Im Himmel öffnete sich ein Abgrund. Die Stadt wurde von einem Tränensturm bedeckt. Der Schirm hielt es nicht aus, ich war fast ganz durchnässt. Was tun? Bis zum Treffen mit der Freundin blieb noch eine Stunde und ich beschloss in die Kirche zu gehen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich es nicht gerade mag, unsere Kirche zu besuchen. Unsere, nenne ich sie deshalb, weil ich mich für orthodox halte. Ich halte mich dafür, doch weiß ich nicht, ob ich es bin.
Ich verstehe vieles nicht von der Kirche und kann vieles von ihr nicht annehmen. Schöne Aufschriften auf den Wänden, die über das Leben und das Leiden von Heiligen erzählen, grenzen an böse, trübe Gesichter von alten Frauen, die nichts tun außer die Besucher mit ihren Warnungen zu nerven.
Die Höhe und Harmonie der Architektur steht im krassen Gegensatz zu den dicken, langbärtigen Popen. Sogar während des Großen Fastens sind die Gesichter der Diener Gottes so, als ob sie gerade den Tisch verlassen hätten, der mit gar nicht so geschmackloser Fastennahrung gedeckt war.
Ich habe nie das Wort „Gottesfurcht“ verstanden. Warum sollen wir vor demjenigen Angst haben, der uns das Leben geschenkt hat? Er nahm den Weg der Wiedergutmachung für unsere Sünden und wir danken ihm mit Furcht. Das ist jedenfalls nicht logisch. Und dieses anstrengende Stehen innerhalb mehrer Stunden während des Gottesdienstes. Die alten Frauen stehen, Kranke stehen, ja selbst wenn die Gesunden stehen, sind die Gedanken nicht mit dem Gebet beschäftigt, sondern mit den Schmerzen in den Beinen und im Rücken.
Und dann denkt man nicht mehr an die Wiedergutmachung der Sünden, sondern daran, wann das alles endlich ein Ende hat. Und außerdem, was macht es Gott aus, ob ich Hose oder Rock trage, ob mein Kopf bedeckt ist oder nicht. Ich erschien zum Gottesdienst, und das zählt.
Im Gegensatz zu der Orthodoxen Kirche, gefallen mir katholische Kathedralen. Kein Menschenandrang. Lange Reihen von Bänken. Hier kann man sich hinsetzen, in Gedanken verweilen, Gott ehren, ruhig beten und sich selbst zuhören und seiner Seele. Geheimnisse der Beichte in einem extra dafür vorgesehenen Raum preisgeben. Und nicht so wie, wenn hinter dir eine lange Schlange steht und sich deine Sünden anhört, die du so leise wie möglich, dem Popen ins Ohr flüstern willst. Un er nickt, runzelt die Stirn und antwortet: „Bete, Kindchen!“ Hat er dir zugehört? Die hinter dir Stehenden haben es sicher gehört, sonst würden sie nicht so verdächtig lächeln und dich von Kopf bis Fuß anblicken. Das ist nicht die Befreiung von Sünden, sondern Unhöflichkeit und Erniedrigung.
Wozu soll man dann kommen, wenn man Ruhe und Frieden braucht?
Ich verstehe nicht das Küssen von Ikonen und Händen, das Umkreisen des Altars, das alles erinnert an Heidentum. Und das ist ein depremierendes Gefühl von Trübsinn und Trauer. Keine erhöhte, erleichternde Gnadengabe, sondern eine beklemmende Nervosität.
„Kämmen Sie sich!“ Neben mir stand eine kleine alte Frau, ganz in Schwarz, mit nervös blickenden Augen.
„Entschuldigen Sie, was?“, fragte ich.
„Kämmen Sie sich!“, wiederholte sie und erhob ihre Stimme.
„Nein, danke. Ich will nicht“, antwortete ich und drehte mich in Richtung des Altars, wo ein Pope mit dem Kränzchen das heilige Wasser auf die Besucher versprühte.
Plötzlich fühlte ich einen Schmerz etwas über dem Ellenbogen. Die Alte drang mit ihren zähen, dünnen Fingern in meinen Arm und begann mich in Richtung Altar zu ziehen.
„Du musst dich kämmen.“
„Ich muss gar nichts. Lassen Sie mich in Ruhe“, ich riss meinen Arm von ihr weg und ging zur Seite.
Ich fing mit einem Seitenbick den bösen Blick der nervigen Alten. Diese stand noch eine Weile so da, murmelte etwas und näherte sich der Ikone des Heiligen um die gelöschten Kerzen aufzusammeln.
Ich blickte auf die Uhr, es blieb noch eine halbe Stunde. Das Donnern hörte man sogar durch den Gesang des Kirchenchors. Jemand sang falsch den hohen Sopran, das störte beim Hören.
Als ich auf die brennenden Kerzen schaute, erinnerte ich mich daran, wie wir den Vater beerdigten. Man zündete ständig meine Kerze an, die Hände zitterten, und sie erlosch wieder. Ich erinnere mich schwach daran, was damals geschah. Ich erinnere mich nur an das Flackern der Flamme und an die Tränen, überall Tränen und dunkle Figuren.
„Das ist nicht so traurig wie sie denken“, vor mir stand ein nicht hoher Mann von ca. vierzig Jahren. Ein dunkelblauer Mantel ohne Knöpfe reichte ihm bis zu den Knöcheln. Unter dem Mantel ein helles Hemd mit rosa Streifen, dunkle Hose und sehr saubere, schwarze Schuhe. Er drehte sich und stellte sich rechts vor mich.
„Palmsonntag ist ein Fest zu Ehren Gottes bei seinem Erscheinen in Jerusalem.“ Seine leise, schmeichlerische Stimme beruhigte mich. „Christus wurde bei dem Stadttor von Tausenden von Menschen empfangen, die seinen Weg mit Palmblättern auslegten. In Russland tauschte man die Palmblätter durch Weidenzweige aus. Die Weiden waren immer das Zeichen des ersten Frühlingserwachens nach dem Winter.
