Oksana Anshukova: Saschas Morgen

Sascha mummelte sich in die Decke, rollte ihre Beine ein und nahm eine bequeme Pose an. Der Kopf versank in einem weichen Kissen. Schön, warm, gemütlich. Der Tannenbaum füllte bereits seit drei Wochen das Haus mit seinem Duft. Sascha schälte jeden Abend Mandarinen, vor allem, weil der Duft ihrer Schalen sie an das Fest erinnerte. Der Mann hatte die Nase voll von den Dingern und Polina hat seit ihrer Geburt keine einzige gegessen. So aß Sascha sie alleine.

Und wären es nur die Mandarinen…die Tochter aß außer Buchweizenbrei und Äpfeln gar nichts. Zu trinken wünschet sie sich nur Tee. Sie schaute mir nicht in die Augen, lächelte nicht. Zeigte auf nichts mit ihrem Finger. Damit hat alles begonnen. Sascha berührte mit ihrem Zeigefinger die Wunde auf der Handfläche: sie hat sich geschnitten, während sie das Geschenk für Polina, ein Puppengeschirr, in das Glanzpapier einwickelte. Der Wunde tat es nicht weh, jedoch Sascha. Die Tochter wird es sicher nicht bemerken, dass die lila Untertassen echtem Marmorgeschirr ähneln.

So sehr Sascha sich auch bemühte, Polina mochte nicht mit Puppen spielen. Sie riss ihnen die Wimpern ab und nahm den quietschenden Mechanismus heraus, der „Mama-Mama“ ruft.

Dieses Wort hörte Sascha nur von den Puppen…Doch sie bemühte sich. Sie kaufte die aller ungewöhnlichsten Spielsachen, muhte selbst wie eine Kuh, bellet wie ein Hund und heulte wie ein böser Wolf. Die Nachbarn bekamen Angst! Doch danke, dass sie lachten. Das Lachen in ihrem Haus hörte vor ein paar Jahren auf, als die Ärzte begannen Arzneien für die „Entwicklung“ zu verschreiben. Trinkt diese ein paar Monate, dann wird es besser werden. Ganz sicher.

Doch Polina wuchs schnell, und überhaupt war sie ein Mädchen von seltener Schönheit, wie sie die alten Nachbarinnen im Treppenhaus nannten, und die Putzfrauen im Krankenhaus. Nur gestern war sie ein quietschender Haufen, schon wieder waren die vor kurzem gekauften Kleider und Schuhe zu klein. Gestern, als die Tochter endlich eingeschlafen war, sammelte Sascha die fast nie getragenen Sachen ein, dazu auch den Haufen der Spielsachen und brachte sie heute in die Kirche in der Nachbarschaft. Denn die Spielsachen sind dazu da, dass man mit ihnen spielt.

Jeden Abend, vor dem Schlafen, dankte Sascha Gott für alles Gute und bat um Gnade. Und Erbarmen, damit, Polja endlich spricht. Oder wenigstens spielt. Dass sie aufhört, die Dinge zu werfen. Dass sie lächelt. Dass sie draußen nicht wegläuft und man mit ihr am Fluss spazieren kann. Es gab keine Antwort, doch Sascha betete…

So murmelte eben ihre gewöhnlichen Wünsche, bis sie eintauchte in die zärtliche Dunkelheit der Bettdecken, bis sie zum Zentrum der Erde flog.

Der Morgen wurde von einem lauten Lachen eingeläutet. Sascha sprang auf, machte die Augen auf, kniff diese von der Sonne zusammen.

„Wie heißt diese?“

„Lucie.“

„Und diese?“

„Katja“

„Und der Bär?“

„Der Bär – Mischka!“

„Mischka-Bischka!“, die Stimme des Mannes versank im Lachen.

Wer wacht hier so früh auf? Sascha kroch aus ihrem Kokon heraus, zog sich den Bademantel an, blickte ins Wohnzimmer. Unter dem Tannenbaum, umgeben von goldenem Glanzpapier, saßen ihr Ehemann und Polja. Sie leuchtete, trug ein türkisfarbenes Festkleid und eine Schleife in den Haaren. Wie hat er es geschafft, ihr die Schleife anzustecken. Die Tochter kann doch nicht ausstehen, wenn man Spängchen oder Haargummis auf ihrem Haar befestigt…Stopp. Diese heißere, unbekannte Stimme, gehört sie ihr?

„Bischka-Bischka!“, quietschte Polja.

„Wie das?“, flüsterte Sascha und setzte sich zu den beiden auf den Boden. Der Mann rollte die Augen, so nach dem Motto, er verstehe es selbst nicht.

„Mama, Mama!“, schrie die Tochter und ließ sich los von der Umarmung des Vaters. Sie umarmte Saschas Hals. Der Ehemann stand auf, schüttelte die Tannennadeln von der Hose:

„Ich bereite Frühstück vor.“

„Ich mache auch Frühstück!“, Polja begann sich mit ihrer neuen Küchengarnitur zu beschäftigen. Sascha streichelte ihre Haare, das Mädchen wehrte sich nicht, wie sonst immer.

„Polja, ich gehe Papa helfen…“

Sascha betrat den Flur. Da bog sich die Wand und die Bretter des Parketts drehten sich vor den Augen…Klatsch! Die Sprungfeder der Couch schubste Sascha mit einem Geräusch aus dem Bett in den nebligen Morgen. Dunkelheit, Decke, Fenster. Schneesturm. Sie drehte den Kopf – der Ehemann schlief.

Sie stand auf, wusch sich, bereitete Kaffee zu. Dann blickte sie ins Wohnzimmer, zu dem Tannenbaum und dem eingepackten Geschenk. Sie setzte sich auf den Boden und blickte auf die Heizung. „Gott, danke dir für alles. Doch warum lässt du es zu…warum. So.“

Aus dem Kinderzimmer hörte man ein Geräusch. Wahrscheinlich war Polja auf den Stuhl geklettert und hatte den Karton mit den Puzzles umgeworfen. Sascha sprang wie gewohnt auf, rannte in den Flur, betrat das Kinderzimmer. Polja saß auf einem Berg von kleinen Teilchen – Schweinchen, Häschen, Küken. Sascha setzte sich neben die Tochter, wollte sie streicheln, doch sie erinnerte sich und ließ es bleiben. Polja drehte sich zu ihr,

„A-a-a“, sagte sie zärtlich.

„A-a-a, meine Gute.“ Sascha lächelte.

„A-a-ama. A-ma.“ Polja berührte sie mit einem Finger und lächelte zur Antwort. „A-ma.“



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