Erstes Kapitel des Romans
Igarka 78
Neben der ordentlich abgegriffenen und angeschlagenen Tür des Restaurants tummelten sich junge Leute. Hinter dem trüben Glas sah man die solide Figur des Pförtners. Alles deutete auf eine hohe Besucherzahl der Veranstaltung. Dazu verkündete es das schief hängende Schild scharf und ernst: „Es gibt keine Plätze mehr“
Doch das Volk, das nicht gewohnt war, dem gedruckten Wort zu glauben, tummelte sich in Erwartung und in der Hoffnung, doch einen Platz zu bekommen in dem einzigen Musiklokal der Stadt.
Am Hafen der Igarka standen hauptsächlich Arbeitsschiffe, die Holz transportierten. Man achtete nicht auf sie. Schon einen ganzen Tag war die Stadt voller Sorge: ein riesiges Schiff kam an. So etwas geschah nicht oft in der kleinen Stadt dieser nördlichen Weiten. Noch lud man auf dem Schiff ab und machte Renovierungsarbeiten, doch alle wussten: am Abend werden die Matrosen von dem Schiff nach langer Wanderung im Restaurant „Igarka“ einkehren: die Plätze sind reserviert, das Menü besprochen.
Junge, unverheiratete Frauen des Städtchens hatten nun die Möglichkeit auf eine großes Glück: sich zu vergnügen, die Matrosen kennen zu lernen, vielleicht durch eine Bekanntschaft etwas Ernsteres entstehen zu lassen.
Die lokalen Schwarzhändler hatten eigene Vorstellungen über das herannahende Ereignis: nach allen Regeln der dunklen Kommerz, die Ware anzunehmen, wenn man Glück hat, die heißgeliebte Währung zu erlangen.
Doch das sowjetische Restaurant hielt sich zurück. Seine Tür knackte unter dem Ansturm der Leidenden, doch gab nicht auf. Ja, und die Pfeife des Wächters befand sich in Kampfstellung.
Die unerwartet hohe Tür öffnete sich, ein weiblicher Kopf mit Dauerwelle schaute heraus.
„Makarova. Wer ist Makarova?“
Eine hohe Frau, die in der Menge stand, drehte sich zu der Stimme um, wovon der üppige Pferdeschwanz heller Haare über der Menge aufstäubte:
„Ich. Ich bin Makarova.“ Sie begann sich durch die Menge zu schieben und ihre Freundinnen zu animieren, ihr zu folgen.
Die sie Umkreisenden zogen sich hinter ihr her.
„Kommen sie herein. Schnell. Wie viele seid ihr?“, eilte sie die Frau in der Tür.
„Wir sind zu dritt…“
„Los, los…haltet euch nicht auf…“
Die Menge war angestrengt, machte sich Sorgen und schrillte auf mit unzufriedenen Stimmen:
„Und wir? Was ist mit uns? Sind die Coolen auf dem ersten Platz?“
Die Lockenhaarige verschwand, die jungen Frauen folgten ihr. Eine hohe Tür quietschte mit einer strammen Feder, ging zu, ließ die draußen Wartenden stehen und das Schild unverrückbar. Die Menge klopfte, stieß mit den Füßen in die Tür. Jemand wollte mit einem Stein die Scheibe einschlagen. Doch da drohte der Pförtner mit seiner Faust, zeigte auf die Pfeife, die um seinen Hals hing, und da beruhigten sich alle. Die Polizei befand sich um die Ecke, doch es gab keinen, der den Wunsch hatte, dorthin zu gelangen.
„Folgen Sie mir“, die Administratorin klopfte mit ihren Absätzen, begab sich in den Saal, die Mädchen folgten ihr. „Sind Sie die Tochter von Elena Fedorovna?“, fragte sie und blickte sich beim Gehen um. „Man hat mich angerufen, ich habe für Sie einen Tisch reserviert. Nun, direkt bei der Bühne.
Ein kleiner Saal, deren Wände geschmückt waren mit Holztafeln, hohe Decken- ein besonderer Kronleuchter mit langen Kristallzapfen, war gemütlich.
Runde Tische umkreisten die nicht all zu hohe, halbrunde Bühne, die angelehnt war an die einzige Wand ohne Holztafeln. Auf der Bühne tummelten sich Musiker, die ihre Instrumente stimmten und das Mirko einrichteten.
„Eins-eins…eins…eins. Eins…zwei…drei…“
Die Freundinnen blieben für einen Augenblick neben der Bühne stehen, riefen die Musiker beim Namen und schickten ihren kokett einige Bussis. Endlich nahmen sie Platz an ihrem Tisch.
„Mädels, was wollen wir bestellen?“, fragte die nicht junge Kellnerin, die an ihnen vorbei ging.
Die Freundinnen drehten ihre Köpfe zu Makarova.
„Für uns eine Flasche Champagner“, sagte sie schnell. „Pralinen und Früchte.“
„Früchte haben wir nur Äpfel da, sowjetischen Champagner und nur Vogelmilchpralinen“, antwortete die Kellnerin klar und deutlich.
„Gut. Bringen Sie es uns.“
Die Kellnerin streifte die jungen Damen mit einem bewertenden Blick und ging in Richtung Küche.
Das Restaurant war halbleer. Im Zentrum des Raumes saß die kleine Clique der bekannten Mädels aus dem Supermarkt, bei dem Eingang blickte der Nachbar Makarovas, Vit’ka Razuaev, finster drein. Er war in Gesellschaft seiner nicht gerade zahlreichen Begleitung. Außerdem tummelten sich drei Männer in dem Raum, die stets in Richtung ihres Tisches lugten.
Die jungen Frauen drohten diesen Kavalieren mit der Polizei, stießen freundschaftlich an, tranken ihren Champagner und aßen dazu die Pralinen aus der Schachtel. Dann widmeten sie sich den Äpfeln und dem Beobachten der Musiker.
Es ist ulkig, dass alle drei Freundinnen Irina hießen und alle Mütter der Mädchen waren Arbeiterinnen im sowjetischen, lokalen Handel.
Elena Makarova war die Leiterin eines großen, städtischen Kaufhauses und zog ihre einzige Tochter auf. Die laute Toila Jahina handhabte die Lebensmittelbasis des Hafens und ihre kleine russisch-tatarische Familie. Die unheimliche Lusja Semenova arbeitete im Gorono und leitete dort einen Handelsbereich. Im Gegensatz zu den anderen zwei Frauen, setzte sie ihren zwei Töchtern keine Grenzen, doch beherrschte sie die Leben dieser. Alle drei Mütter waren miteinander befreundet.
Die Töchter gingen in einen Kindergarten, dann in die beste Schule der Stadt. In diesem Jahr schlossen die Freundinnen erfolgreich die zehnte Klasse ab und begaben sich auf den Weg auf das Festland, um sich in Fakultäten einzuschreiben.
Der freche Mischling, Irka Jahina, hatte braune Augen, schwarze Haare und ein freches Temperament, sie unterschied sich von den beiden Freundinnen durch ihre kleine Größe.
Vor ca. einem Monat brachte Jahinas Vater seine zitternde Tochter zu den tatarischen Verwandten nach Kazan‘, er nahm von den Töchtern und Tanten das Versprechen ab, sie genau zu beobachten. Die Tochter bestand die Aufnahmeprüfung und schrieb sich an der staatlichen Universität ein und war nicht erreichbar, bis sie wieder nach hause zurück kehrte. Ihre Igarka konnte sie nicht ausstehen, deswegen beeilte sie sich, auf dem neuen Territorium, neue Bekanntschaften zu schließen.
Die wie eine nördliche Birke zarte und schöne, Irochka Semenova schrieb sich in das Leningrader Institut für Schiffsbau ein.