An diesem Tag darf man das Fasten etwas abschwächen, man darf Fisch, Kaviar essen und Wein trinken. Danach kommt die Karwoche. Zu dieser Zeit fasten die Glaubenden wieder und bereiten sich auf das wichtigste, orthodoxe Fest vor – Ostern“, er zog die Worte und der gelernte Monolog ähnelte einem Lied.
Erst als er zu sprechen begann, bemerkte ich, dass viele Menschen in ihren Händen Weidenzweige hielten. Und der Pope segnete sie feierlich mit dem Kreuz.
Ich drehte mich zu dem Unbekannten.
„Sind Sie ein freischaffender Konsultant für Kirchenfeste?“, bemerkte ich zynisch.
„Nein. Ich habe alles selbst gesehen.“
„Was gesehen?“, verstand ich nicht.
„Wie Jesus Jerusalem betrat“, antwortete er gelassen.
Ich schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an und dachte: „Angekommen.“
Ca. zehn Sekunden blickte er auf mich, ohne seinen Blick abzuwenden und sagte: „Ich habe einen Witz gemacht!
Sie fühlen sich hier unwohl? Ungewohnt? Ich hatte auch mal solche Gefühle. Ich ging nie zur Kirche. Ich konnte das schwankende Räuchergefäß nicht ausstehen. Mir wurde übel vom Weihrauchgeruch.“
„Warum sind Sie dann jetzt hier?“, fragte ich neugierig.
„Ich sagte, doch, mal. Jetzt ist alles anders. Jetzt ist das alles nicht für mich.“
Ich wollte fragen, was sich jetzt verändert hat, doch jemand berührte meine Hand. Ich drehte mich um. Ein kleines Mädchen von ca. fünf Jahren zog mich am Ringfinger, auf dem ein Ring steckte, den sie abnehmen wollte.
„Was machst du da, Kleine?“, fragte ich lächelnd.
Das Kind blickte mich mit seinen blauen Augen an, blinzelte, ließ meinen Finger los und lief zu dem Haufen der jungen Frauen, die neben der Ikone der Gottesmutter standen.
„Ja, also warum haben Sie jetzt…“, ich sprach nicht zu Ende. Neben mir war niemand.
Der Fremde war verschwunden. Ich versuchte ihn mit meinem Blick zwischen den Leuten zu finden, doch ich fand ihn nicht. Wie spät ist es? Ich schaute auf die Uhr. Gerade genug Zeit, um das Cafe zu erreichen. Als ich bei der Tür war, bemerkte ich einen dunkelblauen Mantel oder schien es mir nur so. Ich ging auf die Vortreppe, machte den Schirm auf und ging auf dem nassen Asphalt mit dem Gefühl von Unverständnis und Fremdheit.
* * *
Meine Freundin und ich saßen draußen unter einer roten Markise, wodurch alle Gegenstände und Kleidung eine rote Schattierung bekamen. Irischka quatschte ohne Unterbrechung darüber, dass Paschka, ihr Mann, sich in letzter Zeit seltsam verhält. Er verschwindet ständig irgendwohin. Und gestern ließ er sie wissen, dass er sehr müde war und vor dieser Stadt fliehen will, vor ihren Autos und Menschen. Dass es noch zu früh ist, um Kinder zu bekommen. Noch ist mit der Karriere nicht alles in Ordnung, und die Wohnung ist zu klein. Und die Preise, monströs. Ich hörte ihr zu mit dem Gefühl einer hängenden CD. Die Melodie war dermaßen zerfressen, doch wegen einem unbekannten Grund musste ich ihr dennoch zuhören.
Es hörte nicht auf zu regnen. Die Markise beugte sich unter dem schweren Wasser. Und die Kellner gingen mit Schrubbern umher, die sie in die Luft hoben und das Wasser von einer Einsenkung in die andere schoben. Und dann, wenn sie den Rand erreichten, strömte der Wasserfall auf den Bürgersteig.
Tauben, die frech waren und nicht nass werden wollten, spazierten zwischen den Tischen und sammelten Essensreste auf.
Ich versuchte mich an das Gesicht des Fremden zu erinnern, doch es klappte nicht. So etwas geschieht oft, wenn du abrupt aufwachst, und im Gedächtnis nur ein Bild übrig bleibt, verschwommen und neblig, obwohl du das Gefühl hattest, den Menschen sehr genau betrachtet zu haben.
„Marischa, Marischa!“, ich wachte auf von der Starre. „Marischa, was ist mit dir? Ich erzähle und erzähle. Und sie, als hätte man sie vom Kreuze geholt, schaut auf einen Punkt und schweigt.“
„Ja, heute in der Kirche“, Irina ließ mich nicht ausreden.
„Übrigens apropo Kirche. Nataschka Petruhinas Jegorushka wird nächsten Samstag getauft. Was ein Name. Sie lud mich zur Taufe ein. Kommst du auch? Ihr Angebeteter will ein Fest veranstalten. Wohin sonst mit dm Geld?“ Ich hörte ihr zu und nickte als Antwort, doch meine Gedanken schienen sich wie in einer Flüssigkeit aufzulösen. Eine Vielzahl von unklaren Bilder wechselte sich ab mit der monotonen Stimme des Fremden, und ich stellte mir vor, wie die Flammen von Tausenden von Kerzen zu einer Flamme werden und sich in die Höhe, in die Kuppel des Klosters bewegen. Für ein paar Sekunden war ich nicht einmal imstande zuzuhören. Doch der Kellner brachte Tee, stellte die Tasse mit dem Unterteller so ab, dass das klirrende Geschirr mich erzittern ließ.
