Tauben-Wuttke
Herr Wuttke war ein Mann mittleren Alters, nicht zu klein, nicht zu groß. Er trug einen grauen Regenmantel und dazu einen passenden grauen Hut. In der rechten Hand hielt er stets einen schwarzen Aktenkoffer, in der linken Hand einen schwarzen Regenschirm. Herr Wuttke war ein gewöhnlicher Mensch und gewöhnliche Menschen pflegen jeden Tag um 7 Uhr aufzustehen, um 8 Uhr auf Arbeit zu gehen und pünktlich um 16 Uhr Feierabend zu machen. Doch etwas war sonderbar an Herrn Wuttke: er wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Taube zu sein. Jeden Morgen, wenn er auf den Bus wartete, fütterte er die Straßentauben mit Brot und er freute sich, wenn sie in großen Scharen herbeiflogen und die Brotkrümel aufpickten. Nach Bureauschluss ging er oft zu Fuß nach Hause, wo ihn sein Weg durch den Park führte. Dort hielt er dann inne, setzte sich auf eine Parkbank und beobachtete sehnsüchtig die stolzen Ratten der Lüfte. „Ach“, seufzte er, „wäre ich doch einer von ihnen. Ich würde sorgenfrei leben, könnte frei durch die Lüfte schweben, wäre überall zuhause. Wie wunderbar diese Tiere erhobenen Hauptes die Straße entlangschreiten – ich wäre eine gute Taube“. Herr Wuttke versuchte, mit den Leuten über seine Sehnsüchte zu reden. Doch die Leute lachten dann. Sie hielten ihn für verrückt und nannten ihn spöttisch den „Tauben-Wuttke“. Das machte ihn traurig. Die Tage wurden grauer und Herr Wuttkes Sehnsucht immer größer. Er wusste mit seinem Leben nichts mehr anzufangen, seine Frau hatte ihn schon vor Jahren verlassen, als sie von den Tauben erfuhr. Jeden Morgen schlurfte Herr Wuttke nun mit hängendem Kopf die Straße entlang. Beim Anblick der stolzen Taubenschar, die unter einer Brücke verweilten, füllten sich seine Augen mit Tränen. Eines Tages, es war ein windiger Herbstmorgen, beschloss er, sein Leben zu beenden. Er wollte sich von einem Dach stürzen, weil er der Meinung war, dies sei der sicherste Tod. Er zog seinen grauen Regenmantel und seinen Hut an, lies Koffer und Regenschirm zurück. Er suchte sich ein Dach und als er oben stand, sahen die Leute zu ihm hinauf und versuchten ihn umzustimmen. Doch Herr Wuttke war fest entschlossen. Er streckte seine Arme aus und schloss die Augen. Was die Leute dann sahen, war ein kleines Wunder. Noch Jahre später sollte dies Gesprächsthema der kleinen Stadt sein: Herr Wuttke hob einfach ab und flog davon. Seitdem wurde er nie wieder gesehen.