse-Schwäne keine gewöhnlichen Vögel sind, sondern verzauberte Kinder, die niemand braucht. Wie, die niemand braucht? Oj, Juljanka…Die ohne Familie sind, die kein Glück hatten, eine Familie zu haben. Die Stiefmutter schickte Vaselisa in den Wald, auf Vanjusha hat das Schwesterchen nicht gut aufgepasst. Solcher Menschen hat sich die Baba Jaga angenommen – sie fliegen Jahrhunderte lang durch den Himmel, warten darauf, dass diese Welt wärmer und freundlicher wird. Deswegen hat die Baba Jaga mit dem Hergott selbst einen Vertrag darüber, dass einmal im Jahr, an dem kürzesten Tag, sie ihre Findlinge in die Welt der Menschen gehen lässt. Nur verwandelt sie diese nicht in Gänse und nicht in verlorene Kinder, sondern in einsame Ungeheuer, die niemand braucht – mal in ein Bären mit Flechte, mal in eine verwahrloste Elster. Wenn diese in jener Nacht in ein Haus zum Essen eingeladen werden und man ihnen ein Bett zum Schlafen gewährt, dann ist die Welt freundlicher geworden zu den wandernden Ungeheuern. Dann verwandelt sich das Tier bei Sonnenaufgang in ein Kind und dieses kann nun in Frieden leben.

Denkst du ich rede Unsinn? Höre weiter zu. Ich erinnere mich nicht genau an jenes Jahr, doch ich weiß, dass es ein schlimmes Jahr war. Ja und das Vieh – nur Haut und Knochen und hungrige Augen. Die Menschen im Land nagten am Hungertuch und standen nur dann auf, um den Gürtel enger zu binden. Und hier ein Dörfchen. Ein paar Häuser und in einem davon lebt ein Mann. Trübsinnig, ein Misanthrop. Er verscheuchte die Kinder, beleidigte die Weiber und besuchte nie Feste. Man machte Witze über ihn, er sei in einem Schlafrock zur Welt gekommen, den er verkehrt herum anhatte. Urteile selbst: er wollte heiraten – man nahm ihm sein Weib weg. Dachte, er fährt nun in die Stadt, da fiel er vom Pferd und brach sich ein Bein. So lebte er weiter in seiner Hütte, mit etwas Land und einem alten Pferd…

Er war ein Meister im Tischlern – zimmerte Geschirr, Möbel und witzige Figuren. Des nachts schlief er meistens nicht, irrte durch das Dorf und seine Seele gab ihm keine Ruhe. Mal, Juljanka, plagte sein Herz die nicht verschwendete Liebe. Es gibt nichts schlimmeres als wenn ein Mensch für die Liebe geschaffen ist, doch diese in sich verschließt und absperrt – und die Liebe drückt im Inneren, gährt vor sich hin wie ein Fass mit Gurken.

Schon wieder lächelst du. Du solltest schlafen, Schöne. Interessiert es dich? Hast du die Großmutter vermisst? Doch höre zu, höre zu. Und auch in jener Nacht irrte der Mann durch das Dorf. Er hatte Hunger und konnte nicht zur Ruhe kommen. Streifte so umher, war verärgert, ging in seinem Kopf die Lebenskrisen durch. Der Wind heulte nicht wie jetzt, es war eine stille Nacht, mondlos, kalt, sogar die Hunde schwiegen, zitterten in ihren Buden. Doch da, plötzlich! Zuerst schien ihm, dass ein Wind den Schnee aufwirbelte. Er schaute genauer hin – ein Wolfsjunges. Nicht älter als ein Jahr, ganz kränklich, nur Haut und Knochen, das Fell blass. Waren es Geschwüre auf seinem Körper, Eiterwunden auf dem Hals…Nur die Augen – schlau, oder? Klar. Der Mann blickte und blickte auf das Wolfsjunges, und ab nach hause. Die Zeiten sind doch hart für uns alle und hier ein wildes Tier noch dazu. Man schaut, vielleicht ist er nicht alleine, ist vielleicht das Rudel in der Nähe. Er ging und das Junges ihm nach. Er ging schneller – er lief. Und da kam Wind auf, heulte los. Doch dem Mann war nur nach Laufen zumute.

