Nina Trox: „Der alte Mann“

Dieser seltsame Alte tauchte im Park vor ca. drei Monaten auf. Sein blasser Mantel hatte früher mal die Farbe von Milchkaffee, nun hat er einen Gelbton von altem Papyrus mit hellbraunen Linien an manchen Stellen. Der alte Mann hat ihn nie zugeknöpft und ließ die Vorbeigehenden auf seinen dunkelblauen Blazer blicken, mit vor Alter speckigen Rändern, das schneeweiße Hemd, dessen Knöpfe alle zugeknöpft waren und die schwarze, mit Streifen gebügelte Hose.

Seine braunen, abgetretenen Schuhe erinnerten an zusammengeschrumpfte Birnen in dem welken Gras des Herbstgartens. Der dunkle, abgetragene Hut war etwas zu groß und hing bis zu den Ohren, deswegen musste er diesen öfter heben. Doch das reizte den Alten nicht. Im Gegenteil, er hob den Hut mit Vergnügen und grüßte damit die Vorbeigehenden und Kinder, die lächelten als sie ihn erblickten. Er lächelte zurück, stellte die Füße nacheinander auf, ging weiter die Allee entlang, etwas gebeugt und den Kopf zur Seite geneigt.

Es war zu sehen, dass sein Alter ihn anstrengt, die Bewegungen des welken Körpers nur mit Mühe verursacht. Warum auch immer, doch man stellte sich vor, dass er in seiner Jugend gerade und schön war, wie ein braver Offizier mit einem selbstsicheren Gang. Nun hat die gnadenlose Zeit ihn ausgetrocknet.

Die Alle war zu Ende. Er verließ den Park und ging, den Trottoir entlang, vorbei an den Häusern, bis zur kleinen Kreuzung. Er wartete auf die grüne Ampel, ging auf die andere Seite der Straße und betrat durch den kleinen Hof das Treppenhaus eines Fünfetagenhauses. Die schwachen Beine stiegen nur mit Mühe die endlosen Treppen in die dritte Etage. Die Tür, der Schlüssel wird umgedreht. Der alte Mann, ging, ohne sich auszuziehen, durch den Flur in das Zimmer. Durch die halb geöffnte Tür sah er sie.

Sie saß wie gewohnt am Fenster. Ihr graues Haar, zusammengebunden zu einem Dutt, schimmerte im Licht der untergehenden Sonne wie Kupfer, und einige Strähnen leuchteten wie Feuer in dem Licht, das durch das Fenster fiel.

Ihr bescheidenes Kostüm bestand aus ihrem geliebten, cremefarbenen Tuch mit blass-rosa Blüten, das auf ihren Schultern lag, einem weißen Kleid mit blauen Punkten, hellbraunen Strümpfen und blauen Hausschuhen.

Er näherte sich leise, setzte sich auf den Stuhl neben ihr und nahm den Hut ab. Dann nahm er ihre Hände, die auf den Knien lagen, in seine und küsste sie. Sie erzitterte vor Überraschung, und dann, lächelnd, schmiegte sie sich an seine grauen Haare. Weiter lächelnd, neckte sie den Alten dafür, dass er sich wieder leise angeschlichen hat, und begann zu erzählen , was an dem Tag geschah.

Die Tochter rief an und erkundigte sich nach ihrer Gesundheit. Die Nachbarin Farida bot ihr Baursaki an und Marmelade aus wilder Erdbeere. Serjezhenka bekam die Rolle in irgend einem Film und der Leiter der Kunstschule hat ihn nur mit Bedauern zu den Aufnahmen geschickt. Das Wetter ist ungewohnt warm für Mitte Oktober. In den nächsten Tagen wird sie den Pullover zuende stricken. Und der Kopf dreht sich wieder, die Tabletten helfen nicht. Und noch vieles andere, was wichtig und bedeutend ist.

Der alte Mann hörte aufmerksam zu, nickte, manchmal fügte er einige Worte hinzu, dann erzählte er wortkarg über seine Neuigkeiten.

Es dämmerte und die Alten saßen immer noch da und sprachen. Schon leuchtete der erste Stern am Nachthimmel und die Scheibe des Mondes zeigte ihre Ecke, als sie begannen sich zu verabschieden.