Irina fuhr mit dem Reden fort. Ich blickte auf die Uhr und nicht ohne Freude verkündete ich der Freundin, dass ich in die Redaktion müsse. Sie zog eine unzufriedene Grimasse und sagte, wir hätten kaum gesprochen und ich sollte noch viel erzählen. Ich sagte, dass wir es beim nächsten Mal nachholen, wir küssten uns zum Abschied und jeder ging zu seinen Angelegenheiten.
***
Die Routine und die Arbeit fingen mich ein. Die alltägliche Hetze, Interviews, Artikel, Präsentaionen – journalistische Routine. Mein armer „König Arthur“ sieht mich gar nicht mehr zuhause. Und er wird nicht müde zu fragen: „Wann verlässt du deine Arbeit?“ Ich antworte, dass ich sie nie verlasse und gehe in die Küche um das späte Abendessen vorzubereiten.
In den letzten Monaten bin ich allem und jedem irgendwie kühl gegenüber geworden. Vielleicht weil es draußen kälter wurde und die Gefühle einfroren. Wie eine Maschine gehe, sitze, schreibe, schlafe ich. Alles läuft nach einem Automatismus, weder Farben, noch Freuden.
Arthur bekam eine Gehaltserhöhung und deutet ganz vorsichtig an, dass er sich ein neues Auto kaufen möchte. Ich mache den Anschein, als ob ich nicht wüsste worum es geht.
Bereits seit zwei Wochen schreibe ich an dem Artikel „Darüber, was danach kommt.“ Der Redakteur hat meine ganze Seele herausgeschleudert, und ich habe Stupor. Ich habe doch das Material und die Gedanken, doch es webt sich, es schreibt sich nicht. Irischka hatte versprochen die Tagebücher irgendeines Künstlers zu bringen, der fast gestorben wäre. Sie murmelte etwas am Telefon, so nach dem Motto ihre Bekannte fand die Tagebücher des Bruders, dass das Geschriebene umwerfend sei und ich es unbedingt lesen müsste. Ich vernahm ihre Rede ohne Enthusiasmus, doch fügte hinzu, dass ich es mir gerne anschaue.
* * *
„25. September.
Der Tag gleicht einer Spirale des Trübsinns.
Ich wurde wieder von Albträumen geplagt. Welcher Mist in meinen Träumen? Im Umkreis Menschen, eine Vielzahl von Fremden, rosa-rot, mit dem Grinsen auf den Gesichtern.
Man sagt mir, ich sei ein Glückspilz, weil ich so etwas überlebt habe. Und ich brauche Kraft, um meinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen und versuche zu vergessen, dass ich lebe.“
„27. September
Anuschka brachte mir Apfelsinen – orangefarbene Freude. Ich saß im Sessel, eingemummelt in einen alten, verwaschenen Pulover. Grisea, einem Kolibri gleich, klein und flink, war in der Küche. Wie ich dich liebe, Schwesterchen! Nach dem Krankenhaus wurde ich sehr sentimental. Ja, es finden Veränderungen statt. Wollte sie malen, doch die Hände zittern. Ich lege die Masken ab. Ich will eine Apfelsine essen.“
„30. September
Vasin hat angerufen, lud mich zu seiner Ausstellung ein. Vor dem Krankenhaus teilte ich mein Leben in ein Vor und ein Danach. Meine Ganzheit zerfiel in zwei Teile, und nun spüre ich das Davor stärker, doch ich spüre nicht die Gegenwart. Ja, früher…Hätte ich mit einem zynischen Lächeln begonnen, und hätte diesen Künstler adoptiert, doch nun tut es mir einfach leid. Weil er nicht seine Begrenztheit versteht, als ob er talentiert sei. Wie einfach und frei wir die Lüge als Wahrheit annhemen. Indem wir das Aroma einer nicht existierenden Blume einatmen. Ich lehnte ab, einverstanden mit der Gesundheit. Es hat was, weich zu lügen und dafür Mitgefühl zu bekommen.“
„5. Oktober
Ich könnte heulen! Die Lisirovka hat nicht geklappt. Die Untermalung schwamm wie Tropfen auf dem Glas. Ich verstehe nicht, fühle nicht…Leere und Vakuum im Inneren. Ich habe mal so stolz gesprochen, dass der Pinsel die Erweiterung meiner Hand sei. Amputation. Mein Armstumpf heult und schmerzt, unbeweglich.
Ich habe zwei Päckchen geraucht und nur den Sternen ist das egal. Sie sind weit und kalt, und gleichgültig.
Gestern kam Semen. Brachte ein paar Skizzen. Realtiv gut. Ich wollte sie etwas korrigieren, doch hatte Angst, dass die Hand nicht auf mich hört. Ich spürte meine Niederträchtigkeit und Verlorenheit. Semen, wie immer schwerfällig und langsam, begann mich monoton danach zu bitten, dass ich ihm meine bekannte „lebende“ Linie zeige. Ich explodierte, schrie ihn an und vertrieb ihn
Ich habe Angst“…
* * *
Mich hatte die Grippe erwischt. „König Arthur“ kaufte mir Arzneien, Zitronen und befahl mir, zu liegen, was ich auch tue. Irischka kam vorbei und brachte mir die Tagebücher Vlad Petrovskijs, eines talentierten Künstlers, der we es oft vorkam, zu früh von uns gegangen ist und nur wenig geschafft hat. In meinen Händen hielt ich zwei Hefte von achtundvierzig Seiten, die beschrieben waren mit einer tanzenden Schrift. Zwischendurch waren Bilder mit einem Bleistift gezeichnet und auf jeder Seite eine unveränderte, kleine Fontäne. Diese hätte egal wo stehen können, in der Mitte, groß, mit vielen Strahlen, klein, in der rechten Ecke oder ganz unbemerkbar, nach dem Punkt. Da stand sie auch.