„Warum?“, fragten die Freundinnen sie. „Wozu brauchst du diesen Schiffsbau?“
„Es gefällt mir“, raschelte leise eine Antwort. „Sehr interessant….denke ich. Und auch die Mama rät es mir. Nach dem erfolgreichen Bestanden von zwei Examen, kehrte sie für eine Zeit nach hause zurück, auf ihr geliebtes Sofa, zu den geliebten Büchern.
Die erste Schönheit Igarkas, Irina Makarova, musste alle Examen bestehen. Nichts zu machen, zwei Zweier im Zeugnis. Doch ohne Mühe schrieb sie sich in das Institut in Nowosibirsk ein, in die Wirtschaftsfakultät.
Katherina, die nahe Freundin der Mutter, lebte seit ihrer Kindheit in Nowosibirsk. Sie war einsam und beleidigt, als das Mädchen sich in ein Studentenwohnheim einmietete. Doch Irina versprach, dass sobald sie das studentische Leben nerven würde, sie sofort zu Katherina geht, in ihre gemütliche Anderthalbzimmerwohnung im Zentrum der Stadt. Und bis dahin, wird sie Tante Katja mit alltäglichen Besuchen beglücken.
Die Frauen feierten die Einschreibungen die Uni und den Beginn des erwachsenen Lebens.
„Wie können sie nur keine Angst haben? Im Suff wird man sie zerstören“, sprach Semenova laut ihre Gedanken aus und zeigte auf den Kronleuchter. „So schön wie im Theater…“
„Gott, wer soll es denn zerstören? Nur Weiber hier“, fügte die kleine Jahina hinzu als sie von ihrem Platz aufstand. „Und wo sind die versprochenen Schönlinge? Der Stolz der inländischen Handelsflotte?“
„Sie werden gleich da sein“, versprach Makarova selbstsicher. „Mama sagte, sie haben hier Tische reserviert.“
„Und meine Mutter sagte, dass sie eine dringende Information erhalten müssen, bevor sie das Schiff verlassen…“ erklärte Irochka Semenova und streckte ihren dünnen, weißen Hals.
In diesem Augenblick hörte man Geräusche neben der Eingangstür.
Das ganze Restaurant wurde plötzlich blau. Es gab verschiedene Schattierungen und Stoffe von Jeanshosen – und Jacken. Die Matrosen legten seit vielen Monaten zum ersten Mal ihre Uniform ab und kleideten sich in Landkleidung. Die Einheimischen hielten sich ebenfalls nicht zurück von den modischen Tendenzen, dank den wachen Schwarzhändlern. Nur die Kellner waren richtig gekleidet „oben weiß, unten schwarz“, und einige Offiziere betraten das Restaurant in Uniform. Es schien, als würden sie auch hier ihren unruhigen Dienst ausleben.
Er, hoch und statisch, betrat das Restaurant als letzter. Sie bemerkte ihn sofort. Er hatte einen Matrosenmantel an mit Schultergurten. Neben ihm gingen noch zwei weitere, etwas kleiner als er, sie trugen ebenfalls Uniform, mit dem Unterschied, dass sie nicht dem Offiziersstand angehörten.
Die lockenhaarige Administratorin trug einen möhrenfarbenen Lippenstift und war belebt von der männlichen Aufmerksamkeit. Sie lief zwischen de Matrosen umher und wies die Gäste auf ihre Plätze. Ihn und die anderen beiden in der Offiziersuniform, setzte sie in die Ecke, auf die andere Seite der Bühne, genau gegenüber dem Tisch, an dem die Freundinnen saßen. Dann näherte sie sich wieder den Matrosen und fragte genau ihn etwas. Er antwortete freundlich. Sie begann laut zu lachen und schüttelte dabei all ihre Locken. Makarova blickte so sehr auf diese Szene und hätte beinahe den Mund aufgemacht, doch sie beherrschte sich und knabberte weiter an dem Apfel.
Auf den Tischen standen noch nicht angerührte Salate, Platten mit Snacks, da bestellten die schon angetrunkenen Matrosen, Spirituosen im vollen Umfang. Die Kellner schafften es gerade so, ihnen die Getränke zu bringen. Wein, Wodka, Kognak – die Spirituosen flossen wie ein Fluss.
„Makarova, er schaut nur dich an.“ Jaha mit ihren Glupschaugen, schaffte es den jungen Offizier am Rand der Bühne zu bewerten, die anderen beiden konnte sie nicht sehen, sie saßen mit dem Rücken zu ihr, doch sie fing auch einen Blick auf von dem Ecktisch bei der Eingangstür. Die kleine Größe war kein Hindernis für die Intrigantin. Die Ereignisse rollten sich auf mit einer filmischen Geschwindigkeit, nun liebte sie ihre Heimatstadt.
„Wer? Dieser Offizier?“ Irina streckte den Rücken und blickte direkt gegenüber. „Er ist mir aufgefallen, ich schaue ihn auch an…“
„Welch ein Offizier? Vit’ka, dein…Nachbar.“
„Soll er schauen. Das wird ihm auch nicht helfen“, und Makarova biss in ihren Apfel.
„Er schaut wieder rüber.“ Jaha richtete ihre hohe Frisur mit den Fingern. „Mama hat erzählt, ihr hattet wieder einen Skandal? Vit’kas Vater hat seine Familie geärgert? Seine Ehefrau geschlagen? Hör zu, Vit’ka wird dich irgendwann erstechen. Du solltest wenigstens mit ihm tanzen und ihn beruhigen? Er hält sich nicht für schlechter als ein Admiral.“ Jaha kicherte zufrieden.
Irina bewegte die Schulter: „auch das noch. Die Einheimischen beobachten stets die Mädels, als ob man sie ihnen versprochen hätte.
Natürlich kann das sein, dass sie eine paar zugefahrene Matrosen verdreschen können. Doch welchen Sinn hat es? Ob man jemanden verprügelt oder nicht. Die Mädels fahren eh aufs Festland und halten sich nicht lange in der Igarka auf. Wo soll man sich auch aufhalten? In der Stadt gibt es außer dem Hafen nur das Sägewerk, doch dort benötigt man nur männliche Hände. Von hier stammen nur jene Männer, die abgesehen von der harten Arbeit, trinken und in ihrer freien Zeit randalieren.
Arbeit für Frauen gibt es in der Stadt kaum. Ebenso keine Vergnügungen. Nur ein Kino und ein Restaurant für die ganze Stadt. Überall gleiche Kleidung. Es gibt niemanden, mit dem man ausgehen kann. Wenn der Hafen geschlossen ist, und das ist für fast neun Monate im Jahr der Fall, herrscht in der Stadt Trübsinn und schreckliche Langeweile. Manchmal kommt es zu Romanzen mit Außendienstlern, doch das sind eher Skandale.
Die Musiker nahmen Platz. Den Freundinnen widmeten sie das Lied über einen armen Studenten. Es erklang laute, rhythmische Musik. Es kam zu Bewegung im Raum.
Der stramme Offizier aus der Clique gegenüber, drehte sich mit dem Gesicht zum Saal, sprang von seinem Platz auf und ging eiligen Schrittes zu dem Tisch, an dem die Freundinnen saßen. Er schrie lauter als die Musik und stellte sich vor: „Konstantin.“ Für einen Augenblick war er verwirrt: alle drei Frauen waren hübsch, welche sollte man wählen? Doch da fand er wieder Mut und seine Einladung zum Tanz wurde von Jahina angenommen. Er nahm sie mit, mit ihrem schnellen Gang, auf die Tanzfläche. Die Freundinnen wunderten sich: Hat er Augen im Nacken, dieser Matrose? Er saß doch die ganze Zeit mit dem Rücken zu uns. Auch nach dem zweiten Tanz kehrte diesmal Irina Semenova nicht zu ihrem Tisch zurück. Man hörte nur ihr Lachen aus der blauen Reihe der Verehrer.
