Alesya Kim: „Der Schutzengel“

Er saß da und blickte auf seine trockenen Finger. Dann nahm er eine Zigarette heraus und rauchte. Varja betrat das Zimmer. Er hob seine blauen, greisenhaften Augen und schaute sie an. Sie hatte keine Zeit für Mode, die Frisur trug sie schon 37 Jahre.

„Vova, hier darf man nicht rauchen, das ist ein Krankenhaus“, die Linien der Lippen verzogen sich in ihrem Gesicht. Er schaute sie an. Durch die Sorgen mitgenommen, wurde sie noch schneller alt. Sie fing seinen Blick auf, blinzelte oft, die Tränen vertreibend.

„Ich habe dich genug gequält…wie viele Sorgen ich dir bereitet habe…ja, und jetzt…sie ist so gar nicht die Deine…“, Varja verstand, dass die letzte Phrase überflüssig war.

„Varja, mache keinen Druck“, sagte Vladimir genervt.

Wie lange soll es noch so gehen? 36 Jahre sind vergangen und sie fühlt sich immer noch schuldig. Wie soll sie nicht die seine sein, wenn er sie aufgezogen hat, wie die eigene Tochter erzogen. Was soll dieses „wie“ bedeuten? Sie ist ihm nahe. Er blickte wieder Varja an. Im Gesicht – Verwirrung. Das blaue Hemd hing wie ein Segel auf den dünnen Schultern. Und einmal waren diese Schultern, diese Brust, diese Taille voller Jugend. Solch schmackhafter und saftiger Jugend, dass man sich nicht von ihnen abwenden konnte. Er liebte sie. Liebte sie ganz, sogar mit einem fremden Kind unter dem Herzen.

Sie lernten sich durch einen Zufall kennen. Er lief aus dem Supermarkt auf die Straße und sah sie in einem gelben Kleid mit einer modernen Frisur. Schön und traurig. Sie lernten sich kennen.

„Vova, ich bin schwanger…Wozu brauchst du eine solche Last?“, fragte Varja.

„Varja, ich liebe dich und das bedeutet, dass ich auch dieses Kind liebe.“

Und als Tanjuschka geboren wurde, als er sie zum ersten Mal auf den Arm nahm, diese Tomaten-rote Puppe, wurde er von einer noch größeren Liebe bedeckt. Er vergaß einfach, dass es nicht seine Tochter war. Und er hätte es für immer vergessen, wäre da nicht Varjas schuldbewusster Blick gewesen. Niemand wusste, dass Tanja in Wirklichkeit die Tochter Vitjkas war, der im vierzehnten Haus lebte und so schnell in den Norden aufbrach, um Brillanten zu suchen. Alle hielten sie für die Tochter Vovas. Und nun liegt seine Tochter schon die dritte Stunde auf dem Operationstisch und er kann nicht helfen…

Den Kindern sagte man nichts. Maxim war in einer anderen Stadt. Er würde den nächsten Flug nehmen.

Sie ging einfach über den Zebrastreifen…

Der gequälte Chirurg verließ den Operationssaal. Vladimir schmiss die Kippe aus dem Fenster.

Varja rannte zum Arzt: „Doktor, was….?“, ihre Stimme brach ab und sie konnte nicht zu Ende sprechen. Die Rauheit Vladimirs verschwand und die Welt um ihn herum begann zu schwimmen.

„Sie wird leben. Natürlich mussten wir wegen des Schlages einen Teil der Lunge entfernen…“, doch weder Varja, noch Vova hörten ihm zu. Das Wichtigste, was gesagt wurde, hatten sie gehört.

Nach einer Woche, als Tanjuscha in ein einfaches Zimmer verlegt wurde, besuchten sie sie:

„Nun, Tochter, wir gehen wieder. Werde bald gesund, deine Kerle vermissen dich schon“, Vladimirs Augen leuchteten vor Glück.

„Ich kann es nicht mehr hier aushalten. Doch Talgat Isakovich sagte, dass ich mindestens noch eine Woche hier liegen muss.

Die Eltern küssten die Tochter und begaben sich zum Ausgang.

„Mama“, Tanja wandte sich an die Mutter, „kann ich dich für eine Minute sprechen?“

„Vova, gehe schon mal vor, ich werde dich einholen“, sagte Varja und eilte zur Tochter.

„Mama, Papa ist nicht mein leiblicher Vater, oder?“

„Wie kommst du darauf? Welcher Unsinn?“

„Mama“, die Tochter unterbrach sie, „ich weiß, dass er nicht mein leiblicher Vater ist.“

„Doch woher weißt du das? Außer uns wusste es niemand…er selbst hätte es dir nicht erzählt…“

„Ich habe es gesehen. Mich, als ich vom Auto angefahren wurde“, Tanja schwieg und suchte nach Worten, „ich sah meinen Körper auf der Straße und fühlte ihn in meiner Nähe. Doch ich sah ihn nicht, ich wusste einfach, dass es Papa war. Als ob er mich zurück in meinen Körper gestoßen hätte. Da sah ich den Unterschied zwischen uns und verstand, dass ich nicht seine Tochter bin. Mama, er hat mich gerettet.“ Tanja blickte auf die Mutter, und erwartete nicht ihr Verständnis.

„Nicht das erste Mal, Tanjuscha, nicht das erste Mal…Der Tag, an dem ich Vova kennen lernte, ging ich zur Abtreibung. Dein Vater, dein echter Vater, ließ mir Geld da, als er von meiner Situation erfuhr, für die Abtreibung, und fuhr fort. Ich bin selbst schuld…ich dumme Kuh. Und Vova…Vova hat mich gestört. Wegen ihm kam ich zu spät zum Arzt. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie dankbar ich ihm dafür bin. Töchterchen, er liebt dich wie sein eigenes Kind“, begann Vera sich zu rechtfertigen.

„Was du nicht sagst, zwei Mal…“, sagte Tanja, ohne der Mutter zuzuhören.

Varja blickte sich beim Weggehen noch einmal nach der Tochter um:

„Weißt du, Tanjuscha, manchmal leben die Schutzengel neben uns als Menschen.

Tanja blickte auf die Mutter und lächelte: sie hatte Glück, sie kennt ihren Schutzengel.

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