„7. Oktober
Ich ähnele immer mehr der alten Kommode der Großmutter. In ihrem gemütlichen, kleinen Haus war sie für mich , der ich ein frecher Lausebub war, wie ein Moster . Ich ging nicht in das Zimmer der Großeltern, hatte Angst. Ich lief im Haus umher, zerrte das braune Hündchen mit dem einen Auge hinter mir her und schrie: „Temja!“ So sprach ich den Namen des Großvaters Timofej aus. Die Großmutter nahm mich in die Arme und brachte mich in den Garten, wo der Großvater stolz eine Landschaft zeichnete. Er drehte sich um, mit einem Lächeln und sang Vla-dju-shok.
Später, als Jugendlicher, schaute ich auf die Kommode als sei sie verzerrt, verkrüppelt und habe kein Recht zu existieren. Die Gebrechlichkeit, Fremdheit, wie etwas erschreckend nicht in die Umgebung passendes, reizte mich.
Ich zerkhackte die Kommode nach ihrem Tod. Ich schlug mit der Axt auf die Griffe, auf die leeren Schubladen, auf die Bretter der Vergangenheit. Ich schlug, schluckte Trauer, Tränen und Angst. Ich schlug…
Nun gehe ich rauchen.“
„11. Oktober
Heute scheint die Sonne. Ich wache von dem Gold auf, das mein Zimmer erfüllte. Ich machte die Augen auf und schaute lange auf die Staubkörner, die langsam in den Sonnenstrahlen flogen. Irgendetwas gar Geheimnissvolles und gleichzeitg Einfaches hat dieser chaotische Tanz.
Zum ersten Mal nach meinem Krankenhausaufenthalt begann ich mich zu erinnern, was ich hinter den Grenzen, die das Leben abschirmen, fühlte. Zuerst spürte ich schrecklichen Schmerz, der mich mit Unerträglichkeit quälte, der mich zwang wegzulaufen, zu schreien, irgendetwas zu tun, damit er aufhört. Er ging rasch vorbei.
Die verwaschenen, weißen Silhouetten, das Geräusch der Stimmen und irgend ein Geklirr, das an das Geklirr einer leeren Tasse, mit einem Löffel auf einem Tisch im Zug, erinnerte. Damals dachte ich noch, dass ich Tee in Zügen nicht ausstehen kann.
Danach Abgrund und Dunkelheit. Der Körper fühlte sich leicht und frei, doch hier die Dunkelheit…Sie sog mich auf mit ihrer Blindheit und Leere, und zur selben Zeit mit Dichte und Sättigung. Ich hatte keine Angst. Und ich spürte weder Kälte noch Wärme. Nach kurzer Zeit begann die schwarze Dichte sich aufzulösen und hell zu werden. Und der Raum um mich herum nahm zuerst ein graues, dann ein türkisfarbenes, dann ein hellblaues Licht an. Diese Lichtvariationen verzauberten mich. Gedankenlose Wirbel riesiger, nebelähnlicher Wolken. Die Schatten des Lichtes schwommen aus einer Lichtessenz in die andere. Das alles ging sehr langsam vor sich, fließend und ziehend. Ich spürte Frieden und eine unbeschreibliche Leichtigkeit. So als ob die Erdanziehungskraft aufgehört hätte, zu existieren und ich frei war zwischen diesem ganzen Feuerwerk des Lichtes. Da hörte ich plötzlich eine Stimme. So als ob sie aus mir heraus kam oder um mich herum war, leise und ruhig. Sie sagte nur zwei Worte: „Noch ist es zu früh.“ Und darauf hin begann sich alles zu verändern. Die Farbwolken begannen sich schnell zu drehen und zu zerfallen. Nun füllten sich die Schatten mit Licht und ihre Giftigkeit tat in den Augen weh. Es wurde kalt, der Körper fühlte sich schwer an. Der Raum schien mal zu wachsen mal zusammenzuschrumpfen. Ich begann irgend einen Raum zu betreten. Vor den Augen, wie Filmaufnahmen, die sich abwechseln, schwammen die Episoden meines Lebens. Ich wollte schreien, doch konnte ich es nicht. Der Körper war wie zusammengedrückt. Ich spürte den sauren Geschmack von Angst auf der Zunge. Der wilde, alles fressende Schrecken wurde zu mir selbst. Dann fiel ich, so schien es mir, auf etwas Hartes, doch ich spürte keinen Aufprall. Nun hörte ich auf zu fallen. Und schon wieder Dunkelheit…
Ich wachte von einer Berührung auf. Die Krankenschwester setzte den Tropf.“
„15. Oktober
Ich sortierte den Kram im Abstellraum. Viel Unnützes, doch auch viel Erinnerung werden in den Abstellräumen aufbewahrt.
Der Staub der Vergangenheit. Ein alter Pinsel mit einem abgenagten Griff. Das war mein Hund Fimka. Ein Haufen Zeichnungen, Skizzen. Ich betrachtete diese wie ein allwissender Greis. Mal war eine Linie ohne Ausdruck, mal der Plan falsch. Wo ist das alles?
Die Fliege ist mein Triumph! Vor zwei Jahren trug ich ein seriöses Kostüm mit Fliege, ich lächelte vor Verlegenheit. Die Ausstellung war in der besten Galerie der Stadt! Kameras, Fotoapprate, Interviews. Ich war auf dem Olymp. Alleine! „Talentiert, jung, schön!“
Und dann war alles! Als man mir sagte, die Ausstellung sei ausverkauft, verstand ich es am Anfang nicht. „Alle Bilder verkauft“, eine Phrase für einen Genie! Euphorie …
Dann begann das Leben der Einladungen, Abende, und wichtiger Treffen! Glanz, Schönheit – Falschheit, Langeweile und Schöntuerei…
Mir wurde übel…“
„15. Oktober
Ich fand ihren Brief. Sie liebte es, mir zu schreiben. Sie liebte.