Die aller schönste Frau der Igarka, Irina Makarova, blieb auf ihrem Platz. Und sie war damit nicht unzufrieden. Die Freude war groß. Die Musikgruppe spielte Lieder von Jurij Antonov. Und alles tanzte zu der Musik wie zu einem Wind. Die Matrosen waren in ihrem Element. Die laute Musik, die sich drehende und leuchtende Discokugel, die von der Mitte der Decke herunterhing und die Funken der Lichtmusik. Berührungen, Auseinandergehen, wieder Berührungen. Man tanzte sich in den Rausch. Dann kehrte man zu seinen Tischen zurück, kippte den Wodka, den Wein und ging wieder auf die Tanzfläche. Die einheimischen Kerle saßen leise in einem Haufen und tranken faul ihren Wein. Der Saal war fast leer, dafür war die Tanzfläche überfüllt.
Im Umkreis Irina Makarovas tummelten sich Verehrer verschiedenen Alters und verschiedenen Zustandes der Angetrunkenheit, doch sie lehnte ihre Einladungen ab und blickte in die geheime Ecke.
Die Gäste waren alle am feiern, doch er blieb sitzen…Nun kündigte man einen langsamen Tanz an. Sie beschloss: ich wähle nun jemanden aus den neben mir Stehenden, den aller höchsten und nüchternsten und gehe tanzen. Ich habe das Warten satt.“
Die Musiker machten eine Pause. Im Saal dimmte man das Licht. Man schaltete das Mikro ein. Es sang Jo Dassin: „Wo bist du und wo sind deine Spuren…“ Die Gäste stimmten sich auf eine gefühlvolle Atmosphäre ein.
Entweder war es die schöne Musik, oder die lyrische Stimmung, der Unbekannte stand endlich auf, machte die Schultern gerade, knöpfte seinen Mantel zu und begab sich mit vor Scham roten Gesicht, zum Tisch:
„Darf ich Sie einladen?“
Irina blickte streng auf seine geröteten Wangen, wedelte mit den Haaren, stand eilig auf und bemerkte, dass sie auf ihren Absätzen einen halben Kopf kleiner ist als er. Sie gab ihm ihre Hand.
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Für Sergej Tomin war es die erste, selbstständige Reise nach dem Abschluss des Schiffsbauinstitutes. In seiner Heimatstadt wartete die Schwester Sveta und ein Grabstein auf dem städtischen Friedhof auf ihn.
Der Vater, ein Meeresoffizier, kehrte nicht zurück von einer Kampfübung in friedlicher Zeit. Die Mutter verwandelte sich nach dem Tod ihres Ehemannes aus einer jungen und fröhlichen Frau in eine traurige, alte Witwe. Svetlana, die zehn Jahre älter war als Sergej, wurde zum Kopf der Familie. Er wurde gerade sieben Jahre alt, als der Trauermarsch für seinen Vater erklang. Nach einem Monat ging Svetlana in die Abendschule, und die Mutter wechselte in das lokale Krankenhaus als Fachbereichsarzt.
Tagsüber, während der Bruder in der Schule war, und die Mutter auf der Arbeit, kümmerte sich die ältere Tochter um den Haushalt, abends lief sie zum Unterricht.
Serjezha wuchs als lächelnder, einfacher Junge auf, sein Äußeres war ganz unscheinbar. Die ganze Schönheit hat die Schwester geerbt. Er hatte keine Freunde und malte den ganzen Tag Schiffe, als er älter wurde, schrieb er sich in den Zirkel „Junger Techniker“ im Haus der Pioniere ein. Dort verbrachte er seine ganze freie Zeit.
Mit dem Sportunterricht in der Schule wollte es jedoch nicht gelingen. Der Basketballklub, den Serjezha zunächst besuchte, wechselte zu diesem Zeitpunkt in das alte Gebäude. Auf dessen rutschigem Boden fielen alle hin, inklusive dem Trainer. Man schimpfte, doch der Boden glänzte weiter.
Nach einer Trainingseinheit am Abend, fiel Sergej sein geschwollenes Knie auf. Svetlana bereitete Teig zu, fror diesen ein und legte ihn nach einer Stunde auf die schmerzhafte Stelle. Für das erste Mal war es genug. Die Schwellung verschwand am nächsten Morgen. Doch nach ein paar Ausrutschern, schwoll das Knie wieder auf. Svetalna nahm den Bruder mit in die Traumaklinik.
Der Orthopäde war grau vor Müdigkeit, er roch nach Tabak und Alkohol und trug einen verwaschenen Mantel: Den Sport müssen Sie aufgeben. Sergej begann zu streiten, wollte sogar weinen, doch der Arzt wurde milder und sagte, es sei nur für kurze Zeit.
Die Mutter wurde mit der Zeit schwächer, der Charakter der Tochter stärker.
Nach fünf Jahren beendete sie ihr Studium der ausländischen Sprachen und fand Arbeit in einem ausländischen Betrieb.
Zum Ende des sechsten Jahres starb die Mutter leise und unscheinbar. Sie schlief ein und wachte nicht wieder auf. Nach einem Jahr stellte Svetlana auf den Gräbern ihrer Eltern einen kleinen Obelisken auf und beschloss: Serjezha wird Schiffsbau lernen.
In diesem Jahr wurde er noch größer. Beine und Arme wuchsen in einem Jahr derart, dass die Schwester sich wunderte . Die Schuluniform erwies sich als zu klein.
Auch das Äußere veränderte sich. Die Haare wurden dichter. Die Augen waren von schönen Wimpern umgeben, nahmen eine dunkelgraue Farbe an.
Der Blick wurde forsch und durchdringend.
Er achtete nicht auf Mädchen bis zur achten Klasse, doch da verliebte er sich. Nun brachte er in den Schulpausen irgendeine Schrulle mit. Er umging schweigend seine Schwärme und blickte nicht auf die enttäuschten Klassenkameradinnen. Man rief ihn abends an, steckte ihm Zettel in den Ranzen. Während er sie las, wurde er rot und ärgerte sich.
Es kam ihn nicht in den Sinn, diese Situation mit der Schwester zu besprechen. Er schämte sich vor ihr, hatte etwas Angst vor ihrer Coolnes und Strenge.
Freunde spielten auch in seiner Jugendzeit keine besondere Rolle. Wenn sie ihn riefen, dann ging er mit ihnen ins Kino, zum Fußballspielen, Schlittschuhlaufen, doch er selbst rief niemanden, bat um nichts, lud keinen zu sich nach Hause ein und besuchte auch selten jemanden.
Doch er hatte Bekannte. Kostja, Marat, Igor’…Mit ihnen spielte er Basketball. Kostja und Igor‘ schrieben sich ebenfalls für den Schiffsbau ein, ohne sich abzusprechen. Sie waren ständig zusammen, daher auch die Freundschaft.
Er liebte es ihnen Basteleien zu schenken, die er selbst hergestellt hat. Seine Zeichnungen und Schiffe nahmen die Freunde gerne mit nach Hause. Er berichtete vergnügt von diesen Schiffen, Segelbooten, Fregatten und erzeugte bei seinen Freunden großen Respekt.
Er war ein guter Student und bereitete der Schwester keine Unannehmlichkeiten, wobei Svetlana die elterlichen Versammlungen ignorierte. Sie hatte bloß Kraft seine Hefte und Hosentaschen zu untersuchen, um zu erfahren ob er heimlich raucht.
Abgesehen von allen Sorgen, hatte sie eine Romanze mit einem Engländer, der russische Wurzeln hatte, Larry Peterson. Larry bat sie, ihn mit dem russischen Namen anzusprechen – Illarion, so habe ihn angeblich seine Großmutter genannt.
Sveta widersetze sich nicht, sie war gewöhnt an die Macken der Ausländer. Nach zwei Jahren Liebe folgte der Antrag, doch sie dachte sich, nein und sagte ab mit dem Argument, sie müsse sich um ihren kleinen Bruder kümmern.
Die Trennung mit dem Heiratskandidaten war lang und quälend, mit den Jahren verschwand die Verbindung nicht, sondern wurde stärker.