Der Alte stand auf und blieb einige Sekunden stehen, als ob er sicher gehen wollte, dass die Beine sein Gewicht tragen können. Er nahm den Hut von der Fensterbank und blickte, die Augen etwas zusammengekniffen, auf seine traurig gewordene Gesprächspartnerin. Dann streichelte er sie zärtlich auf den Kopf, küsste sie auf die Krone, richtete ihr Tuch, das leicht von den Schultern fiel und sagte, sie solle brav sein, ihre Tabletten trinken, gut essen und auf Sergej hören.

Sie gab ihm das Versprechen, es zu tun und bat ihn, öfter zu kommen. Sie atmete tief aus und bedeckte den Mund mit einer Ecke des Tuches. Der Alte küsste sie nocheinmal und begab sich zur Tür. Sie blickte ihm nach, die Tränen zurückhaltend.

Er ging durch den Flur, machte die Eingangstür auf, machte ein paar Schritte auf der Stelle, machte die Tür zu, drehte sich um und ging nach links, den Flur entlang zum Badezimmer. Er schloss vorsichtig die quietschende Tür hinter sich, nahm unter der Badewanne schnell eine große Tasche hervor, nahm aus dieser Sachen heraus und begann sich auszuziehen. In Unterhose ging er zum Spiegel. Aus dem Spiegel blickte ihn ein grauhaariger, alter Mann an, mit tiefen Falten, einer großen Nase, einem schütteren Bart und müden Augen. Er bedeckte seine Schläfen mit den Händen und erinnrte sich an das heutige Gespräch mit Ljuda.

„Wie lange möchtest du das noch machen?“, sagte sie und stellte die Gläser auf den Tisch.

„So lange es nötig ist. Ich kann nicht anders. Wenn ich mich daran erinnere, wie sie tagelang so da saß und vor und zurück schaukelte, sein Hemd in ihren Händen…das ist unerträglich…ich kann nicht anders.“

Er machte die Augen auf, atmete aus, begann Augenbrauen und Bart abzukleben, die Perrücke abzulegen, die massive Silikonnase. Mit einer Servierte begann er von dem Gesicht die Schminke abzulegen.

„Das ist doch alles Lüge. Glaubst du, sie versteht das nicht?“ Ljuda brachte mit scharfen Bewegungen die Grundlage auf sein Gesicht und schattierte damit den Hals.

„Ich weiß nicht, wie ihr Bewusstsein funktioniert und was darin geschieht. Doch eines weiß ich – es geht ihr besser und sie lebt“, antwortete er, demütig alle Manipulationen seines Gesichtes ablegend.

„Du hast bereits zwei gute Vorschläge abgelehnt. Du wirst deine Karriere ruinieren“, konte sich Ljuda nicht beruhigen.

Er schwieg. Ljuda blickte auf die Fotografie, die auf dem Tisch lag, legte die Schattierungen auf, mit Hilfe von Farben verursachte sie den Effekt eines alten Geischtes, dann malte sie mit Farben mimische Falten, damit die Haut natürlicher aussah. Er saß da und schaute in den Spiegel des Schminkraumes, bereits das wie vielte Mal spürend, dass er sich in diesen Falten auflöst und sich in Ihn verwandelt.

Er nahm also die Schminke ab, wusch sich, zog sich die Jeans an, das Hemd, eine leichte Jacke, und Turnschuhe. Dann legte er die ausgezogene Kleidung akkurat in die Tasche. Er verließ leise das Badezimmer, ging zur Eingangstür, machte sie auf und schloss sie wieder. Dann zog er die Schuhe aus, stellte die Tasche daneben, hing die Jacke auf und ging in das Zimmer.

Er näherte sich leise der Alten, die gerade im Licht einer Lampe las, und küsste sie auf die Wange.

„Oj, Serjezhenka!“, zitterte diese. „Wie der Großvater schleichst du dich heimlich an!“

„Ja?“, fragte er gespielt.

„Mischenka war heute da, erzählte, dass Murzik schon wieder ein Würstchen vom Tisch stibizte.“

„Ich bin froh, dass er da war…“

„Und noch…“, und sie begann ihm von dem Tag zu berichten.

Sergej stand da, lehnte sich an die Fentserbank und hörte seiner geliebten Großmutter zu. Für einen Moment dachte er nach und erinnerte sich an die letzte Phrase Ljudas, als er den Schminkraum verließ.

„Denkst du nicht, dass es unmenschlich ist, sie zu belügen?“

Sergej schwieg einige Sekunden und antwortete dann.

„Nein. Ich will einfach, dass Seine Liebe lebt.“

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