Nein, ich fange nicht mit den Gedichten Zvetajevas an, weil ich will, dass du wegen mir krank bist! Ich gebe mich hin, genieße und zittere auf vor dem Wunsch. Ich möchte, dass du wahnsinnig wirst vor Angst. Ich möchte, dass du jede Sekunde an mich denkst, dass ich in jedem Augenblick bei dir bin. Ich möchte herrschen…und mich unterwerfen…
Du sagst: „Deiner“…
Ich antworte: „Ja, meiner“…
Ich mag deine Unterwerfung, deine Zärtlichkeit gefällt mit. Wenn du die Augen schließt und stöhnst im Takt unserer Angst. Wenn du fragst, wann..
Du gehörst nur mir! Ich werde dich einlullen, dich umarmen, begeistern, im Tanz unseres Irrsins führen. Lava gleich, gleich schnell fließendem Wasser, werde ich, mein Geliebter, in dich fließen. Nur erlaube es mir…“
Oder Angst?
Ich erinnere mich an ihre Augen. Sie atmete nicht als sie mich mit der „Rothaarigen“ sah. Ihr gläserner Blick haftete auf uns. Das war nicht sie, sonder eine blasse, Angst einflößende Absurdität. Anekdoten können oft schrecklich sein. Sekunden in den Jahren des Bittens…
Die „Rothaarige“ traf ich im Park und machte ihr den Vorschlag, sie zu malen. Es stellte sich bald heraus, dass es nicht nur zu einem Portrait kommen wird…
Sie atmete nicht. Und ich, ganz frech: „Geselle dich zu uns!“
Ich werde sie morgen anrufen.“
* * *
Mir war kalt. Entweder, weil ich Fieber hatte, weil es mich fröstelte, oder wegen des Gefühls von Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit, welche die von mir gelesenen Zeilen füllte.
Ich goss mir etwas Tee ein, tropfte den Saft einer Zitrone in die Tasse und fügte zwei Löffel Himbeermarmelade hinzu. Ich war in einen Schal eingemummelt und machte kleine Schlucke des Getränkes. Ich stand am Fenster und beobachtete die fallenden Schneeflocken. Wir, diesen Schneeflocken ähnelnd, drehen uns und fliegen irgendwohin. Und es gibt so viele von uns und alle sind dieselben. Und nur einzelne Teilchen des Lebens kann man näher betrachten. Wenn sich eines von Millionen auf deine Handfläche setzt. Und du blickst es an, untersuchst das Muster, die Samtigkeit und die Unwirklichkeit der Verwebungen. Und dann taut ihre Unwiederholbarkeit und verwandelt sich in die Träne des Mitgefühls.
Ich fragte mich, ob ich ein Recht darauf hatte, diese Tagebücher zu lesen. Soll jemand Fremdes erfahren, worüber du mit dir selbst sprichst? Oder hofft und wünscht sich jeder Schreibende, dass man ihn versteht, auch wenn es erst danach kommt?
Ich schreibe keine Tagebücher. Ich assoziere sie mit dem Tod. Wege, die zum Ende führen. Ja, die Gedanken verschwinden, man muss sie aufschreiben, doch nicht für die Ewigkeit.
„20. Oktober
Ein teuflischer Regen. Bereits der dritte Tag von Trommelklopfen und Feuchtigkeit. Habe mich überall geschnitten. Das Gesicht brennt. Ich begann die Schwere der Minuten zu spüren. Früher wünschte ich mir Stille und Ruhe. Nun habe ich es, doch ist es so schlimm. Die durchsichtige Wand kann weder zerschlagen noch zerstört werden. Es bleibt nur noch sich an das Glas anzulehnen, zu schauen und neidisch zu sein.
Das schrieb ich gestern. Warum auch immer, die hellblauen Töne gefallen mir nicht. Nun wird nichts mehr mir gehören. Anja sagte, so habe ich bisher nie geschrieben. Sie hat recht, doch habe ich auch nicht so gelebt…
Sie freut sich, dass ich arbeite.“
„27. Oktober
Der Pinsel tanzt in der Hand, welch ein Genuss. Eine Woche ohne Urlaub. Ich habe es bereits vergessen, wie man etwas genießt und man gleichzeitig voller Erleichterung und Frieden ist. Ich spüre, dass ich müde geworden bin. Der Rücken schmerzt, doch wie cool – ich bin ein Schöpfer!“
„5. November
Heute habe ich Semen angerufen und ihn auf ein Glas Wein eingeladen. Er liebt georgischen Wein. Ich habe drei Läden besucht, um den richtigen zu finden. Überall Schlamm und Dreck, doch ich war immerhin froh, dass ich diesen unnützen Batzen habe.“
„10 November
Ich habe das Gefühl, dass ich umsonst arbeite. Male, male! Weder das Herz noch die Hände sind zufrieden. Die Pinsel krümmen sich zusammen, zerfallen. Teuflisch…
Gestern brachte Anna Milchmädchen. Keine schlechte Farbe, wenn man es mit roter Farbe vermischt. Habe die halbe Dose verbraucht, den Rest aufegegessen. Bei solch einem Tempo werde ich bald mit Sperma schreiben.