„Ich die Angewohnheit habe dich zu lieben.“ Illarion breitete seine Arme aus.
„Nun gut, soll es so weiter gehen“, erlaubte es ihm Svetlana.
Bei seinen seltenen Aufenthalten in der Stadt, rief er sie aus dem Hotel an und sie ließ sich krank schreiben und ging zu dem gemeinsamen Treffen, sie schwor dabei jedes Mal, es würde das letzte Mal sein.
Mit den Jahren erlosch die Leidenschaft und das Verhältnis wurde fast zu einem verwandtschaftlichen. Dafür war Illarion ihr sehr dankbar. Svetlana blieb unverheiratet und kinderlos und machte allen im Umkreis deutlich, dass sie keine Zeit hatte für ein eigenes, persönliches Leben, weil sie sich um den Bruder kümmern musste.
Die Verbindung mit Illarion wurde deswegen noch fester, wegen der Tatsache, dass er, aus irgendeinem zauberhaften Grund zum Konsultator jenes Betriebes wurde, wo Svetlana arbeitete.
Nun brannten auf den Hotellaken nicht nur Liebesfeuer, sondern es entflammten auch dienstliche, diesmal jedoch Streitigkeiten und Gerüchte.
Aus Sergejs Gedächtnis verschwand das Bild eines Vater-Helden, doch das tauende Bild der Mutter nagte noch an seiner Seele. Er fragte sich mit Trauer, welcher Trübsinn die Mutter gequält hatte, welcher geheimnisvolle Sinn ihr das Leben raubte?…
Die Schwester kümmerte sich gut um ihn. Sie war zwar oft ungemein streng zu ihm, doch hatte sie aus zärtliche Worte für ihn übrig. Sie gab ihm gutes Essen und kümmerte sich um ihn wenn er krank war. Sie bemühte sich, ihn modern anzukleiden, und achtete auch auf sich. Sie hat ihm niemals Geld verwehrt, wobei er selten danach bat, das gab er dann für den Kauf von Büchern aus in seinem Lieblingsbuchladen. Er fühlte sich nie wie ein Waisenkind. Doch lebte in seiner Seele irgendeine Leere und er füllte sie mit dem Traum vom Meer.
Außer dem Meer, war eine weitere Leidenschaft Sergejs das Lesen. Die lokalen Bibliotheken und die Bibliotheken der Schule und später der Universität, gaben dem Verlangen des jungen Romantikers und gierigen Lesers nach. Russische und ausländische Klassiker wühlten ihn und seine Seele auf, wie sein Umfeld es bemerkte.
Die Kurse des Schiffsbaus besuchte er neben dem Lesen von Jack London und seinem weißen Stoßzahn, Hemingways mit dem Geräusch des schaumigen Meeres, Ibsens und seine neblige Sehnsucht, Edgar Poes Düsternis und Jule Vernes wehender Winde, die in die Segel schlagen.
Während die ältere Schwester in den Schlangen der Geschäfte stand (es gab überall Defizite, angefangen bei Lebensmitteln bis zum Toilettenpapier), verbrachte Sergej die Zeit in den Bibliotheken. Svetlana stellte für Illarion Listen mit Importwaren und Kleidung zusammen, ließ die Namen laut in den Telefonhörer erklingen. Bei jeder seiner Dienstreisen nach Leningrad brachte er ihr und Sergej Taschen mit Geschenken mit. Am wichtigsten war das Schuhwerk für den schnell wachsenden Bruder. Einmal nahm Illarion mit einem zufriedenen Blick eine Schachtel mit Schuhen der Firma Ascot aus der Tasche und sagte:
„Das ist die beste Schuhmarke Londons, auch wenn sie noch sehr neu auf dem Markt ist. Ich kaufte eine Größe größer, so wie du mich gebeten hast.“
Sergej trug diese Schuhe tatsächlich mehr als ein Jahr. Die Firma enttäuschte sie nicht. Svetlana war glücklich.
Selten, meistens zu Feiertagen, lud Svetlana Illarion zu sich nach Hause, zum Essen ein. Als Serjezha erwachsen wurde, konnte er dank seiner Hausaufgaben, ein Gespräch auf englisch führen, er und Illarion führten solide Gespräche. Der Gast von der anderen Seite des Meeres kam stets mit einer roten oder blauen Fliege und hatte immer einen Blumenstrauß dabei. Blumen begleiteten Svetlana all die Jahre, die sie mit Larry verbracht hatte. Manchmal, im kältesten Winter, erfreute er die geliebte Frau mit einem kleinen Strauß Veilchen oder Mimosen direkt aus London.
Mit dem Jungen liebte er es, über englische Architektur zu sprechen.
„Serenkij, höre nur zu“, riet ihm die Schwester als sie im Haushalt beschäftigt war und der kleine Bruder hörte zu.
Larry kommentierte die englischen Klassiker lange und tiefgründig. Die Balladen von Robert Stevenson konnte er auswendig.
Svetlana machte große Augen.
„Ich dachte, du liest nur…“, sagte sie leise und schonte die Ohren ihres Bruders, „im Bett Hughes…“
Illarion lachte nur, wandte sich an Sergej und kündigte an:
„Deine Schwester, Serje, ist eine sehr ernste Dame. Sie ist sehr forsch. Hughes, übrigens, respektiere ich sehr…“
Er trank etwas Wodka und begann weiter zu fabulieren:
„Noch gefällt mit Tomas Hann…“
Nach dem Abendessen begann sich der fast Verwandte zurück ins Hotel. Warum blieb er nicht über Nacht? In der Dreizimmerwohnung gab es genug Platz. Sergej wagte es nicht, diese Frage zu stellen, das ging ihn nichts an.
Nur einmal, als sie bis zur Abenddämmerung gemeinsam da saßen, schlief Illarion im Sessel ein. Sie zogen ihm vorsichtig die Schuhe aus, dann den Blazer und die Fliege, machten den oberen Knopf des Hemdes auf, bedeckten den Gast mit einer Decke, legten ihm einen Kissen unter den Kopf und gingen auf Zehenspitzen in die Küche um Geschirr zu spülen, dabei machten sie die Tür hinter sich zu.
„Sveta, warum heiratest du ihn nicht?“ Sergej brach das gemeinsame Einverständnis, nicht darüber zu reden und lief rot an. Svetlana erstarrte für einen Augenblick über dem Haufen des Geschirrs im Spülbecken, dann wandte sie sich an ihn:
„Ich habe bereits auf diese Frage gewartet. Ich erinnere mich an Mama…Wie sehr sie den Vater vermisste….als ob alles für sie stehen geblieben war, in einem Augenblick zu ende. Und wir? Waren wir in ihrem Leben? Oder nur der Vater? Ich war böse auf sie…“, sagte die Schwester und schwieg kurz. „Ich möchte nicht auch so enden. Doch anders wird es auch nicht funktionieren. Anders habe ich es nicht gelernt. Deswegen soll ich auch nicht damit anfangen“, sie atmete aus und beendete ihre Rede: „Ich habe dich, das reicht mir.“ Sergej ging zur Schwester und umarmte sie.
„Was hast du Serenkij? Ist doch alles gut. Dafür wirst du heiraten und ich eine Alte sein. Und was für eine Alte…“ , sprach sie schnell zu Ende und begann zu weinen.
Sie verließen das Restaurant als Erste. Sie wollten nichts und niemanden sehen. Sie wollten nur einander hören und sehen.
Die Igarka schlief nicht. Atmete mit dem Meer, flüsterte mit den Büschen, leuchtete mit den Flammen des Hafens und der städtischen Laternen.
„In Leningrad sind gerade weiße Nächte…wie lieben sie sehr…“, begann er schnell zu erzählen.
„Bei uns ist es noch heller…“, unterbrach sie ihn. „Ja, ja…glauben Sie nicht? Wir haben die aller hellsten Nächte…Noch heller als in Leningrad. Doch wir gehen nicht spazieren. Wir sitzen am Fenster und hören dem Meer zu….Und die letzten Nachrichten im Fernseher. Sollen wir etwas sitzen?“ Irina blickte sich um.