Findest du es seltsam, dass er vor einem Wolfsjungen Angst hatte? Das ist eine schlimme Sache, Juljanka, ein krankes Tier zu treffen, dazu noch neben den Behausungen von Menschen. Das bringt nur Leid, Schmerz und Schwäche – das wusste der Mann seit seiner Kindheit. Da lief er nun, obwohl die Beine schwach waren. Er erreichte die Hütte, sprang auf die Vortreppe, riegelte die Tür ab, lehnte sich an den Tisch – das dreht einem die Seele um. Und hinter dem Fenster mit Raureif – das Wolfsjunges. Es stellt sich auf die Hinterpfoten, möchte seinen Kopf in den kleinen Zaun stecken. Der Mann fand wieder zu sich, heizte den Ofen. Wenigstens etwas heißes Wasser trinken, dachte er. Und der Wolf war immer noch da. Seit einer halben Stunde. Seit einer Stunde. Und dem Mann wurde unheimlich, irgendwie traurig, bis zum Tod traurig. Er, den niemand braucht, sitzt wenigstens in der Wärme, und das Ungeheuer lungert am Zaun herum.

Wolf hin oder her, niemand braucht ihn. Er wird erfrieren und das wird das Gewissen des Mannes plagen. Soll sich der Wolf wenigstens wärmen, wenn er möchte. Nun vielleicht zerfleischt er ihn. Dann wird wenigstens jemand in dieser Nacht satt. Doch er hatte keine Angst vor dem Wolfsjungen. Seine Augen waren so klar.

Denkst du der Mann war irrsinnig? Ja, vielleicht, Juljanka. Hunger und Trübsinn stellen noch schlimmere Dinge an. Kurz oder lang, der Mann öffnete die Tür zur Hütte und dann das Tor im Zaun. Er sprach zum Wolf, dieser solle eintreten. Wärme dich auf. Ich habe nichts zu essen, nur einen trockenen Apfel und etwas heißes Wasser. Doch du bist wenigstens im Warmen. Er dachte, das Wolfsjunges würde weg laufen. Doch es blieb – es kroch zum Ofen. Der Mann bemerkte nun seine Flechten. Doch was soll’s? Er teilte den Apfel in zwei Stücke, gab dem Gast heißes Wasser zu trinken. Und das Wolfsjunges hält sich kaum auf den Beinen.

Dann atmete der Mann aus, legte eine alte Decke neben den Ofen und wies den Wolf zu seinem Platz – hier ist deine Schlafstätte. Und er selbst kurz vor dem Einschlummern. Was tun – er bekreuzigte sich und kletterte auf den Ofen. Schlaf, mache keinen Unsinn. Gott behüte uns. Und er schlief ein.

Morgens wachte er auf – Muttergottes! Neben dem Ofen schläft ein kleiner Junge, von neun oder zehn Jahren. Der Mann weckte ihn und der Junge berichtete ihn von der Baba Jaga und den Gänse-Schwänen, und von seinem Leben. Der Mann hörte, hörte, nickte. Erhitzte noch mehr Wasser uns sprach – wenn es so ist, dann bleibe bei mir. Ich habe keine Frau und nichts zu Essen, doch schaue, der Frühling kommt – alles ist besser als wie ein Vogel im himmel zu fliegen.

So lebten die beiden – der Mann war von seinem Leid befreit, als hätte ihn das Weihwasser erlöst. Er begann an den Abenden zu singen und dem Jungen sein Handwerk beizubrigen. Sie lebten glücklich – so wurde auch das Dorf vom Glück erfüllt. Zuerst langsam. Mal fand jemand in seinem Keller einen Sack voll Mehl – obwohl gestern noch nichts da gewesen war…Jemand schoss auf der Jagd ein Reh – groß und breit, solche gab es normalerweise nicht in diesen Breiten…So schaffte man es mit einfachen Wundern bis zum Frühling, und da kam auch die Ernte – wundervoll.

So war es, bis wichtige Leute kamen, um hier eine Stadt zu bauen. Hier leben wir nun, Juljanka, weben unsere Nester höher als jeder Vogel. Nun, was soll’s? Habe ich dich verwundert mit dem Märchen? Ach, du schläfst schon – schlafe, schlafe, hüte dein Geschenk. Höre nur wie der Wind heult.

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