Mies.“
„12 November
Ich irrte heute durch die Stadt. Alte Gassen, rissige Häuser. Es atmet sich einfacher auf den Straßen, die von der Zeit vergessen wurden. Das chruschtschowsche Tauwetter in Vieretagenhäusern bringt mich in die sorglose Kindheit zurück. Wo schien die vierte Etage die Krone der Welt zu sein, der Großvater Abraham, wurde zum allwissenden Orakel, die Großmutter Zara, seine Frau, zu einer freundlichen Alten aus einem Märchen, die dich wärmt und dir zu Essen gibt, und dich in den Schlaf lullt. Sie waren unsere Nachbarn, gegenüber, in einer Einzimmerwohnung. Alt, jedoch immer gerade und munter. Ein gebildetes, intelligentes, jüdisches Pärchen. Sie hatten keine Kinder. Und mein Freund Mischka und ich, stürmten ab und zu in ihr kleines Zimmerchen mit der Erwartung eines Wunders. Und sie hatten uns nie enttäuscht. Tee, Bonbons und natürlich Kazinaki. Ich erinnere mich immer noch an ihren Geschmack und das Knacken im Mund, das Gefühl einer kleinen Explosion auf den Zähnen. Bei ihnen roch es nach Brot, Buttermilch und irgend einer Essenz – solch ein süßes Zitronenaroma. Der Großvater Abraham erzählte uns alte, jüdische Märchen, die Großmutter streichelte unseren Kopf und flüsterte: „So war es. So war es.“
Gut.“
„15. November
Semen kam mit einem neuen Bild und Wein. Ich war froh, ihn zu sehen. Habe seit drei Tagen mit niemandem gesprochen. Er trug einen langen, schwarzen Pullover und schwarze Jeans. Als ich ihn anblickte, dachte ich mir, er sei auf dem Weg zum Dienst. Von seinem Bass wären die Besucher sicher begeistert. So was ähnliches war… Mein altes Bild, ich habe es nicht beendet. Man muss ihn dort malen als Pope…Ja.
Wir haben gut Zeit miteinander verbracht. Die abendliche Landschaft lag ihm. Meisterhaft, sehr ruhig und voller Leben hat er sie gemalt. Eine weite Steppe, in der Weite ein einsamer Ross vor dem Sonnenuntergang. Der Himmel wird von Strahlen unterbrochen, und vorne ein kleiner dunkkelgrüner Zweig.
Ich lobte ihn.
Wir saßen lange so da. Stritten über die heutige Mode und die Avantgarde. Er wollte mir beweisen, dass diese Kunst, die Welt aus einer anderen Ecke zu betrachten, die Illusion….Dummheit sei. Nun, wir kamen nicht auf einen Nenner.
Rauchen.“
* * *
Die Grippe war fast verschwunden. Das Fieber war gefallen, die Nase begann wieder Gerüche aufzunehmen. Die Stimme klang noch wie bei einem nicht nüchtern werdenden Trunkenbold, doch der Hals schmerzte nicht mehr.
Arthur kam verägert von der Arbeit zurück und sagte, es seien Hundstage, man müsse den doppelten Tarif zahlen. Ich sagte, wir wären ja sonst alle Millionäre. Er lächelte, küsste mich auf die Wange und ging in die Küche, um seine Soldaten zu schnitzen.
Manch einer flucht und versucht damit den Stress zu bewältigen, mach einer zerbricht das Geschirr, meditiert oder hört Musik. Mein Ehemann zieht die Schürze an und wird zum Skulptor. Er schnitzt aus Holzstücken Figuren einer längst vergangenen Epoche. So leise und monoton zhik-zhik. Er vergisst sich dabei selbst. Es entesteht etwas Neues aus der Ungeduld und dem Durcheinander. Die Vergangenheit aus der vergessen geratenen Gegenwart.
„21. November
Ich bin wahnsinnig geworden. Ich legte mich erst um kurz nach vier schlafen und schlief sofort ein. Nach einer Sekunde, Wasser. Ich sprang auf und verstand nicht, was geschieht. So etwas habe ich noch nie geträumt. Auf den Wänden Wasser, auf der Decke wachsende Pfützen – der Regen auf dem Kopf. Ich stieg mit nassen Pantoffeln nach oben zu den Nachbarn. Ich klopfte ca. fünf Minuten. O, da sind wir! Ein zerrissenes Unterhemd, eine Unterhose und eine einwöchige Alkoholfahne. Vitek bemerkte nicht einmal, dass er bis zu den Knöcheln im Wasser steht.
„Wir sind angekommen, Vitek!“, schrie ich in sein verträumtes, verschlafenes Gesicht.
„Wer?“, fragte er, ohne zu verstehen.
Ich schubste ihn und lief in die Küche, wo das Wasser aus dem Waschbecken lief, das voll war mit schmutzigem Geschirr. Ich drehte den Wasserhan zu und nahm einen Teil des Geschirrs heraus, damit das Wasser wieder entweichen konnte und rief zu Vitek: „Hol Lumpen!“
Bis um neun Uhr trockneten wir seine Höhle. Dann ging ich zu mir, um dasselbe zu machen.
Mist.“
- November
- Die Wohnung ähnelt einem Monster. Die Zungen von abgeblätterten Tapeten hängen hier und dort. Als ob sie sich bereit machen dafür, um jeden beliebigen, der sich ihnen nähert, zu verschlucken. Überall Flecken, das Parkett ist ebenfalls beschädigt worden. Der Nachbar versprach, alles zu regeln, wenn er ausgenüchtert ist. Doch ich habe das Gefühl, dass er wieder trinkt. Die Wohnung sieht nun ganz anders aus. Seltsam, mir scheint sie sogar vertrauter. Chaos und Teilnahmslosigkeit für das Ideal, gefallen mir. So etwas gefällt mir.“
„25. November
Mein ganzer Körper zittert. Ich rauche eine nach der anderen.
War im Park spazieren. Habe Lena getroffen – die Liebhaberin von Briefen. Blühend und lächelnd. Sie ging mit ihrem Kleinen, mit dem Kinderwagen spazieren. Und ich, wie ein schuldiger Knabe, versteckte mich hinter dem Baum, damit sie mich nicht bemerkt. Das Kind hat ihre Augen, blau-grau und ein kleines Muttermal auf dem Kinn.
Ein solch drolliges Kind. Ich sah, wie sie die Alleen entlang spaziert und irgendetwas zu dem Kleinen sagt, sie lächelt, wenn es ihr antwortet. Sie ist glücklich und zufrieden in ihrer Mutterrolle. Wäre nicht die Erinnerung an die Vergangenheit, würde ich mich in diese schöne Frau verlieben. Doch für die Liebe ist es schon zu spät.