„Oh, das ist doch mein Kindergarten. Ich ging hier her als Kind…Es ist offen.“ Sie stieß die Tür im Zaun auf und lief den Pfad entlang. Sergej folgte ihr.
„Schauen Sie, Schaukeln. Schaukeln Sie mich.“ Sie sprang in die kleine Kinderschaukel. Und eins, die Beine schwebten bei jedem Schaukeln über den Kopf, es schien, man könne die Sterne mit dem Fuß berühren und den großen, weißen Mond, wie einen Ball, stoßen.
„Wollen Sie, dass ich Ihnen Gedichte vorlese?“ Sergej schaukelte sie immer stärker.
„Er wird gleich Asadov lesen“, dachte Makarova etwas genervt.
„Nun los“, sagte sie laut und wollte es aushalten.
„Mondschatten – Schatten Trauer
wandeln mit einem leisen Schritt.
Unter einer Decke, die schwarz wie Erde ist
Einen geisterhaften, steilen Pfad, entlang
Man schaukelte viele liebsam und zart,
Wachsam gab man den Widerschein…
Mondschatten, Schatten der Trauer,
Wiederholen meine Silhouette.
„Igor‘ Severjanin? Das gehörte nicht zum Schulprogramm“, wunderte sich Irina und dachte mit Trauer, dass sie es nicht geschafft hatte, dieses Gedicht in ihr Heft zu schreiben, bevor Elena das Band des unbekannten Poeten, zusammen mit zwei Sammelbändern des berühmten Puschkins, für das Schneidern des Ballkleides verkaufte. So war der Tauschhandel in diesem Teil der Welt.
„Vieles, was es nicht im Schulprogramm gibt“, antwortete Sergej.
„Ich liebe das Gedicht über die Königin und den Pagen…“ und sie dachte sich: „Schreibt er auch Gedichte ab oder hat er ein Buch?“
„Das war am Meer, beim azurblauen Schaum,
Wo man selten eine städtische Equipage trifft…
Die Königin spielte in dem Turm des Schlosses – Chopin,
Und als er Chopin hörte, liebte er sie.
Alles war sehr einfach, alles war sehr lieblich:
Die Königin bat, den Granatapfel durchzuschneiden,
Sie gab ihm eine Hälfte, und erschöpfte den Pagen,
Und sie liebte den Pagen, nach allen Motiven der Sonaten.
Und er flüsterte dann, und trug ganz leise vor:
Und dann gab sie sich hin, gab sie sich gewittrig,
Bis zum Sonnenaufgang schlief die Herrin wie eine Sklavin…
Das war am Meer, dort wo die Welle türkisfarben ist,
Wo der azurblaue Schaum ist und die Sonate des Pagen“
„Das reicht.“ Sie sprang auf die Erde, schüttelte den Kopf und spürte ein Zittern in dem Körper. „Ich muss nach Hause. Mama macht sich Sorgen.“
Irina konnte nicht mit dem Wunsch zurechtkommen, ihn zu umarmen oder die Hände auf seine Schultern zu legen. Vor diesem Treffen hatte sie nie den Wunsch gehabt, als erste jemanden aus ihrem Umfeld zu umarmen. Im Gegenteil, sie wollte mit ihrem Ranzen jenen Razuvaev schlagen und seiner Freundchen, doch alles blieb da…in der Schule, fast in der Kindheit. Hier war eine gänzlich andere Situation: eine erwachsene, voll mit gefühlvoller Romantik. Sergej zitterte. Der Unterschied lag darin, dass sie sich bemühte seine Sorge nicht zu beachten, als er rot wurde und sehr verlegen war. Sein Verlegen färbte auf sie ab.
Doch es war trotzdem sehr schön. Sie wollte zuerst auf dem einen, dann auf dem anderen Bein springen und mit jedem Sprung in Richtung Himmel fliegen. Alles war von einem weichen Nebel umgeben: die Sterne, die Gedichte, die warme, männliche Hand…
Sie begaben sich auf den Rückweg, gingen nebeneinander, hielten sich an den Händen fest, er sagte Gedichte auf, sie hörte zu, den Kopf im Nacken, sammelte mit ihren Augen die tiefen, funkelnden Sterne auf…
Sie gingen zwischen Sträuchern, die hinter ihrem Rücken raschelten, obwohl kein Windhauch ging.
„Nun…Wir sind da.“
„Dann lass uns verabschieden“, er senkte den Kopf und lehnte sich nach vorne.
„Gleich wird er mich küssen.“ Sie streckte sich und zeigte Widerstand. Das Gefühl vermischte sich mit dem scharfen Wunsch, die Barriere zu überwinden. Sie wird jedoch keinen großen Widerstand leisten, so…wie es sich für anständige Damen gehört und den quälenden Wunsch des Abends herauslassen. Doch er begann plötzlich nach etwas in seiner Brusttasche zu suchen, er fand einen Zettel und schrieb etwas auf diesen, dabei beugte er sich stark nach vorne. Er bemühte sich, den Lichtkreis der Laterne einzufangen. Dann reichte er ihr den Zettel.
„Das ist meine Leningrader Adresse und die Telefonnummer. Die Schwester heißt Sveta…für alle Fälle. Kommen Sie morgen?“, sprach er schnell vor sich hin.
„Gut…“, Irina nahm verwirrt den Zetel. „Sobald ich in Nowosibirsk ankomme, werde ich schreiben. Ja, und morgen komme ich auch…um dich zu verabschieden.“
Irina beherrschte sich, wedelte mit ihrem üppigen Pferdeschwanz, stellte sich auf die Zehenspitzen, umarmte Sergejs Hals, küsste ihn heiß und innig und verstand selbst nicht, wie es um sie stand: entweder auf die Wange oder auf den Mund. Dann begab sie sich schnell ins Treppenhaus, stieg auf die Treppe und winkte ihm zu:
„Tschüss.“
„Irina, ich habe Sie hier.“ Sergej legte seine Hand auf die Brust.
Sie stieg in ihre dritte Etage, laut atmend, zog sich im Flur die Schuhe aus und begab sich in die Küche.
„Mama, das bin ich“, sagte sie laut zu der schläfrigen Mutter.
Irina trank gierig etwas Wasser aus dem Wasserhahn, wischte sich den Mund ab, ihr Herz klopfte schnell, und sie ging zum Fenster. Er stand in dem Lichtschein der Laterne und hob sein Gesicht zum Fenster, das sehr blass zu sein schien. Der Schatten seiner Figur war nicht nur unnatürlich gestreckt, sondern zerbrochen, ganz aus Ecken bestehend.
Sie blickte weiter in das Fenster, auf seinen seltsamen Schatten. Sie atmete auf, beruhigte sich und horchte in sich hinein: nur Mitleid und Enttäuschung, keine Freude.
„Was ein Kavalier, hat mich nicht geküsst“, flüsterte sie traurig. „Habe mich selber aufgedrängt…“, sie bemerkte in der Weite dunkle Silhouetten, begab sich ins Bett und befreite das Haar von dem Haargummi.
Sie verschlief die Verabschiedung am nächsten morgen. Sie irrte durch die ganze Wohnung, zog sich das Kleid an, rannte ins Badezimmer und dann wieder heraus: sie schnappte mal nach der Haarbürste, mal die Zahnbürste. So sehr sie sich auch beeilte, sie kam zu spät.
Auf dem Kai stand eine kleine Menge, das Auge fing die bekannten Figuren der Freundinnen auf. Irina winkte ihnen zu…und…Sie lief, blickte sich um, bis sie ihren Namen hinter dem Rücken hörte. Jemand zerrte sie an der Hand, sie drehte sich abrupt um.
„Was ist das?“, wunderte sich Ira. „Wer war das? War das gestern? Nach unserem…“
Sergejs linkes Auge war angeschwollen und blau, die Schläfe ganz violett, auch die Unterlippe war geschwollen.
„Alles in Ordnung“, sagte Sergej verlegen und berührte vorsichtig die Schläfe und die Unterlippe.
„Waren das Vitka und seine Kumpanen?“
„Ich weiß es nicht. Sie haben sich nicht vorgestellt. Sie überfielen mich zu dritt… Das alles macht nichts. Irina, werden Sie mir schreiben?“ Er blickte sich eilig um, nahm die junge Frau an der Hand und presste sie an seine Lippen.
„Serjezha, wir haben doch das „Du“ vereinbart.“, sagte Irina und versuchte ihre Tränen zu verstecken. Mitleid, scharfes Mitleid übermannte sie wieder.
„Ich kann mich nicht erinnern…“, sagte er verwirt.
„Natürlich. Ich werde dir schreiben. Und du schreibe mir bitte auch“, sagte sie fröhlich.
Nach Hause gingen die Freundinnen schweigend. Semenova, blasser als sonst, ging barfuß und hielt die weißen, tschechoslowakischen Schuhe mit den Absätzen in den Händen. Jahina kam kaum hinterher auf ihren kleinen Füßchen mit den Highheels. Da blickte sich Semenova plötzlich zur Jahina um, und mit einer Freude, die untypisch für sie war, sagte sie:
„Der Kronleuchter wurde doch zerstört. Schön war er. Und sie…bum, mit dem Stuhl. Es blieben nur irgendwelche Nägel. Die Matrosen sind…turmhoch…Es gab ein Feuerwerk…und was für eines…“
Die Mädels lachten los, die Laune wurde besser.
„Du und Sergej seid gegangen und dort….hat so etwas angefangen.“ Jahina prustete los.
Die beiden Frauen begannen Makarova über die gestrige Schlägerei zu berichten, zwischen den Matrosen und den Einheimischen.
Sie verabschiedeten sich bei der Parkanlage und verabredeten sich zum abendlichen Tanz im Haus der Kulturen.
* * *
Vitjkas Wohung befand sich gegenüber von der Wohnung Makarovas. Razuvaevy: das ist ein trinkender Vater, eine schreiende Mutter und zwei Brüder, Rotznasen, sie waren weder nachts noch tagsüber leise. Die Familie lebte laut, manchmal mit Liedern, doch häufig mit Schreien und Flüchen.
Ira erinnerte sich bereits vor dem Haus an den Nachbar und wurde verärgert. Sie versuchte ihre eigene Tür zu öffnen (das Schloss wollte sich nicht öffnen), und drohte mit der Faust in Richtung der Tür der Razuvaevs.
„Dreckskerl.“
Die Nachbartür öffnete sich langsam. Auf der Türschwelle stand Viktor Razuvaev mit einem Streichholz im Mund.
Er arbeitete am Hafen, ging dorthin direkt nach seinem Schulabschluss. Er arbeitete jeden zweiten Tag und hatte eine Menge freie Zeit, doch war er selten zuhause.
Wie er über das Leben seiner geliebten Nachbarin erfuhr, blieb ein Rätsel. Wo auch immer Ira erschien, Viktor folgte ihr wie eine Schatten. Manchmal alleine, meistens mit seinen Kumpanen.
„Arschloch.“, zischte Irina und bewegte ihren üppigen Pferdeschwanz, ohne zu verstehen, ob sie sich an die Tür wandte oder den Nachbarn. „Drei auf einen? Razuvaev, du bist ein Dreckskerl.“
„Ich schlug, schlage und werde schlagen. Du hast hier nichts zu suchen“, stellte Vit’ka berechnend fest. Und fügte hinzu: „Habe vor nichts Angst, Königin.“
Die verdammte Tür wollte sich immer noch nicht öffnen. Razuvaev riss sich von dem Pfosten los, näherte sich Irina und schob die junge Frau zur Seite. Dann zog er mit aller Kraft die Tür auf sich, das Schloss knackste, der Schlüssel drehte sich und die Tür öffnete sich.
„Königin“, äffte Irina ihn nach. „Es gibt niemanden mehr, den du schlagen kannst. Ich fahre fort. Ich fahre“, schrie sie ihm ins Gesicht. „Für immer und ewig.“ Sie schlug fest die Tür von der anderen Seite zu. Nach dieser Verkündigung kehrte Viktor leise zurück und schloss ruhig seine Tür zu. Er beriet sich in Gedanken auf eine weise Art: alle fahren weg, doch kehren sie später zurück.
Die Geschichte der Bekanntschaft mit den Matrosen in dem Restaurant „Igarka“ tangiert Irina Jahina nur indirekt. Nach einem kurzen Briefwechsel mit Kostja, endet ihre Romanze. Im Weiteren wird Jahina bei der Erinnerung an diese Episode nur mit der Hand wackeln, so als ob sie den unbedeutenden Fakt der Biografie vertreiben wolle.
Irochka Semenova, die brave Tochter, wird denjenigen Matrosen heiraten, mit dem sie die Nacht im Restaurant „Igarka“ durch getanzt hat, und zwar im Jahr 79, in Leningrad, nach dem letzten Kurs im Institut. Sie wird für ihren Igor‘ eine anständige Offiziersehefrau sein: zärtlich und treu.
Irina Makarova erwarteten lange Jahre des Briefwechsels, voller Liebe, Zärtlichkeit und Meeresromantik.
Nach Tolmachevo flog Irina alleine, so war die Abmachung zwischen ihr, der Mutter und Katherina, die ihr teures Mädchen treffen sollte. Bald fand sie ein Studentenwohnheim. Sie schleppte ihren schweren Koffer in die zweite Etage und entdeckte in dem Zimmer, das ihr zugewiesen wurde, noch zwei weitere Studentinnen. Am Abend kam noch eine vierte dazu – Gulja. Diese war spät dran, sie kam mit dem Zug aus Kasachstan. Die drei jungen Frauen, die ihren Schulabschluss gerade gemeistert haben, waren fast siebzehn Jahre alt. Gulja hatte das Technikum absolviert, drei Jahre gearbeitet und schien für die drei bereits eine alte Frau zu sein – sie war bereits dreiundzwanzig Jahre alt. Sie war Studentin des dritten Kurses jener Fakultät, an der auch Irina studieren sollte.
Gulja war klein vom Wuchs, hatte eine korpulente Figur, einen langen, schwarzen Zopf und war in ihrer ganzen Art sehr lässig. Sie machte sich bald mit dem Studentenwohnheim bekannt und seiner verschiedenen Orte: der Küche, der Dusche und dem Waschraum.
Dann erkannten alle Gulja als die Älteste im Zimmer an und sie zeichnete sofort den Stundenplan für die anfallenden Arbeiten. Sie achtete streng auf die Ordnung im Zimmer und den Einkauf der Lebensmittel (dafür legten die Mädchen zusammen).
Ira mochte alles. Nur eines enttäuschte sie – es gab viele Schönheiten und brave Mädels in ihrem Umfeld. Sie war es sonst gewohnt, die Erste zu sein. Von Zeit zu Zeit hielt sie sich zu lange vor dem Spiegel auf. Sie blickte lange und aufmerksam in diesen. Außerdem hatte sie einen forschen und beobachtenden Blick, der ganz beherrscht war von der farbenvollen Vielfalt der Welt. Und nun sah sie vor sich das Gesicht einer jungen Frau, doch konnte sie nicht entscheiden, ob diese schön war oder nicht. Meistens war sie zufrieden mit sich.
***
Die Eltern Ira Makarovas kamen nicht freiwillig nach Igarka. Sie wurden als Kinder von der Halbinsel Tajmyr dorthin gebracht. Irochkas Großeltern wurden wegen ihrer Nationalität in der Kriegszeit nach Igarka verbannt. Die Männer gingen bei dem Umstieg in Krasnojarsk für immer verloren. Die Mütter mit ihren Kindern fuhren bis zur Endhaltestelle am rechten Ufer des Jenissei.