Die Dummheit kommt immer zuerst!“
„27. November
Es fiel der erste Schnee. Es wurde kalt und windig. Ich sollte den Pullover raus holen – meinen schweigenden Freund der Wärme und Gemütlichkeit.
Ich träumte, dass ich fliege. Frei und ohne Gedanken. Über der Stadt, über die gestreiften Straßen, über der gerade erst bearbeiteten Erde, über der verbrannten Steppe, über den Kronen von Pappeln, über schneeweiße Berge.
Ich wachse“
„30. November
Endlich habe ich sie gefunden. Ja, tatsächlich, unvollendet. Bei Annuschka zuhause, auf dem Speicher. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wo sie denn nun sei. Nun bin ich froh, als hätte ich einen Schatz gefunden. Kaum zu glauben, dass ich sie vor zehn Jahren zu malen begann. Alles ist so gut gemalt, bis auf das Gesicht der Frau. Da blieb nur der weiße Fleck. Ich sah -…“
* * *
Die letzte Seite des Tagebuches fehlte. Ich wunderte mich. Ich hasse Ungewissheit. Wenn ich einen Film schaue (oder ein Buch lese) und dieser ein offenes Ende hat. Das macht mich zornig.
So hat es sich der Regisseur gedacht! Ein Depp, dieser Regisseur. Man quält sich dann mit Vermutungen. Eine nicht zu ende gebrachte „Gestalt.“ Auch hier brachen die Zeilen ab und das ist ein mieses Gefühl von Ungewissheit…
Ich rief Irischka an. Erreichte sie nicht. Zuhause brauche ich sie gar nicht zu erreichen versuchen, so früh ist sie nie zuhause.
Ich beschloss zu warten. Ich entschied es nicht so, sondern musste es. Nach zwei Stunden schwieg ihr Handy immer noch. Wozu braucht der Mensch ein Mobilfunknetz, wenn er nicht erreichbar ist? Ich begann mir schon Sorgen zu machen. Nicht, dass was passiert ist.
Irischa meldete sich selbst.
„Marischka, ich habe mir solche Stiefel gekauft.“
„Warum ist dein Handy aus?“, sagte ich streng in einem mütterlichen Ton.
„Akku leer. Habe vergessen, es aufzuladen. Das sind so schwarze Stiefelchen!“, fuhr sie fort.
„Hast du nicht auf das Handy geachtet?“, sagte ich fast schreiend und genervt.
„Was sagst du da?“, flüsterte die Freundin verständnislos.
„Ich begann mir schon Sorgen um dich zu machen.“ Ich senkte die Stimme und antwortete etwas weicher. „Vielleicht kommst du heute bei mir vorbei? Arthur ist auf Dienstreise und du kannst mir deine Stiefel zeigen.“
Der Enthusiasmus im begeisterten Quietschen der Freundin versprach eine schlaflose Nacht.
Nach einer Stunde war die Freundin bei mir. Sie brachte nicht nur Stiefel, sondern auch Parfum, Jäckchen, Kosmetik und ein Haufen Krimskrams. So saßen wir bis in die tiefste Nacht zusammen. Nach einer Flasche Martini und der Einkaufseuphorie kam die Rede auf die Tagebücher. Ich sagte ihr, dass die Zeilen unterbrochen werden. Und Irischka, bereits gelangweilt und gähnend, machte den Vorschlag, am nächsten Tag die Schwester des Künstlers zu besuchen. Sie auszufragen. Ich fragte, ob sich das gehört? Daraufhin bemerkte Irina, dass Annuschka ein wundervoller Mensch sei und sich immer über Gäste freue. Sie würde sie morgen anrufen und ein Treffen vereinbaren. Ich war glücklich. Mein Versuch mit den Klamotten war nicht umsonst. Morgen kann man die „Gestalt“ vollenden.
***
Eine sympathische, junge Frau mit blonden Locken und grünen Augen öffnete uns die Tür. Während Irischka mich vorstellte, beobachtete mich diese aufmerksam. Ich begann mir Sorgen zu machen. Vielleicht war die Wimperntusche verwischt oder ich habe einen Fleck auf der Nase. Doch just als Irina ihre Rede beendet hat, lächelte Anna und sagte, dass sie schon lange auf uns warte und froh sei, dass wir sie besuchen.
Wir betraten das Wohnzimmer mit einem Kamin und tauchten ein in ein schneeweißes Sofa.
„Ich mache Tee“, sagte Anja und verließ uns kurz.
Irischkas Handy klingelte und sie begann sich über etwas auszulassen. Ich blickte mich derzeit im Zimmer um. Groß, hell, nichts überflüssiges. Die Herrin des Hauses liebt Gemütlichkeit, doch stopft sie das Haus nicht mit irgendeinem Krimskrams voll. Einige Familienfotos auf dem Kamin, Bilder auf den Wänden, meistens Landschaften. Doch da war auch das Portrait eines jungen Mannes, sein Gesicht kam mir bekannt vor. Er saß da und blickte nach oben, die rechte Hand berührte ein Ohr.
„Gefällt es dir?“, fragte sie mich hinter meinem Rücken.
Ich erzitterte, denn sie hatte sich mir sehr leise angenähert. „Ja, ein interessantes Portrait.“
„Das ist ein Selbstportrait. Vlad malte es, als er zwanzig Jahre alt war.“
„Ich bin kein Spezialist, doch es ist sehr schön gemalt“, bemerkte ich.
Sie blickte mich genau so aufmerksam an wie bei unserer Begegnung.
Ich fragte: „Stimmt etwas nicht?“
„Nein, nein. Alles in Ordnung. Verzeihen Sie mir den aufdringlichen Blick. Ich habe einfach schon so viel über Sie gehört“, antwortete Anna, sich selbst rechtfertigend.
„Ich ahne von wem“, sagte ich mit einem Lächeln.
Anna lächelte auch und begab sich in die Küche, um den Tee zu holen. Sie verschwand hinter der Tür.
Irina schaltete fluchend das Handy aus und kam zu mir.