Mit einem Wort, waren sie nach diesem Winter von allen vergessen, von Gott und den Mächten. Niemand kehrte zurück, doch es stellte sich heraus, dass durch ein Wunder drei überlebt haben: ein kleines Mädchen und der junge Juris mit der erschöpften Mutter Ingeborg.
Später, bei den ernsten Symptomen von der sie befallenden Krankheit, brachte sie die Kinder nach Igarka. Weiter zu fahren war nicht erlaubt. Dort befand sich auch die Kommandantur, wo man sich einmal im Monat melden sollte. Dieser nördliche Punkt behielt sich lange Zeit den Status des Ortes, wo sich die ehemalig Verbannten der äußersten Welt versammelten.
Jurij, jener Jurij Ivanovich war behindert seit seiner Kindheit, er erinnerte sie nie an seine Herkunft, dieses Thema war von den Mächten verboten worden. Eines Tages, zu Beginn der siebziger Jahre, bekam er Besuch von einer frechen Journalistin von der zentralen Jugendzeitung. Sie interessierte sich lebhaft für alles, vor allem: wird Jurij Ivanovich eine Entschädigung von der Macht erbitten, als „Entrechteter“ und „Sohn des Volksfeindes“ in der Vergangenheit?
Das Thema, welches damals noch als „geheim“ galt, und deswegen besonders anziehend war, war nicht mehr gefährlich, es wäre zu einer Bombe für den Neuen Norden geworden.
Nach den ersten Fragen, wie sie es geschafft haben, zu überleben, warum man sie vergessen hatte, welche Summe die Familie Makarov erwartet, begann Jurij Ivanovich, der schon so weiß im Gesicht war, noch blasser zu werden. Elena holte Tropfen und Wasser und bat die Journalistin zu gehen und Jurochka, sich keine Sorgen zu machen. Doch er konnte sich nicht beruhigen, zu schrecklich waren die Erinnerungen an die Kindheit.
In Agapitovo, wo Hunger und Elend herrschte, wurde er sieben Jahre alt. Viele Jahre verbrachte er und die dreijährige Lenochka in einer Baracke auf den Pritschen, ohne jemals nach oben zu gelangen. Es war starker Frost, sie hatten keine Kleidung. Die Fetzen, sie sie trugen, retteten sie nicht vor der Kälte.
Elena, im Gegensatz zu ihrem kranken Mann, konnte sich an nichts erinnern, es blieb bloß seit ihrer frühen Kindheit irgendeine überirdische Bosheit. Die Mutter Lenas, nach den Worten jener Inga, starb an Kälte. Sie fror an ihre Unterlage an, da sie in einem Zelt schlief, im Frost, mit all den anderen.
So geschah es, dass die mitfühlende Litauerin sein eigenes und das fremde Kind aus Agapitovo zuerst in das Dorf Nosovaja brachte, fünfzig Kilometer vom Jenissei entfernt, wo es normale Häuser gab und irgendwelche Lebensmittel. Dort hatten sie sich etwas angefüttert, sich gestärkt und auch dort wurde Inga in die Fischfang-Arbeitsgenossenschaft aufgenommen, bei der Kolchose „20 Jahre Oktober“. Nach einigen Jahren hatte man es ihnen erlaubt, nach Igarka umzusiedeln.
Bereits bei der ersten Registrierung schrieb Inga Juris als Jurij ein. Den Nachnamen für sich und den Sohn nahm sie von dem verstorbenen Ehemann an, Ivan Makarov, der bei der Errichtung der sowjetischen Macht in Litauen ums Leben kam. Die zweite Registrierung verwandelte das kleine Mädchen Helene, Tochter von Wolgadeutschen, in Elena Fedorovna Schpiceva. Damit lehnte sie die Existenz des leiblichen Vaters Friedrich Spitz ab. Sie übernahm für Lenochka die Vormundschaft als Verwandte.
Katherina kam zu der Familie etwas später hinzu. Sie und Lena besuchten eine Klasse, obwohl Katherina etwas älter war. Sie hielt Jurij lange Zeit Lena zuliebe aus, doch dann gewöhnten sie sich aneinander, wahrscheinlich weil sie sonst nicht mit diesem zauberhaften Mädchen sich hätten anfreunden können. In der letzten Zeit, bereits nach der Schule, arbeiteten alle drei in einem Geschäft am Hafen. Dort freundete sich Elena noch mehr mit Katherina an, und auch Jurij verhielt sich ihr gegenüber freundlicher. Im Gegensatz zu vielen, hatte Katja einen Vater, eine Mutter und einen kränklichen, jüngeren Bruder. Der Vater, ein Entrechteter der zweiten Welle (stark, praktisch veranlagt, einfallsreich) konnte sich halten, trat in die Fischfang-Arbeitsgenossenschaft ein und eignete sich das fremde Handwerk an. Die Familie lebte sich langsam ein, nahm die lokalen Gesetze und Gewohnheiten an. Fand sich ein in dieser ewig trüben Stadt, die vom Meereswind umweht wurde, weit weg von dem lieben Roggen-Gänseblümchen-Dorf.
Elena und Jurij kannten die Geschichte ihrer Kindheit. Inga verbarg nichts vor ihnen. Lenochka konnte sich weder an den Vater noch die Mutter erinnern. Doch die verrunzelte, zahnlose Litauerin und ihr trübsinniger Sohn wurden für sie zu nahen Menschen, und später zur Familie. Als Lenochka achtzehn Jahre alt wurde, heiratete sie Jurij. Beide waren groß, hellhaarig. Jurij, lang, dürr, kantig. Auf dem schmalen, grauen Gesicht zeigten sich ganz unpassend dunkelblaue Augen. Von der Kindheit im Tajmyr blieben Krankheiten, das ewige Gefühl des Hungers, ein schlechter Charakter.
Elena war anders. Ein offenes, lächelndes Gesicht mit Sommersprossen – eine junge Dame wie auf einer sowjetischen Postkarte. Von der Figur und der Größe nicht gerade zierlich, doch mit einer schönen Taille. Vom Charakter eher redselig, nicht so wie der Ehemann.
Nach dem Rat der Mutter, schloss Jurij nach der Schule Buchführerkurse ab. Er hatte nun alle Hände voll mit Ziffern, Berechnungen, Berichten zu tun. Mit der Zeit lernte man es, ihn zu respektieren, was in seiner Jugend, beim Dienst in der sowjetischen Armee nicht gerade der Fall war.
Irochka wurde nach zwei Jahren geboren. Nach ihrer Geburt entschied man, dass Lenochka ein Fernstudium absolvieren sollte, da wo auch Katja studiert hatte. Die junge Mutter fuhr fünf Jahre nach Moskau zum Studium und ließ die kleine Tochter bei dem jungen Ehemann. Zu diesem Zeitpunkt erholte sich Inga bereits auf dem lokalen Friedhof.
Die älteste Freundin, als sie nach Nowosibirsk kam, hatte viele Freunde und bekam einen guten Job,
doch konnte sie lange Zeit keine Wohnung finden, so mietete sie immer kleine Zimmer.
Jurij Ivanovich zog fünf Jahre lang seine Töchter groß und arbeitete gleichzeitig bei zwei Stellen.
Den Mädchen wurde alles erlaubt. All die Jahre, solange er noch fit war, arbeitete er in einem kleinen Geschäft als Buchführer, wo früher Ingeborg den Boden wischte.
Jurisj Ivanovich bemühte sich, arbeitete noch nebenbei. Sein Gehalt reichte für Brot, Butter und schöne Schuhe. An Abenden ging er zum Hafen, zur Entladung, ohne auf seinen kranken Zustand zu achten. So ging alles den Bach unter: Der Wohlstand der Familie wuchs, und die Gesundheit des Ernährers verschlimmerte sich.
Nach dem Abschluss des Institutes wechselte Elena von einer Verkäuferin zu einer Warensachverständigen. Mit der Entwicklung des Nordens und der Seewege, wuchs auch der Hafen und wurde reicher. Er entwickelte sich zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt in der Sowjetunion. Der Ehemann ging bereits in Frührente wegen Krankheit, da wuchs die Karriere der Ehefrau stetig an.
Jurij Ivanovich konnte seit der frühen Kindheit der Tochter, mit Elena einen Nenner finden, obwohl diese oft verreist war. Morgens brachte er sie in den Kindergarten, abends holte er sie ab, fütterte sie, gab ihr Spielzeuge, versprach ihr, er würde bald wieder zu hause sein, sie solle keine Angst haben. Er ließ den zweiten Schlüssel bei der Nachbarin, damit sie nach der Tochter schaue, machte die Tür zu und ging zu seinem Minijob..
Irochka wuchs als schönes und braves Kind auf, mit einem einzigartigen Charakter. Sie schmollte nicht, begann früh an zu sprechen und ihren Vater nachzuahmen, beriet auf ihre kindliche Art. Sie liebte ihren Vater sehr, die junge Mutter hielt sie meistens für eine Freundin, wobei sich Lenochka bemühte eine emsige Mutter zu sein.
Von dem ewig trübsinnigen Vater, hatte die einzige Tochter nur die Augenfarbe geerbt. Das leuchtende Blau glänzte auf dem zarten Gesicht, wechselte in allen Farbspektren, von einem zarten Blau bis zu einem dunkelblauen Blau, in Abhängigkeit von der Laune und des Wetters.
Sie war die aller größte in der Kindergartengruppe, die Erste im Schulsport, leuchtend-blaue Augen, helle Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden, den sie seit der dritten Klasse trug, sehr auffällig in ihrem Wesen, fühlte sie sich immer als die Erste in ihrem Umfeld.
Seit ihrer frühen Kindheit hörte das Mädchen immer wieder, dass man sie „Schönheit“ nannte.
Elena, flüsterte der Tochter zu, als sie sie für den Kindergarten fertig machte:
„Meine Blauäugige.“
Wenn Katherina Irochka sah, bei ihren Besuchen der Familie, tätschelte sie diese und spach:
„Meine Schönheit.“
Jurij Ivanovich flüsterte häufig mit Zärtlichkeit:
„Mein Sternchen…“
Elena suchte das Allerbeste für ihre Tochter aus und nutzte ihre geschäftlichen Verbindungen, um die Schönheit der Tochter zu unterstreichen. Schöne Pullover, Kleider, Röcke. Die Haarschleifen hatten alle möglichen Blautöne: kornblumenblau, himmelblau, meeresblau, zzurblau, violett, perlen-grau. Katherina, die eine gute Stelle in einem lokalen Buchführerbüro bekam für zwei Jahre, schickte Päckchen mit Importware. Auch diese Kleidung passte man zu der blauen Garderobe des Mädchens an. Darauf konnte Jurij Ivanovich nur mit dem Kopf wackeln:
„Die Weiber sind verrückt geworden.“
Irochka gewöhnte sich daran, überall die Schönste zu sein, wo sie mit ihrer Familie erschien. Die Schönheit war einzigartig – jeder bemerkte sie, zog sie an, begrüßte sie. Man liebte sie für ihre Freundlichkeit und Gefälligkeit. Es hatte keinen Sinn mit ihr zu streiten, ihr irgendetwas zu beweisen oder die Verhältnisse zu klären. Es reichte aus, das Irochka eintrat und lächelte, dann wollten alle ohne Ausnahme mit ihr Befreundet sein, sie an der Hand halten, die Spielzeuge mit ihr teilen. Auch die Erwachsenen hatten es leicht mit ihr, sie war ein braves Kind. Kam sie mit etwas nicht zurecht, vertraute sie immer dem Gegenüber. Niemand hatte sie jemals belogen.
Der erste Ausdruck ihres Charakters zeigte sich am ersten September des ersten Schuljahres. Die einsame Katherina nahm an allen Veranstaltungen der ihr nahestehenden Familie teil. Sie kam mit Geschenken, um Irochka zu gratulieren. Man stritt wegen der Haarschleifen. Katherina nahm aus Brotpapier leuchtend-blaue Seidenschleifen heraus, und legte breite, weiße und schwarze Schleifen aus Nylon daneben. Auf die letzteren blickte das Mädchen gar nicht, ihre Augen leuchteten von den Blauen. Sie trug keine Zöpfe, wie es damals Mode war. Im Einverständnis mit Elena, trug sie üppige Pferdeschwänze.
„Ich möchte diese haben“, bat sie und zeigte auf die Seidenschleifen.
„Irochka“, riefen Mutter und Katherina gleichzeitig. „Irochka. Nein. Der erste Schultag. Da darf man nur weiße Schleifen tragen.“
„Ich will nicht. Ich will die anderen.“ Weiter folgte ein Stimmengewirr. Überredungen, leichte Drohungen, Versprechungen, alles umsonst.
„Ihr habt selbst gesagt, man soll die Schönheit unterstreichen“, weinte Irochka, worüber sich die beiden Frauen wunderten, denn es passte nicht zu ihr.
„Nach der Schule, so viel du magst…“, versuchten Elena und Katja sie zu überreden, beide überwältigt von einer solch stürmischen Reaktion des Mädchens.
Jurij Ivanovich verbrachte zu diesem Zeitpunkt seine Zeit liegend, in einem breiten Sessel in dem kleinen Zimmer. Ihn erwartete eine Herzoperation im Krankenhaus in Nowosibirsk. Die Warteschlange war groß, die Lebenskräfte verließen den Kranken genauso langsam.
„Tochter“, hörte man in der kurzen Pause zwischen den Schreien. „Komm zu mir.“
Sie lief sofort zum Vater, zitterte noch von den Tränen und blinzelte streng mit den dunkelblauen Augen.
„Höre mir zu.“ Er machte eine Pause und leckte sich über die grauen Lippen. „Den Charakter zeigen muss man in einem ernsten Fall, wenn etwas bedeutend ist. Hier geht es nur um Schleifen…“
Er schmunzelte schief, ohne sich Gedanken zu machen, ob die siebenjährige Tochter seine Worte versteht. „In der Schule geht es um andere Erfolge…“ Er schloss müde die Augen.
Die Tochter nickte, ohne etwas zu verstehen, doch vertraute sie den Worten ihres Vaters.
Und wirklich, nach dem ersten Halbjahr in der Schule, überzeugte sich Irochka, dass in der Schule, für einen vollen Erfolg, etwas andres notwendig war als zarte Grübchen und schöne Augen. Sie begann fleißig zu lernen.
In der Klasse gab es drei Schönheiten, doch blaue Augen und üppiges Haar hatte nur sie, die Makarova. So waren sie zu dritt all die Schuljahre befreundet. Die Freundschaft war fest, manchmal uneben. Wenn eine von ihnen sprach, hörten die anderen gefasst zu, manchmal kritisch. Es kam vor, dass Jahina ihr Temperament zeigte und los schrie, manchmal weinte, doch das geschah nicht oft.
Semenova bestand nie auf etwas und machte nichts ohne die Erlaubnis ihrer Mutter. Makrova machte alles so, wie sie es für richtig hielt.
Alle drei waren recht unabhängig und wiederholten die Beziehungen und die Freundschaft iher Mütter.
Alle drei hatten die besten Schulnoten. Doch waren dieses unterschiedlich. Bei Jahina und Semenova leicht ergattert, bei Makarova durch Fleiß. Ira Makarova wünschte sich sehr einfache Gewinne, denn an diese war sie immer gewöhnt, doch die guten Noten bekam sie nur durch Mühe. Dazu kam, dass die geheime Selbstliebe, die sich in ihren dreizehn Jahren offenbart hatte, sie dazu zwang, weiter fleißig zu sein.