„Ein fröhliches Portrait. Das ist wahrscheinlich ihr Bruder? Ein sympathischer Mann war er“, sie machte einen Bussi mit den Lippen.
Anna lud uns zum Tee trinken ein. Sie war still, hatte ein liebsames Lächeln und etwas traurige, verständnisvolle Augen. Sie erzählte von ihrer Familie, von ihrem Bruder.
Ihre Eltern lernten sich in der Ukraine kennen. Da wurden Vlad und Anna geboren. Die Arbeit des Vaters verlangte häufige Umzüge, so fanden sie sich hier wieder. Die Mutter unterrichtete Mathematik in den höheren Klassen. Sie arbeitete bis zu ihrer Rente in der Schule. Sie starben schnell. Zuerst der Vater, dann, nach einem halben Jahr die Mutter. Sie konnten nicht ohne einander. Vlad verkraftete das mit Mühe. Er konnte nicht mehr arbeiten, trank. Dann beherrschte er sich wieder und machte eine Ausstellung. Alle Arbeiten wurden verkauft. Dann fuhr er oft ins Ausland. Er liebte Kasinaki und den Cocker Spaniel Fimka.
Ich sagte, dass in den Tagebüchern einige Seiten fehlten. Die Texte werden unterbrochen, wisse sie etwas darüber?
„Kommen Sie“, sagte Anna leise und nahm meine Hand. „Irochka, entschuldigen Sie, ich muss Marina etwas zeigen.“
Irina, vor Neugierde und Enttäuschung überwältigt, versteckte dies und bemerkte, es ginge ihr gut.
Anna und ich stiegen in die zweite Etage, dann höher auf die Mansarde.
In einem leeren, staubigen Zimmer stand eine Staffelei mit einem Bild, das von einem Stoff bedeckt war. In der Nähe stand eine Schublade, auf der Farben zerstreut lagen, ein Stuhl und einige Bilder ohne Rahmen, die an einem der Pfosten lehnten.
Anna blieb neben der Staffelei stehen.
„In seinen letzten Tagen hat er hier gearbeitet. Bis zur Ermüdung. Als ob er Angst hatte, etwas nicht zu schaffen“, ihre Stimme zitterte. „Er sagte, er würde bald das Bild vollenden, er brauche nicht mehr viel dazu.“ Sie begann zu weinen.
Ich war verwirrt und wusste nicht, was ich tun sollte. Anna näherte sich dem Bild und fuhr fort: „Er sagte, er habe Sie gesehen. Endlich gesehen.“ Nachdem diese Worte ausgesprochen waren, riss sie den Stoff von der Staffelei.
Ich sah den Rücken in einem dunklbauen Mantel, der Mann wandte sich an irgend eine Frau. Es schien, als würde er mit ihr reden…Die Frau ohne Kopfbedeckung…Jung…Das kann nicht sein…kann nicht sein…Die Augen, Haare und Kleidung…Ich schaute und schaute und wollte es nicht vor mir zugeben. Sogar die Augen schmerzten von dieser Aufdringlichkeit. Die Betäubung beherrschte meinen ganzen Körper. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Das war unmöglich, doch das war ich. Das war ich auf dem Bild. Und weitere verschwommene Figuren mit Weidenzweigen in den Händen.
Mir wurde schlecht. Ich rang nach Luft, ich begann zu hüsteln. Nun erinnerte ich mich an diesen Unbekannten in der Kirche und verstand, warum das Gesicht auf dem Portrait im Wohzimmer mir so vertraut vorkam.
„Kannten Sie ihn?“, die Stimme Annas half mir, wieder zu mir zu kommen.
„Nein. Nein. Ich traf ihn im Frühling in der Kirche. Dort.“ Ich zeigte auf das Bild. „Ich stand und er näherte sich mir. Erzählte mir…mir…über den Palmsonntag.“
„Das kann nicht sein. Er starb letztes Jahr, vor Neujahr.“
„Ich habe ihn doch gesehen. Alles war wie auf dem Bild.“, sagte ich mit einer unterdrückten Stimme.
„Er wusste, dass sie kämen. Wusste es…Er ist hier gestorben. Herz. Er sagte, Sie würden das Bild abholen.“
Ich wäre beinahe umgefallen und hielt mich an einem Holzgeländer fest.
„Was ist los mit Ihnen?“ Anna stütze mich.
Ich dachte die ganze Zeit daran, wie das möglich sei. Ich konnte nichts verstehen.
Bereits später, als wir was tranken, erzählte mir Anna, welcher Schock das für sie war, mich auf den Fotografien bei Irina auf dem Geburtstag zu erblicken.
Ich war damals in einer anderen Stadt und konnte nicht kommen. Irina liebt es, jedem ihre Fotos zu zeigen. Anna dachte zuerst, sie habe sich geirrt. Doch als sie genau hin schaute, verstand sie, dass ich die Frau auf den Fotos war. Deswegen gab sie ihr die Tagebücher des Bruders. Sie dachte, dass uns etwas verbindet.
* * *
Diese Nacht hatte ich einen Traum. Ich steige eine Treppe hoch auf die Mansarde. Ich öffne die Tür und sehe Vlad. Er steht mit dem Rücken zu mir, schaut auf das Bild. Ich sehe sein Gesicht nicht, doch ich weiß, dass er lächelt. Ich gehe zu ihm, höre das Klopfen der Absätze auf dem Boden. Ich bewege mich, doch nähere ich mich ihm nicht, sondern entferne mich mit jedem Schritt weiter. Ich bekomme Angst und werde unruhig. Endlich dreht er sich um. Sein Gesicht ist ruhig und hell, als ob er unter leuchtenden Sonnenstrahlen stünde. Vlad lächelt und schließt die Augen, und ich mache es ihm nach.
Bereits am Morgen öffnete ich die Augen, als die Sonnenhasen durch die Vorhänge sprangen.